Provinz und Charisma. Frauenbündnisse gegen alte Strukturen!

11. Dezember 2018 // Dr. Inga Haese

Am 30.11. 2018 hielt Dr. Inga Haese diesen Vortrag im Rahmen der Veranstaltung F wie Feiern in Großhennersdorf. Für alle, die ihr Nachdenken über Provinz und Charisma live verpasst haben, gibt es hier die schriftliche Version.

Wussten Sie eigentlich, dass Görlitz als „das neue Berlin“ gehandelt wird? Das habe ich in der Zeitung Die Welt gelesen, als ich recherchiert habe. Was mir dann beim Überfliegen dieses Textes über Görlitz gleich auffiel: Es werden „Macher“ genannt, ein Herr König, der die Jacobpassage mit zwei anderen „Machern“ leitet, und ein Herr Krüger, Unternehmensberater und Weinhändler. Solche Leute brauche die Stadt, heißt es in dem Artikel. Da schrillen bei mir natürlich sofort die Alarmglocken. Die „Macherinnen“ der Stadt werden nicht genannt. Warum? Weil der Blick des Autors männlich ist und er nur Männer getroffen hat? Oder haben wir es hier wie fast überall mit einem strukturellen Problem zu tun?

In meinem Beitrag werde ich jetzt zuerst auf diese strukturelle Dimension eingehen und auf die Frage, warum die kommunale Ebene so wichtig ist für die Frauen-Frage. Dann komme ich zum Charisma und erläutere meine Studie und was es mit „Stadt und Charisma“ auf sich hat.

Das strukturelle Problem hat zwei Komponenten. Die erste ist altbekannt, sie heißt strukturelle Benachteiligung von Frauen. Frauen verdienen weniger als Männer, und Frauen repräsentieren weniger als Männer. Das ist z.B. in der Politik so, denn wie Angela Merkel treffend über ihren eigenen Werdegang sagt: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“. Momentan sind 30 % der Bundes-Abgeordneten weiblich. Eine andere Zahl: 12% der Vorstände von 30 DAX-Konzernen sind weiblich. Sie kennen sicher die Zahlen.

Natürlich können wir empirisch eine Tendenz hin zu mehr Frauen in der Rolle der Ernährerin nachweisen, in Ostdeutschland mehr als in Westdeutschland. Aber: Die strukturelle Ungleichheit der Geschlechter umfasst auch die Individualisierung von Fürsorge- und Haushaltstätigkeiten, also die klassische weibliche, unbezahlte „Care“-Arbeit. Diese Arbeit wird in die Privatsphäre verlagert und erscheint bis heute nicht als ein kollektives politisches Problem. Care-Arbeit wird „de-thematisiert und desartikuliert“ sagt Cornelia Koppetsch (Koppetsch/Speck, 2015), und das gilt auch für die um Gleichheit bemühte, individualisierte und gebildete Mittelschicht.

Koppetsch befragte Familien in diesem Milieu nach ihren Arrangements und fand heraus, dass in den Ernährerinnen-Familien dennoch die Frauen hauptverantwortlich für die Haus- und Sorgearbeit bleiben. Offenbar ist trotz beruflich gleicher Entwicklungsmöglichkeiten undenkbar, dass Männern die Hauptverantwortung für die Haus- und Sorgearbeit zugestanden wird – von beiden.

Die zweite Komponente des strukturellen Problems ist regional begründet. Eine Studie ergab 2013, dass 17 % der Bürgermeisterposten in Ostdeutschland von Frauen bekleidet werden, und 21 % der Stadtverordneten weiblich sind – kaum ein Viertel also (Pirsig 2013). Guckt man genauer hin, zeigt sich, dass das Verhältnis in Großstädten anders aussieht: Ein Drittel (27%) der Großstädte ab 100.000 Einwohnern wurden 2014 in Ostdeutschland von Frauen regiert. In Westdeutschland nur 11,8 %. Bundesweiter Gleichstand herrscht in kleinen Städten unter 10.000 Einwohnern, hier regieren nur 7 % Frauen (EAF 2014). Also je kleiner die Stadt, desto weniger offen ist das kommunalpolitische Klima für Frauen und desto seltener schaffen es Frauen, die Strukturen zu durchbrechen.

