Buchtipp: „Die schönste Version“ von Ruth-Maria Thomas

Abgelaufen

Viel wurde bereits geschrieben über den 2024 erschienenen Debut-Roman der Schriftstellerin Ruth-Maria Thomas, die 1993 in Cottbus geboren und aufgewachsen ist. Mittlerweile läuft eine nahezu dauerhaft ausverkaufte Inszenierung nach ihrer Romanvorlage am Staatstheater Cottbus. Doch nicht nur deshalb wollen wir bei F wie Kraft noch mal ein besonderes Augenmerk auf dieses Werk legen. Sondern auch, weil es Aspekte des Aufwachsens in der Lausitz, patriarchale Dynamiken und die Komplexität von gewaltvollen, toxischen Beziehungen vereint und intensiv darlegt wie kein Zweites.

Die Geschichte spielt in einer fiktiven ostdeutschen Kleinstadt in der Lausitz während der späten 2000er/frühen 2010er Jahre. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Jella beschreibt ihr Erwachsenwerden als Frau, vordergründig aber erzählt sie von ihrer ersten Liebesbeziehung zu Yannick. Gleich zu Beginn wird eindrücklich klar, dass diese gewaltvoll war, denn das Buch beginnt mit dem Entschluss von Jella, ihren Freund anzuzeigen. Der Polizeibesuch am Anfang der Geschichte markiert nicht nur das Ende der Beziehung, sondern auch den Beginn eines schmerzlichen Erkenntnis-Prozesses. Im weiteren Verlauf wird nahezu spürbar, wie sehr ihr soziales Umfeld, ihre Sehnsucht und das Fehlen von Aufklärung und alternativen Vorbildern Jella in diese Situation gebracht haben.

Von diesem Punkt ausgehend entfaltet sich die Story als Rückblick auf ihre Jugend in einer Gegend, die geprägt ist von Kiesgruben, weggebaggerten und noch bestehenden kleinen Dörfern, Plattenbauten, Gartenlauben und einer gewissen Perspektivlosigkeit. Jenseits eines klassischen Elternhauses - Jellas Eltern leben getrennt, ihre Mutter ist dem glamourös scheinenden Westen zugetan und ihr Vater, bei dem Jella lebt, wird als emotional und geistig oft abwesend beschrieben - zwischen Lipgloss, Kaugummi, Alkohol und derber Musik aus Lautsprechern machen Jella und ihre Freundinnen erste Erfahrungen mit Männern. Beeinflusst von der Popkultur und dem Zeitgeist der 2000er bis 2010er Jahre bemerken sie schnell, wie die Aufmerksamkeit männlicher Blicke zu ihrer sozialen Währung wird — und beginnen, sich selbst als Objekt zu begreifen. Ihre Kleidung, ihr Make-up, ihre Körper als auch ihre Verhaltensweisen funktionalisieren sie unbewusst spielerisch zu Mitteln um, um Anerkennung, Nähe und Liebe zu bekommen. Die Lausitz ist dabei kein bloßer Hintergrund, sondern wirkt mit: In der strukturschwachen Region eint die jungen Menschen im Buch die Suche nach Zugehörigkeit und Aufbruch. Es gibt keine Diversität weiblicher Vorbilder, keine feministische Sprache, kein öffentliches Hinterfragen von Rollenmustern, kein vielfältiges kulturelles Angebot, wenig individuelle Entfaltungsmöglichkeiten – und damit kaum alternative Räume, in denen Jella anders gesehen und wirken könnte als durch männliche Resonanz. Zudem ist ihr Weg geprägt von mangelndem Wissen über gesunde Partnerschaft, Sexualität, Grenzen und Selbstschutz. Über Gewalt in Beziehungen spricht ebenfalls niemand — und wenn doch, nur hinter vorgehaltener Hand. Aus dieser Enge heraus formen sich Jellas Erwartungen und Träume zu einem Nährboden für die sich entwickelnde toxische Beziehung zu Yannick, die in brutaler Gewalt mündet.

Der ältere Yannick ist zunächst charmant und liebevoll, er scheint „anders als die Anderen“ zu sein. Anfangs wirkt die Beziehung zwischen Jella und Yannick wie ein klassisches Coming-of-Age-Liebesdrama: Sommer am See, junge Liebe und Hoffnung auf ein gemeinsames Erwachsenwerden. Doch es häufen sich Auseinandersetzungen. Kontrolle, Schuldumkehr, Manipulation und Gewalt schleichen sich ein. Die Dynamik zwischen Nähe und Verletzung, zwischen Verlangen und Angst, zwischen Liebe und Unterdrückung wird spürbar und beklemmend. Aus der Hoffnung heraus, die Zuneigung, körperliche Nähe und den Zukunftstraum dieser Beziehung nicht zu verlieren, hält Jella an der Beziehung fest. Bis Yannick sie so schlägt und würgt, dass sie mit dem Tod ringt. Erst durch diese existenzielle Erfahrung gelingt ihr die Anzeige und Trennung. Begleitet von Schuldgefühlen und Sehnsucht, aber auch solidarischen Freundinnen und Frauen in ihrem Umfeld.

Was das Buch wunderbar erzählt: Das Problem liegt nicht nur im Individuum Yannick, sondern in einem ganzen System von patriarchalen, misogynen Strukturen und daraus entstehenden, verinnerlichten Selbstbildern. Die direkte Sprache der Autorin beschreibt die Ambivalenz aus Angst und Hoffnung der jungen Jella so nachvollziehbar und eindringlich, dass der Roman noch lange in Erinnerung bleibt. „Die schönste Version“ holt Erinnerungen an das eigene Erwachsenwerden hoch und wirft Fragen aktueller Generationen auf:  Wie sieht die Lebenswirklichkeit und das Aufwachsen heute aus – und warum ist die Lausitz nicht DIE abgehängte Provinz, sondern Teil gesellschaftlicher Gefüge und struktureller Dynamiken, die andernorts auch wirksam sind? Wie beeinflussen Herkunft, soziales Umfeld, Machtverhältnisse und Vorbilder das Denken und Fühlen junger Frauen? Inwiefern ermöglichen und bedingen gesellschaftliche Strukturen toxische Beziehungen? Und nicht zuletzt: Kann die Befreiung aus patriarchalen Mustern nicht allen Menschen zu gesünderen und liebevolleren Beziehungen und Lebensentwürfen verhelfen? Und: Wie gelingt diese Befreiung?

Ein absolutes must-read für Frauen, Mütter und vor allem Töchter aber unbedingt auch für Männer, die mehr über die Macht von fremden und eigenen Rollenbildern und Mustern erfahren wollen.

 Kopie von FwieKraft InstaPosts 1440 x 1080 px

Ruth-Maria Thomas: „Die schönste Version“ – Eine radikal ehrliche Anklage an toxische Beziehungen und das System, das sie ermöglicht

Rowohlt Taschenbuch, Oktober 2024, 272 Seiten, ISBN: 9783499014383

 

Livia Knebel …

... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.

Image
Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Diese sind essenziell für den Betrieb dieser Seite. Sie können selbst entscheiden, ob Sie diese Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.