Marion Prange. Ein Portrait.

16. Januar 2019 // Lukas Rietzschel

Photo: Regine Thiering Photo: Regine Thiering

Marion Prange arbeitete im Kraftwerk Hagenwerder, bevor sie ein Reisebüro eröffnete und schließlich Bürgermeisterin von Ostritz wurde. Sie hat den Wandel der Stadt erlebt und mitgestaltet. Ein Portrait.

Drei Wochen lang hat sie den Besuch von Bundespräsident Steinmeier vorbereitet. So eine schöne kleine Stadt, soll er gesagt haben. Jetzt, zum Ostritzer Friedensfest, schüttelt sie Ministerpräsident Kretschmer die Hand, der im Festzelt sagen wird, wie wichtig es sei, die Demokratie zu verteidigen. Wie wichtig es sei, vor Ort zu wirken, mit den Menschen, für die Menschen, bei den Menschen. All diese großen Worte: Werte, Recht, Staat, Demokratie, Gesellschaft, Gemeinschaft. Marion Prange klatscht und tritt nach Kretschmer ans Mikrofon. Näher dran als sie ist niemand. Sie wird angerufen, wenn der Strom ausfällt, wenn der Winterdienst nicht kommt. Sie ist da, wenn die Neiße über die Ufer tritt, wieder und wieder.  Wenn Neonazis kommen, wieder und wieder. Sie muss sich auf der Straße  für Merkels Flüchtlingspolitik rechtfertigen und für Kretschmers marodes Straßen- und Mobilfunknetz. Neuerdings interessiert sich die große Politik für sie und ihre Stadt. Auf einmal ist sie Vorreiterin im Kampf gegen Rechts und den Rechtsruck. Marion Prange hat eigentlich genug zu tun, auch so.

 

 Der richtige Zeitpunkt

Tauentzienstraße 25. Marion Prange nennt die Straße zwei Mal, daran erinnert sie sich. Sie sagt, diesen Namen werde sie nie vergessen. Tauentzienstraße 25 in Berlin. 1990. Sie hat sich für 400 Mark einen gebrauchten Trabi gekauft, Trabi-Kombi, gerade noch den Führerschein gemacht und fährt nach Berlin. Dort, in der Deutschlandzentrale der Neckermann Reisen, möchte sie vorschlagen und anmelden, in Ostritz, in ihrer Heimatstadt, ein Reisebüro zu eröffnen. In unmittelbarer Nähe des Marktplatzes, Gerhard-Hauptmann-Straße. Da waren die Grenzen kaum offen, die Reisefreiheit noch gar nicht richtig realisiert. Aber der Moment war eben da. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sie in Hagenwerder gearbeitet, im Kraftwerk des Braunkohletagebaus, des BKW, wie es hieß.

Marion Prange war in der Materialwirtschaft des Betriebes dafür zuständig, dass jede im Gebäude und in der Farbik verwendete Schraube, jeder Dübel, jede Glühbirne ordentlich nummeriert und betitelt aufgelistet wurde. Einer dieser Berufe, den heute Computer übernehmen, Rechenmaschinen, Datensätze. Eben einer dieser Berufe, den es heute einfach nicht mehr gibt. Und aufsteigen ging nicht. Dafür hätte sie politischer sein müssen. Engagierter in der Partei. Überhaupt in der Partei.

Die Wende kam für sie zum richtigen Zeitpunkt, sagt sie. Sie stand am Anfang ihres Berufslebens und hätte in Hagenwerder trotzdem nichts mehr werden können. 1990 war auf einmal alles möglich. Das erste Mal überhaupt. Sie hätte in den Westen ziehen können, „an die Mosel“, zusammen mit ihrem Mann, den sie in den 80er Jahren in Leuba kennengelernt hat. Aber beide bleiben und kündigen ihre Stellen im BKW. Sie fahren nach Berlin in die Tauentzienstraße für Marion Pranges Reisebüro und bauen 1994 am Ortsrand von Ostritz ein Einfamilienhaus.

