Eine Antwort über weibliches Miteinander, alte Muster und neue Wege
Liebe Julia,
dein Brief ist ein Geschenk. Nicht nur, weil er weiterführt, was wir mit unseren wenigen, früh abendlichen Treffen bei mir im gemeinsamen Austausch angelegt haben. Du bist damals, für mich überraschenderweise, auf die Idee gekommen, mich zu besuchen. Und ganz offen gebe ich zu, dass ich ohne diesen Schritt von dir in einer der für mich bisher am herausforderndsten Lebenssituationen meine Deckung wohl nicht so leicht verlassen und mich gezeigt hätte. Beim Lesen kam mir das Bild vom Ablegen von Kleidungsstücken: Ein langsames, vorsichtiges, behutsames Ausziehen von vielen übereinanderliegenden Stoffschichten, die zu eng geworden sind. Bis man sich ohne all die vermeintlich schützenden Kostüme und Masken gegenübersteht. Mit nackter, verletzlicher Haut, durch die wir Nähe und Berührung überhaupt erst richtig spüren und genießen können und mit der nun sichtbaren Gleichzeitigkeit all der Gefühle, Wesenszüge, Kompetenzen und Gedanken, die unsere Identität formen.
Während ich deinen Brief erstmals gelesen habe, war da zuerst dieses Gefühl von ´Wow. Wie schön es ist, so angesprochen zu werden`- Und fast im gleichen Moment stellte ich mir unweigerlich die Frage, ob ich dem überhaupt gerecht werden, „gut genug“ antworten kann. Ob meine Gedanken dazu klug genug und meine Formulierungen strukturiert genug, relevant genug sein werden. Beinahe hat es mich erschreckt, wie schnell dieser Reflex da war. Dieses innere Abgleichen, dieses Sich-selbst-Infrage-Stellen, diese alte Logik von Leistung und Vergleich. Dieses Gefühl, sich beweisen zu müssen, selbst in einem Raum, der doch eigentlich genau davon wegführen will. Doch diesmal bereitet es mir Freude, über deinen Text mit diesem starken Anteil in mir konfrontiert zu sein. Durch deine einladenden Worte wage ich es, meinen Blick genau auf diesen innerlichen Reaktionen ruhen zu lassen und nachzuspüren, was mir erst die Möglichkeit eröffnet, mich von dieser Art Konkurrenzdruck bewusst zu befreien. Und so sitze ich nun enthusiastisch an meiner unperfekten Antwort an dich.
Du hast anhand unserer vorherigen Begegnungen im beruflichen Kontext sehr ehrlich deine Gefühle von Unsicherheit, Neid und daraus resultierender Distanz geteilt. Ich habe mich so sehr darin gefunden, dass ich teils lachend den Kopf schütteln musste. Auch ich habe dich frühzeitig wahrgenommen. Als unglaublich geistreich, präsent, klar, kritisch. Ich erinnere mich deutlich an eine Veranstaltung, bei der du auf dem Podium saßt, ich „nur“ im Publikum, und wie sehr ich deine frech, locker und sympathisch wirkende Art, fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse darzulegen, bewunderte. Und beneidete. Und wie klein ich mich fühlte. Vielleicht war ich auch deswegen nie bei den besagten Frauenrunden dabei. Weil ich das Gefühl hatte, bei weitem nicht so gebildet, politisch engagiert und bedeutend wie die sich dort Treffenden zu sein. Um mir das nicht so sehr eingestehen zu müssen, hielt ich mich wohlbedacht unter dem Deckmantel meiner Eitelkeit fern – Schließlich hatte mich ja auch nie direkt jemand gefragt, ob ich Teil dieser Gemeinschaft sein möchte. Unangenehm - damals diese Gefühle an sich, heute eher Scham darüber.
