JETZT VERFÜGBAR: „FRAUEN ALS WIRTSCHAFTSFAKTOR FÜR DIE LAUSITZ“

Endlich ist es so weit: Unser Statuspapier „Frauen als Wirtschaftsfaktor für die Lausitz – Perspektiven von Frauen auf den Strukturwandel in der Lausitz“ ist jetzt veröffentlicht.

F wie Kraft beschäftigt sich seit 2016 mit weiblichen Gestaltungspotentialen in der Lausitz und fördert den beachtlichen Wissensschatz der Lausitzer Frauen zutage. Deutlich sichtbar wurde dabei immer wieder der Wunsch von Frauen, in der Region zu bleiben. Frauen sind die soziale Gruppe in der Lausitz, die alle Bereiche regionaler Entwicklung thematisieren und sie nicht nach „Ressorts“ voneinander abkoppeln. Sie machen Schnittstellen sichtbar, die für die Entwicklung der Lebens-und Arbeitsqualität dieser Region nützlich sind. Fragt man die Frauen in der Lausitz, so finden sich zahllose Beispiele für Ideen, Initiativen und Zukunftsperspektiven, die sie in der Lausitz angehen und thematisieren. Frauen in der Lausitz gehen mit gutem Beispiel voran und versuchen, dem drohenden „Verfall der Region“ und der damit einhergehenden Melancholie, Resignation und Ratlosigkeit etwas Kreatives und Sinnstiftendes entgegenzusetzen.

Die Lausitz befindet sich seit Jahrzehnten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Dieser umfasst alle gesellschaftlichen Bereiche von der Wirtschaft, den Siedlungs-und Sozialstrukturen über die Verwaltung und Politik bis zu den Kulturen und Identitäten der Bewohner*innen. Dabei steht die Lausitz ohnehin schon vor erheblichen Problemen, bspw. die hohe Abwanderungsrate gut ausgebildeter Frauen. Ursachen für diese Problematik sind u. a. in der vorherrschenden industriellen Wirtschaftsstruktur zu finden. Diese spiegelt sich auch in den aktuellen Debatten zum Strukturwandel in der Lausitz wieder, welche sich vor allem auf den Wegfall und Ersatz von Jobs in vorrangig männerdominierte Berufsfelder und Arbeitsmarktsektoren. Die Diskussion zum Strukturwandel konzentriert sich auf industrienahe Themen und vernachlässigt Forschungs-und Entwicklungsfragen, die das breite Spektrum regionaler Bedarfe und Möglichkeiten adressieren. Wir begreifen den Strukturwandel vielmehr als Chance, nicht nur neue Perspektiven für die Beschäftigten im Braunkohle-Sektor zu entwickeln, sondern auch den multidimensionalen, wirtschaftlich-sozialen und infrastrukturellen Problemen zu begegnen, vor welchen die Lausitz steht.

Gemeinsam mit den Frauen in der Lausitz wollen wir die wirtschaftlichen, soziogeographischen und soziodemographischen Verschiebungen und weitgreifenden gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Veränderungen mit nachhaltiger und geschlechtersensibler Perspektive gestalten. Zugespitzt resümieren wir: Die Krise der industriellen Männerberufe und der (geschlechterunsymmetrischen) Abwanderung und die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft können nicht allein von Männern gelöst werden. Es mangelt an Aufmerksamkeit für (traditionell) weibliche Themen-und Tätigkeitsfelder, wie der Pflegebranche, dem Kultur-und Bildungssektor sowie auf zivilgesellschaftliche, regionalspezifische und auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Themenfelder. F wie Kraft möchte Mut machen, Aktivitäten von Frauen aufzuspüren, zu unterstützen und ihnen Verantwortung im Strukturwandel zu übertragen.

Macht Euch dieser Auszug Lust, mehr zu unseren Erfahrungen, Thesen und Empfehlungen zu lesen?

Unser Statuspapier ist jetzt online verfügbar: Zusammen mit vielen weiteren spannenden Studien, Projektskizzen und Broschüren auf den Seiten der Zukunftswerkstatt Lausitz oder direkt zum Downloaden.

Habt ihr Fragen zum Papier? Möchtet ihr mit uns darüber diskutieren? Habt ihr Lust, Euch gemeinsam mit uns für mehr Frauenpower im Strukturwandel einzusetzen? Dann schreibt uns an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.! Wir freuen uns auf Eure Ideen und Perspektiven!

AUFMERKSAM HINSCHAUEN UND HINHÖREN

Vor mehr als einem Jahr haben zwei Frauen im Landkreis Görlitz gesagt:

Jetzt reicht´s!

Es braucht für die Arbeit zum Thema sexualisierte Gewalt und die Stärkung der sexuellen Selbstbestimmung eine höhere Sichtbarkeit. Gesagt – getan. Diana Mehmel und Antje Schulz gründeten mit weiteren engagierten Menschen am 25.03.2019 den Verein Trude e.V. – Verein gegen sexualisierte Gewalt und für sexuelle Selbstbestimmung. Trude e.V. erhielt in einer unglaublichen Geschwindigkeit die Eintragung ins Registergericht, den Freistellungsbescheid vom Finanzamt und die Anerkennung als freier Träger der Jugendhilfe im Landkreis Görlitz. Für die Akteur*innen auch ein Beweis dafür, dass Unterstützung da ist.

Ein Rückblick

Diana Mehmel und Antje Schulz sind schon seit vielen Jahren im Landkreis Görlitz unterwegs. Sie veranstalteten unzählige sexualpädagogische und resilienzstärkende Projekte für Kinder und Jugendliche, berieten Fachkräfte in Verdachtsfällen sexueller Grenzverletzungen jeglicher Art, waren Ansprechpersonen für Betroffene sexualisierter Gewalt und gaben Eltern Auskunft über sexuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die Nachfrage nach diesen Angeboten stieg stetig und sprengte den Rahmen ihres eigentlichen Arbeitsfeldes. Die Entscheidung, ihren gemeinsamen Arbeitsplatz zu verlassen und sich ausschließlich den Themen Verringerung sexualisierter Gewalt und Stärkung sexueller Selbstbestimmung zuzuwenden, war wohlüberlegt. Anträge für ein Modellprojekt der Bundeskoordinierung für spezialisierte Fachberatungsstellen (BKSF) und beim Landkreis Görlitz waren gestellt. Es zeigte sich bald, dass für 2020 keine Fördermittel für Trude e.V. zur Verfügung stehen würden und der Verein stellte sich mit seinem Vorstand auf ehrenamtliches Arbeiten ein.

Die Heilpädagogin und Systemische Therapeutin Diana Mehmel und die Sozial-  und Sexualpädagogin Antje Schulz engagieren sich als ehrenamtlich Mitarbeitende in allen relevanten Gremien und Netzwerken der Region und in der sachsenweit agierenden LAG „Prävention und Intervention Sexualisierter Gewalt“. Der Verein ist Mitglied der Vollversammlung der BKSF und des Jugendrings Oberlausitz e.V.

Was will Trude e.V.?

Der Verein setzt sich dafür ein, dass sexualisierte Gewalt sowohl als Thema in einzelnen Einrichtungen, als auch als gesamtgesellschaftliches Problem erkannt und sichtbar gemacht wird. Die Komplexität sexualisierter Gewalt erfordert als mutigen ersten Schritt ein HINschauen und ein HINhören. Es braucht Wissen über Täter*innenstrategien und über den Umgang mit vermuteter und bestätigter sexualisierter Gewalt. Besonders Fachkräfte und Eltern haben sich in den letzten Jahren Bildungsangebote dazu abgeholt. Für die Mitarbeitenden ist es dabei selbstverständlich sich ebenso für die Prävention sexualisierter Gewalt einzusetzen. Sexualpädagogische altersentsprechende und themenangepasste Angebote besonders für Kinder und Jugendliche stehen hier im Mittelpunkt. Grundsätzlich gehören alle Formen und Angebote der sexuellen Bildung für Trude e.V. zur wichtigen präventiven Arbeit gegen sexualisierte Gewalt. Das sind bspw. persönlichkeitsstärkende Projekte für Kitakinder, sexualpädagogische Projekte an Grundschulen, Förderschulen und weiterführenden Schulen. Auch offene Gesprächsrunden in Kinder- und Jugendtreffs und Wohngruppen sind Möglichkeiten, die Themen der Zielgruppen aufzugreifen. Hier kann die Chance wahrgenommen werden, direkt in der Arbeit mit jungen Menschen die sexuelle Selbstbestimmung zu fördern. Im Fokus steht dabei immer, Kinder und Jugendliche über ihre Rechte aufzuklären, auch gegenüber Erwachsenen.

Sexuelle Grenzverletzungen, Übergriffe und Gewalt passieren in den unterschiedlichsten Formen jeden Tag und überall. Noch immer, und das liegt in der Natur sexualisierter Gewalt, wird fast gar nicht darüber gesprochen.

Zu oft haben Diana Mehmel und Antje Schulz gehört: „Das gibt´s bei uns nicht“. Von den Aussagen betroffener Menschen haben wir gelernt, welche Angebote und Bedingungen gebraucht werden, damit sich ein Kind, was sexualisierte Gewalt erfahren muss oder musste, öffnen kann. Das und andere wichtige Aspekte der Arbeit möchte Trude e.V. mit anderen teilen. Die Mitarbeitenden, die Vorstandsmenschen und die Mitglieder werden dies immer wieder und auch ungefragt tun.

Sexualisierte Gewalt, sexuelle Übergriffe und sexuelle Grenzverletzungen zeigen sich in verschiedensten Formen. Das können Blicke sein, Worte (auch in digitalen Medien) und körperliche Gewalttätigkeit – um nur einige zu nennen.

Von sexualisierter Gewalt betroffene Menschen erhalten bei Trude e.V. kostenfreie Beratung.

Weitere Angebote, wie beispielsweise Projekte für Kinder und Jugendliche, Fachberatungen und Elternabende sind mit Kosten verbunden. Inhalte und Umfang können vorabgesprochen und gemeinsam geplant werden.

Die ehrenamtlichen Akteur*innen arbeiten zur Zeit intensiv an der Antragstellung für weitere Fördermittel und hoffen damit, Trude e.V. mit ihren Angeboten als feste Größe im Landkreis Görlitz und darüber hinaus zu etablieren.

Im Moment bietet Trude e.V. telefonische und digitale Kontaktaufnahme und Beratung an.

Trude e.V. freut sich über interessierte Menschen, die mit uns in Kontakt kommen wollen, Verständnisfragen haben oder sich als Mitglied engagieren wollen.

Für mehr Informationen kann gern unsere Internetseite genutzt werden:

www.trude-im-internet.de.

Für jegliche Anfragen zum Verein, zu Verdachtsfällen sexualisierter Gewalt, Fachfragen und Beratungswünschen erreichen Sie die Ansprechpersonen wie folgt:

Diana Mehmel (Dipl.Heilpädagogin, Systemische Familientherapeutin, Traumapädagogin i.A.)

Email:     Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Tel.         0152 24260349 (dienstags  9 – 13 Uhr)

Antje Schulz (Dipl. Sozialpädagogin, Sexualpädagogin, Systemische Beraterin)

Email.     Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Tel.         0176 66210787 (donnerstags  13 – 17 Uhr)

DIE STILLE REVOLUTION

Ich suche Frauen, die gerne für Frauen etwas bewegen möchten, die sich in den weit gefassten Begriff der „Frauenarbeit“ einbringen möchten. Was dieser Begriff für mich bedeutet, möchte ich hier gerne für den Anfang kurz aufzählen. Ich möchte das Selbstwertgefühl von Frauen stärken; die innere Heilerin wieder aktivieren; Frauen helfen, für sich selbst zu sorgen und wieder Verantwortung für sich selbst zu übernehmen; eine Rückverbindung zu den Ahninnen schaffen; Frauen ihren Körper wieder nahe bringen; die eigene Potenz wieder wahrnehmbar machen; Frauen ihre eigenen Bedürfnisse bewusst machen; Aufklärungsarbeit auf allen Ebenen leisten (auch und gerade für junge Mädchen): Körperlich – dein Segen Menstruation. Emotional – Gefühle wieder spüren und zulassen zu lernen. Geistig – Heilung durch das Erkennen der Eigenmacht. Seelisch – Rückverbindung zu den eigenen Wurzeln und zu jahrtausendealter weiblicher Kultur.

Um das zu erreichen, möchte ich eine Institution aufbauen – ein Zentrum für weibliche Kultur und Spiritualität, wo all das Platz hat und verwirklicht werden kann.

Gerne möchte ich mich nun vorstellen:

Mein Name ist Elisabeth Noack, schon frühzeitig habe ich mich für Heilkunde interessiert, auch wenn mein erster und zweiter Bildungsweg mich in andere Richtungen führten. Auf meinen Reisen wurde dann durch zahlreiche Kontakte und Erfahrungen der Wunsch in mir wieder stärker, mich nun endlich auf die Suche zu machen, nach dem was uns heilt und ganz macht. So begann ich meine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Der Grund, warum ich mich im Anschluss der Frauenheilkunde (mit Schwerpunkt auf der Bearbeitung innerer Themen) verschrieb, hängt mit meiner eigenen Geschichte zusammen.

Als mein Zyklus vor vielen Jahren einsetzte, hatte ich – wie die meisten jungen Mädchen damals und leider auch heute noch – nicht wirklich eine Ahnung davon, was da genau passierte. Ich bin zwar aufgeklärt worden und wusste zumindest, was körperlich geschah, doch das Mysterium um das weibliche Blut lag für mich vollkommen im Dunkeln. Meine Mutter hätte es mir erzählt, hätte sie es selbst gewusst. Ich verstand nicht, was passierte, empfand mich als unpässlich in einer Welt, in der nur Leistung zählt und lehnte mein Blut als abstoßend und störend ab, soweit, dass mein Zyklus fast zum Stillstand kam. Es kam mir nicht ungelegen, ich kam viel herum und fühlte mich durch meinen meist abwesenden Zyklus frei und ungebunden.

Nach vielen Jahren der „Sorgenfreiheit“ hatte ich aber immer mehr das Gefühl, dass ein Teil von mir fehlt, dass ich in meinem Selbst nicht „ganz“ bin. Eine Frauenärztin legte mir dann einmal ans Herz, dass, wenn ich doch mal Kinder haben wöllte, ein regelmäßiger Zyklus wichtig ist. Aus meiner heutigen Perspektive betrachtet, ist die Menstruation nicht nur für Kinderwunsch wichtig, sondern als Lehrmeisterin für das komplette Frau-Sein geradezu essentiell! Ich machte mich auf die Suche nach meiner Weiblichkeit, die ich bisher weder verstanden noch überhaupt wahrgenommen hatte – ich war der Meinung, dass „Brüste und eine Gebärmutter“ ausreichten, sich als Frau zu definieren. Durch meine Suche wurde mir bewusst, dass, wenn ich Weiblichkeit in all ihrer Komplexität verstehen und ich mich in meinem Körper zu Hause fühlen wollte, die Menstruation der Schlüssel zu diesem Raum war.

Seit dem ersten Buch zu diesem Thema („Das Schwarzmondtabu“ von Jutta Voss, ein schmerzhaftes und aufrüttelndes, aber auch sehr kraftvolles Buch) sind viele Jahre vergangen und mir fiel auf, dass, je tiefer ich in diesen roten Strom eintauchte, umso größer seine Dimensionen wurden, umso mehr wuchs er zu einem Ozean an Wissen, Bewusstsein und weiblicher Identität.

Dieses Wissen darf uns nicht mehr fehlen. In einer Zukunft, die ich mir vorstelle, kennen junge Frauen die Vorgänge ihres Körpers, sie sind vorbereitet, wenn die Menarche einsetzt. Sie lehnen sich nicht ab, sondern schöpfen aus ihrem Sein ihre volle Kraft. Sie lieben ihren Körper, ihren Zyklus und sie fühlen sich verbunden mit allem was ist. Frauen sind sich wieder ihrer wundervollen, wilden Weiblichkeit bewusst und leben frei. Sie unterstützen sich gegenseitig und stärken ihre Gemeinschaft und ihr Umfeld, weil sie aus ihrer Mitte heraus agieren, weil sie im Gleichgewicht sind.

Uns Frauen wurde jahrhundertlang gesagt, wir seien nur für Andere da. Doch es beginnt immer am eigenen Mittelpunkt. Wenn innen keine Liebe ist, kann sie nicht nach Außen strahlen. Nur wenn ich mich selbst tragen kann, ist auch Kraft für Andere da. Und dieser Mittelpunkt, der so lange vernachlässigt wurde, sitzt genau in unserem Schoß. Der rote Faden führt zurück ins Labyrinth und sagt uns jeden Monat neu, wohin die Reise gehen muss, damit Heilung stattfinden kann – Heilung für uns selbst und auch für die Welt.

Diese Reise nenne ich die stille Revolution, eine Revolution von innen heraus. In meinen Augen ist sie die einzige, welche das bestehende System nachhaltig verändern kann und wird. Jede Frau, die ihre Kraft kennt, wird Verantwortung für sich selbst und das Außen übernehmen, was unserer patriarchalischen Welt nur guttun kann. Jede Frau, die Gewalttaten gegen sich nicht mehr duldet und anzeigt, verleiht anderen Opfern Mut und eine Stimme. Jede Frau, die sich selbst die Liebe gibt, nach der sie sich sehnt, bringt auch ihre Umwelt zum Strahlen. Jede Frau, die ganz bei sich ist, ihrer inneren Stimme vertraut und ihr Selbst lebt, schlägt Wellen. Jede Frau, die verbunden ist mit ihren Wurzeln und ihrer eigenen Spiritualität, ist ohne Angst und damit unaufhaltsam. Das geht von jeder Einzelnen aus und wird dadurch allumfassend.

Dieses Thema ist essentiell, nicht nur auf individueller und gemeinschaftlich weiblicher, sondern auf globaler Ebene. Und das macht es auch zu einem politischen Thema.

Eine Sache ist mir dabei noch wichtig. Mir geht es nicht darum, Männer abzuwerten oder ein Feindbild aus ihnen zu machen, mir geht es auch nicht um Gleichstellung, denn wir sind nicht gleich. Meine Arbeit ist nicht gegen Männer gerichtet, sondern einfach nur für Frauen. Der heutige Mann agiert nicht männlich, sondern patriarchal und diese Rolle hat auch ihn tief verletzt und geschädigt. Bei vielen setzt bereits eine Rückbesinnung auf andere Werte ein. Doch dies voranzutreiben und diese Wunden zu heilen ist weder mein Weg noch meine Aufgabe.

Wir Frauen sind es, die in den letzten Jahrhunderten sowohl körperlich als auch seelisch viel gelitten und ertragen haben und um zu überleben, uns selbst verleugnen und aufgeben mussten. Das ist der Grund, warum Frauen bei mir an erster Stelle stehen.

Und damit zurück zu meinem Anliegen:

Ich möchte einen Ort für Frauen entstehen lassen, ein Zentrum von Frauen für Frauen, wo genau das gelebt und gestaltet werden soll, was meiner Meinung nach Weiblichkeit ausmacht: Verbindung und Austausch, Kreativität, Gemeinschaft und Lernen, Frauenmagie, Genuss und Sinnlichkeit, Festlichkeiten und vieles mehr – einen Ort um sich selbst als weibliches Wesen neu oder wieder zu entdecken und wahrzunehmen. Ein Zentrum für Meditation, Heilung, Entwicklung, Ritual, Bewegung, Rückzug und Rückverbindung – einen Ort, der es möglich macht, dass Frauenkraft im Außen wieder manifest wird.

Einzelne Elemente sollen dabei sein: ein kleines Ladencafé mit inkludierter Bibliothek, Räume für Gruppenveranstaltungen, Heilpraktiken, Mondkreise und Rote Zelte, Yoga und andere Arten der Bewegung, Workshops, Retreats und gerne mehr.

Auf diesem Wege suche ich Frauen, die diese Vision teilen und die Lust haben, diesen Weg mit zu gestalten und so einen Ort für Weiblichkeit zu schaffen. Gerne nehme ich auch einfach nur Ideen, Hinweise und Tipps zu Umsetzung, Finanzierung oder potentiellen Mitstreiterinnen dankbar entgegen.

Wer mit Elisabeth in Kontakt treten möchte, kann eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. schreiben oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. kontaktieren.

WAS WIR HIER BRAUCHEN IST ETWAS, DAS BERÜHRT

Aus der Lausitz ins Wendland und zurück: Sybille Tetsch ging in den 90er Jahren nach Niedersachsen, engagierte sich im Atomkraft-Widerstand. 2014 ist sie gemeinsam mit ihrem Mann zurück nach Proschim gekommen, um sich gegen den Braunkohleabbau zu wehren. Weil beide aber nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit der Tat kämpfen wollten, eröffneten sie ihr Restaurant „Schmeckerlein“. Ein Besuch bei einer Lausitzerin, die den kulinarischen „Strukturwandel á la carte“ eingeleitet hat. 

12 Grad im Februar, Nieselregen, Brandenburg. Nach Proschim soll es heute gehen. An der Bushaltestelle des Bahnhofs wartet ein Auto, „Cowboys from Hell“ steht groß auf dem Kofferraum. Gleich neben dem Autokennzeichen prangt ein kleines Schild mit der Aufschrift „DDR“. Die Ostalgie ist hier noch zu Hause.

Der Bus fährt vorbei an stehengelassenen, auseinanderfallenden Häusern. Die Fenster zieren kleine Spitzengardinen. Sie glänzen so weiß, als wären sie gerade erst gewaschen und aufgehängt worden. Ein Zeichen der Zeit. Ein Zeichen für die Menschen, die sich auf der Suche nach einer besseren Zukunft gezwungen sahen, ihrem Zuhause den Rücken zuzukehren.

Der Bus hält in Proschim, das in vielen Berichten als „das letzte Dorf“ bezeichnet wird, weil es das letzte in der Lausitz sein könnte, das von der Landkarte verschwindet. Seit Jahrzehnten sieht es sich schon durch die Braunkohle-Abbaggerung bedroht. Heute steht es immer noch.

Der Kohleausstieg ist für 2038 beschlossen, es scheint also, als wäre das kleine Lausitzer Dorf gerettet. Mittlerweile gehört es zur Stadt Welzow, „der Stadt am Tagebau“. Nur wenige Menschen, die gegangen sind, sind zurückgekommen. Eine von ihnen ist Sybille Tetsch. Sie wartet an einer kleinen Bushaltestelle. Ihre rote Regenjacke leuchtet vor dem Grau der umliegenden Häuser. Von hier sind es nur einige Meter bis zu ihrem Wohnhaus und Restaurant.

Sybille Tetsch in ihrem Element

„Strukturwandel á la carte“

Seit 2015 versucht sich Sybille Tetsch gemeinsam mit ihrem Mann Alexander im selbsternannten kulinarischen Widerstand und engagiert sich in verschiedenen Lausitzer Netzwerken wie etwa den Raumpionieren oder Neopreneurs. Hier würde sie vor allem auf junge Menschen treffen, sie schätze den Austausch und die Vernetzung übers Internet.

Zum Schmeckerlein gehören neben dem Restaurant nicht nur ein Kräutergarten und ein kleiner Hofladen, sondern auch ein großer Steinbackofen im Außenbereich. Dieser Ort unterscheidet sich von denen in der Nachbarschaft. In jedem Detail des Hauses stecken Hingabe und Geschichte. Selbst im Steinofen, in dem im Sommer Flammkuchen zum „Genuss unterm Sternenhimmel“ gebacken werden, sind besondere Steine verarbeitet. So stammt der Schlussstein über der Ofentür von einem Haus, das der Braunkohle weichen musste. Der Besitzer schenkte ihn den Tetschs mit dem Wunsch, dass der Ofen nicht dasselbe Schicksal teilen sollte.

So ein Ort wie das Schmeckerlein, der zum Zusammenkommen einlädt und liebevoll gestaltet ist, ist Sybille Tetsch wichtig. So etwas habe es vorher in dieser Gegend nicht gegeben, daher seien die Leute auch angetan: „Bisher sieht man nur, dass in jedem Ort ein Bagger-Schaufelrad steht. Etwas Rostendes, Riesiges, das die Landschaft kaputt macht. Wir haben von Anfang an gesagt: Wir wollen irgendwas machen, was die Leute berührt. Egal, ob das jetzt der Garten ist, um den ich mich kümmere, oder das Kochen meines Mannes. Hier fehlen Sachen, die berühren, die einfach schön sind.“

Dem Dorf etwas Neues schenken und der Braunkohle-Melancholie etwas entgegensetzen: Zwei Ziele, die Sybille Tetsch am Herzen liegen. Ein Teil ihres Wohnhauses ist zum Essbereich für den Winter umfunktioniert worden. Eine riesige Regalwand mit über 600 Kochbüchern lädt die Gäste dazu ein, zu stöbern und sich inspirieren zu lassen.

Ein Restaurant wie das Schmeckerlein habe in Proschim so niemand erwartet. Dass das Konzept aufgehen wird, erst recht nicht. Viele zweifelten die Idee der Tetschs an. Sybille Tetsch erinnert sich, dass sie sich nach ihrer Rückkehr mit der Resignation und der Ideenlosigkeit der Menschen des überalterten Ortes konfrontiert sah. Das Restaurant sei trotz vieler Stimmen, die nicht an seinen Erfolg geglaubt haben, ein beliebter Treffpunkt geworden. Die Tische sind am Vormittag zwar noch leer, aber für den Abend ist die Gastronomin bereits ausgebucht. Alle sind willkommen, auch die Leute aus dem Kohletagebau: „Wenn das Restaurant geöffnet ist, dann findet das Thema Braunkohle eigentlich nicht statt, weil wir alle Menschen ansprechen wollen: Die, die in der Kohle arbeiten und diejenigen, die dagegen sind. Und obwohl alle hier unseren Standpunkt kennen, scheint es zu funktionieren. Wir wünschen uns, dass sich die Menschen wieder mit Respekt behandeln.“

Mit ihrem Konzept führt Tetsch Menschen an einen Tisch, die vielleicht schon länger nicht mehr miteinander gesprochen haben. Das sei im Dorf nach ihren Beobachtungen ohnehin ein großes Problem: „Dadurch, dass die Menschen hier jetzt schon mehrfach umgesiedelt werden sollten und durch diesen Umstand in Kohlebefürworter und Kohlegegner gespalten sind, haben die Leute sich nicht mehr gegrüßt. Sie haben die Straßenseite gewechselt – in einem 300-Seelendorf. Das ist wirklich ein Kommunikationsproblem. Viele Themen werden totgeschwiegen und kommen nicht auf den Tisch. Die setzen sich nicht zusammen und sagen: Lasst uns doch mal darüber reden.“

Verrückte Ideen braucht‘s

Dass die Leute im Dorf nur selten miteinander reden, liegt laut Tetsch auch daran, dass die meisten sich nur um sich selbst kümmern würden. Da scheint es nachvollziehbar, dass sie sich anfangs nicht ganz angekommen fühlte. Zwar habe sie den Eindruck, dass das Dorf derzeit wieder etwas zusammenwachse und man versuche, alte Traditionen wieder gemeinsam zu erleben, aber Tetsch macht deutlich: „Ich würde es mir noch bunter wünschen, und dass hier mal wirklich verrückte Ideen umgesetzt werden.“

Das betrifft in ihren Augen auch das große, allumfassende Thema Strukturwandel.
Wenn sie von der Lausitzer Natur spricht, dem Potential, das hier noch schlummert, dann überschlagen sich ihre Worte fast beim Erzählen. Dann sprudeln die Träume und Vorschläge nur so aus ihr heraus – was man hier noch alles machen könnte! Warum nicht Sägewerke, die das viele Holz aus den umliegenden Wäldern verarbeiten könnten.

Sie glaube nicht an den aufgesetzten Strukturwandel. Und auch das Wort mag Sybille Tetsch nicht: „Ich finde, der Strukturbruch ist mit der Wende passiert, als hier die ganzen Kraftwerke zugemacht worden und die jungen Leute abgewandert sind. Da hat kein Mensch von Strukturwandel gesprochen.“

Sie glaube viel mehr daran, dass es den sich langsam entwickelnden Strukturwandel „von unten“ geben müsse. „Das ist sicherlich nicht ganz einfach in einer Gegend, wo die Leute lange Zeit gesagt bekamen, was sie zu tun und zu lassen hatten. Ich denke aber, dass sich die Menschen mit einem Landstrich und mit dem, was sie tun, identifizieren müssen. Und wenn vieles von außen aufgesetzt wird, könnte es schwierig werden“, meint sie. Mit dem Schmeckerlein versucht sie, ihren Beitrag zu leisten. Einen, der Mut braucht und Menschen, die Lust haben, neue Projekte zu starten, sich auszuprobieren. Sie möchte Menschen zusammenbringen, die an der Verwirklichung solcher Projekte arbeiten. Deswegen will Sybille Tetsch auch als Vorbild dienen und sich mit dem Schmeckerlein als Botschafterin verstanden wissen. Ihre Message: Probiert Eure verrückten Ideen doch einfach mal aus. Ein Künstler*innenhaus könnte sie sich vorstellen, ein Projekt, das junge Menschen fördert und aufs Land bringt. Ihre Hoffnung sei auch, dass Menschen zurückkommen und das Vakuum in der Lausitz als Chance sehen.

Tetsch macht sich auch Sorgen darum, dass sich immer mehr Menschen rechtspopulistisch äußern und die AfD wählen: „Dass die Leute sich damit selber schaden, das sehen sie nicht. Ein 30-jähriger Arzt, den wir brauchen, der kommt nicht hier her, wenn hier die AfD im Stadtparlament sitzt oder den Bürgermeister stellt. Aber das ist den Leuten nicht klar.”

Wenn das schlimmer werden sollte, würden sie und ihr Mann vielleicht sogar wieder weggehen.

"Frauen kämpfen auch deshalb mehr um ihre Rechte, weil denen nichts in den Schoß gefallen ist. Die müssen kämpfen.“

Eine Frau in der Lausitz

Es scheint fast so, als ließe Sybille Tetsch sich von niemandem beirren, erst recht nicht von Männern. Mit ihrem Mann hat sie zwar schon in Niedersachsen zusammengearbeitet, aber abhängig hätte sie sich da nie gefühlt. Es wird deutlich, dass sie sich als Team verstehen. Aber wie war es für die Proschimerin als Frau in der Lausitz vor ihrem Weggang in den Westen?

Kurz vor der Wende begann sie eine Ausbildung zur „Revierförsterin“. Dass sie dort vor allem mit Männern zusammenarbeiten würde, stellte für sie gar kein Problem dar: “Ich habe immer lieber mit Männern gearbeitet. Ich mochte es auch, körperlich schwere Arbeit zu leisten. Ich wurde da akzeptiert. Das wird aber auch ein Unterschied zwischen Ost und West sein, denn die Männer im Osten waren ja auch so sozialisiert und es gewöhnt, dass da immer Frauen mit im Betrieb gearbeitet haben. Als ich mal auf einer Recyclinganlage gearbeitet habe, da hat auch keiner gefragt. Wenn da keiner da war, dann musste ich den wartenden LKW mit unserem Radlader beladen. Am Anfang haben die von dem Fuhrunternehmen vielleicht noch geguckt, weil sie Angst hatten, dass ich den LKW kaputt mache, aber das ging nicht anders.”