Und das wiederum stärkt die herrschenden Männerbünde. Und in Ostdeutschland kommt mancherorts noch ein zahlenmäßiges Frauendefizit hinzu, für die Oberlausitz gilt das auch, wenn auch die Zahlen nicht eindeutig sind (je nach Altersgruppe) – aber eindeutig ist, dass in der Kohorte der über 45-jährigen Entscheidungsträger die weiblichen Vorbilder fehlen!

Also können wir davon ausgehen, dass Frauen in der städtischen Öffentlichkeit im ländlichen Raum unterrepräsentiert sind, d.h. der Welt-Journalist hat vermutlich genau die Macher getroffen, die in Görlitz bedeutend sind. Und es heißt auch, dass ein Kulturwandel in der Provinz noch schwerer zu erkämpfen ist als z.B. in größeren Städten. Und Kulturwandel heißt: Hin zu einer Feminisierung der Politik.

„Feminisierung der Politik“ bedeutet aber nicht einfach, dass mehr Frauen in öffentliche Ämter kommen. Es gibt eine Definition von einem Mann namens Roland Roth, der meint mit dem Begriff die Veränderung von Politik im Sinne einer geschlechtergerechten Politik: „nicht nur die Gleichstellung von Frauen in allen Lebensbereichen, sondern zugleich eine Anerkennung und Aufwertung aller Arbeits- und Lebensformen […], die mit Reproduktion zu tun haben und klassisch der Intim- und Privatsphäre und damit der Obhut des weiblichen Geschlechts zugeordnet sind.“ (Roland Roth 1998: 52, zit. nach Huke/Wöhl 2018). Andere Definitionen sprechen davon, dass das Prinzip des Füreinander-Sorge-Tragens als höchste Priorität öffentlicher Politik und Institutionen feminisierte Politik bedeutet (ebd.).

Was sonst können wir tun, als „feminine“ Praktiken zu etablieren – Kollaboration, Dialog, Horizontalität statt Wettbewerb, Hierarchie, Profitmaximierung – wenn unser Ziel die Vertiefung von demokratischer und emanzipatorischer Politik ist?

 

Was meine ich mit Charisma?

Der Weg, eine feminisierte Politik herzustellen, ist offenbar nur über die lokale Ebene der Kommunalpolitik einzuschlagen. Denn nur dort, sagen die Protagonistinnen von munizipalistischen Lösungen, kann sie im Alltagshandeln verankert werden (Baird/Roth 2017). Die Lösung unserer strukturellen Probleme heißt also unbedingt Kommune, oder auch: Provinz! Nur auf lokaler Ebene können Machtstrukturen wirksam aufgebrochen werden. Und jetzt kommen wir zu meinem Buch, „Stadt und Charisma“ (Haese 2017). Denn Charisma, wie ich es in meinem Buch analysiere, hat viel mit der herrschenden Kultur zu tun. Und wie charismatische Machtstrukturen wirken, können wir in kleineren Städten sehr genau beobachten.

Charisma ist natürlich einerseits die spektakuläre „Gabe“, von der wir gerne reden, wenn wir jemanden charismatisch finden: Das Außergewöhnliche, Präsente, das uns fesselt. Da sind wir aber auch schon beim andererseits, nämlich der sozialen Konstruktion von Charisma: Es braucht immer ein Publikum oder eine Gruppe, die das Charisma abkauft. Einen Empfänger. Oder, wie ich es nenne, es gibt eine Zuschreibungslogik. Charisma ist eine Zuschreibung, die wir vornehmen, weil wir bestimmte Eigenschaften als besonders empfinden. Max Weber sagt: „außeralltäglich“. Oft wird jemand als charismatisch empfunden, der unvorhergesehene Handlungen vollbringt, der Risiken eingeht, oder der besondere Verantwortung übernimmt.

