Ein Brief ist eine Pause!

Julia Gabler schreibt an Liv Knebel und entdeckt die Vielseitigkeit                                                                                                                                                                                                           

Liebe Liv,

was für ein schöner Brief. Und ich erschrecke am Ende ein bisschen, weil ich feststelle, dass ich meinen Brief an dich gar nicht beendet habe, mich nicht verabschiedet, sondern dich direkt angesprochen hatte, als würden wir telefonieren. Zugleich erinnert mich “Deine Liv” an die vielen Briefe, die ich als Kind mit meiner Cousine geschrieben habe. Sie verbindet mich mit dieser kindlich-selbstverständlichen Verbundenheit zu den Menschen, die ich liebe, und denen ich mich mit “Deine Julia” auch vergewissere. Mich wie eine Blume zur Sonne hinwende und Wärme empfange. 

Beim Lesen deines Briefes kriege ich Gänsehaut und Wärme durchströmt mich. Dieses gleichzeitige warme und elektrisierende Gefühl. Hach ist das schön. 

Ja, es war auch für mich eine Entscheidung, als ich anfing, dir zu schreiben. Hatte mich entschieden für Vertrauen, mich dir zu öffnen, für ein riskantes Format = einen öffentlichen Brief, für ein Vorurteilsbekenntnis, denn: Achtung ⚠️ ich bin auch „normale Leute“. Als wissenschaftlich arbeitender Mensch ist das gar nicht so einfach. Oft wirst du als besonders beschäftigt, wissend und trotzdem weit weg vom eigentlichen Leben projiziert. Als ob ich im Dauerabstand lebe. 

Wie ein wissendes Orakel, das kaum jemand versteht, wenn die schwurbeligen Worte aus meinem Mund hastig aneinandergereiht, drängende Dringlichkeit und gleichzeitig Distanz markieren, obwohl ich über was Vertrautes rede, das richtig klingt - die Analyse einer Soziologin eben. Und ja, ich lese Liv Strömquists „Das Orakel spricht“, das du mir neulich mitgebracht hast. Strömquist ist auch eine Übersetzerin. Ich versuche das auch. Auch mit meinem Brief.

Ich war ein paar Tage wandern mit meiner langjährigen Freundin Sue. Ich habe ihr von unserem Briefwechsel erzählt und festgestellt: Briefe bauen Beziehungen. Auch manchmal nach einer langen Zeit der knappen Kontakte oder wenn wir etwas Unausgesprochenes in Beziehungen loswerden müssen. Briefe wollen gelesen werden. Ich habe meinen Partnern wirklich viele Briefe geschrieben, in denen ich mich zeigen und erklären wollte, weil mir - wird mir jetzt erst klar - wesentliche Bausteine in der Beziehung fehlten. Ich und die Briefe wollten gelesen werden und in existentiellen Fragen und Themen wahrgenommen werden. Anlass war oft die Frage: Warum fühle ich mich nicht verbunden? Oder warum möchte ich mich mit dir verbunden fühlen?

Wenn ich Postkarten schreibe, so meine These, bestätige und stärke ich Beziehungen.  

Wir bauen hier auch unsere Beziehung. Oder? Wir lassen uns aufeinander ein. Und ist es nicht auch exemplarisch, dass wir das nicht abgeschlossen zwischen uns tun, sondern direkt mit der Welt - bzw. jenen, die es lesen möchten, teilen? 

Es ist eine Darbietung: Wir machen unsere Durchlässigkeit sichtbar. 

Ich mag es, mir zugucken zu lassen, wie ich lebe, weil ich meine Verletzlichkeit und Unsicherheit zeigen möchte. Sie geht uns an, weil wir alle verletzlich und immer wieder auch unsicher sind, obwohl wir alles daran setzen, es zu vermeiden, zu überdecken, zu überwinden. 

Ich glaube, im Vertrauen auf Riskantes, im Wissen um das Ungewisse und Unsichere, finden wir Stabilitäten. Erwartungen werden nicht entweder enttäuscht oder sind durch ihre Erfüllung eine Bereicherung. Es gibt am meisten bereichernde Enttäuschungen. Weil Dinge anders kommen, als wir denken: das Staunen, wie du schreibst, nimmt der Scham die Last. Was tut dir gut, damit du deinem Staunen Vorrang geben kannst und die Scham dich nicht dominiert?

In diesem Briefwechsel mit dir wird mir auch klar, wie viel schwieriger es ist, die intime Kraft eines Briefes in alltägliche Situationen zu übertragen. Der Alltag überfrachtet uns mit so vielen Bedürfnissen und Aufmerksamkeiten, ein Brief fokussiert, holt mich aus dem Alltag. Ich bin ganz bei mir und bei dir. Wir verbringen miteinander Zeit, ohne dass wir physisch beieinander sind. Ich imaginiere Dich in mir und hole dich zu mir. Wir sitzen auf meiner inneren Bank - wie neulich auf der Hollywoodschaukel im Garten. 

