Weild Weibs

6. März 2018 // Julia Gabler

#1

Auf einmal war sie da. Hier, mitten in der Pampa, am Ende der Welt. Nun gut, meine Welt fing bislang in Rostock an und endete wahlweise in Köln, Breslau oder Brüssel. Dazwischen war Nichts. Nun bin ich im Nichts angekommen. In der Oberlausitz. Und treffe sie: Die FRAU. Natürlich war die eigene Orientierungslosigkeit im Nichts der Grund dafür, nach einer Bande Ausschau zu halten. Und ich fand SIE – die vermisste Spezies in den ländlichen Gesellschaften: Frauen. Waren sie da, sind sie fort. Sind sie da, sind sie trotzdem fort. So oder so flüchtig. Von der Welt und ihren Möglichkeiten oder vom merkwürdigen Innenleben einer überschaubaren, aber zerstreuten Gesellschaft auf dem Lande. Hier sind es die gebauten Rückzugsräume – die üppigen Höfe, Herden – Kinder wie Rinder oder Schafe, die den weiblichen Traum vom Kümmern verwirklichen helfen. Sie sind Wachträumerinnen. Immer am Rande des Wahnsinns. Kurz davor überzuschnappen. Im Transit des Wollens und Gebrauchtwerdens. Überreizte Sinne machen sie zu schlechten Verhandlungspartnerinnen. Entschlossene Hingabe als penetrante Drohung: Nicht mit mir ohne mich. Also bleib ich. Kaum auszuhalten diese existenzialistische Haltung. Nur gemeinsam. So sagen sie. Immer wieder. Wie ein Mantra singen sie von Gemeinschaft und suchen, wie ich, Halt.

Pferdefrauen gehen immer

Langes Haar, Stiefel, Zügel in der Hand. Pferde sind Freiheit, sind Disziplin, sind Sorgen und Pflegen, sind Wettkampf. Wer die Tricks kennt – animalisches und wildes – beherrschbares Landleben. Der Respekt eines Stadtmenschen vor einem Trakehner ist gewiss. Hier gerät das Ungleichgewicht des Stadt-Land-Fortschritts kurz ins Wackeln. Dasselbe gilt für die öde oder schöne Landschaft – je nach Perspektive, die zum Urlauben einlädt, aber fürs Leben zu viel ICH auf 2 ha Wald, Wiesen und Acker bedeutet. Kein Entfliehen mehr möglich. Oder eben Flucht aus Notwendigkeit.

(Nicht,) dass es Missverständnisse gibt

Kinder und Gemeinschaften sollten wirklich kein knappes Gut sein. Sie sind wundervoll. Pferde, Schafe und Kühe ebenfalls. Die Frau aber wird als Idee vermisst, ihrer Anwesenheit zum Trotz wird sie als abwesend beklagt. Wie Martina Gedeck in dem Film „Die Wand“, trennt sie eine unsichtbare Mauer von der Zivilisation. Wie die gläserne Decke ihren Aufstieg blockiert, filtert die Wand Frauen zwischen Land und Stadt. Sie werden ferngehalten und all ihr Rufen, Wirken und Winken verhallt. „Halloooooooh!“ Pssst. Nicht so laut. Da will einer was sagen. Oh – `tschuldigung, wollt ich nicht. Hab ich nicht bemerkt. Tut mir leid. Entschuldigung.

Nein, eigentlich ist das nicht zum Aushalten! Wie das Frausein (Achtung Autokorrektur: Grausein) aus ihr herausgeschält wird. Wie ein Mantel, der erst aufgeknöpft werden muss. Ist er geöffnet, gibt es jene, die das Fell zur Schau stellen, aber bitte nicht anfassen. Oder sie tragen kein Innenfutter und bezwingen dadurch, dass sie sofort nackte Haut zeigen. Jede Berührung wie ein Stromschlag. Direkter Kontakt. Kein Puffer.

Hat uns mal jemand gefragt, wie wir das so (emp)finden?

Und überhaupt, was wir denken. Oje, was rede ich da – ich mache mich mit einer ganzen Gruppe von Menschen gemein, die ich wegen ihres Geschlechtes als meines Gleichen sehe?!  —- Ja, genau das tue ich.

Natürlich sind Unterschiedlichkeiten mit im Spiel, aber wir begegnen uns in einer gesellschaftlichen Position. Wir teilen im Frausein einen grauen Erfahrungsraum (ich habe mal gelesen, dass es über 200 Grau-Nuancen gibt), den Männer nicht haben.

David Müller hat auf editionf einen bemerkenswerten Artikel dazu verfasst: Die grundsätzliche Haltung in der Welt ist durch die Mann-Frau Differenz markiert. Das betrifft die Erfahrung von Gewalt, Unterdrückung und Entmündigung. Hier gab es zuletzt viele Fortschritte und Emanzipationsprozesse – aber der Verweis auf die „billigen Plätze“ bleibt. Hart erkämpft ist die vordere Reihe von Wenigen. Das weibliche Geschlecht darf dann gar keine Rolle mehr spielen. Frau wird zum potenziellen „kleinen Mann“, der sich Gehör verschaffen konnte und ihr Geschlecht verliert, bis jemandem auffällt, dass sie manchmal einen Rock trägt oder tief blicken lässt.

Fortsetzung folgt …

Willkommen bei F wie Kraft!

Dr. Julia Gabler lebt seit 2013 mit ihrer Familie in Görlitz. Von 2015-2016 leitete sie am TRAWOS Institut der Hochschule Zittau/Görlitz mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Ines Fabisch das Forschungsprojekt zu qualifizierten Frauen. Seit Herbst 2018 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Sozialer Strukturwandel und responsive Politikberatung in der Lausitz am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam.