F wie Gebären

21. Oktober 2019 // Maria J. Schubert

F wie Gebären

Das ist vor allem die Kraft, die Frauen aufbringen, wenn sie ein Kind gebären. Diese wundervolle, krasse Energie und Power, die jede Frau in sich hat und die dann wirklich so rauskommt, wenn man sie einfach in einem geschützten Rahmen machen lässt, was sie machen möchte und ihr die Möglichkeit gibt, ihr Kind ganz alleine zu gebären. Das ist schon sensationell, was da für Energie in den Raum kommt und was da für eine Kraft dahintersteckt. Ja, das ist F wie Kraft in meinem Beruf.“

Katja Richter ist selbstständige Hebamme in Görlitz. Mit ihr habe ich mich über ihren Weg nach Görlitz, ihre Arbeit hier und über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterhalten. Im Sommer 2014 hat sie hier ihre eigene Praxis eröffnet und arbeitet als Beleghebamme am Görlitzer Klinikum. An ihrer Seite stehen ihr Mann und ihre 2 Kinder. Aber bis es zu unserem Treffen kam, mussten wir einige Hürden meistern. Da kamen Geburten, verschobene Vor- und Nachsorgen und einige Krankheitsfälle in unseren Familien dazwischen.

Spontan gekommen – und geblieben

Wie kam Katja, ursprünglich aus der Nähe von Kiel und für ihre Ausbildung nach Westfalen gezogen, nach Görlitz? Darauf weiß sie auch keine rechte Antwort. „Irgendwann im Januar 2012 bin ich hier plötzlich aufgewacht.“ Ob nun Zufall oder Schicksal, an einem Wendepunkt in ihrem Leben hat sie sich kurzentschlossen auf eine Stellenanzeige des Görlitzer Klinikums beworben. „Ich dachte, wenn es mir hier nicht gefällt, dann gehe ich einfach wieder.“ Das ist nun schon 7 Jahre her und ans Gehen denkt sie nicht mehr. „Aber wer weiß, ich halte mir die Option stets offen!“

Als Beleghebamme betreut Katja werdende Mütter in der Schwangerschaft und begleitet sie auch zur Geburt selbst ins Klinikum. Hier war Katja in ihren ersten 3 Jahren in Görlitz angestellt und ging dann nach und nach nebenbei in die Freiberuflichkeit. 2 Kinder später und mit eigener Praxis, bietet sie seit Dezember 2017 auch wieder Geburtshilfe an, nun als Selbstständige. Für diese Schritte hat sie sich gut beraten lassen und informiert sich auch weiterhin selbst zu allen Belangen, die diese Selbstständigkeit erfordern. Ein berufsbegleitendes Studium im Gesundheitsmanagement für Hebammen hat sie parallel zur Freiberuflichkeit aufgenommen, um sich auch in Bereichen wie Betriebswirtschaftslehre, Qualitätsmanagement und Risikomanagement weiterzubilden. „Als freiberufliche Hebamme ist man einerseits Hebamme und doch auch Unternehmerin, das schließt sich nicht aus. Wir brauchen viel Wissen über unsere Hebammenfähigkeiten hinaus.“

Katja Richter Katja Richter

Selbstbestimmte Geburten sind hier kaum möglich

In Görlitz sieht Katja die Versorgung für die Schwangerschaft und das Wochenbett, also die ersten Monate nach der Geburt, noch gewährleistet. Jede Frau, die sich in der frühen Schwangerschaft auf die Suche begibt, bekommt in dieser Zeit Unterstützung durch eine Hebamme. Problematisch wird es, wenn es um die Geburt an sich geht. In vielen Frauen entsteht während der Schwangerschaft der Wunsch, auch die Geburt gemeinsam mit der Hebamme zu meistern, die sie auch durch die Schwangerschaft begleitet hat. Dieser Wunsch geht allerdings für die wenigsten in Erfüllung. Das Geburtshaus in Löbau musste 2014 schließen, aktuell begleitet nur Katja als Beleghebamme ihre Frauen zur Geburt in die Klinik. Im Landkreis gibt es noch eine einzige Hausgeburtshebamme für Frauen, die ihr Kind zuhause zur Welt bringen wollen. Katja selbst betreut im Jahr zwischen 20 und 30 Frauen und kann sich vorstellen, wenn die äußeren Umstände mal besser passen, auch mehr Betreuungen anzunehmen.