Es scheint paradox, wie sehr Räume, die Verbindung schaffen wollen, gleichzeitig auch Distanz erzeugen können – einfach, weil wir alle mit unseren eigenen Geschichten, Ängsten und Prägungen hineingehen, oder es eben nicht tun. Weil da auch dieses alte Narrativ mitschwingt, dass jede Frau eine klare Rolle, einen „unique selling point“ braucht. Carolin Kebekus hat das 2021 in ihrem Buch „Es kann nur eine geben“[1] extrem witzig und treffend beschrieben. Das Patriarchat wirkt leider noch in jeder von uns. Wir haben so gut wie keine anderen Machtstrukturen und Einflussmöglichkeiten kennenlernen dürfen, so dass wir heute noch allzu oft eher automatisch als kalkuliert patriarchale Verhaltensweisen wie distanziertes Abchecken, in Konkurrenz gehen, bis hin zur Annäherung für eigene Vorteile, kopieren, in dem Glauben, uns dadurch besonders beweisen zu können. Dabei wissen wir ja eigentlich alle längst, dass der moderne Feminismus neue Wege für mehr gefühlvolles Miteinander für alle aufzeigen und leben will, aber wir fühlen es selbst zu oft noch nicht. Eben weil wir es besser wissen, glaube ich, verurteilen wir uns dafür und fechten diese Kämpfe gegen internalisierte Reaktionsmuster allein und im Stillen aus. Hier dürfen wir wahrscheinlich milder mit uns selbst werden, und was könnte heilender sein, als sich ehrlich darüber auszutauschen, wie sehr sich die Gefühle und Gedanken zur Anderen anfänglich ähnelten, und warum das sehr wahrscheinlich weniger mit Zufall oder gar persönlicher Charakterschwäche zu tun hat als mit einem uralten, uns bis heute beeinflussendem Sozialisierungs-System.
Mir fiel und fällt es auch heute noch schwer, mich von diesen meist unbewusst ablaufenden Prozessen freizumachen. Nicht meine Zuordnung zu suchen, oder Anknüpfungspunkte für das Teilen von Erfahrung oder Wissen. Sondern den Mut aufzubringen, unvoreingenommen, ergebnisoffen präsent zu sein und allem, was genau aus diesem Freiraum entstehen will, seinen Lauf zu lassen.

„Wieso braucht es diese Krisen, um in die Öffnung zu kommen? Wieso wächst mein Vertrauen gerade dann, wenn ich einen Verlust erlitten habe?“ fragst du in deinem Brief. Bei dir war es eine Burnout-Diagnose, die dich gezwungen hat, neue Wege für Verbindung zu suchen. Bei mir war es die Brustkrebsdiagnose. Von einem Tag auf den anderen musste ich loslassen, versuchen, diese Art Getriebensein, auf der ständigen Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit und dem eigenen Wert hinter mir zu lassen. Ich war plötzlich für alle sichtbar verletzlich, auf Hilfe und Empathie meiner mich umgebenden Personen angewiesen. Daraus resultieren nicht nur schöne Erfahrungen, sondern auch sehr schmerzhafte. Exemplarisch kam es zum heftigen Bruch mit einer Freundin, die ich wohl zu Nahe an mich rangelassen und ihr zu schnell vertraut hatte, was ohnehin eher untypisch für mich ist. Vielleicht hat es mich deswegen so enorm verletzt, erkennen zu müssen, dass ich andere Erwartungen an diese Freundschaft gehabt hatte, die enttäuscht wurden. Aber so langsam erkenne ich auch, dass es so einfach eben nicht ist, und wir, wenn wir Nähe erfahren wollen, uns auch mit Grenzen auseinandersetzen müssen. Vor allem den eigenen. Erst im Nachhinein fällt mir auf, dass ich meine eigenen Grenzen in der Begegnung mit ihr von Anfang an zu oft nicht wahrgenommen habe und wenn doch, nicht kommuniziert habe. Aus dem starken Wunsch nach einer Verbündeten heraus, habe ich damit paradoxerweise ihr und mir die Möglichkeit einer echten nährenden Verbindung unbewusst von vornherein versagt. Denn erst das klare Wahrnehmen und Kommunizieren von persönlichen Grenzen und den damit einhergehenden Empfindungen hätte uns einander näher bringen können, hätte ein wirkliches Kennenlernen und eine wachsende Freundschaft ermöglicht, ein vorsichtiges Erkennen und Austarieren der eigenen und anderen Werte. Das übersprungen zu haben, führte dazu, dass diese Beziehung einer, nein, meiner existenziellen Krise nicht standhalten konnte. Darauf kann ich allmählich versöhnlicher schauen, auch inspiriert durch Franziska Schutzbachs „Revolution der Verbundenheit“ und deine Worte. Beides hilft mir, die Idee zu schärfen, dass sich die Qualität weiblicher Verbindungen nicht nur über Gemeinsamkeiten oder gar Harmonie herstellt, sondern gerade auch über Ambivalenzen, Unsicherheiten, Grenzen, Widersprüche. Dass all das nebeneinander existieren darf. Vielleicht sogar muss.
