WENN WIR WÜSSTEN, WAS WIR ALLES WISSEN, SO WÄREN WIR UNENDLICH REICH.

Das Jahr mit seinem immer wiederkehrenden Rhythmus bietet eine Vielzahl von Genüssen und Spezialitäten. Frühling, Sommer, Herbst und Winter haben ganz unterschiedliche kulinarische Gesichter. Wer sich darauf einlässt regional und saisonal zu kochen, wird mit vollem Geschmack und reicher Abwechslung belohnt. Kerbelsuppe weckt den März und in vollreifen Tomaten schmeckt man den Sommer. Ich möchte weg von der Supermarktbeliebigkeit des 365 Tage Sortiments und hin zum authentischen, unverwechselbaren Geschmack dieser Landschaft.

Als passionierte Köchin ist die Oberlausitz das reinste Paradies für mich. Man bekommt alles und zwar immer frisch. Bei diesen Voraussetzungen braucht man nicht mal einen Saisonkalender, man verleibt sich einfach den Jahresablauf genussvoll ein. Bauern, Gärtner, Schäfer, Landwirte – ob traditioneller Familienbetrieb oder innovativer Bio-Macher, hier sind sie alle vertreten… man muss sich nur die Zeit nehmen, sie zu finden.

ein-korb-voll-glueck.de

Ich schreibe diesen Blog, weil es mir ein persönliches Anliegen ist, die Menschen der Region zu unterstützen, die hervorragende Produkte herstellen und mit Liebe und Hingabe arbeiten. Ich möchte ihnen eine Plattform geben und ihre Geschichten erzählen. Im Deutschen haben wir das so sprechende Wort Lebens-Mittel. Unsere Nahrung ist kein beliebiger Treibstoff für einen Motor, sondern eine köstliche Bereicherung unseres Lebens. Die Menschen, die diese Lebensmittel herstellen, sollten wir kennen und ihre Arbeit schätzen.

Die Oberlausitz, hier kann man sich Ruhe und Abwechslung, Natur und Stadt, Land und Leute gleichermaßen ins Leben holen. Vielleicht ein „Ende der Welt“ wie manche behaupten, aber mit Sicherheit eines der schönsten Enden der Welt!

Gleichstellung und queer zusammendenken

Können Gleichstellungsarbeit und queere Interessen zusammengedacht werden? Dieser Frage haben wir uns im Rahmen unserer Masterarbeit gewidmet, in der wir uns mit der Berücksichtigung von queeren Perspektiven und dem Selbstverständnis von Gleichstellungsbeauftragten in der sächsischen Gleichstellungsarbeit beschäftigt haben. Die Arbeit wurde im Mai 2020 verteidigt und nun auch online publiziert. Die empirische Basis war eine Befragung der sächsischen Gleichstellungsbeauftragten aller Landkreise und kreisfreien Städte im Zeitraum von Oktober 2019 bis Februar 2020.

Welche Erkenntnisse wir hatten und wo noch Handlungsbedarf besteht, stellen wir in diesem Artikel vor.

Brauchen queere Menschen Gleichstellung?

Vorurteile und Diskriminierung, häufige Gewalterfahrungen, geringere Bezahlung und gesellschaftliche Stigmatisierung – die Liste an Missständen, denen queere Menschen bzw. LSBTIQ*[1] ausgesetzt sind, ist lang. Auch und besonders in Sachsen. Das Bundesland, welches besonders im ländlichen Raum vom Strukturwandel betroffen ist und sich noch mehr bemühen muss, junge, qualifizierte und (ja, auch) queere Menschen zu halten und anzuziehen, bildet diesbezüglich leider keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil: Im Vergleich mit den anderen Bundesländern belegt Sachsen in Bezug auf die Akzeptanz sexueller Vielfalt den letzten Platz[2] und in der sächsischen Bevölkerung ist eine homophobe Denkweise nach wie vor stark verbreitet[3]. Die Ursachen sind vielfältig, die Anlaufstellen und Unterstützungsstrukturen für Betroffene sind es nicht. Doch gerade in Sachsen, das sich Weltoffenheit auf die Fahnen schreibt und die Akzeptanz und Toleranz unterschiedlicher Lebensentwürfe als schützens- und fördernswert erachtet, muss kritisch gefragt werden: Wer ist zuständig und kann sich für die Belange queerer Menschen einsetzen?

Der bereits 2015 formulierte „Landesaktionsplan zur Akzeptanz der Vielfalt von Lebensentwürfen“ benennt, dass zum Erreichen einer „[g]leichberechtigte[n] Partizipation von LSBTTIQ in Politik und Zivilgesellschaft“ die Sensibilisierung und Qualifizierung der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten (GSB) benötigt wird und verweist damit auf die institutionelle Anbindung, die diese Themen benötigen. Das Wirken zivilgesellschaftlicher Akteur*innen und Vereine kann weder den Bedarf decken, noch kann es die Mittel zur Verfügung stellen, die es braucht, um einerseits die Opfer zu schützen und andererseits Bildungsarbeit zu betreiben. Dass seit November vergangenen Jahres im Sächsischen Staatsministerium eine eigene Beauftragte für LSBTIQ*-Belange berufen wurde, die zugleich auch für das Thema der Gleichstellung zuständig ist[4], verdeutlicht, dass auch hier erkannt wurde, dass die Themen Gleichstellungsarbeit und queere Belange zusammengedacht werden müssen.

Auf der Suche nach vielfältiger Gleichstellungsarbeit …

Für uns liegt der Zusammenhang zwischen Gleichstellungsarbeit und queeren Interessen im Grundsatzverständnis. Unseres Erachtens ist Geschlecht als Begriff und Kategorie diverser zu verstehen als nur als binäre Einteilung in „Mann und Frau“. Wir vertreten ein queeres Verständnis des Geschlechterbegriffs. Das bedeutet für uns, dass geschlechtsspezifische Stereotype aufgedeckt und (un-)bewusste Denkmuster sichtbar gemacht werden müssen, um letztendlich auch die dahinterliegenden Machtverhältnisse zu erkennen und zu verstehen. Denn durch das traditionelle Gesellschafts- und Geschlechterverständnis werden vor allem weiße, heterosexuelle cis-geschlechtliche[5] Menschen privilegiert. Das zeigt sich in aktuellen Diskursen, unter anderem bei den Themen Ehe für alle, rassistisch motivierte Polizeigewalt oder auch Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Queeres Denken bildet eine fortschrittlichere Perspektive auf Geschlecht, da es ermöglicht, vielfältige Ungleichbehandlungen in Bezug auf Geschlechtlichkeit und Sexualität zu erkennen, zu benennen und ihnen entgegenzuwirken. So zum Beispiel, indem versucht wird, biologische Merkmale von gesellschaftlichen Stereotypen zu entkoppeln oder auch, indem die Allgegenwärtigkeit heterosexueller und binärer Denkmuster durchschaubar gemacht wird. Es beschreibt damit auch eine Politik der Sichtbarmachung und eine reflexive Praxis, in der begriffs-, identitäts- und heteronormativitätskritisch gedacht wird. Hier eröffnen sich vielfältige Räume für ebenso vielfältige Ausdrucksformen von Geschlechtlichkeit und Sexualität.

Während viele gleichstellungspolitische Maßnahmen vor allem unter dem Label der „Gleichstellung von Mann und Frau“ stattfinden, war es uns in unserer Forschung wichtig, aufzuzeigen, dass Gleichstellung auch einen Fokus auf die Belange von LSBTIQ* legen sollte.

Wo stehen sächsische Gleichstellungsbeauftragte?

Als Ergebnis der Interviews hat sich gezeigt, dass unter den sächsischen Gleichstellungsbeauftragten ein binäres Denken zu Geschlecht und eine differenzfeministische[6] Perspektive verbreitet sind. Dies spiegelte sich in verschiedenen Aussagen und in Bezug auf ihre Arbeitsschwerpunkte wider.

Wie die Gleichstellungsbeauftragten zu ihren Themen gelangen und worauf ihre Arbeit basiert, haben wir ebenfalls erfragt. Dabei hat sich gezeigt, dass die Wahl der inhaltlichen Grundlagen für die eigene Gleichstellungsarbeit eher auf persönlichen Einstellungen als auf allgemeingültigen Vorgaben beruht, da diese kaum existieren. Leider finden kaum neue theoretische Ansätze und wissenschaftliche Erkenntnisse zum Geschlechterbegriff Einzug in die Gleichstellungsarbeit. Hier plädieren wir für eine diversere Themensetzung, die auch das grundsätzliche Hinterfragen von Machtverhältnissen ermöglicht.

In Bezug auf queere Interessen bot sich auch ein breites Spektrum, was das Zuständigkeitsempfinden angeht. Bereits heute sind sachsenweit viele Gleichstellungs-beauftragte aktiv in Bezug auf die Belange queerer Interessen – sei es, dass sie das Hissen der Regenbogenfahne am Rathaus zum Christopher Street Day[7] initiieren, eine Veranstaltung zum IDAHIT[8] organisieren oder auch mit weniger aufmerksamkeitserregenden Aktionen, wie zum Beispiel kompetenter Vermittlungsarbeit oder langjähriger Unterstützung queerer Vereine. Andere kommen in ihrem Arbeitsalltag nur peripher mit LSBTIQ*-Interessen in Berührung. Hierbei muss aber auch beachtet werden, dass die Rahmenbedingungen je nach Landkreis/Stadt sehr unterschiedlich sind. So verfügen beispielsweise Leipzig und Dresden über eigene Beauftragte für LSBTIQ* während in anderen Landkreisen generell kaum Budget für frei gewählte Themen/Veranstaltungen zur Verfügung steht.

Nach den Erkenntnissen aus der Untersuchung bleibt die Frage: Was sollte nun konkret geschehen? Dass die Gleichstellungsbeauftragten nicht allein die Missstände und Denkstrukturen verändern können, sollte klar sein – allerdings verfügen sie über zahlreiche Potenziale, um die bestehenden Ungleichbehandlungen in Bezug auf Geschlechtlichkeit sichtbar zu machen bzw. abzubauen. Sie sind proaktiv und gewohnt, öffentlichkeitswirksam Veranstaltungen zu organisieren und Themen zu setzen. Sie besitzen funktionierende Netzwerke, haben individuell vielfältige Vorstellungen von Geschlecht und empfinden sich queeren Belangen gegenüber überwiegend zugeneigt.

Was es noch braucht …

Bildungsangebote, die den Gleichstellungsbeauftragten die Lebensrealität von queeren Menschen näherbringen, können sie sensibilisieren und darin schulen, wie sie mit ihrer Arbeit dazu beitragen können, Diskriminierung von LSBTIQ* abzubauen.

Außerdem benötigen sie zusätzliche Kapazitäten – sowohl zeitlich, finanziell, als auch personell – damit eine aktive Interessenvertretung begünstigt und die Gleichstellungsbeauftragten auch in ihrer Rolle als Multiplikatorinnen aktiver werden können.  

Es ist zu hoffen, dass die Erfahrungen der Gleichstellungsbeauftragten und deren Potenziale einfließen, wenn es darum gehen soll, geeignete Maßnahmen festzuschreiben, um die Gleichstellungsarbeit so zu gestalten, dass dabei zukünftig die Interessen von Menschen aller Geschlechts(un)zugehörigkeiten – mögen sie noch so vielfältig und plural sein – berücksichtigt werden können.

 

[1] Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transpersonen, Intersexuelle und queere* Menschen

[2] Arant, R., Dragolov, G., Gernig, B. & Boehnke, K. (2019). Zusammenhalt in Vielfalt. Das Vielfaltsbarometer. 2019 der Robert Bosch Stiftung. Stuttgart: Robert Bosch Stiftung.

[3] Küpper, B., Zick, A. & Berghan, W. (2015). Abwertung gleichgeschlechtlich liebender Menschen in Nordrhein-Westfalen. Aktualisierung der Sonderauswertung zur Homophobie (Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen, Hrsg.) (Nr. 164).; Schlinkert, R., Klaus, S., Mayer, F. & Mertens, M. (2018). Sachsen-Monitor 2018. Ergebnisbericht (dimap – das Institut für Markt- und Politikforschung GmbH, Hrsg.). Zugriff am 12.03.2021. Verfügbar unter https://www.staatsregierung.sachsen.de/download/ergebnisbericht-sachsen-monitor-2018.pdf

[4] Sächsisches Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung (Hg.). 02.11.2020. Andrea Blumentritt tritt Dienst an. Zugriff am 12.03.2021. Verfügbar unter https://www.justiz.sachsen.de/smj/andrea-blumtritt-tritt-dienst-an-4629.html

[5] Identifikation mit dem Geschlecht, das bei der Geburt zugewiesen wurde.

[6] Beschreibt eine Denkrichtung des Feminismus, bei der besonders auf die vermeintliche Gegensätzlichkeit der Kategorien „Frau“ und „Mann“ verwiesen wird.

[7] Gedenk- und Demonstrationstag, an dem für die Rechte von LSBTIQ* demonstriert und auf ihre Diskriminierung aufmerksam gemacht wird.

[8] Internationaler Tag gegen Homo-, Inter- und Transfeindlichkeit, welcher am 17. Mai begangen wird.

Die vollständige Arbeit ist abrufbar über die Plattformen Socialnet (https://www.socialnet.de/materialien/29176.php) und Qucosa (//slub.qucosa.de/landing-page/?tx_dlf[id]=https%3A%2F%2Fslub.qucosa.de%2Fapi%2Fqucosa%253A74116%2Fmets).

BERNADETTE ROHLF…

… hat in Görlitz Management Sozialen Wandels (M. A.) studiert, ist freiberuflich tätig und engagiert sich im feministischen*forum (instagram: @feministisches_forum) und bei Sohland lebt! e. V. (https://sohlandlebt.de/).

JENNY BARTHEL …

… lebt in Görlitz, hat hier Management Sozialen Wandels (M. A.) studiert und liebt es, sich mit Themen rund um Sexualität und Begehren zu befassen. Außerdem ist sie freiberuflich als Trainerin und Coach unterwegs.

Foto: https://unsplash.com/photos/lKaOHFtxH1Y

Der Film und die Lausitz - ein Interview mit Sophia Ziesch

Eva Maas im Gespräch mit Sophia Ziesch

Wer an die Region Lausitz denkt, sieht sicher nicht als erstes das Bild einer florierenden Filmlandschaft vor sich. Doch das sollte sich schnell ändern... und viele tolle Lausitzer Filmemacherinnen helfen dabei!

Sophie Ziesch klein

Sophia, du stammst selbst aus der Lausitz und bist Sorbin, wohnst aber in Berlin, wo du Sozial- und Kulturanthropologie studiert hast und momentan als DJ und Producerin tätig bist. Welche Rolle spielt die Lausitz und deine sorbische Herkunft für dein Leben?

Meine sorbische Identität hat für mich immer eine große Rolle gespielt. Ich bin schon relativ früh ins Ausland gegangen. Bereits während der Schulzeit habe ich ein Jahr in den USA gelebt und war gleich nach der Schule ein Jahr in Kolumbien. Ich bin aber immer wieder zurückgekommen, weil mich dort immer noch etwas fesselt und hält. Ich finde, wir als Sorb*innen haben das Privileg, in einer Gemeinschaft zu leben, die auf gegenseitige Unterstützung baut. Das merke ich auch, wenn ich Freund*innen mit in die Lausitz nehme, die sind so begeistert, weil es wirklich noch eine Community gibt, die sich viele heute wünschen. Für mich ist das einfach ein sehr schönes Netzwerk und sehr bereichernd, noch mit einer anderen Kultur aufgewachsen zu sein.

 Wie kamst du dazu, „SMY“ zu produzieren?

Es war zu der Zeit des Filmfestivals Cottbus und ich hatte da gerade ein Praktikum gemacht. Und da gab es die Lausitzer Filmschau. Und ich fand es spannend und dachte: warum mache ich nicht auch einen Film?  Ich fand die Thematik spannend, welche  Lebensrealitäten es von jungen Sorben und Sorbinnen gibt und welche intergenerationalen Konflikte.

Wie seid ihr das denn angegangen?

Ich habe mir einfach eine Kamera geholt (lacht). Wir haben dann überlegt, wer gute Protagonist*innen wären. Sehr schnell sind uns markante Personen eingefallen, z.B. eine Freundin von uns und ihre Oma, die noch immer sorbische Tracht trägt. Wir haben die Leute einfach aus unserem Umfeld aufgegabelt und fanden, dass es einen ziemlich guten Querschnitt abbildet. Ich habe vorher noch nie einen Film gemacht, ich hatte überhaupt keine Ahnung. Wir haben einfach losgelegt und uns mit den Menschen unterhalten und zugehört, was sie zu erzählen haben. Als wir alles im Kasten hatten, hat sich Luisa an den Schnitt gesetzt. Zur Lausitzer Filmschau war der Film fertig. Ja und dann waren wir sehr überrascht, dass wir den Hauptpreis gewonnen haben, damit haben wir gar nicht gerechnet. Es war ein sehr schöner Moment.

Es ist natürlich bemerkenswert, dass zwei so junge Frauen, wie Luisa und du den ersten Preis beim FilmFestival Cottbus gewonnen haben. Was kannst du anderen jungen Filmemacher*innen in der Lausitz mitgeben?

Nicht zu viel nachdenken, einfach anfangen! Ich habe das mit jedem Projekt gemerkt, das ich einfach angefangen habe, sei es Musik, sei es Film. So funktioniert es zumindest bei mir am besten, wenn ich intuitiv an ein Projekt herangehe, hatte ich immer die besten Ergebnisse. Ich glaube, es ist auch immer gut etwas zu zweit, im Team zu machen. Man kann sich so sehr gut gegenseitig motivieren und inspirieren. Und ja, einfach loslegen. Das größte, was jedem im Weg steht, sind zu viele Gedanken.

Welche Chancen siehst du für die Lausitz als Filmlandschaft?

Ich glaube, die Lausitz ist in Sachen Film ein noch sehr unbewandertes Gebiet. Es gibt noch so viel Material das noch verarbeitet werden kann, abseits von Braunkohle. Auch landschaftlich, also visuell ist die Lausitz noch gar nicht „ausgebeutet“ oder benutzt. Man kann sich noch austoben, weil man noch so viele unberührte Sachen hat. Es gibt offene Menschen, die Lust haben in Interaktion zu treten und sich freuen, wenn jemand kommt und Lust hat etwas zu machen. Ich würde mir auch wünschen, dass nicht nur Menschen von außen kommen und versuchen, die Lausitz filmisch durchzuarbeiten, sondern dass auch es aus den Menschen selbst kommt oder dass Kollaborationen entstehen.

Mit so engagierten Frauen ist die Lausitz auf jedem Fall auf dem richtigen Weg!

Sophias Film „SMY“ kann man über YouTube sehen: https://www.youtube.com/watch?v=YOTvkBeo-y0

Eva Maas...

... wuchs in Bautzen auf, studierte in Leipzig Kommunikations- und Medienwissenschaften im Bachelor und im Master World Heritage Studies an der Technischen Universität Cottbus. Neben und nach dem Studium arbeitete sie für diverse Filmfestivals, z.B. interfilm Berlin und die Berlinale. Im Moment lebt sie in Leipzig und arbeitet als Projektmanagerin bei den Digital Impact Labs.

Der Film und die Lausitz - ein Interview mit Cosima Stracke-Nawka

Eva Maas im Gespräch mit Cosima Stracke-Nawka 

Wer an die Region Lausitz denkt, sieht sicher nicht als erstes das Bild einer florierenden Filmlandschaft vor sich. Doch das sollte sich schnell ändern!

Denn tatsächlich kann die Lausitz mit zahlreichen Möglichkeiten für Filmschaffende locken. Einerseits durch die diverse Landschaft, die als Filmkulisse dient, andererseits durch die einschlägigen Filmveranstaltungen wie das FilmFestival Cottbus (8. bis 31. Dezember 2021) und das Neiße Filmfestival (18. - 23. Mai 2021), die eine ideale Infrastruktur bieten, um Filme erstmals einem Publikum zugänglich zu machen. Und schließlich mit dem wohl wichtigsten filmischen Zusammenschluss der Lausitz: Łužycafilm, das Sorbisch-Deutsche Filmnetzwerk, das sich nicht nur der Förderung der Region als Filmstandort und deren Filmemacher*innen verschrieben hat, sondern auch eine ausführliche Filmografie mit Spielfilmen, Dokumentation und Kurzfilmen führt. Einer der neuesten Filme, „Gundermann Revier“ (2019) von Grit Lemke, wurde bereits im F wie Kraft Journal vorgestellt.

Ein großer Teil der Netzwerkmitglieder sind weiblich – darunter Schauspielerinnen, Regisseurinnen, Autorinnen, Schnittkünstlerinnen oder Medienpädagoginnen um nur einige Tätigkeiten zu nennen. 19 weibliche Mitglieder hat das Netzwerk, weiterhin sieben Unterstützerinnen und – das ist nicht zu verachten – drei der vier Sprecher*innen sind weiblich. Cosima Stracke- Nawka ist eine dieser Netzwerksprecherinnen.

Stracke Nawka 2

Frau Stracke-Nawka, wie Sind Sie zur Arbeit mit Film gekommen?

C. S.-N.: Ich habe Theaterwissenschaften studiert und dann nach dem Studium am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen gearbeitet. Nach der Wende bin ich zur Sächsischen Landesmedienanstalt nach Dresden gegangen und konnte deren Aufbauphase miterleben. Dort hatte ich – genau wie am Theater – die Möglichkeit, alles von der Pike auf zu lernen, viele Leute kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Dann wurde ich gefragt, ob ich für die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft für den Freistaat Sachsen arbeiten würde – meine erste Begegnung mit Film. Ich habe erst mal ja gesagt, ohne zu wissen, was es damit auf sich hat. Dort war ich mit vielen Anderen dafür zuständig, Film hinsichtlich ihrer Wirkung auf Kinder und Jugendliche zu bewerten. Das hat mir aber nicht ausgereicht, sodass ich Jugendschutztage veranstaltet und versucht habe Projekte zu entwickeln – unter anderem mit den SAEK[1], die damals im Entstehen waren. Parallel wurde ich gefragt, ob ich in der MDM[2] arbeiten will. Das ist die Einrichtung der drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, bei der es um die Förderung hochprofessioneller Filmprojekte geht. Insofern hat sich der Kreis geschlossen, von der Filmwirkung zur Filmförderung. Nebenbei haben sich noch diverse Jurytätigkeiten aufgetan, zunächst im Kinderfilmbereich. Und vor sechs Jahren ist dann im Rahmen des Cottbuser Filmfestivals das Deutsch-Sorbische Filmnetzwerk entstanden, von dem ich jetzt auch eine Sprecherin bin.

Sie sind eine von drei weiblichen Sprecher*innen von  Łužycafilm. Wie sehen Sie denn die Rolle der Frauen in der Lausitzer Filmlandschaft?

C.S.-N.: Ohne Frauen gäbe es das ganze Netzwerk nicht. Das ist der unglaublich engagierten Leistung der Sylke Laubenstein-Polenz und der Grit Lemke aus dem Niederlausitzer Bereich zu verdanken. Die dritte im Bunde ist Ola Staszel, als Leiterin des Neiße Filmfestival. Wir haben uns vorher schon gekannt, haben uns in die Augen geschaut und gesagt: da müssen wir dranbleiben! Jede versucht das Netzwerk in ihrem Bereich am Laufen zu halten: die eine tritt, die andere fragt, die andere zieht. Ich wünsche mir jedoch, dass mehr publik gemacht würde, welche Kraft und welches Durchhaltevermögen dahintersteckt. Ola Staszel zum Beispiel muss ein Festival organisieren, Kinder erziehen und dann noch das Netzwerk mit tragen. Frauen sehen da eher einen Sinn dahinter, Männer muss man manchmal ein bisschen mitziehen.

Wie kann man denn die Frauen des Netzwerks und weibliche Filmemacherinnen und Filminteressierte in der Lausitz weiter fördern?

C.S.-N.: Das ist ja ein Ziel des Netzwerks: wir versuchen, Plattformen zu finden. Durch die Coronazeit ist es natürlich naheliegend, Filme, die von Frauen gemacht wurden, ins Netz zu stellen. Eine unserer nächsten Aufgaben ist es, in Kinos in der Region zwischen Görlitz und Cottbus speziell Angebote mit Frauenfilmen zu schaffen. Man sollte darauf hinwirken, dass auch große Kinoketten ihr Angebot breiter machen und den Frauen zutrauen, dass sie in der Lage sind, sich anspruchsvolle Filme anzuschauen. Man sollte das Angebot nutzen, Filme aufs Land zu bringen, wenn es wieder geht und Frauenzentren mit einbeziehen. Und natürlich ist es wichtig, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, insbesondere für Frauen, die den Filmberuf ergreifen wollen.