Allerdings wurden die Frauen nach der Wende in der Forstwirtschaft nicht mehr gebraucht. Doch auch diese Ansage verwandelte Sybille Tetsch damals in Tatendrang und begann ein Studium in Halle zur Umweltschutztechnikerin. Und ganz nebenbei war sie im Jahr 1994 Gründungsmitglied der Landfrauen in Proschim.

Frauenvereine für den Zusammenhalt

Der Landfrauenverband ist ein Verein, der zeigt, wie wichtig die Bedeutung der Frau auf dem Land überhaupt ist. Frau Tetsch erzählt, dass der Verein der Landfrauen sich gegründet habe, als das Dorf Proschim zum ersten Mal gesagt bekam, dass es stehen bleiben dürfe. Eine Bäuerin aus dem Dorf sei zu einem Treffen der Landfrauen in den alten Bundesländern gefahren und entschloss sich, so einen Verein auch in Proschim zu gründen. Der Grundgedanke dahinter: Frauen zusammenbringen. Vor allem Frauen, die nach der Wende arbeitslos geworden waren. Letztlich entwickelte sich aus einer kleinen Gruppe schließlich ein großer Orts-Landfrauenverband. Sybille Tetsch resümiert: „Ich glaube, dass die Landfrauen es damals geschafft haben, das zerrissene Dorf wieder zu einen. Als die Männer vielleicht noch nicht wieder miteinander gesprochen haben, haben sie gesagt: Jetzt machen wir ein Grillfest, jetzt machen wir etwas Schönes zusammen und sie haben die Männer mitgenommen und sie wieder zusammengebracht.“

Ihre Hoffnung setzt Sybille Tetsch auch in die jungen Frauen, etwa solche, die sich aktiv bei Fridays for Future einsetzen. Ihrer Meinung nach denken Frauen zukunftsorientierter als Männer: „Frauen kämpfen für die Zukunft, weil sie an die nächste Generation denken. Männer wollen den Status quo halten, wenn man so will. Sie wollen ihre derzeitige Macht sichern.“

Sybille Tetsch ist so eine Kämpferin. Und eine Ideengeberin, die viel Hoffnung darin setzt, dass irgendwann jemand ihrem Beispiel folgt und aus einer kleinen Idee etwas Schönes in Proschim schafft. Und wer weiß, vielleicht steht ja dann eines Tages – ein paar Häuser weiter vom Schmeckerlein – eine Ideenschmiede für Künstler*innen.

F WIE FRAGEBOGEN

Engagierte Lausitzerinnen stellen sich bei „F wie Kraft“ vor. Dieses Mal ist es…

Wie heißt du?

Tina Hentschel

Zweiter Vorname?

Den haben mir meine Eltern scheinbar noch nicht verraten.

Was fällt dir leichter: Ankommen oder Aufbrechen?

Aufbrechen ohne Anzukommen! Ich habe einen wahnsinnigen Gestaltungsdrang in mir, unsere Heimat voranzubringen und für unsere Kinder und Enkel (Oh, klingt das alt!) für die Zukunft auf feste Beine zu stellen. Immer wieder Aufbrechen also, Neues wagen, über Grenzen gehen und denken, ohne aber Anzukommen und sich auszuruhen, bequem einzurichten oder gar stehen zu bleiben. Wir leben in einer spannenden Zeit, da braucht es unseren weiblich feinfühligen und taktvoll mutigen Blick.

Wovon lebst du?

Vor allem von der Liebe und Zuneigung mir nahe stehender Menschen und einem tiefen christlichen Glauben an das Gute im Menschen. Das ist für mich auch beruflich, u. a. bei Gericht als „Anwältin für Kinder“ eine Basis, auf der ich versuche für die Kleinsten etwas zu bewirken. Um die Probleme der Menschen zu verstehen und auch Schwächen zu akzeptieren sowie positiv in Stärken umwandeln zu können, brauche ich diese Gewissheit, an die Liebe zu glauben – in so vielen verschiedenen Ausprägungen.

F wie Frau, L wie …?

Leidenschaft – als Ehefrau, Freundin, Geliebte, Weltentdeckerin, Familienmanagerin, Mutter mit großem Herz und starken Nerven, Berufstätige, Vordenkerin.

Was findet man in deiner Tasche?

Pssssst, großes Frauengeheimnis! Wir können doch der Männerwelt nicht die Tiefen unserer (Taschen)-Seele offenbaren. Aber so viel will verraten sein: fast alles, was Frau, Berufstätige und Mutter braucht.

Wie lebst du in zehn Jahren?

Da habe ich hoffentlich noch genauso viel Leidenschaft, Dinge anzupacken und den Mut, unbequem ehrlich und direkt zu sein. Mit der heute großen Hoffnung, dass unsere Kinder dann meinen, wir haben zumindest einiges in ihrem Leben richtig gemacht und auf einen guten Weg gebracht. Mit diesem Anspruch an mich selbst stehe ich jeden Morgen auf und meistere jeden sonnigen oder noch so wolkigen Tag.

Hast du einen Plan B?

Davonlaufen? Eingraben? Auswandern? Nein, im Ernst: es werden sich immer auch neue Türen öffnen, wenn sich bei bestimmten Plänen, die wir uns ausgemalt haben, eine Tür vielleicht schließt. Ich habe den festen Glauben, dass wir den großen ganzen Plan unseres Lebens sowieso nicht verstehen werden. Es ist aber beruhigend, dass es diesen bestimmt in irgendeiner Schublade dort oben gibt. Auch in Tiefen des Lebens vertraue ich darauf, an diesen zu wachsen, mit Kraft und neuer Erfahrung etwas Positives  rausziehen zu können. Das ist im ersten Moment des Scheiterns nicht immer schmerzfrei, aber wohl ganz einfach Teil unseres Lebens. Und Pläne B, C bis Z finde ich eigentlich noch viel spannender. Was da wohl alles noch auf mich zukommt …

Welches Buch liegt neben deinem Bett?

Ich habe unlängst eine Studie zum Thema Gehirnforschung gelesen. Demnach können wir uns selbst positiver „programmieren“, wenn wir jeden Tag 10 Dinge aufschreiben, für die wir dankbar sind, die uns gut gelungen sind und Freude bereiten würden. Daher liegt mein Positiv-Buch direkt griffbereit neben meinem Bett.

Wo fühlst du dich am lebendigsten?

Das sind so manch kleine Dinge unseres Lebens: mit dem Tretboot raus mitten auf den See fahren und ins kühle Nass rutschen, im Regen tanzen, laut singend durchs Haus wirbeln, mit Freundinnen den kalorienreichsten, aber leckersten Schokokuchen genießen, auf hohen Dächern die Weite unserer Heimat und manche Ferne bestaunen, ins kalte Gebirgswasser springen, auf dem Barfußweg jeden Zentimeter meiner Füße spüren, in die Sterne schauen und träumen, Schaumtürme in der Badewanne bauen, auf High Heels über unwegsame Pflastersteine das Leben jonglieren und in Herausforderungen stürzen, die andere für unmöglich erklären.

Wovon hast du zuletzt geträumt?

Vom Alltag eines kleinen Jungen, den ich beruflich begleiten durfte. Solche Träume, Dinge die uns nah gehen, machen uns letztlich in sozialen Berufen erst menschlich und lebendig. Andere Schicksale bewegen uns, wir nehmen Anteil an diesen und helfen mit großem Herz. Davon gibt es beeindruckend viele Menschen, die im Kleinen jeden Tag die Welt etwas reicher machen.

Tina Hentschel – Büro für Familienrecht und Mediation – Kids 1st Mediator

Mehr zu Tina Hentschel erfährt man auf ihrer Facebookseite

F WIE KRAFT GOES LAUSITZ

Unser Blick weitet sich

„F wie Kraft“ geht in eine neue Runde. Ihr habt „F wie Kraft“ als Plattform für engagierte Frauen aus der Oberlausitz kennengelernt. Nun steht da auf einmal Lausitz statt Oberlausitz. Warum das?

Weil wir weiter Grenzen überschreiten. Schon für die Plattform Frauen leben Oberlausitz haben wir die verwaltungsförmigen Grenzen zwischen dem Landkreis Görlitz und Bautzen verlassen – und punktuell auch die Landesgrenze nach Polen überschritten -, weil unser Leben nicht in Verwaltungseinheiten stattfindet. Mit Blick auf den Lausitzer Strukturwandel wird nun auch die Landesgrenze nach Brandenburg geöffnet. Die Lausitz befindet sich seit Jahrzehnten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess, der alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst: von der Wirtschaft, den Siedlungs- und Sozialstrukturen über die Verwaltung und Politik bis zu den Kulturen und Identitäten der Bewohner*innen. Mit dem beschlossenen Ende der Braunkohleverstromung im Jahr 2038 wird dieser Strukturwandel und seine Gestaltung noch einmal beschleunigt und zusätzlich herausgefordert.

In den bisherigen Thematisierungen und Beratungen zum regionalen Strukturwandel in der Lausitz werden vorrangig männerdominierte Berufsfelder und Arbeitsmarktsektoren (wie Bergbau, Energiewirtschaft oder Maschinen- und Anlagenbau) fokussiert . Auch die spezifischen Probleme, Sichtweisen und Gestaltungspotenziale von Frauen spielen nur eine marginale Rolle. Für uns ist klar: Im regionalen Strukturwandel in der Lausitz braucht es die aktive Mitgestaltung durch Frauen als Entscheidungs- und Verantwortungsträgerinnen. Nur so kann der komplexe Gesellschafts-, Wirtschafts- und Kulturwandel in der Industrieregion erfolgreich gestaltet werden. „F wie Kraft“ will hier initiierend und unterstützend eingreifen.

F wie Kraft goes Lausitz

Seit nunmehr 4 Jahren thematisieren wir forschend und aktivierend die Perspektiven und Lebensweisen von Frauen in der Oberlausitz im regionalen und öffentlichen Raum. Vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen hat uns die Zukunftswerkstatt Lausitz den Auftrag erteilt, Frauen aus der gesamten Lausitz als Protagonistinnen des Strukturwandels zu adressieren. In der aktuellen Projektphase arbeiten wir also eng mit der Zukunftswerkstatt Lausitz, einem Projekt der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH, zusammen. Deren Ziel ist es, neue und nachhaltige Perspektiven der Lausitz zu finden, neue Möglichkeiten der Wertschöpfung vorzudenken und die Attraktivität der Lausitz als Wirtschafts- und Lebensraum zu steigern – und dies erstmals länderübergreifend.

Wir setzen uns im Laufe des Jahres 2020 dafür ein, dass die Perspektiven der Lausitzer Frauen in diesem Prozess Gehör finden. Wir werden Frauen und ihre Netzwerke wie gewohnt aktiv unterstützen und mit Euch daran arbeiten, dass Eure Probleme, Perspektiven und Potenziale im regionalen Strukturwandel der Lausitz sichtbar sowie die Selbstorganisation Eurer Interessen und Ideen gefördert werden. Unsere Aufgabe ist es, dass Eure Anliegen Berücksichtigung finden und ihr Euch deutlich stärker in die politischen und zivilgesellschaftlichen Entscheidungsprozesse einbringen könnt.

Alle Informationen über das aktuelle Projekt und seine Meilensteine sind hier zu finden.

Karte der Lausitz - Quelle: https://zw-lausitz.de/fileadmin/user_upload/01-content/03-zukunftswerkstatt/02-downloads/grafiken_lausitzbroschuere/karte_gemeinden.jpg

Pauline und Marie sind zum „F wie Kraft“-Team dazugestoßen und führen Frauen aus der Nieder- und Oberlausitz zusammen

Mein Name ist Pauline und ich bin bei „F wie Kraft“ seit Dezember 2019 u. a. für die Projektkoordination und Veranstaltungsorganisation zuständig. Aufgewachsen bin in einem kleinen Dorf in Thüringen und habe außer in Weimar auch in Dresden, Marburg und Valencia gewohnt. Nach Görlitz bin ich, wie so viele, für mein Studium gekommen. 3 Jahre und einen Masterabschluss in Kultur und Management später bin ich immer noch hier.

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Durch meine Arbeit im Projekt F wie Kraft erhoffe ich mir nun, die Gesellschaft und die Region, in welcher ich lebe, noch besser kennen zu lernen und zu verstehen. Denn ich weiß, wie es ist, als gut ausgebildete junge Frau vor der Frage zu stehen, ob ich nach meinem Studium in Görlitz bleiben will oder nicht. Die Jobs liegen hier nicht auf der Straße, wenn man sich nicht von Projekt zu Projekt hangeln will. Viele Kommiliton*innen und Freund*innen verlassen Görlitz wieder. Wäre es da nicht einfacher, ebenfalls das Glück in anderen (Groß-)Städten zu suchen?

Fasziniert vom Leben in Görlitz und den Möglichkeiten, sich in die Stadtgesellschaft einzubringen und Menschen kennenzulernen, habe ich mich dazu entschieden, zu bleiben. Und nun will ich raus aus der Görlitzer Studierenden-Blase und rein in die Lausitz. Denn wie es ist, beispielsweise im brandenburgischen Heinersbrück zu leben und im Tagebau Jänschwalde zu arbeiten – das kann ich mir nur ansatzweise vorstellen. Umso neugieriger bin ich deshalb, von anderen Frauen zu erfahren, wie sich das anfühlt. Was prägt das Leben dort? Was ist schön? Was fehlt? Und lebt und arbeitet es sich dort überhaupt so anders als in Görlitz? Haben wir vielleicht ähnliche Wünsche und Ziele? Und kämpfen wir am Ende nicht alle mit den gleichen Sorgen, Zweifeln und Problemen? Ich hoffe, dass ich mich als vermeintlich Außenstehende möglichst neutral und lösungsorientiert den Themen, Problemen und Ideen von Frauen in der Lausitz nähern kann.

Ich freue mich sehr auf die Zeit bei „F wie Kraft“, auf Veranstaltungen, Blogbeiträge, Meinungsaustausch und neue Erkenntnisse. Und darauf mit Menschen, vor allem Frauen, zu reden, Haltungen und Meinungen anzuhören und zu diskutieren, diese manchmal annehmen, aber es auch mal aushalten, wenn die Meinung nicht der eigenen entspricht.

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Mein Name ist Marie. Ich bin in einem winzigen Dorf in der Nähe von Bautzen aufgewachsen und wollte seit ich denken kann schon immer in die weite Welt hinaus. Nachdem ich in Leipzig, Berlin, Bukarest, Granada und vielen weiteren Orten gelebt habe, hat es mich nun doch zurück in die Lausitz gezogen. Das Gefühl, als junger Mensch dort gebraucht zu werden und mich zivilgesellschaftlich einbringen zu können, ließ mich nicht los. Ich habe den Schritt nicht bereut und fühle mich hier angekommen.

Als ich von der Stellenausschreibung für „F wie Kraft“ hörte, kannte ich das Projekt bereits, da ich in der Bautzener Stadtgesellschaft relativ umtriebig bin. Dort stieß ich auf diverse Frauen, die im Rahmen von „F wie Kraft“ oder dem Frauen.Wahl.Lokal Oberlausitz aktiv  sind. Mich fasziniert der Gedanke, den weiblichen Blick auf die Dinge, die in unserem unmittelbaren Umfeld passieren, zu schärfen. Außerdem hatte ich große Lust, mich mit aktiven Menschen in der ganzen Lausitz zu vernetzen. Nun bin ich seit November 2019 teil von „F wie Kraft“ und kümmere mich hauptsächlich um die Website, Öffentlichkeitsarbeit sowie Verwaltungsaufgaben. Ich freue mich stets über journalistische Beiträge, Interviews, Porträts oder Veranstaltungs- und Ausflugstipps von, über und für starke Frauen aus der Lausitz, welche wir hier veröffentlichen können.

Mein Ziel für das Projekt ist, zivilgesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich engagierte Frauen aus der Lausitz dabei zu unterstützen, Gleichgesinnte zu finden und sich über Herausforderungen, Erfolgserlebnisse, Wünsche und Träume auszutauschen. Es wäre toll, wenn wir durch unser Projekt ein Gefühl der Verbundenheit und Solidarität stärken können. Und damit allen Frauen in der Lausitz zeigen können, dass, auch wenn es uns in unseren Dörfern und Kleinstädten manchmal eng wird, Verbündete aus unserer Region ganz nah sind.

F wie "Starkes Team"

Wissen, Vernetzen, Ermächtigen

In diesem Jahr planen wir, die durch „F wie Kraft“ im sächsischen Teil der Lausitz bereits begonnene Vernetzung auf die Brandenburger Lausitz auszuweiten. Wir möchten das Empowerment und die Vernetzung beruflich etablierter, ehrenamtlich aktiver und engagierter Frauen voranbringen und nachhaltig mitgestalten. Und hier kommt Ihr ins Spiel: „F wie Kraft“ ist Eure Plattform und lebt von Euren Ideen, Gedanken und Erfahrungen. Tretet mit uns in Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. und lasst uns gemeinsam Wege finden, wie wir die Lausitzerinnen zusammenbringen können. Wir freuen uns auf Euch!

F WIE GEBÄREN

F wie Gebären

Das ist vor allem die Kraft, die Frauen aufbringen, wenn sie ein Kind gebären. Diese wundervolle, krasse Energie und Power, die jede Frau in sich hat und die dann wirklich so rauskommt, wenn man sie einfach in einem geschützten Rahmen machen lässt, was sie machen möchte und ihr die Möglichkeit gibt, ihr Kind ganz alleine zu gebären. Das ist schon sensationell, was da für Energie in den Raum kommt und was da für eine Kraft dahintersteckt. Ja, das ist F wie Kraft in meinem Beruf.“

Katja Richter ist selbstständige Hebamme in Görlitz. Mit ihr habe ich mich über ihren Weg nach Görlitz, ihre Arbeit hier und über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterhalten. Im Sommer 2014 hat sie hier ihre eigene Praxis eröffnet und arbeitet als Beleghebamme am Görlitzer Klinikum. An ihrer Seite stehen ihr Mann und ihre 2 Kinder. Aber bis es zu unserem Treffen kam, mussten wir einige Hürden meistern. Da kamen Geburten, verschobene Vor- und Nachsorgen und einige Krankheitsfälle in unseren Familien dazwischen.

Spontan gekommen – und geblieben

Wie kam Katja, ursprünglich aus der Nähe von Kiel und für ihre Ausbildung nach Westfalen gezogen, nach Görlitz? Darauf weiß sie auch keine rechte Antwort. „Irgendwann im Januar 2012 bin ich hier plötzlich aufgewacht.“ Ob nun Zufall oder Schicksal, an einem Wendepunkt in ihrem Leben hat sie sich kurzentschlossen auf eine Stellenanzeige des Görlitzer Klinikums beworben. „Ich dachte, wenn es mir hier nicht gefällt, dann gehe ich einfach wieder.“ Das ist nun schon 7 Jahre her und ans Gehen denkt sie nicht mehr. „Aber wer weiß, ich halte mir die Option stets offen!“

Als Beleghebamme betreut Katja werdende Mütter in der Schwangerschaft und begleitet sie auch zur Geburt selbst ins Klinikum. Hier war Katja in ihren ersten 3 Jahren in Görlitz angestellt und ging dann nach und nach nebenbei in die Freiberuflichkeit. 2 Kinder später und mit eigener Praxis, bietet sie seit Dezember 2017 auch wieder Geburtshilfe an, nun als Selbstständige. Für diese Schritte hat sie sich gut beraten lassen und informiert sich auch weiterhin selbst zu allen Belangen, die diese Selbstständigkeit erfordern. Ein berufsbegleitendes Studium im Gesundheitsmanagement für Hebammen hat sie parallel zur Freiberuflichkeit aufgenommen, um sich auch in Bereichen wie Betriebswirtschaftslehre, Qualitätsmanagement und Risikomanagement weiterzubilden. „Als freiberufliche Hebamme ist man einerseits Hebamme und doch auch Unternehmerin, das schließt sich nicht aus. Wir brauchen viel Wissen über unsere Hebammenfähigkeiten hinaus.“

Katja Richter

Selbstbestimmte Geburten sind hier kaum möglich

In Görlitz sieht Katja die Versorgung für die Schwangerschaft und das Wochenbett, also die ersten Monate nach der Geburt, noch gewährleistet. Jede Frau, die sich in der frühen Schwangerschaft auf die Suche begibt, bekommt in dieser Zeit Unterstützung durch eine Hebamme. Problematisch wird es, wenn es um die Geburt an sich geht. In vielen Frauen entsteht während der Schwangerschaft der Wunsch, auch die Geburt gemeinsam mit der Hebamme zu meistern, die sie auch durch die Schwangerschaft begleitet hat. Dieser Wunsch geht allerdings für die wenigsten in Erfüllung. Das Geburtshaus in Löbau musste 2014 schließen, aktuell begleitet nur Katja als Beleghebamme ihre Frauen zur Geburt in die Klinik. Im Landkreis gibt es noch eine einzige Hausgeburtshebamme für Frauen, die ihr Kind zuhause zur Welt bringen wollen. Katja selbst betreut im Jahr zwischen 20 und 30 Frauen und kann sich vorstellen, wenn die äußeren Umstände mal besser passen, auch mehr Betreuungen anzunehmen.

Individuell betreuen, wirtschaftlich denken

Das Thema Hebammenversicherung kann sie in den Medien langsam nicht mehr hören. Ja, sie ist hoch, aber sie sagt auch, dass es den Hebammen in der Vergütung nicht schlechter geht als anderen Berufsgruppen im sozialen Bereich. Für freiberufliche Hebammen mit Geburtshilfe gibt es seit einigen Jahren den sogenannten Sicherstellungszuschlag, damit wird auf Antrag ein Großteil der Versicherungssumme durch den Spitzenverband der Krankenkassen zurück erstattet. Bietet eine selbstständige Hebamme keine Geburtshilfe an, kann sie sich über diverse Anbieter wesentlich günstiger versichern lassen. Außerdem sind im Krankenhaus angestellte Hebammen, wie hier im Görlitzer Klinikum, über dieses versichert.

Hebammen müssen genauso wie alle anderen selbstständigen Unternehmerinnen wirtschaftlich denken, handeln und planen. Und das fällt Hebammen besonders schwer, weil sie darin nie ausgebildet wurden. Man lernt diesen Beruf und ist in erster Linie Hebamme. Aber es gehört dann zur Selbstständigkeit dazu. Und wenn ich halt plane, Geburtshilfe mit anzubieten, dann muss ich kalkulieren wie viele Geburten brauche ich, mit Ausfall rechnen um dann zu sagen: „Gut, so und so viele, dann kann ich die Versicherung zahlen und so und so viel bleibt dann übrig. Und dann muss man sich entscheiden, ob man Geburtshilfe mit anbietet oder nicht.“

Für Katja ist klar, dass sie Geburtshilfe anbieten will. Und nicht nur das: Über ihre Praxis bietet sie selbst auch Vor- und Nachsorgen sowie Geburtsvorbereitungskurse an. Die Praxis versteht sie als Angebot für die ganze Familie während der Schwangerschaft und in den ersten Jahren danach. Darunter zählen Schwangerschafts-Yoga und -gymnastik, Rücken-Fit-Kurse sowie PEKiP- und Eltern-Kind-Kurse. Dafür arbeitet Katja mit Sozialpädagoginnen, Physiotherapeutinnen und Trageberaterinnen zusammen.

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Rufbereitschaft – eine Herausforderung für die ganze Familie

„Geburtshilfe anzubieten ist verbunden mit einem hohen persönlichen Aufwand, der Rufbereitschaft. Und das ist die Frage: Lässt sich das wirklich in Geld aufwiegen, dass man 24 Stunden am Tag rufbereit ist, dass man nicht einfach mal das Wochenende nach Dresden fahren kann? Und dass man allen Urlaub ungefähr ein dreiviertel Jahr im Voraus planen muss.“

Sie selbst hat es sich immer so vorgestellt und gewünscht, Frauen in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett betreuen zu dürfen. Aber das erfordert auch eine Familie, die einem zur Seite steht. „Es hat sich so schrittweise aufgebaut, dass meine Familie da rein wachsen konnte. Erst die Wochenbettbetreuung, dann habe ich die Schwangerenvorsorge und die Kurse dazu genommen und jetzt halt noch seit etwas über einem Jahr die Geburtshilfe. Es gab viele Gespräche mit meinem Mann, wie die Belastung aussehen könnte. Es gibt auch immer wieder Monate, wo ich keine Rufbereitschaften mache, damit sich die Familie wieder ein bisschen entspannen kann. Denn es ist ja schon so, dass, wenn man Bereitschaft hat, die ganze Familie Bereitschaft hat. Aber die Kinder verstehen das und sagen, für Geburten darf ich immer gehen. Ich wünsche mir, dass meine Kinder es mir nie zum Vorwurf machen werden, dass ich mich um so viele andere kümmere und dass die beiden auch genug abbekommen. Das ist schon eine Angst, die da ist.“

Sich (Teil)Zeit nehmen

Katja sorgt regelmäßig dafür, Freiräume für die Familie und sich selbst zu schaffen. Denn auch, wenn ihr Mann absolut hinter ihr steht und sieht, was sie für eine wichtige Arbeit macht, braucht die Familie als Ganzes ihren Raum. Auf meine Frage, was sie und ihre Familie am besten bei der Vereinbarkeit unterstützen würde, damit es für alle passt, sagt Katja:

„Es würde auf jeden Fall sehr helfen, wenn mein Mann in Teilzeit arbeiten dürfte. Er selber will das auch, aber es klappt im Moment noch nicht. Wir arbeiten aber daran. Wobei das nicht nur am Arbeitgeber liegt, sondern auch an den gesellschaftlichen Strukturen. Es ist einfach doch noch sehr ungewöhnlich, dass ein Mann nur in Teilzeit arbeiten gehen will. Aber wir merken, dass wir das wollen und auch brauchen.“

OHNE FRAUEN IST KEINE LAUSITZER ZUKUNFT ZU MACHEN!

JETZT SIND WIR FRAUEN GEFRAGT. DENN WER KANN UNSERE RECHTE, WÜNSCHE UND BEDÜRFNISSE BESSER VERTRETEN ALS WIR?

Die Zukunftswerkstatt Lausitz arbeitet an einer Lausitzer Entwicklungsstrategie. Bis 18. Oktober 2019 läuft dafür ein Online-Bürgerinnendialog. Dieser sammelt Perspektiven und Ideen aus der Bürgerinnenschaft. Für eine Lausitzer Entwicklungsstrategie, die nicht „von oben“ übergestülpt wird, ist das ein wesentlicher Faktor.

Noch bis zum 18.10. können sich alle Lausitzer*innen am Bürger*innendialog der Zukunftswerkstatt beteiligen, denn das Leitbild für den Strukturwandel der Lausitz kann nicht nur Kohleausstieg heißen.

Es geht um weit mehr als die Sicherung der Stromversorgung und Arbeitsplätze durch den Austausch von Ressourcen und Technologien.

Es geht um das gesellschaftliche Miteinander, eine lebenswerte Zukunft und kulturelle Vielfalt in Ostsachsen und Südbrandenburg auch für die nächsten Generationen in einer globalen Welt auf einer begrenzten Erde.

Also bringt Eure Perspektiven dazu mit ein!

-> Was macht das Leben in der Lausitz für Euch aus?

-> Wie soll die Lausitz von morgen für Euch aussehen?

-> Was sind Eure Zukunftsthemen für die Zukunft der Lausitz?

Zu finden unter:
 
 
 

„HETERO-SEX ORIENTIERT SICH AN MÄNNLICHEN BEDÜRFNISSEN“

Sexuelle Gesundheit – von Frauen und Männern – wird durch die Weltgesundheitsorganisation WHO beschrieben als

Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität und nicht nur das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen.

Der nachfolgende Beitrag von Brigitte Theissl setzt sich mit sexueller Gesundheit aus einer feministischen Perspektive auseinander; er erschien zuerst in dem österreichischem Magazin an.schläge. Wir veröffentlichen ihren Beitrag hier erneut und bedanken uns für die Zweitnutzung. Zu dem Themenfeld sexuelle Gesundheit gibt es vom Frauengesundheitszentrum in Graz ein umfassendes Informationsangebot unter www.frauengesundheitszentrum.eu/sexuelle-gesundheit-von-frauen.

Frauen verdienen nicht nur weniger als Männer – sie kommen beim Hetero-Sex auch deutlich seltener zum Höhepunkt. Fünfzig Jahre nach den ersten, revolutionären Werken zur weiblichen* Lust ist es mit der sexuellen Befreiung nicht weit her. Für die feministische Debatte heißt das: zurück zum Start.

„Kannst du dich an deinen letzten Sex erinnern?“ Für einen Videobeitrag des britischen Magazins „Babe“ schlendert eine Redakteurin durch einen Londoner Bezirk und fragt junge (Hetero-)Männer nach ihren jüngsten sexuellen Erlebnissen. Ob er gekommen ist? Natürlich. „Und hatte sie auch einen Orgasmus?“ So sicher sei man sich da nicht. „Woher wusstest du dann, dass der Sex vorbei ist?“ Die verstörten Gesichter der Interviewpartner sprechen Bände: Den Samenerguss als Höhepunkt und Ende heterosexueller Begegnungen zu hinterfragen, scheint nach wie vor alles andere als selbstverständlich. Erektion – Penetration – männlicher Orgasmus, so die gängige Formel patriarchaler Glückseligkeit. „Es ist völlig normal, dass der Mann immer einen Orgasmus hat. Wenn die Frau Glück hat, passiert es bei ihr eben auch – so wurde ich sozialisiert“, sagt Sara. Die 29-Jährige, die eigentlich anders heißt, führt aktuell eine Beziehung mit einem Mann und hat guten Sex – erstmals. Mit ihrem Ex-Freund war das ganz anders. „Hättest du mich damals um ein Interview über Geschlechterrollen und Sex gebeten, ich hätte bestimmt Nein gesagt.“ Offen über Sexualität zu sprechen sei immer noch tabuisiert, sagt Sara, ihre Beziehung wollte – oder aber musste – sie sich schönreden. In dem kleinen Ort, in dem sie aufgewachsen ist, bevor sie nach Wien zog, waren die Verhältnisse noch enger. Sexualpädagogik in der Schule? Fehlanzeige. „Erst als ich angefangen habe, mich mit feministischen Themen zu beschäftigen, sind mir immer mehr Dinge aufgefallen, ich habe Selbstverständlichkeiten erstmals hinterfragt“, sagt Sara, die als Projektmanagerin und am Wochenende in einer Bar arbeitet. Etwa dass Oralsex von Männern erwartet und in fast jedem Hollywoodfilm dargestellt, aber selten erwidert werde.

