Drück‘ selbst den Knopf im Fahrstuhl!

25. Mai 2020 // Jana Wieduwilt

Weißt du, warum ich nie in meinem Leben angestellt war? Warum ich übergangslos von meinem Studium in die Selbstständigkeit gegangen bin? Weil ich schon immer, schon als Baby, mein eigenes Business haben wollte und als Kind bereits BWL-Bücher verschlungen habe!

Das ist natürlich Quatsch. Ganz ehrlich: Es war aus Versehen. Ich stand mal wieder in einem Fahrstuhl und hatte vergessen, den Knopf zu drücken. So kam ich diesmal im Keller bei der Putzfrau raus.

Warum du definitiv einen Knopf im Fahrstuhl drücken solltest

Mein damaliger Mann und ich hatten in einem Anfall geistiger Umnachtung beschlossen, ein Haus in der südbrandenburgischen Provinz zu kaufen. Das war zwar günstig und das Haus war schön alt, aber fast eine Lebensaufgabe, es zu sanieren. Damals, das war 2002. Meine Kinder waren 2 und 4 Jahre alt. Und ich wollte, dass sie groß werden, mit nackten Füßen über taufrisches Gras laufen, mit dem Fahrrad zum Kumpel um die Ecke fahren, ein Baumhaus im Apfelbaum bauen und mit den Freunden Nächte im eigenen Garten durchfeiern, wenn die Eltern nicht da sind. Und Oma und Tante in der Nähe.

Berlin, das war eigentlich meine Welt. Aufgewachsen bin ich genau in jenem Ort, an den ich dann 13 Jahre später wieder zurückgezogen bin. In Lauchhammer. Nach der Wende war ich in Stuttgart, Dresden und Berlin. Und ich hatte vergessen, wie Provinz ist. Schön naturbelassen. Aber eben auch provinziell.

2002 gab es keine Jobs. Zehn Jahre zuvor waren Hunderttausende arbeitslos geworden. Strukturwandel, Teil 1. Marode und umweltschädliche Braunkohleverstromung oder -brikettierung brauchte man nicht mehr.

Wohin mit den vielen gering qualifizierten Arbeitskräften? Straße. Arbeitsamt. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Da ging damals echt die Party ab.

Nun war ich auf einmal Teil der Party. Ich war Mutter von zwei kleinen Kindern, hatte zwei Diplome in der Tasche und hatte so richtig Bock, die Arbeitswelt mit meinem Enthusiasmus, meinen Ideen und meinem profunden Fachwissen aus BWL und Ingenieurwissenschaften zu bereichern. Studiert hatte ich neun Jahre, BWL an der TU Dresden und nach dem Abschluss, mit 23, fühlte ich mich zu jung für einen Nine-to-five-Job. Und ich wollte nach dem trockenen BWL-Zeugs mal was richtig Schönes studieren. Daher entschied ich mich für Landschaftsarchitektur. Hach! Während dieses Studiums bekam ich meine beiden Kinder und schloss das Studium 2002 mit Diplom ab.

Allerdings legte die Arbeitswelt in Form von bezahlten Jobs keinen Wert auf mich und mein tolles Fachwissen. Ich bekam nur Absagen.

Nun sei doch vernünftig – bleib doch zuhause

Daher dachte ich, es wäre schlau, zum Arbeitsamt zu gehen. Ich studierte ja gerne, vielleicht wäre eine Fortbildung drin. Zettel ziehen, Arbeitsamt-Atmosphäre genießen, warten. Drin starrte mich die Mitarbeiterin entgeistert an. Sie blätterte durch meine Unterlagen und sagte: “Weiterbildung? Können Sie vergessen. Sie sind doch jetzt schon überqualifiziert.” Ich wagte zu fragen: “Und ein Englischkurs?” Sie lehnte sich vornüber, beugte sich zu mir und legte ihre Hand auf meinen Unterarm. “Mädel. Nun sei doch vernünftig. Die Arbeitslosenquote hier liegt bei fast 40 %. Da werden die Firmen nicht gerade auf dich warten. Du hast doch einen Mann, der verdient ganz gut. Bleib zu Hause und kümmere dich um deine Kinder.” Abrupt machte ich mich groß und stand auf. “Mich von meinem Mann versorgen lassen? Kommt nicht in Frage!” Was war das denn für ein Vorschlag? Ich kam nicht drüber weg. Danach hatte ich noch weitere behördliche Mitarbeiter zu überwinden, um arbeitssuchend ohne Leistungsbezug zu werden – und ich schwankte mit letzter Kraft zur Tür hinaus.