Ein großer Teil ist natürlich die Vernetzung und die bringt das Filmnetzwerk ja schon mit sich...

C.S.-N.: Dass wir alle voneinander wissen und wir uns gegenseitig informieren, ist ja nicht ohne Weiteres. Wir haben in der Region interessante Frauen, die nicht nur als Regisseurin arbeiten sondern als Cutterin, Dramaturgin oder Schauspielerin. Damit diese auch bei einem Film mitarbeiten können, muss man Rahmenbedingungen schaffen. Und für angemessene Bezahlung sorgen. Wenn man Förderung beantragt ist es wichtig, keine kleine Summe zu beantragen, nur damit man das Geld kriegt. Vor allem die Frauen müssen das Selbstbewusstsein haben, zu sagen: Mindestlohn ist mindestens zu zahlen! Das ist im Filmbereich leider noch nicht durchgesetzt.

Welches Potential hat die Lausitz als Filmlandschaft für Sie?

C.S.-N.: Die Lausitz hat für mich ein unglaubliches Potential. Es ist ein unverbrauchtes Territorium mit vielen interessanten Geschichten - gerade durch die Einbettung sowohl in Nieder- und Oberlausitz und im Dreiländereck mit Polen und Tschechien, wo es Vertreibungsgeschichten gegeben hat. Weiterhin haben wir Görlitz als Filmstadt. Es ist wichtig, dass wir uns alle vernetzen und ein starkes Angebot aufbauen, in dem wir qualifizierte Arbeitskräfte anbieten können: Produktionsassistenzen, Kameraassistenzen, Beleuchter, Techniker. Genau dafür ist die Filmakademie in Görlitz in Gründung, bei der es nicht darum geht, eine Filmschule zu schaffen, sondern Leuten, die durch den Kohleausstieg ihre Arbeit verlieren werden, neue berufliche Möglichkeiten zu bieten. Damit wir als Filmlandschaft nicht nur attraktiv, sondern auch konkurrenzfähig sind.

Es scheint also, als wäre die Lausitz filmisch gesehen auf dem richtigen Weg! 

 

[1]     Sächsischer Ausbildungs- und Erprobungskanal

[2]     Mitteldeutsche Medienförderung

Foto: http://luzyca-film.de/

Ein weiteres engagiertes Netzwerkmitglied von Łužycafilm ist Sophie Ziesch. Das Interview mit Sophie findet Ihr demnächst in unserem Journal.

 

Cosima Stracke-Nawka...

... ist über das Netzwerk Łužycafilm (http://luzyca-film.de/) erreichar.

Eva Maas...

...wuchs in Bautzen auf, studierte in Leipzig Kommunikations- und Medienwissenschaften im Bachelor und im Master World Heritage Studies an der Technischen Universität Cottbus. Neben und nach dem Studium arbeitete sie für diverse Filmfestivals, z.B. interfilm Berlin und die Berlinale. Im Moment lebt sie in Leipzig und arbeitet als Projektmanagerin bei den Digital Impact Labs.

Frauen in die Parlamente!

 … der sächsischen und brandenburgischen Lausitz

 Am 30.6.2019 lebten im Freistaat Sachsen rund 4 Millionen Personen. Nach Angaben des Sächsischen Statistischen Landesamtes wurden je zwei Millionen weibliche und männliche Personen gezählt.[1]

Schaut man in den sächsischen Landtag, so fällt sofort auf, dass eine annähernd gleiche Verteilung von Abgeordneten fehlt: 33 Frauen (27,7 %) zu 86 Männer (72,3 %). 2014 waren es 43 Frauen, die 34,1 % der Abgeordneten stellten.

Dasselbe Geschlechterverhältnis gilt für Brandenburg (49 % Frauen, 51 % Männer). In den Brandenburgischen Landtag wurden 88 Abgeordnete gewählt, nach dem Stand November 2020 sind davon 58 Männer (65,9 %) und 30 Frauen (34,1 %).

Damit ist auf der jeweiligen Landtagsebene eine deutliche Unterrepräsentation von Frauen festzustellen.

Die Selbstverpflichtung einiger Parteien zu einer Frauenquote haben im Sächsischen Landtag zu der weiblichen Beteiligung von 27,7 % geführt, so durch die Parteien die LINKE mit einem Anteil von 64,3 % und BÜNDNIS90/DIEGRÜNEN mit einem Anteil von 58,3 %. Die Sachsen-CDU führte für die Landtagswahl 2019 auf ihrer Landesliste für die ersten 20 Plätze erstmals eine Quotenregelung ein. Hinter dem Ministerpräsident Michael Kretschmer erfolgte dann (nur) bis Platz 16 ein Wechsel von Frauen und Männern. Trotzdem sind nur 22,2 % der CDU-Landtagsabgeordneten weiblich. Auch bei der SPD einigte man sich auf eine derartige Selbstverpflichtung, von den 10 Landtagsabgeordneten sind 30 % weiblich. Dies macht deutlich, dass allein die Regelung der Landeslisten nicht zum gewünschten Erfolg führt, wenn die Direktkandidaturen im Wesentlich männlich besetzt sind.

In Brandenburg wurden in der Landesliste der CDU bei 45 Personen 11 Frauen, bei der SPD, der Linken und den Grünen wurde im jeweiligen Wechsel ein Mann und eine Frau benannt. Bei der AFD war das Verhältnis der aufgestellten Personen 7 Frauen zu 29 Männern.

So wurden folgerichtig in der Presse, etwa im Spiegel, Frauen als „Große Verlierer [sic!] der Wahlen in Brandenburg und Sachsen“ betitelt.[2]

Mikro

Im sächsischen Koalitionsvertrag 2019-2024 heißt es unter der Überschrift „Gleichstellungsgesetz und politische Teilhabe“ auf Seite 105:

„Gemeinsames Ziel ist außerdem die gleichmäßige Vertretung von Frauen und Männern in den Parlamenten und Räten auf Landes- und Kommunalebene. Hierzu werden wir in eine breite juristische und gesellschaftliche Debatte über mögliche verfassungskonforme Lösungen eintreten. Zur Begleitung dieser Debatte wird eine Fachkommission eingerichtet.“[3]

Dies hört sich leider nach einem völlig ergebnisoffenen Informationsaustausch der Koalitionsparteien ohne tatsächliche Umsetzungsverpflichtung an.

Debatte bedeutet aber auch, dass jede Bürgerin und jeder Bürger sich einbringen kann. Wichtig ist, Allianzen zu suchen. Der Landesfrauenrat Sachsen e. V. als Dachverband von über 40 Mitgliedsorganisationen und ca. 150.000 darin organisierten Frauen hat zu den gesetzlichen Möglichkeiten bereits im Sommer 2019 Politiker*innen befragt und steht auch weiterhin für die Umsetzung eines Paritätsgesetzes.

Im aktuellen Koalitionsvertrag des Landes Brandenburg heißt es unter der Überschrift Entwicklung ländlicher Räume (S. 259 ff) „[...] wir werden […] die eigenständige Interessenvertretung der Dorfbewegung in einem sogenannten „Parlament der Dörfer“ unterstützen. [...] Wir wollen Konzepte zur sozialen Dorfentwicklung (sogenannte Dorfentwicklungskonzepte der Zweiten Generation) verstärkt fördern und die Gründung von Dorfläden unterstützen. Zudem will die Koalition die Partizipation von Frauen in LEADER-Prozessen stärken.“[4]

In Brandenburg kämpft der Frauenpolitische Rat Land Brandenburg e. V., ein Zusammenschluss von derzeit 23 Frauenvereinigungen, damit über 300.000 Frauen repräsentierend, für die Umsetzung von Parität in Parlamenten auf allen Ebenen, so auch auf Landes- und Kommunalebene. Umgesetzt wird dies etwa in dessen Projekt „Brandenburg Paritätisch“. Seit September 2018 fanden der Frauenpolitische Rat, die Landesgleichstellungsbeauftragte, Politiker*innen verschiedener Parteien, zivilgesellschaftliche Vereine und Organisationen sowie engagierten Privatpersonen zusammen,  und stellen so ein breites Bündnis für Parität in Brandenburg dar.[5]

Der Verein „Frauen aufs Podium e. V.“ mit Sitz in Potsdam hat unter Überschrift: „Programm Politik: Brandenburg – ich misch’ mich ein: Für mehr Frauen* in der Politik“ für das Land Brandenburg ein auf fünf Jahre angesetztes Programm entwickelt. Ziel ist es, den Anteil von Frauen in der Politik zu erhöhen. Das Programm läuft seit 2019, dieses Jahr mit der Überschrift: Frauengerechte Strukturen in den Parteien schaffen.[6]

Für die regionale bzw. kommunale Ebene gibt es vielerorts noch anderweitige Bestrebungen, die gleichberechtigte politische Teilhabe von Frauen zu fördern, etwa durch Frauenstammtische, Workshops etc., zum Beispiel durch die Oberlausitzer Initiative Frauen.Wahl.Lokal.

Blick in die Lausitzer Kommunalparlamente

Schaut man in die Ergebnisse der sächsischen Gemeinderatswahlen 2019, gilt: von 6.869 Sitzen werden 1.419 von Frauen belegt[7], das sind etwa 20,6 %. Frauen sind unterrepräsentiert als Bürgermeisterinnen, es gibt keine Landrätin in Sachsen. Beispielhaft die Zahlen der Stadtratswahl Bautzen 2019 mit über 32.000 Wahlberechtigten:

CDU   6 männlich, 2 weiblich
DIE LINKE   1 männlich, 2 weiblich
BBBZ    4 männlich, 1 weiblich
SPD   1 männlich, 1 weiblich
FDP   2 männlich, 0 weiblich
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN   1 männlich, 2 weiblich
AFD   7 männlich, 0 weiblich
GESAMT 22 männlich, 8 weiblich

Prozentual bedeutet dies ein Verhältnis von 73,33 % zu 26,67 %.

Bei der Kommunalwahl in Niesky mit gut 8.600 Wahlberechtigten kam es zu folgendem Ergebnis:

CDU   4 männlich, 0 weiblich
Bürgerbewegung Niesky 4 männlich, 0 weiblich
DIE LINKE   2 männlich, 0 weiblich
SPD   1 männlich, 0 weiblich
FDP 1 männlich, 0 weiblich
AFD   4 männlich, 0 weiblich
GESAMT 16 männlich, 0 weiblich

Über die Kommunalwahlen in Brandenburg berichtete die Tageszeitung Potsdamer Neueste Nachrichten am 10.4.2019: „Um einen Sitz in den 413 Gemeindevertretungen und kreisangehörigen Stadtverordnetenversammlungen bewerben sich insgesamt 14.951 Männer und Frauen (2014: 14.521). Der Frauenanteil ist mit 4.388 Bewerberinnen um drei Prozentpunkte auf 29 Prozent gestiegen.“[8]

Auch ist ein Unterschied zwischen den Geschlechterverhältnissen in großen und kleinen Städten zu beobachten: In Cottbus ist das Verhältnis 76 % männliche zu 24 % weiblichen Stadtverordneten, in Großräschen ergab sich ein Männeranteil von 87,5 % gegenüber einem Anteil von 12,5 % Frauen.

In Brandenburg sind derzeit 2 Landrätinnen tätig, parallel dazu 10 Landräte.[9]

Insgesamt wird deutlich, dass es eine auffällige Unterbeteiligung von Frauen in den Parlamenten gibt, in Brandenburg und auch in Sachsen, für den jeweilig ländlichen Bereich wird dies noch offensichtlicher.

Das ist das traurige Ergebnis nach 100 Jahren aktivem und passivem Frauenwahlrecht.

Lösung auf Landesebene über Paritätsgesetze?

Zunächst ist festzuhalten, dass die nachfolgend genannten Paritätsgesetze nur Regelungen für die Landesparlamente treffen. Die Kommunen sind demgegenüber sogenannte Körperschaften mit Selbstverwaltungsrecht. Das Recht der kommunalen Selbstverwaltung ist in Art. 28 des Grundgesetzes verankert und gewährleistet, dass alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung geregelt werden. Es ist insoweit strittig, ob über ein Landesgesetz in dieses Selbstverwaltungsrecht hinsichtlich der Erstellung von Wahllisten eingegriffen werden kann. Politisch zu diskutieren bleibt jedoch auch diese Möglichkeit.

Lichtblicke gibt es hier in den Bundesländern Brandenburg (Beschluss 31.1.2019) und Thüringen (5.7.2019), die über ein Paritätsgesetz diesem „Verfassungsbruch“ Einhalt zu gebieten versuchen. „Die mangelnde Heranziehung von Frauen zu öffentlichen Ämtern und ihre geringe Beteiligung in den Parlamenten ist doch schlicht Verfassungsbruch in Permanenz.“6, so Elisabeth Selbert, eine der vier Mütter des Grundgesetzes im Jahr 1981.

In Berlin arbeitet man an einem Koalitionsentwurf. In den anderen Bundesländern gibt es teilweise eingebrachte Gesetzesvorschläge, die abgelehnt wurden, so auch in Sachsen.

In beiden oben genannten Paritätsgesetzen wird die alternierende Besetzung der Wahllisten mit Frauen und Männern vorgegeben. Allerdings werden in diesen Gesetzen keine Regelungen für die Kommunalwahlen sowie für die Wahlkreise/Direktmandate getroffen.

In Sachsen wurde der Entwurf der Fraktion DIE LINKE vom 5. März 2019 zu einem Sächsischen Parité-Gesetz in der Landtagsplenarsitzung vom 3.7.2019 abgelehnt.

Dieser sah ein Reißverschlussverfahren von männlichen und weiblichen Personen auf den Landeslisten der Parteien vor.[10] Es wurde dabei u. a. darauf abgestellt, dass eine hochkomplexe Abwägung von Grundrechten, Wahlgrundsätzen und Parteienrechten vorzunehmen sei. Durch das eingebrachte Gesetz würde auch die Chancengleichheit kleinerer zu größeren Parteien nicht gewahrt, da diese aufgrund ihrer Mitgliederstruktur überhaupt nicht in der Lage sind, eine paritätisch besetzte Liste aufzustellen. Hervorgehoben wurde auch, dass die Entscheidungen aus Thüringen und Brandenburg abgewartet werden sollten. [11]

Dass sich etwas ändern muss, zeigt auch der bundesweite Vergleich der weiblichen Besetzung in den Landesparlamenten:[12]

Bundesland

 

Abgeordnete gesamt

Abgeordnete Frauen

Frauenanteil in Prozent

Sachsen-Anhalt

 

87

19

21,8

Mecklenburg-Vorpommern

 

71

17

23,9

Baden-Württemberg

 

143

37

25,9

Bayern

 

205

56

27,3

Nordrhein-Westfalen

 

199

55

27,6

Sachsen

 

119

33

27,7

Niedersachsen

 

137

39

28,5

Thüringen

 

90

28

31,0

Schleswig-Holstein

 

73

23

31,5

Brandenburg

 

88

28

31,8

Rheinland-Pfalz

 

101

33

32,7

Berlin

 

160

53

33,1

Saarland

 

51

17

33,3

Hessen

 

137

47

34,3

Bremen

 

84

31

36,9

Hamburg

 

123

54

43,9

 (Stand April 2020)

Bei diesem Vergleich ist die jeweilige Struktur des einzelnen Bundeslandes zu beachten, in den Stadtstaaten wie Berlin, Hamburg und Bremen gelten andere Möglichkeiten als in Flächenstaaten. Festzuhalten bleibt, dass in keinem Bundesland Deutschlands eine paritätische Parlamentsbesetzung gegeben ist.

Sind Paritätsgesetze für Landesparlamente verfassungsrechtlich zulässig?

Ob die Gesetzesvorstöße in Brandenburg und Thüringen verfassungskonform sind, wird in allen Bundesländern heiß diskutiert, in beiden vorgenannten Bundesländern wurden Verfassungsbeschwerden auf Landesebene eingereicht.[13] Das thüringische Verfassungsgericht hob das Gesetz wegen verfassungsrechtlicher Verstöße am 15.7.2019 auf. In Brandenburg wurde am 23.10.2020 das Gesetz für die Regelung von Parität auf Landesebene vom Landesverfassungsgericht in Potsdam „gekippt“. Zudem wurde in Bayern und Rheinland-Pfalz die Unterrepräsentation von Frauen in den Parlamenten aufgrund von Verfassungsbeschwerden von den Landesverfassungsgerichten verhandelt, jeweils mit abschlägigen Begründungen. In Rheinland-Pfalz ging es vereinfacht dargestellt darum, dass nach dem Kommunalwahlgesetz (2013) auf den Wahlzetteln die Unterrepräsentation der Frauen durch Hinweis auf Geschlecht und prozentualen Anteilen deutlich zu machen war. In Bayern sollte über eine Popularklage erreicht werden, dass der Landesgesetzgeber aktiv werden und so die strukturelle Benachteiligung von Frauen in den Aufstellungsverfahren durch paritätische Wahlvorschlagsregeln beseitigen muss.

Parlament

Der juristische Streit entzündet sich u. a. im Hinblick auf die Gleichheit der Wahl gemäß Art. 38 Abs. 1 GG, der Parteifreiheit gemäß Artikel 21 Abs. 1 GG und der Behauptung einer Demokratiegefährdung. Dem gegenüber ist in Art. 3 GG die Gleichberechtigung von Männern und Frauen normiert, in Absatz 2, Satz 2 zudem die Pflicht des Staates wie folgt festgelegt: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“[14]

Schaut man sich in Europa um, so haben Belgien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Kroatien, Polen, Portugal, Slowenien und Spanien jeweils Quotenregelungen getroffen, die jedoch nicht alle eine hälftige Beteiligung vorgeben, sondern auch deutlich niedrigere Frauenanteile.[15] 

Es gibt in Deutschland und seinen Bundesländern verschiedene Lösungsansätze für eine verfassungskonforme Beförderung der Frauen in die Parlamente.

Neben dem Reißverschlussverfahren der Kandidat*innen auf den Wahllisten ist auch die jeweilige Direktkandidatur so zu gestalten, dass Frauen Berücksichtigung finden; etwa durch sogenannte Wahlduos oder Wahltandems.

Streitstoff besteht auch hinsichtlich der Frage, ob Verstöße sanktionslos bleiben bzw. welche Sanktionen sinnvoll und gesetzeskonform sind.

Jedenfalls ist nun das Bundesverfassungsgericht mit der Beantwortung dieser Rechtsfrage beschäftigt. Dies betrifft die Entscheidung zum Thüringischen Paritätsgesetz. Wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist, ist offen, ebenso die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Bei diesem Prozess geht es um nichts Geringeres als eine Abwägung von verschiedenen grundgesetzlich geschützten Rechten.

Was muss sich noch ändern?

Sicherlich wird es nicht genügen, die Landeslisten paritätisch zu besetzen und für Direktkandidaturen Regelungen zu finden.

Auch für die kommunale Ebene muss über Eingriffsrechte in den Bereich der Kommunalen Selbstverwaltung über Landesgesetze diskutiert werden.

Denn es darf nicht übersehen werden, dass Abgeordnete auf Landesebene meist ihre ersten politischen Erfahrungen in Stadträten oder Kreistagen sammeln konnten, umso wichtiger also, dass Frauen in Kommunalparlamenten aktiv werden (können).

Jedoch gilt auch, dass die gesamte Struktur, das politische Miteinander in den Parteien verbessert werden muss, damit Frauen mit Freude und ohne unnötige Kraftverschwendung die Politik mit formen wollen und können.

Frau Wahl

Der Deutsche Juristinnenbund e. V. hat in seiner Stellungnahme mit der passenden Überschrift „10 Irrtümer über Parität“ darauf hingewiesen, dass die Ursachen für die mangelnde Präsenz von Frauen in der Politik insbesondere auch in fortbestehenden strukturellen Barrieren und Geschlechterstereotypen liegen. [16]

Auch der Deutsche Frauenrat hat auf die weiteren „Baustellen“ hingewiesen, so auch auf subtile Diskriminierungen wie: Frauen “[…] werden häufiger unterbrochen und ihre Redebeiträge haben weniger Gewicht. Sie werden danach gefragt, was denn Mann und Kinder zu ihrem politischen Engagement sagen“.[17]

Hinzutreten stereotype, unrichtige Behauptungen wie: „Frauen interessieren sich nicht für Politik” oder „Frauen haben kein Interesse an Machtpositionen”.

Hinderlich bleibt auch, dass Frauen 50 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit übernehmen als Männer, wodurch die Arbeit im politischen Ehrenamt kaum möglich gemacht werden kann. Sitzungen am Abend, weitergehend fehlende Möglichkeit von flexibler Kinderbetreuung für die notwendige Parteiarbeit etc. wirken sich bremsend auf politisches Engagement von Frauen aus. Im ländlichen Gebiet liegt überwiegend eine männlich dominierte Parteistruktur vor, hinzu kommen noch die äußeren Umstände wie nicht zeit- und flächendeckender öffentlicher Personennahverkehr etc.

Frauen in die Parlamente!

Paritätsgesetze wirken, wie der Blick beispielhaft nach Frankreich und Spanien zeigt.

Aber auch die Wege, die Schweden und Finnland gegangen sind ohne ein Paritätsgesetz, sondern mit freiwilliger Selbstverpflichtung für alle staatlichen und kommunalen Verwaltungsinstanzen eine Quote von 40 Prozent für Frauen und Männer einzuführen, zeigen Erfolge.[18]

Am Bundesverfassungsgericht ist ein Verfahren wegen der Nichtigkeitserklärung des Thüringischen Paritätsgesetz anhängig. Von der zu erwartenden Entscheidung erhoffen sich Politik und Verbände richtungsweisende Ausführungen.

In Brandenburg und Sachsen haben durch die erhöhte politische, aber auch gesellschaftliche Wahrnehmung des Themas „Parität in den Parlamenten“ obig aufgeführte Regelungen in die jeweiligen Koalitionsverträge Einzug gefunden.

Die anhaltende öffentliche Diskussion dürfte auch zu den teilweise in den Parteien vorgenommenen Selbstverpflichtungen geführt haben, wenn diese aber leider auch nur für die Landeslisten und nicht die Direktkandidaturen galt.

Neben einer gesetzlichen Regelung müssen jedenfalls auch parallel die klischeehaften Vorstellungen, wer „Politik kann“ bekämpft und weiter die strukturellen Hemmnisse abgebaut werden. Landesweite Allianzen sollten weiter ausgebaut werden, um Frauen Gehör zu schaffen und ihre Rechte umzusetzen.

 

[1] https://www.statistik.sachsen.de/download/200_MI-2019/MI-151-2019.pdf letzte Sichtung 4.11.2020

[2]https://www.spiegel.de/politik/deutschland/sachsen-und-brandenburg-warum-jetzt-weniger-frauen-in-den-landtagen-sitzen-a-1285026.html letzte Sichtung 7.11.2020

[3] https://www.staatsregierung.sachsen.de/download/Koalitionsvertrag_2019-2024-2.pdf letzte Sichtung 5.11.2020

[4]https://www.brandenburg.de/media/bb1.a.3833.de/Koalitionsvertrag_Endfassung.pdf letzte Sichtung  7.11.2020

[5]https://www.brandenburg-paritaetisch.de/ueber-uns/ letzte Sichtung 5.11.2020

[6]https://frauenaufspodium.org/politik-brandenburg/ letzte Sichtung 6.11.2020

[7] https://www.wahlen.sachsen.de/gemeinderatswahlen-26-mai-2019-6925.html letzte Sichtung 5.11.2020

[8]https://www.pnn.de/brandenburg/6131-kandidaten-zahl-der-bewerber-fuer-kommunalwahl-gestiegen/24205034.html   letzte Einsichtnahme 4.11.2020

[9]https://wahlen.brandenburg.de/wahlen/de/kommunalwahlen/landraetewahlen/amtszeiten-landraete/ letzte Sichtung 7.11.2020

[10] http://edas.landtag.sachsen.de/viewer.aspx?dok_nr=16948&dok_art=Drs&leg_per=6 letzte Sichtung 6.11.2020

[11] https://www.landtag.sachsen.de/de/aktuelles/sitzungskalender/protokoll/1408 letzte Sichtung 7.11.2020

[12] https://www.lpb-bw.de/frauenanteil-laenderparlamenten?no_cache=1&sword_list%5B0%5D=frauenanteil&sword_list%5B1%5D=landtage&cHash=b2118bcb5403d63baeb1e92356e354f9 letzte Sichtung 8.11.2020

[13] https://www.frauen-macht-politik.de/die-ersten-paritaetsgesetze/ letzte Sichtung 7.11.2020

[14] https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html .