Wir erinnern uns an Martin Schulz kurz nach seiner Aufstellung zum SPD-Kanzlerkandidaten: Plötzlich wurde dieser Mann gehypt! Und wie! Hatte der Charisma? Nö, aber er wurde zunächst charismatisiert, alles schien möglich für die SPD: der Schulz traut sich was! Denken wir an die 100% Wahlergebnis. Ein Hoffnungsträger, der die Sehnsucht ihrer Mitglieder erfüllt. Hat sich alles nicht bewährt, spätestens nach zwei verlorenen Landtagswahlen war das vorbei, Schulz ist so schnell verblasst wie er aufstieg. Charisma kennt also auch eine Grenze, das ist seine Bewährung.

Außerdem ist Charisma situationsabgig. Es braucht diesen unbedingten Willen einer Gefolgschaft, jemanden auszuwählen. Dass da jemand auserkoren ist, um die wie auch immer erstarrte Situation bewältigen zu können. Charisma ist also die klassische Antwort auf eine Krise. Oder auf die „Miseria“ (Rainer M. Lepsius). Auch das passt zu diesem seltsamen Schulz-Hype aus dem letzten Jahr.

Nun muss aber der Charismatisierte die Zuschreibung auch erfüllen wollen, er muss führen wollen und die Wünsche der Geführten verkörpern können. Seine Performance wird entscheidend. Wenn sich ein Charismatiker nicht bewährt, folgt auf den Rausch schnell ein Kater und der Auserkorene wird mit Schimpf und Schande fortgejagt (vgl. Weber). Denn allzu offensichtlich sind dann die unerfüllten Erwartungen der Gefolgsleute. Das ist, als würden sie plötzlich einen Spiegel vorgehalten bekommen, wie grenzenlos ihre Sehnsucht war, und das schmerzt und kann sich zu grenzenloser Wut steigern.

Also, Sie sehen: Wir streifen mit dem Thema psychologische Dimensionen – aber auch das liegt im Kern der Sache. Der Soziologe Richard Sennett hat über Charisma geschrieben und sich auf Sigmund Freud bezogen (Sennett 1998): Es sei das ambivalente Verhältnis zur Vaterfigur, so Sennett, die sich in der Beziehung zum Charismatiker wiederspiegelt. Wir würden aufgrund der Furcht und Bewunderung, die wir dem Vater gegenüber empfinden, außerhalb der Familie Führerfiguren suchen, die diese Angst-Liebe hervorrufen.

Und jetzt kommen wir dem Problem mit dem Charisma schon sehr nahe: Es sind vor allem Vaterfiguren, Kümmerer, die die Sachen in die Hand nehmen, solche „Macher“ wie eingangs erwähnt in Görlitz, denen Charisma zugeschrieben wird. Das sind nicht nur, aber vor allem Männer! Weil unsere politischen, öffentlichen, historischen, aber auch privaten und familiären Strukturen solche, oft autoritären, aber anpackenden Machertypen begünstigen – die starken Männer.

 

„Lass uns in der Sauna treffen“ – Charisma und Kommune in Elbstadt

Und hier kommt meine empirische Studie ins Spiel. In meinem Buch geht es nämlich auch um diese Sehnsucht in Zeiten der Krise und des Verfalls, die in einer Stadt am Rande Brandenburgs herrscht. Die Stadt nenne ich Elbstadt. Elbstadt wurde nach der Wende deindustrialisiert, 3 große Betriebe mussten schließen. Die Stadt schrumpfte dramatisch, von 31.000 auf 18.000 Einwohner. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Zahl der Transferempfänger ist hoch, bei meinen Recherchen lag sie bei 25%.

Ich porträtiere fünf charismatische Akteure, die ihrer Gefolgschaft eine Vision für die Stadt unterbreiten. Da kann man sehr schön sehen, wie männliche Herrschaftsstrukturen wirken und wie sie reproduziert werden, in so einer Kommune.