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Orgasmus-Lücke. Die männliche Orgasmus-Garantie lässt sich sogar mit wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauern: In einer qualitativen US-amerikanischen Studie, die im vergangenen Jahr in der Fachzeitschrift „Archives of Sexual Behavior“ veröffentlicht wurde, gaben 95 Prozent der Männer an, in der Regel beim Sex zum Höhepunkt zu kommen. Bei lesbischen Frauen waren es immerhin 86 Prozent. Das Schlusslicht bildeten hingegen die Heteras: Nur 65 Prozent erleben regelmäßig einen Orgasmus beim Sex mit Partnern. Der Schlüssel zu dem ernüchternden Ergebnis liegt nicht in der mythenbehafteten, angeblich so komplexen weiblichen Anatomie, die Lesben besser verstehen würden – für die Orgasmus-Lücke zeichnet das Patriarchat verantwortlich. Hetero-Sex sei stark auf männliche Bedürfnisse ausgerichtet, so die Studien-Autorinnen, Frauen, die ihre Wünsche kommunizieren, experimentierfreudiger sind und manuell/oral befriedigt werden, erleben auch häufiger Orgasmen.

Norm-Sex. „Ich kriege keinen Orgasmus, mein Partner muss mich zusätzlich mit der Hand stimulieren, was stimmt bei mir nicht?“ Diese Frage gehört zum täglichen Geschäft von Kerstin Pirker. Die Sexualpädagogin arbeitet im Frauengesundheitszentrum in Graz, berät Mädchen und Frauen zu Fragen rund um Sexualität, sie leitet Workshops und hält Vorträge – zum Beispiel über die Klitoris. „Darüber rede ich mir eine gefühlte Ewigkeit den Mund fusselig. Es existiert noch immer so viel Unwissen“, sagt Pirker. Nach zwanzig Jahren sexualpädagogischer Arbeit zieht die Expertin eine ernüchternde Bilanz: Themen, die seit über vierzig Jahren in der feministischen Literatur verhandelt werden, sind immer noch brandaktuell. „Natürlich, es gibt gut gemachte feministische Pornografie, es gibt durchaus junge Frauen, die sich selbstbestimmt und lustvoll ausprobieren, polyamor leben – aber das spielt sich großteils in einer feministischen Blase ab, nicht in der breiten Gesellschaft“, sagt Pirker. Und neuer (Leistungs-)Druck würde hinzukommen: etwa durch medial vermittelte Bilder perfekter, normschöner Körper. Auch die Mainstream-Pornografie drückt sexuellen Vorstellungswelten einen rigiden Stempel auf: Mann „nimmt“ Frau, oral, vaginal, anal – so das pornografische Standardrezept.
„Mir fällt auf, dass Analsex zur Routine geworden ist. Meine letzten drei Sexpartner wollten mich richtiggehend dazu überreden“, sagt Stefanie, die in einer einseitig offenen Beziehung lebt. Dass das auch mit Pornografie zu tun hat, davon geht die 35-jährige Projektmanagerin aus. Sich öffentlich bedeckt halten, eigene Beziehungen schönreden, das kennt auch Stefanie. Mit gängigen Geschlechterrollen fühlte sie sich als Teenager ebenso unwohl wie im eigenen Körper, „da war eher das Gefühl, dass ich dankbar sein muss, wenn sich ein Typ für mich interessiert“. All die negativen Erfahrungen tauscht sie mittlerweile offen im Freundinnenkreis aus – die Kluft zwischen Filmbildern, Vorstellungen und dem realen Bettgeschehen, das sei ein verbindendes Thema zwischen Hetero-Frauen, meint Stefanie. „Meine Sexualität baute immer stark darauf auf, gesehen und begehrt zu werden, weil mir gefühlt nichts anderes angeboten wurde. Das hält sich hartnäckig und ärgert mich sehr.“ Umso wichtiger ist ihr heute eine offene Debatte – nicht zuletzt für die eigene Suche nach neuen Bildern und Konzepten.

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Schmerzfrei. In Sachen Pornografie ist auch die feministische Debatte nicht so offen, wie es auf den ersten Blick erscheint. Während sich alarmistische Porno-Gegnerinnen und sexpositive Feministinnen*, die auf hochqualitative queer-feministische Pornografie setzen, unversöhnlich gegenüberstehen, bleibt der Mainstream-Porno, der jede kostenlose Internetplattform dominiert und damit Teil der Jugendkultur ist, häufig außen vor. Sexualwissenschaftliche Studien bescheinigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen sehr liberalen Umgang mit der Pornografie. Viele junge Frauen finden sie zwar nicht erregend, lehnen sie aber auch nicht ab. „Heute ist das eben so, das ist tatsächlich das Resümee der meisten ForscherInnen. Ich bin insofern skeptisch, als es einen starken Druck gibt, informiert und offen zu sein, alles schon probiert zu haben“, sagt Sexualpädagogin Kerstin Pirker. Die Sache mit dem Analsex kennt auch sie aus der Beratungsarbeit. Warum Menschen denn eigentlich Analsex haben, sei vor zwanzig Jahren eine typische Frage gewesen, heute ginge es oft darum, wie er ohne Schmerzen zu bewerkstelligen sei. „Wenn ich mit Mädchen hingegen darüber spreche, wie lustvoll es sein kann, sich selbst am Anus zu berühren, finden das dann viele eklig“, erzählt Pirker.
Ekel und Scham haben lange das Sexleben von Tamara geprägt. Als sie im Teenager-Alter die ersten sexuellen Erfahrungen sammelte, lautete die Botschaft ihrer Mutter: Ein Mädchen, das mit 15 schon einen Freund hat, ist ein Flittchen. „Wenn Mädchen sexuell aktiv wurden, Begehren äußerten, war das problematisch. Und ich denke, es ist heute – vor allem am Land – noch immer so.“ Die Vorstellung, dass Sexualität etwas Schmutziges, Beschämendes sei, prägte auch Tamaras Beziehung zum eigenen Körper, lange kämpfte sie mit einer Essstörung, erzählt die 34-Jährige, die am Stadtrand von Graz aufgewachsen ist und heute als Lehrerin in Wien arbeitet. In Beziehungen, in denen Tamara auch Gewalt erfahren hat, nahm sie vieles als selbstverständlich hin. „Beim Sex konnte ich meinen Kopf, meinen Körper quasi ausschalten, ich habe einfach mitgemacht.“ Als sie mit 26 nach London reiste und dort in einem Club einen Mann kennenlernte, verblüffte sie dessen Verhalten in der gemeinsamen Nacht: „Er fragte mich: Was willst du, zeig mir, was dir gefällt. Das hatte mich in zehn Jahren noch nie jemand gefragt“, erinnert sich Tamara.

Schamhaft. Psychologin Sandra Konrad, die im kürzlich erschienenen Buch „Das beherrschte Geschlecht“ Frauen eine Unterwerfung unter patriarchale Normen attestiert, die sich als selbstbestimmte Entscheidung tarne, betrachtet die Scham als zentrales Element weiblicher* Sexualität. „Scham sitzt Frauen wirklich in den Knochen, und Beschämung ist die stärkste Waffe patriarchaler Gesellschaften, um Frauen zu kontrollieren. Wenn sie sich nicht an die Regeln halten, sind sie entweder zu nuttig oder zu verklemmt“, sagte sie in einem Interview auf Diestandard.at. Im Zuge von #MeToo sieht Konrad die historische Chance, sexuelle Befreiung und Selbstbestimmung – die schon seit Jahrzehnten von Feministinnen* eingefordert werden – gesellschaftlich breit zur Debatte zu stellen.
Die feministisch lang erträumte „sexuelle Befreiung“ – ohne sexuelle Basisbildung und ein „Breitbandpaket“ wird sie nicht möglich sein, ist Kerstin Pirker überzeugt. Dazu gehören sexualpädagogische Angebote in allen Schulen, in gynäkologischen Praxen, entsprechende Ausbildungen für alle relevanten Berufsgruppen:

„Wir müssen die Debatte immer wieder neu aufrollen. Feministinnen sind Wegbereiterinnen, aber sie dürfen nicht davongaloppieren. Wenn Mädchen heute nach wie vor ihre Genitalien nicht benennen können, müssen wir wirklich zurück zur Basisbildung.“

SOHLAND LEBT!

Ein schöner Ort für mehr Austausch in dem acht Kilometer langen Sohland am Rotstein. Diese Idee wird seit Anfang 2018 durch eine Gruppe in dem Dorf gesponnen. Einige Frauen der Gruppe begleiten F wie Kraft seit längerem – und bereichern unsere analogen Treffen mit ihren Perspektiven und Gedanken. Höchste Zeit Sohland lebt! hier vorzustellen.  

Begegnungen im Dorfzentrum

Ein Dorf braucht einen Ort der Begegnung und auch die Möglichkeit, mal ein Eis oder vielleicht sogar Lebensmittel für den täglichen Bedarf zu kaufen. In Sohland am Rotstein sind sich darin alle einig. Einige Sohländer*innen möchten ihre handwerklichen Fähigkeiten weitergeben, andere möchten von jenen lernen. Manche regen an, große Tische zur Verfügung zu stellen, um Jung und Alt im Niederdorf und Oberdorf zusammenzubringen. Andere wollen einen leichteren Zugang zu den Produkten der Bäuerinnen und Bauern im Dorf. Und Kulturveranstaltungen – das ganze Jahr hindurch.

Die Idee eines Treffpunktes mit Café wurde 2018 angestoßen durch den Dorfumbauplan – einige Sohländer*innen haben diese Idee schon länger im Kopf. Die Resonanz ist groß, eine passende Immobilie gibt es auch: den Mittelhof 183. Mit den positiven Stimmen im dörflichen Alltag wächst der Mut zur Umsetzung.  Der Kindergarten in nächster Nachbarschaft de sMittelhofes ist schon heute Treffpunkt vieler junger Familien. Die Eltern und auch die Kindergartenleitung unterstützen die Entwicklung der Vision.

Einst gab es bis zu neun Gaststätten und drei Bäckereien in Sohland. Heute ist davon nur noch ein Getränkehandel mit kleinem Ausschank übrig. Auch Lebensmittelläden haben die letzten Jahre bis heute nicht überdauert. Der entstehende Treffpunkt in der Dorfmitte greift den Bedarf an Begegnungsräumen in Sohland auf und wirkt auf drei Ebenen.

 

Treffen: Begegnung ermöglichen

Wir erschaffen ein soziokulturelles Zentrum – einen Ort für die Gemeinschaft der in und um Sohland lebenden Menschen, der mehr Miteinander und Zusammenhalt sowie regelmäßige Treffen ermöglicht.

Wir öffnen regelmäßig an mehreren Tagen der Woche ein gemütliches Dorfcafé – mit Raum für Kulturangebote, Gespräche und Austausch von Fähigkeiten. Der Raum hierfür wird gemeinschaftlich gestaltet, entwickelt und betrieben.

Wir erschaffen einen Spielraum – für Groß und Klein: zum Entspannen und Entdecken, mit Naturmaterialien und Büchern, gemütlich und offen zum Café-Raum.

Austauschen: Miteinander fördern

Eine Plattform der aktiven Nachbarschaftshilfe: Alleinstehende und ältere Menschen in Sohland haben oft keine nahen Verwandten, die ihnen mit Einkauf, Fahrten für Erledigungen oder einem kleinen Plausch den Alltag erleichtern könnten.

Austausch handwerklicher Fähigkeiten:  von Erfahrenen für Interessierte, egal ob Jung oder Alt. Gerade im ländlichen Raum gibt es noch das Wissen um alte handwerkliche Fähigkeiten vom Wolle spinnen, über das Einmachen hin zum Sensen dengeln, was verbunden mit modernem Wissen, zum Beispiel zu digitalen Medien, eine fruchtbare Ergänzung bildet.

Geniessen: Von Nahversorgung zu Esskultur

Der geschaffene Ort bietet Raum für die Versorgung mit lokalen/regionalen Produkten. Zudem ist er Basis für die Organisation einer lokalen Lebensmittelversorgung durch Produzent*innen aus der Region. 2019 wird eine Verbrauchergemeinschaft für Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs gegründet werden. Es geht um mehr Lebensqualität durch Lebensmittel mit Qualität – von örtlichen Landwirtschaften wie dem Heckenhof am Rotstein – saisonal, biologisch, verpackungsarm und handgemacht.

Die Vorteile eines solchen Ortes für die Dorfgesellschaft sind vielfältig:

  • mehr Zusammenhalt, mehr Zufriedenheit im Dorf
  • Belebung der Ortsmitte
  • Wertschöpfung in der Region, im Ort verbleibend
  • Größere Attraktivität des Ortes Sohland am Rotstein für Besucher*innen durch den regelmäßigen Cafébetrieb
  • Kulturangebot und soziales Miteinander als weiche Standortfaktoren, um die Entscheidung zum Kommen und Bleiben zu festigen
  • potenziellen Rückkehrern*innen und Menschen, die aufs Land ziehen möchten, soll die Entscheidung leichter gemacht werden – als Wohnort für Junge wie Alte
  • mehr Lebensqualität für Menschen in allen Lebenslagen

Die Organisationsgruppe freut sich über Unterstützung und Zuwachs. Wir sind unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. erreichbar. Die nächsten Termine vor Ort werden hier angekündigt.

Mittelhof 183: Mitten in Sohland (Ausschnitt: Openstreetmap.de)

Am 9.2.2019 fand eine Ideenschmiede in den neuen Räumlichkeiten statt. Jede und jeder waren eingeladen, in unseren Bestandsplänen kreativ zu werden und Gestaltungsideen einzubringen. Ziel ist es, dem Raumkonzept einen Schritt näher zu kommen, um konkret in die Planung des Umbaus gehen zu können.

Welche Möglichkeiten bietet der Raum im Mittelhof für den neuen Treffpunkt und das Café? Wie können Bedarf und Gegebenheiten sinnvoll zueinander finden? Wo soll der Café-Raum genau sein und wie groß stellen wir ihn uns vor? Wo kommt die Küche hin? Wo die Toiletten? Was für Räumlichkeiten werden noch benötigt? Vielleicht ein Spielraum für Kinder? Oder gibt es Interesse an zu mietenden Büroräumen mit gemeinsamer Infrastruktur (Coworking Space) in Sohland?
 
 
 

 

„SUPER, UND DIR?“

Die Protagonistin, Marlene Beckmann, hat gerade ihr Studium abgeschlossen und tritt nun in die Sphären der Lohnarbeit ein. Sie ist Volontärin in einem multinationalen Unternehmen und betreut den Auftritt der Firma in den sozialen Medien. Sie hofft, sich hier selbst zu verwirklichen.

An ihrem ersten Arbeitstag macht sie 25 Selfies vor dem Gebäude, sucht das Beste aus und postet es mit der Bildunterschrift: „Yay, erster Tag!“. Stimmung: glücklich. Zufrieden schaut sie zu, wie die Like-Zahl steigt. „Daumen hoch, Daumen hoch, Herzchen, Glückwünsche und noch mehr Herzchen.“

Marlene teilt sich ein dunkles Büro, welches sie „den Schlauch“ nennt, mit Maya. Die beiden konkurrieren um eine Festanstellung nach dem Volontariat. Dieser vermeintliche Wettstreit bewegt sie zu chronischem Überengagement. Selbstverwirklichung heißt daher in ihrem Fall, um die 70 Stunden pro Woche zu arbeiten.

„Der Schlauch ist jetzt mein Zuhause, darin wohne und schlafe ich mit offenen Augen, hier schreibe ich auf Facebook lustige Postings, um meinen 532 Freunden mitzuteilen, dass es mir extrem gut geht und ich so dermaßen erfolgreich bin. Wenn dann die ersten Freunde mein Glück liken und kommentieren, fühle ich mich für einen Moment sehr ruhig. Ich mache das Richtige, ich arbeite, ich funktioniere, ich networke, ich mache Karriere, ich bin ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft und trage zum Bruttoinlandsprodukt bei, zahle Steuern und unterstütze die Industrie mit meinem ständigen Konsum von unnützem Zeug. Ich bin ein sehr guter Mensch.“

Marlene sieht sich seit ihrer Kindheit diversen gesellschaftlichen Erwartungen ausgesetzt. Sie will gefallen, geliebt und begehrt werden. Aber: Je weniger Wert sie sich selbst beimisst, desto abhängiger wird sie von den Bewertungen der Anderen. Ihre Kolleg*innen entsprechen allesamt den medial produzierten Schönheitsidealen. Sie sind schlank, sportlich, essen in der Kantine Salat und haben strahlend weiße Zähne. Um sich in ihrer Gegenwart nicht allzu minderwertig fühlen, geht Marlene in ihrer kaum vorhandenen Freizeit auch noch regelmäßig ins Fitnessstudio. Um dem permanenten Druck der langen Arbeitswochen standhalten zu können, konsumiert sie über den Tag verteilt Ritalin, Kokain und Speed. Um in ihrem Freund*innenkreis nicht als fleischgewordener Karrierezwang wahrgenommen zu werden, sondern zu beweisen, wie lässig, ungezwungen und voller Tatendrang sie noch immer ist, verbringt sie ihre Nächte auf exzessiven Partys.

Sie verliert sich in einem Strudel aus chronischem Schlafmangel, Erschöpfung, Selbstzweifeln, Überforderung und purer Verzweiflung.

Kathrin Weßling beschreibt, welchem gesellschaftlichen Druck junge Frauen ausgesetzt sind, und wie es ist, diesem nicht mehr standhalten zu können, und trotzdem zu lächeln.

„Ich wurde verarscht, weil alle, einfach alle mir versprochen haben, dass ich nur hart genug zu mir sein muss, nur dünn, fleißig und hübsch genug, nur therapiert und reflektiert genug, (…) lieb und cool, gleichzeitig aber auch besonders, dann kriege ich, was ich will, was ich brauche, was mich weiterbringt, was wichtig für meine Persönlichkeitsentwicklung ist. Alles wird super, wenn ich nur fest genug daran glaube, wenn ich nur oft genug Sport mache und zu geheimen Elektropartys gehe, (…) wenn ich meinen Bachelor im Ausland mache und für meinen Master in eine andere Stadt ziehe, (…) wenn ich reise, mich selber verwirkliche, in meine Chakren atme und alle sechs Monate zur Zahnreinigung gehe. Wenn ich einmal die Woche zur Therapie gehe, aber auch nur, weil ich mich selber besser kennenlernen will, nicht, weil ich kaputt oder krank bin. (…) Ich bin nie wirklich krank, mein Körper will mir damit nur irgendetwas sagen. (…) Ich bin nie einsam, sondern setze mich nur mit mir selber auseinander. Und ich arbeite nicht, sondern verwirkliche mich.“

Macht Marlene Sport, weil sie es will? Oder weil externe Standards ihr suggerieren, es wollen zu müssen?

Wenn sie dann schlanker wird, und sich darüber freut: Freut sie sich, weil sie sich körperlich besser fühlt? Oder weil Schlanksein der Schönheitsnorm entspricht?

Macht sie freiwillig so viele Überstunden, weil sie ihre Arbeit gern macht, sie daher nicht zwischen beruflich und privat trennen muss? Oder weil ihr ganz subtil die Botschaft vermittelt wird, sich für die Firma aufopfern zu müssen, um anerkannt zu werden? Komischerweise scheinen alle Menschen um sie herum ihren Alltag mit Leichtigkeit zu meistern. – Wer ist dann Schuld, wenn Marlene an den Anforderungen zerbricht? Ihr Arbeitgeber? Die Drogen? Die Umstände? Oder sie selbst?

Die Auseinandersetzung mit Selbstoptimierung macht deutlich, wie sehr wir uns mit gesellschaftlichen Ansprüchen identifizieren und diese als unsere eigenen ausgeben. Die Linien, zwischen dem was wir selbst wollen und dem was wir zu wollen haben, verschwimmen. Was dazu führt, dass wir uns selbst die Schuld geben, wenn wir „versagen“, da wir „unseren“ Ansprüchen nicht gerecht werden. „Super, und dir?“ zeigt, was wir, unter dem Deckmantel der Selbstverwirklichung, alles bereit sind auf uns nehmen.

Zu kritisieren bleibt nur eins:

Mich persönlich stört der leichtfertige Umgang der Autorin mit dem Wörtchen „hysterisch“. Sie verwendet es gern um die Stimmung ihrer Protagonistin zu beschreiben – Marlene wird hier hysterisch, Marlene reagiert da hysterisch.

Obwohl die Diagnose Hysterie seit über 60 Jahren abgeschafft ist, ist sie noch längst nicht aus den Köpfen verschwunden. Immer dann, wenn Frauen zu laut, zu fordernd werden, lebt der Hysterie-Begriff und die damit verbundenen negativen Zuschreibungen wieder auf.

Die Protagonistin arbeitet 70 Stunden pro Woche, hat einen Arschloch-Chef, ist auf Dauerdiät, chronisch übermüdet und nimmt heimlich Drogen, um ihren Alltag irgendwie zu bewältigen. Sie glaubt in jeder Lebenslage, nicht gut genug zu sein, nicht mithalten zu können. Ihren Selbstwert schöpft sie aus Instagram-Likes. Logisch, dass sie auch mal ausrastet.

Das hat aber nichts, wirklich überhaupt nichts mit Hysterie zu tun.

Pauline Hoffmann lebt seit einigen Jahren in Görlitz und kommt auch aus der Gegend. Sie studiert an der HSZG.

Wessling cover

„Super, und Dir?“ von Kathrin Weßling

Erscheint im Mai 2019 im Ullstein Verlag

Taschenbuch, 256 Seiten

ISBN-13 9783548060217

ÜBER VIELE BRÜCKEN MUSST DU GEHEN… FRAUEN AUF DEM WEG ZUR MACHT

Viele Frauen, die angefragt werden, sich für eine machtvolle Position – egal ob im hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Bereich – zur Verfügung zu stellen, haben Bedenken, in ein Spiel einzusteigen, das sie oft nicht kennen und von dem sie ganz stark vermuten, dass sie es auch nicht beeinflussen können. Das ist an und für sich vernünftig, in letzter Konsequenz allerdings sehr bedauerlich!

Ich werde hier einige der „Schluchten“ betrachten, die Frauen überwinden müssen, um eine Führungsposition nicht nur zu erreichen, sondern auch für sie befriedigend ausfüllen zu können.

Je mächtiger ein Posten, desto seltener wird er von einer Frau besetzt

Zunächst ein kurzes Lagebild, zum Beispiel, was Frauen in der Kommunalpolitik anbelangt: Zum mittlerweile vierten Mal führte die Fernuniversität Hagen im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung das „Genderranking“ durch.  Darin werden 73 Großstädte mit über 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern anhand ihrer Frauenanteile an kommunalpolitischen Führungspositionen – Ratsmitglieder, Dezernatsleitungen, Ausschuss- und Fraktionsvorsitze – sowie für das Oberbürgermeisteramt verglichen. Es zeigt sich, dass innerhalb von knapp zehn Jahren der Frauenanteil an den Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeistern stark eingebrochen ist: von noch 17,7% 2008 auf 8,2% im Jahr 2017 – damit hat er sich in kurzer Zeit auf weniger als die Hälfte reduziert.

Der Frauenanteil unter den Dezernentinnen und Dezernenten ist dagegen als einzige politische Spitzenposition stark und kontinuierlich gestiegen: von 18,5 % 2008 auf 29,1 % 2017. Das wissenschaftliche Team der Fernuniversität führt dies darauf zurück, dass auf diesem Feld die beruflichen Qualifikationen von Frauen eine größere Rolle spielen als bei der Besetzung rein politischer Ämter.

Insgesamt gilt: Frauen sind, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, in den kommunalpolitischen Führungsämtern deutscher Großstädte auch 2017 unterrepräsentiert. Je wichtiger und mächtiger der Posten dabei ist, desto unwahrscheinlicher wird er von einer Frau besetzt.3 Ranking ostdt. Städte: Rostock (23), Leipzig (36), Dresden (37), Chemnitz (69)

Ein noch stärker polarisiertes Bild ergibt sich, wenn man die Frauenanteile in den Stadträten nach Parteien aufschlüsselt. Spitzenreiter sind Bündnis 90/Die Grünen mit der Erfüllung ihrer 50-Prozent-Quote, gefolgt von der Linken mit 44,4 % Frauenanteil (Quote 50%) und der SPD mit 37,3 (Quote 40%). Die einer Quote verpflichteten Parteien haben nicht nur hier einen deutlich höheren Anteil, sondern besetzen auch Fraktions- und Ausschussvorsitze deutlich stärker mit Frauen. Auf der anderen Seite unterbietet die neu hinzugekommene AfD, die nur in einigen Bundesländern in den Kommunalparlamenten vertreten ist, mit einem Frauenanteil von 11,6% noch die FDP, die 2008 mit 24,9% das Schlusslicht gebildet hatte und seither ihren Anteil nur geringfügig steigern konnte (auf 26,4% im Jahr 2017). Die CDU erreicht ihr eigenes Quorum von 33% (als Empfehlung) nur in 28 von 73 Großstädten.

Wenn die Politik den Frauenanteil in Kommunalparlamenten und kommunalen Spitzenpositionen in vertretbarer Zeit erhöhen möchte, bleibt als Maßnahme nur die gesetzlich festgelegte, verbindliche Quote, wie sie bereits in einigen europäischen Ländern gilt, zum Beispiel in Frankreich.

„Ohne die Quote würde es noch 128 Jahre dauern, bis eine paritätische Besetzung kommunaler Ratsmandate mit Frauen und Männern erreicht wäre – wenn man die Entwicklung von 2008 bis 2017 in die Zukunft fortschreibt,“

sagt Sabine Drewes, Referentin für Kommunalpolitik und Stadtentwicklung der Heinrich-Böll-Stiftung.

Kaffeekueche

Fehlende Erfahrungen mit Frauen in Leitungspositionen

Bei der Betrachtung dieses Lagebilds stehen wir vor der ersten Schlucht, die es zu überwinden gilt: die strukturelle, gesellschaftliche Schlucht. Hier geht es um Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, die in unserer Gesellschaft vorherrschen, in den Köpfen von Frauen und Männern – mit allen Konsequenzen. An dieser Stelle möchte ich lediglich auf zwei dieser Konsequenzen aufmerksam machen: Die Einstellungen von Frauen und Männern Chefinnen gegenüber und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatem – Stichwort hier: die „zweite Schicht“.

Die Gesellschaft für Konsumforschung fragte 509 Männer und 536 Frauen: „Wen hätten Sie lieber als Chef? Einen Mann? Eine Frau? Oder ist es Ihnen egal?“ Das Ergebnis: 49 % der Befragten sagen, sie würden einen Mann als Chef vorziehen. 49 % ist das Geschlecht egal, aber nur 10 % hätten, wenn sie es sich aussuchen könnten, lieber eine Chefin. Und: Unter Frauen ist die Präferenz für eine Chefin mit 12 % gar nicht wesentlich größer als unter Männern mit 9 %. Gisela Mohr, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig, wertet dieses Ergebnis als Indiz dafür, dass althergebrachte Einstellungen unter Männern und Frauen noch immer stark wirken. Sie sagt: „Wenn man davon ausgeht, dass unter denjenigen, die ‚egal‘ sagen, auch solche sind, die es als politisch inkorrekt oder für nicht mehr opportun halten, eine Frau als Führungskraft abzulehnen, ist das ein recht trauriger Stand.“ Das Problem: Viele Frauen und Männer denken immer noch, eine Chefin sei automatisch zickig. Offenbar hat sich diese Einstellung in den vergangenen Jahren kaum verändert. Mohr ermittelte bereits in einer im Jahr 2007 veröffentlichten Untersuchung, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen es ihren Chefinnen nicht leicht machen. Teammitglieder zeigen demnach weiblichen Führungskräften gegenüber weniger Respekt, unabhängig davon, ob sie selbst weiblich oder männlich sind. Als eine Erklärung sieht die Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung den Umstand, dass es nach wie vor nur wenige Frauen in Leitungspositionen gibt und den Befragten daher schlichtweg positive Erfahrungen fehlen. Viele Leute würden es einfach nur so kennen, dass der Chef ein Mann ist und würden dann vermutlich denken, dass sie damit stets gut gefahren sind. (Vgl. Anette Dowideit, S. 33)

Eine weitere Konsequenz der strukturellen Schlucht, die sich zwischen Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit in unserer Gesellschaft auftut: Eine der häufigsten Antworten auf die Frage, warum so wenige Frauen in Vorbild-, Leitungs- oder Führungspositionen zu finden sind, ist die Schwierigkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

Privatleben meint hier meist: Familienleben. Die Vereinbarung dieses Lebensbereiches mit dem Beruf ist eine Problematik, die sich auch heute noch nahezu ausschließlich Frauen stellt – und zwar so lange, wie männliche Führungspersonen die Tatsache, dass sie Kinder haben, mit dem Schließen der Haustür ganz einfach vergessen (können). Anders sieht das bei weiblichen Führungskräften aus: In der Regel gibt es auch für sie die „zweite Schicht“, wie Arlie Hochschild (1990) es genannt hat, wenn Frauen nach ihrem Vollzeiterwerbsjob außer Haus die zweite Schicht im Haus anschließen. Daran hat sich nichts geändert: Frauen leisten immer noch deutlich mehr Hausarbeit als Männer.

Welches Frauenteam holt sich schon einen Mann in die Kaffeeküche?

Eine zweite Schlucht tut sich auf, wenn man auf die Problematik aus institutioneller Sicht betrachtet. Auch hier zwei Beispiele: Zum einen das Phänomen der Selbstrekrutierung von Belegschaften bei Besetzungsverfahren. Zum anderen das Phänomen der Entkoppelung, also die organisationale Trennung von Formalstruktur und Aktivitätsstruktur.

Man weiß inzwischen, dass Teams darauf bedacht sind, eine organische Einheit zu bleiben, dass also alles so läuft, wie immer. Und dies ist am besten gewährleistet, wenn sich die Teammitglieder ähnlich, am besten gleich sind. Insofern sind diese Selbstrekrutierungsmechanismen bei der Neubesetzung von Stellen zwar durchaus nachvollziehbar – welches Team holt sich schon gerne und vor allem freiwillig einen Fremdkörper ins Nest. Trotzdem sind sie der Schrecken aller Gleichstellungsbeauftragten, da hier selbstverständlich alle objektiven Kriterien einer sich bewerbenden Person ausgeblendet werden. Diese Mechanismen betreffen alle möglichen Organisationen, vom Büro mit zwei Angestellten bis zur Partei. Und sie werden selbstverständlich auch in Frauenteams wirksam: welches gut funktionierende Frauenteam holt sich schon freiwillig einen Mann in die Kaffeeküche?

Und schon sind wir beim zweiten Beispiel für Abgründe auf der institutionellen beziehungsweise der organisationalen Ebene. Auffällig ist doch Folgendes: „Abnehmende Geschlechterungleichheit ist in einer beträchtlichen Anzahl von Organisationen oder in deren Teilen zu beobachten, während sich in anderen Organisationen Geschlechterungleichheit beibehält, vergrößert oder subtilisiert.“ Diese Beobachtungen macht Ursula Müller in ihrem Aufsatz „Organisation und Geschlecht aus neoinstitutionalistischer Sicht. Betrachtungen am Beispiel von Entwicklungen in der Polizei“ in den „Feministischen Studien“ (S. 40).

