Vom Mut, neue Geschichten zu erzählen

11. Mai 2020 // Anne Kleinbauer

Weibliche Perspektiven auf die (jüdische) Geschichte der Lausitz

Als ich vor einem halben Jahr von Berlin nach Zittau zog, reagierten viele Menschen in meinem neuen Umfeld überrascht. Fast überall, wo ich mich vorstellte, wurde ich gefragt, ob ich in der Gegend Familie hätte oder einen Freund, oder ob ich „zurückgekommen“ wäre. Ich musste alles verneinen. Nach meinem Studium in der Großstadt hatte ich einfach eine vielversprechende Stelle in einer Gegend gefunden, die mich schon länger reizte. Bei einem ersten kurzen Besuch in Zittau 2013 schrieb ich in mein Reisetagebuch: „In so einer Stadt ist die Geschichte so nackt, dass man gar nicht anders kann, als sich zu fragen, wie es wohl damals hier war.“ Und nun arbeite ich in der historisch-politischen Bildung, mit einem Schwerpunkt auf jüdische Regionalgeschichte.

Die Geschichte jüdischer Menschen in der Lausitz geht bis ins späte Mittelalter zurück, und doch ist sie den allerwenigsten bekannt. In den meisten Stadt- und Regionalmuseen findet sich nichts oder nur sehr wenig dazu, ganz zu schweigen vom Unterricht in den Schulen. Hier taucht das Stichwort „jüdisch“ vielleicht für ein paar Stunden im Religions- oder Ethikunterricht auf. Im Geschichtsunterricht wird jüdisches Leben fast ausschließlich im Zusammenhang mit Nationalsozialismus und dem Holocaust thematisiert. Unter jüdischer Regionalgeschichte können sich die meisten nichts vorstellen.

Stolpersteine für die Schwestern Bianka und Doris Michaelis in Zittau (Foto: Anne Kleinbauer)

 

Um dies zu verändern, braucht es vor allem Mut. Mut, sich mit dem hartnäckig in unserer Gesellschaft verbreiteten Antisemitismus auseinanderzusetzen (und ja, das heißt auch, die eigenen Vorstellungen und Vorurteile zu überprüfen). Mut, die Perspektive zu wechseln und die Geschichte nicht mit dem Fokus auf diejenigen zu erzählen, die sich in der Vergangenheit dazu berechtigt fühlten, Menschen anderen Glaubens oder anderer Herkunft auszugrenzen. Sondern diejenigen in den Vordergrund zu rücken, die immer wieder von Neuem anfangen mussten, sich in der Lausitz und anderswo heimisch zu fühlen. Und nicht zuletzt Mut, die eigene Geschichte selbst zu schreiben – so wie es Katrin Griebel tat, als sie begann, zu jüdischer Regionalgeschichte zu arbeiten.

Für Griebel, Anfang der neunziger Jahre von Berlin nach Zittau gekommen, gab es als studierte Philosophin hier keine Arbeit – also schuf sie sie selbst. Über eine befristete Anstellung am Stadtmuseum stellte sie die erste größere Ausstellung zur jüdischen Regionalgeschichte auf die Beine. Dazu sammelte sie unter anderem Objekte aus Zittauer Geschäften, deren Eigentümer im Nationalsozialismus verfolgt worden waren. Durch jahrelangen regen Austausch mit Angehörigen und Nachfahren der vertriebenen jüdischen Zittauer*innen sammelte sie genug Archivmaterial, um damit eine Regalwand zu füllen. Die meisten Recherchen unternahm sie auf eigene Faust und unbezahlt.

2004 begann sie schließlich im Auftrag des soziokulturellen Zentrums Hillersche Villa, Geschichtswerkstätten mit Schüler*innen durchzuführen, um sie mit den verdrängten Geschichten der Region bekannt zu machen. Ausschlaggebend dafür war die wiederholte Schändung des jüdischen Friedhofs. Immer wieder wurden Grabsteine auf dem kleinen Friedhof am Stadtrand umgeworfen, zerstört, beschmiert. Nach dem letzten derartigen Vorfall im Frühjahr 2003 stellte sich für Katrin Griebel und ihre Mitstreiter*innen der Initiative „Erinnerung und Versöhnung“ die Frage: was können wir tun, damit sich endlich etwas ändert?

