Neue Pfade betreten

Die Ausstellung "Görlitzer FrauenSpuren" beschäftigt sich erstmalig mit historischen Frauen, die in Görlitz lebten, wirkten und arbeiteten. Sie zeigt die bemerkenswerten Lebensleistungen von historischen Frauenpersönlichkeiten, die bisher in Vergessenheit geraten waren.

Die Görlitzer Geschichte ist, abgesehen von kleinen Ausnahmen, eine Geschichte ohne Frauen. Wir möchten mit dieser Ausstellung diese Lücke füllen und präsentieren ihnen 17 Frauenpersönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Sie waren auf ihren Gebieten oft Pionierinnen, Mitdenkende und Engagierte, Vorbilder, die in und durch ihr Leben und Wirken in Görlitz geprägt wurden - und geprägt haben.

Die Ausstellung versteht sich als Aufforderung, sich intensiver mit der weiblichen Seite von Görlitz auseinander zu setzen. Sie lädt ein zu entdecken und zu ergänzen, wie stark, ausdauernd, kreativ und erfindungsreich Frauen waren- und immer noch sind. Sie will die die bemerkenswerten Lebensleistungen der Frauen würdigen Sie ist als Anfang zu verstehen, sich mit Görlitzer Frauengeschichte zu beschäftigen und fordert alle Betrachterinnen und Betrachter herzlichst auf, mit zu recherchieren und weitere weibliche Persönlichkeiten sichtbar zu machen...?

Die Ausstellung entstand auf Initiative von engagierten Görlitzerinnen und Historikerinnen gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt. Besonderen Dank gilt hierbei besonders Birgit Ott, die durch Hartnäckigkeit und Forschungslust maßgeblich zur Ausstellung beitrug. Ebenso verdienen alle noch lebenden Angehörigen und Bekannte der Frauen unseren Dank. Ohne sie und ihren Erinnerungen, Bilder, und Gespräche wäre eine Görlitzer FrauenSpuren-Suche nicht möglich gewesen.

Idee und Initiative:  Romy Wiesner, Gleichstellungsstellungsbeauftragte der Stadt Görlitz

Hildegard Burjan

„Volles Interesse für die Politik gehört zum praktischen Christentum.“

Hildegard Burjan, die aus jüdischem Elternhaus stammt, studierte nach dem Abitur in Zürich Germanistik. In dieser Zeit lernte sie ihren Ehemann, den Ungarn Alexander Burjan kennen und zog mit ihm nach Berlin. Nach ihrer Heilung von einer lebensbedrohlichen Krankheit konvertierte sie zum katholischen Glauben. Als erste christlich-soziale Abgeordnete in der Konstituierenden Nationalversammlung wurde sie zur bedeutendsten Sozialpolitikerin des 20. Jahrhunderts in Österreich. Den Höhepunkt ihres sozialen Wirkens stellt die Gründung der Schwesterngemeinschaft „Caritas Socialis“ dar, die sich für Notleidende engagiert. Seit 1909 bis zu ihrem Tod lebte sie in Wien. Dort wurde sie 2012 seliggesprochen.

SOZIALPOLITIKERIN UND ORDENS-GRÜNDERIN
HILDEGARD BURJAN
GEB. FREUND
1883 Görlitz – 1933 Wien

In Görlitz wurde 1991 ein Platz nach Hildegard Burjan benannt und
2012 eine Gedenktafel an ihrem Geburtshaus Elisabethstraße 36 angebracht. Die von ihr gegründeten „Elisabethtische“, auch „Tafeln“ genannt, bestehen noch heute in vielen Städten, auch in ihrer Geburtsstadt.

