Verbundensein

Verbundensein

10 Jahre F wie Kraft und ich hab Liv Knebel nicht kennengelernt - wie kann das sein?!
Ein Brief von Julia an Liv, um dieser Frage gemeinsam nachzugehen.

                                                                                                                                                                            

Liebe Liv!

Der Verabredung zum gemeinsamen Schreiben hast du noch gar nicht zugestimmt, aber ich fang schon mal an, mich zu dir hinzuschreiben – irgendwann im März. Kennst du das, wenn auf einmal eine Verbindung klar ist, klar geworden ist?! Obwohl wir seit Jahren in derselben kleinen Stadt leben, habe ich erst kürzlich eine Distanz zwischen uns überwunden. Aber welche?

Die Soziologin Franziska Schutzbach schreibt in ihrem wunderbaren Buch: Revolution der Verbundenheit am Anfang jeden Kapitels einen Brief an eine Frau aus ihrem Leben, mit der sie durch literarische, professionelle, persönliche Beziehungen verbunden ist. Auf diese Weise verortet sie die Themen Freundschaft, (politische) Schwesternschaft (sisterhood), Liebe, Familie, Autonomie und Ausstieg und spricht immer auch über die ambivalenten Seiten, aber vor allen Dingen die Folgen für gesellschaftliche Solidarität. [1]
Ich würde gern das Thema Distanz und Nähe hinzufügen. Auch die zwischen uns? Darf ich? Denn eben jenes Buch habe ich dir mitgebracht, als ich dich das erste Mal besuchte und direkt deinen Papa kennen lernte.
Meiner ist vor zwei Jahren gestorben. Mich erschreckt es ein bisschen, wenn ich das so schreibe, weil die Zeit eben doch auch die Distanz markieren will. Aber darauf lasse ich mich diesmal nicht ein. Denn dieser Text an dich entsteht auch, weil die Nähe zu meinem literaturwissenschaftlichen Papa nach seinem Tod durch mein Schreiben gewachsen ist, das ich seitdem nicht mehr auf Distanz halten will, weil ich nicht mehr befürchten muss, seinen Qualitätsmaßstäben nicht zu genügen, und meinem Schreiben nicht zutraue, öffentlich zu werden.

Familie - so herausfordernd es auch ist, gehört auch zum Verbundensein dazu. Das habe ich bei dir und deinem Papa auch gespürt. Wie ihr zusammen überlegt habt, wann ihr wohin gezogen seid und wie es kam, dass ihr nun beide in Görlitz lebt. Ich fand es schön, inmitten eures Gesprächs zu sein.
Wir - Du und ich - sind uns eine Woche vorher auf einer Veranstaltung begegnet, die du moderiert hast. Gerade wollte ich schreiben: trotz deiner Erkrankung. Aber das ist vielleicht gar nicht richtig formuliert. Du hast Deine Erkrankung von Anfang an öffentlich gemacht. Sie traf dich völlig unerwartet an einem Wendepunkt deines Lebens. Ich habe über social-media mitbekommen, dass du kämpfen musst, wütend warst, weil du deine Kraft für deinen neuen beruflichen Weg nutzen wolltest. Nun musst du sie (ein)teilen. Deinen beruflichen Weg gehst du weiter.
Es war auch nicht die erste Veranstaltung, auf der wir uns trafen oder in der wir diskutierten. Aber verbunden haben wir uns erst dort. Oder wie siehst du das?
Die Jahre zuvor sind wir uns eher sporadisch begegnet - ich war mit der Arbeit an der Hochschule ausgelastet und dein progressives Wesen hat mich auf bestimmte Art abgeschreckt. Das war ich sicher auch: abschreckend. Trotz der Plattform, die ich in den ersten Jahren meiner Existenz in der sächsischen Provinz entwickelt habe: F wie Kraft - Frauen.Leben.Lausitz. Damals hießen wir noch Frauen.Leben.Oberlausitz. und waren vor allen Dingen hier im Landkreis Bautzen und Görlitz aktiv, bevor wir durch den Strukturwandel auch immer mehr in der Niederlausitz aktiv wurden.
Das Umfeld mit den vielen, zum Teil enthusiastisch aktiven und so unterschiedlichen Frauen faszinierte mich und stand in merkwürdigem Kontrast zur Klage über ihren (quantitativen) Mangel. Es hätte mich stutzig machen müssen - habe ich doch in meiner Diss herausgefunden, dass das gesellschaftlich statuierte Defizit „Schrumpfung“ dazu führt, in schier unermüdlichen Anstrengungen, das eigene Dasein zu vervielfachen durch multiple Engagementformen. Ich wurde aber nicht stutzig. Stattdessen stürzte ich mich ebenfalls hinein und versuchte mich in den ersten Jahren an der sozialwissenschaftlichen Aktivierung und Verbindungen von Frauen in der Region.
Hier ist mein erster und einziger Blogbeitrag erschienen: Weild Weibs.