Ich bin nah dran. Das ist wirklich eine befriedigende und erfüllende Sehnsucht geworden: nah dran zu sein. 

Schreibe ich dem „alles ist irgendwie sinnvoll-Relativismus“ das Wort? Ich hoffe nicht! 

Ich denke vielmehr, wir können sinnstiftendes Handeln und sinnloses Tun sehr gut unterscheiden. Was ich versuche, ist, intuitives Wissen zu stärken, um das eine vom anderen zu unterscheiden. Intuition als Entscheidungsmodus - Schritt für Schritt. Und Vertrauen ist dann Voraussetzung, Folge und Wirkung. Zugegeben: Das Wort Intuition provoziert mich: Liv Strömquist schreibt-zeichnet: Intuition ist austauschbar/ die eigene Wahrheit ist zur Moral geworden - zum objektiv richtigen geworden und Intuition sind immer nur “gute” Sachen. Das Unbequeme, mit den Schmerzen nicht zurechtkommen, ist das Problem der anderen und nicht das eigene. 

Ich beobachte auch an mir, dass ich im Alltag über die fragilen Momente und auch schmerzhaften Passagen hinweggehe, die schlechte Laune meiner Kinder kaum aushalte. Seit ich so viel schreibe, habe ich endlich eine Heimstatt gefunden, nah dran bleiben zu können. Ich habe aufgehört, die Texte zu schreiben, die andere vielleicht lesen wollen könnten und folge meiner Schreibstimme - ins Stübchen. Ganz oft auf meinem Sofa! So wie jetzt. 

Hier bleibe ich konsequent bei meiner Stimme. Es ist gemütlich hier. Keine intellektuelle Denk-Kammer, wie ich früher träumte, weil ich dachte, Klugheit entsteht im Arbeitszimmer. Während ich dort am Schreibtisch oft versteife und angespannt, diese und jene Bücher greife, blättere und unsicher werde, wie ich in den Wissenschaftsstrom einsteigen kann - und es mich dann wegspült, statt schwimmen lässt - ist mein Sofa meine Bank.

Ich bin dann total gerne in meinem inneren Stübchen unterwegs. Ja, wortwirklich… Schreibstübchenmodus im googledocs! 

So wie hier jetzt. 

Auch draußen: Dort fing es sogar an. Das Innerlichsein können. In der Bahn, aufm Klo, im Park. Sobald ich irgendwo sitze, fängt das Gucken an. Das innere Schauen und das äußere Gucken, Blick schweifen lassen, formen und Gedanken auftauchen lassen, nicht angestrengt, sondern wartend und weit werdend - vita contemplativa - eine Kulturtechnik der Philosophie und Poesie. 

Wie beim Wandern. Wandern gehen, ist wandern nach innen. Richtig hineinklettern. Durch den to-do-Raum des Alltags hindurch ins Weite der Landschaft - der inneren und äußeren. 

Und dann auf der Bank genießen. Oder mit den Füßen im mäandernden Fluss innehalten, abkühlen und den Flusslauf im Stillstand einer Sandbank genießen. Tempowechsel kommt mir weit wichtiger mittlerweile vor, um sicher zu stehen als dieses emsige Weiterlaufen, um an irgendein Ziel zu kommen, an dem schon direkt die nächste Etappe angegeben ist. Drei Tage Auszeit zu planen, war früher für mich genauso stressig wie 30 min durch den Park laufen. Also erstmal üben, durch den Park zu laufen.

Pausen sind es, die nicht von allein passieren und um die ich mich wirklich gekümmert hab in den letzten Jahren. 

Zur Zeit merke ich, dass mein Pausenbefürfnis wieder da ist. Pausen öffnen mich zu mir. Schaffen Platz Liv Strömquist nicht nur schnell zu lesen, sondern in ihrem Buch zu schwelgen.

Wieso ist mir das heute so wichtig? 

Die Designerin Franzi Pohl gab mir mal den Rat: wenn Rückzug dran ist, nachgeben! Nicht hinauszögern, weil man erst dieses oder jenes noch fertigkriegen will. Nee, gleich zurückziehen, wenn das Bedürfnis da ist. Mein allzu schnelles ja-sagen zu überprüfen und das leise „Nein“ zu hören oder die Stille davor. 

Und so ist das auch mit dem Pausebedürfnis. Wir merken es zwar, bleiben aber oft beim Alltagsgehorsam: Eigentlich ist mir gerade alles zu viel, aber ich kann keine Pause machen, weil noch so viel ansteht. 