Woran liegt das? Was sind die Gründe für solche Erscheinungen?

klimaanlage graessel 2

Gleichstellung darf nicht nur heißen, dass es eine Gleichstellungsbeauftragte gibt

Um sich selbst beizubehalten beziehungsweise um die eigene Legitimität möglichst zu vergrößern, ahmen Organisationen durchaus Aktionen anderer Organisationen nach. Dabei wird entweder nachgeahmt, wenn eine Organisation unsicher ist oder wenn andere Organisationen als besser legitimiert und erfolgreicher erscheinen als die eigene. Dies beschreibt Ursula Müller auch für Gleichstellungsarbeit: Irgendwann, so meint sie, sahen sich einige Vorreiter-Organisationen in Deutschland durch internen Druck wie auch durch externe positive Beispiele bemüßigt, eine für Anti-Diskriminierung zuständige ‚Adresse‘ einzurichten, also eine Gleichstellungsstelle oder eine Frauenbeauftragte. Hierdurch entstand eine Unsicherheit für andere Organisationen, die beobachten mussten, ob sich eine Veränderung der Beschaffung von Legitimität und Ressourcen ergäbe, und viele reagierten mit nachahmenden Prozessen der Installierung einer ‚Beauftragten‘ für Frauen, Gleichstellung, Gleichberechtigung, Frauenförderung und ähnliche Bereiche ( Vgl. ebd.: 45).

Das heißt, Organisationen wie die Telekom – als Quotierungsvorreiterin! – ahmen einerseits nach (skandinavische Vorbilder zum Beispiel), und werden nachgeahmt, da sich Erfolge bereits eingestellt haben. Der Frauenanteil bei der Telekom hat sich bereits jetzt schon erhöht, das Unternehmen hat bundesweite Aufmerksamkeit erregt. Das muss aber nicht heißen, dass die einzelne Frau, die bei der Telekom arbeitet, etwas davon hat.

Meine Hochschule beispielsweise – dort kenne ich mich als ehemalige Gleichstellungsbeauftragte besser aus als bei der Telekom – hat schon einige Preise abgeräumt im Bereich von Frauenförderungsprojekten. Dies gelang aufgrund der an unserer Hochschule vorhandenen teilweise vorbildlichen Formalstruktur, was Gleichstellung anbelangt. Diese Struktur lässt sich ausgezeichnet an die äußere Umwelt, also entsprechende Jurys, verkaufen.

Auf der anderen Seite gibt es an unserer Hochschule aber immer noch Fakultäten mit nur einer einzigen Professorin, es gibt immer noch Berufungskommissionen ohne eine einzige Frau, und einzelne Gremienmitglieder verdrehen immer noch die Augen, wenn die Gleichstellungsbeauftragte – wie es ihr Recht und auch ihre Pflicht ist – zur Tür herein kommt und tatsächlich mitmachen will.

Diese Widersprüche: preiswürdig gegenderte Formalstruktur und zutiefst sexistisches Verhalten in der Aktivitätsstruktur, also auf der Ebene der einzelnen Akteurinnen und Akteure, das ist das, was Frauen an die allseits bekannte gläserne Decke stoßen lässt. Die besten Verwaltungsvorschriften, Erlasse und Gesetze nützen nichts, wenn wir die Aktivitätsstrukturen nicht verändern, wenn der Gedanke der Gleichstellung nicht nur formal, sondern handlungsleitend bei den Akteurinnen und Akteuren der Organisation angekommen ist!

Die eigentliche Messlatte für Frauen sind andere Frauen

Dass Teammitglieder – egal ob männlich oder weiblich – Teamleiterinnen oftmals den Respekt verweigern wurde hier schon beschrieben. Doch womit müssen „aus dem Team herausragende“ Frauen im Umgang mit anderen Frauen rechnen?

Viele Frauen in leitenden Positionen haben die Erfahrung gemacht, dass sie, wenn sie ihrem Umfeld freundschaftlich, persönlich gegenübertreten, die Distanz und den Respekt ihrer Umgebung verlieren.

Gerade bei Frauen aus ihrem näheren Arbeitsumfeld kann durch ein freundliches Auftreten die Frage provoziert werden, was denn an der höhergestellten Frau so besonders sei und warum gerade das, was diese Frau sagt, gemacht werden soll. Das Perfide dabei ist, dass aufgrund traditioneller, sexistischer Vorstellungen in den Köpfen von Männern und Frauen aber genau das von Frauen, egal ob „oben“ oder „unten“ erwartet wird: Frauen SOLLEN sich familiär, freundschaftlich und persönlich verhalten. Frauen werden immer noch als Klimaanlage in Organisationen gesehen.

Zwei Gesichtspunkte spielen hierbei eine Rolle: Zum einen rückt die Stärke anderer Frauen die eigene Schwäche und Unzulänglichkeit in den Blickpunkt. Haben Frauen Macht, stellt sich für viele Frauen die Frage: Diese Frau ist stark, warum bin ich das nicht?

Zum anderen sind für viele Frauen die eigentliche Messlatte andere Frauen: Männer sind stark, Männer haben Macht, Männer laufen für viele Frauen außer Konkurrenz. Die Konkurrenz ist die Kollegin, die Parteifreundin, die Mitgliedsfrau, eben: die andere Frau. Mit Männern, denken Frauen, müssen sie sich nicht vergleichen. Männern werden selbstverständlich die ersten Listenplätze überlassen, aber wenn es um Platz 20 geht, kicken sich die Mitbewerberinnen gegenseitig aus dem Feld.

Für viele Frauen sind die eigentliche Messlatte also andere Frauen und viele Frauen vergleichen sich nicht mit Männern, sondern mit anderen Frauen – ist das immer schlecht?

Viele Frauen finden es unerträglich, zu gewinnen

Auch in individueller Hinsicht gibt es viele Gräben zu überwinden. Hier nur einige, wirklich schmerzhafte Schlaglichter:

Die prognos-Studie „Frauen in Führungs- und Leitungspositionen in der Privatwirtschaft im Freistaat Sachsen“ konstatiert eine im Vergleich zu Männern seltenere konsequente Karriereorientierung von Frauen: Aufgrund von vornherein eingeschränkten Karriereerwartungen und fehlenden Rollenvorbildern investieren Frauen oft weniger in ihren beruflichen Aufstieg. prognos 2010, auf Grundlage von Auswertungen vorliegender Daten zur Privatwirtschaft in Sachsen und insgesamt 17 Expertinnen- und Expertengesprächen

Viele Frauen scheuen sich auch deshalb vor öffentlichen, machtvollen Ämtern, da sie sich offensichtlich leichter mit Schwäche als mit Stärke identifizieren. Sie finden es weniger unerträglich, zu verlieren, als zu gewinnen: In einem Seminar sollten zwei Frauen so lange miteinander ringen, bis eine gewinnt. Die anderen anwesenden Frauen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, die jeweils eine der beiden Ringerinnen anfeuern sollten. Das klappte alles ganz gut, bis sich herauskristallisierte, welche der beiden Frauen gewinnen würde. Ab diesem Zeitpunkt ging sämtliche Sympathie der Frauen auf die Verliererin über. Die Siegerin wurde nicht gefeiert, und sie selbst sah eher schuldbewusst und unglücklich auf die Verliererin (Flohr-Stein, Christa, Freundin – Konkurrentin!?, in: Frauenforschung 2 (1992) S. 131-141, S. 138).

Immer noch haben viele Frauen aufgrund ihrer Sozialisation aber auch Schwierigkeiten mit der Konkretion von Macht in ganz realen Alltagssituationen. Sie tun sich schwer mit einem gewissen Statusdenken, das für die Ausübung einer Spitzenfunktion unabdingbar ist. Status, die Stellung, die eine Person im Vergleich zu anderen Mitgliedern des jeweiligen Sozialsystems inne hat, wird angezeigt, wird zum Ausdruck gebracht, und zwar auf verschiedenen Kanälen. Der Ausdruck von Status dient dabei nicht nur der Orientierung für andere, also dafür, anderen anzuzeigen, mit wem sie es zu tun haben, sondern kann auch als Mittel der Durchsetzung, als Machtinstrument eingesetzt werden.

In einer gehobenen Funktion bedarf es einer gewissen Präsentation der eigenen Persönlichkeit. Vielen Frauen ist so etwas immer noch zuwider. Sie gehen immer noch eher zögerlich um mit Statusanzeigen wie Verfügung über Raum oder Zeit, Körperhaltung, Mimik, Gestik, Körperschmuck und Kleidung. Und: Frauen haben immer noch Schwierigkeiten, in der Öffentlichkeit laut, klar und deutlich und vor allem direkt zu sagen, was sie fordern (Gräßel, Ulrike, Weibliche Kommunikationsfähigkeit – Chance oder Risiko für Frauen an der Spitze?, In: Adam, Eva und die Sprache. Beiträge zur Geschlechterforschung. Duden Redaktion (Hg.), Thema Deutsch, Band 5, Mannheim et al. 2004, S. 59-68.)

Ein letztes Schlaglicht auf die individuellen Gräben, die Frauen überwinden müssen, wenn sie an der Spitze stehen wollen ist die Tatsache, dass viele Frauen sich durch Selbstzweifel selbst ausbremsen. Frauen sind Tiefstaplerinnen (Schönberger, Birgit, Die Tiefstaplerinnen. Wie Frauen sich durch Selbstzweifel ausbremsen, in: psychologie heute, Januar 2010: 33-37).

Hierfür wiederum einige Belege:

Pauline Clance prägte Ende der 70er Jahre den Begriff des Hochstaplersyndroms für Menschen – ihrer Vermutung nach überwiegend Frauen – die trotz guter oder sogar überdurchschnittlicher Leistungen ständig an ihren Fähigkeiten zweifeln. Sie quälen sich mit dem Gedanken, den Erfolg nicht verdient zu haben. Sie glauben, dass sie nur durch Glück auf ihrem Posten gelandet sind und fürchten, eines Tages als Betrügerin, als Hochstaplerin aufzufliegen.

Astrid Schütz, Professorin für differenzielle Psychologie und Diagnostik an der TU Chemnitz, die zu Selbstwertunterschieden zwischen Männern und Frauen forscht, hat herausgefunden, dass Frauen, unabhängig davon, wie kompetent sie tatsächlich sind, ihre Aufmerksamkeit eher auf ihre Schwächen lenken und sich dadurch tatsächlich schwächen. Sie fand weiterhin heraus, dass Frauen dazu neigen, sich zu unterschätzen, Männer eher zur Selbstüberschätzung neigen. Eine mögliche Begründung dafür sieht Schütz darin, dass Frauen ihr Selbstwertgefühl mehr als Männer von den Rückmeldungen anderer abhängig machen, daher Angst vor Fehlern und negativer Rückmeldung haben und sich dadurch weniger in den Vordergrund wagen.

Frauen neigen immer noch dazu, Erfolge auf günstige Umstände zurückzuführen und Misserfolge auf die eigene Unfähigkeit, was bereits in der Grundschule beobachtet werden kann. Schütz vermutet, dass Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen unbewusst die selbstkritische Haltung von Mädchen verstärken.

Monika Sieverding stellte in einer Studie über eine simulierte Bewerbungssituation fest, dass Frauen durchschnittlich nur knapp 3 Minuten über ihre beruflichen und persönlichen Stärken sprachen, Männer im Schnitt eine Minute länger. In derselben Studie zeigte sich, dass Frauen sich auf einer Skala von 0 bis 9 mit 2,8, Männer mit 5 einschätzten. Im Vergleich zu einer vorgenommenen Fremdeinschätzung haben sich dadurch die Frauen unterschätzt, die Männer sich eher realistisch eingeschätzt.

Es wird also Zeit, dass wir anfangen hochzustapeln, dann stellen wir uns wenigstens realistisch dar!

Ulrike Grässel ist Professorin im Studiengang Soziale Arbeit der Hochschule Zittau-Görlitz. Sie lehrt zu sozialpolitischen und organisationssoziologischen Themen und publiziert zu Geschlechtergerechtigkeit. 

 

„NICHTS, WAS UNS PASSIERT“

In Deutschland haben 13 Prozent der im Rahmen einer Studie befragten Frauen und Mädchen zwischen 16 und 85 Jahren sexualisierte Gewalt erlebt, die nach der engen juristischen Definition als Straftat gilt. Fast jede Siebte ist betroffen – bei 5 bis 15 Prozent aller Vergewaltigungen wird die Polizei eingeschaltet. In 3 Prozent der Fälle geht man von Falschbeschuldigungen aus. Weniger als ein Fünftel der Verfahren endet mit einer Verurteilung des Täters.

Wie reagieren, wenn im Freund*innenkreis ein Vergewaltigungsvorwurf im Raum steht?

Welchen Umgang mit dem vermeintlichen Täter pflegen, solange der Vorwurf ungeklärt bleibt?

Und danach?

Wie urteilen, wenn nach widersprüchlichen Schilderungen und unklarer juristischer Faktenlage keine absolute Wahrheit auf der Hand liegt?

Und wie die Betroffenen unterstützen – emotional, juristisch, politisch?

Bettina Wilpert liefert in ihrem Debütroman “Nichts, was uns passiert” keine Antworten. Vielmehr interessiert sie sich für das Spannungsfeld aus individuellen und gesellschaftlichen Dilemmata, die sich aus einem sexuellen Missbrauch(svorwurf) entwickeln können. Es geht ihr um den Dreiklang aus Schuld, Verletzung und Loyalität.

Sommer 2014. Leipzig, studentischer Szenekiez. Zähe Nachmittage in der Unibibliothek. Durchwachte Sommer-Nächte. Anna lernt Jonas kennen. Jonas lernt Anna kennen. Sie streiten über ukrainische Literatur. Stoßen darauf an. Beginnen eine unspektakuläre Affäre. Unverbindlicher, einvernehmlicher Sex. Dann die Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes. Alkohol. Sex. 1380 Sekunden. 23 Minuten. Zwei qualvolle Monate später der Gang auf das Polizeirevier. Annas Eingeständnis: Ich bin vergewaltigt worden.

Die Erzählerin versucht sich an der Rekonstruktion der Nacht der (vermeintlichen) Vergewaltigung. Sie führt Gespräche und protokolliert deren Inhalte – nüchtern, geradlinig, unparteiisch. Ausgehend von Annas und Jonas‘ Schilderungen werden die Berichte von Freund*innen, Kolleg*innen, Familie, zufälligen Beobachter*innen im Verlauf des Buches immer vielstimmiger. Ein kontroverses Mosaik aus Erinnerungen, Mutmaßungen und Meinungen zu Anna und Jonas entsteht. Es verunmöglicht den Blick auf die vermeintliche Wahrheit und verhindert schnelle, leichtfertige Urteilssprüche.

Da ist der Polizeibeamte, der Anna auf dem Revier empfiehlt, nicht mehr so exzessiv Alkohol zu trinken. Der gemeinsame Freund, der seine Loyalität zu Jonas pragmatisch verhandelt – wäre die Freundschaft zu einem Lügner weniger verwerflich, als die zu einem Vergewaltiger? Die fremde, feministische Gruppe, die Annas Betroffenheit politisch wertet, ohne dabei ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Jonas, der anfänglich mutmaßt, Anna würde die Verleumdung nur rachsüchtig organisieren. Vielleicht, weil sie sich doch mehr erhoffte, als eine unverbindliche Affäre?

“Nichts, was uns passiert” besticht nicht durch inhaltliche Spannungsbögen, sondern liefert durch konsequent beobachtendes, protokollarisches Vorgehen eine Bestandsaufnahme von Wahrheiten: Jede*r der Befragten konstruiert eine Wahrheit durch Rückgriff auf Stereotype, durch politisches Bewusstsein, statistische Fakten oder aus Loyalität.

Das Verfahren gegen Jonas wird eingestellt werden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Vorwurf aber bereits Wellen geschlagen: Freund*innenschaften zerbrechen, Jonas‘ Arbeitsverhältnis wird beendet und der Gang durchs Viertel wird zum Spießrutenlauf. Beide stehen vor dem Scherbenhaufen ihres früheren sozialen Umfelds. Annas Wut und Scham bleiben. Hätte sie es nicht geheim halten können? Wäre der Preis, das eigene Erleben zu übergehen, nicht niedriger gewesen als das, was sie jetzt durchstehen muss?

Vergewaltigungen sind gesellschaftliche Realität – in der rauen Großstadt genauso wie in der idyllischen Provinz. Fast immer sind Männer die Täter. Die feministische Theorie der “rape culture” (Vergewaltigungskultur) betrachtet bereits seit den 1970er Jahren männliche sexualisierte Gewalt gegen Frauen als ein strukturelles Phänomen. Es gibt gesellschaftliche Dynamiken, die diese legitimieren und begünstigen: Schuldzuschreibungen gegenüber der Frau, Bagatellisieren und Infragestellen der Schilderungen der Betroffenen, ein Sexualstrafrecht, nach welchem Verurteilungen selten sind.

Hier muss auch Jahrzehnte später die Diskussion ansetzen. Der Sex zwischen Anna und Jonas ist juristisch nicht als Vergewaltigung haltbar – aber was, wenn Anna sich trotzdem missbraucht fühlt?

Jasmin Gräbner ist zugezogen – und will bleiben. Mit ihrer Freundin lebt sie in der südlichen Oberlausitz.

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NICHTS, WAS UNS PASSIERT

Bettina Wilpert
Hardcover, 168 Seiten
Preis: 19,00 €
ISBN: 9783957323071

Erschienen im Verbrecher Verlag

 

PROVINZ UND CHARISMA. FRAUENBÜNDNISSE GEGEN ALTE STRUKTUREN!

Am 30.11. 2018 hielt Dr. Inga Haese diesen Vortrag im Rahmen der Veranstaltung F wie Feiern in Großhennersdorf. Für alle, die ihr Nachdenken über Provinz und Charisma live verpasst haben, gibt es hier die schriftliche Version.

Wussten Sie eigentlich, dass Görlitz als „das neue Berlin“ gehandelt wird? Das habe ich in der Zeitung Die Welt gelesen, als ich recherchiert habe. Was mir dann beim Überfliegen dieses Textes über Görlitz gleich auffiel: Es werden „Macher“ genannt, ein Herr König, der die Jacobpassage mit zwei anderen „Machern“ leitet, und ein Herr Krüger, Unternehmensberater und Weinhändler. Solche Leute brauche die Stadt, heißt es in dem Artikel. Da schrillen bei mir natürlich sofort die Alarmglocken. Die „Macherinnen“ der Stadt werden nicht genannt. Warum? Weil der Blick des Autors männlich ist und er nur Männer getroffen hat? Oder haben wir es hier wie fast überall mit einem strukturellen Problem zu tun?

In meinem Beitrag werde ich jetzt zuerst auf diese strukturelle Dimension eingehen und auf die Frage, warum die kommunale Ebene so wichtig ist für die Frauen-Frage. Dann komme ich zum Charisma und erläutere meine Studie und was es mit „Stadt und Charisma“ auf sich hat.

Das strukturelle Problem hat zwei Komponenten. Die erste ist altbekannt, sie heißt strukturelle Benachteiligung von Frauen. Frauen verdienen weniger als Männer, und Frauen repräsentieren weniger als Männer. Das ist z.B. in der Politik so, denn wie Angela Merkel treffend über ihren eigenen Werdegang sagt: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“. Momentan sind 30 % der Bundes-Abgeordneten weiblich. Eine andere Zahl: 12% der Vorstände von 30 DAX-Konzernen sind weiblich. Sie kennen sicher die Zahlen.

Natürlich können wir empirisch eine Tendenz hin zu mehr Frauen in der Rolle der Ernährerin nachweisen, in Ostdeutschland mehr als in Westdeutschland. Aber: Die strukturelle Ungleichheit der Geschlechter umfasst auch die Individualisierung von Fürsorge- und Haushaltstätigkeiten, also die klassische weibliche, unbezahlte „Care“-Arbeit. Diese Arbeit wird in die Privatsphäre verlagert und erscheint bis heute nicht als ein kollektives politisches Problem. Care-Arbeit wird „de-thematisiert und desartikuliert“ sagt Cornelia Koppetsch (Koppetsch/Speck, 2015), und das gilt auch für die um Gleichheit bemühte, individualisierte und gebildete Mittelschicht.

Koppetsch befragte Familien in diesem Milieu nach ihren Arrangements und fand heraus, dass in den Ernährerinnen-Familien dennoch die Frauen hauptverantwortlich für die Haus- und Sorgearbeit bleiben. Offenbar ist trotz beruflich gleicher Entwicklungsmöglichkeiten undenkbar, dass Männern die Hauptverantwortung für die Haus- und Sorgearbeit zugestanden wird – von beiden.

Die zweite Komponente des strukturellen Problems ist regional begründet. Eine Studie ergab 2013, dass 17 % der Bürgermeisterposten in Ostdeutschland von Frauen bekleidet werden, und 21 % der Stadtverordneten weiblich sind – kaum ein Viertel also (Pirsig 2013). Guckt man genauer hin, zeigt sich, dass das Verhältnis in Großstädten anders aussieht: Ein Drittel (27%) der Großstädte ab 100.000 Einwohnern wurden 2014 in Ostdeutschland von Frauen regiert. In Westdeutschland nur 11,8 %. Bundesweiter Gleichstand herrscht in kleinen Städten unter 10.000 Einwohnern, hier regieren nur 7 % Frauen (EAF 2014). Also je kleiner die Stadt, desto weniger offen ist das kommunalpolitische Klima für Frauen und desto seltener schaffen es Frauen, die Strukturen zu durchbrechen.

Und das wiederum stärkt die herrschenden Männerbünde. Und in Ostdeutschland kommt mancherorts noch ein zahlenmäßiges Frauendefizit hinzu, für die Oberlausitz gilt das auch, wenn auch die Zahlen nicht eindeutig sind (je nach Altersgruppe) – aber eindeutig ist, dass in der Kohorte der über 45-jährigen Entscheidungsträger die weiblichen Vorbilder fehlen!

Also können wir davon ausgehen, dass Frauen in der städtischen Öffentlichkeit im ländlichen Raum unterrepräsentiert sind, d.h. der Welt-Journalist hat vermutlich genau die Macher getroffen, die in Görlitz bedeutend sind. Und es heißt auch, dass ein Kulturwandel in der Provinz noch schwerer zu erkämpfen ist als z.B. in größeren Städten. Und Kulturwandel heißt: Hin zu einer Feminisierung der Politik.

„Feminisierung der Politik“ bedeutet aber nicht einfach, dass mehr Frauen in öffentliche Ämter kommen. Es gibt eine Definition von einem Mann namens Roland Roth, der meint mit dem Begriff die Veränderung von Politik im Sinne einer geschlechtergerechten Politik: „nicht nur die Gleichstellung von Frauen in allen Lebensbereichen, sondern zugleich eine Anerkennung und Aufwertung aller Arbeits- und Lebensformen […], die mit Reproduktion zu tun haben und klassisch der Intim- und Privatsphäre und damit der Obhut des weiblichen Geschlechts zugeordnet sind.“ (Roland Roth 1998: 52, zit. nach Huke/Wöhl 2018). Andere Definitionen sprechen davon, dass das Prinzip des Füreinander-Sorge-Tragens als höchste Priorität öffentlicher Politik und Institutionen feminisierte Politik bedeutet (ebd.).

Was sonst können wir tun, als „feminine“ Praktiken zu etablieren – Kollaboration, Dialog, Horizontalität statt Wettbewerb, Hierarchie, Profitmaximierung – wenn unser Ziel die Vertiefung von demokratischer und emanzipatorischer Politik ist?

Haese Feminisierung

Was meine ich mit Charisma?

Der Weg, eine feminisierte Politik herzustellen, ist offenbar nur über die lokale Ebene der Kommunalpolitik einzuschlagen. Denn nur dort, sagen die Protagonistinnen von munizipalistischen Lösungen, kann sie im Alltagshandeln verankert werden (Baird/Roth 2017). Die Lösung unserer strukturellen Probleme heißt also unbedingt Kommune, oder auch: Provinz! Nur auf lokaler Ebene können Machtstrukturen wirksam aufgebrochen werden. Und jetzt kommen wir zu meinem Buch, „Stadt und Charisma“ (Haese 2017). Denn Charisma, wie ich es in meinem Buch analysiere, hat viel mit der herrschenden Kultur zu tun. Und wie charismatische Machtstrukturen wirken, können wir in kleineren Städten sehr genau beobachten.

Charisma ist natürlich einerseits die spektakuläre „Gabe“, von der wir gerne reden, wenn wir jemanden charismatisch finden: Das Außergewöhnliche, Präsente, das uns fesselt. Da sind wir aber auch schon beim andererseits, nämlich der sozialen Konstruktion von Charisma: Es braucht immer ein Publikum oder eine Gruppe, die das Charisma abkauft. Einen Empfänger. Oder, wie ich es nenne, es gibt eine Zuschreibungslogik. Charisma ist eine Zuschreibung, die wir vornehmen, weil wir bestimmte Eigenschaften als besonders empfinden. Max Weber sagt: „außeralltäglich“. Oft wird jemand als charismatisch empfunden, der unvorhergesehene Handlungen vollbringt, der Risiken eingeht, oder der besondere Verantwortung übernimmt.

Wir erinnern uns an Martin Schulz kurz nach seiner Aufstellung zum SPD-Kanzlerkandidaten: Plötzlich wurde dieser Mann gehypt! Und wie! Hatte der Charisma? Nö, aber er wurde zunächst charismatisiert, alles schien möglich für die SPD: der Schulz traut sich was! Denken wir an die 100% Wahlergebnis. Ein Hoffnungsträger, der die Sehnsucht ihrer Mitglieder erfüllt. Hat sich alles nicht bewährt, spätestens nach zwei verlorenen Landtagswahlen war das vorbei, Schulz ist so schnell verblasst wie er aufstieg. Charisma kennt also auch eine Grenze, das ist seine Bewährung.

Außerdem ist Charisma situationsabhängig. Es braucht diesen unbedingten Willen einer Gefolgschaft, jemanden auszuwählen. Dass da jemand auserkoren ist, um die wie auch immer erstarrte Situation bewältigen zu können. Charisma ist also die klassische Antwort auf eine Krise. Oder auf die „Miseria“ (Rainer M. Lepsius). Auch das passt zu diesem seltsamen Schulz-Hype aus dem letzten Jahr.

Nun muss aber der Charismatisierte die Zuschreibung auch erfüllen wollen, er muss führen wollen und die Wünsche der Geführten verkörpern können. Seine Performance wird entscheidend. Wenn sich ein Charismatiker nicht bewährt, folgt auf den Rausch schnell ein Kater und der Auserkorene wird mit Schimpf und Schande fortgejagt (vgl. Weber). Denn allzu offensichtlich sind dann die unerfüllten Erwartungen der Gefolgsleute. Das ist, als würden sie plötzlich einen Spiegel vorgehalten bekommen, wie grenzenlos ihre Sehnsucht war, und das schmerzt und kann sich zu grenzenloser Wut steigern.

Also, Sie sehen: Wir streifen mit dem Thema psychologische Dimensionen – aber auch das liegt im Kern der Sache. Der Soziologe Richard Sennett hat über Charisma geschrieben und sich auf Sigmund Freud bezogen (Sennett 1998): Es sei das ambivalente Verhältnis zur Vaterfigur, so Sennett, die sich in der Beziehung zum Charismatiker wiederspiegelt. Wir würden aufgrund der Furcht und Bewunderung, die wir dem Vater gegenüber empfinden, außerhalb der Familie Führerfiguren suchen, die diese Angst-Liebe hervorrufen.

Und jetzt kommen wir dem Problem mit dem Charisma schon sehr nahe: Es sind vor allem Vaterfiguren, Kümmerer, die die Sachen in die Hand nehmen, solche „Macher“ wie eingangs erwähnt in Görlitz, denen Charisma zugeschrieben wird. Das sind nicht nur, aber vor allem Männer! Weil unsere politischen, öffentlichen, historischen, aber auch privaten und familiären Strukturen solche, oft autoritären, aber anpackenden Machertypen begünstigen – die starken Männer.

„Lass uns in der Sauna treffen“ – Charisma und Kommune in Elbstadt

Und hier kommt meine empirische Studie ins Spiel. In meinem Buch geht es nämlich auch um diese Sehnsucht in Zeiten der Krise und des Verfalls, die in einer Stadt am Rande Brandenburgs herrscht. Die Stadt nenne ich Elbstadt. Elbstadt wurde nach der Wende deindustrialisiert, 3 große Betriebe mussten schließen. Die Stadt schrumpfte dramatisch, von 31.000 auf 18.000 Einwohner. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Zahl der Transferempfänger ist hoch, bei meinen Recherchen lag sie bei 25%.

Ich porträtiere fünf charismatische Akteure, die ihrer Gefolgschaft eine Vision für die Stadt unterbreiten. Da kann man sehr schön sehen, wie männliche Herrschaftsstrukturen wirken und wie sie reproduziert werden, in so einer Kommune.

Es sind nämlich vier Männer und eine Frau unter den Porträtierten. Denn auch in Elbstadt gibt es kaum weibliche Akteurinnen in der Kommunalpolitik bzw. auf der städtischen Akteursebene. Ich stelle jetzt kurz die Porträtierten vor, dann möchte ich meine Erkenntnisse in den Kontext von Frauenbündnissen stellen.

Erstens habe ich einen politischen Akteur, der während meiner Feldforschung zum Bürgermeister gewählt wird. Er lädt den Stadtraum mit einer historischen Bedeutung auf, die weit hinter der Industrialisierung zurückliegt, er adelt die Stadt über ihre bürgerlichen Wurzeln. Seine Vision des reizvollen Kleinstädtchens kann über das Trauma der geschrumpften Industriestadt hinweghelfen, dafür unterstützen ihn massenweise Wähler und drei Parteien, obwohl er selbst parteilos ist.

Zweitens porträtiere ich den postindustriellen Unternehmer, der die industriellen Ruinen wiederbelebt für seine touristische Vision der Stadt. Sie können sich das so vorstellen, dass aus einer ehemaligen Fabrik jetzt eine Brauerei und ein Hotel wurde – Soziologen sprechen von Kulturalisierung des industriellen Erbes – aber dieser Unternehmer ist auch so etwas wie der „Pate“ der Stadt: Es gibt keine Sitzung der Stadtverordneten oder des Wirtschaftsausschusses, die nicht indirekt mit diesem Unternehmer zu tun hätte, er ist nämlich auch Chef des regionalen Wirtschaftsverbandes. Ein Hans Dampf, sozusagen, einer, der schon durch sein Auftauchen Aktionismus hervorruft.

Drittens haben wir die Leiterin einer ökologischen Behörde, die in der Wiederentdeckung des Naturraums und in nachhaltigen Themen eine Zukunft für die Stadt sieht. Sie ist so etwas wie das Bindeglied zwischen den rebellischen Ökologen auf den Dörfern und der wirtschaftspolitischen Elite rund um den Bürgermeister und den Unternehmer. Sie tritt alternativ mit Haarband im Wuschelhaar auf, kennt aber den Bürgermeister und den Unternehmer auch privat. Vielleicht hat sie deshalb die Haltung ihrer Behörde, die gegen den Autobahnausbau war, aufgeweicht – weil sie eine Mittlerin sein will.