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Ines Fabisch, die damalige Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises wollte unbedingt durch Forschung und Entwicklung Maßnahmen schaffen, um das Bleiben und Verbinden von Frauen zu ermutigen und sichtbar zu machen. Wir haben viele Frauen erreicht durch die Symposien und Workshops, die ProduzentinnenTOUR hießen.
Einige Viele fühlten sich aber durch den Netzwerkgeist, den wir erzeugten, abgeschreckt statt eingeladen. Wenn wir das mitbekommen haben, sind Pauline und Marie, die seit 2019 mit im Team arbeiteten, und ich immer bewusst auf die Frauen zugegangen und haben festgestellt, dass es oft ebenfalls besonders aktive Frauen waren, die sich nicht trauten, weil wir das Gefühl vermittelten, überaktiv zu sein.
In der Zeit wurde die Wirtschaftsregion Lausitz aufmerksam und beauftragte F wie Kraft zur Rolle von Frauen im Strukturwandel zu beraten.
Das war eine paradoxe Situation. Wir erzeugten offensichtlich eine Art Wettbewerb und einige, die besonders aufmerksam für Andere unterwegs waren, hatten Hemmungen, sich zusammenzutun. Einerseits das typische Phänomen in der selbstbeschränkenden Perspektive, „nicht genug“ mitzubringen und andererseits sendete unser Aktivismus die Botschaft: noch mehr machen zu müssen und formte eine Linie des Ausschlusses. Das ist uns ja richtig gut gelungen, Mut und auch Schrecken zu verbreiten, statt zu verbinden. Ein Projekt hatte mal den schönen Doppeltitel Hoffnung und W/Mut - Teilhabe von Frauen im Strukturwandel - und erst jetzt nach meiner aktiven Zeit verstehe ich das strukturelle Thema besser: nicht nur der Kompensationsbemühungen gegenüber der Mangelthese, sondern auch die Idee „für alle“ eine Plattform zu bieten, ist eine trügerische Romantik, die Konflikte übergeht, Grenzen ignoriert und Zugehörigkeit trivialisiert. So einfach ist es eben nicht und es lohnt, die Grenzen wahrzunehmen. Nicht alle können überwunden, manche sollten nicht überschritten werden und andere lösen sich auf, wenn du nah rangehst. Aber nah rangehen braucht Zeit, Energie und ist eben auch selektiv.
Wo warst du da eigentlich? Ich erinnere mich nicht an dich und habe mich aber auch nie gefragt, warum du an keiner Veranstaltung teilgenommen hast. Oder stimmt das gar nicht? Du warst “im Kulturbereich” beschäftigt und brauchtest das Netzwerk vielleicht nicht?!
Nein, hier mach ich mir was vor.
Ich glaube, die Distanz entstand aus Unsicherheit und Neid, dass dort drüber “Eine” ist, die “mehr” leistet als ich, präsenter ist, strategisch klüger. Aus sicherer Distanz kann ich das eigene Feld der “Anhänger:innen” besser überschauen, kontrollieren und eine unangenehme Konkurrenz und verunsichernde Nähe vermeiden. Also war meine Strategie: Bloß nicht zu nah kommen lassen und auf professioneller Distanz halten. So kamen wir beide auch durch die eine oder andere Veranstaltung, die außerhalb des F wie Kraft Raumes stattfand. Dich bloß nicht wirklich nahekommen lassen - wie gut, dass du das Spiel auch beherrscht hast.
Mit demonstrativer Ungezwungenheit Nähe zu performen, gelang mir erstaunlich gut. Und das Klugscheisserinsein auch. Heute denke ich: Beides waren meine Instrumente, Aufmerksamkeit zu erzeugen und Verbindung einzugehen, die ich leider kaum halten konnte, weil mein eigener Raum so eng war.
Ich arbeitete mittlerweile in der Begleitforschung zum Strukturwandel an einem Institut in Potsdam und pendelte viel, als ich im Herbst 2019 dann die Burn out-Diagnose entgegennahm. Ein Freund empfahl mir eine Therapeutin, um die Ecke. Bis dahin dachte ich, das wär ein Unding in Görlitz zur Therapie zu gehen. Aber damals hätte ich es nicht mehr bis nach Dresden geschafft und war so dankbar: sechs Wochen Krankschreibung.
So musste ich lernen, mir zu erlauben, erstmal mir nah sein zu dürfen, bevor ich anderen nahekomme. Und: Hilfe um die Ecke zu finden. Das war mein größtes Geschenk. Alles, was ich brauche, gibt es um die Ecke. Innerlich und äußerlich. Meine Emotionen, mein Fühlen, meine Selbstliebe zu finden. Wenn ich die innere Tür öffne und um die Ecke gucke, kann ich die wissenschaftlich distanzierte und distanzierende Analytikerin getrost zurücklassen. Hier brauche ich sie nicht. Im Schreibeck treffe ich sie wieder, um die Ecke ist immer ein Abenteuer zu finden.
Nicht missverstehen: Diese forschende und erkundende Zeit auf allen Ebenen und in den Zwischenräumen von Politik, auf lokaler und europäischer Ebene, in der Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft hat mich sehr weit gebracht und ins Nahe, ins Nahbare von Politik, Repräsentation und Diskurs. Ich habe erfahren, wie es Kraft der Zivilgesellschaft gelingt, in all diese Poren vorzudringen, wenn die Macherinnen sich verbünden: Nicht auf denen ihnen zugewiesenen Zuschauerinnen-Rollen verharren und auf Plakatmal-Aktivismus-Stellen treten. Allerdings auch die Grenzen des Aktivismus: Mehrfach-Belastungen, fehlende Unterstützung von Verwaltungsspitzen, Erschöpfung.