[15] https://www.bundestag.de/resource/blob/575544/d40660e40b8b07c8c0f710d97b7d73e3/wd-1-016-18-pdf-data.pdf

[16] https://www.djb.de/verein/Kom-u-AS/K5/pm19-29-I/inbezogen  letzte Sichtung 5.11.2020

[17] https://www.frauenrat.de/wp-content/uploads/2019/05/Broschuere-MehrFrauenindieParlamente.pdf letzte Sichtung 7.11.2020

[18] https://www.kas.de/documents/252038/4521287/Geschlechterparit%C3%A4t+in+den+nationalen+Parlamenten+ausgew%C3%A4hlter+EU-Staaten.pdf/f42672a0-9a5d-e560-9767-19f65d23f3ce?version=1.2&t=1570186323468 letzte Sichtung 9.11.2020

 

Susanne Köhler... 

... arbeitet in Dresden als Fachanwältin für Familien- und Arbeitsrecht. Sie ist langjährig im Deutschen Juristinnenbund e. V. aktiv und seit sechs Jahren die Vorsitzende des Landesfrauenrat Sachsen e. V..
Sie wurde 2020 von der Stadt Leipzig mit dem Louise-Otto-Peters-Preis ausgezeichnet.

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Bildung auf dem Land

Wie sich zwei junge Lehrerinnen für Schule in der Lausitz einsetzen   

Im ländlichen Raum der Lausitz herrscht Lehrer*innenmangel, gerade für junge Menschen ist die Arbeit dort oft nicht attraktiv. Manche sind allerdings überzeugt, dass sie gerade hier etwas bewirken können.

Julia und Anne Schaffhirt, beide 26, könnten das erwachsengewordene Zwillingspaar aus einer Teenie-Fernsehserie sein. Die beiden tragen die gleiche markante Brille, beide haben sich entschieden, Lehrerinnen zu werden und beide dafür, in den ländlichen Raum der Lausitz zurückzukehren. Nicht weil sie mussten, sondern weil ihnen die Lausitz am Herzen liegt.

Damit sind sie die Ausnahme: 2020 gaben 70 Prozent der neueingestellten Lehrer*innen in Sachsen als Einsatzwunsch Leipzig oder Dresden an.[1] Außerhalb dieser Großstädte werden in Sachsen eigentlich überall Lehrer*innen gesucht. In Bautzen sind mehr als 100 Vollzeitstellen zu besetzen, Bewerbungen gibt es nur 44. In Chemnitz kommen auf 185 Stellen gerade einmal 67 Bewerber*innen.[2] Speziell Stellen an Grund- und Förderschulen bleiben häufig offen.

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Julia und Anne haben auch dieselbe Fächerkombination studiert: Mathe und Deutsch. Dadurch verbrachten sie auch während ihres Studiums in Dresden viel Zeit zusammen. „Wir haben es immer als sehr positiv wahrgenommen und wertgeschätzt, dass wir so viel zusammen machen können“, erzählt Julia.

Doch jetzt hat es die beiden Schwestern an verschiedene Orte verschlagen – wenn auch nicht weit voneinander entfernt: Julia arbeitet inzwischen an einem Gymnasium in Zittau – gerade noch als Referendarin, sie hofft aber, auch danach dort bleiben zu können: „Es ist nie ganz absehbar, wohin man als Lehrerin kommt, aber hier sieht es nicht schlecht aus“, sagt sie. Anne lebt in Görlitz und unterrichtet an einer Berufsschule in Löbau.

Bildungspolitik in Sachsen

Im Deutschlandvergleich erhält Schule in Sachsen regelmäßig Bestnoten. Vor allem im Bildungsmonitor belegt das ostdeutsche Bundesland seit Jahren unangefochten Platz 1.[3] Besonders gelobt wird die gute Förderinfrastruktur, zum Beispiel durch einen hohen Anteil von Grundschüler*innen in Ganztagsbetreuung. Negativ fällt dafür auf, dass der Anteil der Schulabbrecher*innen deutlich höher ist als im Bundeschnitt und dass relativ viele Schüler*innen von den Regelschulen ausgeschlossen und auf Förderschulen geschickt werden.

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Trotzdem muss das Thema Bildungsgerechtigkeit weitergedacht werden, meint Anne. Der Schultyp entscheide viel zu sehr über die Zukunft von Schüler*innen. „Gesamtschulen könnten da helfen“, sagt sie. Sowohl sie als auch ihre Schwester setzen sich für mehr Bildungsgerechtigkeit ein. Dafür müsse Schule offener werden: Offener für verschiedene Bildungsbiografien und unterschiedliche soziale Herkunft. „In vielen Köpfen gibt es nur einen richtigen Weg: das Abitur“, sagt Julia. „Aber wir müssen auch wieder mehr vermitteln, dass eine Ausbildung genauso wertvoll ist“. Es gebe schon viele gute Konzepte, um Strukturen in Schulen zu verändern, aber gerade auf dem Land seien sie schwer umzusetzen. 

Rückkehren und unterrichten

Nach dem Studium zurück in die Lausitz zu kommen war für die beiden Schwestern beinahe selbstverständlich. „Familie spielt für uns eine große Rolle“, sagt Anne. Sie seien beide sehr mit den Menschen und der Region verbunden. Julia denkt noch weiter. „Wenn alle weggehen, dann bleibt hier doch nichts mehr“, sagt sie. „Es muss doch auch Menschen geben, die sich dem entgegenstellen“. Man könne viel erreichen in der Lausitz, die Region sei schön und lebenswert. „Auch wenn Leute uns besuchen kommen, stellen sie immer fest, dass es hier schön ist“, sagt Anne. Den Beiden ist aber auch klar, dass nicht jede*r diese Entscheidung so einfach treffen kann. „Als Lehrerinnen gehören wir in diesem Sinne auch zu einer privilegierten Berufsgruppe“, meint Julia. Denn natürlich gibt es für sie überall Arbeit, auf dem Land sind sie besonders gefragt.

Den Zwillingsschwestern sind aber auch die Herausforderungen der Region bewusst: „Ohne Auto kommt man hier nicht weg“, stellt Anne fest. Bei vielen ihrer Schüler*innen ist eine Dreiviertelstunde Anfahrtsweg zur Schule normal, genauso wie teilweise lange Wartezeiten auf den Bus.

Beide Schwestern lieben ihren Job, aber nicht immer bleibt aus Julias Sicht genug Zeit im Stundenplan, um sich mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen zu beschäftigen. Auch statistisch gesehen scheinen sich viele Lehrer*innen überhaupt nicht auf das Unterrichten von Politik vorbereitet zu fühlen:  In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung gaben nur 16 Prozent der Lehrer*innen an, sich während ihres Studiums intensiv mit Demokratie-Bildung beschäftigt zu haben. 95 Prozent gaben an, die Vermittlung von Demokratie habe im Schulunterricht eine untergeordnete Rolle.

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Das Problem mit dem mangelnden Politikunterricht, das die beiden Lehrerinnen ansprechen, ist gerade in Sachsen eklatant: Nach einem Sachstandsbericht des Bundestags von 2016 gibt es in keinem anderen Bundesland so wenige Stunden verpflichtenden Politikunterricht wie hier.[4] Schüler*innen, die einen Hauptschulabschluss machen, haben im Schnitt weniger als 50 Stunden und auch bis zum Abitur sind weniger als 200 Stunden Politik vorgesehen. Das ist weniger als die Hälfte des deutschen Mittels. Allerdings legt eine Studie aus dem vergangenen Jahr nahe, dass sich die Situation zumindest an Gymnasien inzwischen etwas verbessert hat[5].

Eine mögliche Folge davon, dass demokratische Werte nicht genügend vermittelt werden, spüren die beiden Schwestern in ihrem Alltag an den Schulen der Lausitz: Rechtsextremismus ist ein Problem. Sowohl verfassungsfeindliche Symbole als auch Äußerungen tauchten immer wieder auf, meint Anne. „Ich glaube, Schulen müssen da noch stärker in der Aufklärung aktiv sein“.

Dass es an Sachsens Schulen ein Problem mit rechtem Gedankengut gibt, ist gut dokumentiert. 105 rechtsmotivierte Straftaten gab es dort 2019, die Tendenz ist seit Jahren steigend.[6] Unter den Vorfällen waren rechtsextreme Schmierereien, rassistische Klassenchats sowie Propaganda-Material der NPD Jugendorganisation.

Gerade Schüler*innen, die aus Haushalten mit demokratiefeindlichem Gedankengut kommen, müssen noch besser abgeholt werden, meinen die Zwillinge. „Aber zwei Stunden Gemeinschaftskunde pro Woche sind dafür zu wenig“, sagt Anne. Auch um sich aktuellen gesellschaftlichen Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Hassrede zu stellen, reiche die Zeit nicht. „Die meisten meiner Schüler*innen würden wohl noch immer sagen, es gibt nur zwei Geschlechter“, ergänzt sie.

Aktiv mitgestalten und etwas bewirken

Nicht nur im Schulunterricht wollen Anne und Julia sich für die Region einsetzen – beide sind seit Jahren ehrenamtlich aktiv. Schon eines ihrer ersten ehrenamtlichen Projekte hatte mit Schule zu tun: Mit einer Filmgruppe drehten sie einen Film über Schulschließungen in der Lausitz. „Das Interesse für Bildung und Bildungspolitik war auf jeden Fall schon immer vorhanden“, sagt Julia dazu.

Als junge Lehrerinnen sind sie nun näher an den Folgen von Bildungspolitik dran als je zuvor – und beide haben noch genug Idealismus, um sich für die Zukunft eine andere Form von Schule zu wünschen. „Schule muss neu gedacht werden“, meint Anne. „Besonders die frühe Einteilung von Kindern hinsichtlich ihrer Lernbegabung und das Verteilen auf unterschiedliche Schultypen reproduziert soziale Ungerechtigkeit."

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Viel Zeit investieren sie in ihre ehrenamtliche Jugendarbeit bei der evangelischen Kirche. „Gerade müssen wir aber ein bisschen kürzertreten“, erklärt Anne. „Der Berufseinstieg als Lehrerin ist echt anstrengend“. Trotzdem planen und koordinieren die Zwillinge noch immer fleißig für die evangelische Bezirksjugend der Region.

Sich als junge Frauen in eher konservativen, kirchlichen Strukturen zu engagieren, sehen sie nicht als Hindernis, sondern viel mehr als Herausforderung und Chance, denn mit ihrem Engagement können sie beeinflussen, wie Kirche zum Beispiel mit Geschlechterfragen umgeht. So setzen sie sich in verschiedenen kirchlichen Gremien unter anderem dafür ein, dass Gleichberechtigung dort auf der sprachlichen Ebene einen Platz hat. „Ich habe das Gefühl, dass wir hier in der Kirche aktiv gestalten können und dass das auch gefragt ist“, sagt Julia. Darum und weil sie gerne die praktischen Ergebnisse ihrer Arbeit sehen, engagieren sich die Beiden lieber hier als in der Parteipolitik.

Auch wenn die Herausforderungen für Schule auf dem Land in den nächsten Jahren wohl eher größer als kleiner werden sind die Zwillinge sicher, dass ihre Arbeit etwas bewirkt. „Die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist jeden Tag neu“, sagt Julia. „Und es gibt mir sehr viel, die Menschen dabei begleiten zu dürfen“.

Fotos: privat

Lisa Kuner...

...ist freie Journalistin, sie schreibt für die FAZ über Bildung, für Perspective Daily über den Osten und würde am liebsten aus Brasilien von sozialer Ungleichheit erzählen. Außerdem studiert sie Nachhaltige Entwicklung in Leipzig. Einen Überblick über ihre bisherigen Veröffentlichungen gibt es hier: https://www.torial.com/lisa.kuner

 

[1] https://www.mdr.de/sachsen/lehrer-einstellungen-neues-schuljahr-100.html

[2] https://www.news4teachers.de/2020/01/was-sich-die-ostdeutschen-laender-gegen-den-lehrermangel-einfallen-lassen/

[3] https://www.bildung.sachsen.de/blog/index.php/2019/08/15/bildungsstudie-sachsen-hat-bestes-bildungssystem/

[4] https://www.bundestag.de/resource/blob/487700/d782a1c792d2e8b02d26a25ffb1b0835/wd-8-077-16-pdf-data.pdf?fbclid=IwAR0xD8ToSxHH2GvROn1EnbDbsblLrUO2xZxRsDp1MibWYkCQPGdE5Un7Ydc

[5] https://pub.uni-bielefeld.de/download/2941780/2943402/Ranking_Politische_Bildung_2019_final_1.pdf

[6] https://www.mdr.de/sachsen/politik/rechte-straftaten-an-schulen-100.html

Intuition als Antrieb für die Gesellschaft

Nadine Tannreuther im Interview mit Arielle Kohlschmidt

Als kreativer Kopf werde ich auf der Suche nach Gleichgesinnten in der Lausitz schnell fündig: Arielle Kohlschmidt engagiert sich für die Kreativszene, den ländlichen Raum und für Frauen. Aber bestimmt auch noch viel mehr!?

Liebe Frau Kohlschmidt, bitte erzählen Sie uns etwas über sich: Wer sind Sie, woher kommen Sie und welche Bildungswege haben Sie beschritten?

In Cottbus bin ich geboren und ging mit 17 eigenständig nach Berlin, ich hatte vorher bereits allein gewohnt. In Berlin absolvierte ich mein Abitur, da dort viele Freund*innen waren. Alles war viel aufregender dort. Eher zufällig habe ich dann auch dort studiert. Denn eine Freundin machte mich auf den letztmöglichen Bewerbertag für Psychologie an der TU Berlin aufmerksam. Diese Chance nahm ich spontan wahr und studierte dort – mal mehr und mal weniger.

Doch die vielen, vielen Menschen an der Uni – das war nichts für mich. Wenn ich mit 12 Kommiliton*innen in einem Seminar war, das brachte was. Doch meistens saßen wir mit 70-80 Leuten für 90 Minuten eingezwängt! Schnell habe ich gemerkt, dass ich allein mit dem Buch viel schneller bin.

Tannreuther 2 Kohlschmidt

Glücklicherweise ergab sich zu dem Zeitpunkt eine ganz andere Möglichkeit, nämlich Geschichten über „Bernd das Brot“ für den Kinderkanal zu schreiben. Zwar hatte ich das vorher noch nie gemacht, aber ich dachte mir wie so oft im Leben: Ich kann das! Und plötzlich war ich Autorin und verdiente eine ganze Menge Geld. Das Vordiplom machte ich auf Wunsch meiner Familie noch. Gebraucht habe ich es bis zum heutigen Tag nicht.

Sehr intuitiv! Wie ging es weiter?

Nach einem halben Jahr Pause bin ich nochmal aus Gründen der Vernunft ins Institut zurück, um zu schauen, was noch anstehen würde und habe sofort gemerkt: der Hals zieht sich mir zusammen. Ich habe das Studium abgebrochen und mich als Autorin selbstständig gemacht. Und dann gab‘s einen Zufall und der Bauch hat entschieden – wie so oft in meinem Leben: Im Schienenersatzverkehr-Bus fand ich eine Zeitungsseite, in der eine Anzeige verhieß: Forsthaus zu vermieten. Das passte. Ich hatte genug von der Lautstärke und von der Enge der Stadt, genug Berlin ausgekostet und so ging es auf‘s Land! 2001 machte das Internet es auch gerade möglich, von dort zu arbeiten. Ich habe mich direkt sehr wohl gefühlt. Mit „Bernd das Brot“ war es dann allerdings schnell wieder vorbei.

Und damit auch mit der Geldquelle?

Die Quelle hat sich einfach verändert, denn ich habe mich intuitiv und mit Glück und der Hilfe meiner Familie weiter entwickelt. Mein Vater war Historiker und so habe ich angefangen, für seine Ausstellungen Texte zu schreiben. Dann wurde jemand gebraucht, der die Ausstellungstafeln gestaltet. Ich habe beide Aufgaben übernommen, obwohl ich nicht wusste, dass ich es kann.

Anschließend arbeitete ich als Filmdramaturgie-Assistenz am mediencollege in Dresden. Und wie so oft eignete ich mir das benötigte Wissen leidenschaftlich an.

In dieser Zeit habe ich super viel gearbeitet und die Lage war oft prekär. Doch bei allem hatte ich das Gefühl: Wenn ich etwas anderes mache, komme ich nie dahin, wohin ich will. Mein Ziel war es, von zu Hause aus zu arbeiten und meinen eigenen Zeitplan zu haben. Mein eigener Chef zu sein und selbst zu bestimmen.

Tannreuther 1 Landleben

 Was war der Grund dafür, zurück in die Lausitz zu gehen? 

Vor allem die Natur war mir wichtig. Und in der Lausitz gab es unschlagbar günstige Häuser. Seit 2009 wohne ich in einem kleinen Dorf direkt an der Neiße. Ich liebe es, spazieren zu gehen. Hier gibt es viele besondere Orte, die in keinem Reiseführer stehen. Die Menschen haben sich gefreut, dass wir gekommen sind. Die Region fühlt sich für mich warm an. Und hier existieren noch viele Nischen. Das noch nicht Getane eröffnet unzählige Möglichkeiten und so bin ich z. B. die erste Kundalini Yogalehrerin in der Region geworden. Die erste abgeschlossene Ausbildung in meinem Leben. Das was andere vielleicht als Untergang definieren, sehe ich als Platz für Neues.

Wie hat sich Ihr Leben seit 2009 verändert?

 Damals war ich noch ziemlich einsiedlerisch unterwegs. Ich bin auf‘s Land, um meine Ruhe zu haben, doch das hat sich mit den Jahren sehr gewandelt. Mir hat sich ein ganz anderer Teil meiner Persönlichkeit eröffnet. Heute übernehme ich Projekte, die ein Netzwerk und eine Verbindung aus vielen Leuten benötigen.

Nutzen Sie dabei Netzwerke und wenn ja, (wie) verknüpfen Sie diese?

Ich bin in einer ganzen Reihe von Netzwerken ständig aktiv, beispielsweise unser eigenes „Raumpionier-Netzwerk“, das „Neulandgewinner-Netzwerk“ sowie das Netzwerk der „Bürgerregion Lausitz“. Von anderen Netzwerken weiß ich, wie zum Beispiel „F wie Kraft“ und verbinde mich temporär, wenn es gerade Sinn ergibt.

Wir können unsere Netzwerke sehr einfach miteinander verknüpfen, indem wir alle zu unseren Veranstaltungen einladen oder Teile von Netzwerken auf anderen Veranstaltungen treffen.

Sie sind so vielseitig! Welche besonderen Fähigkeiten zeichnen Sie aus?

Ich glaube, ich habe ein paar Metafähigkeiten geschenkt bekommen. Ich kann sehr schnell lernen, ich kann mir allein Wissen aneignen, ich kann Komplexes einfach erklären. Auf diese Weise habe ich Schreiben gelernt, Grafikdesign, Websites programmieren, Filmschnitt und Schnittregie. Mein Lebenslauf ist voller wirr erscheinender Wege. Ich hatte nie einen Plan, aber Intuition. Am Ende konnte ich sehr viele meiner Fähigkeiten bei Meditations-Workshops für Kreativität & Intuition verbinden: Mein psychologisches Wissen, meine Erfahrungen, wie ich zu Ideen komme und das Unterrichten von Meditation.

Tannreuther 3 Kohlschmidt 2

 Welche Kraft treibt Sie dabei an?

Vor allem Freude. Und glücklicherweise immer weniger das „Geld verdienen müssen“.

Ich bin ein sehr intuitiver Mensch. Ein freudiges Herzklopfen und ein sofort Ideen lossprühender Geist zeigen mir an, wohin der Weg geht. Dabei merke ich auch sehr schnell, wenn etwas nicht zu mir passt. Dann bekomme ich innerhalb einer halben Stunde Rückenschmerzen, die ich sonst nie habe.

Wie schaffen Sie es, so viele verschiedene Projekte zu managen?

Vor allem mit Pausen und selfcare: Die ersten 1,5 Stunden des Tages gehören Yoga und Meditation. Mittags lege ich mich hin und mache gar nichts, so lange bis ich wieder einen Impuls habe, aufzustehen. Dann meditiere ich ein zweites Mal. Ansonsten hilft mir Gartenarbeit und das Verbinden mit der Natur, die vielen Bälle zu jonglieren. Das ist natürlich das Ideal, was nicht immer klappt, aber recht oft.

Wie verschaffen Sie sich als Frau Gehör und setzen Ihre Ziele um?

Mein Leben lang habe ich immer andere beneidet, die Ziele hatten. Doch bei mir stellte sich so etwas nicht ein. Meine Kraft beziehe ich aus dem Bauchgefühl. Ich hätte mein Leben nie so planen können. Heute vereine ich Vieles und Alles ergibt auf einmal Sinn. Ich liebe die Vielfalt. Intuition schafft Kräfte, etwas durchzuziehen. Wenn ich so einen Moment habe, dann klopft mein Herz und ich merke: das ist total wichtig für mich.

Tja und wie ich mir als Frau Gehör verschaffe?

Als Kind beschloss ich, keine typische Frau zu werden und wollte so einer geringschätzigen Behandlung entgehen. So habe ich mir eine ganze Reihe von mich stärkenden Glaubenssätzen angenommen. Und das strahle ich heute unbewusst aus. Das ist so meine Theorie dazu. Probleme mit Mut habe ich jedenfalls nicht.

Wie gestalten Sie mit Ihrem Engagement den Strukturwandel in der Lausitz?

Unser Projekt Raumpionierstation Oberlausitz reicht Menschen die Hand, die den Gedanken in sich tragen, in die ländliche Lausitz zu ziehen. Wir beraten und begleiten sie. Mit unserem Netzwerk von bereits hier lebenden Raumpionieren machen wir weitere schon hier lebende Zuzügler*innen und Rückkehrer*innen sichtbar und erzählen ihre Geschichten. Diese fungieren als role model und sie machen Mut. Wir drehen das Klischee vom untergehenden, rückständigen ländlichen Raum um und machen ein Abenteuer daraus!

Ich bin außerdem im Koordinierungskreis der Bürgerregion Lausitz, die der Zivilgesellschaft ein Gesicht und eine Stimme gibt und bei Kreative Lausitz aktiv. Diese beiden Initiativen wirken über die Landesgrenzen hinweg, was sehr wichtig ist, da bisher nur wenige Verbindungen bestehen.

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Was benötigen Sie, um dies weiterhin zu tun?

 Zum einen andere Menschen, die ebenso Lust und Freude daran haben. Zum anderen immer wieder Geld. Geld ist ja so eine Art Sauerstoff, den wir alle beständig brauchen. Mein Mann und ich haben eine interne Regel aufgestellt, dass wir maximal 15% unserer verfügbaren Arbeitszeit ehrenamtlich leisten. Denn oft ist es ja so: Wer etwas macht, der macht bald noch mehr. Ich habe schon eine ganze Reihe Ehrenamtlicher erlebt, die sich in den Burnout gearbeitet haben.

Welchen Tipp haben Sie, um als Frau für den Strukturwandel richtig durchzustarten?

Zusammentun und Netzwerken, diese Kraft ist toll! Miteinander und nicht gegeneinander arbeiten – einfach mal machen!

Und was wünschen Sie sich für die Zukunft der Lausitz?

Ganz klar: mehr Bürger*innenbeteiligung, mehr bottom-up-Prozesse und -projekte, mehr tatkräftige und kreative Menschen, eine kleinteilige sowie nachhaltige und ökologische Wirtschaft als auch deren Förderung und regionale Wirtschaftskreisläufe. Außerdem für alle, die es wollen, den vier bis sechs Stunden Arbeitstag, ein Grundeinkommen sowie weniger Regeln und weniger bauliche Vorschriften für Privathäuser.

Kontakt: 

Arielle Kohlschmidt

Podroscher Str. 26

02957 Krauschwitz

https://www.raumpioniere-oberlausitz.de/raumpioniere/arielle-kohlschmidt/

 

Nadine Tannreuther...

... ist freie Kreativdirektorin aus der Partnerstadt Wiesbaden und war 2019 für einen Monat zu Gast in Görlitz – und hat sich verliebt. Das Programm „Stadt auf Probe“ hat ihr gezeigt, wie schön die Gegend und entspannt das Leben ist. Nun sucht Sie nach Anknüpfungspunkten um wieder zu kommen. Ihre Mission: die Ästhetik der Medien – Informationen gemäß ihrer Zielgruppe mit einer Vision vermitteln. Dafür schreibt, gestaltet, fotografiert und filmt sie leidenschaftlich. Ihr Pilotprojekt in Görlitz ist ein Printmagazin LUST AUF GUT und wird 2022 im Februar erscheinen. https://www.lust-auf-gut.de/magazine-previews/blaettern/lust-auf-gut-magazin-wiesbaden-nr-155/. Auf Kooperationen bezüglich der Produktion freut sie sich!

Kontakt:

Nadine Tannreuther

+49 157 55 424 136

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

https://artaspekt.business.site/

Fotos...

