Ein Strukturwandel ohne Frauen – was soll das für ein Strukturwandel sein?

29. Juli 2020 // Antonia Mertsching

Die zukünftige Entwicklung der Lausitz wird vor allem von (älteren) Männern gestaltet. Wenn wir das nicht wollen oder nicht für zukunftsträchtig halten, dann müssen wir uns jetzt in die Diskussionen um die Entwicklung der Lausitz einbringen. In meinem Beitrag will ich den aktuellen Stand der Beteiligung aufzeigen und die bisherige (fehlende) Rolle der Frauen verdeutlichen.

Die Lausitz ist eine ländlich geprägte ehemalige Industrieregion, die traditionell Arbeit für Männer im Angebot hat(te). Frauen sortierten sich da seit jeher drumherum und hinein. Und sie waren dann auch mit die Ersten, die nach der Wende und als Folge der Deindustrialisierung weg waren. Auch eine Freundin von mir stammt aus Weißwasser. Sie nennt es immer liebevoll „das Drecksloch“ – wie ungefähr alle, die ich in Dresden kennengelernt habe und die in den 1990ern, Anfang der 2000er in der Lausitzer Kleinstadt groß geworden sind.

Der Strukturwandel in der Lausitz hat auf den ersten Blick ein ganz klares Ziel, aus dem heraus er ursprünglich eingeleitet wurde: Umbau der Energieerzeugungs- und -verteilungsstrukturen – weg von zentralisierter Kohleverstromung hin zu klimaschützender Strom- und Wärmeversorgung. Dazu berief die Bundesregierung im Jahr 2018 die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ ein, die im Januar 2019 ihren Abschlussbericht vorlegte.

Auf den zweiten Blick wird eine weitere, allerdings weitaus größere Herausforderung deutlich: Die Gesellschaft in der Lausitz lebt in einem krassen demografischen Ungleichgewicht. Die Überalterung der Gesellschaft ist deutschlandweit ein Phänomen, doch in den ländlich geprägten Regionen, und vor allem hier in Ostsachsen, schlägt sie noch krasser zu Buche: Schon jetzt ist die Hälfte der Bevölkerung in den Landkreisen Bautzen und Görlitz zu 50 Prozent über 50 Jahre alt. In der 16.000-Einwohnerstadt Weißwasser sind gerade einmal 700 Kinder im Kindergartenalter. Sollen die Region und ihre letzte Großindustrie – die Kohle – nicht einfach nur abgewickelt werden, braucht es Zukunftsperspektiven für junge, weggezogene und noch werdende Lausitzer*innen.

Strukturwandel in Männerhand

Will Mann also den Strukturwandel in der Lausitz angehen, geht es um zwei Seiten derselben Medaille: Einerseits den Umbau der Energiewirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen in zukunftsträchtigen, klimafreundlichen Industrien in neu anzusiedelnden Unternehmen bewerkstelligen und (!) andererseits eine für junge Menschen und vor allem Frauen attraktive Region zu gestalten. Statistisch gesehen gibt es hier in der sächsischen Lausitz, den Landkreisen Görlitz und Bautzen, zwar mehr Frauen als Männer (was einfach daran liegt, dass die Frauen älter werden als die Männer), doch was die Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung angeht, sieht es eher grau und männlich aus.

Eine einfache Liste der Namen der Entscheidungsträger*innen – angefangen bei der Bundeskanzlerin und den zuständigen Minister*innen, sowie den Mitgliedern der sogenannten Kohlekommission, über die Länderebene mit den Ministerpräsidenten, den Fachminister*innen und Lausitzbeaufragten, bis schließlich zur Kreis- und Kommunalebene organisiert in der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH und der Lausitzrunde – zeigt die stark unausgeglichene Geschlechterverteilung, wenn es darum geht, wer den Strukturwandel in der Lausitz gestaltet und wer eben nicht.

Grafik: Antonia Mertsching

 

Die Zukunft der Lausitz gestalten vor allem Männer, die wenigsten unter 50.

Doch wie soll die Region attraktiv für junge Frauen werden, wenn sie an der Gestaltung des Strukturwandels nicht oder kaum sichtbar beteiligt sind? Wer bringt dann ihre Perspektive ein? Von der jungen Generation ganz zu schweigen! Singuläre Veranstaltungen wie „Jugend macht Lausitz“ sind da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Selbst wenn wir auf die wissenschaftliche Expertise schauen, die forschungsseitig zum Strukturwandel eingebracht wird – von der Hochschule Zittau/Görlitz, dem Interdisziplinären Zentrum für ökologischen und revitalisierendem Stadtumbau (IZS) oder dem Institut für Ökologische Raumentwicklung (IÖR) – oder auf die Studienautoren der Prognos AG, die das erste Lausitzer Leitbild für das Strukturstärkungsgesetz zusammengestellt haben: Männer verhandeln mit älteren Männern die Zukunft und tauschen sich mit anderen Männern darüber aus.