Es sind nämlich vier Männer und eine Frau unter den Porträtierten. Denn auch in Elbstadt gibt es kaum weibliche Akteurinnen in der Kommunalpolitik bzw. auf der städtischen Akteursebene. Ich stelle jetzt kurz die Porträtierten vor, dann möchte ich meine Erkenntnisse in den Kontext von Frauenbündnissen stellen.

Erstens habe ich einen politischen Akteur, der während meiner Feldforschung zum Bürgermeister gewählt wird. Er lädt den Stadtraum mit einer historischen Bedeutung auf, die weit hinter der Industrialisierung zurückliegt, er adelt die Stadt über ihre bürgerlichen Wurzeln. Seine Vision des reizvollen Kleinstädtchens kann über das Trauma der geschrumpften Industriestadt hinweghelfen, dafür unterstützen ihn massenweise Wähler und drei Parteien, obwohl er selbst parteilos ist.

Zweitens porträtiere ich den postindustriellen Unternehmer, der die industriellen Ruinen wiederbelebt für seine touristische Vision der Stadt. Sie können sich das so vorstellen, dass aus einer ehemaligen Fabrik jetzt eine Brauerei und ein Hotel wurde – Soziologen sprechen von Kulturalisierung des industriellen Erbes – aber dieser Unternehmer ist auch so etwas wie der „Pate“ der Stadt: Es gibt keine Sitzung der Stadtverordneten oder des Wirtschaftsausschusses, die nicht indirekt mit diesem Unternehmer zu tun hätte, er ist nämlich auch Chef des regionalen Wirtschaftsverbandes. Ein Hans Dampf, sozusagen, einer, der schon durch sein Auftauchen Aktionismus hervorruft.

Drittens haben wir die Leiterin einer ökologischen Behörde, die in der Wiederentdeckung des Naturraums und in nachhaltigen Themen eine Zukunft für die Stadt sieht. Sie ist so etwas wie das Bindeglied zwischen den rebellischen Ökologen auf den Dörfern und der wirtschaftspolitischen Elite rund um den Bürgermeister und den Unternehmer. Sie tritt alternativ mit Haarband im Wuschelhaar auf, kennt aber den Bürgermeister und den Unternehmer auch privat. Vielleicht hat sie deshalb die Haltung ihrer Behörde, die gegen den Autobahnausbau war, aufgeweicht – weil sie eine Mittlerin sein will.

Viertens porträtiere ich den Verwalter eines riesigen Fabrikgeländes, der auf den Verlust der großen Industrietradition mit der Überlebenssicherung von mittelständischen Betrieben antwortet. Dieser Mann ist qua Beschluss der Insolvenzverwalter, aber er zieht aktiv die Strippen, quer durch die ganze Republik lockt er Firmen hierher; er macht das durch seine Performance, und zwar durch sein biographisch geronnenes Überlebenskämpfertum: Er war Notfallmediziner, bevor er die Umstrukturierung der Fabrik übernahm. Wegen seines ausgefallenen persönlichen Hobbies, dem Sammeln von Blaulichtfahrzeugen, hat er überall Kontakte und er braust auch mal mit Honeckers altem Volvo durch die Stadt.

Das fünfte Porträt zeigt den städtischen Pfarrer, dessen Deutung die Berechtigung von Leere in der Stadt ermöglichen kann – er vermittelt die Umwertung der Werte, den Verlust als Chance zur Besinnung zu begreifen, für einen Neubeginn. Er ist sozusagen ein Post-Wachstumsvertreter.

Also, es ist von Reindustrialisierung die Rede, von der Revitalisierung der Industrie und von der Regeneration der alten Fabriken hin zu Wohlfühlorten und Tourismusmagneten und auch von der Renaturierung durch einen ökologischen Wandel. Die einzige Frau verkörpert den Weg der Nachhaltigkeit und Ökologie, während die männlichen Akteure außer dem Pfarrer für eine prosperierende Wirtschaft und mehr Industrie stehen – das klingt klischeehaft, aber so war es eben.