Du schreibst davon, dass nicht alle Grenzen überwunden werden müssen, im Gegenteil, und ich kann diesen Gedanken mit dieser meiner eigenen Erfahrung untermauern. Entgrenzung ist eben nicht gleich Verbindung. Letztere wird erst möglich durch den Mut, sich achtsam mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich damit zu zeigen, darüber zu sprechen und in Austausch zu kommen, so, wie wir es auch über das Schreiben hier gerade tun.
Ohne Krisen als Erfahrungsräume würden wir zu diesen Reflexionen und Rückschlüssen wohl weit weniger kommen. Verluste jeglicher Art, von Gesundheit, Beziehungen, Menschen, finanziellen Mitteln etc., offenbaren uns zudem oft ein weiteres Schlüsselmoment: Wir müssen erkennen, dass wir keine Kontrolle haben. Inwiefern kann daraus mehr Nähe entstehen?
Ähnlich wie du kenne auch ich dieses Erlebnis, wenn plötzlich etwas im eigenen Leben passiert, das sich nicht einordnen, nicht steuern, nicht „bewältigen“ lässt, zumindest nicht mit den bisherigen Strategien. Und wie sich dann etwas verschiebt. Wie plötzlich sichtbar wird, wie viel von dem, was wir für Stabilität halten, eigentlich nur ein gut konstruiertes Gefühl ist. Vertrauen ist das, was bleibt und was uns Hoffnung gibt, wenn sich die Illusion von Kontrolle zerschlagen hat. Ich glaube nicht mehr an Kontrolle. Obwohl uns Abermillionen Ratgeber klarmachen wollen, wir müssten nur dieses oder jenes tun oder so oder anders denken, um gesund, glücklich und sicher zu sein oder zu werden, denke ich mittlerweile, dass niemand gefeit vor dem Leben mit all seinen Risiken und Nebenwirkungen ist. Um das nicht spüren zu müssen, diesen Kontrollverlust (der gar keiner ist, ich kann ja nichts verlieren, was ich nie hatte, aber es fühlt sich eben so an), erzählen wir uns einfach etwas anderes und kapitalisieren dieses menschliche Bedürfnis nach Kontrolle. Wenn ich diese Annahme in mir wirken lasse, begreife ich Vertrauen als eine Entscheidung. Ohne die es doch gar nicht weiter gehen könnte mit dem schönen Leben. Wir können tausend Überlegungen und innere Risikoanalyse anstellen, wir werden trotzdem und besonders im Kontakt mit anderen Menschen niemals wissen, wie sich jemand verhalten oder was passieren wird oder wie sich eine Beziehung entwickeln wird und ob wir letztendlich verletzt, vor den Kopf gestoßen oder unglaublich bereichert werden. Und irgendwie macht gerade das doch das Leben aus, denkst du nicht auch? Dass wir immer überrascht werden können und alles der Veränderung unterliegt.
