Schrumpfung gestalten

6. Juli 2020 // Lisa Kuner

Kulturaktivistin, Architektin und bald vielleicht auch Bürgermeisterin von Hoyerswerda – Dorit Baumeister lebt für die Lausitz. Sie ist eine Frau, die auch für eine schrumpfende Stadt Visionen hat

1992 zog Dorit Baumeister zum zweiten Mal nach Hoyerswerda in die Lausitz. Als Kind kam sie mit ihren Eltern her, wuchs in der Neustadt auf, ging nach der Schule Anfang der 80er zum Studium erst nach Cottbus und dann Berlin, später arbeite sie auch in Bayern. Kurz nach der Wende kam sie auf Bitte ihres Vaters zurück in eine Stadt im Umbruch und stieg in sein Architekturbüro ein. Das sozialistische System war zu Ende, tausende verließen die Stadt. „Das lief nicht gut damals“, erzählt sie. „Es gab gar keine Vorkenntnisse, wie man so einen Übergang schafft“.

Baumeister, Jahrgang 1963, entschied, diesen Übergang mitzugestalten: Erst in ihrem Beruf als Architektin, aber später auch als Kulturaktivistin, City-Managerin und vielleicht bald auch als Bürgermeisterin. Aber dazu später. Baumeisters Biografie ist untrennbar mit der Geschichte von Hoyerswerda verwoben. Von ihr zu erzählen, bedeutet deshalb fast automatisch, zuerst auf die Stadt und ihre Geschichte sowie auf ihre Literatur zu schauen:  Sofort fällt eine Verbindung zu Brigitte Reimanns autobiografischem Roman „Franziska Linkerhand“ auf. Die Protagonistin ist wahrscheinlich ein Vorbild für Baumeister, jedenfalls spricht sie häufig darüber. Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Architektin, die aus Leipzig nach Hoyerswerda kommt. Sie kommt voller Tatendrang, um die neue – sozialistische – Stadt zu entwerfen und zu bauen. Aber die Realität ernüchtert sie: Ihre architektonischen Visionen erstarren an Eile und Wohnungsnot, Sparmaßnahmen und Dienst nach Vorschrift.

Dorit Baumeister bei der Ausstellungseröffnung des „Brückenschlag“-Projekts. Foto: Dorit Baumeister

Ideen und Optimismus statt Wohnblocks und Wachstum

Hoyerswerda: 90er Jahre. Als Baumeister zurückkam: Statt Aufbau und sozialistischem Wachstum stand Abriss auf dem Programm. Die moderne Großstadt, die während der DDR aufgebaut wurde, und mit der Kohle zur industriellen Metropole werden sollte, gab es so schon nicht mehr. Hoyerswerda verlor Einwohner*innen, zeitweise hielt es den traurigen Rekord der am schnellsten schrumpfenden Stadt Deutschlands. Kein einfaches Arbeitsumfeld also eine Architektin, die von (Auf-) Bau und Gestaltung lebt – den sozialistischen Traum, den Franziska Linkerhand aufbaute, baut Baumeister wieder ab.

Auch wenn nach der Wende immer mehr Leute wegzogen: „Die Planung war weiter auf Wachstum ausgerichtet“, erzählt Baumeister. Sie hat den Prozess des Wandels als intensiv erlebt und er habe sie geprägt. Heute gilt Baumeister weit über die Region hinaus als Expertin dafür, wie man das Schrumpfen von Städten begleiten kann. Für viele Architekt*innen ist ab- statt aufzubauen wohl der Albtraum schlechthin. Baumeister ließ sich davon nie entmutigen. Im Gegenteil – es stachelte sie noch auf: „Ich versuche immer, mit klarer Haltung da ran zu gehen. Wir mussten aus der Schrumpfung die maximale Qualität für Alle rausholen“. Eine weitere Parallele mit Franziska Linkerhand, die unter den strengen ökonomischen Auflagen der DDR versucht hat, eine lebenswerte Stadt zu errichten. Baumeister will die Stadt heute nicht rückwärtsgewandt betrachten, sie will nach vorne denken und das auch unter der Prämisse, dass ihre Heimatstadt kleiner wird.

Wohnblöcke in Hoyerswerda. Foto: Lisa Kuner

 

Architektin ist Baumeister mit Leib und Seele, heute leitet sie das Architekturbüro Lienig & Baumeister. „Ich habe mich schon immer mit dem Thema Stadt beschäftigt“, erzählt sie. Aus ihrer Kindheit sind ihr unzählige Stunden vor dem Zeichenbrett ihres Vaters in Erinnerung geblieben.