Katharina Freise

„Wenn du das Fliegen einmal erlebt hast, wirst du für immer auf Erden wandeln, mit
den Augen himmelwärts gerichtet.“ Leonardo da Vinci

Im Winter 1908 absolvierte Katharina Freise, die Ehefrau des Görlitzer Arztes Walter Freise, ihre erste Freiballonfahrt. Sie wurde Mitglied im Schlesischen Verein für Luftschifffahrt und in der Naturforschenden Gesellschaft zu Görlitz. 1909 machte sie auf der internationalen Luftschifffahrt-Ausstellung in Frankfurt a.M. die Ballonfahrt der „Parseval III“ mit, die mit einer schweren Havarie endete. Im gleichen Jahr stieg sie bei einem Wettkampf zwischen Luft- und Landfahrzeugen in Görlitz als einzige Frau in die Luft und siegte. Im Dezember 1909 erhielt Katharina Freise ihr Patent als Ballonführerin und startete ein Jahr später zu einem wissenschaftlichen Höhenflug, der große Beachtung fand.

Ballonführerin und Flugpionierin
KATHARINA FREISE
GEB. STORCH
1876 Glogau / Głogów – 1939 (?)

Das frühere Wohnhaus von Katharina Freise befindet sich an der Dr.- Kahlbaum-Allee, neben dem durch ihren Ehemann gegründeten Freisebad.

Else Levi-Mühsam

„Die schmerzhafteste Zäsur meines Lebens: der große Abschied von Deutschland, von meiner Heimat.“

Bis zu ihrer Emigration nach Palästina 1934 lebte die Tochter des jüdischen Rechtsanwalts und Schriftstellers Paul Mühsam in Görlitz. 1937 erhielt sie ihre erste feste Anstellung bei dem Gründer des Weltzentrums für jüdische Musik, Salli Levi, den sie später heiratete. Für drei Jahrzehnte wurde Jerusalem zu ihrer zweiten Heimat. Nach dem Tode ihres Vaters 1960 betreute sie sein dichterisches Werk. Sie publizierte seine Bücher und machte sie einem breiten Publikum bekannt. Zurück in Deutschland war sie langjährige Leiterin der Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde Konstanz. Lesereisen und Vorträge führten sie auch mehrfach nach Görlitz. Seit 1995 lebte sie wieder in Jerusalem.

BIBLIOTHEKARIN und PUBLIZISTIN
ELSE LEVI-MÜHSAM
GEB. MÜHSAM
1910 Görlitz – 2004 Jerusalem

1992 ernannte ihre Geburtsstadt Görlitz sie zur Ehrenbürgerin.

Helene Kuhnert

Alter schützt vor Stimmung nicht… „DISCO-LENCHEN“

Helene Kuhnert begann ihre ungewöhnliche Karriere als DJ erst mit 59 Jahren. Zuvor war die gelernte Verkäuferin rund 18 Jahre ehrenamtliche Übungsleiterin der Rollschuh- und Eiskunstlaufgruppe in Görlitz, die sie zusammen mit ihrem Mann leitete. 1970 begann sie mit dem „Plattenauflegen“ in Trassenheide an der Ostsee. Ihr Alter brachte den Vorteil, dass sie in den Westen Deutschlands reisen und begehrte Schallplatten erwerben konnte. Ihre Sammlung umfasste zuletzt etwa 300 Scheiben. Die beliebte Unterhaltungskünstlerin wurde in vielen Städten engagiert und starb im achtzigsten Lebensjahr als prominentester Discjockey in der damaligen DDR.

DJane
HELENE KUHNERT
GEB. LEHMANN
1911 Bunzlau / Bolesławiec -1991 Görlitz

1985 feierte sie ihr 15-jähriges Jubiläum als Discjockey in ihrem Stammlokal „Schwibbogen“ in Görlitz. Der Sender RIAS berichtete in „Neros Schlagerladen“ und auch in der DDR-Sendung „Außenseiter-Spitzenreiter“ wurde sie vorgestellt.