Individuell betreuen, wirtschaftlich denken

Das Thema Hebammenversicherung kann sie in den Medien langsam nicht mehr hören. Ja, sie ist hoch, aber sie sagt auch, dass es den Hebammen in der Vergütung nicht schlechter geht als anderen Berufsgruppen im sozialen Bereich. Für freiberufliche Hebammen mit Geburtshilfe gibt es seit einigen Jahren den sogenannten Sicherstellungszuschlag, damit wird auf Antrag ein Großteil der Versicherungssumme durch den Spitzenverband der Krankenkassen zurück erstattet. Bietet eine selbstständige Hebamme keine Geburtshilfe an, kann sie sich über diverse Anbieter wesentlich günstiger versichern lassen. Außerdem sind im Krankenhaus angestellte Hebammen, wie hier im Görlitzer Klinikum, über dieses versichert.

Hebammen müssen genauso wie alle anderen selbstständigen Unternehmerinnen wirtschaftlich denken, handeln und planen. Und das fällt Hebammen besonders schwer, weil sie darin nie ausgebildet wurden. Man lernt diesen Beruf und ist in erster Linie Hebamme. Aber es gehört dann zur Selbstständigkeit dazu. Und wenn ich halt plane, Geburtshilfe mit anzubieten, dann muss ich kalkulieren wie viele Geburten brauche ich, mit Ausfall rechnen um dann zu sagen: „Gut, so und so viele, dann kann ich die Versicherung zahlen und so und so viel bleibt dann übrig. Und dann muss man sich entscheiden, ob man Geburtshilfe mit anbietet oder nicht.“

Für Katja ist klar, dass sie Geburtshilfe anbieten will. Und nicht nur das: Über ihre Praxis bietet sie selbst auch Vor- und Nachsorgen sowie Geburtsvorbereitungskurse an. Die Praxis versteht sie als Angebot für die ganze Familie während der Schwangerschaft und in den ersten Jahren danach. Darunter zählen Schwangerschafts-Yoga und -gymnastik, Rücken-Fit-Kurse sowie PEKiP- und Eltern-Kind-Kurse. Dafür arbeitet Katja mit Sozialpädagoginnen, Physiotherapeutinnen und Trageberaterinnen zusammen.

Rufbereitschaft – eine Herausforderung für die ganze Familie

Geburtshilfe anzubieten ist verbunden mit einem hohen persönlichen Aufwand, der Rufbereitschaft. Und das ist die Frage: Lässt sich das wirklich in Geld aufwiegen, dass man 24 Stunden am Tag rufbereit ist, dass man nicht einfach mal das Wochenende nach Dresden fahren kann? Und dass man allen Urlaub ungefähr ein dreiviertel Jahr im Voraus planen muss.“

Sie selbst hat es sich immer so vorgestellt und gewünscht, Frauen in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett betreuen zu dürfen. Aber das erfordert auch eine Familie, die einem zur Seite steht. „Es hat sich so schrittweise aufgebaut, dass meine Familie da rein wachsen konnte. Erst die Wochenbettbetreuung, dann habe ich die Schwangerenvorsorge und die Kurse dazu genommen und jetzt halt noch seit etwas über einem Jahr die Geburtshilfe. Es gab viele Gespräche mit meinem Mann, wie die Belastung aussehen könnte. Es gibt auch immer wieder Monate, wo ich keine Rufbereitschaften mache, damit sich die Familie wieder ein bisschen entspannen kann. Denn es ist ja schon so, dass, wenn man Bereitschaft hat, die ganze Familie Bereitschaft hat. Aber die Kinder verstehen das und sagen, für Geburten darf ich immer gehen. Ich wünsche mir, dass meine Kinder es mir nie zum Vorwurf machen werden, dass ich mich um so viele andere kümmere und dass die beiden auch genug abbekommen. Das ist schon eine Angst, die da ist.“

Sich (Teil)Zeit nehmen

Katja sorgt regelmäßig dafür, Freiräume für die Familie und sich selbst zu schaffen. Denn auch, wenn ihr Mann absolut hinter ihr steht und sieht, was sie für eine wichtige Arbeit macht, braucht die Familie als Ganzes ihren Raum. Auf meine Frage, was sie und ihre Familie am besten bei der Vereinbarkeit unterstützen würde, damit es für alle passt, sagt Katja:

„Es würde auf jeden Fall sehr helfen, wenn mein Mann in Teilzeit arbeiten dürfte. Er selber will das auch, aber es klappt im Moment noch nicht. Wir arbeiten aber daran. Wobei das nicht nur am Arbeitgeber liegt, sondern auch an den gesellschaftlichen Strukturen. Es ist einfach doch noch sehr ungewöhnlich, dass ein Mann nur in Teilzeit arbeiten gehen will. Aber wir merken, dass wir das wollen und auch brauchen.“