Rückblick auf einen starken Jahresauftakt, der nachwirkt
Schon beim Betreten des Gerhart-Hauptmann-Theaters in Görlitz war spürbar: Dieser Neujahrsempfang ist mehr als ein formeller Auftakt ins neue Jahr. Knapp 500 Menschen waren der Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung Sachsen in Kooperation mit der REVIERWENDE Lausitz, dem DGB Ostsachsen, dem Bündnis Gleichstellung Lausitz, dem Frauen.Wahl.Lokal Oberlausitz und der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Görlitz gefolgt – das Haus war voll, die Stimmung erwartungsvoll. Es waren vorwiegend Frauen aus der gesamten Lausitz zusammengekommen: Engagierte aus Vereinen und Initiativen, Künstler:innen, Gewerkschafter:innen, Vertreter:innen aus Politik, Kirche, Wirtschaft und Wissenschaft, junge Menschen ebenso wie ältere. Die Vielfalt spiegelte eindrucksvoll wider, wie unterschiedlich Weiblichkeit gelebt wird – und wie viel spürbare Kraft in deren Verbindung liegt. Während ich einen massiven Frauenüberschuss erwartet hatte, was bei Thema und Anlass kaum verwundern würde, fiel auf, dass auch viele Männer anwesend waren. Das stimmte gleich zu Beginn positiv, wohlwissend, dass Gleichstellung geschlechterunabhängige Unterstützung und die Erkenntnis braucht, dass ein Aufbrechen patriarchaler Strukturen letztlich allen Menschen zugutekommt. Zudem bot die liebevolle Kinderbetreuung durch den Verein CYRKUS mit Hauptsitz in Görlitz/Zgorzelec auch den Kleinen und Größeren viel Raum zum Ausprobieren im Jonglieren, Tellerdrehen und Einradfahren, was dazu beitrug, dass Teilnehmende mit Kindern sorglos das Programm im Hauptsaal genießen konnten. Damit zeigte sich ganz praktisch, wie wesentlich schon die Veranstaltungskonzeption Inklusion fördern kann.
Gemeinsame Gestaltung und klare Haltung
Der Nachmittag begann mit der beschwingenden Musik der Singer- Songwriterin Paula Peterssen und ihrem Stück „Die fetten Jahre sind vorbei“. Es sei vorweggenommen, dass nicht nur der Auftakt der Veranstaltung dennoch große Hoffnung machte, dass die fetten Jahre der Gleichstellung noch vor uns liegen. In der anschließenden Reihe von Grußworten und kurzen Redebeiträgen kamen viele Stimmen zu Wort und dennoch keinerlei Langeweile auf. Im Gegenteil: Die Reden waren prägnant, persönlich und beleuchteten das Motto „Gleichstellung ist unverhandelbar!“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Silvia Fischer von der Friedrich-Ebert-Stiftung Sachsen betonte die Stärke gemeinsamer Organisation und Kooperation was mich daran erinnerte, wie sehr gerade das gleichberechtigte Gestalten auf Augenhöhe eine Kompetenz von Frauen ist. Marika Vetter, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Görlitz, sprach über Bleiben und Zurückkommen von Frauen in der Lausitz, über Parität, Vielfalt und Teilhabe als Stärke einer Region. Gleichzeitig benannte sie offen den zunehmenden Gegenwind für diese Themen – und machte deutlich, wie wichtig Veranstaltungen wie diese gerade deshalb sind. Aline Erdmann, Gleichstellungsbeauftragte aus Cottbus, brachte es auf den Punkt: Es geht um Zukunftsfähigkeit. Denn ohne Frauen fehlt Regionen wie der Lausitz über die Hälfte an Kraft und Kompetenz. Auch Rebecca Jakob von der Fraueninitiative Bautzen e.V. setzte starke Akzente. Sie sprach von Verbundenheit und davon, dass Veränderung Solidarität braucht. Vom Mut, die eigene Komfortzone zu verlassen, sich sichtbar zu machen und unterschiedliche Lebensrealitäten anzuerkennen. Bis hin zum Appell, vom bloßen Reagieren auf gesellschaftliche Tendenzen und Umbrüche ins aktive Gestalten der Lausitz zu kommen. Dana Dubil, Geschäftsführerin des DGB Ostsachsen, stellte das WIR ins Zentrum: Fairness, vor allem auf der Arbeitsebene, lasse sich nur gemeinsam durchsetzen – dafür brauche es Viele. Kathrin Treffkorn von der DGB Revierwende Ost motivierte zu Gedanken darüber, wie unsere ideale Region aussehen könnte, welche Entwicklungsperspektiven wir öffnen können und das neue Jahr 2026 kämpferisch gemeinsam anzugehen. Anschließend erinnerte der Beitrag von Pfarrerin Antje Kruse daran, dassGleichstellung selbst innerhalb der evangelischen Kirche erkämpft werden musste – obwohl ihre Grundlagen bereits in der Reformation angelegt waren. Frauensolidarität, so ihre klare Botschaft, dient allen Menschen. Und in der Vernetzung liege eine enorme gestalterische Kraft.
Ost-Klischees, Sektbowle und philosophisches Gummitwist
Nach diesem inhaltlich dichten Auftakt folgte einer der Höhepunkte des Nachmittags: die szenische, performative Lesung von Peggy Mädler, Annett Gröschner und Wenke Seemann aus ihrem Buch „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“. Mit großer Offenheit, körperlichem Einsatz und vor allem viel Humor nahmen sie das Publikum mit in unterschiedliche Lebensrealitäten von Frauen im Osten. Klischees über die „Ostfrau“ wurden nicht nur benannt, sondern spielerisch gebrochen und zugleich ernsthafte Fragen wie „Können Klischee und Realität nicht manchmal gleichzeitig existieren?“ aufgeworfen.