An jenem Tag, im April 2003 beschloss ich: „Da gehst du nie wieder hin. Nie wieder!!!“ Höchstens in die Nachbartür. Da stand Arbeitgeberservice dran. Die Jungs hier werden mich als Arbeitgeber noch schätzen! Ich wusste nicht wie. Ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung, was es heißt, selbstständig zu sein.

Aber ich ging los. Aus Trotz. Und mit einem Bild vor Augen. Arbeitgeberin zu werden. Selber Arbeitsplätze zu schaffen.

Das Einizige, was ich wirklich konnte, war schreiben

Während ich so aus dem Arbeitsamt raus spazierte und gedankenverloren weiterging, stand ich auf einmal vor einem Gebäude. Da stand in blauen Buchstaben: „Lausitzer Rundschau“. Ich überlegte. Das Einzige, was ich wirklich konnte, war schreiben. Ich beschloss, Journalistin zu sein.

In einem weiteren Anfall von Verzweiflung und Übermut, wählte ich die Nummer des Redaktionschefs der Zeitung. Die Sekretärin war eine Seele von Mensch und stellte mich durch. Ich sagte forsch: „Guten Tag, ich kann gut schreiben. Was muss ich tun, um für Sie arbeiten zu können?“ Gegenfrage: „Was können Sie denn bieten? Haben Sie einen Text für uns…?“ Äh… Blitzschnell fiel mir ein, dass es bestimmt interessant wäre, wenn es mir gelänge, einen sehr publikumsscheuen Unternehmer am Ort zu interviewen. Und sprach: „Ich kenne Herrn M., Geschäftsführer von XY ganz gut. Wie wäre es mit einem Vorstellungstext?“ Stille. Und dann: „Oh. Wenn Sie den kennen …?  Na, dann los!“ Das Interesse am anderen Ende konnte ich förmlich spüren. Wir einigten uns darauf, dass ich bis Freitag diesen Text an die Redaktion senden sollte. Ich legte auf. Und ich wusste, dass es an eine Unmöglichkeit grenzte, einen Mann, der als extrem pressescheu galt, bis zum drauf folgenden Tag zu interviewen. Einen Termin zu bekommen, einen Text zu verfassen als Neuling – und dann noch beim Chefredakteur durchzukommen.

Was ziehen Journalisten überhaupt an?

Aber es nutzte ja nix. Ich hatte ja nun mal zugesagt. Also drehte ich das Telefon in meinen Händen. Mehrfach. Dann fasste ich mir ein Herz und rief die Sekretärin von besagtem Unternehmer an. „Es geht um Leben und Tod. Ich brauche heute Nachmittag einen Termin mit Herrn M.“. „Okeeeee. Moment!“ Ich bekam den Termin. Schnell ins Bad, ordentliche Sachen anziehen. Oh, was ziehen Journalisten eigentlich an? Und was zu Schreiben mitnehmen. Da kann ich wohl nicht mit meinem ausgenudelten Schreibblock vom Studium hin wackeln… Also ein altes Buch rausgekramt, die ersten Seiten rausgerissen, in denen mein Sohn gemalt hatte. Und los.

Der Unternehmer übrigens, er war einer von der Sorte, die, egal auf welche Frage mit Ja oder Nein und langem Schweigen antworten, nahm sich tatsächlich eine halbe Stunde Zeit. Ich schmierte ihm auf die Stulle, dass sein Porträt dem Ober-Ober-Ober-Chef der Rundschau persönlich sehr am Herzen läge.

Entweder, ich konnte gut überzeugen, oder der Mann hat aus Mitleid mitgespielt. Das weiß ich bis heute nicht. Nun, nach einem mehr als anstrengenden Gespräch – eher ein Monolog von meiner Seite, hatte ich die erforderlichen Informationen zusammen. Fuhr nach Hause und begann zu schreiben, als meine beiden Kinder im Bett waren. Ich schrieb, und schrieb und schrieb. Und weit nach Mitternacht war ich fertig. Ließ den Text „reifen“ und sandte ihn am folgenden Tag an den Chefredakteur.