Trete ich dir mit dieser Haltung zu nahe? Ich verstehe nun, warum bestimmte progressive Haltungen, Abstand bei mir produzieren: Ich verstehe besser, warum Menschen diese Formen brauchen, aber mir fehlt das Verbundensein, mit dem was hier in der Lausitz durch all die Störungen offen vor uns liegt: die Anstrengung es besser machen zu wollen, der entgrenzende Aktivismus und die Sisyphosarbeit zahlreicher Workshops, die immer mehr Lücken offenbaren und uns zwingen, den Störungen immer neue Angebote der Wiedergutmachung zu offerieren, die wir nie einholen können.

„Störungen öffnen das Gelände für sich wechselseitig verändernde Begegnungen. (…) eine Störung folgt der anderen. Es gibt keinen harmonischen Zustand, der der Störung vorhergeht. Ob eine Störung verkraftbar ist oder nicht, zeige sich an der Art wie sich das Gefüge umgestaltet.“ (Aus Clara Heinrich: Puzstagold: 201)

Mit Lücken zu leben, wird mir immer mehr zur Qualität, um die es geht.
In der Störung entsteht etwas. Wenn Sicherheit verloren geht, kommt die Stunde des Vertrauens. Wenn Routine ihr Vorhandensein simuliert hat, wird Vertrauen dort aktiviert, wo der Moment irritiert ist, das das Erwartete funktioniert; es anders kommt, als man denkt. Innen oder außen, es entsteht Differenz, Heterogenität, Unbekanntes. Wieso braucht es diese Krisen, um in die Öffnung zu kommen? Wieso wächst mein Vertrauen gerade dann, wenn ich einen Verlust erlitten habe?
Mit der Burnout-Diagnose sah ich meinem inneren Kraftwerksmodus entgegen. Wie ein auf Hochtouren laufendes Energieproduktionsmaschinchen, das ich runterdrosseln musste, um nicht zu implodieren. Wenn ich weiterleben wollte, musste ich einen Weg zu mir finden, den ich nicht kannte. Ich konnte nicht mehr völlig entgrenzt in der Welt draußen herumtoben. Ich musste meine innere Welt aufschließen, um Ruhe zu finden… so naheliegend und doch war da eine Distanz, der ich mich stellen und die ich überwinden musste.
Bis hierher haben die geordneten Lebenswelten der anderen mein inneren Chaos gelindert, die fehlende Nestwärme in meinem Leben genährt, während ich in fremder Leute Küche saß und Gespräche als Interviews rahmte.
In der Nähe sein ohne professionelles Interesse oder lüsterne Bereitschaft für was auch immer, überfordert mich manchmal noch. Wenn Beziehungen schnell sehr intensiv werden. Ein Standardspruch meiner Therapeutin: Aber Sie kennen jetzt ihre Grenzen besser und reagieren auf die Bedürfnisse Ihres inneren Kindes mit der erwachsenen Julia. Das klingt sehr psychologistisch. So ist es in Wirklichkeit gar nicht. Aber ja, ich habe Regulation gelernt und kann mich trotzdem stürzen und reinfallen lassen. Ich traue mich zu spüren, wenn mich was berührt und zu halten und zu gucken, was das ist.
Seit ein paar Monaten erlebe ich das sehr intensiv mit einigen neuen Menschen und einer besonderen Person in meinem Leben. Sie war, so wie du, schon vorher da, aber eben nicht nah. Entsteht Verbundenheit durch Nähe, die begrenzt sein darf? Wenn es nicht ums Durchsetzen von Bedürfnissen geht, um jeden Preis, sondern um gleichzeitige Zurückhaltung und Freiwilligkeit, weil Platz sein darf (= Lücke) und im Dazwischen etwas entsteht, das die eigenen Bedürfnisse ganz automatisch berührt? Verbindung.
Wie findest du das Liv?

 

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[1] Franziska Schutzbach: Revolution der Verbundenheit: Wie weibliche Solidarität die Gesellschaft verändert. DROEMER 2024.

 

 

Julia Gabler...

.... lebt in Görlitz und arbeitet forschend als promovierte Soziologin in der Lausitz: Zu und mit Leuten im andauernden Strukturwandel in riskanten Landschaften.

Livia Knebel…

... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.

 

 

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