 

Pressetermin während des zweiten Ostritzer Friedensfestes am 3. November 2018.  Photo: Regine Thiering Pressetermin während des zweiten Ostritzer Friedensfestes am 3. November 2018. Photo: Regine Thiering

 Bürgermeisterin mit Aufwandsentschädigung

Wenn sie von ihrem Reisebüro erzählt, dann am liebsten über diese lange Menschenschlange vor der Tür. Darüber, dass sie den Menschen schöne Tage verkaufen konnte, wie sie es sagt. Das war damals ein richtiges Ereignis, als die neuen Neckermann- und Busreisekataloge erschienen sind. Marion Prange berichtet über ihren ersten Computer und über den Marktplatz von Ostritz. 20 Jahre lang hat sie ihn beobachtet, zunächst fünf Jahre von der Gerhart-Hauptmann-Straße aus, dann zog sie direkt auf den Untermarkt. Durch die Fensterscheibe ihres Büros hat sie die anderen Läden schließen sehen. Die Sparkasse ist geblieben, eine Bäckerei, eine Fleischerei. Wo das Lederwerk stand, ist heute eine Wiese, die Lederwerkwiese. Von den großen Weberei- und Spinnereibetrieben zeugt nur noch die nach ihnen benannte Fabrikstraße. Namen und Hüllen. Die Plattenbauten an der Bundesstraße Richtung Görlitz, einst schnell hochgezogen, um den Arbeitern und Arbeiterinnen Wohnungen zu bieten, werden mittlerweile von der Stadt zurückgebaut. Der Bund fördert das sogar.

2008 wird Marion Prange gefragt, ob sie Bürgermeisterin werden möchte. Sie war bis dahin in der Stadt aktiv, hatte sich in Initiativen und Vereinen engagiert. Ihr ältester Sohn war gerade ausgezogen, Hausbau und Neuanfang nach der Wende lagen mittlerweile ein paar Jahre zurück. Marion Prange ließ sich Zeit, dann sagte sie zu. Ja, sie möchte als Bürgermeisterin kandidieren. Und das Reisebüro noch nebenbei betreiben.

War das eine naive Entscheidung, die Kandidatur? Es mache ihr ja Spaß, sagt sie. Und irgendwie sei es an der Zeit gewesen. Und das Reisebüro? Das hat sie, wenig später, an ihre Nachfolgerin übergeben. Was sie damals schon wusste: Der Stadtrat entscheidet, dass der Ostritzer Bürgermeister, jetzt die Bürgermeisterin, nur noch ehrenamtlich die Geschäfte leiten soll. Für Ostritz ist das ein Novum und für eine Stadt mit eigener Verwaltung in Deutschland einmalig. Marion Prange hat also den gleichen Status wie ein Kamerad der freiwilligen Feuerwehr oder eine Geflügelzüchterin im Verein. Die Höhe ihrer Aufwandsentschädigung ist für Alle im Internet sichtbar.

Im Gespräch während des Ostritzer Friedensfestes. Photo: Regine Thiering Im Gespräch während des Ostritzer Friedensfestes. Photo: Regine Thiering

Die Momente zwischen den Krisen

Ihre ersten Amtshandlungen: sich orientieren, nachfragen, auch mal anecken. Auf ihrem Schreibtisch im Büro liegt eine Postkarte mit dem Spruch „Ich bin nicht kompliziert, sondern eine Herausforderung!“ 2008 will sie wissen, was im Falle eines Hochwassers passiert und passieren muss. Zwei Jahre später wird sich das, Intuition oder Gespür möchte sie es nicht nennen, als entscheidende Vorbereitung herausstellen. Als wichtigste Übung, als Stresstest sozusagen. Sie möchte erfahren, warum das stadteigene Biomassewerk rote Zahlen schreibt. Altlasten ihres Vorgängers. Sie prüft, rechnet, lädt Experten ein. Am Ende muss sie den Bürgerinnen und Bürgern, ihren Bürgerinnen und Bürgern, mitteilen, dass der Strompreis steigen wird. Unbequemer und unpopulärer kann man gar nicht starten.