Die Charismatikerin zählt sich selbst auch zu dem „Macher“-Netzwerk, aber sie verortet ihre „geistige Heimat“ in den Dörfern im Umland mit ihren Kreativen und Künstler_innen. Sie sagt, sie „ticke“ völlig anders als die Wachstumstreiber der Stadt. Sie hat sich aber den Wachstumstreibern insofern angeschlossen, als dass ihre Behörde nicht mehr gegen den Ausbau der Autobahn opponiert. Sie kämpft also ein Stück weit auf verlorenem Posten, nicht nur inhaltlich – auch durch ihr Geschlecht.

Ich will ein Beispiel nennen, das diesen verlorenen Posten in Elbstadt verdeutlicht: In der kalten Jahreszeit treffen sich rund 12 „Macher“ wöchentlich zum Saunaabend. Da gehören einige Unternehmer zu, Kommunalpolitiker und andere Stadtgestalter. Als ich abends im Schwimmbad war, während der Feldforschung, habe ich mich gewundert, was das wohl für eine Runde ist, die da so laut und sonor aus den Räumen der Sauna lacht, es war richtig was los, normalerweise war ich ziemlich allein dort. Ich fühlte mich als einzige Frau in dem Schwimmbad plötzlich ganz verloren, verlorener als sonst. Ich habe schnell das Weite gesucht.

Ich habe verstanden, warum keine Frau in dieser Runde sein kann. Als einzige Frau mit 12 Männern in die Sauna gehen? Auch wenn es 2 Frauen wären unter den 12, würde es keine erwägen. Solche Praktiken des gemeinsamen Stadtgestaltens beim Saunaabend haben etwas Ausschließendes. Kommunalpolitik, das kam mir plötzlich so vor wie die hermetische männliche Abgeriegeltheit von Bankvorständen, die noch in die Stipteasebar gehen. Soziologen nennen das männerbündische Praxis (Theweleit 2000).

Ohne öffentliche Präsenz keine Mitgestaltung

Es ist also eine doppelte Schwierigkeit für Frauen, sich Gehör zu verschaffen und mit den Charismatikern mitzugestalten. Denn erstens ensteht die Charismatisierung von Akteuren durch deren diskursive Präsenz in einer städtischen Öffentlichkeit. Bei meiner Forschung sah das so aus, dass z.B. bei keinem der Pressefotos, als ein Neubau durch den berühmten Spatenstich gefeiert wurde, eine Frau auf den Bildern zu sehen war. Frauen haben aufgrund ihrer strukturellen Benachteiligung weniger Gelegenheiten, eine diskursive Präsenz aufzubauen, wie sie etwa der postindustrielle Unternehmer besitzt. Das sieht man auch daran, dass es zwar eine erfolgreiche Unternehmerin in Elbstadt gibt, die einen Callcenter führt. Da sie aber nie in der Öffentlichkeit steht, kann sie höchstens privat eine Gefolgschaft aufbauen, sie ist in dem Macher-Netzwerk nicht dabei.

Und zweitens müssen sich Frauen innerhalb der männlich dominierten Arbeits- und Politikkultur durchsetzen. Wir Frauen wissen, was das bedeutet: Es ist mehr als nur Kinderkranktage anmelden zu können. Es ist mehr als ein Kitaplatz. Es ist das praktische Umsetzen von Kooperation und gegenseitiger Unterstützung in einer auf Konkurrenz setzenden Arbeitskultur. Meine Charismatikerin, die Umweltchefin, hat leider aufgegeben. Sie ist am Ende meiner Forschung nach Berlin gezogen. Eigentlich ein Super-GAU für alle. Hätte es ein Frauennetzwerk gegeben oder eine Plattform wie F wie Kraft – wer weiß? Vielleicht wäre sie noch da.

 

Mit Komplizinnen raus aus der Hängematte

Wir müssen also erkennen, warum wir uns mit Komplizinnenschaften so schwer tun!

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Veränderung. Weil wir Frauen meistens in Konkurrenz zueinander stehen in einer männlich dominierten Arbeitswelt oder Kommune, tun wir uns schwer mit den Frauenbünden. Wir sind es gewöhnt, uns zu vergleichen. Uneingeschränkete und bedingungslose Unterstützerinnen-Netzwerke sind schwer zu etablieren, aber wenn wir uns solche eingeübten Praktiken eingestehen, dann können wir sie auch aufbrechen!

