Zwischen rauchenden Öfen und saurem Regen

2. September 2020 // Liviana Bath

Angelika Heiden setzte sich als erste Doktorandin an der Ingenieurhochschule in Zittau zum Thema regenerative Energien ein und als Frau durch

Angelikas Lebensgeschichte und ihre starke innere Haltung, die sie mit einer eigenen Willenskraft ausstrahlt, faszinieren mich. Angelika hat sich immer wieder ihren eigenen Weg gesucht und ist für ihr Anliegen eingestanden. Zielgerichtet schlägt sie sich als erste Frau, die zum Thema Energiesparhäuser in der Lausitz promoviert, teils alleinerziehend und teils mit Unterstützung von Freund*innen in dem überwiegend männlich geprägten Naturwissenschafts-Uni- Alltag durch. Die technischen und naturwissenschaftlichen Bereiche an der Hochschule sind bis heute in der Mehrzahl von Männern besetzt.

Während einer gemeinsamen Zugfahrt mit Angelika wird mir bewusst: das Thema Klimawandel war vor dreißig Jahren genau so aktuell wie heute. Meine Gedanken schweifen ab und ich frage mich, ob es Zusammenhänge von Klimawandel und der Unterrepräsentation von Frauen in den Naturwissenschaften gibt. Schließlich sind es in der Mehrzahl Männer, die an den Entscheidungshebeln sitzen.

Angelika erzählt mir, dass sie heute glücklich in Berlin lebt und in nur ein paar Schritten draußen in der Natur ist. Ich frage, ob ich Sie mal in Berlin besuchen kann, um weiteren Schwenkern vor allem aus der Studienzeit in Zittau zu lauschen. Wir tauschen Telefonnummern aus und wenige Wochen später kam dann Corona. Wir haben uns über Skype weiter ausgetauscht.

Alles begann im Jahr 1987. Angelika Heiden kämpfte zwischen rauchenden Öfen und saurem Regen über dem Riesengebirge auf ihre Weise für einen gesunden Planeten. Sie studierte Kraftwerkstechnik an der Ingenieurhochschule Zittau mit dem Ziel, regenerativen Energien als Alternative zu Kohleabbau und Kraftwerkstechnik auf die Spur zu gehen. In unserem Gespräch erzählt Angelika über Tschernobyl in den 80er Jahren und von vielen männlichen Kommilitonen, die nach dem Mauerfall in Westdeutschland als Kernkraftspezialisten mit Kusshand und guten Arbeitsverträgen eine langfristige Festanstellung bekamen. Zur gleichen Zeit lief die Braunkohleförderung für das Kraftwerk Hagenwerder im Tagebau Olbersdorf auf Hochtouren. Angelika blieb nach der Wende und auch nach ihrem Studium noch lange in Zittau und forschte weiter, um den regenerativen Energien als Alternative für den Kohleabbau voran zu bringen: Sie promovierte zum Thema Niedrigenergiehäuser.

Das Gefühl von „Es muss etwas passieren!“

Angelika wurde in Mecklenburg-Vorpommern geboren, bezeichnet sich selbst als DDR-Kind und schwärmt begeistert von Mathe und Physik zu Schulzeiten. Zu Studienzeiten setzte sie sich neben ihrem Anliegen für das Klima zusätzlich mit ihrer Überzeugung „das System funktioniert nicht“ in den Diskussionsrunden, die im kirchlichen Rahmen Ende der 80er Jahre in Zittau stattfanden, ein. Bei aktiven Gruppen in der Kulturfabrik Meda in Mittelherwigsdorf und in der Alten Bäckerei in Großhennersdorf wirkte sie mit so gut sie konnte. Kurz darauf gab es die DDR nicht mehr als ‚das System‘. Diese Veränderung nimmt sie wie einen Riss zwischen unterschiedlichen Welten wahr. Zu Wendezeiten hat sie ihren Alltag, als alleinerziehende Mutter und angestellte Doktorandin und so als eine von wenigen Frauen in der akademischen Wissenschaftswelt der Naturwissenschaft gerockt.