Dann der August 2010. Zunächst sieht es so aus, als würde der Regen bald aufhören. Als könnten die Dämme halten, als wären sie hoch genug. Marion Prange beginnt damit, die Bürger und Bürgerinnen zu informieren. Sie gründet einen Krisenstab, telefoniert hin und her, steht auf der Straße, prüft Pegelstände. Der Regen hört nicht auf. Sie muss den Anwohnern sagen, dass sie ihre Häuser verlassen und alles zurücklassen müssen. Natürlich wird sie angeschrien, natürlich muss sie sich vorwerfen lassen, inkompetent zu sein. Das Wasser steigt stündlich, mittlerweile hat es die Höhe der Dammwände überschritten. Der Katastrophenalarm wird ausgerufen. Das Kloster säuft ab und auf einmal heißt es, dass die Nonnen es nicht verlassen möchten. Hubschrauber kreisen über der Stadt. Der Strom ist ausgefallen. In absoluter Dunkelheit, das Wasser rauscht, bricht sich an den Häuserwänden, werden Menschen in letzter Sekunde evakuiert. Sie wisse nicht, wie sie das damals geschafft habe, sagt Marion Prange. Wie sie tagelang wach sein konnte, ohne Spur von Müdigkeit. Das Adrenalin, sagt sie. Die Automatismen. Alles lief wie in einem Film ab. Und immer die Angst, versagen zu können. Jemanden nicht zu retten. Dass in diesen Tagen niemand ertrunken ist, sei ein Wunder. Sie erinnert sich an den Moment, als ein Mann sich mit letzter Kraft an einem Geländer festhalten konnte.

Parallel zu den Aufräumarbeiten diskutiert Marion Prange mit Landespolitikern und Landespolitikerinnen. Ministerpräsident Tillich verspricht lediglich Hilfe in Form von einmaligen Soforthilfen und Krediten, in enger Zusammenarbeit mit den Versicherungen. Dabei hatten diese schon nach dem Elbehochwasser 2002 viele der Versicherten fallen gelassen. Die Bürgerinnen und Bürger fühlen sich allein. Marion Prange kann in der Stadt lediglich spezielle Förderzonen ausweisen und erweitern, damit Sanierungsgelder nicht nur in die Altstadt sondern jetzt auch in die betroffenen Teile an der Neiße fließen können. Gegen den Vorwurf, Geld würde nur das Kloster erreichen, weiß sie sich zu wehren.

Aber nachdem 2013 das nächste Hochwasser kommt und die durchgemachten Nächte, die Angst zu versagen und die Anfeindungen sich wiederholen, fällt sie in sich zusammen. Wegen eines Burnouts wird sie eine Kur machen und sich überlegen, noch einmal als Bürgermeisterin zu kandidieren. Im Internet werden Gerüchte über sie verbreitet und sogar in Briefkästen verteilt. Manchmal wurde sie von einer Freundin angerufen, die sagte: „Das geht zu weit. Das darfst du dir doch nicht bieten lassen! Das ist die Sache nicht mehr wert!“ Marion Prange nennt es heute eine Schmierenkampagne.

Warum hat sie sich nochmal entschieden, Bürgermeisterin zu sein? Wieder habe sie lange überlegt, sagt sie. Entscheidend seien die Momente zwischen den Krisen, zwischen den Ausnahmesituationen. Das Gefühl, dass es ja irgendwie voran geht, dass ja etwas passiert, dass es besser wird. Dann sind da ihre Mitarbeiterinnen im Rathaus. Der Stadtrat, der hinter ihr steht, meistens. Mit 882 von 1.281 gültigen Stimmen wird Marion Prange 2015 erneut zur ehrenamtlichen Bürgermeisterin von Ostritz gewählt.

Steht man vor dem Rathaus in Ostritz, ist Marion Pranges Büro oben links neben dem Balkon. Am Tisch sitzt der Chef der sächsischen Polizei. Ostritzer Friedensfest. Bis zu diesem Moment war noch nicht klar, ob man den Neonazis auf ihrem Festival den Alkohol verbieten dürfe. Wieder so eine Ausnahmesituation. Im Winter 2017 hat sie erfahren, dass auf dem Gelände des Hotels „Neißeblick“ ein Rechtsrockfestival stattfinden soll. Sie hat ihre Bürgerinnen und Bürger informiert und sich selbst beraten lassen. Die Frage „Warum denn Ostritz?“ konnte sie aber weder den Anwohnern noch sich selbst so richtig beantworten. Jetzt, im November, die zweite Anmeldung. Aber auch das zweite Friedensfest, die zweite Gegendemonstration. Bundesweite Presseaufmerksamkeit. Steinmeier, Kretschmer. Sie sei keine Juristin, sagt Marion Prange, von Versammlungs- und Veranstaltungsrecht wisse sie nicht viel. Sie sei auch keine Expertin bei Hochwasserfragen. Ist sie vielleicht der Inbegriff einer Krisenmanagerin? Sie überlegt und lacht kurz auf. Dann dreht sie sich um und schüttelt dem Staatssekretär des Innenministeriums die Hand.

 

Lukas Rietzschel lebt und arbeitet in Görlitz. Er ist Autor des Romans Mit der Faust in die Welt schlagen.