Und heruntergebrochen auf die kleinen Städte und auf die Provinz heißt das: Es ist noch wichtiger Frauenbünde zu gründen, weil der Modus allzu gewohnt ist, dass ein Oberhaupt oder ein großer Charismatiker oder vielleicht sogar eine Charismatikerin die Dinge in die Hand nimmt, der oder die alles richtet. Das ist ja gerade die Kehrseite der Struktur, die dafür sorgt, dass wir überhaupt Charisma brauchen: Wir suchen uns die Charismatiker aus, wir nötigen diese Figuren zu ihrer Charismatisierung. Es gilt also, dass wir uns selbst reflektieren in unserem Wunsch, diese Macher-Typen toll machen zu lassen. Denn was diese vor allem schaffen ist ja, dass wir uns zurücknehmen dürfen, dass die schon „machen“ und dass sie uns Sicherheit und Stabilität geben, gerade in aufreibenden Krisen- und Stresszeiten, in denen wir uns gerne in alte, vertraute Muster zurückfallen lassen wie in eine Hängematte.

Charismatische Akteure haben in der strukturschwachen Region die Möglichkeit, Stadtpolitik zu gestalten, weil sie aufgrund von klammen Kassen und schwindenden Mitteln ihre nach Visionen klingenden Ideen leichter umsetzen können (Haese 2017: 230). Sie bündeln sozusagen die Sehnsüchte ihrer Bewohner, ohne dass diese groß agieren müssen. Bezogen auf eine demokratische, lebendige Zivilgesellschaft ist das geradezu fatal! Denn die Strukturschwäche der Zivilgesellschaft wird durch Charisma nicht aufgehoben, sondern zementiert! In Elbstadt habe ich erlebt, wie eine ganze Stadtgesellschaft unter diesen Machern verharrte, weil es keine städtische Öffentlichkeit mehr jenseits von diesem Macher-Netzwerk gab. Aber diese Vielfalt brauchen wir! Sie macht unsere Dörfer und Kleinstädte lebenswert. Und da hilft nur Kooperation und „Feminisierung der Politik“!

Nehmen wir uns ein Beispiel an Spanien, dort regieren in den Rathäusern Kooperationsbündnisse mit vielen Frauen. Dieser Munizipalismus steht für Austausch, Vernetzung und Selbstorganisierung auf der kommunalen Ebene, und das Ziel ist hochpolitisch, eine Konföderation freier und basis-demokratischer Kommunen. Nichts weniger sollte das Ziel sein – und nur so kann der Macht des Charismas begegnet werden.

Deshalb:  Frauen, geht in die Sauna! Schmiedet Komplizinnenschaften!

 

Inga Haese

Sozialwissenschaftlerin, Dr. rer. pol., freie Autorin und Bloggerin. Langjährige Mitarbeit am Hamburger Institut für Sozialforschung, u.a. im Projekt „Charisma und Miseria. Die Gründung des Sozialen in Überlebensgesellschaften“. Mitarbeit bei e-politik.de. War beim AWO Bundesverband e. V. Referentin für Teilhabe und nachhaltige Lebensstile. Promotion an der Universität Kassel über Stadt und Charisma.

Veröffentlichungen u.a.:

(2017): Stadt und Charisma: Eine akteurszentrierte Studie in Zeiten der Schrumpfung. Wiesbaden.

(2016): „Die Normsetzer/innen der gebrochenen Lebensläufe. Über Arbeit und Leben nach dem politischen Umbruch. In: Garstenauer, Therese; Löffler, Klara u.a.: Arbeit im Lebens-lauf. Verhandlungen von (Erwerbs-)biographischer Normalität. Bielefeld, S. 189-206.

(2015): „Das Recht auf Teilhabe an Nachhaltigkeit – der doppelte Auftrag der AWO“. In: TUP – Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, Ausgabe 03, S. 228-232.