„In der DDR war ich es gewohnt, dass die Frauen arbeiten und ich habe eben in der Wissenschaft gearbeitet. Als das System zusammengebrochen ist, da ist auch ein Teil von meiner Weltanschauung weggebrochen und ich musste mir neue Ziele suchen, wie zum Beispiel die Forschung auf dem Gebiet der Nutzung alternativer Energiequellen.“

Quelle: http://www.gerryfoto.de/pixelpost/images/20090112203012_kraftwerk.jpg

 

Angelika erzählt: „Ich war 100% beschäftigt. Das Gefühl von ‚Es muss was passieren‘ hatte ich damals schon und es ist bis heute präsent geblieben. Ich war eine leidenschaftliche Naturwissenschaftlerin, das wusste ich ganz schnell. Heute würde ich sagen, ich habe damals ganz schön viel akzeptiert. In meiner Lehre arbeitete ich in Schwerin im Heizwerk und schon da bemerkte ich unter den Mitarbeitern diese Aufbruchsstimmung: So wie es war, würde es nicht mehr lange funktionieren. Wir haben es akzeptiert, dass wir nicht in den Westen konnten und haben unseren Alltag gelebt. Ich habe mich in die Wissenschaftswelt gestürzt. Mit einem klaren Vorhaben: Ich wollte etwas zum Klimaschutz beitragen.“

Damals war das Kraftwerk Hagenwerder noch in Betrieb und in Zittau wurde mit Kohle geheizt. Angelika erinnert sich während unseres Gesprächs an den sauren Regen, der durch die Abgase der Kohlekraftwerke im Osten und Westen in den 80ern im Riesen- und Isergebirge über Tschechien und Polen aber auch im Thüringer Wald und im Erzgebirge verursacht wurde. Viele Wälder sind eingegangen. Das hat die junge Klimakämpferin tief erschüttert: „Es hat mir das Herz gebrochen. Es war unheimlich, an einem toten Wald vorbei zu fahren. Dank Rauchgasentschwefelungsanlagen in den Kraftwerken gibt es heute in Deutschland keinen sauren Regen mehr. Aber die Wälder werden noch lange brauchen, um sich vollständig zu erholen. Das wussten wir damals schon.“

Während ich den naturwissenschaftlichen Fachworten folge, wird mir bewusst, dass es mich schon seit ich denken kann bewegt, dass das Thema Klimawandel in der Politik nicht zentral genug ist. Liegt das vielleicht daran, weil in der Politik auch zu wenig Frauen in den entsprechenden Positionen mitsprechen? Angelika führt weiter aus: „Jede*r Einzelne kann und muss etwas zum Klimaschutz beitragen, wenn wir noch lange auf diesem Planeten leben wollen. Jede*r kann auf den eigenen Fußabdruck achten. Dazu gehört neben weniger Flugreisen, Fahrgemeinschaften bilden und weniger Fleisch essen, auch dazu, den Heizwärmebedarf in unseren Haushalten zu beobachten.“

In den 90er Jahren brauchte es dringend neue Konzepte für gute Wärmedämmung und Heizungen, die regenerative Energiequellen nutzen. Als Angelika in den 90er Jahren zu diesem Thema als erste Frau in der Lausitz forschte, war ihr Sohn bereits im Kindergartenalter.

In der Lausitz gehört der Braunkohleabbau seit mehr als hundert Jahren zum Alltag der Bewohner*innen. Wie im Ruhrgebiet und im Mitteldeutschen Revier mussten ganze Dörfer der Braunkohle weichen. In vielen weiteren Ländern der Welt ist dies eine Realität von oft verwurzelten Gemeinschaften. In unserem Gespräch wird immer deutlicher: „Wer die Rechnung zahlt, ist das Weltklima und die Bewohner*innen der Lausitz“. Welche Rechnungen musste Angelika als Pionierin mit ihrer Promotion zum Thema regenerative Energien bezahlen? Als ich sie darauf anspreche kommt sie zuerst in eine nachdenkliche Stimmung und dann erzählt sie, wie tief sie in ihrer Alltagsroutine als Frau in der Naturwissenschaftswelt und alleinerziehende Mutter steckte und gleichzeitig mit dem System, das am Zusammenbrechen war, kämpfte.