Da scheint der Beteiligungsprozess, den die Zukunftswerkstatt Lausitz organisiert, zumindest als ein kleiner Lichtblick in der Diversität der Perspektiven. Ziel ist es, eine Entwicklungsstrategie Lausitz 2050 zu erstellen: Infostände, Fachveranstaltungen, Bürger*innen- und Online-Dialoge und am Ende nun eine Schreibwerkstatt werden zu einem zweiten Leitbild. Immerhin organisieren maßgeblich zwei sehr engagierte Frauen diesen Beteiligungsprozess; und auch Teilnehmer der verschiedenen Veranstaltungsformate waren in ausgeglichenerer Weise „*innen“.

Die Rolle dieses zweiten Leitbilds für die Lausitz ist allerdings noch nicht ganz geklärt. Laut der Antwort der sächsischen Regierung auf eine Kleine Anfrage der LINKEN kommt es bis jetzt zwar als inhaltliche Rahmenbedingung für einen Fördertopf infrage. Doch das ist weder verbindlich noch ausreichend konkret. Weiteres ist noch nicht bekannt.

Und hier kommen wir zum Kern des Problems:

Zwei „Dinge“ sind Mangelware in der Lausitz: Vertrauen und Optimismus.

Wer soll mitentscheiden?

Das Misstrauen in die Politik durch den Strukturbruch in den 1990ern, als nahezu die komplette Industrie der Lausitz (Glas, Textilien, Möbel, Chemie und andere) abgewickelt wurde, und die leeren Versprechungen der letzten dreißig Jahre sorgen hier nicht gerade für Euphorie. Und dann auch noch die Skepsis gegenüber vermeintlich Fremdem.

Wöllte Mann zum Beispiel Frauen in die Lausitz locken, müsste Mann ehemalige oder potentielle zukünftige Lausitzerinnen befragen, was sie denn ansprechen würde, um in die Lausitz (zurück) zu kommen. Oder junge Mädels, die aufbrechen zum Studieren. Oder folgendes Bild: Unser Landrat spricht mit meiner Freundin aus Weißwasser darüber, unter welchen Umständen sie denn in die Lausitz zurückkommen würde. (Spoiler: Es gibt keine.)

Also bestehen noch andere Möglichkeiten: Zum Beispiel den beiden Strukturwandelbeauftragten jeweils eine Strukturwandelbeauftragte an die Seite zu stellen. Oder alle geplanten, insbesondere die finanziell umfangreichen, Strukturwandelprojekte von einer Jury nach nachhaltigen Kriterien bewerten zu lassen. Dabei wird paritätisch besetzt und verschiedene Altersgruppen werden berücksichtigt – umgekehrt proportional zur aktuellen Altersstruktur. Eine Jury aus Schülerinnen und Schülern ist ebenso empfehlenswert, da sie andere Maßstäbe an die Zukunft anlegen und ihre Interessen selbst am besten kennen.

Weiterhin braucht es die Einbindung in lokale Entwicklungen: Was macht das Leben in meiner Gemeinde in der Lausitz lebenswert? Darüber muss mit allen diskutiert werden. Die gemeinsame Diskussion über die lokale Entwicklung schafft wiederum Identifikation mit dieser Entwicklung.

Wenn ich mich als Frau, aber nicht in der Entscheidungsfindung repräsentiert sehe, dann bleibt der Strukturwandel ein bloßer Verwaltungsprozess von alten weißen Männern und damit wenig hoffnungsvoll oder anziehend.

Eine attraktive Lausitz ist mit Wertschätzung verbunden: Wertschätzung für die Erfahrungen, Stimmen und Ideen aller Bürger*innen – egal welchen Alters und welcher Herkunft. Warum kommen Menschen nicht wieder? Welche Angebote sind anziehend, welche nicht?  Gemeinsam können wir auf diese Fragen nachhaltige Antworten erarbeiten und einbringen. Wir sollten unsere Positionen mit Nachdruck vertreten und Forderungen für eine Kultur diverser Beteiligung stellen.

Wenn wir es wollen, müssen wir es erstreiten.

Antonia Mertsching…

… ist Mitglied des Sächsischen Landtags in der Fraktion DIE LINKE. Zu ihren Themengebieten gehört neben Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik auch der Strukturwandel in der Lausitz. Die neuen Chancen für die Menschen in der Lausitz liegen ihr am Herzen. Sie wünscht sich vor allem, dass es Mut für vielfältige Beteiligungsprozesse oder für neue Ideen wie ein Modellprojekt Grundeinkommen gibt. Mehr Infos unter: www.antonia-mertsching.de

Wir danken Antonia Mertsching für den ermunternden Text und weisen an dieser Stelle ausdrücklich auf die politische Unabhängigkeit der Redaktion hin.