Kurz nachdem ich auf den Sendebutton gedrückt hatte, klingelte mein Telefon. „Wo haben Sie das gelernt?“ „Ich, äh…“ Kurz, wir einigten uns auf drei Wochen unbezahltes Praktikum und danach war ich drin. Freie Journalistin für einen Hungerlohn. Auf monatliche Rechnung, die geringer war als Hartz IV. Aber drin im System.

Nach einigen Wochen kam Routine. So viele spannende Menschen! Ich lernte, zuzuhören. Zu fragen. Ganz aufmerksam zu sein. Und ich stellte fest: Jede*r hat eine Geschichte. Voll Tragik, voll Glück, voll Liebe und voll Schmerz. Das Leben. Das hat mich nicht losgelassen. Ich liebe es, Geschichten zu hören, zu erleben und zu sehen, wie Menschen wachsen.

Nach einigen Monaten fragte mich einer der Menschen, die ich kennen lernte, ob ich auch den Text seiner Website schreiben könnte. Ich konnte. Und merkte schnell, dass diese Seite des Schreibtisches besser bezahlt wurde. So wechselte ich auf die PR-Seite. Auch hier: Es geht immer um die Menschen, die etwas zu sagen haben und ihre Geschichte erzählen.

Kein Urlaub, dafür Picknick im Wohnzimmer

Irgendwann kamen dann grafische Aufträge dazu – und es wurde eine Werbeagentur aus der Selbstständigkeit. Es war viel Arbeit. Lehrgeld! Allzu oft war der Kühlschrank leer. Hmm. Mal wieder Leberwurstbrot. Meine Kids haben davon nicht so viel mitbekommen. Denn es ist eine Frage der Sichtweise. „Wollen wir heute Eier essen?“ „Hatten wir die nicht gestern schon?“ „Na klar, aber doch keine Spiegeleier.“ Ihr versteht, was ich meine. Also wenn kein Urlaub, dann aber Picknick im Wohnzimmer. Irgendwann wurde es besser und besser. Die Aufträge größer, die Beratung strategischer. Immer noch im Mittelpunkt: Menschen und ihre Geschichten, denn, komm mal nah ran an den Bildschirm: Menschen kaufen bei Menschen. Das wird immer so sein – und es ist das Geheimnis des Marketings.

Und dann:

Etwa fünf Jahre später parkte ich meinen Touran auf dem Parkplatz vor dem Arbeitsamt, das inzwischen Agentur für Arbeit hieß. Ich hatte ein ansehnliches Jackett an, leichte Absatzschuhe und meine Tasche war auch ganz hübsch. Ich ging hin zur Tür vom Arbeitgeberservice, wurde überaus freundlich und beflissen begrüßt und bekam sofort einen Termin, bei dem ich mit Handschlag von meinem Berater begrüßt wurde. Denn ich hatte zwei Jobs anzubieten. In meinem eigenen Unternehmen!

Ich hatte einen Traum. 2016 schon. Immer wieder stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn ich mein Unternehmen vom Campingplatz aus führen könnte. Ja, du liest richtig. Campingplatz. Ich liebe es, unterwegs zu sein. Mein Wunsch war, Wieduwilt Kommunikation so aufzustellen, dass wir unsere Kund*innen komplett ortsunabhängig betreuen können. Und ich in meiner Lieblingskuscheljacke in der Natur an den schönsten Orten der Welt sitze – und über Internet mit allen in Verbindung bin, während ich die Welt entdecken darf. Ich bin am kreativsten, wenn ich in der Natur bin.

Ja, was soll ich dir sagen? Ich glaubte nicht daran. Aber eine Unternehmensberaterin, die ich damals eigentlich wegen einer ganz anderen Sache gebucht hatte, die fragte mich, was ich „eigentlich“ am liebsten in fünf Jahren tun würde. Ich platzte raus: „Mein Firmenimperium vom Campingplatz aus steuern.“ Und sie sagte: „OK. Gehen wir es an.“ Sie wunderte sich nicht einmal. Ich war baff. Wenn so logische Menschen, wie Unternehmensberater, es nicht für komplett bescheuert halten, vielleicht geht es ja doch…

Und wenn du mich jetzt fragst, was ich anders machen würde?

Nur eine Sache: Ich würde früher und noch mutiger meiner Intuition vertrauen und mich auf die Weisheit des Universums verlassen. (Natürlich, nie, ohne die Dinge auch zu tun, die zu tun sind).

Foto: Jana Wieduwilt
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Jana Wieduwilt

… ist Unternehmerin und Spezialistin für Strategisches Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Mehr Infos auf ihrer Website