Frauen gestalten im Strukturwandel, Männer aber mehr

26. August 2020 // Victoria Luh/Johannes Staemmler

Kürzlich sind die Preisträger*innen  des Ideenwettbewerbs des Sächsischen Mitmach-Fonds bekannt gegeben worden. Thomas Schmidt, Staatsminister für Regionalentwicklung, kündigte an, auch in Zukunft in dieser Form Projekt- und Geschäftsideen zur Gestaltung des Strukturwandels fördern zu wollen. Höchste Zeit also, auch in puncto Geschlechtergerechtigkeit einmal genauer in die Bewerber*innen und Preisträger*innen-Liste der Lausitz zu schauen, um in der nächsten  Bewerbungs- und Auswahlrunde die Auswahlkriterien zu verbessern, überregionale Trends zu reflektieren und Ansätze für eine gezieltere Ansprache unterrepräsentierter Gruppen zu entwickeln.

60% Männer : 40% Frauen[1]. Diese Geschlechterverteilung begegnet uns auf den ersten Blick auf die Bewerbungs- sowie Preisträger*innen-Liste des Mitmach-Fonds Sachsen (MMF) 2020. Schaut man sich die Bewerbungs- und Preisträger*innen-Zahlen des MMF 2020 der Lausitz genauer an, wird deutlich, dass sowohl das sorbische Kulturleben als auch die Angebote für Kinder- und Jugendliche ohne die engagierten Frauen nicht halb so vielfältig wären. Bewerbungen von und Preise für Frauen in den Kategorien „Existenzgründungen“ und „Kommunen“ eher die Ausnahme.

Ideen-Aufruf des Sächsischen Mitmachfonds (https://www.mitmachfonds-sachsen.de/)

 

Der Mitmach-Fonds Sachsen

Der Mitmach-Fonds Sachsen ist eine Initiative des Freistaats mit dem Ziel, Projekt- und Geschäftsideen zu unterstützen, die den Strukturwandel in den sächsischen Teilen der Lausitz und des Mitteldeutschen Reviers gestalten. Aus der Oberlausitz (Landkreise Görlitz und Bautzen) sind auf die 1,7 Mio. Euro Preisgeld in 2020 von einzelnen Bürger*innen, Vereinen, Kommunen, Kirchen, Feuerwehren und zivilgesellschaftlichen Gruppen 1.149 Bewerbungen eingetroffen, wovon 921 den formalen Kriterien entsprachen. In fünf Kategorien konnten Projekt- und Geschäftsideen eingereicht werden. Die meisten Bewerbungen (495) betreffen die Themen zivilgesellschaftliches Engagement, Mobilität, Musik, Sport, Kunst und Soziales (Kategorie ReWIR-Bürgerinnen und Bürger), danach folgen 258 Projektideen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen (Kategorie Zukunft MINT-Unsere Kinder und Jugendlichen). 95 Bewerbungen sind in der Kategorie Łužica/Lausitz – žiwa dwurěčnosć/lebendige Zweisprachigkeit eingereicht worden. Zudem kamen in 2020 noch zwei neue Kategorien hinzu, um potenzielle Existenzgründer*innen (30 Bewerbungen) sowie Kommunen (43 Bewerbungen) anzusprechen. 313 Projekte haben insgesamt einen Preis gewonnen. Einen Publikumspreis wird es noch geben.

Insgesamt haben etwas weniger Frauen (42%) als Männer (58%)[2] ihre Ideen vorgeschlagen. Damit sind die Männer unter den Einreichenden überproportional vertreten, wenn auch nicht dramatisch. Wenn man sich die Verteilung nach Kategorie, Landkreis und Geschlecht anschaut, zeigen sich vielversprechende Potenziale, aber auch einige weniger erfreuliche Ergebnisse: das sorbische Kulturleben und die vielen engagierten Angebote für Kinder und Jugendliche wären ohne die Lausitzer Frauen weniger stark vertreten. Angebote der Kommunen und neue Existenzgründungen und Geschäftsideen sind dagegen immer noch sehr Männer dominiert – auch weil Bürgermeisterinnen in der Lausitz, wie auch sonst in Deutschland (vgl. Lukoschat/Belschner 2014: 17[3]), die Ausnahmen darstellen.