Viertens porträtiere ich den Verwalter eines riesigen Fabrikgeländes, der auf den Verlust der großen Industrietradition mit der Überlebenssicherung von mittelständischen Betrieben antwortet. Dieser Mann ist qua Beschluss der Insolvenzverwalter, aber er zieht aktiv die Strippen, quer durch die ganze Republik lockt er Firmen hierher; er macht das durch seine Performance, und zwar durch sein biographisch geronnenes Überlebenskämpfertum: Er war Notfallmediziner, bevor er die Umstrukturierung der Fabrik übernahm. Wegen seines ausgefallenen persönlichen Hobbies, dem Sammeln von Blaulichtfahrzeugen, hat er überall Kontakte und er braust auch mal mit Honeckers altem Volvo durch die Stadt.

Das fünfte Porträt zeigt den städtischen Pfarrer, dessen Deutung die Berechtigung von Leere in der Stadt ermöglichen kann – er vermittelt die Umwertung der Werte, den Verlust als Chance zur Besinnung zu begreifen, für einen Neubeginn. Er ist sozusagen ein Post-Wachstumsvertreter.

Also, es ist von Reindustrialisierung die Rede, von der Revitalisierung der Industrie und von der Regeneration der alten Fabriken hin zu Wohlfühlorten und Tourismusmagneten und auch von der Renaturierung durch einen ökologischen Wandel. Die einzige Frau verkörpert den Weg der Nachhaltigkeit und Ökologie, während die männlichen Akteure außer dem Pfarrer für eine prosperierende Wirtschaft und mehr Industrie stehen – das klingt klischeehaft, aber so war es eben.

Die Charismatikerin zählt sich selbst auch zu dem „Macher“-Netzwerk, aber sie verortet ihre „geistige Heimat“ in den Dörfern im Umland mit ihren Kreativen und Künstler_innen. Sie sagt, sie „ticke“ völlig anders als die Wachstumstreiber der Stadt. Sie hat sich aber den Wachstumstreibern insofern angeschlossen, als dass ihre Behörde nicht mehr gegen den Ausbau der Autobahn opponiert. Sie kämpft also ein Stück weit auf verlorenem Posten, nicht nur inhaltlich – auch durch ihr Geschlecht.

Ich will ein Beispiel nennen, das diesen verlorenen Posten in Elbstadt verdeutlicht: In der kalten Jahreszeit treffen sich rund 12 „Macher“ wöchentlich zum Saunaabend. Da gehören einige Unternehmer zu, Kommunalpolitiker und andere Stadtgestalter. Als ich abends im Schwimmbad war, während der Feldforschung, habe ich mich gewundert, was das wohl für eine Runde ist, die da so laut und sonor aus den Räumen der Sauna lacht, es war richtig was los, normalerweise war ich ziemlich allein dort. Ich fühlte mich als einzige Frau in dem Schwimmbad plötzlich ganz verloren, verlorener als sonst. Ich habe schnell das Weite gesucht.

Ich habe verstanden, warum keine Frau in dieser Runde sein kann. Als einzige Frau mit 12 Männern in die Sauna gehen? Auch wenn es 2 Frauen wären unter den 12, würde es keine erwägen. Solche Praktiken des gemeinsamen Stadtgestaltens beim Saunaabend haben etwas Ausschließendes. Kommunalpolitik, das kam mir plötzlich so vor wie die hermetische männliche Abgeriegeltheit von Bankvorständen, die noch in die Stipteasebar gehen. Soziologen nennen das männerbündische Praxis (Theweleit 2000).

Haese Frauenbünde

Ohne öffentliche Präsenz keine Mitgestaltung

Es ist also eine doppelte Schwierigkeit für Frauen, sich Gehör zu verschaffen und mit den Charismatikern mitzugestalten. Denn erstens ensteht die Charismatisierung von Akteuren durch deren diskursive Präsenz in einer städtischen Öffentlichkeit. Bei meiner Forschung sah das so aus, dass z.B. bei keinem der Pressefotos, als ein Neubau durch den berühmten Spatenstich gefeiert wurde, eine Frau auf den Bildern zu sehen war. Frauen haben aufgrund ihrer strukturellen Benachteiligung weniger Gelegenheiten, eine diskursive Präsenz aufzubauen, wie sie etwa der postindustrielle Unternehmer besitzt. Das sieht man auch daran, dass es zwar eine erfolgreiche Unternehmerin in Elbstadt gibt, die einen Callcenter führt. Da sie aber nie in der Öffentlichkeit steht, kann sie höchstens privat eine Gefolgschaft aufbauen, sie ist in dem Macher-Netzwerk nicht dabei.

Und zweitens müssen sich Frauen innerhalb der männlich dominierten Arbeits- und Politikkultur durchsetzen. Wir Frauen wissen, was das bedeutet: Es ist mehr als nur Kinderkranktage anmelden zu können. Es ist mehr als ein Kitaplatz. Es ist das praktische Umsetzen von Kooperation und gegenseitiger Unterstützung in einer auf Konkurrenz setzenden Arbeitskultur. Meine Charismatikerin, die Umweltchefin, hat leider aufgegeben. Sie ist am Ende meiner Forschung nach Berlin gezogen. Eigentlich ein Super-GAU für alle. Hätte es ein Frauennetzwerk gegeben oder eine Plattform wie F wie Kraft – wer weiß? Vielleicht wäre sie noch da.

Mit Komplizinnen raus aus der Hängematte

Wir müssen also erkennen, warum wir uns mit Komplizinnenschaften so schwer tun!

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Veränderung. Weil wir Frauen meistens in Konkurrenz zueinander stehen in einer männlich dominierten Arbeitswelt oder Kommune, tun wir uns schwer mit den Frauenbünden. Wir sind es gewöhnt, uns zu vergleichen. Uneingeschränkete und bedingungslose Unterstützerinnen-Netzwerke sind schwer zu etablieren, aber wenn wir uns solche eingeübten Praktiken eingestehen, dann können wir sie auch aufbrechen!

Und heruntergebrochen auf die kleinen Städte und auf die Provinz heißt das: Es ist noch wichtiger Frauenbünde zu gründen, weil der Modus allzu gewohnt ist, dass ein Oberhaupt oder ein großer Charismatiker oder vielleicht sogar eine Charismatikerin die Dinge in die Hand nimmt, der oder die alles richtet. Das ist ja gerade die Kehrseite der Struktur, die dafür sorgt, dass wir überhaupt Charisma brauchen: Wir suchen uns die Charismatiker aus, wir nötigen diese Figuren zu ihrer Charismatisierung. Es gilt also, dass wir uns selbst reflektieren in unserem Wunsch, diese Macher-Typen toll machen zu lassen. Denn was diese vor allem schaffen ist ja, dass wir uns zurücknehmen dürfen, dass die schon „machen“ und dass sie uns Sicherheit und Stabilität geben, gerade in aufreibenden Krisen- und Stresszeiten, in denen wir uns gerne in alte, vertraute Muster zurückfallen lassen wie in eine Hängematte.

Charismatische Akteure haben in der strukturschwachen Region die Möglichkeit, Stadtpolitik zu gestalten, weil sie aufgrund von klammen Kassen und schwindenden Mitteln ihre nach Visionen klingenden Ideen leichter umsetzen können (Haese 2017: 230). Sie bündeln sozusagen die Sehnsüchte ihrer Bewohner, ohne dass diese groß agieren müssen. Bezogen auf eine demokratische, lebendige Zivilgesellschaft ist das geradezu fatal! Denn die Strukturschwäche der Zivilgesellschaft wird durch Charisma nicht aufgehoben, sondern zementiert! In Elbstadt habe ich erlebt, wie eine ganze Stadtgesellschaft unter diesen Machern verharrte, weil es keine städtische Öffentlichkeit mehr jenseits von diesem Macher-Netzwerk gab. Aber diese Vielfalt brauchen wir! Sie macht unsere Dörfer und Kleinstädte lebenswert. Und da hilft nur Kooperation und „Feminisierung der Politik“!

Nehmen wir uns ein Beispiel an Spanien, dort regieren in den Rathäusern Kooperationsbündnisse mit vielen Frauen. Dieser Munizipalismus steht für Austausch, Vernetzung und Selbstorganisierung auf der kommunalen Ebene, und das Ziel ist hochpolitisch, eine Konföderation freier und basis-demokratischer Kommunen. Nichts weniger sollte das Ziel sein – und nur so kann der Macht des Charismas begegnet werden.

Deshalb:  Frauen, geht in die Sauna! Schmiedet Komplizinnenschaften!

Inga Haese

Sozialwissenschaftlerin, Dr. rer. pol., freie Autorin und Bloggerin. Langjährige Mitarbeit am Hamburger Institut für Sozialforschung, u.a. im Projekt „Charisma und Miseria. Die Gründung des Sozialen in Überlebensgesellschaften“. Mitarbeit bei e-politik.de. War beim AWO Bundesverband e. V. Referentin für Teilhabe und nachhaltige Lebensstile. Promotion an der Universität Kassel über Stadt und Charisma.

Veröffentlichungen u.a.:

(2017): Stadt und Charisma: Eine akteurszentrierte Studie in Zeiten der Schrumpfung. Wiesbaden.

(2016): „Die Normsetzer/innen der gebrochenen Lebensläufe. Über Arbeit und Leben nach dem politischen Umbruch. In: Garstenauer, Therese; Löffler, Klara u.a.: Arbeit im Lebens-lauf. Verhandlungen von (Erwerbs-)biographischer Normalität. Bielefeld, S. 189-206.

(2015): „Das Recht auf Teilhabe an Nachhaltigkeit – der doppelte Auftrag der AWO“. In: TUP – Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, Ausgabe 03, S. 228-232.

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… und ob Ihr zur Filmvorführung um 19 Uhr bleibt.

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Kunstbauerkino und Kulturcafe “Alte Bäckerei”
Am Sportplatz 3, 02747 Großhennersdorf

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Bei Fragen erreicht Ihr Lorenz Kallenbach telefonisch unter der 03581/3744672 ode
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STILLEN UND STUDIEREN: VON ALLZUSTÄNDIGEN MÜTTERN UND ZWEI-MONATS-VÄTERN

Als Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät Sozialwissenschaften an der Hochschule Zittau/Görlitz berate ich regelmäßig junge Frauen, die ihr Familienleben mit dem Student*innenleben vereinbaren müssen. Der große Frauenanteil unter den Beratungssuchenden liegt natürlich an der sozialwissenschaftlichen Ausrichtung der Studiengänge. Aber wie sieht es in den anderen Fakultäten aus? Beraten hier meine Kolleginnen an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und -ingenieurwesen ebenfalls zu Vereinbarkeitsthemen? Die schlichte Antwortet lautet: Nein.

Je geringer die Anzahl der Studentinnen desto geringer die Nachfrage in der Beratung zu Familienthemen. Klingt logisch? Auf den zweiten Blick nicht. Der Großteil der Beratungssuchenden lebt das heteronormative Beziehungsmodell – es gibt also Mütter und Väter und letztere sind eingebunden oder zumindest greifbar. Die Erwartung, dass der Vater des Kindes frühzeitig Anstrengungen unternimmt, um die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie abzuklären, erfährt in meinen Beratungsgesprächen allerdings eine frühe Ernüchterung. Die Mehrheit der Mütter fühlt sich allzuständig und zieht die Väter maximal dann heran, wenn es um die Eingewöhnung des Kindes in die Kinderkrippe geht. Es ist das erste Jahr, welches die Mütter mit ihren Kindern zuhause verbringen und dafür auf die Beendigung des Studiums in der Regelstudienzeit verzichten.

Viele argumentieren an dieser Stelle sehr schnell mit der Mutter-Kind-Bindung und der unerlässlichen Prämisse des Stillens. Nicht selten wird den Frauen Egoismus vorgeworfen, wenn sie sich gegen das klassische erste Mutter-Kind-Jahr entscheiden, um Studium oder Beruf nachzugehen. Diese Argumentationslogik scheint sich bei den Frauen manifestiert zu haben. Wenn ich beispielsweise in der Beratung dafür plädiere, das Studium nicht zu unterbrechen, weil ich die Quote jener kenne, die nicht zu Ende studieren, wenn einmal unterbrochen wurde, dann wird das von den werdenden Müttern meist vehement abgelehnt. Es kommt der Fakt hinzu, dass der Mann oft der finanzstärkere Part in der Familie ist und sich aus Einkommensgründen für die Variante „Frau zuhause, Mann im Büro“ entschieden wird. Später im Berufsleben fällt dann häufig die Entscheidung, dass sich die Frau in Teilzeit anstellen lässt, um die Kinderbetreuung abdecken zu können. Nach dieser Entscheidung ist die nächste, hin zu dem antiquierten Ehegattensplitting (Steuerklasse III vs. V), nicht weit.

Woher ich das weiß? Als Gleichstellungsbeauftragte bin ich qua Funktion bei jedem Vorstellungsgespräch und bei jedem Berufungsverfahren dabei. Auf Teilzeitstellen bewerben sich primär Frauen, die kleine Kinder haben. Auf Vollzeitstellen und Professuren bewerben sich vorrangig Männer – trotz des sozialwissenschaftlichen Profils der Fakultät. Diese haben teilweise ebenfalls kleine Kinder, aber einen entscheidenden Vorteil: Sie führen ihre Frauen als Vereinbarkeitsstrategie an. Frauen argumentieren mit ihren Männern weitaus weniger.

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Eine Neuordnung der Geschlechterrollen erlebe ich aus meiner Perspektive nicht. Auch vermisse ich „die neuen Väter“, von denen alle sprechen. Wenn damit die Zwei-Monats-Väter in der Elternzeit gemeint sein sollen, verliert die flotte Begrifflichkeit an Aussagekraft. Ich spreche mich dafür aus, dass (werdende) Mütter ganz bewusst darüber nachdenken, ob sie ihr Studium oder ihre Erwerbstätigkeit für längere Zeit zugunsten der Elternschaft unterbrechen. Dabei geht es mir nicht darum, neoliberalistische Tendenzen zu unterstützen, sondern um eine Gleichberechtigung in der Kinderbetreuung. Den Frauen ist häufig nicht bewusst, dass es sich um den Beginn einer „Pflegekarriere“ handelt, die sich bei weiteren Kindern fortsetzt und in der Bereitschaft endet, das eigene berufliche Leben zurückzustellen.

Unternehmen und öffentliche Einrichtungen (wie die Hochschule Zittau-Görlitz) sollten hier wachsam sein und Vereinbarkeitsstrategien schaffen, die auch für Väter interessant sind. Aber vor allem sehe ich die Frauen selbst in der Verantwortung, ihre Entscheidungen bewusster zu treffen und nicht aus einem vorauseilenden Gehorsam heraus gesellschaftliche Stereotype zu übernehmen. Also öfter mal sagen: „Du übernimmst jetzt, ich bin an der Uni oder im Büro“. Und das vom ersten Tag an.

Katja Knauthe, M.A.

Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät für Sozialwissenschaften (HSZG)

Promoviert an der TU Dortmund zu Vereinbarkeitsstrategien von Pflege und Beruf

Kontakt

Hochschule Zittau/Görlitz

Fakultät Sozialwissenschaften

Tel.: 03581-3744254

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Noch zwei Literaturtipps, die sich mit der angesprochenen Thematik beschäftigen

Domscheit-Berg, Anke (2015). Ein bisschen gleich ist nicht genug. Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. Ein Weckruf. München: Wilhelm Heyne Verlag.

Stöcker, Mirja (2007). Das F-Wort. Feminismus ist sexy. Königstein/Taunus: Helmer Verlag.

 

„DAS BEHERRSCHTE GESCHLECHT“

Wie frei, gleichberechtigt und sexuell selbstbestimmt sind Frauen im 21. Jahrhundert?

Wollen wir mal sehen:

Frauen können sich ihre Partner*innen frei wählen? Check!

Sie müssen nicht heiraten? Check!

Sie können verhüten? Check!

Sex ist endlich keine Sünde mehr und kann frei, selbstbestimmt und ohne Angst genossen werden.

Es gibt also keine Probleme. Alles erledigt. Juhu! Sexuelle Freiheit für alle!

Die Frage, die sich allerdings stellt, ist: Kann das kulturelle Gedächtnis Zweitausend Jahre Ungleichgewicht so einfach vergessen? Oder feiert die weibliche Sexualität zu Unrecht ihre Emanzipation?

Antworten findet die deutsche Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Sandra Konrad in ihrem Buch „Das beherrschte Geschlecht“ . Darin beschreibt Sie kenntnisreich die Geschichte der weiblichen Sexualität bis ins 21. Jahrhundert. Über siebzig Frauen im Alter zwischen achtzehn und fünfundvierzig hat sie dafür zu ihrer Sexualität befragt und ihre Antworten eingebettet in psychohistorische Analysen und aktuelle Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Forschung. Was dabei herauskam ist, wie ich finde, eine wahre Fundgrube an wissenswerten Fakten und nützlichem Argumentationsmaterial gegen Sexismus und Feminismusfeindlichkeit.

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Besonders aufschlussreich waren für mich persönlich die Kapitel zur Sexindustrie oder  – wie Konrad sie bezeichnet – zur „Parallelwelt der Gleichberechtigung“. Meine Meinung zu Pornografie und Prostitution ist zwiegespalten. Zum einen würde ich am liebsten die meisten Darstellerinnen aus den Pornos „retten“. Ich möchte in den Bildschirm springen und die Frau, die dort in alle Körperöffnungen gleichzeitig penetriert und der am Ende von mehreren Männern ins Gesicht ejakuliert wird, rausholen, in den Arm nehmen und ihr sagen, alles würde wieder gut werden.

Und alle Jungs und Mädchen, die diese Pornos sehen, um etwas über Sex zu lernen, nun aber völlig verstört sein müssen, die möchte ich trösten und ihnen sagen: „Ihr müsst das so nicht machen“.

Andererseits halte ich es auch für wichtig, Sexarbeit nicht moralisch zu marginalisieren.

Sandra Konrad eröffnet in ihrem Buch genau diese Diskussion. So macht sie auch auf vermeintlich feministische Pornodarstellerinnen wie Sasha Grey aufmerksam, die nicht müde wird, der Öffentlichkeit zu erklären, dass sie einzig und allein aus Lust in die Sexbranche einstieg und dort freiwillig und selbstbestimmt Karriere macht. Sie „verweigert sich der traditionell feministischen Pornodeutung vom männlichen Subjekt und weiblichen Objekt“ und erklärt, „dass jemand, der sich freiwillig unterwirft, nicht zu einem Objekt, sondern zu einem handelnden Subjekt werde“. Hm, was soll man dagegen sagen? Sandra Konrad schreibt: „Es wird nur im Einzelfall zu klären sein, ob weibliche Rufe nach Unterwerfung ein Zeichen von befreiter und selbstbestimmter Sexualität oder verinnerlichten patriarchalischen Ideologien und Rollenklischees sind.“

Im Grundsatz bleibt sie der Sexindustrie gegenüber aber entschieden kritisch. Sie beschreibt die Pornografie als „Erholungszone des Gutmenschen“, in der „die Urangst des Mannes vor der sexuell übermächtigen Frau gebannt“ werden könne. Und während die sexuellen, meist erniedrigenden Handlungen vor dem Bildschirm nur theoretisch erprobt würden, fänden sie ihre praktische Anwendung später im Rotlichtmilieu, welches auch einen heimlichen und vor bürgerlichen Normvorstellungen geschützten Ort biete.

„Allein in Deutschland gehen täglich etwa 1,2 Millionen Männer zu Prostituierten.“

„Laut ver.di sind etwa 93 Prozent der Prostituierten in Deutschland weiblich, 4 Prozent männlich, der Anteil der Transsexuellen liegt bei 3 Prozent.“

Fakten wie diese lässt die Autorin im Laufe ihres Buches immer wieder mit einfließen, was mich beim Lesen jedes Mal erschrecken und nachdenken ließ. Sie stellt fest: „Prostitution ist streng geschlechterhierarchisch strukturiert (…) und kein Beruf wie jeder andere, weil einem fast ausschließlich weiblichen Angebot eine fast ausschließlich männliche Nachfrage gegenübersteht.“

Weniger entschlossen und allgemeingültig sollte Konrad an manchen Stellen argumentieren, in denen es um die Auswertung ihrer selbst geführten Interviews geht. Ihre qualitativen Befragungen sind zwar durchaus vielsagend, jedoch sind siebzig Interviews meiner Meinung nach nicht repräsentativ genug, um in der Auswertung dann von „den Frauen“ zu sprechen. Etwas weniger Bestimmtheit täte ihren Thesen sicher gut. Schade fand ich außerdem, dass sich sämtliche Ausführungen im Buch ausschließlich auf Männer und Frauen bezogen. Denn wer tatsächlich überdauerte Geschlechtsstrukturen aufbrechen möchte, kommt meiner Meinung nach auch nicht umhin, auch mal die binäre und hetero-normativ gefärbte Brille abzusetzen, und alle Geschlechter in das Blickfeld zu rücken. Der Umgang mit Sexualität geht ja schließlich alle etwas an.

Sandra Konrad

Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will was er will.

Erschienen am 01.12.2017 im Piper Verlag

384 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

EAN 978-3-492-05832-2

 

Spoilerwarnung: Dieses Buch kann Widerstand auslösen

Warum sie will was er will buch

KRAFT ALS MASSE MAL BESCHLEUNIGUNG

„F wie Kraft“ als neue Metapher für den weiblichen Aufbruch im Landkreis ist auf den ersten wie männlichen Blick gewöhnungsbedürftig. Und suggeriert sofort den grundphysikalischen Konter: „M wie Masse“, und die wirkt umso stärker, wenn die Beschleunigung fehlt.

Das Fatale daran: Sieht man sich die Lage an – und das zeigt auch die Studie – so ist die männliche Masse leider immer noch erdrückend. Wenn Behörden aufgrund ihrer bislang natürlichen Arbeitsweise und Mechanismen den aufgenommen Frühjahrsschwung bremsen sollten – sei es Landkreis und seine Verwaltung und diverse, oft nur so genannte Wirtschaftsförderer oder gar überbezahlte Leitbildentwickler – dann wird sich der Trend der Abwanderung fortsetzen und damit in absehbarer Zeit die Zukunft echt maskulin-lausig.

Da willkürliche Quoten wenig Sinn haben, wenn man ohne sie ohne Beachtung der Grundgesamtheit (also der Masse) festlegt, hilft hier, bei der nötigen Frauenkraftverstärkung, nur Beschleunigung. Das geht nur mit raschen subsidiären Entscheidungen in möglichst flachen Hierarchien und breiter Vernetzung.

Und, wenn sich die Lausitz wirklich einmal als Kulturraum begreifen und damit als Herkunft identitätsstiftend sein soll, dann hat eine Kreisfrauengrenze keinerlei Sinn: Also sollte sich Bautzen als Landkreis rasch an der virtuellen Frauenarche offi- wie finanziell beteiligen, auch wenn dort die Probleme (vermutlich) weniger virulent sind. Ja nicht einmal Länder- oder gar Staatsgrenzen haben Sinn, sollte man sich als Europäer*In begreifen, wobei das permanente Binnen-I-Pochen ebenso wie fixe Quotenideologie keiner Menschin etwas bringt. Insofern sollte das initiierende Landratsamt in Görlitz sich rasch neue Verbündete suchen: die Strukturen der Industrie- und Handelskammer oder aber der Kreativwirtschaft stehen nicht nur als Beispiel offen, auch die Euroregion ist gefragt. Damit es keine Arche wird, hilft nur ein weiter Horizont, denn auch hinter den Zipfelwipfeln wohnen keine Zwerge und jenseits der Neiße schaut man stets ganz genau gen Westen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein eines jeden Dialektikers: Wir leben im spannendsten und vielleicht EU-entscheidenden Dreiländereck!

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Sportliches Ziel bedarf Schnell- wie Ausdauerkraft

Es ist ein sportliches Ziel, was die Frauen vor sich haben, welches neben Schnelligkeit und Masse vor allem Ausdauer und Geduld braucht. Und unter uns Männern: Wir können es bei voller Hirnkraft – auch im Sinne der lausitzenden Söhne – nur mit ganzen Herzen und voller Tatkraft unterstützen. Dazu gehören folgende logische Forderungen an die Herren Steuergeldverwalter: Die der Studie zugrundelegende Erhebung muss in regelmäßigen Abständen, am besten aller drei Jahre, wiederholt werden. Und die Daten müssen dringend mit der Realität, also Ab- und Zuwanderung, abgeglichen werden – 1200 valide Erstkontakte zu Schülern und Studenten im Landkreis hätte man (derzeit noch) dazu.

Erst dieser Praxischeck der forschen Forscherinnen gebiert Folgerungen, die dann mit politischem Verve rasch umgesetzt werden müssen – und zwar mit Frauen an der Spitze. Keiner kann uns erzählen – wie es sich beim jüngsten Lausitzforum in Weißwasser en passant heraus schälte – dass Breitbandnetz und Elektrofizierung der Bahnlinien nach Dresden oder Berlin die Region retten, wenn in der Region kein Bus fährt und echte soziale, also analog-persönliche Netzwerke der Verödung erliegen. Wichtiger für jeden Unternehmer ist motiviertes Humankapital, am besten im  Familienverbund nah wie fix verheimatet. Da braucht es kein Leit- als Leidbild.

Mein bester Fitnessstudiobetreiber aller Zeiten, ein Ex-NVA-Offizier mit reichlich Moskau-Erfahrung, der als Kraftdreikämpfer natürlich immer deutscher Meister seiner Altersklasse ward und bei dem das so genannte Träning meist in umfassenden Weltlageanalysen ausartete – hatte es handschriftlich an den Eingang gepinnt: „Allein das Durchhalten wird belohnt, nicht das Anfangen.“ Daher heißt es nun fürs Frauennetzwerk: klug dosiertes Training in der Balance zwischen Ausdauer- und Schnellkraft.

Am 28. April 2018 erschien dieser Beitrag von Andreas Herrmann als Kommentar in der Sächsischen Zeitung. Wir veröffentlichen ihn hier als Gastkommentar und bedanken uns recht herzlich dafür.

VON A WIE ANISYSOP BIS Z WIE ZITRONENVERBENE

Man kann sich für diesen Frühlingsabend kaum einen angenehmeren Platz vorstellen. Mit einer Tasse Kräutertee in der Hand schauen wir durch das Glasdach auf die untergehende Sonne und lauschen Geschichten über Kräuter. Man möchte lange zuhören, so angenehm lässt es sich hier verweilen. Aber wir haben noch etwas vor, wir werden sammeln gehen und dann ein frisches Abendessen aus den grünen Zutaten zubereiten.

Kleine Kräuterkunde

Bärlauch, Brennnessel und Giersch erkennt man noch recht einfach, da sind sich die Teilnehmerinnen des ersten Kräuterstammtischs 2018 einig. Aber bei Gundermann und Spitzwegerich ist es gut, noch einmal genau fragen zu können. Woran erkennt man die Pflanzen, welche Form haben die Blätter und welche Farbe die Blüten? Sabine Reuter und Daniela Zenker zeigen, erklären und beantworten Fragen. Es wird ein lebhafter und fröhlicher Austausch von Ideen, Erfahrungen und Rezepten. Unser Gespräch geht bei Quark mit Kräutern und Salat aus Wildgemüse weiter, wir sind uns einig: der Geschmack überzeugt. Die schärferen Kräuter wie Bärlauch und wilder Schnittlauch würzen den Quark und passen sehr gut zu dem sahnigen Geschmack. Giersch, Löwenzahn und andere mildere Wildgemüse verbinden sich durch ein einfaches Dressing aus nussigem Distelöl und Zitrone, erstaunlich wie aus den einzelnen kräftigen Aromen ein harmonisches Ganzes wird.

Ein besonderer Ort der Ruhe

Bestimmt kommen viele der Gäste des Abends zu einem der nächsten Termine wieder. Eine Kräuterspirale anlegen, für Leinensträuße Flachs in Form bringen, Kräuterkunde oder Lavendel. Mit feinem Gespür für das jeweils zur Saison Passende wählen die Gärtnerinnen aus und stellen das Jahresprogramm zusammen. Man lernt immer etwas dazu, erhält Anregungen und neue Ideen, vor allem aber tauscht man sich mit anderen Interessierten aus. Die malerisch mit Blick zur Landeskrone gelegene Gärtnerei ist ein schöner Ort für einen ruhigen Abend jenseits von Hektik und Stress.

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Handarbeit und Sorgfalt

Das Besondere an der Biogärtnerei Wagner ist das umfassende Wissen über Kräuter. Die Umstellung auf die biologische Anbauweise zertifiziert nach den Richtlinien des Gäa e.V. war ein großer Schritt, um diese Philosophie praktisch zu leben. Die Sorgfalt der Arbeit beginnt beim Aussähen und Pikieren, jede einzelne Pflanze wird im Wortsinne sorgfältig herangezogen. Dieses zeit- und arbeitsaufwändige Verfahren wird heute nur noch von wenigen angewandt. Ein eigenes Profil zu entwickeln, die Kunden zu finden, zu gewinnen und zu binden, das ist ein langwieriges Projekt. Im Gespräch wird klar, wie viel Liebe und Energie in dieses Vorhaben gesteckt wird. Zusätzlich zu den Kräutern gibt es zwei weitere Standbeine, die das Angebot vervollständigen: die Stauden- und Gemüsegärtnerei sowie die Betreuung von Gräbern auf den Görlitzer Friedhöfen.

Das Besondere genießen

Der Görlitzer Markt, die besonderen Termine der Naschallee, das sind die besten Plattformen der Gärtnerei. Man kommt ins Gespräch und gewinnt die interessierten Kunden. Die herrlichen Kräutersträuße sind blühende Boten der Gärtnerei, die man sich mit nach Hause nimmt und die einen so neugierig machen, dass man den Ort sehen möchte, wo das wächst, was in der Vase blüht. Die Bamberger Hörnchen wachsen tatsächlich in Görlitz? Das möchte man sich anschauen! Und wenn man etwas wirklich Besonderes verschenken möchte, was wäre sinnvoller und schöner als eine Auswahl aufeinander abgestimmter Stauden? Kräftige, schöne und gute Pflanzen die ohne Chemie gezogen wurden und mit dem Boden der Lausitz hervorragend zurechtkommen? Für Ideen und Fragen sind Sabine Reuter und Daniela Zenker immer offen. Vielleicht möchte man statt eines einfallslosen Gutscheins lieber mal die Bepflanzung für eine Kräuterspirale verschenken? Oder einige wirklich besondere Kräuter, die in dem Garten der Beschenkten garantiert noch nicht zu finden sind?

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Selbst entdecken lohnt sich!