... von Tine Jurtz: https://www.tinejurtz.de/

Sehnsucht – Alltag – Idyll

Künstlerin sein in der Lausitz

 

Im März dieses Jahres, als es schlagartig in den ersten Lockdown ging, traf ich die Entscheidung, mir eine Wohnung in Görlitz zu nehmen. Damals lebte ich in Berlin. Die Vorstellung, Zeiten mit Ausgangssperren in dieser Stadt zu verbringen, war extrem beengend – ich traf die Entscheidung, einen Mietvertrag zu unterschreiben, ohne zu wissen, was mich erwartet, hier in der Oberlausitz.

Ausschlaggebend war mein Wunsch, mich an dem Ort, an dem ich bin, heimisch und vertraut zu fühlen. Und möglichst schnell in die Natur zu können, wenn mir danach ist. Beides war in Berlin nicht möglich. Seit einigen Jahren wünschte ich mir, zurück zu gehen in die Lausitz. Klar war für mich immer: wenn, dann ist es Görlitz. In einem Moment, in dem mein komplettes Leben als freiberufliche Künstlerin vorerst abgesagt wurde, konnte ich mich auf dieses Wagnis einlassen – was sollte passieren?

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"Nora, eine Frage", Performance, Kunsthaus Dresden, 2017 © Heidi Morgenstern

Die folgende Zeit machte es natürlich einigermaßen schwer, hier anzukommen. Mein Leben an diesem Ort lag 20 Jahre zurück. Ich habe die Zeit meines Abiturs in Görlitz verbracht, stamme aus einem kleinen Ort der Gegend. Die Strukturen haben sich grundlegend geändert, und in dieser Zeit zu knüpfen soziale Kontakte war unmöglich. Trotzdem ist in den vergangenen Monaten sehr viel passiert, was mein Leben in Görlitz angeht. Ein Gründer*innenstipendium, getragen vom Second Attempt e. V. und vom Ahoj Görlitz, ermöglichte mir eine weitgehende Vernetzung und tiefe Einblicke in die regionale strukturelle Entwicklung.

In den vergangenen Jahren scheint sich unglaublich viel bewegt zu haben, es sind Netzwerke und gemeinnützige Vereine entstanden, Cafés und kulturelle Einrichtungen in der Stadt. Wie ist es nun aber, wirklich als Künstlerin hier anzukommen, zu leben – und wie ist es, zu bleiben? Wer entscheidet sich, aus welchen Gründen dazu? Was bewegt Frauen, Künstlerinnen, dazu, den Versuch zu wagen, hier Fuß zu fassen? Für mich war es einerseits die Sehnsucht nach einer Verbundenheit mit dem Ort, der Landschaft und der Mentalität. Auch ein Verlangen, der Enge der Großstadt, den zu hohen Mieten, unbezahlbaren Ateliers und dem gefühlt ständigen Druck, mithalten zu müssen, zu entfliehen. Andererseits auch der Wunsch, etwas Eigenes zu finden, zu gründen, vielleicht einen Ort, ein Projekt, das da Sinn ergibt, wo es noch Raum und Bedarf gibt.

Mit einigen Künstlerinnen konnte ich mich hierzu austauschen, live oder im zoom- meeting. Was bewegt Dich, zu kommen; was, zu bleiben?

Meine Vermutung, dass sich Parallelen zeigen werden, bestätigte sich mit den Gesprächen. Oft ist ein Wunsch und eine Sehnsucht nach mehr Raum für das eigene „Selbst-Sein“ ausschlaggebend. Die Meisten sehnen sich nach mehr Ruhe und Platz, nach weniger Input und mehr Luft zum Atmen.

Das sind nicht die, die immer vorn sein wollen mit großen Projekten, es sind sehr feinsinnige Frauen, die auch gern in der Stille sind, für sich. Das heißt nicht, dass sie im Rückzug leben – sie gehen ihren Weg, unabhängiger von dem harten Markt der Ballungszentren, schaffen vielleicht eigene, stille, besondere Orte, an denen Menschen mit sich selbst in Berührung kommen können.

Christine Mann

 So führte mich mein Weg in das Atelier von Christine Mann, ihren Malort in der Görlitzer Altstadt. Nicht zuerst eine Liebe zur Landschaft, eine Verbundenheit mit der Region oder der Wille, hier selbstständig Fuß zu fassen führte sie hier her, vielmehr waren es ganz persönliche Gründe. Die „verschlungene Vielschichtigkeit“ ihrer eigenen Vita ist wie ein „persönlicher Schatz“, der zu dieser Form ihrer heutigen Existenz hier führte, und diesen wundervollen Ort hervorbrachte, der für viele Görlitzer*innen wohl ein sehr wichtiger ist: einer, in dem Persönliches Raum findet und bildhaft werden kann.

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Malort © Christine Mann

Es ist ein stiller Ort, eine ganz besondere Atmosphäre und Christine geht vollends in ihm auf, sie scheint ein bisschen eins mit ihm zu sein, auch wenn ich mit ihr hier bisher „nur“ Tee getrunken habe. Ihre Erlebnisse, ihr bisheriges Leben fließen spürbar in den Malort ein. Generell sei sie kein Mensch, der so richtig verwurzelt ist mit einer Gegend, es ist nicht so, dass ihr Herz an der Stadt, der Landschaft hängt, auch wenn es schön hier ist und sie seit ca. 20 Jahren hier lebt. Sie scheint sehr unabhängig, auch von äußeren Bewertungen, eher im Vertrauen auf das Selbst, die eigene Intuition und Intention. In die Stille, ins eigene Zentrum finden ist ein Thema, das kann sie hier, und sie kann genau das an Andere weitergeben.

Suntje Sagerer

 Eine andere Intention, und doch einen ähnlichen Ausgangspunkt hat Suntje Sagerer, bildende Künstlerin, Jahrgang 1982. Gerade hat sie den Schritt gewagt, von Dresden nach Bad Muskau zu ziehen an den Rand des Bad Muskauer Parks. Sie entschied sich dazu aus dem Wunsch heraus, mehr Raum zu haben für die eigene Arbeit, mehr Luft und Natur. Das Licht, die Wiesen, das Wasser, alles ist hier einzigartig, und nur hier genau so. Einige Sommer lang konnte sie das in früheren Jahren hier erleben, die sie aus ganz persönlichen Gründen in der Gegend verbracht hat.

Dies möchte sie nun wiederaufleben lassen und den Raum für ihre Kunst hier finden, den sie braucht. Ein Atelier, das groß genug ist und eine Basis für ihre Malerei bildet, wie auch eine große Wohnung mit Blick in die Natur.

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Suntje. © Suntje Sagerer

Das alles ist hier zu finden, Ruhe und weniger Ablenkung als in der Stadt, in Dresden. Suntje hat sich genau das genommen, was sie nun braucht: Ruhe und Raum. Wie es sein wird, als Künstlerin hier zu leben ist eine andere Frage, die für sie aufgrund ihrer Arbeitsweise vielleicht nicht einmal die zentralste ist. Wie auch Christine erscheint sie als sehr unabhängige Frau mit eigenen Wünschen und Vorstellungen, was ihren Weg als Künstlerin angeht. Das sind keine ausgetretenen Pfade, es ist eher ein Suchen nach Wegen, den eigenen Antrieb. Ihre Bilder entstehen aus ihr heraus und in ihrem Atelier, zu sehen sind sie dann überregional. Die notwendigen Kontakte bleiben bestehen und können auch von hier, online, ausgebaut werden. Inwiefern ihr das Leben in Dresden fehlen wird, welche Aspekte davon, wird sich zeigen. Es ist ein mutiger Schritt, der die Region mit Sicherheit in gewisser Weise verändern wird. Suntje ist eine Persönlichkeit. Sie geht die Dinge mit viel Energie und Elan an. Ideen gibt es genug, auch was ein Café in Bad Muskau, einen eigenen Galerieraum, Ausstellungen oder andere Projekte angeht.

Ein anderes Thema ist nun allerdings das Brücken schlagen, zwischen dem eigenen künstlerischen Anspruch und der Realität vor der Haustür, zwischen Wirtschaftlichkeit und Idealismus. Im Ort gibt es zwar Sinn für Kultur, gerade durch die Stiftung „Fürst-Pückler-Park“ Bad Muskau, allerdings ist die junge, zeitgenössische Kunst unterrepräsentiert und die Bevölkerung hat kaum Möglichkeiten, mit ihr in Kontakt zu kommen.

Da regen sich dann doch wieder Stimmen im Hintergrund, Zweifel an der Entscheidung, hier her zu gehen und es tut in einer Weise gut, sich Optionen offen zu halten, eines Tages doch zurück zu gehen in die Stadt.

Sarah Gosdschan

 Sarah Gosdschan lernte ich während meines Studiums in Dresden kennen, wir studierten ungefähr zur gleichen Zeit an der Kunsthochschule dort. Sie lebt heute in Leuthen bei Cottbus, wo sie 2018, gemeinsam mit ihrem Partner, Daniel Hoffmann, eine leerstehende Kaufhalle ersteigerte. Als Künstler*innenpaar hatten sie damals den Gedanken, diesen Ort für Kunst zu öffnen, vielleicht temporär Ausstellungen oder andere Veranstaltungen zu initiieren.

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Sarah. © Sarah Gosdschan

Heute leben sie hier als Familie, vor 10 Monaten ist ihre Tochter Elsbeth geboren. Sarah meinte, sie sei jetzt einfach Mutter und genieße es. Was das künstlerische Schaffen angeht, auch Pläne für den Ort, sei erst einmal alles offen, die Gedanken daran sind da, aber erst einmal in den Hintergrund gerückt.

Beide haben eine Stelle als Kunstlehrer*innen an der Waldorfschule in Cottbus. Diese wirtschaftliche Aussicht war ausschlaggebend für sie, in die Gegend zurück zu ziehen. Allerdings hat es auch etwas, mit Gleichgesinnten im Austausch zu sein, was hier auf dem Land nicht ganz so einfach ist. Das Leben in der Stadt ist dahingehend doch ein anderes. Es stand doch ab und zu im Raum, noch einmal zurück zu gehen, in das Urbane, vielleicht sogar Berlin. Das sind momentan aber sehr weit entfernte Gedanken, erst einmal genieße sie es, mit ihrer Tochter in der Natur zu sein, diese stille Vertrautheit erleben zu können, ohne den städtischen Trubel.

Künstlerinnen in der Lausitz

Es gibt unendlich viel Freiraum, viele Möglichkeiten in der Lausitz – und doch steht jede Künstlerin, die sich entscheidet, ihren Arbeitsschwerpunkt hier her zu verlegen, vor den gleichen Fragen. Die Kunst braucht einen Boden, auf dem sie wachsen, mit dem sie sich verwurzeln kann, Offenheit und Interesse ist da eine Basis, die zwar seitens der lokalen Institutionen zum Großteil vorhanden ist, allerdings (noch) nicht in weiten Teilen der Bevölkerung.

 

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Idyll. © Heidi Morgenstern

Dies aber kann Teil einer Veränderung sein – und die ist von weiteren Aspekten des Strukturwandels abhängig. Steigt für mehr Menschen die Aussicht, hier wirtschaftlich Fuß fassen zu können und damit das Einkommensniveau, bringt dies auch die Entwicklung des kulturellen Lebens mit sich. Vielleicht wird auch die aktuelle Situation unter Corona etwas beisteuern, wenn mehr Menschen als bisher in ihrem nächsten Sommerurlaub durch die Lausitz radeln, und einen neuen Blick auf die regionale Kulturlandschaft mitbringen. Noch sind es Vorreiterinnen, die in die Lausitz zurückkehren und bleiben, es sind Frauen und Künstlerinnen, die unabhängig sind mit ihrem Schaffen, ohne laut sein zu müssen. Sie sind es, die den Weg für das neue kulturelle Leben in der Lausitz ebnen.

Heidi Morgenstern...

... ist bildende Künstlerin, arbeitet vorrangig im öffentlichen Raum und beschäftigt sich mit der Frage, wie Brücken zwischen zeitgenössischer Kunst und alltäglichen Lebenswirklichkeiten geschaffen werden können. Seit 2020 lebt und arbeitet sie in Görlitz und Dresden: heidimorgenstern.de

MUTIG, nicht perfekt!

Reshma Saujani gibt in „Brave, not Perfect“ (Originaltitel 2019) Antworten auf die Frage, warum Frauen oft gar nicht erst versuchen etwas Neues anzufangen: sich auf einen Job zu bewerben zum Beispiel, für den die eigene Qualifikation scheinbar nicht ausreicht, oder übervorsichtig alles doppelt und dreifach zu kontrollieren, gegenlesen und bestätigen zu lassen, sogar eine poplige E-Mail.

Der erste Teil des Buches besteht aus Studien und Fakten zu Frauen und Perfektionismus, Mental Load und genderbezogener Erziehung. Die Autorin bietet vielseitige Einblicke in die Gespräche mit Mädchen und Frauen über ihre überhöhten Ansprüche an sich selbst. Im zweiten Teil spricht sie ihre Anerkennung für die #MeToo-Bewegung aus, erklärt warum wir alle eine eigene Definition von Mut brauchen und warum wir „Mutig wie eine Frau“ in unseren Sprachgebrauch integrieren sollten. Fakt ist: Mut brauchen wir in allen Lebenslagen und Reshma Saujani sammelt im dritten Teil allerlei Möglichkeiten, den eigenen „Mutmuskel“ zu trainieren, sich Unterstützer*innen für die eigenen Pläne zu suchen und Niederlagen zu überstehen.

Reshma Saujani erzählt, dass sie mit ihrer Kandidatur für den US-Kongress das erste Mal in ihrem Leben etwas gewagt hat, von dem sie nicht wusste, ob es ihr gelingen würde. Sie kandidierte als erste indisch-amerikanische Frau gegen eine etablierte Politikerin, gegen die sie augenscheinlich keine Chance hatte. Dennoch blieb sie dran und scheiterte. Seitdem trainiert sie jeden Tag ihren „Mut-Muskel“ für persönliche und berufliche Ziele.

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Reshma Saujani

Saujani ist Anwältin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation „Girls Who Code“ (dt.: Mädchen, die programmieren) und beobachtete immer wieder das Verhalten, dass Frauen in ihrer Umgebung sich selten für Bereiche bewerben, in denen sie noch keine Expertise gebildet haben. Wohingegen Männer sich den unbekannten Aufgaben stellen, ohne zu zögern.

Die Ursache liegt in der Konditionierung.

„Eine Luftpolsterfolie aus Liebe und Fürsorge umschließt uns wie ein Kokon.“

Die Anforderung an Mädchen besteht besonders darin, glänzen zu können und sich von Aktivitäten fernzuhalten, die ihnen weniger liegen und an denen sie scheitern können.

„Anders gesagt, man erzieht Jungen dazu, mutig zu sein und Mädchen dazu, perfekt zu sein.“

Eine Untersuchung zeigt, dass sich Männer auf Jobs bewerben, bei denen sie über 60 Prozent der erwarteten Qualifikationen erfüllen und Frauen dagegen erst, wenn sie über nahezu 100 Prozent der mitzubringenden Fähigkeiten bereits verfügen.

Beispiele ihrer Arbeit bei Girls-Who-Code zeigen, dass Mädchen ihre ersten Codes lieber löschen, als den Versuch zu zeigen, der gescheitert ist. Sie stellt weitere Auszüge aus den Gesprächen mit Frauen und Mädchen zu Perfektionismus in Schulen, sozialen Netzwerken und an der Uni dar, und welche Ängste dahinterstehen.

Eine Erklärung bietet die Denkweise über das eigene Selbstbild der Psychologin Carol Dweck. Sie unterscheidet das statische Selbstbild und das dynamische. Ersteres besagt, dass Fähigkeiten angeboren sind und nicht veränderbar. Entweder ist man begabt oder nicht. Das dynamische Glaubenssystem hingegen bietet die Möglichkeit, Fähigkeiten erlernen und entwickeln zu können. Prozesse mit Versuchen und Niederlagen sind folglich Schritte der Entwicklung einer neuen Fähigkeit und gehören einfach dazu.

„Wäre das Leben eine Grundschule, dann gehörte den Mädchen die ganze Welt.“

Das Zitat von Carol Dweck ist mir sehr in Erinnerung geblieben. In der Erwachsenenwelt gibt es keine Einsen, die Regeln sind andere. Und fürs Nettsein wird man tendenziell schlechter bezahlt.

Möglichkeiten einer Gegenkonditionierung vom Perfektionismus als eigenen Maßstab hin zum Mutigsein liefert der dritte Teil des Buches.

Anstatt allen gefallen zu wollen, allen Alles recht zu machen und sich selbst zurück zu nehmen, geht es darum, mutig genug zu sein, auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu achten. Das kleine feministische Einmaleins sozusagen.

Es gilt, eigene Glaubenssätze zu erkennen, sich davon zu befreien und daraufhin neu zu entscheiden.

Ich möchte exemplarisch fünf Strategien aus dem dritten Kapitel teilen:

  • Strategie 1: „Die Batterien müssen voll sein.“

Dazu gehören die üblichen Verdächtigen: Schlaf, Rückzug/Meditation, Gesundheit und Sport. Wenn du müde und gestresst bist, hast du keine Kapazitäten, zu widersprechen oder etwas Neues anzufangen.

  • Strategie 2: Die Kraft des „Noch nicht“

Zwei kleine Wörter werden an die eigenen Gedanken zu sich selbst und den eigenen Fähigkeiten angehangen. „Ich kann/bin noch nicht ...“

  • Strategie 3: Angst oder Weisheit?

Warum habe ich mich dagegen entschieden? Spricht da die Angst oder ist es die Weisheit?

  • Strategie 4: Was ist die Klippe?

Jede*r hat eine Angstsache, die das eigene Leben grundlegend verändern würde und sollte sie kennen und mitdenken.

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Prioritäten setzen und anfangen

  • Strategie 5: „Fang an, bevor du soweit bist.“

Die Strategie sagt dir: „Hauptsache du beginnst mit einer kleinen Sache!“, z. B. mit einem Anruf, einer E-Mail oder der Meinung einer vertrauten Person.

  • Strategie 6: Sisterhood

Nach Hilfe zu fragen erfordert Mut. In Krisenzeiten und Phasen der Veränderung brauchen wir Unterstützer*innen und Netzwerke. Sie können ihr Wissen und ihre Kontakte mit uns teilen, anstatt mit uns zu konkurrieren. Und damit wird dem misogynen Spiel ein Ende gesetzt.

Es gibt noch mind. 15 weitere Ideen, aus denen man sich eine passende aussuchen kann.

Für wen lohnt es sich, das Buch zu lesen?

Wer Lust auf Perfektionismus-Dekonstruktion hat, der/dem sei es empfohlen!

Der TED-Talk von Saujani zum Zusammenhang von Mädchen, Perfektionismus und Mut begeisterte 2016 Tausende Mädchen und Frauen. Als Einblick kann man sich das 12-minütige Video anschauen und daraufhin entscheiden, ob es Berührungspunkte erzeugt und Lust macht, mehr wissen zu wollen. Mittlerweile wurde das Video fast vier Millionen Mal angeschaut.

Am Ende des Buches finden sich Diskussionsvorschläge und Fragen zur Reflektion, die Anlass bieten, weiter zu denken und das Gelesene zu integrieren. Besonders für Erziehungspersonen mit Töchtern gibt Reshma Saujani Möglichkeiten, genderbezogene Erziehung zu erkennen. Sie ist selbst Mutter eines Sohnes und gewährt Einblicke in die gemeinsame Erziehung mit ihrem Mann.

 Meine Erkenntnis: Das Buch funktioniert auch wie ein Selbst-Test. Wie perfektionistisch auf einer Skala von 1 bis 10 bin ich? Je nachdem in wie vielen Geschichten du dich wiedererkannt hast, zeigen sich die perfektionistischen Züge in allen ihren Facetten und wie du dir dabei selbst im Weg stehst.

Wenn du Selbsthilfe-Ratgeber ablehnst, solltest du allerdings die Finger davon lassen. Es erinnert mich punktuell an Insta-Posts, die mir sagen: „YOU WILL NEVER FEEL 100% READY“ und mich dabei bestärken, es im Zweifel dann doch zu tun.

 

Blickwede 1 Buchcover 400px Cover des Buches

Eine Freundin fragt mich bei größeren Entscheidungen mit Zweifeln, ob sich ein Mann die gleichen Fragen stellen würde. In vielen Fällen würde ich darauf antworten „Nein“. Die Strategie hat sich also auch als ganz hilfreich erwiesen.

Für meinen Geschmack ist es genau das richtige Maß an Biografie, Sachbuch vs. Ratgeber und sparkt dabei eine Menge joy, wenn es grad gut auf die eigene Situation passt. Es gibt so viele Inspirationen, mal wieder in neue Richtungen zu denken. Worauf habe ich eigentlich Lust? Wie kann ich mich mal wieder selbst herausfordern? Ach, ich bewerb‘ mich jetzt einfach mal, es besteht ja auch die Möglichkeit, dass es klappt! Besonders im Lockdown fand ich es aufregend mich ein bisschen selbst zu „coachen“ und online an einem Vorstellungs-Gespräch teilzunehmen, vor dem ich mich normalerweise gedrückt hätte.

Laut und mutig sein ist wichtig, wenn man den rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Äußerungen im eigenen Umfeld etwas entgegnen will. Zu riskieren, sich als unhöflich oder arrogant darzustellen, gehört dabei genauso dazu, wie den Anderen dabei Raum für Entwicklung zu ermöglichen.

Populärwissenschaftliche Literatur wie diese hat zudem den Vorteil für verschiedene Leser*innen zugänglich und verständlich zu sein.

Die einzige Kritik, die ich äußern will: manche Aussagen sind stark vereinfacht und unzureichend belegt.

Es hat mich gestört, dass das Buch das Märchen der Chancengleichheit erzählt. Besonders in der kapitalistischen Verwertungslogik gibt es für Arbeitnehmer*innen Ausschlusskriterien, denen man auch als mutige Person unterlegen ist. Die Gefahr besteht darin, systemische Ursachen und Diskriminierungsformen zu stark auf Einzelpersonen abzuwälzen, die sich scheinbar nicht genug bemüht, getraut und überwunden haben, ihrem Lebenstraum nachzueifern.

 

Reshma Saujani

Mutig, nicht perfekt – Warum Jungen scheitern dürfen und Mädchen alles richtig machen müssen

Erscheinungstag: 18.08.2020 im DUMONT Verlag

ISBN 978-3-8321-7051-6

Übersetzung: Susanne Rudloff

Hardcover, 222 Seiten

 

Helene Blickwede...

... lebt in Görlitz und hat im Oktober 2020 ihr Studium an der HSZG abgeschlossen. Ihre Grafik & Illustration veröffentlicht sie auf Instagram unter wohinundher. Das F wie Kraft - Journal stellt für sie eine gute Möglichkeit bereit, sich in der Lausitz zu vernetzen und sich in neuen Gefilden auszuprobieren. Eine Rezension mit eigenen Illustrationen zu veröffentlichen gehört definitiv dazu.

(Ver)Kommen, (Dran)Bleiben und (Ab)Gehen - Ein Lausitzdrama in drei Akten

Teil 3 - (Ab)Gehen

„Radikal und naiv sind die, die behaupten,
dass unsere Welt in 10 Jahren
noch so aussehen kann, wie heute.“
(Maja Göpel)

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© Anne Isensee

 

Letztens ist etwas Verwunderliches passiert. Eine Ente, die in einem hessischen Tümpel vor sich herschnabelte, erhob sich plötzlich und flog los. Aber nicht einfach mal in den Nachbarsteich ein Dorf weiter. Iwo, sie flog ganze 2250 km Non-Stop (!) bis nach Oblast Jaroslawl. Das liegt in Russland. Und diese Ente – die glücklicherweise einen GPS-Sender der Universität Gießen an sich trug - legte diese Strecke innerhalb von zwei Tagen und drei Stunden zurück. Bis heute kann sich niemand erklären, was diese Stockente genau dazu bewog, so plötzlich, so schnell[1] und so weit weg zu fliegen. Bis heute ist sie womöglich nicht zurückgekehrt. Sie schnattert irgendwo 300 km nördlich von Moskau herum und scheint diesen radikalen Umbruch gut verkraftet zu haben.

Der erste Gedanke: Warum Nordrussland? Was soll da so viel besser sein als in Mittelhessen? Und zweitens: Wie kann diese Ente jemals auf die Idee kommen, so eine Reise anzutreten, wenn ihre Artgenossen doch bekanntermaßen so dermaßen faul und fixiert sind, dass sie ihren Geburtsort fast nie verlassen. So faul, dass sie selbst einen Winterurlaub als unverhältnismäßig große Anstrengung empfinden und sich lieber von Menschen mit Brot bewerfen lassen.