Zerstörte Grabsteine auf dem Zittauer jüdischen Friedhof, 1992 (Foto: Hillersche Villa)

 

Die Antwort gaben die Geschichtswerkstätten: Wir müssen gemeinsam mit jungen Leuten die Geschichte der Region neu erkunden, sie anders erzählen. Solche Formate, in denen beispielsweise mit Schüler*innen Biografien zur Verlegung von Stolpersteinen rekonstruiert werden, gibt es an vielen Orten in Deutschland. Doch alle haben ein ähnliches Problem: sie sind freiwillig, und an vielen Schulen fehlt die Zeit oder das Interesse, neben dem regulären Lehrplan noch Projekte zur Lokalgeschichte durchzuführen. Deshalb verlassen noch immer viele junge Menschen die Schule, ohne zu wissen, dass es in ihrer Stadt einmal eine Synagoge gab oder noch gibt. „Jude*Jüdin“ bleibt für sie ein abstrakter Begriff, der nichts mit realen Menschen in ihrer Umgebung zu tun hat. Das Vakuum, das dabei entsteht, bietet Platz für Stereotypen oder gar Verschwörungstheorien. Vor allem der israelbezogene Antisemitismus wird seit einigen Jahren verstärkt spürbar.

Den Mut, neue Geschichten zu erzählen, oder alte Geschichten neu zu erzählen, hat auch eine junge Frau in Görlitz gefunden – allerdings für ein anderes Publikum. Lauren Leiderman ist gebürtige US-Amerikanerin und ausgebildete Opernsängerin. Sie zog Ende des vergangenen Jahres mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn nach Görlitz. In Deutschland lebt sie bereits seit sechs Jahren. Zuerst kam sie nach Dresden, um als Sängerin zu arbeiten, hatte das schnelllebige Show-Business aber bald satt. Sie ließ sich in den USA zur Englischlehrerin ausbilden, bevor sie nach Deutschland zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie Englisch an Volkshochschulen, in Firmen und für Privatschüler*innen.
Doch ihre wahre Leidenschaft gilt der Geschichte, wie sie bei einem unserer Skype-Gespräche erzählt: „Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. In einem Alter, in dem meine Klassenkameradinnen alles über die Backstreet Boys wissen wollten, interessierte ich mich für die sechs Frauen von Henry Tudor.“

Ich lernte Lauren bei ihrer ersten Jewish History Walking Tour kennen, die an einem Samstag Anfang März in Görlitz stattfand. Während der englischsprachigen Stadtführung war ihre Begeisterung für das Thema geradezu ansteckend. Schon nach den ersten Stationen der Tour war ich überzeugt von ihrer Fähigkeit, in verständlicher Sprache und mit großer Anteilnahme Episoden aus den letzten sieben Jahrhunderten jüdischer Geschichte in Görlitz zu erzählen. Am besten erinnere ich mich an ihre Schilderungen zum mittelalterlichen jüdischen Badehaus, das so beliebt war, dass es schließlich auch für christliche Badegäste geöffnet wurde. So lange, bis die Görlitzer Juden*Jüdinnen 1349 in einem gewalttätigen Pogrom aus der Stadt vertrieben und ihr Besitz unter christlichen Görlitzer*innen aufgeteilt wurde.

