Landlebenliebe – Agnes Mocha im Porträt

26. Februar 2018 // Sînziana Schönfelder

Foto: Sînziana Schönfelder Foto: Sînziana Schönfelder

Ich weiß nicht viel über Agnes. Dass sie einen Bio-Ziegenhof in Bertsdorf führt, Ziegenkäse macht und diesen mittwochs auf dem Markt in Zittau verkauft.  Ich möchte sie kennenlernen, aber nicht im Sinne klassischer Fragen: Beruf, Alter, Herkunft. Mich interessiert ihre Perspektive aufs Leben und auf ihr Leben. Agnes ist in der Oberlausitz schon ziemlich bekannt und das ist immer so eine Sache.

Meine Oma ist die Brücke zu Agnes Leben. Weil meine Oma Bäuerin war und weil ich, eigentlich in der Großstadt geboren, aber über Umstände, die hier nichts zu sagen hätten, bei ihr auf dem Lande groß geworden bin. Deshalb habe ich eine gewisse Nähe zu den Arbeiten, zum Leben auf einem Bauernhof, mit Tieren, mit Bauerngärten, Obstbäumen, Wald und was so dazu gehört. Alles pragmatisch, sinnbehaftet, traditionell und keineswegs nur idyllisch.

Die Begegnung mit Agnes hat mich berührt und nachdenklich gemacht. Im Folgenden möchte ich über das, was ich damit meine, schreiben.

Das Alpha und Omega für den Erfolg ist eine funktionierende Beziehung

In der Küche, in einer gemütlichen Atmosphäre, diskutieren Agnes, ihr Mann Carsten und ich über Frauen in der Landwirtschaft von „früher“ und über die von heute. Darüber, dass die Bedürfnisse und Ansprüche an eine Beziehung sich gewandelt haben. Was ist früher, was heute? Eine nicht synchrone Entwicklung: die schweren großen Maschinen, mit denen der Mann arbeitet, die Handarbeit, das Kochen, die Kinder, die an der Frau „kleben“. Früher gab es den Sonntag als Ruhetag, den gibt es heute so nicht mehr. Der Mann führt in den meisten Fällen den Hof und die Frau ist die „mitarbeitende Familienangehörige“.

Agnes und Carsten haben ein gemeinsames Projekt, ein gemeinsames Kind, einen gemeinsamen Hof. Jeder hat den eigenen Arbeitsbereich, was total wichtig ist, so dass Auseinandersetzungen zu nebensächlichen Details vermieden werden und jede/r sich auf das Wesentliche konzentrieren kann. Beide wissen, nur zusammen gibt es ein Ganzes.

Es ist zur Erkenntnis geworden im Laufe der Jahre, dass die Bedürfnisse eine unterschiedliche Entwicklung nehmen. Agnes spricht über ein Bedürfnis, das ich total nachvollziehen kann: „Mal nichts zu machen“. Es hat lange gedauert, bis sie das annehmen konnte, ohne dabei ein schlechtes Gefühl zu haben, wenn nebenan der Partner macht und schuftet. Und dann über die gelernten Lektionen aus der eigenen Beziehung sprechen zu können, dass es mal gekriselt hat, also sich nicht bedingungslos glücklich hinzustellen … sowas kommt mir sehr souverän vor. Respekt!

 „Als Ökobetrieb haben wir eine andere Gesinnung“

Als Bäuerin – „Ein sehr schöner Beruf!“ –  ist es heutzutage „manchmal traurig“, da es nur wenige Berufskolleginnen gibt, mit denen sie sich austauschen kann. Früher gab es viel mehr. Agnes fühlt sich „eher in dieser Ökobewegung, in der Antigentechnikbewegung, gegen Massentierhaltung, in der Slowfood Bewegung aufgehoben“, aber nicht in den klassischen Landfrauen Vereinen, die konventionell und zugleich widersprüchlich sind, weil sie das Idyllische hervorheben. Aber die Landwirtschaft, die sie betreiben, ist die, der Großbetriebe. Das Hauswirtschaftliche ist ein großes Thema.

„Wenn ich noch ein halbes Jahr zu leben hätte“…oder über den Sinn

Weit mehr als Broterwerb ist der Ziegenhof, mit all den dazugehörigen Tätigkeiten, sinnvolles TUN oder schlicht Sinn. Die Ruhezeiten, die Arbeitszeiten, alles ist verwoben, alles nicht zu quantifizieren, die Jahreszeiten bestimmen den Rhythmus. Die vielen unterschiedlichen Arbeiten am Tag halten einen in Schwung und manches davon ist gar keine Arbeit: Die Ziegen barfuß austreiben, „einfach in die Natur, das ist etwas für die Seele“. Und „wenn ich noch ein halbes Jahr zu leben hätte, dann würde ich dasselbe machen: Ziegen füttern, melken, Käse machen“… Über die besprochenen Themen hinaus – Bäuerinnen gestern und heute, der Alltagsablauf, das Melken, Saubermachen, das Lammen, das Käsen, die Weide umstecken, den Käse verkaufen, die Netzwerke, das funktionierende in allen Situationen, u.a. – wird das Thema Spiritualität wichtig: das Singen im Chor der Hillerschen Villa, das Singen bei den Taizé Nächten in Zittau… wie einst als Kind in der katholischen Kirche in Bayern.

Bindungskräfte in der Oberlausitz

Ich frage mich, warum sie so überzeugt und bewusst in der Oberlausitz lebt? Welche Bindungskräfte über den eigenen Betrieb hinaus, halten und tragen sie? Was ist das Schöne am Leben hier? Und wir amüsieren uns köstlich als Carsten ernsthaft und lachend die Frage beantwortet: Es sind die berühmten blauen Steine. Aber nein, die blauen Steine stehen sinnbildlich für die Direktheit und die Offenheit und die Nähe der Menschen von hier, der doch angenehme Dialekt, das tolle kulturelle Angebot. Schließlich hat Agnes fast die Hälfte ihres Lebens hier verbracht. „Das ist schon eine andere Mentalität (…) Ich finde es sogar ein Kompliment, weil manche nicht mitkriegen, dass ich aus dem Westen komme. Sie denken ich bin Ossi, finde ich total gut“, stellt sie lachend fest.

Sînziana Schönfelder stieß im Sommer 2017 zu dem Projekt „Geschlechtersensible Willkommenskultur im Landkreis Görlitz“ und unterstützte es durch ihr Netzwerk der Slow-Food-Bewegung. Sie entwickelte Formate zur Berücksichtigung von Frauen mit besonderem Blick auf Landwirtinnen im Landkreis Görlitz.  Hieraus entstand der Film Land leben. Land lieben, den sie gemeinsam mit René Beder produzierte. Mittlerweile erforscht sie für das TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau-Görlitz Religionssensible Integrationskulturen in Ostsachsen – und bleibt F wie Kraft als Autorin von Portraits erhalten.