Johanna Dreyer

„Ihre Kündigung vom 28.März 1933 wird … aufrecht erhalten, weil Sie jüdisch sind.“
Görlitzer Magistrat,1.Juli 1933

Die Halbjüdin und Tochter eines Rechtsanwaltes begann 1921 im Görlitzer Jugend- und Wohlfahrtsamt zu arbeiten. 1926 legte Johanna Dreyer ihr Staatsexamen ab und leitete seitdem das städtische Jugendamt. Durch die Nationalsozialisten wurde sie 1933 ihres Amtes enthoben, unterrichtete aber in dieser Zeit heimlich jüdische Kinder. Von 1945 bis 1949 war sie als Stadträtin für Wohnungs- und Sozialwesen tätig und der Aufbau des Görlitzer Sozialamtes wurde ihr übertragen. Eine ihrer ersten Aufgaben war die Ausrichtung des Kinderfestes im Mai 1945 im Stadthallengarten. Sie zählte zu den Mitbegründerinnen des Kulturbundes und des Demokratischen Frauenbundes in Görlitz und genoss große Sympathie in der Bevölkerung.

STADTRÄTIN FÜR WOHNUNGS- UND SOZIALWESEN
JOHANNA DREYER
1896 Görlitz – 1969 Görlitz

1991 beschloss die Görlitzer Stadtverordnetenversammlung die Umbenennung der Otto-Grotewohl-Straße in Johanna-Dreyer-Straße und würdigte damit die Leistungen dieser Frau für die Stadt Görlitz.

Marie-Elise Kayser

„Mütter gebt von euerm Überfluss!“

Die Tochter des Baurats Schubert verbrachte nur ihre ersten Lebensmonate in Görlitz. Die Familie zog nach Sorau/Żary und Berlin, wo Marie-Elise das Abitur ablegte. Ab 1907 studierte sie Medizin in Jena und Rom. Nach dem Staatsexamen 1911 promovierte sie 1912 als erste Frau an der Universität Jena. Nach der Facharztausbildung zur Kinderärztin ließ sie sich in Magdeburg nieder. Hier eröffnete sie 1919 die erste Frauenmilchsammelstelle Deutschlands. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, der ebenfalls Arzt war, zog sie nach Erfurt. Dort gründete sie eine weitere Frauenmilchsammelstelle, die sie bis zu ihrem Tod 1950 leitete. Nach diesem Vorbild entwickelte sich ein landesweites Netz solcher Einrichtungen.

BEGRÜNDERIN DER FRAUENMILCHSAMMELSTELLEN
MARIE-ELISE KAYSER
GEB. SCHUBERT
1885 GÖRLITZ – 1950 ERFURT

Noch heute gibt es weltweit zahlreiche Sammelstellen für Frauenmilch, die auf die Pioniertat von Marie-Elise Kayser zurückgehen.
An ihrem Geburtshaus Leipziger Straße 11 wurde anlässlich ihres 100. Geburtstages eine Gedenktafel angebracht.

Dorothea Wüsten

„Aber nun war jemand da, dem Kunst ein Wertbegriff war.“ Johannes Wüsten

Dorothea Koeppen erhielt ihre künstlerische Ausbildung als Malerin in München, Berlin und an der Düsseldorfer Kunstakademie. Ab 1923 war sie in Görlitz tätig, zunächst als Keramikmalerin in der Werkstatt von Walter Rhaue. Später arbeitete sie mit Johannes Wüsten zusammen, den sie 1926 heiratete. 1932 traten beide der Kommunistischen Partei bei und beteiligten sich aktiv im Widerstand. Nach ihrer Verhaftung und Untersuchungshaft flüchtete Dorothea Wüsten ins Exil nach Prag und 1939 nach England. 1946 kehrte sie nach Deutschland zurück und arbeitete als Lektorin, Illustratorin und Redakteurin. Sie sammelte und veröffentlichte die Werke von Johannes Wüsten.

MALERIN UND GRAFIKERIN
DOROTHEA WÜSTEN
GEB. KOEPPEN
1893 Ketzin / Havel – 1974 Berlin

Dorothea Wüsten vermachte ihren Nachlass dem Görlitzer Kulturhistorischen Museum. Sie hinterließ Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde und legte den Grundstock für die Johannes-Wüsten-Sammlung.