Als wir mit der Tour an der Neuen Synagoge in der Otto-Müller-Straße und damit im frühen 20. Jahrhundert angekommen sind, wird deutlich, dass Lauren sich nicht nur um das Aufdecken einer verdrängten Vergangenheit bemüht, sondern aktiv dabei ist, wieder jüdisches Leben in die Stadt zu bringen. Gemeinsam mit vielen anderen Görlitzer*innen engagiert sich Lauren im Förderkreis der Görlitzer Synagoge. In dem 1911 erbauten architektonischen Meisterwerk finden schon lange keine Gottesdienste mehr statt. Doch nach Abschluss der Sanierungsarbeiten soll es als Kultur- und Ausstellungsraum wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Ich hoffe, dass zur Eröffnungsfeier viele Nachfahren derjenigen Menschen zusammenkommen, die vor dem Holocaust hier gemeinsam gefeiert und gebetet haben.“ Lauren ist das einzige Mitglied im Förderkreis mit englischer Muttersprache und hat daher die Aufgabe übernommen, die überall auf der Welt verstreuten Nachfahren der überlebenden jüdischen Görlitzer*innen zu kontaktieren. Über Internetseiten wie Facebook und MyHeritage macht sie sie ausfindig, baut eine persönliche Verbindung auf und stößt dabei auf viele weitere, noch unerzählte Geschichten.

Lauren Leiderman bei ihrer Jewish History Walking Tour in Görlitz (Foto: Anne Kleinbauer)

 

Die unerzählten Görlitzer Geschichten beschränken sich aber nicht nur auf dessen ehemalige jüdische Bewohner*innen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Tessa Enright arbeitet Lauren bei Discover Görlitz an einer ganzen Bandbreite thematischer Stadtführungen auf Englisch. „Im Moment basteln wir an einer Gespenster-Tour, die wir in den Abendstunden anbieten wollen.“ Sie glaubt, dass das touristische Angebot in der Stadt noch ausbaufähig ist: „Vor Discover Görlitz gab es keine wirklich englischsprachigen Touren in Görlitz. Die Gästeführerausbildung gibt es nur auf Deutsch, dabei ist Görlitz schon längst ein Anziehungspunkt für den internationalen Tourismus.“

Die ungewöhnlichen Stadtführungen verdanken sich Laurens Überzeugung, dass die Region insgesamt ein paar neue Perspektiven gut gebrauchen könnte. „Meiner Meinung nach gibt es hier so viel Potenzial. Manchmal braucht es da einfach Menschen von außerhalb, die einen anderen Blick haben und neue Narrative mitbringen!“ Und gleichzeitig lädt sie ihre Mitmenschen selbst zu neuen Erfahrungen ein. Ihr Mann stammt aus einer jüdischen Familie, und das wird im Alltag auch gelebt. „An unserer Wohnungstür hängt eine Mesusa.1 Unsere Nachbarn hatten am Anfang keine Ahnung, was das ist und wozu es gut ist. Wir haben es ihnen erklärt und jetzt ist es für sie ganz normal.“

Ich für meinen Teil habe seit meinem Umzug in die Lausitz schon mehr Neues gelernt, als ich in einem weiteren halben Jahr in Berlin je hätte erfahren können. Der Perspektivwechsel von der Groß- in die Kleinstadt, der Austausch mit „Alteingesessenen“, Kindern und Jugendlichen aus der Region und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte haben mich viele meiner Überzeugungen überdenken lassen. Ich frage mich, ob dieses Einnehmen anderer Blickwinkel Frauen* leichter fällt, weil sie es gewohnt sind, stets mindestens zwei Perspektiven mitzudenken: die eigene und die patriarchale. In jedem Fall kann es nicht schaden, ab und zu die Welt mit anderen Augen zu betrachten. Auch wenn sich dabei herausstellen sollte, dass sie viel komplexer ist, als wir manchmal glauben.

 

1 Eine Mesusa ist eine kleine Kapsel, die eine mit Worten aus der Tora beschriebenen Pergamentrolle beinhaltet und die traditionell an den Türen jüdischer Wohnungen angebracht wird.

 

Lauren Leidermann

… ist erreichbar unter info@discovergoerlitz.com oder via facebook (@discovergoerlitz)

Anne Kleinbauer

… arbeitet bei der Hillerschen Villa (soziokulturelles Zentrum im Dreiländereck) im Bereich historisch-politische Bildung, mit einem Schwerpunkt auf jüdische Regionalgeschichte. Sie studierte Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft und Historische Urbanistik in Berlin. Bei Fragen oder Interesse am Engagement gegen Antisemitismus schreiben Sie gerne an a.kleinbauer@hillerschevilla.de