Die Biogärtnerei Wagner kooperiert mit anderen regionalen Biobetrieben. Was nicht hier angebaut wird, das kann man vielleicht auf dem Lindenhof finden? Was an Kräutern und Gemüsen in der Gärtnerei Wagner angebaut wird, findet seinen Weg in die hochwertigen und überregional bekannten Produkte von Gut Krauscha. Kooperation ist das A und O, für die Kunden ist das ein Gewinn. Aber vor allem empfehle ich allen Neugierigen, die Gärtnerei selbst zu besuchen. Es lohnt sich, diesen ein wenig verwunschenen und malerisch schönen Platz in Görlitz zu besuchen. Am besten, um sich mit frischem Gemüse und einem Kräuterstrauß selbst zu beschenken. Oder natürlich, um an einem der Termine neue Impulse und Entspannung zu finden.

Dieser Text und die Bilder stammen vom Blog Ein Korb voll Glück, in dem Anja Nixdorf-Munkwitz mit Liebe und Sachverstand über regionale Gaumenfreuden berichtet. Auch die anderen Beiträge lohnen die Lektüre! Anja Nixdorf-Munkwitz lebt in der ländlichen Oberlausitz und leitet die Stiftung Kraftwerk Hirschfelde.

WEILD WEIBS

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Auf einmal war sie da. Hier, mitten in der Pampa, am Ende der Welt. Nun gut, meine Welt fing bislang in Rostock an und endete wahlweise in Köln, Breslau oder Brüssel. Dazwischen war Nichts. Nun bin ich im Nichts angekommen. In der Oberlausitz. Und treffe sie: Die FRAU. Natürlich war die eigene Orientierungslosigkeit im Nichts der Grund dafür, nach einer Bande Ausschau zu halten. Und ich fand SIE – die vermisste Spezies in den ländlichen Gesellschaften: Frauen. Waren sie da, sind sie fort. Sind sie da, sind sie trotzdem fort. So oder so flüchtig. Von der Welt und ihren Möglichkeiten oder vom merkwürdigen Innenleben einer überschaubaren, aber zerstreuten Gesellschaft auf dem Lande. Hier sind es die gebauten Rückzugsräume – die üppigen Höfe, Herden – Kinder wie Rinder oder Schafe, die den weiblichen Traum vom Kümmern verwirklichen helfen. Sie sind Wachträumerinnen. Immer am Rande des Wahnsinns. Kurz davor überzuschnappen. Im Transit des Wollens und Gebrauchtwerdens. Überreizte Sinne machen sie zu schlechten Verhandlungspartnerinnen. Entschlossene Hingabe als penetrante Drohung: Nicht mit mir ohne mich. Also bleib ich. Kaum auszuhalten diese existenzialistische Haltung. Nur gemeinsam. So sagen sie. Immer wieder. Wie ein Mantra singen sie von Gemeinschaft und suchen, wie ich, Halt.

Pferdefrauen gehen immer

Langes Haar, Stiefel, Zügel in der Hand. Pferde sind Freiheit, sind Disziplin, sind Sorgen und Pflegen, sind Wettkampf. Wer die Tricks kennt – animalisches und wildes – beherrschbares Landleben. Der Respekt eines Stadtmenschen vor einem Trakehner ist gewiss. Hier gerät das Ungleichgewicht des Stadt-Land-Fortschritts kurz ins Wackeln. Dasselbe gilt für die öde oder schöne Landschaft – je nach Perspektive, die zum Urlauben einlädt, aber fürs Leben zu viel ICH auf 2 ha Wald, Wiesen und Acker bedeutet. Kein Entfliehen mehr möglich. Oder eben Flucht aus Notwendigkeit.

(Nicht,) dass es Missverständnisse gibt

Kinder und Gemeinschaften sollten wirklich kein knappes Gut sein. Sie sind wundervoll. Pferde, Schafe und Kühe ebenfalls. Die Frau aber wird als Idee vermisst, ihrer Anwesenheit zum Trotz wird sie als abwesend beklagt. Wie Martina Gedeck in dem Film „Die Wand“, trennt sie eine unsichtbare Mauer von der Zivilisation. Wie die gläserne Decke ihren Aufstieg blockiert, filtert die Wand Frauen zwischen Land und Stadt. Sie werden ferngehalten und all ihr Rufen, Wirken und Winken verhallt. „Halloooooooh!“ Pssst. Nicht so laut. Da will einer was sagen. Oh – `tschuldigung, wollt ich nicht. Hab ich nicht bemerkt. Tut mir leid. Entschuldigung.

Nein, eigentlich ist das nicht zum Aushalten! Wie das Frausein (Achtung Autokorrektur: Grausein) aus ihr herausgeschält wird. Wie ein Mantel, der erst aufgeknöpft werden muss. Ist er geöffnet, gibt es jene, die das Fell zur Schau stellen, aber bitte nicht anfassen. Oder sie tragen kein Innenfutter und bezwingen dadurch, dass sie sofort nackte Haut zeigen. Jede Berührung wie ein Stromschlag. Direkter Kontakt. Kein Puffer.

Hat uns mal jemand gefragt, wie wir das so (emp)finden?

Und überhaupt, was wir denken. Oje, was rede ich da – ich mache mich mit einer ganzen Gruppe von Menschen gemein, die ich wegen ihres Geschlechtes als meines Gleichen sehe?!  —- Ja, genau das tue ich.

Natürlich sind Unterschiedlichkeiten mit im Spiel, aber wir begegnen uns in einer gesellschaftlichen Position. Wir teilen im Frausein einen grauen Erfahrungsraum (ich habe mal gelesen, dass es über 200 Grau-Nuancen gibt), den Männer nicht haben.

David Müller hat auf editionf einen bemerkenswerten Artikel dazu verfasst: Die grundsätzliche Haltung in der Welt ist durch die Mann-Frau Differenz markiert. Das betrifft die Erfahrung von Gewalt, Unterdrückung und Entmündigung. Hier gab es zuletzt viele Fortschritte und Emanzipationsprozesse – aber der Verweis auf die „billigen Plätze“ bleibt. Hart erkämpft ist die vordere Reihe von Wenigen. Das weibliche Geschlecht darf dann gar keine Rolle mehr spielen. Frau wird zum potenziellen „kleinen Mann“, der sich Gehör verschaffen konnte und ihr Geschlecht verliert, bis jemandem auffällt, dass sie manchmal einen Rock trägt oder tief blicken lässt.

Fortsetzung folgt …

Willkommen bei F wie Kraft!

Dr. Julia Gabler lebt seit 2013 mit ihrer Familie in Görlitz. Von 2015-2016 leitete sie am TRAWOS Institut der Hochschule Zittau/Görlitz mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Ines Fabisch das Forschungsprojekt zu qualifizierten Frauen. Seit Herbst 2018 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Sozialer Strukturwandel und responsive Politikberatung in der Lausitz am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam.

„SUPER, UND DIR?“

„SUPER, UND DIR?“

Die Protagonistin, Marlene Beckmann, hat gerade ihr Studium abgeschlossen und tritt nun in die Sphären der Lohnarbeit ein. Sie ist Volontärin in einem multinationalen Unternehmen und betreut den Auftritt der Firma in den sozialen Medien. Sie hofft, sich hier selbst zu verwirklichen.

An ihrem ersten Arbeitstag macht sie 25 Selfies vor dem Gebäude, sucht das Beste aus und postet es mit der Bildunterschrift: „Yay, erster Tag!“. Stimmung: glücklich. Zufrieden schaut sie zu, wie die Like-Zahl steigt. „Daumen hoch, Daumen hoch, Herzchen, Glückwünsche und noch mehr Herzchen.“

Marlene teilt sich ein dunkles Büro, welches sie „den Schlauch“ nennt, mit Maya. Die beiden konkurrieren um eine Festanstellung nach dem Volontariat. Dieser vermeintliche Wettstreit bewegt sie zu chronischem Überengagement. Selbstverwirklichung heißt daher in ihrem Fall, um die 70 Stunden pro Woche zu arbeiten.

„Der Schlauch ist jetzt mein Zuhause, darin wohne und schlafe ich mit offenen Augen, hier schreibe ich auf Facebook lustige Postings, um meinen 532 Freunden mitzuteilen, dass es mir extrem gut geht und ich so dermaßen erfolgreich bin. Wenn dann die ersten Freunde mein Glück liken und kommentieren, fühle ich mich für einen Moment sehr ruhig. Ich mache das Richtige, ich arbeite, ich funktioniere, ich networke, ich mache Karriere, ich bin ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft und trage zum Bruttoinlandsprodukt bei, zahle Steuern und unterstütze die Industrie mit meinem ständigen Konsum von unnützem Zeug. Ich bin ein sehr guter Mensch.“

Marlene sieht sich seit ihrer Kindheit diversen gesellschaftlichen Erwartungen ausgesetzt. Sie will gefallen, geliebt und begehrt werden. Aber: Je weniger Wert sie sich selbst beimisst, desto abhängiger wird sie von den Bewertungen der Anderen. Ihre Kolleg*innen entsprechen allesamt den medial produzierten Schönheitsidealen. Sie sind schlank, sportlich, essen in der Kantine Salat und haben strahlend weiße Zähne. Um sich in ihrer Gegenwart nicht allzu minderwertig fühlen, geht Marlene in ihrer kaum vorhandenen Freizeit auch noch regelmäßig ins Fitnessstudio. Um dem permanenten Druck der langen Arbeitswochen standhalten zu können, konsumiert sie über den Tag verteilt Ritalin, Kokain und Speed. Um in ihrem Freund*innenkreis nicht als fleischgewordener Karrierezwang wahrgenommen zu werden, sondern zu beweisen, wie lässig, ungezwungen und voller Tatendrang sie noch immer ist, verbringt sie ihre Nächte auf exzessiven Partys.

Sie verliert sich in einem Strudel aus chronischem Schlafmangel, Erschöpfung, Selbstzweifeln, Überforderung und purer Verzweiflung.

Kathrin Weßling beschreibt, welchem gesellschaftlichen Druck junge Frauen ausgesetzt sind, und wie es ist, diesem nicht mehr standhalten zu können, und trotzdem zu lächeln.

„Ich wurde verarscht, weil alle, einfach alle mir versprochen haben, dass ich nur hart genug zu mir sein muss, nur dünn, fleißig und hübsch genug, nur therapiert und reflektiert genug, (…) lieb und cool, gleichzeitig aber auch besonders, dann kriege ich, was ich will, was ich brauche, was mich weiterbringt, was wichtig für meine Persönlichkeitsentwicklung ist. Alles wird super, wenn ich nur fest genug daran glaube, wenn ich nur oft genug Sport mache und zu geheimen Elektropartys gehe, (…) wenn ich meinen Bachelor im Ausland mache und für meinen Master in eine andere Stadt ziehe, (…) wenn ich reise, mich selber verwirkliche, in meine Chakren atme und alle sechs Monate zur Zahnreinigung gehe. Wenn ich einmal die Woche zur Therapie gehe, aber auch nur, weil ich mich selber besser kennenlernen will, nicht, weil ich kaputt oder krank bin. (…) Ich bin nie wirklich krank, mein Körper will mir damit nur irgendetwas sagen. (…) Ich bin nie einsam, sondern setze mich nur mit mir selber auseinander. Und ich arbeite nicht, sondern verwirkliche mich.“

Macht Marlene Sport, weil sie es will? Oder weil externe Standards ihr suggerieren, es wollen zu müssen?

Wenn sie dann schlanker wird, und sich darüber freut: Freut sie sich, weil sie sich körperlich besser fühlt? Oder weil Schlanksein der Schönheitsnorm entspricht?

Macht sie freiwillig so viele Überstunden, weil sie ihre Arbeit gern macht, sie daher nicht zwischen beruflich und privat trennen muss? Oder weil ihr ganz subtil die Botschaft vermittelt wird, sich für die Firma aufopfern zu müssen, um anerkannt zu werden? Komischerweise scheinen alle Menschen um sie herum ihren Alltag mit Leichtigkeit zu meistern. – Wer ist dann Schuld, wenn Marlene an den Anforderungen zerbricht? Ihr Arbeitgeber? Die Drogen? Die Umstände? Oder sie selbst?

Die Auseinandersetzung mit Selbstoptimierung macht deutlich, wie sehr wir uns mit gesellschaftlichen Ansprüchen identifizieren und diese als unsere eigenen ausgeben. Die Linien, zwischen dem was wir selbst wollen und dem was wir zu wollen haben, verschwimmen. Was dazu führt, dass wir uns selbst die Schuld geben, wenn wir „versagen“, da wir „unseren“ Ansprüchen nicht gerecht werden. „Super, und dir?“ zeigt, was wir, unter dem Deckmantel der Selbstverwirklichung, alles bereit sind auf uns nehmen.

Zu kritisieren bleibt nur eins:

Mich persönlich stört der leichtfertige Umgang der Autorin mit dem Wörtchen „hysterisch“. Sie verwendet es gern um die Stimmung ihrer Protagonistin zu beschreiben – Marlene wird hier hysterisch, Marlene reagiert da hysterisch.

Obwohl die Diagnose Hysterie seit über 60 Jahren abgeschafft ist, ist sie noch längst nicht aus den Köpfen verschwunden. Immer dann, wenn Frauen zu laut, zu fordernd werden, lebt der Hysterie-Begriff und die damit verbundenen negativen Zuschreibungen wieder auf.

Die Protagonistin arbeitet 70 Stunden pro Woche, hat einen Arschloch-Chef, ist auf Dauerdiät, chronisch übermüdet und nimmt heimlich Drogen, um ihren Alltag irgendwie zu bewältigen. Sie glaubt in jeder Lebenslage, nicht gut genug zu sein, nicht mithalten zu können. Ihren Selbstwert schöpft sie aus Instagram-Likes. Logisch, dass sie auch mal ausrastet.

Das hat aber nichts, wirklich überhaupt nichts mit Hysterie zu tun.

Pauline Hoffmann lebt seit einigen Jahren in Görlitz und kommt auch aus der Gegend. Sie studiert an der HSZG.

Wessling cover

„Super, und Dir?“ von Kathrin Weßling

Erscheint im Mai 2019 im Ullstein Verlag

Taschenbuch, 256 Seiten

ISBN-13 9783548060217

ÜBER VIELE BRÜCKEN MUSST DU GEHEN… FRAUEN AUF DEM WEG ZUR MACHT

ÜBER VIELE BRÜCKEN MUSST DU GEHEN… FRAUEN AUF DEM WEG ZUR MACHT

Viele Frauen, die angefragt werden, sich für eine machtvolle Position – egal ob im hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Bereich – zur Verfügung zu stellen, haben Bedenken, in ein Spiel einzusteigen, das sie oft nicht kennen und von dem sie ganz stark vermuten, dass sie es auch nicht beeinflussen können. Das ist an und für sich vernünftig, in letzter Konsequenz allerdings sehr bedauerlich!

Ich werde hier einige der „Schluchten“ betrachten, die Frauen überwinden müssen, um eine Führungsposition nicht nur zu erreichen, sondern auch für sie befriedigend ausfüllen zu können.

Je mächtiger ein Posten, desto seltener wird er von einer Frau besetzt

Zunächst ein kurzes Lagebild, zum Beispiel, was Frauen in der Kommunalpolitik anbelangt: Zum mittlerweile vierten Mal führte die Fernuniversität Hagen im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung das „Genderranking“ durch.  Darin werden 73 Großstädte mit über 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern anhand ihrer Frauenanteile an kommunalpolitischen Führungspositionen – Ratsmitglieder, Dezernatsleitungen, Ausschuss- und Fraktionsvorsitze – sowie für das Oberbürgermeisteramt verglichen. Es zeigt sich, dass innerhalb von knapp zehn Jahren der Frauenanteil an den Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeistern stark eingebrochen ist: von noch 17,7% 2008 auf 8,2% im Jahr 2017 – damit hat er sich in kurzer Zeit auf weniger als die Hälfte reduziert.

Der Frauenanteil unter den Dezernentinnen und Dezernenten ist dagegen als einzige politische Spitzenposition stark und kontinuierlich gestiegen: von 18,5 % 2008 auf 29,1 % 2017. Das wissenschaftliche Team der Fernuniversität führt dies darauf zurück, dass auf diesem Feld die beruflichen Qualifikationen von Frauen eine größere Rolle spielen als bei der Besetzung rein politischer Ämter.

Insgesamt gilt: Frauen sind, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, in den kommunalpolitischen Führungsämtern deutscher Großstädte auch 2017 unterrepräsentiert. Je wichtiger und mächtiger der Posten dabei ist, desto unwahrscheinlicher wird er von einer Frau besetzt.3 Ranking ostdt. Städte: Rostock (23), Leipzig (36), Dresden (37), Chemnitz (69)

Ein noch stärker polarisiertes Bild ergibt sich, wenn man die Frauenanteile in den Stadträten nach Parteien aufschlüsselt. Spitzenreiter sind Bündnis 90/Die Grünen mit der Erfüllung ihrer 50-Prozent-Quote, gefolgt von der Linken mit 44,4 % Frauenanteil (Quote 50%) und der SPD mit 37,3 (Quote 40%). Die einer Quote verpflichteten Parteien haben nicht nur hier einen deutlich höheren Anteil, sondern besetzen auch Fraktions- und Ausschussvorsitze deutlich stärker mit Frauen. Auf der anderen Seite unterbietet die neu hinzugekommene AfD, die nur in einigen Bundesländern in den Kommunalparlamenten vertreten ist, mit einem Frauenanteil von 11,6% noch die FDP, die 2008 mit 24,9% das Schlusslicht gebildet hatte und seither ihren Anteil nur geringfügig steigern konnte (auf 26,4% im Jahr 2017). Die CDU erreicht ihr eigenes Quorum von 33% (als Empfehlung) nur in 28 von 73 Großstädten.

Wenn die Politik den Frauenanteil in Kommunalparlamenten und kommunalen Spitzenpositionen in vertretbarer Zeit erhöhen möchte, bleibt als Maßnahme nur die gesetzlich festgelegte, verbindliche Quote, wie sie bereits in einigen europäischen Ländern gilt, zum Beispiel in Frankreich.

„Ohne die Quote würde es noch 128 Jahre dauern, bis eine paritätische Besetzung kommunaler Ratsmandate mit Frauen und Männern erreicht wäre – wenn man die Entwicklung von 2008 bis 2017 in die Zukunft fortschreibt,“

sagt Sabine Drewes, Referentin für Kommunalpolitik und Stadtentwicklung der Heinrich-Böll-Stiftung.

Kaffeekueche

Fehlende Erfahrungen mit Frauen in Leitungspositionen

Bei der Betrachtung dieses Lagebilds stehen wir vor der ersten Schlucht, die es zu überwinden gilt: die strukturelle, gesellschaftliche Schlucht. Hier geht es um Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, die in unserer Gesellschaft vorherrschen, in den Köpfen von Frauen und Männern – mit allen Konsequenzen. An dieser Stelle möchte ich lediglich auf zwei dieser Konsequenzen aufmerksam machen: Die Einstellungen von Frauen und Männern Chefinnen gegenüber und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatem – Stichwort hier: die „zweite Schicht“.

Die Gesellschaft für Konsumforschung fragte 509 Männer und 536 Frauen: „Wen hätten Sie lieber als Chef? Einen Mann? Eine Frau? Oder ist es Ihnen egal?“ Das Ergebnis: 49 % der Befragten sagen, sie würden einen Mann als Chef vorziehen. 49 % ist das Geschlecht egal, aber nur 10 % hätten, wenn sie es sich aussuchen könnten, lieber eine Chefin. Und: Unter Frauen ist die Präferenz für eine Chefin mit 12 % gar nicht wesentlich größer als unter Männern mit 9 %. Gisela Mohr, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig, wertet dieses Ergebnis als Indiz dafür, dass althergebrachte Einstellungen unter Männern und Frauen noch immer stark wirken. Sie sagt: „Wenn man davon ausgeht, dass unter denjenigen, die ‚egal‘ sagen, auch solche sind, die es als politisch inkorrekt oder für nicht mehr opportun halten, eine Frau als Führungskraft abzulehnen, ist das ein recht trauriger Stand.“ Das Problem: Viele Frauen und Männer denken immer noch, eine Chefin sei automatisch zickig. Offenbar hat sich diese Einstellung in den vergangenen Jahren kaum verändert. Mohr ermittelte bereits in einer im Jahr 2007 veröffentlichten Untersuchung, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen es ihren Chefinnen nicht leicht machen. Teammitglieder zeigen demnach weiblichen Führungskräften gegenüber weniger Respekt, unabhängig davon, ob sie selbst weiblich oder männlich sind. Als eine Erklärung sieht die Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung den Umstand, dass es nach wie vor nur wenige Frauen in Leitungspositionen gibt und den Befragten daher schlichtweg positive Erfahrungen fehlen. Viele Leute würden es einfach nur so kennen, dass der Chef ein Mann ist und würden dann vermutlich denken, dass sie damit stets gut gefahren sind. (Vgl. Anette Dowideit, S. 33)

Eine weitere Konsequenz der strukturellen Schlucht, die sich zwischen Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit in unserer Gesellschaft auftut: Eine der häufigsten Antworten auf die Frage, warum so wenige Frauen in Vorbild-, Leitungs- oder Führungspositionen zu finden sind, ist die Schwierigkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

Privatleben meint hier meist: Familienleben. Die Vereinbarung dieses Lebensbereiches mit dem Beruf ist eine Problematik, die sich auch heute noch nahezu ausschließlich Frauen stellt – und zwar so lange, wie männliche Führungspersonen die Tatsache, dass sie Kinder haben, mit dem Schließen der Haustür ganz einfach vergessen (können). Anders sieht das bei weiblichen Führungskräften aus: In der Regel gibt es auch für sie die „zweite Schicht“, wie Arlie Hochschild (1990) es genannt hat, wenn Frauen nach ihrem Vollzeiterwerbsjob außer Haus die zweite Schicht im Haus anschließen. Daran hat sich nichts geändert: Frauen leisten immer noch deutlich mehr Hausarbeit als Männer.

Welches Frauenteam holt sich schon einen Mann in die Kaffeeküche?

Eine zweite Schlucht tut sich auf, wenn man auf die Problematik aus institutioneller Sicht betrachtet. Auch hier zwei Beispiele: Zum einen das Phänomen der Selbstrekrutierung von Belegschaften bei Besetzungsverfahren. Zum anderen das Phänomen der Entkoppelung, also die organisationale Trennung von Formalstruktur und Aktivitätsstruktur.

Man weiß inzwischen, dass Teams darauf bedacht sind, eine organische Einheit zu bleiben, dass also alles so läuft, wie immer. Und dies ist am besten gewährleistet, wenn sich die Teammitglieder ähnlich, am besten gleich sind. Insofern sind diese Selbstrekrutierungsmechanismen bei der Neubesetzung von Stellen zwar durchaus nachvollziehbar – welches Team holt sich schon gerne und vor allem freiwillig einen Fremdkörper ins Nest. Trotzdem sind sie der Schrecken aller Gleichstellungsbeauftragten, da hier selbstverständlich alle objektiven Kriterien einer sich bewerbenden Person ausgeblendet werden. Diese Mechanismen betreffen alle möglichen Organisationen, vom Büro mit zwei Angestellten bis zur Partei. Und sie werden selbstverständlich auch in Frauenteams wirksam: welches gut funktionierende Frauenteam holt sich schon freiwillig einen Mann in die Kaffeeküche?

Und schon sind wir beim zweiten Beispiel für Abgründe auf der institutionellen beziehungsweise der organisationalen Ebene. Auffällig ist doch Folgendes: „Abnehmende Geschlechterungleichheit ist in einer beträchtlichen Anzahl von Organisationen oder in deren Teilen zu beobachten, während sich in anderen Organisationen Geschlechterungleichheit beibehält, vergrößert oder subtilisiert.“ Diese Beobachtungen macht Ursula Müller in ihrem Aufsatz „Organisation und Geschlecht aus neoinstitutionalistischer Sicht. Betrachtungen am Beispiel von Entwicklungen in der Polizei“ in den „Feministischen Studien“ (S. 40).

Woran liegt das? Was sind die Gründe für solche Erscheinungen?

klimaanlage graessel 2

Gleichstellung darf nicht nur heißen, dass es eine Gleichstellungsbeauftragte gibt

Um sich selbst beizubehalten beziehungsweise um die eigene Legitimität möglichst zu vergrößern, ahmen Organisationen durchaus Aktionen anderer Organisationen nach. Dabei wird entweder nachgeahmt, wenn eine Organisation unsicher ist oder wenn andere Organisationen als besser legitimiert und erfolgreicher erscheinen als die eigene. Dies beschreibt Ursula Müller auch für Gleichstellungsarbeit: Irgendwann, so meint sie, sahen sich einige Vorreiter-Organisationen in Deutschland durch internen Druck wie auch durch externe positive Beispiele bemüßigt, eine für Anti-Diskriminierung zuständige ‚Adresse‘ einzurichten, also eine Gleichstellungsstelle oder eine Frauenbeauftragte. Hierdurch entstand eine Unsicherheit für andere Organisationen, die beobachten mussten, ob sich eine Veränderung der Beschaffung von Legitimität und Ressourcen ergäbe, und viele reagierten mit nachahmenden Prozessen der Installierung einer ‚Beauftragten‘ für Frauen, Gleichstellung, Gleichberechtigung, Frauenförderung und ähnliche Bereiche ( Vgl. ebd.: 45).

Das heißt, Organisationen wie die Telekom – als Quotierungsvorreiterin! – ahmen einerseits nach (skandinavische Vorbilder zum Beispiel), und werden nachgeahmt, da sich Erfolge bereits eingestellt haben. Der Frauenanteil bei der Telekom hat sich bereits jetzt schon erhöht, das Unternehmen hat bundesweite Aufmerksamkeit erregt. Das muss aber nicht heißen, dass die einzelne Frau, die bei der Telekom arbeitet, etwas davon hat.

Meine Hochschule beispielsweise – dort kenne ich mich als ehemalige Gleichstellungsbeauftragte besser aus als bei der Telekom – hat schon einige Preise abgeräumt im Bereich von Frauenförderungsprojekten. Dies gelang aufgrund der an unserer Hochschule vorhandenen teilweise vorbildlichen Formalstruktur, was Gleichstellung anbelangt. Diese Struktur lässt sich ausgezeichnet an die äußere Umwelt, also entsprechende Jurys, verkaufen.

Auf der anderen Seite gibt es an unserer Hochschule aber immer noch Fakultäten mit nur einer einzigen Professorin, es gibt immer noch Berufungskommissionen ohne eine einzige Frau, und einzelne Gremienmitglieder verdrehen immer noch die Augen, wenn die Gleichstellungsbeauftragte – wie es ihr Recht und auch ihre Pflicht ist – zur Tür herein kommt und tatsächlich mitmachen will.

Diese Widersprüche: preiswürdig gegenderte Formalstruktur und zutiefst sexistisches Verhalten in der Aktivitätsstruktur, also auf der Ebene der einzelnen Akteurinnen und Akteure, das ist das, was Frauen an die allseits bekannte gläserne Decke stoßen lässt. Die besten Verwaltungsvorschriften, Erlasse und Gesetze nützen nichts, wenn wir die Aktivitätsstrukturen nicht verändern, wenn der Gedanke der Gleichstellung nicht nur formal, sondern handlungsleitend bei den Akteurinnen und Akteuren der Organisation angekommen ist!

Die eigentliche Messlatte für Frauen sind andere Frauen

Dass Teammitglieder – egal ob männlich oder weiblich – Teamleiterinnen oftmals den Respekt verweigern wurde hier schon beschrieben. Doch womit müssen „aus dem Team herausragende“ Frauen im Umgang mit anderen Frauen rechnen?

Viele Frauen in leitenden Positionen haben die Erfahrung gemacht, dass sie, wenn sie ihrem Umfeld freundschaftlich, persönlich gegenübertreten, die Distanz und den Respekt ihrer Umgebung verlieren.

Gerade bei Frauen aus ihrem näheren Arbeitsumfeld kann durch ein freundliches Auftreten die Frage provoziert werden, was denn an der höhergestellten Frau so besonders sei und warum gerade das, was diese Frau sagt, gemacht werden soll. Das Perfide dabei ist, dass aufgrund traditioneller, sexistischer Vorstellungen in den Köpfen von Männern und Frauen aber genau das von Frauen, egal ob „oben“ oder „unten“ erwartet wird: Frauen SOLLEN sich familiär, freundschaftlich und persönlich verhalten. Frauen werden immer noch als Klimaanlage in Organisationen gesehen.

Zwei Gesichtspunkte spielen hierbei eine Rolle: Zum einen rückt die Stärke anderer Frauen die eigene Schwäche und Unzulänglichkeit in den Blickpunkt. Haben Frauen Macht, stellt sich für viele Frauen die Frage: Diese Frau ist stark, warum bin ich das nicht?

Zum anderen sind für viele Frauen die eigentliche Messlatte andere Frauen: Männer sind stark, Männer haben Macht, Männer laufen für viele Frauen außer Konkurrenz. Die Konkurrenz ist die Kollegin, die Parteifreundin, die Mitgliedsfrau, eben: die andere Frau. Mit Männern, denken Frauen, müssen sie sich nicht vergleichen. Männern werden selbstverständlich die ersten Listenplätze überlassen, aber wenn es um Platz 20 geht, kicken sich die Mitbewerberinnen gegenseitig aus dem Feld.

Für viele Frauen sind die eigentliche Messlatte also andere Frauen und viele Frauen vergleichen sich nicht mit Männern, sondern mit anderen Frauen – ist das immer schlecht?

Viele Frauen finden es unerträglich, zu gewinnen

Auch in individueller Hinsicht gibt es viele Gräben zu überwinden. Hier nur einige, wirklich schmerzhafte Schlaglichter:

Die prognos-Studie „Frauen in Führungs- und Leitungspositionen in der Privatwirtschaft im Freistaat Sachsen“ konstatiert eine im Vergleich zu Männern seltenere konsequente Karriereorientierung von Frauen: Aufgrund von vornherein eingeschränkten Karriereerwartungen und fehlenden Rollenvorbildern investieren Frauen oft weniger in ihren beruflichen Aufstieg. prognos 2010, auf Grundlage von Auswertungen vorliegender Daten zur Privatwirtschaft in Sachsen und insgesamt 17 Expertinnen- und Expertengesprächen

Viele Frauen scheuen sich auch deshalb vor öffentlichen, machtvollen Ämtern, da sie sich offensichtlich leichter mit Schwäche als mit Stärke identifizieren. Sie finden es weniger unerträglich, zu verlieren, als zu gewinnen: In einem Seminar sollten zwei Frauen so lange miteinander ringen, bis eine gewinnt. Die anderen anwesenden Frauen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, die jeweils eine der beiden Ringerinnen anfeuern sollten. Das klappte alles ganz gut, bis sich herauskristallisierte, welche der beiden Frauen gewinnen würde. Ab diesem Zeitpunkt ging sämtliche Sympathie der Frauen auf die Verliererin über. Die Siegerin wurde nicht gefeiert, und sie selbst sah eher schuldbewusst und unglücklich auf die Verliererin (Flohr-Stein, Christa, Freundin – Konkurrentin!?, in: Frauenforschung 2 (1992) S. 131-141, S. 138).