Kommt dann eine Pause, sind wir erstmal überfordert. Nichtstun kann stressig sein und ist der andauernde Sehnsuchtsort. (Die Pausen im Lebenslauf sind ja auch tunlichst zu vermeiden oder als Sabatical zu tarnen, mit mindestens einer Reise ins Ausland, oder die Beurlaubungen in der Elternzeit werden als Wohlfühlzeiträume missverstanden: und das berufliche Downsizing, obwohl ich ja noch gar nicht oben war, fühlte sich an wie eine Strafe für diese Missetat – (ich höre noch meinen Prof sagen: wenn Sie die Dissertation jetzt ein Jahr pausieren, sind sie raus… und eine Kollegin, die spitz kommentierte als ich sie hochschwanger traf: oh, du schreibst wohl am nächsten Artikel nicht mit) während das Gepäck (in mir) immer größer und schwerer wurde. 

So stand immer zu viel an, ich schleppte zu viel rum und ich vertagte die Pausen, weil ich mich nicht rein traute. Gar nicht wusste wo’s reingeht.

Heute sehe ich überall Pausenmomente. Ich fang den Tag am liebsten mit Pausen an und höre gerne mit ihnen auf. Z.B. auf unserer Treppe - saßen wir da auch schon? 

Wenn ich in der Lausitz unterwegs bin, sammle ich solche Momente und fange sie ein.

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Foto: ♥️Pausenmoment mit Bank in Hoywoy-Neu

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Foto: Pausenmoment mit Kaffee und Leberwurstbrot bei Familie Pattokas Schrotholzscheune in Bergen/Elsternheide. Hier spreche ich mit Birgit Pattoka über die Mittagsfrau - pśezpołdnica (Pschi-poau-niza …eigene Lautsprache!), die mittags, wenn die Sonne am höchsten steht, die Menschen, die auf dem Feld arbeiten mit dem Hitzetod bestraft, oder eben in die Pause lockt, um im Schatten des Baumes von der Arbeit zu berichten. So ähnlich habe ich mich gefühlt, als der Burn-out - auch eine Art Hitzeschlag -  mich in der Lebensmitte einholte und statt der Mittagsfrau, die Therapeutin mich bat, eine Stunde von der Arbeit zu erzählen.Die mythischen Gestalten, Dämoninnen und Geister treten heute in anderem Gewand auf.

Meine Erfahrung war: Je öfter ich meinen Rückzugsbedürfnissen nachgebe, desto selbstverständlicher sind die Zeiten, die ich für mich brauche. Ich bin insgesamt produktiver und konzentrierter auf das, was wirklich getan werden will, auch wenn es sich wie müssen anfühlt. Dazu gehören besonders die Dinge, die ich nicht so gerne tue, z.b. Berichte schreiben oder Abrechnungen machen. Ich ignoriere sie nicht mehr, weil sie mich überfordern, sondern erledige sie relativ pragmatisch, weil sie zu meiner Existenz gehören und ich mit ihnen leben kann :). 

Sie helfen mir, das umzusetzen, was ich wirklich tun möchte

Sie sind auch eine Art bereichernde Enttäuschung. Wenn du denkst, du hast es erledigt, fordern sie immer noch was nach. Sie sind umständlich und erzwingen eine Ordnungsbereitschaft, der ich am besten folgen kann, wenn ein Listenmensch an meiner Seite ist. Es ist wie eine einsame Verabredung, das Leid dieser Angelegenheit zu teilen und gemeinsam durchzustehen, einen wichtigen Schritt zu gehen, um für Stabilität zu sorgen. Der ganze Prozess ist eine Ent-täuschung, aber am Ende fühlt es sich gut an. 

Alles bei mir halten zu können, was ich für mein Leben brauche: Formfindungsfest habe ich es euphorisch genannt, als ich vor einem halben Jahr am Trawos-Institut aufgehört habe zu arbeiten und hinter meine Wissenschaftlerinnenkulisse blicken wollte. 

Wer bin ich, ohne meine institutionelle Zugehörigkeit? 

Nach den letzten Monaten würde ich mich jetzt so vorstellen: 

Gabi... 

mein Spitzname im Kühlhaus, früher war das auch der Spitzname meines Vaters (siehe 1. Brief):

... Live-Soziologin und Gegenwartspoetin.

... Mein Pult ist ein Sofa! 

... Mein Büro ein Stübchen.

... Mein Modus: Unterwegssein.

... Meine Expertise: Professionelles Rumhängen und Pausenspezialistin.

 

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Foto: Lieblingspausenmoment: Neulich auf dem Blumenstraßenfest.

Und wie würdest du dich vorstellen, Liv?

Ich wünsche dir erholsame Tage und freue mich auf deinen Brief!

Von Herzen, 

Julia 

 

 

Gabi...

... Live-Soziologin und Gegenwartspoetin. ... Mein Pult ist ein Sofa! ... Mein Büro ein Stübchen. ... Mein Modus: Unterwegssein. ... Meine Expertise: Professionelles Rumhängen und Pausenspezialistin.

Livia Knebel…

... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.

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