„Super, und Dir?“

22. Januar 2019 // Pauline Hoffmann

Die Protagonistin, Marlene Beckmann, hat gerade ihr Studium abgeschlossen und tritt nun in die Sphären der Lohnarbeit ein. Sie ist Volontärin in einem multinationalen Unternehmen und betreut den Auftritt der Firma in den sozialen Medien. Sie hofft, sich hier selbst zu verwirklichen.

An ihrem ersten Arbeitstag macht sie 25 Selfies vor dem Gebäude, sucht das Beste aus und postet es mit der Bildunterschrift: „Yay, erster Tag!“. Stimmung: glücklich. Zufrieden schaut sie zu, wie die Like-Zahl steigt. „Daumen hoch, Daumen hoch, Herzchen, Glückwünsche und noch mehr Herzchen.“

Marlene teilt sich ein dunkles Büro, welches sie „den Schlauch“ nennt, mit Maya. Die beiden konkurrieren um eine Festanstellung nach dem Volontariat. Dieser vermeintliche Wettstreit bewegt sie zu chronischem Überengagement. Selbstverwirklichung heißt daher in ihrem Fall, um die 70 Stunden pro Woche zu arbeiten.

„Der Schlauch ist jetzt mein Zuhause, darin wohne und schlafe ich mit offenen Augen, hier schreibe ich auf Facebook lustige Postings, um meinen 532 Freunden mitzuteilen, dass es mir extrem gut geht und ich so dermaßen erfolgreich bin. Wenn dann die ersten Freunde mein Glück liken und kommentieren, fühle ich mich für einen Moment sehr ruhig. Ich mache das Richtige, ich arbeite, ich funktioniere, ich networke, ich mache Karriere, ich bin ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft und trage zum Bruttoinlandsprodukt bei, zahle Steuern und unterstütze die Industrie mit meinem ständigen Konsum von unnützem Zeug. Ich bin ein sehr guter Mensch.“

Marlene sieht sich seit ihrer Kindheit diversen gesellschaftlichen Erwartungen ausgesetzt. Sie will gefallen, geliebt und begehrt werden. Aber: Je weniger Wert sie sich selbst beimisst, desto abhängiger wird sie von den Bewertungen der Anderen. Ihre Kolleg*innen entsprechen allesamt den medial produzierten Schönheitsidealen. Sie sind schlank, sportlich, essen in der Kantine Salat und haben strahlend weiße Zähne. Um sich in ihrer Gegenwart nicht allzu minderwertig fühlen, geht Marlene in ihrer kaum vorhandenen Freizeit auch noch regelmäßig ins Fitnessstudio. Um dem permanenten Druck der langen Arbeitswochen standhalten zu können, konsumiert sie über den Tag verteilt Ritalin, Kokain und Speed. Um in ihrem Freund*innenkreis nicht als fleischgewordener Karrierezwang wahrgenommen zu werden, sondern zu beweisen, wie lässig, ungezwungen und voller Tatendrang sie noch immer ist, verbringt sie ihre Nächte auf exzessiven Partys.

Sie verliert sich in einem Strudel aus chronischem Schlafmangel, Erschöpfung, Selbstzweifeln, Überforderung und purer Verzweiflung.

Kathrin Weßling beschreibt, welchem gesellschaftlichen Druck junge Frauen ausgesetzt sind, und wie es ist, diesem nicht mehr standhalten zu können, und trotzdem zu lächeln.

„Ich wurde verarscht, weil alle, einfach alle mir versprochen haben, dass ich nur hart genug zu mir sein muss, nur dünn, fleißig und hübsch genug, nur therapiert und reflektiert genug, (…) lieb und cool, gleichzeitig aber auch besonders, dann kriege ich, was ich will, was ich brauche, was mich weiterbringt, was wichtig für meine Persönlichkeitsentwicklung ist. Alles wird super, wenn ich nur fest genug daran glaube, wenn ich nur oft genug Sport mache und zu geheimen Elektropartys gehe, (…) wenn ich meinen Bachelor im Ausland mache und für meinen Master in eine andere Stadt ziehe, (…) wenn ich reise, mich selber verwirkliche, in meine Chakren atme und alle sechs Monate zur Zahnreinigung gehe. Wenn ich einmal die Woche zur Therapie gehe, aber auch nur, weil ich mich selber besser kennenlernen will, nicht, weil ich kaputt oder krank bin. (…) Ich bin nie wirklich krank, mein Körper will mir damit nur irgendetwas sagen. (…) Ich bin nie einsam, sondern setze mich nur mit mir selber auseinander. Und ich arbeite nicht, sondern verwirkliche mich.“

Macht Marlene Sport, weil sie es will? Oder weil externe Standards ihr suggerieren, es wollen zu müssen?

Wenn sie dann schlanker wird, und sich darüber freut: Freut sie sich, weil sie sich körperlich besser fühlt? Oder weil Schlanksein der Schönheitsnorm entspricht?

Macht sie freiwillig so viele Überstunden, weil sie ihre Arbeit gern macht, sie daher nicht zwischen beruflich und privat trennen muss? Oder weil ihr ganz subtil die Botschaft vermittelt wird, sich für die Firma aufopfern zu müssen, um anerkannt zu werden? Komischerweise scheinen alle Menschen um sie herum ihren Alltag mit Leichtigkeit zu meistern. – Wer ist dann Schuld, wenn Marlene an den Anforderungen zerbricht? Ihr Arbeitgeber? Die Drogen? Die Umstände? Oder sie selbst?

Die Auseinandersetzung mit Selbstoptimierung macht deutlich, wie sehr wir uns mit gesellschaftlichen Ansprüchen identifizieren und diese als unsere eigenen ausgeben. Die Linien, zwischen dem was wir selbst wollen und dem was wir zu wollen haben, verschwimmen. Was dazu führt, dass wir uns selbst die Schuld geben, wenn wir „versagen“, da wir „unseren“ Ansprüchen nicht gerecht werden. „Super, und dir?“ zeigt, was wir, unter dem Deckmantel der Selbstverwirklichung, alles bereit sind auf uns nehmen.

Zu kritisieren bleibt nur eins:

Mich persönlich stört der leichtfertige Umgang der Autorin mit dem Wörtchen „hysterisch“. Sie verwendet es gern um die Stimmung ihrer Protagonistin zu beschreiben – Marlene wird hier hysterisch, Marlene reagiert da hysterisch.

Obwohl die Diagnose Hysterie seit über 60 Jahren abgeschafft ist, ist sie noch längst nicht aus den Köpfen verschwunden. Immer dann, wenn Frauen zu laut, zu fordernd werden, lebt der Hysterie-Begriff und die damit verbundenen negativen Zuschreibungen wieder auf.

Die Protagonistin arbeitet 70 Stunden pro Woche, hat einen Arschloch-Chef, ist auf Dauerdiät, chronisch übermüdet und nimmt heimlich Drogen, um ihren Alltag irgendwie zu bewältigen. Sie glaubt in jeder Lebenslage, nicht gut genug zu sein, nicht mithalten zu können. Ihren Selbstwert schöpft sie aus Instagram-Likes. Logisch, dass sie auch mal ausrastet.

Das hat aber nichts, wirklich überhaupt nichts mit Hysterie zu tun.

 

Pauline Hoffmann lebt seit einigen Jahren in Görlitz und kommt auch aus der Gegend. Sie studiert an der HSZG.

 

„Super, und Dir?“ von Kathrin Weßling

Erscheint im Mai 2019 im Ullstein Verlag

Taschenbuch, 256 Seiten

ISBN-13 9783548060217