Achtung, jetzt kommt ein Gedankentwist: Wenn heute junge Wissenschaftler*innen versuchen, eine Welt zu entwerfen, die am Anfang sehr viel Anstrengung verlangt, aber im Einklang mit unseren natürlichen Ressourcen steht, eine Welt in der andere Parameter für Lebensqualität und Entscheidungsfindungen gesetzt werden und darüber z. B. mit schrecklichen Talkshowmoderatoren[2] auf rbb sprechen, dann tauchen genau diese beiden Fragen auf. Erstens: Warum sollte es Menschen in dieser anderen Welt tatsächlich besser gehen? Und zweitens: Menschen sind so faul und bequem, die lassen sich doch lieber mit Amazon-Paketen bewerfen als diesen radikalen und ergebnisoffenen Weg einzuschlagen? Ich denke mir, Alter, ist das wirklich euer Ernst? Wenn das eine einzelne Ente[3] schafft, wieso schaffen wir das nicht?

Der heiße Stuhl

Als die Politökonomin und Klimaaktivistin Maja Göpel in dem wegweisenden rbb-Interview nach minutenlanger Reduzierung auf ihr Äußeres und Persönliches ihr Gegenüber mit schärfsten Argumenten in geradezu feministischer Sach- statt Bilderbuch-Manier vermöbelte und ich dazu mein Mittagessen genüsslich in mich reinschaufelte, versuchte ich, mich innerlich auf diesen heißen Stuhl zu (ver)setzen. Ich stellte fest, dass ich vor Wut schon längst geheult hätte. Dass ich meine Emotionen, wenn ältere Männer mir Expertise absprechen, meine Argumente verdrehen und offensichtlich ein grundsätzliches Interesse daran haben, mich klein zu halten, einfach nicht unter Kontrolle habe. Ich stehe im Eifer des Gefechts dann so unter Strom, dass ich all die perfiden und unpassenden Aussagen nicht richtig einordnen und darauf reagieren kann. Meine Haut fängt dann an zu kribbeln, darunter pocht der Puls und meine Zunge presst sich wie von selbst ganz fest an meinen Gaumen. Und wenn dieser Strom abbricht oder unter zu großer Spannung steht, dann knallt die Sicherung raus. Ich habe noch keine Methode gefunden, das zu unterbinden. Falls jemand Tipps hat, nur her damit. Es würde mir und meinen Gegenübern auf jeden Fall sehr weiterhelfen.

Im September saß ich am Einlass der ZUKUNFTSVISONEN mit Eva Illouz‘ Buch „Warum Liebe weh tut“ in der Hand. Dieses Buch gilt als DAS soziologische Standardwerk, um unser modernes Verhältnis zu Liebe, Beziehungen und Romantik zu erklären. Ein älterer Gast beugte sich über das Kassenhaus und fragte mich, was ich denn da lesen würde. Ich freute mich über sein Interesse und die Möglichkeit, über mein neues Lieblingsbuch zu schwärmen. Seine Antwort auf meine Begeisterung war zusammengefasst die Folgende: „Das was da drinsteht, haben Erich Fromm und Wilhelm Reich schon längst vor hundert Jahren erklärt! Kennst du die Psychoanalyse, die Kunst des Liebens? Weißt du denn überhaupt, wann die moderne Welt begann?“. Ich blickte verdutzt nach oben. Unglücklicherweise bestand mein heißer Stuhl aus einem knautschigen Campinghocker, der mich hinter dem Kassenhäuschen komplett versinken ließ. Doch meinem Studium sei Dank, konnte ich Zahlen, Unterschiede und Büchernamen gekonnt herunterrasseln. Ich konnte es aber auch nicht lassen, ihn darauf hinzuweisen, dass er nicht behaupten könne, Fromm und Reich hätten schon längst alles gesagt, wenn er doch ganz offensichtlich noch keinen einzigen Blick in dieses Buch geworfen hatte.

Ich glaube, in diesem Moment wurde ihm sein Problem, das er schon vorher mit mir (und wahrscheinlich mit der reflexiven Moderne insgesamt) hatte, bewusst und er schoss los. Sich aufbäumend erklärte er mir, dass ich mich zu wichtig nehmen und mich vor gutgemeinter Wissensvermittlung verschließen würde. Und dass dies ein Zeichen reaktionären Verhaltens sei. Ich antwortete, dass ich bisher davon ausgegangen war, sein Interesse gelte dem Buch, aber sein Interesse, mich grundlos zu belehren sei anscheinend größer. Abgesehen davon empfände ich seine Art und Weise hier vor mir zu stehen und mich zu duzen als autoritär und unpassend und deswegen hätte ich keine Lust mehr auf dieses Gespräch. Daraufhin schaffte er es, innerhalb von zwei Minuten den kompletten Bogen umzudrehen und mich als hysterische, verschlossene und taube Nuss darzustellen. Ich solle ihm doch einfach zuhören und Danke sagen. Ich solle ihm dankbar sein. Ich schüttelte mich und meinen Kopf. Ich konnte ihn und sein absonderliches Halstattoo nicht mal mehr anschauen. Ich konnte nichts anderes tun als „Nein, Nein! Auf keinen Fall!“ zu stottern.

Mein Arsch verbrannte auf dem heißen Campingstuhl. Ich fühlte mich ohnmächtig, klein und unfair behandelt. So oft würde ich gern außerhalb dieses Gefühls stehen. Ich hätte mir nichts lieber gewünscht, als wie Maja Göpel auf diesem Stuhl zu sitzen, keine Miene zu verziehen, persönliche Befindlichkeiten an den Rand zu stellen, Grenzen aufzuzeigen und wenn nötig ihm ein sachliches Argument nach dem anderen an den Kopf zu knallen.

Gewitter im Kopf

Aber manchmal ist der Drops eben gelutscht. Manchmal fehlen die Worte, die Lust, die Energie. Wenn eine mutige Frau sich auf den Kraftakt einer sachlichen Online-Diskussion einlässt und in der Kommentarspalte Antworten wie „Du bist ja augenscheinlich eine recht hübsche Frau, hast mir aber ein wenig zu viel Gewitter im Kopf.“ erntet, dann ist der Drops gelutscht. Wenn eine Frau sich persönlich angreifen lassen muss, weil sie einen fundierten Widerspruch gegen eine Parkhauseinfahrt in der Görlitzer Innenstadt einlegt, welche wiederum zum neuen Kaufhaus führt, das „das Zentrum beleben soll“[4], dann ist der Drops gelutscht. Wenn eine Frau sich dafür einsetzt, dass ein transparenter Stadtentwicklungsprozess eingeleitet wird, anstatt denkmalgeschützte Wächterhäuser für diese Einfahrt einfach abzureißen und ihr daraufhin von anderen Bewohner*innen die Mitsprache aberkannt wird, weil sie erst fünfzehn Jahre hier lebt, aber man nur qua Geburt echte Görlitzerin sein darf, puh ja, auch dann ist der Drops gelutscht.

Wenn mir engagierte Görlitzer*innen heute erzählen, dass sich die Stimmung in diesem Ort zunehmend verhärtet und frontaler wird, dann sorry, aber ich finde, dafür ist es höchste Eisenbahn. All diese Konflikte wummern schon lange unter der Oberfläche, der Streit um das Kaufhaus ist nur ein Symptom davon. Hier treffen tradierte Vorstellungen auf neue, gemeinwohlorientierte Ideen, die an manch anderem Ort viel weniger Diskussion benötigen. Im alten Karstadt am Hermannplatz sind sie zum Beispiel Realität. Hier hat die Berliner Stadtreinigung (BSR) nun temporär einen Re-Use-Store mit gebrauchten und kostengünstigen Möbeln und Waren eingerichtet, die bei ihnen entsorgt werden. Das Dienstleistungsunternehmen der öffentlichen Hand zeigt mit dieser Aktion, dass auch Verwaltungen innovative, mutige und nachhaltige Impulse setzen können, anstatt immer nur auf die richtigen Investor*innen zu warten. Die BSR wird nicht nur für diese Idee seit Jahren von den Berliner*innen gefeiert. Auch das Landratsamt Görlitz geht einige Schritte voran: In der Eingangshalle der Behörde steht eine Vitrine, die temporär wechselnd Produkte aus der Region vorstellt. Ins Leben gerufen hat sie die Initiative „Du hast die Wahl, kauf lokal!“, die sich für eine nachhaltige Wertschöpfung im Landkreis einsetzt. Dreimal dürft ihr raten, wer diese Idee hat Wirklichkeit werden lassen und damit zunächst auf Misstrauen gestoßen ist: Eine junge Frau!

Eine Überzeugung ist kein Umsonstladen!

Wandel lässt sich nicht anordnen, er muss von unten unterstützt werden. Wenn Institutionen oder Verwaltungen es selbst nicht gebacken kriegen, bestimmte Prozesse oder Aufgaben, wie einen Kulturentwicklungsplan oder eine klimafreundliche Stadt 2030 auf die Reihe zu kriegen, dann sollten sie sich lokale Akteur*innen schnappen, die sich in der Praxis damit beschäftigen und mit ihnen kooperieren. Sie sollten diese Menschen aber auch angemessen für ihre Arbeit wertschätzen oder bezahlen. Wie viele Stunden ein Kollege von mir in die Beratung, Begleitung und Netzwerkarbeit städtischer und regionaler Projekte gesteckt hat, ohne auch nur einen Cent dafür zu sehen, darf man gar nicht erzählen. Mach ich aber trotzdem. Denn er tut das aus Überzeugung und weil er ein persönliches Interesse daran hat, dass es in diesen Bereichen vorangeht. Aber dennoch sollte klar sein: Seine Überzeugung ist kein Umsonstladen, in dem man sich bedienen kann, wenn die eigene Expertise fehlt.

Mein Freund fragte mich letztens, was ich eigentlich so toll daran finde, Leuten Dinge zu erklären, die ich für selbstverständlich halte. Ich dachte eine Weile darüber nach und stellte fest: Gar nichts. Eigentlich hätte ich antworten sollen, denk doch selber mal drüber nach, du bist Lehrer. Aber dann hätten wir wieder über eine mögliche Zukunft in Görlitz diskutiert und darüber, dass er keine Lust hat, im Kollegium, das ausschlaggebend für einen angenehmen Arbeitsalltag ist, Dinge zu erklären, die er für selbstverständlich hält. Zum Beispiel, dass er als Lehrer ein Piercing tragen kann, dass er sich vehement gegen die antidemokratische Haltung der AfD positionieren darf, dass eine kollegiale Fallberatung kein Fremdwort, sondern fester Baustein einer sich unterstützenden Lehrer*innenschaft ist. Mittlerweile kann ich verstehen, warum er keine Lust hat, mir aus Berlin hinterherzuziehen. Ich kann mir in Görlitz meine Nische suchen, er als junger Lehrer wird es schwerer haben.

Als ich ihm 2019 eröffnete, dass ich Berlin verlassen will, war die Frage nicht, ob ich das kann oder darf. Die Frage war, wie wir damit sinnvoll umgehen und was wir daraus machen. Dazu gehörte die Bereitschaft, dieser Phase ein Enddatum und eine Aussicht zu verpassen. Nach kürzester Zeit wurde mir klar, ich kann nicht mehr in die Großstadt zurück. Nach mehreren erfolglosen Überzeugungsversuchen und wachsendem Verständnis meinerseits war der andere Weg ebenfalls verbaut. Ich erinnere mich an seinen Ausdruck „Ab vom Schuss!“. Damit meinte er nicht (nur) die Größe und Lage dieser Stadt, fernab seiner Heimat und Bezugspersonen. Er meinte wohl im Kern eine Art von Mentalität. Und natürlich gibt es auch das ganz andere Ostsachsen und ein riesiges Dazwischen, das ich hier hoffentlich ausreichend gefeiert habe und von dem ich auch gern länger Teil gewesen wäre. Als ich vor Kurzem erfuhr, dass meine tote Oma aus Ebersbach-Neugersdorf kam, war das ein total sinnloser Grund mehr, warum ich mich hier so heimisch fühle.

Zynische Leserinnen könnten jetzt enttäuscht sein. Boah, das ist ernsthaft das Ende dieses Dreiteilers? Ausgerechnet irgend so ein cis-Typ verbaut ihr die Zukunft in der Region, weil er tausend unbegründete Vorurteile gegenüber Ostsachsen hat? Kann der nicht mal ein paar Opfer für seine Frau bringen? Wir stecken doch schon seit Jahrhunderten für das männliche Geschlecht zurück!

Lasst mich erklären. Als selbsterklärte Feministin zwinge ich niemanden, Dinge zu tun, die er oder sie nicht will. Ich selbst entscheide, welchen Dingen ich Wert beimesse. Dieser Mann hat Wert für mich. Der Wert in einer Partnerschaft beruht auf Gegenseitigkeit. Ich hätte mich auch nicht zwingen lassen, nach Hessen oder Nordrussland zu ziehen. Wir haben einen guten Kompromiss gefunden. Wir ziehen nach Halle. Das ist in der Mitte von allem - Ost und West, Groß und Klein, Sachsen und ein bisschen Anhalt. Ich freu mich drauf.

Aber ich werde auch sehr viele Dinge vermissen. Am meisten meine Nachbarschaft. Frau Schröder[5] aus dem Erdgeschoss. Die irgendwann so mutig war, mir zu erzählen, dass sie sich einsam fühlt. Mit der ich seitdem ab und an Krümelkaffee trinke und Fröbelsterne bastle. Die Frau aus dem Dachgeschoss, mit der ich mich nach einem emotionalen Gespräch stumm auf dem Wäscheboden umarmte[6]. Die mir bis heute ungefragt Kürbissuppe, Kartoffeln oder Petersilie schenkt. Der Herr von der Hochparterre, der immer grimmig am Fenster steht und raucht. Der aber gar nicht grimmig ist, allen ein schönes Wochenende wünscht und wohl mehr Geheimnisse über die Nachbarschaft in sich trägt, als wir uns je vorstellen können. Meine leckere SOLAWI vom Lindenhof, die mir beigebracht hat, jede Rübe zu schätzen und alles zu verbraten. Der Neißeweg an der Obermühle, der einzige Ort auf der Welt, an dem ich mich überwinden konnte zu joggen. Das beste Baba Ganoush, gegen das die Imbisse in Neukölln einpacken können. Der Leipziger Platz, mein Lieblingsplatz. Weil er dreieckig, leer, pittoresk und schräg ist. Weil da eine Bank unter einem Baum steht und man von dort aus davon träumen kann, wie es wäre, wenn er sich mit Leben füllen würde. Das grüne Örtchen, nun ganz ohne Gerüst, das zeigt, wie sich mit Schweiß, Geduld und Gemeinschaftsgeist ein ganzes Haus mit Leben und Schönheit füllt. Naja, und von den Highlights der Görlitzer Umgebung muss ich jetzt gar nicht erst anfangen, sonst geht das große Heulen wieder los.

Ein neuer Freund will mir zum Abschied die Beine brechen, damit ich nicht weggehen kann. Rina vom Grünen Örtchen sagt, Görlitz braucht eine Umzugssperre. Ich plädiere für ein gesteuertes Abflusssystem, dass alle jungen Menschen von Berlin über Leipzig, Dresden, Erfurt und Jena bis hier her leitet. Ein paar manipulierte Weltverschwörungs-GPS-Sender, die Enten aus Aachen und Duisburg dazu bringen werden, ganz plötzlich und grundlos hier her zu fliegen.

In Halle gibt es einen Stadtteil, der heißt Frohe Zukunft. Falls es dort Menschen gibt, die sich davon nichts mehr versprechen, werde ich ihnen von Görlitz erzählen. Ich werde nur Gutes berichten, versprochen!

 

[1] Durchschnittsgeschwindigkeit 125km/h

[2] Die nicht nur Thadeusz heißen, sondern sich genauso spaßgebremst wie bei SpongeBob verhalten

[3] Und das ganz ohne menschliche Vorstellungskraft

[4] Haha, ich lache, was Karstadt und Galeria Kaufhof nicht schaffen, schafft Herr Stöcker auf jeden Fall!

[5] Name geändert

[6] Als das noch ging und ganz normal war

 

Lisa W...

... hat ihre Arbeit, ihren Partner und ihre Freund*innen in Berlin gelassen, um der Großstadt endgültig den Rücken zu kehren und in Görlitz "Management sozialen Wandels" zu studieren. Im Lausitzdrama in drei Akten berichtet sie über ihr Ankommen, Bleiben und Gehen. Zu finden auf Instagram unter helga_wolke

 

Anne Isensee...

... ist Animatorin und Regisseurin für Animations-Kurzfilme und Musik Videos aus Berlin. Sie studierte Animation an der Filmuniversität Babelsberg und der École nationale supérieure des arts décoratifs Paris. Seit 2020 studiert sie als Fulbright-Stipendiatin an der School of Visual Arts New York im Master Computer Arts. Ihre Kurzfilme "Megatrick", "Ich Will" und "1 Flasche Wein" werden auf Internationalen Festivals gezeigt.

https://www.anneisensee.com/ | https://vimeo.com/user41831769

Mein Weg in die Oberlausitz

Ein Beitrag von Sina Berger

…begann mit einer intensiven Auseinandersetzung mit mir selbst und meinem bisherigen Leben. Nach mehreren Jahren in der Organisations- und Personalentwicklung wurde mir klar, dass das, was ich in Unternehmen bewirken wollte zwar sinnvoll war und gebraucht wurde. Nur, das was dann wirklich machbar war, war für mich wenig zufriedenstellend.

Die Zeit war reif, mich wirklich tiefgründig mit mir selbst auseinanderzusetzen: Was will ich vom Leben wirklich? Wie will ich mein Leben wirklich ERLEBEN? Wie und womit will ich meine Lebenszeit verbringen und womit nicht (mehr)? Was macht mir Freude? Und wie kann ich meine Rechnungen zahlen?

Das war ein intensiver Prozess. Eine lange Reise zu mir selbst, mit vielen ungeahnten blinden Flecken und Erkenntnissen. Diese intensive Innenschau hat irgendwann dazu geführt an meinen Kindheitstraum vom Leben auf dem Land anzuknüpfen.

Ich wollte schon immer mit Tieren leben, umgeben von schöner Natur. Und als mir das in den Sinn kam und ich mir mein zukünftiges Leben darin ausmalte, machte sich eine große Zufriedenheit in mir breit. Es fühlte sich einfach stimmig an, mein Leben so zu gestalten. Ich träumte groß und bunt. Und diese bunte Vision habe ich meinem Mann schmackhaft machen können!

Damals lebten wir, nach verschiedenen Stationen in unterschiedlichen Großstädten, in der ersten gemeinsamen Wohnung in Radebeul. Schon immer haben wir gern die Umgebung und Natur erkundet. Als das Projekt „Landleben“ geboren war, haben wir unsere Hoferkundungstouren im Erzgebirge und der sächsischen Schweiz gestartet, denn irgendwie sollte es schon ein bisschen bergig sein. Wir kannten beide Regionen von Wanderungen und Urlauben her und es war ja auch immer ganz nett dort. Nur für die Verwirklichung unseres Lebenstraums hat es irgendwie nicht gefunkt. Und so hat es uns immer mehr in den Osten von Sachsen gezogen.

In vielen Tagesauflügen haben wir uns beide immer mehr in die Oberlausitz verliebt. Weil hier echt wenig Menschen sind und dafür viel Natur. „Wilde“ Natur und eine große Weite. Hier hat man die Natur noch für sich, hier kann man noch atmen. Und die vielen historischen Orte und Gebäude, viel Fachwerk und die unzähligen Schlösser erst!

Wir haben uns Höfe in unterschiedlicher Größe und Zustand angeschaut, zwischen Neukirch/ Lausitz, Rietschen und Lückendorf. Lange Zeit träumte ich von einem Umgebindehaus und um das zu testen, haben wir mal in einem in Oppach Urlaub gemacht.

Durch unsere zahlreichen Touren durch die Oberlausitz war irgendwann klar, unser neuer Wirkungsort muss zwischen Bautzen und Görlitz südlich von der Autobahn liegen. Eben weil es dort bergiger wird, im wunderschönen Land der hundert Berge und tausend Seen!

Nach einem herben Tiefschlag, als uns in Cunewalde ein schöner, aber sehr sanierungsbedürftiger Hof vor der Nase wegschnappt wurde, haben wir im Mai 2020 unseren jetzigen Hof in Krobnitz entdeckt. Zwei Jahre hatte es noch gedauert, bis wir den Hof übernehmen konnten und seitdem leben wir unseren gemeinsamen Traum vom Landleben. Ein in und mit der Natur und unseren Fellnasen!

In den ersten sechs Monaten haben wir das Gelände für eine artgerechte Haltung von Eseln hergerichtet, damit unsere beiden Eseldamen von der Noteselhilfe e.V. ihr „FürImmerZuhause“ bei uns bekommen konnten. Da das Eselgelände um unser Wohnhaus verläuft, leben wir quasi im Streichelgehege.

Ich genieße es jeden Tag mit den Langohren und unserem Hund zusammenzuleben und zu sein und die Tiere aus dem Fenster zu beobachten. Es ist schon etwas ganz Besonderes, wenn du auf deine Terrasse gehst und du wirst von zwei Eselchen begrüßt.

Da wir in unserer gemeinsamen Findungsphase herausgefunden haben, dass wir gerne Gastgeber sind, war es klar, dass wir unser Glück vom Landleben teilen wollen. Also, haben wir eine Ferienwohnung im Dachgeschoss hergerichtet.

Die FeWo EselGlück wird richtig gut angenommen! Es kommen immer wieder gern Familien, Gruppen von Freunden und Menschen mit ihren Hunden, um auf unserem Hof eine schöne Auszeit zu verbringen. Egal, ob mit den Eseln, in der Natur, im angrenzenden Schlosspark und bei den vielen Wanderwegen, Sehenswürdigkeiten und Freizeitangeboten – hier ist es richtig schön!

Die Oberlausitz hat echt viel zu bieten und ist im Tourismus immer noch ein Geheimtipp, wodurch es hier nicht so überlaufen ist. Und genau das ist in meinen Augen der Pluspunkt!

Ein perfekter Ort für Entschleunigung, Erholung, Naturerlebnisse. Schau mal vorbei! Ich freu mich auf deinen Besuch!

Logo Eselglück

 

Sina Berger

www.fewo-eselglueck.de

 

 

 

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Keynote zur sächsischen Festveranstaltung zum internationalen Frauentag am 7. März im Landtag Sachsen

Unter dem Motto „Stark. Sichtbar. Sächsisch. – Junge Frauen zwischen Abwanderung und Aufbruch“

Sehr geehrte Anwesende, liebe Frauen, denen dieser Tag gewidmet ist, liebe gewählte Abgeordnete, liebe Gleichstellungbeauftragte.

„Stark. Sichtbar. Sächsisch.“ das klingt nach Selbstbewusstsein, nach Aufbruch, nach Fortschritt und Zukunftsfreude. Es ist genau das, wonach wir uns sehnen an einem Tag wie dem Internationalen Frauentag, dem 8. März. Und ja, der Internationale Frauentag ist ein würdiger Anlass, um uns Frauen zu feiern, unsere Arbeit und das wofür wir stehen zu würdigen.

Es wurde viel erreicht: Ein neues Gleichstellungsgesetz ist nach 30 Jahren in Kraft getreten, es gab große Neustrukturierungen um die Vorgaben der Istanbul-Konvention umzusetzen oder die Kampagne Alltag ohne Gewalt.

Es ist aber ein Tag, der immer mehr an Bedeutung gewinnt, denn wenn wir ehrlich sind (und das sollten wir an einem solchen Tag sein), dann steht hinter dem Motto nicht nur Feierlichkeit, sondern ein ernstes strukturelles Problem.

Wir arbeiten uns ab, sie gewinnen dazu

Wir leben in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen zunehmen, in der demokratische Gewissheiten brüchig sind und in der man sich gelegentlich fragt, ob wir die letzten Jahrzehnte politischer Bildung vielleicht im Gruppentarif rückabgewickelt haben. Wenn rund ein Fünftel der Bevölkerung mit autoritären Regierungsformen liebäugelt, dann können wir dem nicht mehr mit lapidaren Parolen entgegenkommen. Es ist ein ernstzunehmendes Warnsignal. Und es ist kein Zufall, dass antifeministische Einstellungen häufig Hand in Hand gehen mit demokratiekritischen und autoritären Haltungen. Jene, die auf der ganzen Welt an Macht gewinnen.

In den letzten Tagen durfte ich eine Masterarbeit zum Thema Antifeminismus in Ostsachsen Korrektur lesen. Die Autorin Nicole Maziarka verdeutlicht, dass Antifeminismus weniger durch offene Feindseligkeit als durch eine normalisierte, oft unsichtbare Logik wirkt, die Ressourcen bindet, Handlungsspielräume einschränkt und als einkalkulierter Bestandteil gesellschaftlicher Prozesse eine neue analytische Perspektive erfordert.