Preisträger*innen aus dem letzten Jahr: Trilingo e.V. mit ihrem dreisprachigen Theaterstück für Kinder (Foto: Wirtschaftsregion Lausitz GmbH)

 

Analyse der Preiskategorien

Das sorbische Kulturleben im Landkreis Bautzen blüht dank eines großen Engagements von Frauen und Männern. ¾ der Bewerbungen in der Kategorie Łužica/Lausitz – žiwa dwurěčnosć/lebendige Zweisprachigkeit haben Bürger*innen aus dem Landkreis Bautzen eingereicht, ¼ der Bewerbungen stammt aus dem Landkreis Görlitz. Besonders hervorzuheben ist hierbei das Engagement der Frauen im Landkreis Bautzen: 40% der Anträge stellten Frauen, fast jede zweite Bewerberin gewann einen Preis.

In der Kategorie Zukunft MINT – Unsere Kinder und Jugendlichen reichten Frauen aus beiden Landkreisen fast die Hälfte aller Bewerbungen ein und machen 46% der Preisträger*innen aus. Die Bewerberinnen aus dem Landkreis Bautzen waren dabei die erfolgreichsten. 66% der Bewerber*innen aus diesem Landkreis gewannen auch einen Preis. Damit ist der männliche und weibliche Anteil zwischen Bewerber*innen und Preisträger*innen in dieser Kategorie ausgeglichen.

In der Kategorie ReWIR sind mit insgesamt 495 Bewerbungen die meisten Projektideen eingegangen. 53% davon kommen aus dem Landkreis Görlitz und 47% aus dem Landkreis Bautzen. Hier zeigt sich ein Geschlechterverhältnis von 60% Männern und 40% Frauen, sowohl bei den Bewerbungen als auch bei den Preisträger*innen.

In den beiden 2020 neu eingeführten Kategorien, die potenzielle Existenzgründer*innen sowie Kommunen unterstützen sollen[4], gestaltet sich die Geschlechterverteilung, insbesondere unter den Preisträger*innen, ziemlich ungleich.

Bereits der Titel der Kategorie Existenzgründer – Unsere kreativen Köpfe verbleibt im Maskulin und macht stutzig. Allerdings verwundert bei der Untersuchung der Bewerbungszahlen zunächst eher die Verteilung zwischen den Landkreisen als die zwischen den Geschlechtern. Mit 23 von 30 Bewerbungen kommen aus dem Landkreis Görlitz wesentlich mehr als aus dem Landkreis Bautzen. Das Geschlechterverhältnis zeigt sich im üblichen 60:40 Verhältnis zugunsten der Männer. Die gute Nachricht dabei ist, dass der Anteil der weiblichen Bewerberinnen mit 40% deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt für Existenzgründungen von Frauen (30,3%[5]) (Atlas zur Gleichstellung 2017: 76) liegt. Schaut man sich nun die Geschlechterverhältnisse bei den Preisträger*innen im Landkreis Görlitz an, sind die Ergebnisse viel weniger vielversprechend: Obwohl sich bei insgesamt 23 eingereichten Ideen das Geschlechterverhältnis mit 43% von Frauen und 57% von Männern angenähert hat, werden nur 14% (1 Idee) der Existenzgründungsideen von Frauen, aber hingegen 86% (6 Ideen) der Gründungsvorschläge der männlichen Bewerber mit einem Preis belohnt. Vor dem Hintergrund der seit Juli 2018 im Freistaat Sachsen gültigen Richtlinie zur Förderung der Chancengleichheit von Mann und Frau, die sogar ein Unterkapitel zur Förderung der Existenzgründungen von Frauen enthält (Revosax Sachsen 2020), sind diese Zahlen irritierend.

Ähnlich ungleich gestaltet sich die Verteilung in der Kategorie „Kommunen-Leistungsfähige Partner im Strukturwandel“. Nur jede zehnte Kommune in Deutschland wird von einer Frau geführt (Lukoschat/Belschner 2014: 17). Im Osten ist die Verteilung besser, allerdings auch noch weit von einer annähernden Gleichverteilung entfernt (ebd.: 99). Daher überrascht es nicht, dass die 43 Bewerbungen der Kommunen mit 65% überdurchschnittlich häufig von Männern eingereicht wurden. Fünf Bewerbungen stammen von Bürgermeisterinnen, 22 von Bürgermeistern. Die restlichen 16[6] kommen von Mitarbeiter*innen der Gemeinden oder an die Gemeindeverwaltung angegliederter Institutionen. Die Verteilung der Preise gestaltet sich noch wesentlich ungleicher: Von den 15 weiblichen Bewerberinnen in den Landkreisen Bautzen und Görlitz haben nur 4 einen Preis gewonnen. Von den 4 Gewinnerinnen, die für ihre Kommune einen Preis holten, wird jedoch nur 1 Kommune auch von einer Frau geführt. Die fünf Bürgermeisterinnen, die sich beworben haben, haben alle keinen Preis gewonnen. Von den 28 männlichen Bewerbern haben 13 einen Preis gewonnen, 11 davon sind Bürgermeister der jeweiligen Stadt.