Wenn wir also Nähe und Verbindung spüren wollen, dürfen wir vielleicht mehr mit Vertrauen experimentieren und unser Bedürfnis nach Kontrolle dabei gern in uns wahrnehmen, aber behutsam in der Ecke parken. Denn wenn wir nicht alles im Griff haben, nicht perfekt reagieren, nicht vollständig durchdacht schreiben, nicht immer souverän auftreten, nicht ständig abwägen und auf der Hut sein müssen, können wir neue Erfahrungen machen – und das uns Einende deutlicher wahrnehmen als das uns Trennende.
Vielleicht ist das, was gerade zwischen uns auch durch dieses Schreiben entsteht, genau dieser Versuch. Kein fertiges Ergebnis, keine klare Definition – sondern ein Prozess. Einer, der Raum lässt für Unsicherheit, für Widersprüche, für Entwicklung. Was mich an deinem Brief und an dieser Form des Austauschs so bewegt und mich so angstfrei reagieren lässt, ist, dass wir uns seit Kurzem nicht nur in unseren Stärken begegnen, sondern auch in unseren Zweifeln. Dass wir nicht versuchen, besonders kompetent zu wirken, sondern besonders ehrlich zu sein. Und, zumindest ich habe, im Gegensatz zu meiner bisherigen Annahme, auf einmal das Gefühl, unsere Fähigkeiten, unsere Klugheit, unsere Kraft – sie gehen dadurch nicht verloren. Im Gegenteil. Vielleicht werden sie erst dadurch wirklich authentisch und tragfähig? Wie empfindest du das?
Oft habe ich mich gefragt, was diese Frauen-Netzwerke und Plattformen ohne ganz konkrete Ziel- oder Fragestellung bringen sollen. Einen starken Widerstand in mir spüre ich z.B. immer noch, wenn in diesem Kontext von den „Macherinnen“ gesprochen wird. Wer oder wie definiert sich diese Gruppe, sind Macherinnen wertvoller für eine Region, oder nur stärker in ihrer Wirkung für diese, und wenn ja, warum? Konstruiert diese Zuordnung nicht neue Grenzen, wo es vielleicht gar keine braucht? Warum reagiere ich bei diesen Zuschreibungen wie Powerfrau, Macherin, Karrierefrau, etc. so empfindlich, warum schrecken sie mich so ab? Vielleicht, weil ich sie als statisch empfinde und für männlich geprägt halte (für die meisten dieser Begriffe gibt es nicht mal ein männliches Pendant) und mich zudem immer sofort frage, was sind denn dann all die anderen „Normalo“-Frauen, zu denen ich mich, die ich mich selbst gern eher als Praktikerin mit viel Erfahrung aber ohne höheren wissenschaftlichen Abschluss bezeichne, doch wohl auch eher zählen muss. Mich würde interessieren, was du mit diesen Begriffen assoziierst.
Aber da Räume speziell für und unter Frauen jeglicher Art offenbar so etwas wie das hier entstehen lassen können, eine so ehrliche Reflexions-Spielwiese, auf der ich weiter Blumen pflücken und wachsen möchte, und die unsere Sicht auf uns und andere im Miteinander verändern kann, schäme ich mich fast schon wieder, dieses Potential bei meinen Überlegungen nie berücksichtigt zu haben. Aber ich will mich ja nicht mehr so viel schämen, sondern eher freudig staunend wahrnehmen, was in mir angestoßen wird, es nachwirken lassen und gespannt und neugierig auf unsere und jede Begegnung sein und bleiben.
Ich würde diese Wiese gern weiter mit dir gießen. Nicht, weil ich schon genau weiß, was auf ihr wachsen und blühen wird, sondern gerade, weil ich es nicht weiß. Danke für diese Möglichkeit.
Deine
Liv
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[1] Carolin Kebekus/Marielle Tripke: Es kann nur eine geben, 2. Auflage, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2021.
Livia Knebel…
... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.
Julia Gabler...
.... lebt in Görlitz und arbeitet forschend als promovierte Soziologin in der Lausitz: Zu und mit Leuten im andauernden Strukturwandel in riskanten Landschaften.