Das Lachen im Saal war herzlich und häufig – und doch nie oberflächig. Immer wieder schlichen sich Momente des Wiedererkennens ein: Man verglich sich und sein Aufwachsen unwillkürlich selbst, dachte an die Geschichte der eigenen Mutter oder Großmutter, erkannte Prägungen und Sozialisierungsmuster, die bis heute wirken. Die drei Autorinnen verwiesen mit großer Sympathie und der Kunst, über sich selbst lachen zu können, auf die Entstehung, Vergangenheit und Gegenwart struktureller Ungleichheiten – und schufen damit ein unsichtbares Band der Verbindung der Menschen im Saal. Das unterstrich auch die zwischendurch zubereitete und gereichte Sektbowle nach DDR-Rezept, auch wenn eine non-alkoholische Alternative meiner Ansicht nach zu noch mehr Teilhabegerechtigkeit und Wir-Gefühl beigetragen hätte. Doch diese Verknüpfung schon des Buchtitels mit Alkohol, regte mich zum inneren Auseinandersetzen und weiteren Reflektieren an, auch Narrative rund um weiblichen Alkoholkonsum zu hinterfragen. Denn trotz der unumstritten belustigenden und gemeinschaftsstärkenden Wirkung von Alkohol erwähnten auch die Autorinnen, dass er ihnen und ihren Eltern oft trotziger Trost war, die Illusion von Unabhängigkeit und Freiheit mit sich brachte und unterschiedliche Drinks bis heute unterschiedliche Lebensgefühle zu transportieren scheinen. Ich frage mich schon länger, ob diese gesellschaftlichen Zuschreibungen nicht auch im Grunde zutiefst vom Patriarchat geprägt sind, doch für den Nachmittag werde ich schnell wieder mitgerissen von den klugen und philosophischen Gesellschaftsfragen, die auch der zweite Teil der Lesung mit sich bringt. Reflektionen über Herkunft, Besitz, Zugehörigkeit und den Folgen eines Systemwechsels, des sozialen Umbaus, der ohne die Einbeziehung der Menschen vor Ort stattgefunden hatte, für Gleichstellung und Frauenrechte. Angesichts des aktuellen Strukturwandels in der Lausitz wirkte vieles davon mahnend aktuell: Mitgestaltung und gleichberechtigte Beteiligung aller Menschen sind keine Nebensache, sondern zentral für eine gerechte Zukunft. Über Gummitwist und philosophische Gedankenspiele näherten sich die Autorinnen schließlich der Frage, wie Hoffnung zwischen Pessimismus und Realismus immer wieder neu entdeckt werden kann. Ihr Motto – immer Radikal, nie konsequent – schwingt fühlbar immer mit und transportiert den Geist ihrer Gesprächsabende vielleicht gerade deshalb so authentisch und lebensnah.

Die Stärke liegt im Miteinander
Nach der Lesung verlagerte sich das Geschehen ins Foyer des Theaters. Dort herrschte reger Andrang: Initiativen, Vereine und auch Unternehmen präsentierten sich und ihre Projekte, Arbeitsweisen und Ideen rund um Gleichstellung. Es wurde einmal mehr deutlich, wie stark Frauen die Region bereits prägen und wie brisant das Thema Gleichstellung in allen Bereichen der Lausitz, von Wirtschaft bis Politik, bereits ist und angesichts multipler regionaler Herausforderungen weiter werden wird.
Bis nach 18 Uhr und bis zum restlosen Ausverkauf der mitgebrachten Exemplare wurden Bücher signiert, Kontakte wieder aufgenommen und neu geknüpft, Ideen gesponnen, diskutiert, gelacht, umarmt. Der Spirit dieser Veranstaltung wirkt in mir als nachhaltiger Hoffnungsschimmer in Zeiten, in denen sich gesellschaftliche Rückwärtsbewegungen manchmal bedrohlich anfühlen. Gleichzeitig motiviert und bestärkt mich ein rückblickend kritischer Blick auf das Publikum in der Auffassung, dass die uns alle bereichernden Potentiale von Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit noch stärker in die breite und diverse Gesellschaft getragen werden könnten. Weil es uns alle betrifft, sollten wir uns erlauben, gezielter Menschen außerhalb der gewohnten Bubble anzusprechen und unterschiedliche Lebensrealitäten (z.B. geprägt durch Migration, schwierige Einkommens- und Lebenssituation, etc.) sichtbarer einzubeziehen. Die Rahmenbedingungen der Veranstaltung – kostenfreier Eintritt, Kinderbetreuung und ein Sonntagstermin – boten zumindest beste Voraussetzungen, um den Teilnehmenden-Kreis künftig noch diverser werden zu lassen. Genauso stark empfinde ich auch in den Tagen nach der Veranstaltung, wie bedeutsam es ist, den Blick auf das zu richten, was wir gemeinsam bereits erreicht haben, und auf die Visionen für eine solidarische, vielfältige Lausitz. Eine Region, in der Frauen in ihrer Wirkungskraft beflügelt werden – und die vielleicht eines Tages wieder mehr Menschen anzieht als verliert. Genau dafür braucht es Räume wie diesen: offen, solidarisch, herzlich und verbindend - aus denen neuer Mut und Umsetzungskraft entsteht.
Livia Knebel …
... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.