Preisträger*innen aus dem letzten Jahr (Foto: Wirtschaftsregion Lausitz GmbH)

 

Zum Geleit

Im MMF gäbe es ohne die 42% engagierter Bewerberinnen wesentlich weniger gute Ideen. In einigen Kategorien, die z.B. die Förderung des sorbischen Kulturguts, Kinder- und Jugendliche oder das Zusammenleben in der Gemeinde betreffen, wird dieses Potenzial auch in der Preisvergabe prozentual berücksichtigt. Man kann nur hoffen, dass Existenzgründerinnen und Bürgermeisterinnen bis zur erneuten Auslobung 2021 nicht das Interesse verlieren, denn der Wandel geht nicht nur mit 60%.

Der MMF ist für die Staatsregierung ein Erfolg, weil sie damit eine breite bürgerschaftliche Aktivierung erreicht. Nach zwei erfolgreichen Jahren können nun weitere Schwerpunkte entwickelt werden, bspw. Projekte von und mit Jugendlichen bis 25 Jahren. In Zukunft sollte eine gerechte Verteilung der Geschlechter in den Jurys und bei der Preisauswahl, v.a. in den Kategorien Existenzgründer*innen und Kommunen, mitgedacht und umgesetzt werden.

 

[1] Die Zahlen beruhen auf folgender Gewichtung der Geschlechter in der Gesamtbevölkerung der Landkreise Görlitz und Bautzen, basierend auf dem Statistischen Jahrbuch Sachsen (2019): Sowohl im Landkreis Görlitz (254.894 EW) als auch im Landkreis Bautzen (300.880 EW) ergibt sich eine Geschlechterverteilung von 49% Männern und 51% Frauen.

[2] Gezählt worden sind hier die tatsächlich einreichenden Personen der einwandfreien 921 Anträge.

[3] Eine Studie von 2014 ist die aktuellste zu diesem Thema, hier besteht Nachholbedarf.

[4] Es sollte berücksichtigt werden, dass die Bewerbungszahlen in beiden Kategorien sehr klein sind und damit relative Unterschied stark ins Gewicht fallen.

[5] Erhebung von 2014

[6] Diesmal im 60:40 Verhältnis zugunsten der Frauen!

Literatur:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2017): 3. Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland. Online verfügbar unter: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/3–atlas-zur-gleichstellung-von-frauen-und-maennern-in-deutschland/114010 [letzter Zugriff: 23.07.2020].

Freistaat Sachsen (2019): Richtlinie zur Förderung der Chancengleichheit vom 27. Juni 2018 (SächsABl. S. 914), enthalten in der Verwaltungsvorschrift vom 26. November 2019 (SächsABl. SDr. S. S 404). Online verfügbar unter: https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/17752 [letzter Zugriff: 23.07.2020].

Freistaat Sachsen (2019): Statistisches Jahrbuch Sachsen 2019. Kapitel 2. Bevölkerung. Online verfügbar unter: file:///Z:/52112%20Lausitz/02%20Team/01%20AP%202%20-%20Politikberatung/4%20MitMachFond/2020/jahrbuch_statistik-sachsen_kapitel-02_bevoelkerung.pdf [letzter Zugriff: 19.08.2020].

Lukoschat, Helga; Belschner, Jana (2014): Frauen führen Kommunen. Eine Untersuchung zu Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern in Ost und West. EAF Berlin. Online verfügbar unter: https://www.eaf-berlin.de/fileadmin/eaf/Projekte/Dokumente/P_Frauen-Fuehren-Kommunen_Studie.pdf [letzter Zugriff: 23.07.2020].

Johannes Staemmler und Victoria Luh…

… forschen und beraten zum Strukturwandel in der Lausitz im Rahmen des BMBF geförderten Projekts „Sozialer Strukturwandel und responsive Politikberatung in der Lausitz“ am IASS in Potsdam. Zuletzt erschienen u.a. „Zivilgesellschaft in der Lausitz“ und „Strukturwandel als Gelegenheit für die Lausitz“.