Immer noch haben viele Frauen aufgrund ihrer Sozialisation aber auch Schwierigkeiten mit der Konkretion von Macht in ganz realen Alltagssituationen. Sie tun sich schwer mit einem gewissen Statusdenken, das für die Ausübung einer Spitzenfunktion unabdingbar ist. Status, die Stellung, die eine Person im Vergleich zu anderen Mitgliedern des jeweiligen Sozialsystems inne hat, wird angezeigt, wird zum Ausdruck gebracht, und zwar auf verschiedenen Kanälen. Der Ausdruck von Status dient dabei nicht nur der Orientierung für andere, also dafür, anderen anzuzeigen, mit wem sie es zu tun haben, sondern kann auch als Mittel der Durchsetzung, als Machtinstrument eingesetzt werden.

In einer gehobenen Funktion bedarf es einer gewissen Präsentation der eigenen Persönlichkeit. Vielen Frauen ist so etwas immer noch zuwider. Sie gehen immer noch eher zögerlich um mit Statusanzeigen wie Verfügung über Raum oder Zeit, Körperhaltung, Mimik, Gestik, Körperschmuck und Kleidung. Und: Frauen haben immer noch Schwierigkeiten, in der Öffentlichkeit laut, klar und deutlich und vor allem direkt zu sagen, was sie fordern (Gräßel, Ulrike, Weibliche Kommunikationsfähigkeit – Chance oder Risiko für Frauen an der Spitze?, In: Adam, Eva und die Sprache. Beiträge zur Geschlechterforschung. Duden Redaktion (Hg.), Thema Deutsch, Band 5, Mannheim et al. 2004, S. 59-68.)

Ein letztes Schlaglicht auf die individuellen Gräben, die Frauen überwinden müssen, wenn sie an der Spitze stehen wollen ist die Tatsache, dass viele Frauen sich durch Selbstzweifel selbst ausbremsen. Frauen sind Tiefstaplerinnen (Schönberger, Birgit, Die Tiefstaplerinnen. Wie Frauen sich durch Selbstzweifel ausbremsen, in: psychologie heute, Januar 2010: 33-37).

Hierfür wiederum einige Belege:

Pauline Clance prägte Ende der 70er Jahre den Begriff des Hochstaplersyndroms für Menschen – ihrer Vermutung nach überwiegend Frauen – die trotz guter oder sogar überdurchschnittlicher Leistungen ständig an ihren Fähigkeiten zweifeln. Sie quälen sich mit dem Gedanken, den Erfolg nicht verdient zu haben. Sie glauben, dass sie nur durch Glück auf ihrem Posten gelandet sind und fürchten, eines Tages als Betrügerin, als Hochstaplerin aufzufliegen.

Astrid Schütz, Professorin für differenzielle Psychologie und Diagnostik an der TU Chemnitz, die zu Selbstwertunterschieden zwischen Männern und Frauen forscht, hat herausgefunden, dass Frauen, unabhängig davon, wie kompetent sie tatsächlich sind, ihre Aufmerksamkeit eher auf ihre Schwächen lenken und sich dadurch tatsächlich schwächen. Sie fand weiterhin heraus, dass Frauen dazu neigen, sich zu unterschätzen, Männer eher zur Selbstüberschätzung neigen. Eine mögliche Begründung dafür sieht Schütz darin, dass Frauen ihr Selbstwertgefühl mehr als Männer von den Rückmeldungen anderer abhängig machen, daher Angst vor Fehlern und negativer Rückmeldung haben und sich dadurch weniger in den Vordergrund wagen.

Frauen neigen immer noch dazu, Erfolge auf günstige Umstände zurückzuführen und Misserfolge auf die eigene Unfähigkeit, was bereits in der Grundschule beobachtet werden kann. Schütz vermutet, dass Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen unbewusst die selbstkritische Haltung von Mädchen verstärken.

Monika Sieverding stellte in einer Studie über eine simulierte Bewerbungssituation fest, dass Frauen durchschnittlich nur knapp 3 Minuten über ihre beruflichen und persönlichen Stärken sprachen, Männer im Schnitt eine Minute länger. In derselben Studie zeigte sich, dass Frauen sich auf einer Skala von 0 bis 9 mit 2,8, Männer mit 5 einschätzten. Im Vergleich zu einer vorgenommenen Fremdeinschätzung haben sich dadurch die Frauen unterschätzt, die Männer sich eher realistisch eingeschätzt.

Es wird also Zeit, dass wir anfangen hochzustapeln, dann stellen wir uns wenigstens realistisch dar!

Ulrike Grässel ist Professorin im Studiengang Soziale Arbeit der Hochschule Zittau-Görlitz. Sie lehrt zu sozialpolitischen und organisationssoziologischen Themen und publiziert zu Geschlechtergerechtigkeit. 

 

„NICHTS, WAS UNS PASSIERT“

„NICHTS, WAS UNS PASSIERT“

In Deutschland haben 13 Prozent der im Rahmen einer Studie befragten Frauen und Mädchen zwischen 16 und 85 Jahren sexualisierte Gewalt erlebt, die nach der engen juristischen Definition als Straftat gilt. Fast jede Siebte ist betroffen – bei 5 bis 15 Prozent aller Vergewaltigungen wird die Polizei eingeschaltet. In 3 Prozent der Fälle geht man von Falschbeschuldigungen aus. Weniger als ein Fünftel der Verfahren endet mit einer Verurteilung des Täters.

Wie reagieren, wenn im Freund*innenkreis ein Vergewaltigungsvorwurf im Raum steht?

Welchen Umgang mit dem vermeintlichen Täter pflegen, solange der Vorwurf ungeklärt bleibt?

Und danach?

Wie urteilen, wenn nach widersprüchlichen Schilderungen und unklarer juristischer Faktenlage keine absolute Wahrheit auf der Hand liegt?

Und wie die Betroffenen unterstützen – emotional, juristisch, politisch?

Bettina Wilpert liefert in ihrem Debütroman “Nichts, was uns passiert” keine Antworten. Vielmehr interessiert sie sich für das Spannungsfeld aus individuellen und gesellschaftlichen Dilemmata, die sich aus einem sexuellen Missbrauch(svorwurf) entwickeln können. Es geht ihr um den Dreiklang aus Schuld, Verletzung und Loyalität.

Sommer 2014. Leipzig, studentischer Szenekiez. Zähe Nachmittage in der Unibibliothek. Durchwachte Sommer-Nächte. Anna lernt Jonas kennen. Jonas lernt Anna kennen. Sie streiten über ukrainische Literatur. Stoßen darauf an. Beginnen eine unspektakuläre Affäre. Unverbindlicher, einvernehmlicher Sex. Dann die Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes. Alkohol. Sex. 1380 Sekunden. 23 Minuten. Zwei qualvolle Monate später der Gang auf das Polizeirevier. Annas Eingeständnis: Ich bin vergewaltigt worden.

Die Erzählerin versucht sich an der Rekonstruktion der Nacht der (vermeintlichen) Vergewaltigung. Sie führt Gespräche und protokolliert deren Inhalte – nüchtern, geradlinig, unparteiisch. Ausgehend von Annas und Jonas‘ Schilderungen werden die Berichte von Freund*innen, Kolleg*innen, Familie, zufälligen Beobachter*innen im Verlauf des Buches immer vielstimmiger. Ein kontroverses Mosaik aus Erinnerungen, Mutmaßungen und Meinungen zu Anna und Jonas entsteht. Es verunmöglicht den Blick auf die vermeintliche Wahrheit und verhindert schnelle, leichtfertige Urteilssprüche.

Da ist der Polizeibeamte, der Anna auf dem Revier empfiehlt, nicht mehr so exzessiv Alkohol zu trinken. Der gemeinsame Freund, der seine Loyalität zu Jonas pragmatisch verhandelt – wäre die Freundschaft zu einem Lügner weniger verwerflich, als die zu einem Vergewaltiger? Die fremde, feministische Gruppe, die Annas Betroffenheit politisch wertet, ohne dabei ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Jonas, der anfänglich mutmaßt, Anna würde die Verleumdung nur rachsüchtig organisieren. Vielleicht, weil sie sich doch mehr erhoffte, als eine unverbindliche Affäre?

“Nichts, was uns passiert” besticht nicht durch inhaltliche Spannungsbögen, sondern liefert durch konsequent beobachtendes, protokollarisches Vorgehen eine Bestandsaufnahme von Wahrheiten: Jede*r der Befragten konstruiert eine Wahrheit durch Rückgriff auf Stereotype, durch politisches Bewusstsein, statistische Fakten oder aus Loyalität.

Das Verfahren gegen Jonas wird eingestellt werden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Vorwurf aber bereits Wellen geschlagen: Freund*innenschaften zerbrechen, Jonas‘ Arbeitsverhältnis wird beendet und der Gang durchs Viertel wird zum Spießrutenlauf. Beide stehen vor dem Scherbenhaufen ihres früheren sozialen Umfelds. Annas Wut und Scham bleiben. Hätte sie es nicht geheim halten können? Wäre der Preis, das eigene Erleben zu übergehen, nicht niedriger gewesen als das, was sie jetzt durchstehen muss?

Vergewaltigungen sind gesellschaftliche Realität – in der rauen Großstadt genauso wie in der idyllischen Provinz. Fast immer sind Männer die Täter. Die feministische Theorie der “rape culture” (Vergewaltigungskultur) betrachtet bereits seit den 1970er Jahren männliche sexualisierte Gewalt gegen Frauen als ein strukturelles Phänomen. Es gibt gesellschaftliche Dynamiken, die diese legitimieren und begünstigen: Schuldzuschreibungen gegenüber der Frau, Bagatellisieren und Infragestellen der Schilderungen der Betroffenen, ein Sexualstrafrecht, nach welchem Verurteilungen selten sind.

Hier muss auch Jahrzehnte später die Diskussion ansetzen. Der Sex zwischen Anna und Jonas ist juristisch nicht als Vergewaltigung haltbar – aber was, wenn Anna sich trotzdem missbraucht fühlt?

Jasmin Gräbner ist zugezogen – und will bleiben. Mit ihrer Freundin lebt sie in der südlichen Oberlausitz.

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NICHTS, WAS UNS PASSIERT

Bettina Wilpert
Hardcover, 168 Seiten
Preis: 19,00 €
ISBN: 9783957323071

Erschienen im Verbrecher Verlag

 
PROVINZ UND CHARISMA. FRAUENBÜNDNISSE GEGEN ALTE STRUKTUREN!

PROVINZ UND CHARISMA. FRAUENBÜNDNISSE GEGEN ALTE STRUKTUREN!

Am 30.11. 2018 hielt Dr. Inga Haese diesen Vortrag im Rahmen der Veranstaltung F wie Feiern in Großhennersdorf. Für alle, die ihr Nachdenken über Provinz und Charisma live verpasst haben, gibt es hier die schriftliche Version.

Wussten Sie eigentlich, dass Görlitz als „das neue Berlin“ gehandelt wird? Das habe ich in der Zeitung Die Welt gelesen, als ich recherchiert habe. Was mir dann beim Überfliegen dieses Textes über Görlitz gleich auffiel: Es werden „Macher“ genannt, ein Herr König, der die Jacobpassage mit zwei anderen „Machern“ leitet, und ein Herr Krüger, Unternehmensberater und Weinhändler. Solche Leute brauche die Stadt, heißt es in dem Artikel. Da schrillen bei mir natürlich sofort die Alarmglocken. Die „Macherinnen“ der Stadt werden nicht genannt. Warum? Weil der Blick des Autors männlich ist und er nur Männer getroffen hat? Oder haben wir es hier wie fast überall mit einem strukturellen Problem zu tun?

In meinem Beitrag werde ich jetzt zuerst auf diese strukturelle Dimension eingehen und auf die Frage, warum die kommunale Ebene so wichtig ist für die Frauen-Frage. Dann komme ich zum Charisma und erläutere meine Studie und was es mit „Stadt und Charisma“ auf sich hat.

Das strukturelle Problem hat zwei Komponenten. Die erste ist altbekannt, sie heißt strukturelle Benachteiligung von Frauen. Frauen verdienen weniger als Männer, und Frauen repräsentieren weniger als Männer. Das ist z.B. in der Politik so, denn wie Angela Merkel treffend über ihren eigenen Werdegang sagt: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“. Momentan sind 30 % der Bundes-Abgeordneten weiblich. Eine andere Zahl: 12% der Vorstände von 30 DAX-Konzernen sind weiblich. Sie kennen sicher die Zahlen.

Natürlich können wir empirisch eine Tendenz hin zu mehr Frauen in der Rolle der Ernährerin nachweisen, in Ostdeutschland mehr als in Westdeutschland. Aber: Die strukturelle Ungleichheit der Geschlechter umfasst auch die Individualisierung von Fürsorge- und Haushaltstätigkeiten, also die klassische weibliche, unbezahlte „Care“-Arbeit. Diese Arbeit wird in die Privatsphäre verlagert und erscheint bis heute nicht als ein kollektives politisches Problem. Care-Arbeit wird „de-thematisiert und desartikuliert“ sagt Cornelia Koppetsch (Koppetsch/Speck, 2015), und das gilt auch für die um Gleichheit bemühte, individualisierte und gebildete Mittelschicht.

Koppetsch befragte Familien in diesem Milieu nach ihren Arrangements und fand heraus, dass in den Ernährerinnen-Familien dennoch die Frauen hauptverantwortlich für die Haus- und Sorgearbeit bleiben. Offenbar ist trotz beruflich gleicher Entwicklungsmöglichkeiten undenkbar, dass Männern die Hauptverantwortung für die Haus- und Sorgearbeit zugestanden wird – von beiden.

Die zweite Komponente des strukturellen Problems ist regional begründet. Eine Studie ergab 2013, dass 17 % der Bürgermeisterposten in Ostdeutschland von Frauen bekleidet werden, und 21 % der Stadtverordneten weiblich sind – kaum ein Viertel also (Pirsig 2013). Guckt man genauer hin, zeigt sich, dass das Verhältnis in Großstädten anders aussieht: Ein Drittel (27%) der Großstädte ab 100.000 Einwohnern wurden 2014 in Ostdeutschland von Frauen regiert. In Westdeutschland nur 11,8 %. Bundesweiter Gleichstand herrscht in kleinen Städten unter 10.000 Einwohnern, hier regieren nur 7 % Frauen (EAF 2014). Also je kleiner die Stadt, desto weniger offen ist das kommunalpolitische Klima für Frauen und desto seltener schaffen es Frauen, die Strukturen zu durchbrechen.

Und das wiederum stärkt die herrschenden Männerbünde. Und in Ostdeutschland kommt mancherorts noch ein zahlenmäßiges Frauendefizit hinzu, für die Oberlausitz gilt das auch, wenn auch die Zahlen nicht eindeutig sind (je nach Altersgruppe) – aber eindeutig ist, dass in der Kohorte der über 45-jährigen Entscheidungsträger die weiblichen Vorbilder fehlen!

Also können wir davon ausgehen, dass Frauen in der städtischen Öffentlichkeit im ländlichen Raum unterrepräsentiert sind, d.h. der Welt-Journalist hat vermutlich genau die Macher getroffen, die in Görlitz bedeutend sind. Und es heißt auch, dass ein Kulturwandel in der Provinz noch schwerer zu erkämpfen ist als z.B. in größeren Städten. Und Kulturwandel heißt: Hin zu einer Feminisierung der Politik.

„Feminisierung der Politik“ bedeutet aber nicht einfach, dass mehr Frauen in öffentliche Ämter kommen. Es gibt eine Definition von einem Mann namens Roland Roth, der meint mit dem Begriff die Veränderung von Politik im Sinne einer geschlechtergerechten Politik: „nicht nur die Gleichstellung von Frauen in allen Lebensbereichen, sondern zugleich eine Anerkennung und Aufwertung aller Arbeits- und Lebensformen […], die mit Reproduktion zu tun haben und klassisch der Intim- und Privatsphäre und damit der Obhut des weiblichen Geschlechts zugeordnet sind.“ (Roland Roth 1998: 52, zit. nach Huke/Wöhl 2018). Andere Definitionen sprechen davon, dass das Prinzip des Füreinander-Sorge-Tragens als höchste Priorität öffentlicher Politik und Institutionen feminisierte Politik bedeutet (ebd.).

Was sonst können wir tun, als „feminine“ Praktiken zu etablieren – Kollaboration, Dialog, Horizontalität statt Wettbewerb, Hierarchie, Profitmaximierung – wenn unser Ziel die Vertiefung von demokratischer und emanzipatorischer Politik ist?

Haese Feminisierung

Was meine ich mit Charisma?

Der Weg, eine feminisierte Politik herzustellen, ist offenbar nur über die lokale Ebene der Kommunalpolitik einzuschlagen. Denn nur dort, sagen die Protagonistinnen von munizipalistischen Lösungen, kann sie im Alltagshandeln verankert werden (Baird/Roth 2017). Die Lösung unserer strukturellen Probleme heißt also unbedingt Kommune, oder auch: Provinz! Nur auf lokaler Ebene können Machtstrukturen wirksam aufgebrochen werden. Und jetzt kommen wir zu meinem Buch, „Stadt und Charisma“ (Haese 2017). Denn Charisma, wie ich es in meinem Buch analysiere, hat viel mit der herrschenden Kultur zu tun. Und wie charismatische Machtstrukturen wirken, können wir in kleineren Städten sehr genau beobachten.

Charisma ist natürlich einerseits die spektakuläre „Gabe“, von der wir gerne reden, wenn wir jemanden charismatisch finden: Das Außergewöhnliche, Präsente, das uns fesselt. Da sind wir aber auch schon beim andererseits, nämlich der sozialen Konstruktion von Charisma: Es braucht immer ein Publikum oder eine Gruppe, die das Charisma abkauft. Einen Empfänger. Oder, wie ich es nenne, es gibt eine Zuschreibungslogik. Charisma ist eine Zuschreibung, die wir vornehmen, weil wir bestimmte Eigenschaften als besonders empfinden. Max Weber sagt: „außeralltäglich“. Oft wird jemand als charismatisch empfunden, der unvorhergesehene Handlungen vollbringt, der Risiken eingeht, oder der besondere Verantwortung übernimmt.

Wir erinnern uns an Martin Schulz kurz nach seiner Aufstellung zum SPD-Kanzlerkandidaten: Plötzlich wurde dieser Mann gehypt! Und wie! Hatte der Charisma? Nö, aber er wurde zunächst charismatisiert, alles schien möglich für die SPD: der Schulz traut sich was! Denken wir an die 100% Wahlergebnis. Ein Hoffnungsträger, der die Sehnsucht ihrer Mitglieder erfüllt. Hat sich alles nicht bewährt, spätestens nach zwei verlorenen Landtagswahlen war das vorbei, Schulz ist so schnell verblasst wie er aufstieg. Charisma kennt also auch eine Grenze, das ist seine Bewährung.

Außerdem ist Charisma situationsabhängig. Es braucht diesen unbedingten Willen einer Gefolgschaft, jemanden auszuwählen. Dass da jemand auserkoren ist, um die wie auch immer erstarrte Situation bewältigen zu können. Charisma ist also die klassische Antwort auf eine Krise. Oder auf die „Miseria“ (Rainer M. Lepsius). Auch das passt zu diesem seltsamen Schulz-Hype aus dem letzten Jahr.

Nun muss aber der Charismatisierte die Zuschreibung auch erfüllen wollen, er muss führen wollen und die Wünsche der Geführten verkörpern können. Seine Performance wird entscheidend. Wenn sich ein Charismatiker nicht bewährt, folgt auf den Rausch schnell ein Kater und der Auserkorene wird mit Schimpf und Schande fortgejagt (vgl. Weber). Denn allzu offensichtlich sind dann die unerfüllten Erwartungen der Gefolgsleute. Das ist, als würden sie plötzlich einen Spiegel vorgehalten bekommen, wie grenzenlos ihre Sehnsucht war, und das schmerzt und kann sich zu grenzenloser Wut steigern.

Also, Sie sehen: Wir streifen mit dem Thema psychologische Dimensionen – aber auch das liegt im Kern der Sache. Der Soziologe Richard Sennett hat über Charisma geschrieben und sich auf Sigmund Freud bezogen (Sennett 1998): Es sei das ambivalente Verhältnis zur Vaterfigur, so Sennett, die sich in der Beziehung zum Charismatiker wiederspiegelt. Wir würden aufgrund der Furcht und Bewunderung, die wir dem Vater gegenüber empfinden, außerhalb der Familie Führerfiguren suchen, die diese Angst-Liebe hervorrufen.

Und jetzt kommen wir dem Problem mit dem Charisma schon sehr nahe: Es sind vor allem Vaterfiguren, Kümmerer, die die Sachen in die Hand nehmen, solche „Macher“ wie eingangs erwähnt in Görlitz, denen Charisma zugeschrieben wird. Das sind nicht nur, aber vor allem Männer! Weil unsere politischen, öffentlichen, historischen, aber auch privaten und familiären Strukturen solche, oft autoritären, aber anpackenden Machertypen begünstigen – die starken Männer.

„Lass uns in der Sauna treffen“ – Charisma und Kommune in Elbstadt

Und hier kommt meine empirische Studie ins Spiel. In meinem Buch geht es nämlich auch um diese Sehnsucht in Zeiten der Krise und des Verfalls, die in einer Stadt am Rande Brandenburgs herrscht. Die Stadt nenne ich Elbstadt. Elbstadt wurde nach der Wende deindustrialisiert, 3 große Betriebe mussten schließen. Die Stadt schrumpfte dramatisch, von 31.000 auf 18.000 Einwohner. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Zahl der Transferempfänger ist hoch, bei meinen Recherchen lag sie bei 25%.

Ich porträtiere fünf charismatische Akteure, die ihrer Gefolgschaft eine Vision für die Stadt unterbreiten. Da kann man sehr schön sehen, wie männliche Herrschaftsstrukturen wirken und wie sie reproduziert werden, in so einer Kommune.

Es sind nämlich vier Männer und eine Frau unter den Porträtierten. Denn auch in Elbstadt gibt es kaum weibliche Akteurinnen in der Kommunalpolitik bzw. auf der städtischen Akteursebene. Ich stelle jetzt kurz die Porträtierten vor, dann möchte ich meine Erkenntnisse in den Kontext von Frauenbündnissen stellen.

Erstens habe ich einen politischen Akteur, der während meiner Feldforschung zum Bürgermeister gewählt wird. Er lädt den Stadtraum mit einer historischen Bedeutung auf, die weit hinter der Industrialisierung zurückliegt, er adelt die Stadt über ihre bürgerlichen Wurzeln. Seine Vision des reizvollen Kleinstädtchens kann über das Trauma der geschrumpften Industriestadt hinweghelfen, dafür unterstützen ihn massenweise Wähler und drei Parteien, obwohl er selbst parteilos ist.

Zweitens porträtiere ich den postindustriellen Unternehmer, der die industriellen Ruinen wiederbelebt für seine touristische Vision der Stadt. Sie können sich das so vorstellen, dass aus einer ehemaligen Fabrik jetzt eine Brauerei und ein Hotel wurde – Soziologen sprechen von Kulturalisierung des industriellen Erbes – aber dieser Unternehmer ist auch so etwas wie der „Pate“ der Stadt: Es gibt keine Sitzung der Stadtverordneten oder des Wirtschaftsausschusses, die nicht indirekt mit diesem Unternehmer zu tun hätte, er ist nämlich auch Chef des regionalen Wirtschaftsverbandes. Ein Hans Dampf, sozusagen, einer, der schon durch sein Auftauchen Aktionismus hervorruft.

Drittens haben wir die Leiterin einer ökologischen Behörde, die in der Wiederentdeckung des Naturraums und in nachhaltigen Themen eine Zukunft für die Stadt sieht. Sie ist so etwas wie das Bindeglied zwischen den rebellischen Ökologen auf den Dörfern und der wirtschaftspolitischen Elite rund um den Bürgermeister und den Unternehmer. Sie tritt alternativ mit Haarband im Wuschelhaar auf, kennt aber den Bürgermeister und den Unternehmer auch privat. Vielleicht hat sie deshalb die Haltung ihrer Behörde, die gegen den Autobahnausbau war, aufgeweicht – weil sie eine Mittlerin sein will.

Viertens porträtiere ich den Verwalter eines riesigen Fabrikgeländes, der auf den Verlust der großen Industrietradition mit der Überlebenssicherung von mittelständischen Betrieben antwortet. Dieser Mann ist qua Beschluss der Insolvenzverwalter, aber er zieht aktiv die Strippen, quer durch die ganze Republik lockt er Firmen hierher; er macht das durch seine Performance, und zwar durch sein biographisch geronnenes Überlebenskämpfertum: Er war Notfallmediziner, bevor er die Umstrukturierung der Fabrik übernahm. Wegen seines ausgefallenen persönlichen Hobbies, dem Sammeln von Blaulichtfahrzeugen, hat er überall Kontakte und er braust auch mal mit Honeckers altem Volvo durch die Stadt.

Das fünfte Porträt zeigt den städtischen Pfarrer, dessen Deutung die Berechtigung von Leere in der Stadt ermöglichen kann – er vermittelt die Umwertung der Werte, den Verlust als Chance zur Besinnung zu begreifen, für einen Neubeginn. Er ist sozusagen ein Post-Wachstumsvertreter.

Also, es ist von Reindustrialisierung die Rede, von der Revitalisierung der Industrie und von der Regeneration der alten Fabriken hin zu Wohlfühlorten und Tourismusmagneten und auch von der Renaturierung durch einen ökologischen Wandel. Die einzige Frau verkörpert den Weg der Nachhaltigkeit und Ökologie, während die männlichen Akteure außer dem Pfarrer für eine prosperierende Wirtschaft und mehr Industrie stehen – das klingt klischeehaft, aber so war es eben.

Die Charismatikerin zählt sich selbst auch zu dem „Macher“-Netzwerk, aber sie verortet ihre „geistige Heimat“ in den Dörfern im Umland mit ihren Kreativen und Künstler_innen. Sie sagt, sie „ticke“ völlig anders als die Wachstumstreiber der Stadt. Sie hat sich aber den Wachstumstreibern insofern angeschlossen, als dass ihre Behörde nicht mehr gegen den Ausbau der Autobahn opponiert. Sie kämpft also ein Stück weit auf verlorenem Posten, nicht nur inhaltlich – auch durch ihr Geschlecht.

Ich will ein Beispiel nennen, das diesen verlorenen Posten in Elbstadt verdeutlicht: In der kalten Jahreszeit treffen sich rund 12 „Macher“ wöchentlich zum Saunaabend. Da gehören einige Unternehmer zu, Kommunalpolitiker und andere Stadtgestalter. Als ich abends im Schwimmbad war, während der Feldforschung, habe ich mich gewundert, was das wohl für eine Runde ist, die da so laut und sonor aus den Räumen der Sauna lacht, es war richtig was los, normalerweise war ich ziemlich allein dort. Ich fühlte mich als einzige Frau in dem Schwimmbad plötzlich ganz verloren, verlorener als sonst. Ich habe schnell das Weite gesucht.

Ich habe verstanden, warum keine Frau in dieser Runde sein kann. Als einzige Frau mit 12 Männern in die Sauna gehen? Auch wenn es 2 Frauen wären unter den 12, würde es keine erwägen. Solche Praktiken des gemeinsamen Stadtgestaltens beim Saunaabend haben etwas Ausschließendes. Kommunalpolitik, das kam mir plötzlich so vor wie die hermetische männliche Abgeriegeltheit von Bankvorständen, die noch in die Stipteasebar gehen. Soziologen nennen das männerbündische Praxis (Theweleit 2000).

Haese Frauenbünde

Ohne öffentliche Präsenz keine Mitgestaltung

Es ist also eine doppelte Schwierigkeit für Frauen, sich Gehör zu verschaffen und mit den Charismatikern mitzugestalten. Denn erstens ensteht die Charismatisierung von Akteuren durch deren diskursive Präsenz in einer städtischen Öffentlichkeit. Bei meiner Forschung sah das so aus, dass z.B. bei keinem der Pressefotos, als ein Neubau durch den berühmten Spatenstich gefeiert wurde, eine Frau auf den Bildern zu sehen war. Frauen haben aufgrund ihrer strukturellen Benachteiligung weniger Gelegenheiten, eine diskursive Präsenz aufzubauen, wie sie etwa der postindustrielle Unternehmer besitzt. Das sieht man auch daran, dass es zwar eine erfolgreiche Unternehmerin in Elbstadt gibt, die einen Callcenter führt. Da sie aber nie in der Öffentlichkeit steht, kann sie höchstens privat eine Gefolgschaft aufbauen, sie ist in dem Macher-Netzwerk nicht dabei.

Und zweitens müssen sich Frauen innerhalb der männlich dominierten Arbeits- und Politikkultur durchsetzen. Wir Frauen wissen, was das bedeutet: Es ist mehr als nur Kinderkranktage anmelden zu können. Es ist mehr als ein Kitaplatz. Es ist das praktische Umsetzen von Kooperation und gegenseitiger Unterstützung in einer auf Konkurrenz setzenden Arbeitskultur. Meine Charismatikerin, die Umweltchefin, hat leider aufgegeben. Sie ist am Ende meiner Forschung nach Berlin gezogen. Eigentlich ein Super-GAU für alle. Hätte es ein Frauennetzwerk gegeben oder eine Plattform wie F wie Kraft – wer weiß? Vielleicht wäre sie noch da.

Mit Komplizinnen raus aus der Hängematte

Wir müssen also erkennen, warum wir uns mit Komplizinnenschaften so schwer tun!

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Veränderung. Weil wir Frauen meistens in Konkurrenz zueinander stehen in einer männlich dominierten Arbeitswelt oder Kommune, tun wir uns schwer mit den Frauenbünden. Wir sind es gewöhnt, uns zu vergleichen. Uneingeschränkete und bedingungslose Unterstützerinnen-Netzwerke sind schwer zu etablieren, aber wenn wir uns solche eingeübten Praktiken eingestehen, dann können wir sie auch aufbrechen!

Und heruntergebrochen auf die kleinen Städte und auf die Provinz heißt das: Es ist noch wichtiger Frauenbünde zu gründen, weil der Modus allzu gewohnt ist, dass ein Oberhaupt oder ein großer Charismatiker oder vielleicht sogar eine Charismatikerin die Dinge in die Hand nimmt, der oder die alles richtet. Das ist ja gerade die Kehrseite der Struktur, die dafür sorgt, dass wir überhaupt Charisma brauchen: Wir suchen uns die Charismatiker aus, wir nötigen diese Figuren zu ihrer Charismatisierung. Es gilt also, dass wir uns selbst reflektieren in unserem Wunsch, diese Macher-Typen toll machen zu lassen. Denn was diese vor allem schaffen ist ja, dass wir uns zurücknehmen dürfen, dass die schon „machen“ und dass sie uns Sicherheit und Stabilität geben, gerade in aufreibenden Krisen- und Stresszeiten, in denen wir uns gerne in alte, vertraute Muster zurückfallen lassen wie in eine Hängematte.