Ihre Liebe zum Bauen wird auch bei architektonischen Stadtrundgängen sichtbar, in denen sie interessierte Besucher*innen-Gruppen durch die Neustadt Hoyerswerdas führt, als zeige sie ihnen ein Weltkulturerbe. Sie entlockt den unbedarften Zuschauer*innen Staunen über unscheinbare und hässliche Wohnblöcke. Die Alt- und die Neustadt in Hoyerswerda könnten gegensätzlicher kaum sein, erklärt Baumeister auf einem dieser Rundgänge. Die Altstadt existierte schon bevor in der DDR eine moderne Industriestadt gebaut werden sollte, Einfamilienhäuser reihten sich dort an alte Bauernhöfe. Hoyerswerdas Neustadt hingegen wurde in den 50ern errichtet. Die Stadt sollte ein internationaler Pilot für Modernität werden und Arbeiter*innen des Braunkohlekombinats Schwarze Pumpe beherbergen. Aus einem kleinen, landwirtschaftlich geprägten Städtchen wurde eine sozialistische Großstadt. Zehn Wohnkomplexe mit tausenden Wohnungen entstanden. Der Bauprozess, die Frage, wie neues Wohnen günstig realisiert werden und gleichzeitig ein Leben in Würde garantieren kann und wie man in einer Stadt ohne Stadtzentrum leben kann, beschäftigen auch Franziska Linkerhand im Roman. Baumeister erzählt als Stadtführerin mit einer solchen Leidenschaft davon, dass die Begeisterung über Plattenbauten direkt auf alle Zuhörer*innen überspringt.

Dorit Baumeister bei einer ihrer Stadtführungen. Foto: Lisa Kuner

 

Zeitweise lebten in Hoyerswerda mehr als 70.000 Menschen, heute hat die Stadt weniger als halb so viele Einwohner*innen. Ganze Wohnblöcke werden seit Anfang der 2000er zurück gebaut, auch die soziale Infrastruktur verschwindet: Schulen, Kneipen und Gaststätten schließen. Davon berichtet Baumeister eher wehmütig. Auch wenn sich der Schrumpfungsprozess ein bisschen verlangsamt hat, kommen auf eine Geburt in Hoyerswerda noch immer 3,5 Beerdigungen.

Als City-Managerin und Kulturaktivistin kämpft Baumeister auf der einen Seite darum, die Schrumpfung zu verlangsamen und auf der anderen dafür, einen guten Umgang damit zu finden. Für ihr erstes großes Kunstprojekt „Superumbau“ nutzte sie 2003 den Wohnkomplex 8 (WK8) kurz vor seinem Abriss. Heute wachsen an der Stelle Bäume und Wiesen. WK8 blieb nicht der einzige Komplex, der abgerissen wurde, weil die Menschen, die darin lebten, gegangen sind. Die Leere der Neustadt, die für Romanfigur Franziska Linkerhand wahrscheinlich eher ein Gefühl war, ist in Baumeisters Welt Realität. Aber eine, die sie nicht akzeptiert. Sie setzt alles daran, die Stadt mit Leben zu füllen: In den folgenden Jahren wird unter Baumeisters Leitung eine Platte angemalt, bevor sie abgerissen wird und in einem anderen Wohnblock wochenlang in Zukunftslaboren darüber nachgedacht, wie sich die Stadt entwickeln kann.

Ein neu gestaltetes Hoyerswerda. Foto: Lisa Kuner

 

„Sich mit der Schrumpfung zu beschäftigen, ist für viele Menschen hier noch ein Finger in der offenen Wunde“, erzählt Baumeister. Die Wende und die Jahre danach haben bei vielen Menschen vor allem Schmerz hinterlassen: „Die Menschen erleben jetzt, dass das, was sie vorher aufgebaut haben, keinen Wert mehr hat“. Es sei ein Aushandlungsprozess zu vermitteln, dass die Menschen oder ihre Leistung deshalb aber nicht wertlos seien. Außerdem müsste aus ihrer Sicht klar werden, dass es nicht um Schuld gehe. Keine*r sei schuld an den Entwicklungen. Als Kulturaktivistin arbeitet sie mit Menschen in Hoyerswerda daran, ihre eigene Identität zu finden und einen öffentlichen Dialog herzustellen. Mit Kunst- und Theaterprojekten versucht Baumeister, Fragen aufzuwerfen und zu beantworten, die die Leute in der Lausitz umtreiben. Vor allem die Stimmen der jungen Menschen in Hoyerswerda will sie damit einfangen: Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass man früher oder später die Stadt verlassen muss? Baumeister will, dass die Menschen mehr mitnehmen als das Gefühl, aus einer „Looser-Stadt“ zu kommen und dass sie vielleicht nach dem Studium zurückkehren.