Pflicht, Demokratie und Realität

Die formale Gleichberechtigung ist in Deutschland verfassungsrechtlich abgesichert – zumindest auf dem Papier. Papier ist geduldig, doch Strukturen sind es nicht. Die Mitte-Studie zeigt seit Jahren: Antifeminismus ist kein Randphänomen, sondern anschlussfähig bis weit in die gesellschaftliche Mitte. Auch dieser Raum (der Sächsische Landtag) ist davon nicht ausgenommen. Wer also glaubt, Gleichstellung sei ein nerviges Mimimi von uns, weil längst erreicht, verwechselt juristische Norm mit sozialer Realität. Gleichstellung ist keine Folkloreveranstaltung für den März, an welcher wir uns alle über den alljährlichen Blumenstrauß freuen. Sie ist Gradmesser demokratischer Reife. Und genau hier beginnt eine Reise.

Junge Frauen zwischen Abwanderung und Aufbruch?

Junge Frauen engagieren sich. Und zwar nicht zu knapp. Über 60 Prozent bringen sich ein – in Vereinen, Initiativen, sozialen Projekten. Sie organisieren Nachbarschaftshilfe, Jugendgruppen, Klimaprojekte, Bildungsangebote, Sport. Kurz gesagt: Sie nehmen teil und halten den Laden am Laufen. Und dennoch fühlt sich nur etwa ein Drittel der jungen Frauen und Mädchen tatsächlich an Entscheidungsprozessen beteiligt. Das ist bemerkenswert in jeglicher Richtung. Mache ich auf diese Missstände aufmerksam ist das für mich klar: Strukturelle Exklusion. Werde ich zitiert, heißt es: „Frau Stölzel sieht in diesem Bereich „Optimierungspotenzial“. Entscheidungen werden über die Köpfe junger befragter Frauen und Mädchen hinweg getroffen – gerade im ländlichen Raum. Beteiligung existiert, aber oft in einer Form, die wir gern als dekorativ bezeichnen: Man darf mitreden, solange man nicht stört. Man darf dabei sein, solange man Leistung erbringt und falls nicht, eine muss ja aufräumen. Das sage ich nicht nur so, das sind echte Kommentare von befragten Mädchen aus Sachsen.

Selbstvertrauen ist kein Selbstläufer

Dabei wollen diese Frauen gestalten. Sie wollen Verantwortung übernehmen. Sie bringen Kompetenzen, Perspektiven und Motivation mit. Doch nicht einmal die Hälfte traut sich Führungsaufgaben zu. Warum? Weil Selbstvertrauen nicht im luftleeren Raum entsteht. Wer wiederholt erlebt, dass die eigene Meinung relativiert oder das eigene Geschlecht implizit mitbewertet wird, entwickelt keine souveräne Selbstverständlichkeit, sondern Vorsicht. Engagement von Frauen ist oft selbstverständlich – und gerade deshalb unsichtbar. Es wird erwartet, aber nicht besonders gewürdigt. Die Organisationsfähigkeit, die Empathie, die soziale Kompetenz gelten als „natürlich“. Und was als natürlich gilt, braucht offenbar keine strukturelle Förderung. Beteiligung braucht Mut. Und Mut entsteht nicht durch Appelle, sondern durch reale Einflussmöglichkeiten. Wer Mitsprache fordert, muss Macht teilen. Alles andere bleibt pädagogisch gut gemeint – und politisch folgenlos.

Phantom oder Phänomen?

Dabei sind wir das in Sachsen eigentlich gewohnt oder? Die „Ostfrau“ gilt bis heute als gesellschaftliches Phänomen: selbstständig, durchsetzungsfähig, ökonomisch eigenständig. Dieses Bild speist sich aus den unterschiedlichen Sozialisationserfahrungen vor der Wiedervereinigung und halten bis heute an. In der Deutschen Demokratische Republik war weibliche Erwerbstätigkeit strukturell vorgesehen. Berufstätigkeit war Normalität, nicht Option. Das klingt progressiv und war in vieler Hinsicht auch ein emanzipatorischer Faktor. Zugleich existierten selbstverständlich strukturelle Begrenzungen und Rollenzuschreibungen. Gleichberechtigung bedeutete nicht automatisch Gleichverteilung von Care-Arbeit. Dennoch hat sich ein Selbstbild etabliert: die Frau im Osten, die alles schafft. Vollzeit arbeiten, Kinder versorgen, Angehörige pflegen, Haushalt organisieren: effizient, belastbar, souverän. Ein Ideal, das beeindruckt. Und erschöpft. Für junge Frauen entsteht daraus ein mehrfacher Anspruch: Sie sollen autonom und ökonomisch unabhängig sein, gleichzeitig empathisch, verfügbar, leistungsstark, attraktiv und bitte möglichst stressresistent. Scheitern ist nicht vorgesehen. Überforderung ist privat zu lösen. Und können wir bitte alle aussehen, wie aus einer klassischen RomCom aus den 90er Jahren? Da waren wir doch schonmal weiter. Dieses Perfektionsnarrativ wird gesellschaftlich bewundert, aber selten kritisch reflektiert. Wer alles bewältigt, bekommt Applaus, aber keine strukturelle Entlastung. Die Last bleibt individuell, obwohl sie strukturell erzeugt wird. Man könnte sagen: Die Ostfrau ist stark. Man sollte ergänzen: Sie musste es sein. Und Stärke als Dauerzustand ist keine Ressource, sondern ein Risiko. Gleichstellung bedeutet daher auch, sich davon abzugrenzen und den Frauen die stärker als ihre männlichen Kollegen sein mussten entgegen zu treten.

Kommunale Wirksamkeit

Theoretisch ist die Arbeit für Mädchen und Frauen strukturell und gesetzlich verankert. Praktisch zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Partizipationsansätze in der Jugendhilfe und geschlechterreflektierte Mädchenarbeit existieren nebeneinander, aber selten wirklich miteinander verzahnt. Die Kommune ist dabei der zentrale Ort demokratischer Erfahrung. Hier entscheidet sich, ob Mitbestimmung konkret wird oder abstrakt bleibt. Und hier wirken Machtverhältnisse besonders deutlich. Macht ist kein moralischer Vorwurf, sondern ein strukturelles Kräfteverhältnis. Junge Menschen verfügen aufgrund politischer und demografischer Rahmenbedingungen über begrenzte Durchsetzungsmöglichkeiten. Wenn dann geschlechterbezogene Zuschreibungen hinzukommen, reduziert sich der Einfluss weiter.

Standortpolitik ist Frauenthema

Gleichstellung wird ja gern als „Frauenthema“ isoliert. Tatsächlich durchzieht sie sämtliche Politikfelder. Ein Beispiel: der öffentliche Nahverkehr. In meiner Studie zu Jugendbeteiligung erzählen mir Befragte, dass junge Männer sagen „ÖPNV muss sich lohnen“. Wir wissen lange, Frauen nutzen ihn häufiger als Männer, sie sind oft darauf angewiesen. Und sie organisieren ihren Alltag in komplexen Wegeketten – Kita, Arbeit, Einkauf, Pflege. Kennen wir oder? Studien zeigen, der klassische Weg eines Mannes ist der von zu Hause auf Arbeit und zurück. Ein ausgedünnter ÖPNV ist keine neutrale Sparmaßnahme, sondern eine reale Einschränkung von Teilhabe. Mobilität ist Infrastruktur. Infrastruktur ist Macht. Und Macht ist Geschlechterfrage. ÖPNV lohnt sich also immer.  

Ähnlich verhält es sich mit Care-Arbeit. Wenn Kitas teurer werden oder Ganztagsangebote entfallen, rutscht Betreuung zurück in die Familien – und dort überwiegend auf die Schultern von Frauen. Die Folgen sind reduzierte Erwerbszeiten, geringere Einkommen, niedrigere Renten. Altersarmut ist kein individuelles Versagen, sondern strukturelles Ergebnis. Altersarmut ist weiblich.

Wer Gleichstellung relativiert, relativiert reale Lebensverläufe.

Abwanderung ist Flucht

Ein besonders gravierendes Problem in Sachsen ist die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Frauen. Sie erzielen im Schnitt höhere Bildungsabschlüsse, verlassen jedoch ländliche Regionen, weil Karrierechancen, kulturelle Offenheit oder Sicherheitserfahrungen nicht ausreichend vorhanden sind. Das Resultat sind demografische Schieflagen und Fachkräftemangel. Regionen verlieren nicht nur Menschen, sondern Perspektiven. Frauenförderung ist daher keine ideologische Spielerei. Sie ist Standortpolitik. Wer möchte, dass junge Menschen bleiben, muss Rahmenbedingungen schaffen, in denen Frauen sich respektiert, sicher und beruflich verwirklicht fühlen können.

Bleiben bringt die Perspektiven

Und ich darf aus eigener Erfahrung und derer die in unserem Netzwerk FwieKraft aktiv sind sprechen: Jene Frauen die bleiben vierdienen Aufmerksamkeit. In sächsischen Regionen sind es häufig Frauen, die Transformationsprozesse gestalten: im Wandel, im Kohleausstieg, in regionalen Initiativen, in nachhaltigen Projekten. Sie organisieren Netzwerke, moderieren Aushandlungsprozesse, denken langfristig. Ihre Diese Arbeit ist nicht laut, aber wirksam. Sie zeigt, dass Transformation nicht nur wirtschaftlich, sondern sozial und kulturell gedacht werden muss. Das gilt nicht nur für Kohleregionen auf die alle Wirtschaft in Sachsen aufbaut, sondern auch für die der Schwibbögen, der Rennpappe, die Orte der Sterne, Geigen, Pfefferkuchen oder Eierschecke.

Heldinnen des Alltags

Oft reden wir über die Frauen, die wegziehen. Über Abwanderung, Fachkräftemangel, verlorenes Potenzial. Aber wer die Zukunft der Region wirklich kennt, das sind die Frauen, die zurückkommen, die bleiben. Diejenigen, die tagtäglich gegen schlechte Rahmenbedingungen ankämpfen, Strukturen aushebeln, Kompromisse eingehen und trotzdem gestalten. Die wissen, warum sie hierbleiben, welche Chancen die Region bietet: Raum für eigene Ideen, Platz für Familie, bezahlbare Mieten, Nähe zur Natur – Dinge, die in urbanen Zentren oft Luxus sind. Aber sie wissen auch genau, wo der Schuh drückt: passende Jobs sind rar, Pendeln wird zur Normalität, Kitas, Ganztagsangebote, Nahverkehr. Wer bleibt, muss kämpfen, strukturell, sozial, emotional. Frauen kennen die Probleme aus erster Hand, sie leben die Schnittstellen zwischen Wirtschaft, Bildung, Soziales, Kultur und Infrastruktur jeden Tag. Sie sind Expertinnen für die Realität vor Ort – nicht nur für statistische Modelle.

Potenz ist Weiblich

Und deshalb ist es wichtig zu wissen: Gerechtigkeit potenziert sich. Wenn wir die Frauen stärken, die bereits da sind, schaffen wir die Sichtbarkeit, die andere dazu bewegt, zu bleiben oder zurückzukommen. Das gelingt nur, wenn wir das große Ganze im Blick haben: vom Ausgleich der Sorgearbeit über einen verlässlichen ÖPNV bis hin zur medizinischen Vorsorge. Wenn ein Teil des Systems gerechter wird, bewegt sich das gesamte Konstrukt nach vorne.

Die Datenlagen zu Frauen in Sachsen sind rar. Unser aller Auftrag ist daher die Frauen zu fragen! Hören wir ihnen zu! Hört uns zu!

Gleichstellungsbeauftragte sind KEINE OPTION!

Förderung tatsächlicher Gleichberechtigung ist auch Teil der Verfassung des Freistaates Sachsen und enthält entsprechende Bestimmungen. Das ist kein freundlicher Hinweis, sondern ein klarer Auftrag, auch wenn wir das neuerdings wieder diskutieren müssen.  Es funktioniert nicht, steigende Gewaltzahlen zu beklagen und gleichzeitig Strukturen der Gleichstellungsarbeit infrage zu stellen. Das ist, als würde man sich über einen Wasserschaden beschweren und gleichzeitig das Dach abdecken, weil es Kosten verursacht.

Bestrebungen, Gleichstellung von einer Pflicht- in eine freiwillige Aufgabe umzuwandeln, sind daher mehr als haushaltspolitische Details. Es ist ein Raum rechtspopulistischer Ausgrenzung. Unsere Gleichstellungsbeauftragten bieten nicht nur Schutzräume, Präventionsarbeit und Beratung. Es sind starke, selbstbewusste Frauen, mit einem starken Netzwerk, die für die Rechte von Frauen und Minderheiten einstehen. Das ist kein 40h Job am Schreibtisch, das ist echte Basisarbeit. Und Sie können Raten, wem das Angst macht.  Gleichstellung ist kein Nice-to-have für wirtschaftlich gute Zeiten. Sie ist Fundament demokratischer Ordnung.

Alle oder nichts!

Dieser Antifeminismus steht selten isoliert. Er ist häufig verknüpft mit Rassismus, Antisemitismus und antidemokratischen Ideologien. Wer Gleichheit infrage stellt, stellt letztlich gleiche Würde infrage. Und das ist keine rhetorische Zuspitzung, sondern eine politische Realität. Wir müssen uns bewusst machen: Feminismus, der nicht alle Frauen einschließt, ist kein Feminismus. Ein Privileg verteidigen, während andere noch draußen vor der Tür stehen, ist keine Befreiung. Unser Blick muss intersektional sein – wir kämpfen für alle, unabhängig von Herkunft, angeborenem Geschlecht, Behinderung oder sozialem Status.

Gerade deshalb braucht es Räume, in denen differenziert gedacht wird. Räume, in denen Zuhören wichtiger ist als Schlagfertigkeit. Räume, in denen demokratische Werte nicht relativiert, sondern verteidigt werden. Es ist anstrengender geworden, Haltung zu zeigen. Ich weiß das, ich fühle das und ich weiß Sie/ihr tut es auch. Es ist anstrengender, solidarisch zu sein und zu bleiben. Kampf um Gleichstellung passiert selten leise, nicht im Hintergrund, nicht zwischendurch. Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts.“ Das Zitat von Simone de Beauvoir ist viel mehr als eine Aufforderung, es ist eine demokratische Pflicht. Stille ist keine Enthaltung mehr, es ist Schutz von Tätern und verspottet Opfer. Demokratie war nie ein Wellnessprogramm. Sie lebt von Beteiligung, Widerspruch und Verantwortung. Das ist anstrengend, das tut weh, aber es kommt dieser Moment, es tut auch gut. Wenn viele Frauen ihre Stimme erheben, gewinnen nicht nur die die sprechen. Es stärkt auch die, die nicht mehr sprechen können und die noch sprechen lernen.  Es gewinnt die Demokratie für alle.

„Stark. Sichtbar. Sächsisch.“

darf kein einmaliges Veranstaltungsmotto bleiben. Es muss ein Anspruch sein. Denn Gleichberechtigung ist kein Trend, keine ideologische Mode, kein optionaler Haushaltsposten. Sie ist Grundrecht, Standortfaktor, Demokratieprinzip. Und wenn wir das ernst nehmen, heute, morgen und das ganze Jahr, wenn wir das wirklich ernst nehmen, dann hören wir auf, so zu tun, als sei das alles längst Normalzustand. Denn, wir rollen rückwärts. Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass immer mehr Mädchen und jungen Frauen Tradwifes und Remigration Linkes geben.  Wir haben schon viel erreicht. Für uns wurde so viel erreicht.  Wir sind wirksam, weil wir zusammenhalten. Jede Initiative, jede Stimme, jede Idee macht uns stärker. Die Frauen vor uns haben unter härteren Bedingungen gekämpft, sie waren unsere Vorreiterinnen. Wir können nicht zulassen, dass ein Backlash ihre Errungenschaften infrage stellt. Nicht für sie, nicht für uns und nicht für alle, die noch kommen. Es ist eine Ehre hier zu stehen und sprechen zu dürfen. Ich weiß, dass Sie/Ihr hier alle für viele wichtige Themen kämpfen, jeden Tag, gerade deshalb: Jetzt ist die Zeit, zusammenzustehen, sichtbar zu sein, Verantwortung zu übernehmen. Gemeinsam handeln wir, gestalten unsere Gesellschaft, stärken Netzwerke und schaffen Perspektiven – nicht irgendwann, nicht irgendwo, sondern jetzt und hier. Wir sind stark, wir sind sichtbar, hier in Sachsen und darüber hinaus.

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Literaturverzeichnis:

  • Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen (2019): Gleichstellung als Regionalentwicklung. Zur Situation der kommunalen Gleichstellungsarbeit in ländlichen Räumen Deutschlands. Berlin.
  • Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (2007): Frauen – Männer – Räume. Bonn.
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2019): Gleichstellung ist für Kommunen von zentraler Bedeutung. Online verfügbar unter: https://www.bmfsfj.bund.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/gleichstellung-ist-fuer-kommunen-von-zentraler-bedeutung-140032.
  • Bündnis kommunaler Gleichstellungsbeauftragter der Lausitz im Strukturwandel (2023): Mehr Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel der Lausitz. Positionspapier. Online verfügbar unter: https://gleichstellungsbeauftragte-sachsen.de/buendnis/.
  • Deutsche Kinder- und Jugendstiftung GmbH (DKJS) (2023): Gesehen, gehört, ernstgenommen werden – Chancen von Mädchenbeteiligung für ländliche Räume. Handlungsempfehlungen aus den Ergebnissen der Mädchenwerkstatt-Hearings und Online-Umfrage.
  • Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) (2023): Gleichstellung in der Wissenschaft.
  • Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) (2025): Gleichstellung als Standortfaktor für Deutschland.
  • Gabler, Julia / Kottwitz, Anita / Kollmorgen, Raj (2016): Wer kommt? Wer geht? Wer bleibt? Eine Studie zur Verbesserung der Verbleibchancen qualifizierter Frauen im Landkreis Görlitz.
  • Grebe, Anna / Ringler, Dominik (Hrsg.) (2024): Partizipation aus der Sicht von Mädchen* denken. 1. Auflage.
  • Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.) (2005): Gender und Raum – Ein transdisziplinärer Sammelband, einschließlich der Tagungsdokumentation der 11. Wissenschaftlerinnen-Werkstatt der Hans-Böckler-Stiftung. Edition der Hans-Böckler-Stiftung, Bd. 152, Düsseldorf.
  • Kulturbüro Sachsen e.V. (2025): „Sachsen rechts unten 2025“. Queerfeindlichkeit und Antifeminismus – aktuelle Entwicklungen und neue Feindbilder der extremen Rechten in Sachsen. Dresden.
  • Mahler Walther, Kathrin / Sive, Anna / Hempe, Lisa / Lukoschat, Helga (EAF Berlin) (2024): Engagement von Frauen in der Kommunalpolitik in Sachsen. Studie im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung. Berlin/Dresden.
  • Maziarka, Nicole (2026): Zwischen Hass und Handlungsfähigkeit: Resilienzstrategien gleichstellungsorientierter Akteur*innen in Ostsachsen im Umgang mit Antifeminismus. Hochschule Merseburg, Fachbereich Soziale Arbeit. Medien. Kultur unveröffentlichte Masterthesis im Studiengang angewandte Sexualwissenschaft der HS Merseburg
  • Polizeidirektion Leipzig (2025): Medieninformation der Polizeidirektion Leipzig Nr. 422|25. Online verfügbar unter: https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/1092644.
  • Sächsische Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) (2022): Frauen in Sachsen. Politische Partizipation in Geschichte und Gegenwart. Dresden.
  • Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt (SMS) (2025): Gleichstellungsministerin Köpping: „Gewaltschutz ist unsere gemeinsame Aufgabe“. Erstveröffentlichung am 24.11.2025. Online verfügbar unter: https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/1092695.
  • Salomo, Katja (2019): The Residential Context as Source of Deprivation: Impacts on the Local Political Culture. Evidence from the East German State Thuringia. In: Political Geography, Jg. 69 (März), S. 103–117.
  • Schwarz, Patrik (2019): Guter Osten Böser Osten.
  • Stölzel, Franziska (2021): Die Sicht der jüngeren Frauen auf die Lausitz. In: Lausitz Monitor. Redaktion: Jörg Heidig und Stefan Bischoff. Online verfügbar unter: https://lausitz-monitor.de/artikel/die-sicht-der-juengeren-frauen-auf-die-lausitz/.
  • TRAWOS-Institut (Hrsg.). (2020). Frauen als Wirtschaftsfaktor für die Lausitz: Perspektiven von Frauen auf den Strukturwandel in der Lausitz. Hochschule Zittau/Görlitz. Erstellt durch das Projekt „F wie Kraft“.
  • Walk, P. (2024): From parity to degrowth: Unpacking narratives of a gender just transition. In: Energy Research & Social Science, 112, Art.-Nr. 103513.

 

Franziska Stölzel...

... ist Wissenschaftlerin für Wandel- und Transformationsprozesse. Obwohl es sie nach ihrem Studium zunächst nach Südamerika gezogen hat, war für sie immer klar, dass sie zurück in die Lausitz möchte. Aktuell lebt sie in Weißwasser. Sie ist in verschiedensten Projekten aktiv und unterstützt die Initiative F wie Kraft seit vielen Jahren.

09. März 2026: Frauen:streik in der Lausitz

Weil wir endlich laut genug sein wollen!

Am 9. März 2026 findet bundesweit der intersektional-feministische Frauen:streik statt. Die Erweiterung des Internationalen Frauentag am Sonntag (!) 8. März 2026, um den Streiktag am Montag, 9. März 2026 geht auf die Initiative enough.org zurück, die zum globalen Generalstreik aufrufen und etabliert sehen wollen. Eine weitere Initiative, die auch auf Bundesebene aufrufen, ist das Töchterkollektiv, um endlich Veränderungen zu bewirken. Auch in der Strukturwandelregion Lausitz rufen wir zum Mitmachen auf. Und ja: Dieser Tag geht uns alle an.

Wir leben in einer Zeit, in der die Schlagzeilen kaum noch überraschen und genau das ein Problem ist. Die sogenannten Epstein-Files und der Umgang mit ihnen zeigen so deutlich wie noch nie auf, wie hartnäckig Macht, Geld und männliche Netzwerke sich gegenseitig schützen – länderübergreifend und schamlos. Die kürzlich erschienene Biografie von Gisèle Pelicot beschreibt, was patriarchale Gewalt über Jahre hinweg anrichtet und wie sehr Betroffene kämpfen müssen, um überhaupt wahr- und ernstgenommen zu werden. Nahezu täglich werden Frauen und Mädchen gewaltvoll getötet. Laut BKA 2024 wurden insgesamt 859 Opfer versuchter oder vollendeter Tötungsdelikte, der Großteil davon durch Partner, Ex-Partner oder Familienmitglieder. Dabei werden diese Morde bisher immer noch nicht als Femizide erfasst. Und wenn ein CDU-Ministerpräsidentenkandidat wie Manuel Hagel mit sexistischen Aussagen gegenüber minderjährigen Schülerinnen auffällt und echte Konsequenzen ausbleiben, dann ist das leider kein zufälliger Einzelfall.

Warum streiken?

In der Lausitz, einer Region im Wandel, ist seit mittlerweile Jahrzehnten bekannt, dass vorrangig junge Frauen wegziehen, u.a. weil sie weniger berufliche Perspektiven und Angebote, dafür mehr strukturelle Benachteiligungen erleben.  Die verheerenden Folgen für die Transformationsregion sind in zahlreichen wissenschaftlichen Studien, Prognosen und Berichten dargestellt. Dennoch kämpft das Thema nach wie vor um politische Relevanz und Priorisierung.

Zudem erleben wir alle fast täglich in irgendeiner Form die Auswirkungen des Patriarchats, sei es in Form von unbezahlter Care Arbeit als Fundament unseres sozialen Lebens, bei beruflichen Chancen, in unseren Beziehungen, im Gesundheitssystem, die Liste lässt sich leider beliebig fortführen. All das sind nur sichtbare Spitzen eines Eisbergs, der tief in unserer gesellschaftlichen Struktur verankert ist. Und wir Frauen sind noch zu sehr damit beschäftigt, genau dieses System aufrecht zu erhalten. Zu oft relativieren wir, zeigen uns nicht unbequem genug, nicht uneingeschränkt solidarisch untereinander, und vor allem arbeiten wir weiter, für die Familie, für die Jobs, für die Gesellschaft. Trotz aller Bestrebungen für mehr Sichtbarkeit und einer sich immer mehr regenden Wut: Wie lange wollen wir so weitermachen? Wo bleiben politische, gesellschaftliche, persönliche Konsequenzen? Wo ist der kollektive Aufschrei, der nicht mehr ignoriert werden kann? Wir sind offenbar noch nicht wütend genug!