Quelle: MaGüLi Feminismus

Eine Region im Wandel, die Welt im Wandel, der Klimawandel stets präsent

Eines wird deutlich: Die Doktorarbeit war Angelikas Anker. Mitten in dem ganzen gesellschaftlichen Gewusel blieb nicht viel Zeit und Kopf für Genderfragen. Mit Kind hatte Angelika kaum eine freie Minute für sich. Eins war ihr klar, sie möchte nicht zu Hause bleiben. Im Gespräch betont sie, dass sie mehr im Leben wollte und es schon immer geliebt hat, frei entscheiden zu können. Damit sie sich auf das Studium konzentrieren kann, hatte sie zusätzliche Unterstützung von einer guten Freundin. Nach dem Studium war Angelika als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Dort hat sie jede freie Minute in der Bibliothek verbracht, betätigte sich in der Arbeitsgruppe „Stadtsanierung“ und vertiefte das Thema regenerative Energien. Zwei Jahre später konnte sie sich mit einem Promotionsstipendium der Deutschen Stiftung Umwelt vollständig dem Thema Niedrigenergiehaus und Solarthermie widmen.

In der Energiebranche sind Frauen immer noch unterrepräsentiert, in der Umweltbewegung in der deutlichen Mehrzahl

Angelika hat sich nach ihrem Studium als Energieeffizienzberaterin selbstständig gemacht. Sie erinnert sich noch sehr genau an die Herausforderung, als einzige Frau in einer Projektgruppe für eine Energiestudie, mit ihrem Dr. Titel ernstgenommen zu werden. Neben dem Berufsalltag war Angelika oft mit Situationen konfrontiert in denen sie ihr Können als Frau in der Energiebranche, unter Beweis stellen musste. Angelika ist und bleibt eine mutige Pionierin, die ihren Weg gegangen ist, weil sie an den Klimaschutz glaubt. Und der ist heute mehr aktuell denn je!

Zum Abschluss unseres Skype-Gesprächs stellen wir ein gemeinsames Anliegen fest: Es ist an der Zeit, dass mehr und mehr Personen, die in der Mehrzahl nicht männlicher Geschlechter und mehr diverser Nationalitäten sind, die in den Naturwissenschaften und bei Klimaschutz wichtigen Entscheidungen mit eingebunden werden, sichtbarer und anerkannt werden für das was sie bewirken. Was braucht es, dass naturwissenschaftliche und technische Berufsfelder für alle Geschlechter interessanter und zugänglicher werden? Ein feministischer Klimaschutz in dem die Hierarchien zwischen den Geschlechtern aufgehoben werden, so wie zwischen Menschen und Umwelt vielleicht? Vorbilder finden wir hier in der stets anwachsenden Ökofeminismus Bewegung, wie zum Beispiel Vandana Shiva. Im Ökofeminismus werden Zusammenhänge der Öko-Krise mit patriarchalen Strukturen in denen Frauen nur bestimmten Aufgaben zugeteilt sind, ernst genommen.

Angelika hat einen essenziellen Beitrag mit ihrer Forschung für Niedrigenergiehäuser geleistet und in ihrem beruflichen Alltag ihren Mut und ihre Überzeugung bewiesen. Weiter machen, kritisieren und nicht schweigen – in Verbundenheit über den ganzen Erdglobus. Angelika und ich sind uns einig: Auch wenn es für Frauen* heute immer noch nicht ganz ausgeglichen ist was Pay Gap und die Anerkennung in naturwissenschaftlichen Berufen anbelangt – wir sollten nicht aufgeben, denn vieles ist schon erreicht. Ich schließe den Artikel mit dem Wunsch der französischen Ökofeministin, die den einzigen Lehrstuhl zur „Philosophie der Ökologie“ in Frankreich inne hat ab: Émilie Hache wünscht sich mehr Streit, damit es bei ökofeministischen Veranstaltungen um mehr als nur veganen Kuchen backen geht.

Liviana Bath…

… ist mit 20 Jahren Liviana Bath mit einem Segelschiff per Anhalter über den Atlantik gesegelt und hat eine zweijährige Reise mit dem Fahrrad in Lateinamerika drangehängt. Klimaschutz und Feminismus sind ihr persönliches Anliegen. Heute arbeitet die Sozial- und Kulturanthropologin mit dem Schwerpunkt Genderstudies als Referentin der Machtkritischen Bildungsarbeit. Im Dreiländereck leitet Liviana als pädagogische Koordinatorin die Fortbildungsreihe „Gruppen und Projekte diversitätsbewusst leiten“ bei der Hillerschen Villa e.V.