„Städte mit Brüchen sind für mich spannend“, sagt Baumeister auf die Frage, was sie an Hoyerswerda liebt. Die Gegensätze zwischen Alt- und Neustadt faszinieren sie. Das Utopische, das an Hoyerswerda hängt, inspiriert sie. „Am meisten berührt mich aber das Engagement der Menschen“. Das habe dazu geführt, dass Hoyerswerda heute keine traurige, sterbende Stadt sei, sondern in vielen Bereichen innovativ.

„Ich möchte Verantwortung übernehmen.“

Wenn man Baumeister beobachtet, kann man zu dem Schluss kommen, dass sie viel gemein hat mit Linkerhand, der Protagonistin aus Brigitte Reimanns Roman: Sie ist eine emanzipierte Frau, wirkt mit ihrem frechen Bob jünger als 57 Jahre, spricht bestimmt und überzeugt. Baumeister will wie Linkerhand zur Avantgarde gehören und eine Welt verändern, die vielleicht noch nicht ganz verstanden hat, warum diese Veränderung notwendig ist. Von der Resignation und Verzweiflung, in die Reimanns Hauptfigur irgendwann verfällt, sieht man bei Baumeister allerdings nichts. Im Gegenteil, man sieht ihr die Überzeugung an, alles verändern zu können, wenn sie sich nur genug dafür einsetzt.

Dorit Baumeister. Foto: Dorit Baumeister

 

Dafür, ihre Visionen in die Tat umzusetzen und Hoyerswerda vor dem Sterben zu bewahren, hat Baumeister unendlich viel Energie. Als nächstes will sie im September Oberbürgermeisterin werden. „Ich bin schon immer Gestalterin, Vernetzerin, Macherin“. Bürgermeisterin zu werden erscheint ihr wie eine logische Konsequenz aus ihrem bisherigen Leben. Es brauche in der Region nicht noch mehr Politik voller Vorurteile, sondern Gemeinschaftssinn. „Daran zu arbeiten, reizt mich total“, sagt sie. „Ich möchte Verantwortung übernehmen.“

Hoyerswerda steht, wie der ganzen Lausitz, jetzt noch ein weiterer Wandel bevor: Der Kohleausstieg wird die Region zum zweiten Mal nachhaltig verändern. „Das ist eine historische Chance“, meint Baumeister. Das Geld für den Strukturwandel sollte aus ihrer Sicht dazu beitragen, die Stadt und die ganze Region als innovatives Labor neu aufzustellen: Zukunftstechnologien sollten dafür in Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen angesiedelt werden. Angst macht ihr diese bevorstehende Umwälzung nicht, es brauche aber ein neues Selbstbewusstsein um „von hier“ zu gestalten.

Das Selbstbewusstsein, das sie sich für die Region wünscht, trägt Baumeister zweifellos in sich. Sie ist überzeugt davon, dass sie in Hoyerswerda schon viel geschafft hat: „Die Stadt hat sich zum Positiven gewandelt“. Hier fallen die Biografien der Romanfigur Linkerhand und der Kulturaktivistin Baumeister auseinander. Baumeister ist keine Sekunde bereit, sich der Resignation hinzugeben. Während man am Ende von Brigitte Reimanns Roman den Eindruck bekommt, die utopische Vision für Hoyerswerda sei gescheitert, will Baumeister im Hier und Jetzt jeden Tag das Gegenteil beweisen. Dass sie sich als Frau mehr anstrengen muss für ihre Erfolge, härter kämpfen muss, nimmt Baumeister wahr. Einschüchtern lassen hat sie sich davon aber nicht. Sie ist wohl eher die Art von Frau, die jeder Widerstand anstachelt.

 

Lisa Kuner…

…ist freie Journalistin, sie schreibt für die FAZ über Bildung, für Perspective Daily über den Osten und würde am liebsten aus Brasilien von sozialer Ungleichheit erzählen. Außerdem studiert sie Nachhaltige Entwicklung in Leipzig. Einen Überblick über ihre bisherigen Veröffentlichungen gibt es hier: https://www.torial.com/lisa.kuner