Obwohl wir Frauen und andere marginalisierte Gruppen das Fundament der Gesellschaft bilden, gehören wirtschaftliche Abhängigkeit, Ungleichbehandlung in allen Bereichen und Gewalt weiterhin zum Alltag. Dabei sind Frauen mit Migrationsgeschichte, Schwarze Frauen, Frauen of Color, trans- und nichtbinäre Menschen, Alleinerziehende sowie Personen in prekären Beschäftigungsverhältnissen besonders stark betroffen. Es ist an der Zeit, dass wir uns unserer Wirkungsmacht bewusstwerden und sie nutzen. Das geht nur gemeinsam.

Ein Tag ohne Frauen – und was das bewirken kann

Der Frauen:streik am 09. März, einen Tag nach dem internationalen feministischen Frauenkampftag, ist kein symbolischer Aktionstag. Er ist eine demokratische, kollektive Form politischen Drucks. Er soll endlich deutlich und für alle sicht- und spürbar machen, was bisher tagtäglich unsichtbar ist: Das Sorgearbeit Arbeit ist. Das Gewalt überwiegend männlich ist. Das Ungleichheiten zwischen Geschlechtern politisch hergestellt und nicht privat verursacht sind. Und das all das durch ein patriarchales System ermöglicht und begünstigt wird, das mehr für den Schutz und Erhalt dieses Systems sorgt als für dessen Opfer.

Die Dokumentation „Island – Ein Tag ohne Frauen“ in der WDR Mediathek zeigt eindrücklich was passiert, wenn Frauen kollektiv ihre Arbeit niederlegen. 1975 legten 90 Prozent der isländischen Frauen ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit nieder.  Damit stand das ganze Land plötzlich still. Dieser Tag gilt als Wendepunkt für Gleichstellung in Island. Genau darum geht es langfristig: Nicht nur lokal, nicht nur bundesweit, sondern global an einem Tag im Jahr kollektiv sichtbar zu machen, was sonst unsichtbar bleibt. Je mehr Menschen sich beteiligen, desto größer die Auswirkungen. Irgendwann wird Wegignorieren unmöglich.

Der 9. März 2026 kann mehr sein als eine Demo. Er kann ein Festival des Protestes werden. Ein Tag der Wut. Ein Tag der Solidarität. Ein Tag, an dem wir deutlich machen: Wir akzeptieren keine halben Konsequenzen mehr.

Streik in der Lausitz

Am 9. März gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich zu beteiligen – laut oder leise, sichtbar oder im Hintergrund. Der Streik richtet sich nicht nur an Frauen, sondern an alle, die von Ungleichheit betroffen sind oder solidarisch sein wollen. Im Landkreis Görlitz sowie in Bautzen und Görlitz, sind unter anderen geplant:

  • Aktionen im ländlichen Raum – z.B. Ostritz, Zittau, Weißwasser, vor allem Vormittags.
  • Ab mittags: Streik-Café mit Kaffee und Kuchen, Podcasts und Filmen in der FLINTA*rie, Hospitalstr. 29, Görlitz / bis 14:00 Workshops zu Streiten und Streiken
  • Nachmittags ab 14:00 Uhr: Sitzstreik, Aktionen und Teetausch auf dem Marienplatz Görlitz (bringt Decken, Tee und Tassen mit)
  • ab 16:00 Uhr ein Demozug ab Bahnhof Görlitz & Hauptmarkt Bautzen mit Kundgebung vom #Toechterkollektiv, Gedenken an Femizide und gemeinsamem Fastenbrechen
  • Ab 18:00 Uhr Aftershow in der FLINTER*rie mit veganer Küche & Musik

Zusätzlich gibt es die Wunschkarten-Initiative: Formuliert Eure Forderungen, Eure Wut, Eure Visionen auf einer „Wunschkarte“ und gebt sie bei der Demo ab oder bis zum 13.03. in den Rathäusern Görlitz, Zittau oder Niesky. Die Karten werden gesammelt ans Kanzleramt geschickt. Je mehr desto besser. Wenn ihr sonst spontan Ideen oder Fragen habt: Kontakt zum Koordinationsteam aus Görlitz und Landkreis über Instagram (@frauenstreik.goerlitz, @toechtereuropas) oder per Mail (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.).

Mitmachen – auch im Stillen

Nicht alle können demonstrieren. Aber alle können streiken. Verweigert an diesem Tag Konsum. Übernehmt keine Care- oder Hausarbeit. Schreibt Eure Botschaften mit Kreide auf Straßen und Fassaden. Sprecht darüber, ob im Betrieb, in der Schule, im Freund:innenkreis. Jede Handlung zählt. Jede Verweigerung macht sichtbar, wie viel sonst selbstverständlich genommen wird.

Lausitz, wir sind eine Region im Umbruch. Lasst uns diesen Umbruch feministisch, solidarisch und laut gestalten. Nicht gegen Männer, sondern für eine offene, starke Gesellschaft, in der alle Menschen die gleichen Möglichkeiten und Chancen haben.

Seid am 09.03.2026 dabei. Auf der Straße. In geschützten Räumen wie im Streik-Café. Im Lauten oder im Stillen. Aber seid dabei!

 

Livia Knebel …

... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.

Gleichstellung ist unverhandelbar!

Rückblick auf einen starken Jahresauftakt, der nachwirkt

Schon beim Betreten des Gerhart-Hauptmann-Theaters in Görlitz war spürbar: Dieser Neujahrsempfang ist mehr als ein formeller Auftakt ins neue Jahr. Knapp 500 Menschen waren der Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung Sachsen in Kooperation mit der REVIERWENDE Lausitz, dem DGB Ostsachsen, dem Bündnis Gleichstellung Lausitz, dem Frauen.Wahl.Lokal Oberlausitz und der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Görlitz gefolgt – das Haus war voll, die Stimmung erwartungsvoll. Es waren vorwiegend Frauen aus der gesamten Lausitz zusammengekommen: Engagierte aus Vereinen und Initiativen, Künstler:innen, Gewerkschafter:innen, Vertreter:innen aus Politik, Kirche, Wirtschaft und Wissenschaft, junge Menschen ebenso wie ältere. Die Vielfalt spiegelte eindrucksvoll wider, wie unterschiedlich Weiblichkeit gelebt wird – und wie viel spürbare Kraft in deren Verbindung liegt. Während ich einen massiven Frauenüberschuss erwartet hatte, was bei Thema und Anlass kaum verwundern würde, fiel auf, dass auch viele Männer anwesend waren. Das stimmte gleich zu Beginn positiv, wohlwissend, dass Gleichstellung geschlechterunabhängige Unterstützung und die Erkenntnis braucht, dass ein Aufbrechen patriarchaler Strukturen letztlich allen Menschen zugutekommt. Zudem bot die liebevolle Kinderbetreuung durch den Verein CYRKUS mit Hauptsitz in Görlitz/Zgorzelec auch den Kleinen und Größeren viel Raum zum Ausprobieren im Jonglieren, Tellerdrehen und Einradfahren, was dazu beitrug, dass Teilnehmende mit Kindern sorglos das Programm im Hauptsaal genießen konnten. Damit zeigte sich ganz praktisch, wie wesentlich schon die Veranstaltungskonzeption Inklusion fördern kann.

Gemeinsame Gestaltung und klare Haltung

Der Nachmittag begann mit der beschwingenden Musik der Singer- Songwriterin Paula Peterssen und ihrem Stück „Die fetten Jahre sind vorbei“. Es sei vorweggenommen, dass nicht nur der Auftakt der Veranstaltung dennoch große Hoffnung machte, dass die fetten Jahre der Gleichstellung noch vor uns liegen. In der anschließenden Reihe von Grußworten und kurzen Redebeiträgen kamen viele Stimmen zu Wort und dennoch keinerlei Langeweile auf. Im Gegenteil: Die Reden waren prägnant, persönlich und beleuchteten das Motto „Gleichstellung ist unverhandelbar!“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Silvia Fischer von der Friedrich-Ebert-Stiftung Sachsen betonte die Stärke gemeinsamer Organisation und Kooperation was mich daran erinnerte, wie sehr gerade das gleichberechtigte Gestalten auf Augenhöhe eine Kompetenz von Frauen ist. Marika Vetter, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Görlitz, sprach über Bleiben und Zurückkommen von Frauen in der Lausitz, über Parität, Vielfalt und Teilhabe als Stärke einer Region. Gleichzeitig benannte sie offen den zunehmenden Gegenwind für diese Themen – und machte deutlich, wie wichtig Veranstaltungen wie diese gerade deshalb sind. Aline Erdmann, Gleichstellungsbeauftragte aus Cottbus, brachte es auf den Punkt: Es geht um Zukunftsfähigkeit. Denn ohne Frauen fehlt Regionen wie der Lausitz über die Hälfte an Kraft und Kompetenz. Auch Rebecca Jakob von der Fraueninitiative Bautzen e.V. setzte starke Akzente. Sie sprach von Verbundenheit und davon, dass Veränderung Solidarität braucht. Vom Mut, die eigene Komfortzone zu verlassen, sich sichtbar zu machen und unterschiedliche Lebensrealitäten anzuerkennen. Bis hin zum Appell, vom bloßen Reagieren auf gesellschaftliche Tendenzen und Umbrüche ins aktive Gestalten der Lausitz zu kommen. Dana Dubil, Geschäftsführerin des DGB Ostsachsen, stellte das WIR ins Zentrum: Fairness, vor allem auf der Arbeitsebene, lasse sich nur gemeinsam durchsetzen – dafür brauche es Viele. Kathrin Treffkorn von der DGB Revierwende Ost motivierte zu Gedanken darüber, wie unsere ideale Region aussehen könnte, welche Entwicklungsperspektiven wir öffnen können und das neue Jahr 2026 kämpferisch gemeinsam anzugehen. Anschließend erinnerte der Beitrag von Pfarrerin Antje Kruse daran, dassGleichstellung selbst innerhalb der evangelischen Kirche erkämpft werden musste – obwohl ihre Grundlagen bereits in der Reformation angelegt waren. Frauensolidarität, so ihre klare Botschaft, dient allen Menschen. Und in der Vernetzung liege eine enorme gestalterische Kraft.

 

Immer radikal, niemals konsequent 

Ost-Klischees, Sektbowle und philosophisches Gummitwist

Nach diesem inhaltlich dichten Auftakt folgte einer der Höhepunkte des Nachmittags: die szenische, performative Lesung von Peggy Mädler, Annett Gröschner und Wenke Seemann aus ihrem Buch „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“. Mit großer Offenheit, körperlichem Einsatz und vor allem viel Humor nahmen sie das Publikum mit in unterschiedliche Lebensrealitäten von Frauen im Osten. Klischees über die „Ostfrau“ wurden nicht nur benannt, sondern spielerisch gebrochen und zugleich ernsthafte Fragen wie „Können Klischee und Realität nicht manchmal gleichzeitig existieren?“ aufgeworfen.

Das Lachen im Saal war herzlich und häufig – und doch nie oberflächig. Immer wieder schlichen sich Momente des Wiedererkennens ein: Man verglich sich und sein Aufwachsen unwillkürlich selbst, dachte an die Geschichte der eigenen Mutter oder Großmutter, erkannte Prägungen und Sozialisierungsmuster, die bis heute wirken. Die drei Autorinnen verwiesen mit großer Sympathie und der Kunst, über sich selbst lachen zu können, auf die Entstehung, Vergangenheit und Gegenwart struktureller Ungleichheiten – und schufen damit ein unsichtbares Band der Verbindung der Menschen im Saal. Das unterstrich auch die zwischendurch zubereitete und gereichte Sektbowle nach DDR-Rezept, auch wenn eine non-alkoholische Alternative meiner Ansicht nach zu noch mehr Teilhabegerechtigkeit und Wir-Gefühl beigetragen hätte. Doch diese Verknüpfung schon des Buchtitels mit Alkohol, regte mich zum inneren Auseinandersetzen und weiteren Reflektieren an, auch Narrative rund um weiblichen Alkoholkonsum zu hinterfragen. Denn trotz der unumstritten belustigenden und gemeinschaftsstärkenden Wirkung von Alkohol erwähnten auch die Autorinnen, dass er ihnen und ihren Eltern oft trotziger Trost war, die Illusion von Unabhängigkeit und Freiheit mit sich brachte und unterschiedliche Drinks bis heute unterschiedliche Lebensgefühle zu transportieren scheinen. Ich frage mich schon länger, ob diese gesellschaftlichen Zuschreibungen nicht auch im Grunde zutiefst vom Patriarchat geprägt sind, doch für den Nachmittag werde ich schnell wieder mitgerissen von den klugen und philosophischen Gesellschaftsfragen, die auch der zweite Teil der Lesung mit sich bringt. Reflektionen über Herkunft, Besitz, Zugehörigkeit und den Folgen eines Systemwechsels, des sozialen Umbaus, der ohne die Einbeziehung der Menschen vor Ort stattgefunden hatte, für Gleichstellung und Frauenrechte. Angesichts des aktuellen Strukturwandels in der Lausitz wirkte vieles davon mahnend aktuell: Mitgestaltung und gleichberechtigte Beteiligung aller Menschen sind keine Nebensache, sondern zentral für eine gerechte Zukunft. Über Gummitwist und philosophische Gedankenspiele näherten sich die Autorinnen schließlich der Frage, wie Hoffnung zwischen Pessimismus und Realismus immer wieder neu entdeckt werden kann. Ihr Motto – immer Radikal, nie konsequent – schwingt fühlbar immer mit und transportiert den Geist ihrer Gesprächsabende vielleicht gerade deshalb so authentisch und lebensnah.   

 

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Die Stärke liegt im Miteinander

Nach der Lesung verlagerte sich das Geschehen ins Foyer des Theaters. Dort herrschte reger Andrang: Initiativen, Vereine und auch Unternehmen präsentierten sich und ihre Projekte, Arbeitsweisen und Ideen rund um Gleichstellung. Es wurde einmal mehr deutlich, wie stark Frauen die Region bereits prägen und wie brisant das Thema Gleichstellung in allen Bereichen der Lausitz, von Wirtschaft bis Politik, bereits ist und angesichts multipler regionaler Herausforderungen weiter werden wird.

Bis nach 18 Uhr und bis zum restlosen Ausverkauf der mitgebrachten Exemplare wurden Bücher signiert, Kontakte wieder aufgenommen und neu geknüpft, Ideen gesponnen, diskutiert, gelacht, umarmt. Der Spirit dieser Veranstaltung wirkt in mir als nachhaltiger Hoffnungsschimmer in Zeiten, in denen sich gesellschaftliche Rückwärtsbewegungen manchmal bedrohlich anfühlen. Gleichzeitig motiviert und bestärkt mich ein rückblickend kritischer Blick auf das Publikum in der Auffassung, dass die uns alle bereichernden Potentiale von Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit noch stärker in die breite und diverse Gesellschaft getragen werden könnten. Weil es uns alle betrifft, sollten wir uns erlauben, gezielter Menschen außerhalb der gewohnten Bubble anzusprechen und unterschiedliche Lebensrealitäten (z.B. geprägt durch Migration, schwierige Einkommens- und Lebenssituation, etc.) sichtbarer einzubeziehen. Die Rahmenbedingungen der Veranstaltung – kostenfreier Eintritt, Kinderbetreuung und ein Sonntagstermin – boten zumindest beste Voraussetzungen, um den Teilnehmenden-Kreis künftig noch diverser werden zu lassen. Genauso stark empfinde ich auch in den Tagen nach der Veranstaltung, wie bedeutsam es ist, den Blick auf das zu richten, was wir gemeinsam bereits erreicht haben, und auf die Visionen für eine solidarische, vielfältige Lausitz. Eine Region, in der Frauen in ihrer Wirkungskraft beflügelt werden – und die vielleicht eines Tages wieder mehr Menschen anzieht als verliert. Genau dafür braucht es Räume wie diesen: offen, solidarisch, herzlich und verbindend - aus denen neuer Mut und Umsetzungskraft entsteht.

 

Livia Knebel …

... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.

Sind Frauen in der Forschungswelt unterrepräsentiert?

Im folgenden Text möchten wir Euch das Projekt „Genderanteile in ESF-Projekten Hochschule und Forschung“ vorstellen. Der Artikel erschien 2023 im Hochschulmagazin Einblick der Hochschule Zittau/Görlitz.

Viel Spaß beim Lesen!

Zwei Jahre lang forschte die Nachwuchsforschungsgruppe „Genderanteile in ESF-Projekten Hochschule und Forschung“ unter der Leitung von Dr. Jana Pieper von der Fakultät Erziehungswissenschaften an der TU Dresden zu den Gründen, weshalb Frauen in der Forschungswelt unterrepräsentiert sind. Die Ergebnisse wurden Ende des Jahres 2022 in einem Abschlussbericht mit 54 Handlungsempfehlungen dem Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur vorgelegt. In einem Interview mit Bernadette Rohlf, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin im Projekt, haben wir mehr über die Arbeitsgruppe und deren Erkenntnisse erfahren.

Die Nachwuchsforschungsgruppe bestand aus Wissenschaftler*innen der Technischen Universitäten Dresden, Chemnitz und Freiberg sowie der Hochschulen Mittweida und Zittau/Görlitz. Das Team hat in den letzten zwei Jahren die vom Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderten Projekte an sächsischen Hochschulen nach Gleichstellungsaspekten untersucht. Die angestrebte ausgewogene Geschlechterverteilung (Parität) wurde in der letzten Förderperiode des ESF (2014 bis 2020) mit rund zwei Dritteln geförderter Männer gegenüber einem Drittel unterstützter Frauen signifikant verfehlt. Der Auftrag für die Forschungsgruppe bestand aus der Herausarbeitung von Handlungsempfehlungen, welche die angestrebte Parität stärken und verbessern sollten. Bernadette Rohlf betonte, dass die Parität bei der Verteilung von Fähigkeiten und Intelligenz bei Männern und Frauen zwar existiert, aber die Strukturen es nicht erlauben, diese sichtbar zu machen.

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© Michael Kretzschmar

Die Projektleitung seitens der HSZG hatten Prof. Dr. rer. nat. Maja Dshemuchadse und Prof. Dr. phil. habil. Raj Kollmorgen inne. Die Zusammenarbeit zwischen den fünf Hochschulen und den vier unterschiedlichen Fachdisziplinen war bisher einmalig in Sachsen. Die Vielfältigkeit spiegelte sich in der methodischen und inhaltlichen Zusammenarbeit wider. Am 30. November 2022 wurde die Abschlussdokumentation mit 54 Handlungsempfehlungen dem wissenschaftlichen Beirat in Dresden übergeben. Die Empfehlungen richten sich dabei an viele unterschiedliche Akteurinnen und Akteure. Die Ergebnisse sollen die Voraussetzungen für einen höheren Frauenanteil an zukünftige ESF-geförderte Projekte verbessern. Für die nächste Förderperiode von 2023 bis 2025 konnten bereits einige Punkte umgesetzt und damit verbessert werden.

Daraus ergeben sich u. a. folgende Empfehlungen für unsere Hochschule:

  • Die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache in allen Stellenausschreibungen.
  • Sensibilität über alle Hierarchiestufen hinweg, was Gleichstellung bedeutet.
  • Sich selbst reflektieren und schauen, wo mehr Gleichberechtigung erreicht werden kann.
  • Repräsentation von Frauen im Bereich Wissenschaft.
  • In der Lehre Literaturempfehlungen von allen Geschlechtern zur Verfügung stellen.
  • Grundlegende Weiterbildungsangebote zum Thema Gendergerechtigkeit für den akademischen Mittelbau und die übergeordneten Führungsebenen anbieten.
  • Bei Konferenzen zusätzliche finanzielle Mittel bzw. Angebote für die Kinderbetreuung bereitstellen.

Frau Rohlf blickt optimistisch in die Zukunft: „Allein die Tatsache, dass wir dafür entsandt worden sind, um die Gründe für die Genderanteile zu erforschen, ist für mich motivierend“. Die HSZG und ein Teil der anderen Mitglieder arbeiten seit Januar 2023 in einer neuen Nachwuchsforschungsgruppe „FioKo - Frauenförderung durch individuelle und organisationale Kompetenzen in Bildung und Beruf (MINT)“ für zwei Jahre weiter.

Und weiter geht‘s!

FioKo ist eine ESF-geförderte Nachwuchsforschungsgruppe, die sich mit Frauenförderung in Bildung und Beruf beschäftigt, insbesondere im MINT-Bereich. Das Projekt läuft von Januar 2023 bis Dezember 2024. Ziel ist es, das Potenzial von Frauen in MINT-Berufen zu erweitern und somit zum Fachkräftenachwuchs in Sachsen beizutragen. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt wird von mehreren sächsischen Hochschulen durchgeführt (TU Dresden, TU Bergakademie Freiberg, Hochschule Mittweida und Hochschule Zittau/Görlitz) und konzentriert sich auf die systemische Analyse von Frauenförderung mit Hilfe der Soft Systems Methodology. Dabei werden wirksame Handlungspunkte in Organisationen identifiziert und entsprechende Maßnahmen abgeleitet. Zudem wird der gesellschaftliche Kontext der Geschlechterunterschiede in Sachsen untersucht, indem das Hochschulsystem und andere relevante Systeme wie Unternehmen und regionale Netzwerke einbezogen werden.

 

Buchtipp: „Die schönste Version“ von Ruth-Maria Thomas

Ein Beitrag von Livia Knebel

Viel wurde bereits geschrieben über den 2024 erschienenen Debut-Roman der Schriftstellerin Ruth-Maria Thomas, die 1993 in Cottbus geboren und aufgewachsen ist. Mittlerweile läuft eine nahezu dauerhaft ausverkaufte Inszenierung nach ihrer Romanvorlage am Staatstheater Cottbus. Doch nicht nur deshalb wollen wir bei F wie Kraft noch mal ein besonderes Augenmerk auf dieses Werk legen. Sondern auch, weil es Aspekte des Aufwachsens in der Lausitz, patriarchale Dynamiken und die Komplexität von gewaltvollen, toxischen Beziehungen vereint und intensiv darlegt wie kein Zweites.

Die Geschichte spielt in einer fiktiven ostdeutschen Kleinstadt in der Lausitz während der späten 2000er/frühen 2010er Jahre. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Jella beschreibt ihr Erwachsenwerden als Frau, vordergründig aber erzählt sie von ihrer ersten Liebesbeziehung zu Yannick. Gleich zu Beginn wird eindrücklich klar, dass diese gewaltvoll war, denn das Buch beginnt mit dem Entschluss von Jella, ihren Freund anzuzeigen. Der Polizeibesuch am Anfang der Geschichte markiert nicht nur das Ende der Beziehung, sondern auch den Beginn eines schmerzlichen Erkenntnis-Prozesses. Im weiteren Verlauf wird nahezu spürbar, wie sehr ihr soziales Umfeld, ihre Sehnsucht und das Fehlen von Aufklärung und alternativen Vorbildern Jella in diese Situation gebracht haben.

Von diesem Punkt ausgehend entfaltet sich die Story als Rückblick auf ihre Jugend in einer Gegend, die geprägt ist von Kiesgruben, weggebaggerten und noch bestehenden kleinen Dörfern, Plattenbauten, Gartenlauben und einer gewissen Perspektivlosigkeit. Jenseits eines klassischen Elternhauses - Jellas Eltern leben getrennt, ihre Mutter ist dem glamourös scheinenden Westen zugetan und ihr Vater, bei dem Jella lebt, wird als emotional und geistig oft abwesend beschrieben - zwischen Lipgloss, Kaugummi, Alkohol und derber Musik aus Lautsprechern machen Jella und ihre Freundinnen erste Erfahrungen mit Männern. Beeinflusst von der Popkultur und dem Zeitgeist der 2000er bis 2010er Jahre bemerken sie schnell, wie die Aufmerksamkeit männlicher Blicke zu ihrer sozialen Währung wird — und beginnen, sich selbst als Objekt zu begreifen. Ihre Kleidung, ihr Make-up, ihre Körper als auch ihre Verhaltensweisen funktionalisieren sie unbewusst spielerisch zu Mitteln um, um Anerkennung, Nähe und Liebe zu bekommen. Die Lausitz ist dabei kein bloßer Hintergrund, sondern wirkt mit: In der strukturschwachen Region eint die jungen Menschen im Buch die Suche nach Zugehörigkeit und Aufbruch. Es gibt keine Diversität weiblicher Vorbilder, keine feministische Sprache, kein öffentliches Hinterfragen von Rollenmustern, kein vielfältiges kulturelles Angebot, wenig individuelle Entfaltungsmöglichkeiten – und damit kaum alternative Räume, in denen Jella anders gesehen und wirken könnte als durch männliche Resonanz. Zudem ist ihr Weg geprägt von mangelndem Wissen über gesunde Partnerschaft, Sexualität, Grenzen und Selbstschutz. Über Gewalt in Beziehungen spricht ebenfalls niemand — und wenn doch, nur hinter vorgehaltener Hand. Aus dieser Enge heraus formen sich Jellas Erwartungen und Träume zu einem Nährboden für die sich entwickelnde toxische Beziehung zu Yannick, die in brutaler Gewalt mündet.

