Bis einer heult! „Corona-Alltagsstory“ #1

2. Mai 2020 // Sabine Euler

Die Bekannte der Schwester der Frau aus dem 3. Stock liest es heute wieder und hat es gestern schon gelesen:

„Eltern, nehmt den Druck aus dem Kessel!“

Wer sich solche Sätze ausdenkt beendet sie mit „den Kindern zuliebe“, lehnt sich zurück und zählt behaglich bis drei. Dann erzittert die Erde und ein Seufzen und Brüllen erhebt sich, und überall beginnen Mütter und Väter, Unmögliches möglich zu machen.

Sie rollen Steine Berge hinauf und springen kopfüber in unbekannte Tiefen, sie durchqueren Dornbuschsavannen und schreiben später mit gefälschter Kinderschrift Referate darüber.

Sie organisieren, sorgen für Ausgleich, opfern sich auf, verzichten mal wieder auf die Sache mit dem Schlaf, reißen sich Elternbeine aus.

Sie schaffen alles, fast immer. Aus Liebe.

In in einer Welt voller Unwägbarkeiten ist darauf Verlass.

Deshalb passt so vieles in den Kessel:

weil’s Familien schon schaffen werden, egal was, irgendwie.

Und weil er so viel fasst und nahezu lautlos schluckt, verändert sich nichts.

Er ist kein Einzelexemplar:

es gibt über 11 Millionen Familienkessel allein in Deutschland, in unterschiedlichsten Formen.

Bauchige und kleine, einfache und besondere, solche mit makellosem Lack und welche mit Dellen.

Viele mit Dellen unter makellosem Lack.

Und jetzt, Coronazeit: homeoffice, homeschooling, beginnender homekoller.

Der Krisenherd knackst unheilvoll und glüht überhitzt, erste Kessel beginnen zu pfeifen,

noch ist es nur ein fisseliges kleines Gejammer.

„Eltern, nehmt den Druck ‚raus!“, empfiehlt man nach randvollen Wochen, „den Kindern…“

NEIN, sagt sie laut in der mitternachtsstillen Küche.

So kommt ihr nicht davon, diesmal nicht.

Feierlich fasst sie den Entschluss, nicht mehr mitzumachen beim Wettbewerb um den goldenen

Problemlagenlösungsorden und den Alleswiedergutmachpokal.

Unter anderem deshalb, weil es sie gar nicht gibt.

Sie wird nicht mehr zulassen, aus dem Grad ihrer abendlichen Erschöpfung zu schließen, ob sie sich tagsüber hinreichend bewährt und auch wirklich allen Genüge getan hat.

Sie wird nicht mehr lachend aufzählen, was sie während der letzten Telefonkonferenz nebenbei erledigt hat.

Sie wird aufhören, die Lüge elterlicher Superkräfte mitzutragen.

Sie wird vielerlei unumwunden zugeben:

dass sie deprimiert, erschöpft und wütend ist, es an manchen Tagen kaum verbergen kann und von so vielen weiß, denen es irgendwie ähnlich geht.

Dass sie mit fast Fünfzig immer noch oft mit den Fingern rechnet, über ein schütteres Repertoire an Grammatikregeln verfügt und die tägliche Hilfslehrerschaft nur mit Himbeer-Sahne-Eierlikör erträgt, nach dessen Zufuhr sie immerhin fließend französisch spricht. Dass sie die Gegenwart für weitaus verarbeitungsbedürftiger hält als den Aufstieg des Otto von Bismarck.

Sie wird darauf hinweisen, dass sie ein Mensch ist und keine unerschöpfliche Ressource.

Dass sie mit ihrem Beruf und ihrer Familienstruktur durch alle dargebotenen Hilfsraster fällt.

Dass sie alle Schutzmaßnahmen richtig findet, Solidarität unverzichtbar, mitmacht ohne mimimi –

sich aber in aller Bescheidenheit wünscht, dass man sich nicht mit beschlagenen Brillen über ihren Kessel beugt und findet, dass da noch homeschooling ‚reinpasst.

Schule auf biegen und brechen,

Bildung, die eigentlich Einbildung ist, weil sie von so vielen nicht fachgerecht vermittelt werden kann.

Oder nur: irgendwie.

Schon wieder!

Sie betätigt den großen Treteimer und lässt das Wort im Restmüll verschwinden.

Den Druck lässt sie vorerst genau da, wo er ist: im Familienkessel.

Es ist aller Druck, also bedarf er aller Überlegungen, aller Kraft. Der Einsicht, dass verordnete, in Elternverantwortung delegierte Lockerheit Scheren öffnet,

wenn Bedingungen und wirklich gute Ideen fehlen.

Geduldig wird sie abwarten, bis in vielen mitternachtsstillen Küchen viele denken, dass es reicht.

Erst dann finden unzählige Kessel ihr Ventil, der ganze Alltagsvolldampf wird sichtbar, wabernd und schwer.

Alle werden das sehen.

Es wird brodeln und pfeifen und heulen, lauter und lauter.

Alle werden das hören.

Aus der zaghaften Klage, dass man eigentlich nicht mehr kann, wird die Feststellung, dass es verdammt noch mal anders gehen muss.

Nicht nur in Coronazeiten:

‚raus aus dem Kessel mit allem, was die starke Mischung bitter macht!

Den Kindern, den Eltern,

allen zuliebe.

 

Sabine Euler ist freie Autorin und Werbetexterin. Zu finden unter: https://www.sabine-euler.de/about-1/