Charismatische Akteure haben in der strukturschwachen Region die Möglichkeit, Stadtpolitik zu gestalten, weil sie aufgrund von klammen Kassen und schwindenden Mitteln ihre nach Visionen klingenden Ideen leichter umsetzen können (Haese 2017: 230). Sie bündeln sozusagen die Sehnsüchte ihrer Bewohner, ohne dass diese groß agieren müssen. Bezogen auf eine demokratische, lebendige Zivilgesellschaft ist das geradezu fatal! Denn die Strukturschwäche der Zivilgesellschaft wird durch Charisma nicht aufgehoben, sondern zementiert! In Elbstadt habe ich erlebt, wie eine ganze Stadtgesellschaft unter diesen Machern verharrte, weil es keine städtische Öffentlichkeit mehr jenseits von diesem Macher-Netzwerk gab. Aber diese Vielfalt brauchen wir! Sie macht unsere Dörfer und Kleinstädte lebenswert. Und da hilft nur Kooperation und „Feminisierung der Politik“!

Nehmen wir uns ein Beispiel an Spanien, dort regieren in den Rathäusern Kooperationsbündnisse mit vielen Frauen. Dieser Munizipalismus steht für Austausch, Vernetzung und Selbstorganisierung auf der kommunalen Ebene, und das Ziel ist hochpolitisch, eine Konföderation freier und basis-demokratischer Kommunen. Nichts weniger sollte das Ziel sein – und nur so kann der Macht des Charismas begegnet werden.

Deshalb:  Frauen, geht in die Sauna! Schmiedet Komplizinnenschaften!

Inga Haese

Sozialwissenschaftlerin, Dr. rer. pol., freie Autorin und Bloggerin. Langjährige Mitarbeit am Hamburger Institut für Sozialforschung, u.a. im Projekt „Charisma und Miseria. Die Gründung des Sozialen in Überlebensgesellschaften“. Mitarbeit bei e-politik.de. War beim AWO Bundesverband e. V. Referentin für Teilhabe und nachhaltige Lebensstile. Promotion an der Universität Kassel über Stadt und Charisma.

Veröffentlichungen u.a.:

(2017): Stadt und Charisma: Eine akteurszentrierte Studie in Zeiten der Schrumpfung. Wiesbaden.

(2016): „Die Normsetzer/innen der gebrochenen Lebensläufe. Über Arbeit und Leben nach dem politischen Umbruch. In: Garstenauer, Therese; Löffler, Klara u.a.: Arbeit im Lebens-lauf. Verhandlungen von (Erwerbs-)biographischer Normalität. Bielefeld, S. 189-206.

(2015): „Das Recht auf Teilhabe an Nachhaltigkeit – der doppelte Auftrag der AWO“. In: TUP – Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, Ausgabe 03, S. 228-232.

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Bitte gebt auch an:

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… und ob Ihr zur Filmvorführung um 19 Uhr bleibt.

Anfahrt

Kunstbauerkino und Kulturcafe “Alte Bäckerei”
Am Sportplatz 3, 02747 Großhennersdorf

Kontakt

Bei Fragen erreicht Ihr Lorenz Kallenbach telefonisch unter der 03581/3744672 ode
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STILLEN UND STUDIEREN: VON ALLZUSTÄNDIGEN MÜTTERN UND ZWEI-MONATS-VÄTERN

STILLEN UND STUDIEREN: VON ALLZUSTÄNDIGEN MÜTTERN UND ZWEI-MONATS-VÄTERN

Als Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät Sozialwissenschaften an der Hochschule Zittau/Görlitz berate ich regelmäßig junge Frauen, die ihr Familienleben mit dem Student*innenleben vereinbaren müssen. Der große Frauenanteil unter den Beratungssuchenden liegt natürlich an der sozialwissenschaftlichen Ausrichtung der Studiengänge. Aber wie sieht es in den anderen Fakultäten aus? Beraten hier meine Kolleginnen an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und -ingenieurwesen ebenfalls zu Vereinbarkeitsthemen? Die schlichte Antwortet lautet: Nein.

Je geringer die Anzahl der Studentinnen desto geringer die Nachfrage in der Beratung zu Familienthemen. Klingt logisch? Auf den zweiten Blick nicht. Der Großteil der Beratungssuchenden lebt das heteronormative Beziehungsmodell – es gibt also Mütter und Väter und letztere sind eingebunden oder zumindest greifbar. Die Erwartung, dass der Vater des Kindes frühzeitig Anstrengungen unternimmt, um die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie abzuklären, erfährt in meinen Beratungsgesprächen allerdings eine frühe Ernüchterung. Die Mehrheit der Mütter fühlt sich allzuständig und zieht die Väter maximal dann heran, wenn es um die Eingewöhnung des Kindes in die Kinderkrippe geht. Es ist das erste Jahr, welches die Mütter mit ihren Kindern zuhause verbringen und dafür auf die Beendigung des Studiums in der Regelstudienzeit verzichten.

Viele argumentieren an dieser Stelle sehr schnell mit der Mutter-Kind-Bindung und der unerlässlichen Prämisse des Stillens. Nicht selten wird den Frauen Egoismus vorgeworfen, wenn sie sich gegen das klassische erste Mutter-Kind-Jahr entscheiden, um Studium oder Beruf nachzugehen. Diese Argumentationslogik scheint sich bei den Frauen manifestiert zu haben. Wenn ich beispielsweise in der Beratung dafür plädiere, das Studium nicht zu unterbrechen, weil ich die Quote jener kenne, die nicht zu Ende studieren, wenn einmal unterbrochen wurde, dann wird das von den werdenden Müttern meist vehement abgelehnt. Es kommt der Fakt hinzu, dass der Mann oft der finanzstärkere Part in der Familie ist und sich aus Einkommensgründen für die Variante „Frau zuhause, Mann im Büro“ entschieden wird. Später im Berufsleben fällt dann häufig die Entscheidung, dass sich die Frau in Teilzeit anstellen lässt, um die Kinderbetreuung abdecken zu können. Nach dieser Entscheidung ist die nächste, hin zu dem antiquierten Ehegattensplitting (Steuerklasse III vs. V), nicht weit.

Woher ich das weiß? Als Gleichstellungsbeauftragte bin ich qua Funktion bei jedem Vorstellungsgespräch und bei jedem Berufungsverfahren dabei. Auf Teilzeitstellen bewerben sich primär Frauen, die kleine Kinder haben. Auf Vollzeitstellen und Professuren bewerben sich vorrangig Männer – trotz des sozialwissenschaftlichen Profils der Fakultät. Diese haben teilweise ebenfalls kleine Kinder, aber einen entscheidenden Vorteil: Sie führen ihre Frauen als Vereinbarkeitsstrategie an. Frauen argumentieren mit ihren Männern weitaus weniger.

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Eine Neuordnung der Geschlechterrollen erlebe ich aus meiner Perspektive nicht. Auch vermisse ich „die neuen Väter“, von denen alle sprechen. Wenn damit die Zwei-Monats-Väter in der Elternzeit gemeint sein sollen, verliert die flotte Begrifflichkeit an Aussagekraft. Ich spreche mich dafür aus, dass (werdende) Mütter ganz bewusst darüber nachdenken, ob sie ihr Studium oder ihre Erwerbstätigkeit für längere Zeit zugunsten der Elternschaft unterbrechen. Dabei geht es mir nicht darum, neoliberalistische Tendenzen zu unterstützen, sondern um eine Gleichberechtigung in der Kinderbetreuung. Den Frauen ist häufig nicht bewusst, dass es sich um den Beginn einer „Pflegekarriere“ handelt, die sich bei weiteren Kindern fortsetzt und in der Bereitschaft endet, das eigene berufliche Leben zurückzustellen.

Unternehmen und öffentliche Einrichtungen (wie die Hochschule Zittau-Görlitz) sollten hier wachsam sein und Vereinbarkeitsstrategien schaffen, die auch für Väter interessant sind. Aber vor allem sehe ich die Frauen selbst in der Verantwortung, ihre Entscheidungen bewusster zu treffen und nicht aus einem vorauseilenden Gehorsam heraus gesellschaftliche Stereotype zu übernehmen. Also öfter mal sagen: „Du übernimmst jetzt, ich bin an der Uni oder im Büro“. Und das vom ersten Tag an.

Katja Knauthe, M.A.

Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät für Sozialwissenschaften (HSZG)

Promoviert an der TU Dortmund zu Vereinbarkeitsstrategien von Pflege und Beruf

Kontakt

Hochschule Zittau/Görlitz

Fakultät Sozialwissenschaften

Tel.: 03581-3744254

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Noch zwei Literaturtipps, die sich mit der angesprochenen Thematik beschäftigen

Domscheit-Berg, Anke (2015). Ein bisschen gleich ist nicht genug. Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. Ein Weckruf. München: Wilhelm Heyne Verlag.

Stöcker, Mirja (2007). Das F-Wort. Feminismus ist sexy. Königstein/Taunus: Helmer Verlag.

 

„DAS BEHERRSCHTE GESCHLECHT“

„DAS BEHERRSCHTE GESCHLECHT“

Wie frei, gleichberechtigt und sexuell selbstbestimmt sind Frauen im 21. Jahrhundert?

Wollen wir mal sehen:

Frauen können sich ihre Partner*innen frei wählen? Check!

Sie müssen nicht heiraten? Check!

Sie können verhüten? Check!

Sex ist endlich keine Sünde mehr und kann frei, selbstbestimmt und ohne Angst genossen werden.

Es gibt also keine Probleme. Alles erledigt. Juhu! Sexuelle Freiheit für alle!

Die Frage, die sich allerdings stellt, ist: Kann das kulturelle Gedächtnis Zweitausend Jahre Ungleichgewicht so einfach vergessen? Oder feiert die weibliche Sexualität zu Unrecht ihre Emanzipation?

Antworten findet die deutsche Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Sandra Konrad in ihrem Buch „Das beherrschte Geschlecht“ . Darin beschreibt Sie kenntnisreich die Geschichte der weiblichen Sexualität bis ins 21. Jahrhundert. Über siebzig Frauen im Alter zwischen achtzehn und fünfundvierzig hat sie dafür zu ihrer Sexualität befragt und ihre Antworten eingebettet in psychohistorische Analysen und aktuelle Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Forschung. Was dabei herauskam ist, wie ich finde, eine wahre Fundgrube an wissenswerten Fakten und nützlichem Argumentationsmaterial gegen Sexismus und Feminismusfeindlichkeit.

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Besonders aufschlussreich waren für mich persönlich die Kapitel zur Sexindustrie oder  – wie Konrad sie bezeichnet – zur „Parallelwelt der Gleichberechtigung“. Meine Meinung zu Pornografie und Prostitution ist zwiegespalten. Zum einen würde ich am liebsten die meisten Darstellerinnen aus den Pornos „retten“. Ich möchte in den Bildschirm springen und die Frau, die dort in alle Körperöffnungen gleichzeitig penetriert und der am Ende von mehreren Männern ins Gesicht ejakuliert wird, rausholen, in den Arm nehmen und ihr sagen, alles würde wieder gut werden.

Und alle Jungs und Mädchen, die diese Pornos sehen, um etwas über Sex zu lernen, nun aber völlig verstört sein müssen, die möchte ich trösten und ihnen sagen: „Ihr müsst das so nicht machen“.

Andererseits halte ich es auch für wichtig, Sexarbeit nicht moralisch zu marginalisieren.

Sandra Konrad eröffnet in ihrem Buch genau diese Diskussion. So macht sie auch auf vermeintlich feministische Pornodarstellerinnen wie Sasha Grey aufmerksam, die nicht müde wird, der Öffentlichkeit zu erklären, dass sie einzig und allein aus Lust in die Sexbranche einstieg und dort freiwillig und selbstbestimmt Karriere macht. Sie „verweigert sich der traditionell feministischen Pornodeutung vom männlichen Subjekt und weiblichen Objekt“ und erklärt, „dass jemand, der sich freiwillig unterwirft, nicht zu einem Objekt, sondern zu einem handelnden Subjekt werde“. Hm, was soll man dagegen sagen? Sandra Konrad schreibt: „Es wird nur im Einzelfall zu klären sein, ob weibliche Rufe nach Unterwerfung ein Zeichen von befreiter und selbstbestimmter Sexualität oder verinnerlichten patriarchalischen Ideologien und Rollenklischees sind.“

Im Grundsatz bleibt sie der Sexindustrie gegenüber aber entschieden kritisch. Sie beschreibt die Pornografie als „Erholungszone des Gutmenschen“, in der „die Urangst des Mannes vor der sexuell übermächtigen Frau gebannt“ werden könne. Und während die sexuellen, meist erniedrigenden Handlungen vor dem Bildschirm nur theoretisch erprobt würden, fänden sie ihre praktische Anwendung später im Rotlichtmilieu, welches auch einen heimlichen und vor bürgerlichen Normvorstellungen geschützten Ort biete.

„Allein in Deutschland gehen täglich etwa 1,2 Millionen Männer zu Prostituierten.“

„Laut ver.di sind etwa 93 Prozent der Prostituierten in Deutschland weiblich, 4 Prozent männlich, der Anteil der Transsexuellen liegt bei 3 Prozent.“

Fakten wie diese lässt die Autorin im Laufe ihres Buches immer wieder mit einfließen, was mich beim Lesen jedes Mal erschrecken und nachdenken ließ. Sie stellt fest: „Prostitution ist streng geschlechterhierarchisch strukturiert (…) und kein Beruf wie jeder andere, weil einem fast ausschließlich weiblichen Angebot eine fast ausschließlich männliche Nachfrage gegenübersteht.“

Weniger entschlossen und allgemeingültig sollte Konrad an manchen Stellen argumentieren, in denen es um die Auswertung ihrer selbst geführten Interviews geht. Ihre qualitativen Befragungen sind zwar durchaus vielsagend, jedoch sind siebzig Interviews meiner Meinung nach nicht repräsentativ genug, um in der Auswertung dann von „den Frauen“ zu sprechen. Etwas weniger Bestimmtheit täte ihren Thesen sicher gut. Schade fand ich außerdem, dass sich sämtliche Ausführungen im Buch ausschließlich auf Männer und Frauen bezogen. Denn wer tatsächlich überdauerte Geschlechtsstrukturen aufbrechen möchte, kommt meiner Meinung nach auch nicht umhin, auch mal die binäre und hetero-normativ gefärbte Brille abzusetzen, und alle Geschlechter in das Blickfeld zu rücken. Der Umgang mit Sexualität geht ja schließlich alle etwas an.

Sandra Konrad

Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will was er will.

Erschienen am 01.12.2017 im Piper Verlag

384 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

EAN 978-3-492-05832-2

 

Spoilerwarnung: Dieses Buch kann Widerstand auslösen

Warum sie will was er will buch

KRAFT ALS MASSE MAL BESCHLEUNIGUNG

KRAFT ALS MASSE MAL BESCHLEUNIGUNG

„F wie Kraft“ als neue Metapher für den weiblichen Aufbruch im Landkreis ist auf den ersten wie männlichen Blick gewöhnungsbedürftig. Und suggeriert sofort den grundphysikalischen Konter: „M wie Masse“, und die wirkt umso stärker, wenn die Beschleunigung fehlt.

Das Fatale daran: Sieht man sich die Lage an – und das zeigt auch die Studie – so ist die männliche Masse leider immer noch erdrückend. Wenn Behörden aufgrund ihrer bislang natürlichen Arbeitsweise und Mechanismen den aufgenommen Frühjahrsschwung bremsen sollten – sei es Landkreis und seine Verwaltung und diverse, oft nur so genannte Wirtschaftsförderer oder gar überbezahlte Leitbildentwickler – dann wird sich der Trend der Abwanderung fortsetzen und damit in absehbarer Zeit die Zukunft echt maskulin-lausig.

Da willkürliche Quoten wenig Sinn haben, wenn man ohne sie ohne Beachtung der Grundgesamtheit (also der Masse) festlegt, hilft hier, bei der nötigen Frauenkraftverstärkung, nur Beschleunigung. Das geht nur mit raschen subsidiären Entscheidungen in möglichst flachen Hierarchien und breiter Vernetzung.

Und, wenn sich die Lausitz wirklich einmal als Kulturraum begreifen und damit als Herkunft identitätsstiftend sein soll, dann hat eine Kreisfrauengrenze keinerlei Sinn: Also sollte sich Bautzen als Landkreis rasch an der virtuellen Frauenarche offi- wie finanziell beteiligen, auch wenn dort die Probleme (vermutlich) weniger virulent sind. Ja nicht einmal Länder- oder gar Staatsgrenzen haben Sinn, sollte man sich als Europäer*In begreifen, wobei das permanente Binnen-I-Pochen ebenso wie fixe Quotenideologie keiner Menschin etwas bringt. Insofern sollte das initiierende Landratsamt in Görlitz sich rasch neue Verbündete suchen: die Strukturen der Industrie- und Handelskammer oder aber der Kreativwirtschaft stehen nicht nur als Beispiel offen, auch die Euroregion ist gefragt. Damit es keine Arche wird, hilft nur ein weiter Horizont, denn auch hinter den Zipfelwipfeln wohnen keine Zwerge und jenseits der Neiße schaut man stets ganz genau gen Westen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein eines jeden Dialektikers: Wir leben im spannendsten und vielleicht EU-entscheidenden Dreiländereck!

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Sportliches Ziel bedarf Schnell- wie Ausdauerkraft

Es ist ein sportliches Ziel, was die Frauen vor sich haben, welches neben Schnelligkeit und Masse vor allem Ausdauer und Geduld braucht. Und unter uns Männern: Wir können es bei voller Hirnkraft – auch im Sinne der lausitzenden Söhne – nur mit ganzen Herzen und voller Tatkraft unterstützen. Dazu gehören folgende logische Forderungen an die Herren Steuergeldverwalter: Die der Studie zugrundelegende Erhebung muss in regelmäßigen Abständen, am besten aller drei Jahre, wiederholt werden. Und die Daten müssen dringend mit der Realität, also Ab- und Zuwanderung, abgeglichen werden – 1200 valide Erstkontakte zu Schülern und Studenten im Landkreis hätte man (derzeit noch) dazu.

Erst dieser Praxischeck der forschen Forscherinnen gebiert Folgerungen, die dann mit politischem Verve rasch umgesetzt werden müssen – und zwar mit Frauen an der Spitze. Keiner kann uns erzählen – wie es sich beim jüngsten Lausitzforum in Weißwasser en passant heraus schälte – dass Breitbandnetz und Elektrofizierung der Bahnlinien nach Dresden oder Berlin die Region retten, wenn in der Region kein Bus fährt und echte soziale, also analog-persönliche Netzwerke der Verödung erliegen. Wichtiger für jeden Unternehmer ist motiviertes Humankapital, am besten im  Familienverbund nah wie fix verheimatet. Da braucht es kein Leit- als Leidbild.

Mein bester Fitnessstudiobetreiber aller Zeiten, ein Ex-NVA-Offizier mit reichlich Moskau-Erfahrung, der als Kraftdreikämpfer natürlich immer deutscher Meister seiner Altersklasse ward und bei dem das so genannte Träning meist in umfassenden Weltlageanalysen ausartete – hatte es handschriftlich an den Eingang gepinnt: „Allein das Durchhalten wird belohnt, nicht das Anfangen.“ Daher heißt es nun fürs Frauennetzwerk: klug dosiertes Training in der Balance zwischen Ausdauer- und Schnellkraft.

Am 28. April 2018 erschien dieser Beitrag von Andreas Herrmann als Kommentar in der Sächsischen Zeitung. Wir veröffentlichen ihn hier als Gastkommentar und bedanken uns recht herzlich dafür.

VON A WIE ANISYSOP BIS Z WIE ZITRONENVERBENE

VON A WIE ANISYSOP BIS Z WIE ZITRONENVERBENE

Man kann sich für diesen Frühlingsabend kaum einen angenehmeren Platz vorstellen. Mit einer Tasse Kräutertee in der Hand schauen wir durch das Glasdach auf die untergehende Sonne und lauschen Geschichten über Kräuter. Man möchte lange zuhören, so angenehm lässt es sich hier verweilen. Aber wir haben noch etwas vor, wir werden sammeln gehen und dann ein frisches Abendessen aus den grünen Zutaten zubereiten.

Kleine Kräuterkunde

Bärlauch, Brennnessel und Giersch erkennt man noch recht einfach, da sind sich die Teilnehmerinnen des ersten Kräuterstammtischs 2018 einig. Aber bei Gundermann und Spitzwegerich ist es gut, noch einmal genau fragen zu können. Woran erkennt man die Pflanzen, welche Form haben die Blätter und welche Farbe die Blüten? Sabine Reuter und Daniela Zenker zeigen, erklären und beantworten Fragen. Es wird ein lebhafter und fröhlicher Austausch von Ideen, Erfahrungen und Rezepten. Unser Gespräch geht bei Quark mit Kräutern und Salat aus Wildgemüse weiter, wir sind uns einig: der Geschmack überzeugt. Die schärferen Kräuter wie Bärlauch und wilder Schnittlauch würzen den Quark und passen sehr gut zu dem sahnigen Geschmack. Giersch, Löwenzahn und andere mildere Wildgemüse verbinden sich durch ein einfaches Dressing aus nussigem Distelöl und Zitrone, erstaunlich wie aus den einzelnen kräftigen Aromen ein harmonisches Ganzes wird.

Ein besonderer Ort der Ruhe

Bestimmt kommen viele der Gäste des Abends zu einem der nächsten Termine wieder. Eine Kräuterspirale anlegen, für Leinensträuße Flachs in Form bringen, Kräuterkunde oder Lavendel. Mit feinem Gespür für das jeweils zur Saison Passende wählen die Gärtnerinnen aus und stellen das Jahresprogramm zusammen. Man lernt immer etwas dazu, erhält Anregungen und neue Ideen, vor allem aber tauscht man sich mit anderen Interessierten aus. Die malerisch mit Blick zur Landeskrone gelegene Gärtnerei ist ein schöner Ort für einen ruhigen Abend jenseits von Hektik und Stress.

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Handarbeit und Sorgfalt

Das Besondere an der Biogärtnerei Wagner ist das umfassende Wissen über Kräuter. Die Umstellung auf die biologische Anbauweise zertifiziert nach den Richtlinien des Gäa e.V. war ein großer Schritt, um diese Philosophie praktisch zu leben. Die Sorgfalt der Arbeit beginnt beim Aussähen und Pikieren, jede einzelne Pflanze wird im Wortsinne sorgfältig herangezogen. Dieses zeit- und arbeitsaufwändige Verfahren wird heute nur noch von wenigen angewandt. Ein eigenes Profil zu entwickeln, die Kunden zu finden, zu gewinnen und zu binden, das ist ein langwieriges Projekt. Im Gespräch wird klar, wie viel Liebe und Energie in dieses Vorhaben gesteckt wird. Zusätzlich zu den Kräutern gibt es zwei weitere Standbeine, die das Angebot vervollständigen: die Stauden- und Gemüsegärtnerei sowie die Betreuung von Gräbern auf den Görlitzer Friedhöfen.

Das Besondere genießen

Der Görlitzer Markt, die besonderen Termine der Naschallee, das sind die besten Plattformen der Gärtnerei. Man kommt ins Gespräch und gewinnt die interessierten Kunden. Die herrlichen Kräutersträuße sind blühende Boten der Gärtnerei, die man sich mit nach Hause nimmt und die einen so neugierig machen, dass man den Ort sehen möchte, wo das wächst, was in der Vase blüht. Die Bamberger Hörnchen wachsen tatsächlich in Görlitz? Das möchte man sich anschauen! Und wenn man etwas wirklich Besonderes verschenken möchte, was wäre sinnvoller und schöner als eine Auswahl aufeinander abgestimmter Stauden? Kräftige, schöne und gute Pflanzen die ohne Chemie gezogen wurden und mit dem Boden der Lausitz hervorragend zurechtkommen? Für Ideen und Fragen sind Sabine Reuter und Daniela Zenker immer offen. Vielleicht möchte man statt eines einfallslosen Gutscheins lieber mal die Bepflanzung für eine Kräuterspirale verschenken? Oder einige wirklich besondere Kräuter, die in dem Garten der Beschenkten garantiert noch nicht zu finden sind?

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Selbst entdecken lohnt sich!

Die Biogärtnerei Wagner kooperiert mit anderen regionalen Biobetrieben. Was nicht hier angebaut wird, das kann man vielleicht auf dem Lindenhof finden? Was an Kräutern und Gemüsen in der Gärtnerei Wagner angebaut wird, findet seinen Weg in die hochwertigen und überregional bekannten Produkte von Gut Krauscha. Kooperation ist das A und O, für die Kunden ist das ein Gewinn. Aber vor allem empfehle ich allen Neugierigen, die Gärtnerei selbst zu besuchen. Es lohnt sich, diesen ein wenig verwunschenen und malerisch schönen Platz in Görlitz zu besuchen. Am besten, um sich mit frischem Gemüse und einem Kräuterstrauß selbst zu beschenken. Oder natürlich, um an einem der Termine neue Impulse und Entspannung zu finden.

Dieser Text und die Bilder stammen vom Blog Ein Korb voll Glück, in dem Anja Nixdorf-Munkwitz mit Liebe und Sachverstand über regionale Gaumenfreuden berichtet. Auch die anderen Beiträge lohnen die Lektüre! Anja Nixdorf-Munkwitz lebt in der ländlichen Oberlausitz und leitet die Stiftung Kraftwerk Hirschfelde.

WEILD WEIBS

WEILD WEIBS

#1

Auf einmal war sie da. Hier, mitten in der Pampa, am Ende der Welt. Nun gut, meine Welt fing bislang in Rostock an und endete wahlweise in Köln, Breslau oder Brüssel. Dazwischen war Nichts. Nun bin ich im Nichts angekommen. In der Oberlausitz. Und treffe sie: Die FRAU. Natürlich war die eigene Orientierungslosigkeit im Nichts der Grund dafür, nach einer Bande Ausschau zu halten. Und ich fand SIE – die vermisste Spezies in den ländlichen Gesellschaften: Frauen. Waren sie da, sind sie fort. Sind sie da, sind sie trotzdem fort. So oder so flüchtig. Von der Welt und ihren Möglichkeiten oder vom merkwürdigen Innenleben einer überschaubaren, aber zerstreuten Gesellschaft auf dem Lande. Hier sind es die gebauten Rückzugsräume – die üppigen Höfe, Herden – Kinder wie Rinder oder Schafe, die den weiblichen Traum vom Kümmern verwirklichen helfen. Sie sind Wachträumerinnen. Immer am Rande des Wahnsinns. Kurz davor überzuschnappen. Im Transit des Wollens und Gebrauchtwerdens. Überreizte Sinne machen sie zu schlechten Verhandlungspartnerinnen. Entschlossene Hingabe als penetrante Drohung: Nicht mit mir ohne mich. Also bleib ich. Kaum auszuhalten diese existenzialistische Haltung. Nur gemeinsam. So sagen sie. Immer wieder. Wie ein Mantra singen sie von Gemeinschaft und suchen, wie ich, Halt.

Pferdefrauen gehen immer

Langes Haar, Stiefel, Zügel in der Hand. Pferde sind Freiheit, sind Disziplin, sind Sorgen und Pflegen, sind Wettkampf. Wer die Tricks kennt – animalisches und wildes – beherrschbares Landleben. Der Respekt eines Stadtmenschen vor einem Trakehner ist gewiss. Hier gerät das Ungleichgewicht des Stadt-Land-Fortschritts kurz ins Wackeln. Dasselbe gilt für die öde oder schöne Landschaft – je nach Perspektive, die zum Urlauben einlädt, aber fürs Leben zu viel ICH auf 2 ha Wald, Wiesen und Acker bedeutet. Kein Entfliehen mehr möglich. Oder eben Flucht aus Notwendigkeit.

(Nicht,) dass es Missverständnisse gibt

Kinder und Gemeinschaften sollten wirklich kein knappes Gut sein. Sie sind wundervoll. Pferde, Schafe und Kühe ebenfalls. Die Frau aber wird als Idee vermisst, ihrer Anwesenheit zum Trotz wird sie als abwesend beklagt. Wie Martina Gedeck in dem Film „Die Wand“, trennt sie eine unsichtbare Mauer von der Zivilisation. Wie die gläserne Decke ihren Aufstieg blockiert, filtert die Wand Frauen zwischen Land und Stadt. Sie werden ferngehalten und all ihr Rufen, Wirken und Winken verhallt. „Halloooooooh!“ Pssst. Nicht so laut. Da will einer was sagen. Oh – `tschuldigung, wollt ich nicht. Hab ich nicht bemerkt. Tut mir leid. Entschuldigung.

Nein, eigentlich ist das nicht zum Aushalten! Wie das Frausein (Achtung Autokorrektur: Grausein) aus ihr herausgeschält wird. Wie ein Mantel, der erst aufgeknöpft werden muss. Ist er geöffnet, gibt es jene, die das Fell zur Schau stellen, aber bitte nicht anfassen. Oder sie tragen kein Innenfutter und bezwingen dadurch, dass sie sofort nackte Haut zeigen. Jede Berührung wie ein Stromschlag. Direkter Kontakt. Kein Puffer.

Hat uns mal jemand gefragt, wie wir das so (emp)finden?

Und überhaupt, was wir denken. Oje, was rede ich da – ich mache mich mit einer ganzen Gruppe von Menschen gemein, die ich wegen ihres Geschlechtes als meines Gleichen sehe?!  —- Ja, genau das tue ich.

Natürlich sind Unterschiedlichkeiten mit im Spiel, aber wir begegnen uns in einer gesellschaftlichen Position. Wir teilen im Frausein einen grauen Erfahrungsraum (ich habe mal gelesen, dass es über 200 Grau-Nuancen gibt), den Männer nicht haben.

David Müller hat auf editionf einen bemerkenswerten Artikel dazu verfasst: Die grundsätzliche Haltung in der Welt ist durch die Mann-Frau Differenz markiert. Das betrifft die Erfahrung von Gewalt, Unterdrückung und Entmündigung. Hier gab es zuletzt viele Fortschritte und Emanzipationsprozesse – aber der Verweis auf die „billigen Plätze“ bleibt. Hart erkämpft ist die vordere Reihe von Wenigen. Das weibliche Geschlecht darf dann gar keine Rolle mehr spielen. Frau wird zum potenziellen „kleinen Mann“, der sich Gehör verschaffen konnte und ihr Geschlecht verliert, bis jemandem auffällt, dass sie manchmal einen Rock trägt oder tief blicken lässt.

Fortsetzung folgt …

Willkommen bei F wie Kraft!

Dr. Julia Gabler lebt seit 2013 mit ihrer Familie in Görlitz. Von 2015-2016 leitete sie am TRAWOS Institut der Hochschule Zittau/Görlitz mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Ines Fabisch das Forschungsprojekt zu qualifizierten Frauen. Seit Herbst 2018 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Sozialer Strukturwandel und responsive Politikberatung in der Lausitz am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam.

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