Der ältere Yannick ist zunächst charmant und liebevoll, er scheint „anders als die Anderen“ zu sein. Anfangs wirkt die Beziehung zwischen Jella und Yannick wie ein klassisches Coming-of-Age-Liebesdrama: Sommer am See, junge Liebe und Hoffnung auf ein gemeinsames Erwachsenwerden. Doch es häufen sich Auseinandersetzungen. Kontrolle, Schuldumkehr, Manipulation und Gewalt schleichen sich ein. Die Dynamik zwischen Nähe und Verletzung, zwischen Verlangen und Angst, zwischen Liebe und Unterdrückung wird spürbar und beklemmend. Aus der Hoffnung heraus, die Zuneigung, körperliche Nähe und den Zukunftstraum dieser Beziehung nicht zu verlieren, hält Jella an der Beziehung fest. Bis Yannick sie so schlägt und würgt, dass sie mit dem Tod ringt. Erst durch diese existenzielle Erfahrung gelingt ihr die Anzeige und Trennung. Begleitet von Schuldgefühlen und Sehnsucht, aber auch solidarischen Freundinnen und Frauen in ihrem Umfeld.

Was das Buch wunderbar erzählt: Das Problem liegt nicht nur im Individuum Yannick, sondern in einem ganzen System von patriarchalen, misogynen Strukturen und daraus entstehenden, verinnerlichten Selbstbildern. Die direkte Sprache der Autorin beschreibt die Ambivalenz aus Angst und Hoffnung der jungen Jella so nachvollziehbar und eindringlich, dass der Roman noch lange in Erinnerung bleibt. „Die schönste Version“ holt Erinnerungen an das eigene Erwachsenwerden hoch und wirft Fragen aktueller Generationen auf:  Wie sieht die Lebenswirklichkeit und das Aufwachsen heute aus – und warum ist die Lausitz nicht DIE abgehängte Provinz, sondern Teil gesellschaftlicher Gefüge und struktureller Dynamiken, die andernorts auch wirksam sind? Wie beeinflussen Herkunft, soziales Umfeld, Machtverhältnisse und Vorbilder das Denken und Fühlen junger Frauen? Inwiefern ermöglichen und bedingen gesellschaftliche Strukturen toxische Beziehungen? Und nicht zuletzt: Kann die Befreiung aus patriarchalen Mustern nicht allen Menschen zu gesünderen und liebevolleren Beziehungen und Lebensentwürfen verhelfen? Und: Wie gelingt diese Befreiung?

Ein absolutes must-read für Frauen, Mütter und vor allem Töchter aber unbedingt auch für Männer, die mehr über die Macht von fremden und eigenen Rollenbildern und Mustern erfahren wollen.

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Ruth-Maria Thomas: „Die schönste Version“ – Eine radikal ehrliche Anklage an toxische Beziehungen und das System, das sie ermöglicht

Rowohlt Taschenbuch, Oktober 2024, 272 Seiten, ISBN: 9783499014383

 

Livia Knebel …

... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.

 

Ich bin Ostdeutsche – Im Spannungsfeld der Identität(en)

Ein Beitrag von Linda Leibhold

Ich habe unzählige Erinnerungen daran, wie ich als Kind mit meinen Eltern am Küchentisch sitze, sie sich über irgendetwas unterhalten und dann immer wieder Sätze fallen, wie: »früher war das einfach besser geregelt« oder »damals hätte es sowas nicht gegeben«. Früher und damals – damit meinten sie eigentlich immer die DDR. Ich bin erst knapp zehn Jahre nach der Wende geboren und habe entsprechend all diese Erfahrungen nicht selbst gemacht, sondern sozusagen anekdotisch vererbt bekommen. Es war offensichtlich, dass ‚Ostdeutsch-Sein‘ für meine Eltern einen großen Teil ihrer Identität bedeutet(e). Wenn sie von ihrem Leben in der DDR sprachen, dann waren es eigentlich immer die gleichen Erzählungen: von der besseren Kinderbetreuung, dem Lehrerberuf als Ausbildung statt Studium, der selbstverständlicheren Emanzipation der Frau nicht aus Gründen des Feminismus sondern Pragmatismus, dem unbeschreiblichen Gefühl als der erste Trabi auf dem Hof stand und wie man ja »nichts hatte und trotzdem das Beste draus gemacht hat«. Dass die DDR auch ein autoritärer Staat war, der programmatisch politische Gegner*innen verfolgte, Freiheiten der Bürger*innen enorm beschnitt und sich in vielen Bereichen sehr weit entfernte von der ursprünglichen sozialistischen Idee der Gerechtigkeit – all das lernte ich erst bedeutend später in der Schule.

Bis zu meinem Abitur hatte das ganze Thema dennoch so gut wie keine direkte Bedeutung für mein Leben. Klar, für die Generation vor mir war es enorm prägend, aber mit mir – mit mir hatte das alles nichts zu tun. Dachte ich zumindest, bis ich für mein Studium ‚rüber‘ nach Baden-Württemberg zog. Von meinen knapp einhundert Kommiliton*innen war ich die einzige aus Ostdeutschland und bekam dies sozusagen von außen als Stempel aufgedrückt. Ich war irritiert, wie wenig sie wussten über die DDR damals und die neuen Bundesländer heute. Neben Aussagen, dass der gesamte Osten ein Nazi- Problem hätte und wie cool Leipzig sei, war da einfach nicht viel vorhanden. Mir wurde klar: Während die ‚Ossis‘ sich gefühlt ständig an den ‚Wessis‘ rieben, dachten diese eigentlich so gut wie gar nicht über den Osten nach. Wie bei allen Diskriminierungsformen gilt: Ignoranz ist ein Privileg, das man sich nur dann leisten kann, wenn es einen nicht betrifft.

Raus aus der Türdirekt ins Biosphärenreservat fallen

Raus aus der Tür - direkt ins Biosphärenreservat

Durch diese Erfahrung angeregt setzte ich mich im Rahmen meines Master-Studiums – für das es mich tatsächlich ins ‚coole‘ Leipzig zog – viel damit auseinander, wie die jetzigen Umbrüche durch den Strukturwandel mit ostdeutschen Identitäten zusammenhängen. Immer wieder ging es um Themen wie historisch gewachsene und anhaltende strukturelle Ungerechtigkeiten, Transformationsmüdigkeit, Abgehängt-Sein, Wende-Trauma durch Treuhand und Massenarbeitslosigkeit, Misstrauen in Parteien und Staatsapparat. Und ich verstand: viele Menschen in Ostdeutschland können über den sogenannten Strukturwandel nur Lachen, weil im Grunde ihr ganzes Leben eine Aneinanderreihung aus Strukturwandeln ist. Tja und währenddessen wurde die AfD immer größer und fand mit ihren rechts-populistischen Narrativen besonders großen Nährboden in den ländlichen Raumen der neuen Bundesländer. Und die meisten meiner Mitstudierenden und scheinbar der ganze Rest Deutschlands waren sich plötzlich einig: Mit solchen Leuten reden wir nicht. Und ich? Mir war das alles weniger klar. In den letzten Jahren hatte sich in mir eine neue Identität zu basteln begonnen, die sich stark von meinen Ursprüngen unterschied: ich lebte stets in größeren Städten, war als einzige aus meiner Familie studieren gegangen, politisch links aktiv, bemühte mich um inklusive Sprache und setzte mich für sozial-ökologische Gerechtigkeit ein. Und doch gab und gibt es natürlich einen Teil von mir, der sich den sächsischen ländlichen Räumen enorm zugehörig fühlte. Der sich dafür interessierte, welche Emotionen hinter den menschenfeindlichen Wahlentscheidungen lagen und wie es dieser gefährlichen Partei wie keiner sonst gelang, diese Emotionen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Ich konnte nachvollziehen, dass man den Politiker*innen der AfD keine Bühne bieten wollte und sollte. Ich fand es jedoch bereits aus rein pragmatischen Gesichtspunkten unklug, alle Wähler*innen dieser Partei als Nazis abzustempeln. Das hieß und heißt für mich zu keinem Zeitpunkt, sie in irgendeiner Form aus der Verantwortung nehmen zu wollen. Doch ich erlebte hautnah und – leider im engen Familienumkreis – wie diese kategorische Abwertung von der AfD einfach als Brandbeschleuniger benutzt wurde, denn Hass und die Abspaltung nur noch mehr zu verstärken. Und das bereitete mit große Sorgen, immer öfter auch Angst.

Winter

Winter

Mein Eindruck ist, dass in den letzten zwei bis drei Jahren verschiedenste Debatten um Ostdeutschland nochmal stärker in den gesellschaftlichen Fokus getreten sind. Im aktuell zunehmend aufgeheiztem Debattenraum wird dieses Thema an vielen Stellen sehr emotional und festgefahren verhandelt. Gespickt mit Zuschreibungen und Vorurteilen und häufig bewertet durch die Brille des Westens. Dirk Oschmann hat in seinem Bestseller »Der Osten – eine westdeutsche Erfindung« auf öffentlichkeitswirksame Weise auf viele der strukturellen und diskursiven Missstände aufmerksam gemacht, die auch noch heute – 35 Jahre nach der Wende – Gültigkeit haben. Und auch ich habe eine neue Facette meiner ostdeutschen Identität entdeckt, als ich diesen Herbst in ein kleines Dorf Nahe Hoyerswerda gezogen bin: Wut. Als ich von meinem Umzug in die Lausitz berichtete, fielen die Reaktionen zu knapp einhundert Prozent in etwa so aus: »Echt, aufs sächsische Dorf, zu den ganzen Nazis?! Krass, könnte ich nicht!«. Und obwohl ich ja selbst den nicht von der Hand zu weisenden Rechtsruck auf schärfste kritisiere, wurde ich bei solchen Gesprächen plötzlich defensiv und sauer. Ich empfand die zugrundeliegende Haltung irgendwie als arrogant. Als könne man das Problem von steigendem Rechts-Populismus lösen, indem man die ländlichen Regionen Ostdeutschlands künftig einfach großräumiger umfährt. In solchen Gesprächen habe ich plötzlich angefangen, den Osten zu verteidigen und vor Pauschalisierungen zu warnen (denen ich natürlich genau dann selbst auf den Leim gehe, wenn ich eine so große Gruppe von Menschen mit unterschiedlichsten Positionen zusammenfasse als ‚den Osten‘). Meine starke emotionale Reaktion auf das Thema hat mich erstaunt. Und mir bewusst gemacht, dass eine bestimmte Facette meiner Identität scheinbar immer dann besonders zum Tragen kommt, wenn ich mit jemandem konfrontiert bin, der diese überhaupt nicht teilt. So fühle ich mich immer dann am meisten als Ostdeutsche, wenn ich mit Westdeutschen spreche. Am meisten als Dorfkind in Unterhaltungen mit Vollblut- Städter*innen. Am meisten als politisch links in Gesprächen mit ‚Andersdenkenden‘. Dieses schwarz-weiß-Denken in gewissen Schubladen ist schlichtweg ein menschlicher Automatismus. Aber eben jener Automatismus führt dazu, dass eben stets vor allem das betont wird, was uns voneinander trennt und man versucht ist, ständig irgendwas voreinander verteidigen zu wollen. Wie anstrengend. Stattdessen möchte ich mehr den Fokus darauf legen, was mich mit anderen verbindet – auch wenn dies natürlich wieder mal wieder an der Realität scheitert.

zum Einzug haben wir unsere neuen NachbarInnen zum Pizzaessen eingeladen

Zum Einzug haben wir unsere neuen NachbarInnen zum Pizzaessen eingeladen.

Jetzt wo ich hier bin (und im Übrigen sehr glücklich mit dieser Entscheidung) spüre ich in den Gesprächen mit meiner neuen Dorfgemeinschaft immer wieder beides: Zugehörigkeit und Abgrenzung. Einhergehend mit der Erkenntnis: all das ist überhaupt nicht so widersprüchlich, wie es sich vielleicht manchmal anfühlt. In mir existieren unzählige verschiedene – hin und wieder auch scheinbar gegensätzliche – Anteile nebeneinander. Je nach Kontext kommen unterschiedliche Facetten mal mehr mal weniger zum Tragen. Es gibt nicht ‚die eine Identität‘, die ein Mensch hat. All das ist viel weniger in Stein gemeißelt - eine riesige Mischung aus verschiedenen Einflüssen und Erfahrungen, die sich im Laufe der Zeit immer wieder neu zusammensetzen. Ostdeutsche zu sein ist also ein Teil von mir, neben so vielen anderen Teilen auch. Mal spielt es eine große Rolle, mal überhaupt keine. Naja, und was ist Ostdeutsch-Sein jetzt gerade für mich? Für mich sind es Lebensbiographien, Frust und Einfallsreichtum. Es sind der Tischtennis-Verein in unserer einzigen Dorfkneipe oder die Erzählungen meiner Nachbar*innen vom Schuften im Tagebau. Es sind ausgelassene Dorffeste mit zu viel Bier und noch mehr schlechter Musik. Es sind Heimatverbundenheit, Dialekt und Stolz. Wegzug und Zurückkommen. Es ist Opferrolle und Emanzipation. Es ist das Umrechnen von Preisen in D-Mark. Es sind witzige, traurige, zufriedene und melancholische Anekdoten aus längst vergangen Zeiten. Es ist Angst, Wut und Hoffnung. Es sind Knusperflocken und Vita Cola. Es sind rechte Strukturen und zivilgesellschaftliches Engagement. Es ist Humor. Es sind restaurierte Höfe, graue Platten und neue SUVs. Es ist Meckern im Großen und Machen im Kleinen. Manchmal auch umgekehrt. Es ist Abgrenzung und Verbundenheit. Es ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und noch unendlich viel mehr. Was ist es für euch?

 

ÜBER MICH:

Ich heiße Linda und bin ganz frisch mit meiner Freundin in die schöne Oberlausitz gezogen. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf Nahe Meißen, habe später Umweltnaturwissenschaften und Geographie studiert und arbeite jetzt als Gewässerberaterin im Landkreis Bautzen.

Foto von mir

„Früher haben wir gefragt ob wir mitmachen dürfen – jetzt machen wir es einfach selbst!“

Franzi Stölzel resümiert ihre Erlebnisse auf der 2. StrukturWANDELkonferenz am 2. Oktober 2024 in Weißwasser 

Am 2. Oktober stehe ich morgens um halb 10 vor der Hafenstube Telux. Draußen ist es ruhig, drinnen höre ich schon – es wird gewerkelt. Die Tage davor hat mich bereits ein Spirit für dieses Event begleitet. Was ich nicht wusste, am Ende dieses Tages wird sich dieser Spirit verdoppeln, in einen Teil der Dankbarkeit und einen Teil des Kampfes.

Insgesamt folgten ca. 130 Gäste der Einladung des Bündnisses der Gleichstellungsbeauftragten der Lausitz, nach Weißwasser in die Hafenstube zu kommen, um gemeinsam über die Dringlichkeit der Diversität und Gleichstellung während des Strukturwandels zu sprechen. Darüber hinaus diente der Tag der Vernetzung und immer schwieriger werdenden Arbeit im Zuge politischer Radikalisierung und erstarkender rechtsextremer Kräfte in unseren Parlamenten wie Stadträten, Kreis- und Landtagen. Auf der einen Seite war es dem Bündnis wichtig zu zeigen, was Gleichstellung für uns bedeuten würde, nämlich, dass sich dieser Strukturwandelprozess unterschiedlich auf Geschlechter auswirkt und daher auch unterschiedliche Organisationsstufen haben sollte. Aber auch, wie schwer es ist, dafür Gehör zu finden und wie wichtig die Sichtweisen der Frauen für eine wirtschaftsstarke, sozial gerechte und nachhaltige Lausitz sind.

Der Tag begann mittags mit einem lockeren Einstieg. Das Buffet lag auf dem Weg zwischen Anmeldung und Konferenzsaal. Alle Teilnehmenden konnten die Veranstaltung so mit einem Schwätzchen und sehr gutem Essen beginnen. Mit musikalischer Untermalung der Band von Lisa Temesvari-Alamer vom Bündnis Gleichstellung Lausitz, konnte man sich in die Tagung eingrooven. Als neues Element für fast alle Teilnehmenden begann der arbeitsreiche Teil mit einem Council.

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Dabei sitzen alle Teilnehmenden in einer Art Kreis. Es fällt einem leicht, die anderen anzuschauen, während sie sprechen und debattieren. Das Council bestand aus drei Themenblöcken:

1. Die Zahlen und Fakten von Frauen in der Lausitz. Viele von uns wissen, welchen Problemen und Barrieren wir uns zu stellen haben – die Verschriftlichung dieser, sollte jedoch auch andere „nicht Betroffene“ davon überzeugen, Gleichstellung allgemein, aber vor allem im Strukturwandel auf die Prioritätenliste zu setzen.

2. Die Gleichstellungsbeauftragten erzählten von ihrer Arbeit und der Notwendigkeit, sich zusammen zu schließen. Was mich begeistert hat war die folgende Aussage: „Früher haben wir gefragt ob wir mitmachen dürfen – jetzt machen wir es einfach selbst!“. Hier bemerke ich zum ersten Mal: Wo sind eigentlich die ganzen Entscheider der Lausitz? An wen adressieren wir diese Notwendigkeit?

3. Die Studie des BBSR: [Link folgt - Eine Vorabversion als PDF kann formlos bestellt werden bei Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.]

Das Schöne am Council war, dass viele Personen zu Wort gekommen sind. Auch wenn es in diesem Moment keinen Austausch geben konnte, da alle nacheinander gesprochen haben, legte es den Grundstein für Diskussion und Austausch in den Pausen und folgenden Panels. Außerdem wurde gleich ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt, es wurde schnell klar: Wir sitzen hier alle im selben Boot und wir alle sind dafür verantwortlich, was wir zulassen und weitertragen!

Nach einer Pause und einem ersten tieferen Austausch unter den Teilnehmenden wurde auch von dem/der Ein:en oder Anderen nochmal das Panel gewechselt. Es standen insgesamt 8 Themen zur Auswahl:

  • Panel 1: Gleichstellung: Alltagsrelevant und unverzichtbar - Erfolgreicher Strukturwandel geht nicht ohne! Was hat Gleichstellung eigentlich mit mir zu tun? Die Bundesstiftung Gleichstellung spiegelte mit den Teilnehmenden die Möglichkeiten und Ideen des eigenen Handelns auf das Thema und gab Einblicke, wie ein geschlechtergerechter Umgang für alle möglich werden kann.
  • Panel 2: Mehr als nur ein Arbeitsplatz! Wie funktioniert Gleichstellung ganz praktisch in einem Unternehmen? Die Hochschule Zittau/Görlitz mit dem Projekt Life & Technology sowie die Projektleitung des Deutschen Zentrums für Astrophysik gaben klare Beispiele wie Gleichstellung im Arbeitskontext funktioniert und warum das für eine moderne Arbeitswelt und wirtschaftliche Funktionalität vorteilhaft ist.
  • Panel 3: Europa als Motor! Wie kommen wir in die europäische Vernetzung? Via Zoom-Call mit der Heinrich Böll Stiftung Warschau wurden Initiativen und deren Erfolge der letzten Jahre vorgetragen.
  • Panel 4: Wissenschaft meets Praxis im geschlechtergerechten Strukturwandel – Wie hilft Wissen wirklich weiter? Die bereits erwähnte Studie des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung enthält Daten, die zeigen in welcher Notwendigkeit sich die Lausitz befindet, endlich nachhaltig Gleichstellung zu betreiben.Viele Verwaltungen nutzen solche Studien, um Projekte vorzubereiten, in Politik und Öffentlichkeit kommen diese Informationen zu selten an.
  • Panel 5: Frauen sind strukturrelevant – und weiche Standortfaktoren auch! Das Projekt des DGB in den Strukturwandelregionen namens „Revierwende“ ist meiner persönlichen Meinung nach ein Vorzeigeprozess, da es erstens, alle Kohleaussteig-betroffenen Regionen in Deutschland gleichzeitig begutachtet, zweitens, den direkten Draht in die Arbeitnehmer:innenschaft der Energiekonzerne nutzt und drittens, ein Hauptaugenmerk das Thema Gleichstellung ist. Durch die ganzheitliche Betrachtung konntnen die Projektmitarbeiter:innen einen tiefen Einblick in die Arbeit und das Leben der direkt Betroffenen geben sowie eine Lanze für die Leistung von Frauen brechen.
  • Panel 6: Weichenstellung für eine geschlechtergerechte Gestaltung des Strukturwandels - Impulse für den Transformationsprozess in der Lausitz Das SMJusDEG – Sächsisches Ministerium für Justiz, Demokratie, Europa und Gleichstellung unterstützt einige Projekte in der Lausitz und darüber hinaus, die sich mit sozialer und kultureller Arbeit vor allem für Mädchen und Frauen in Transformationsregionen beschäftigen. In dem Panel berichteten sie von den Möglichkeiten aber auch Hindernissen dieser Arbeit und wie wir diese Hindernisse überwinden können, z.B. indem man junge Menschen direkt beteiligt und so auch demokratische Prozesse in ihnen nachhaltig stärkt.
  • Panel 7: Gleichstellung ist auch ein Generationsthema! Was machen wir mit den Generationskonflikten in der Lausitz? Ich habe es leider nicht geschafft, dort vorbeizuschauen. Mir wurde aber berichtet, dass kontrovers, aber wohlwollend darüber diskutiert wurde, „was Frauen brauchen“, um gleichberechtigt zu sein. Weiter so!
  • Panel 8: FEEL FREE!! Mitgebrachte Themen der Teilnehmenden An diesem Tisch konnte ich meine erste Sicht auf den Tag darlegen. Überraschung: Ich war damit nicht allein. Ich war dankbar und stolz, dass wir eine großartige Veranstaltung haben, bei der so viele Menschen zusammengekommen sind. Gleichzeitig hat es mich wütend gemacht, dass so viele Männer, die beteuern, wie wichtig unsere Arbeit ist, nicht anwesend waren. Das hat mich enttäuscht. Wir fragten uns also: Wie werden wir mehr Menschen zeigen können, dass solche Veranstaltungen auch für sie einen Mehrwert haben, sodass auch sie unbedingt dabei sein wollen? Und fasst das alles nicht grundsätzlich das zusammen, womit wir jeden Tag strugglen?

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Nach der Kaffee-Pause wurden die Ergebnisse der Panels vor allen kurz vorgestellt und die Ergebnisse präsentiert – „Eine ziemlich lange Liste an Themen, die wir noch zu bearbeiten haben. Aber auch ein Neubeginn, diese Themen auf den Tisch gebracht zu haben“, dachte ich.

Der krönende Abschluss? Eine Runde mit den Radikalen Töchtern – Mutmacher:innen die in der Lausitz Workshops anbieten, in denen diese Ohnmacht, die ich so oft fühle, in Mut und Tatendrang übersetzt wird. Das war zum Schluss genau das Richtige, um mit einem guten Gefühl aus der Veranstaltung zu gehen. Aufgestellt in zwei Kreisen, sodass die Teilnehmenden des inneren Kreises mit einer Person aus dem äußeren Kreis sprechen konnten, wurden Fragen gestellt, die wir uns gegenseitig beantworten mussten: z.B.

  • Welche Ideen geben dir Kraft?
  • Nenne mir drei wichtige Dinge über deine Heimat!
  • Wie merkst du, dass du wütend bist?

Das zeigte Unterschiede und Gegensätze auf, machte aber klar, wie wichtig und schön es ist, dass wir trotzdem und gerade deshalb alle gemeinsam diesen Tag miteinander verbringen. Das war ehrliches Commitment von allen Seiten. Das war auch die Kraft, die ich brauchte, um trotz all der Zweifel positiv aus dem offiziellen Teil dieser Veranstaltung zu gehen.

Für mich war nach diesem Tag klar, dass wir schon viel über das Thema Gleichstellung wissen. Daher sind auch viele nach Weißwasser gekommen und haben sich diesem Thema angenommen, für sich persönlich, für die Arbeit, die sie leisten und für die Veränderung, die sie hervorbringen wollen. Trotzdem brauchen wir viel mehr Aufmerksamkeit, vor allem auch in den Entscheider:innengremien und den umsetzenden Positionen. Dabei schließe ich Männer nicht von vornherein aus und Frauen nicht automatisch ein. Und dafür brauchen wir eben auch Verständnis und Support von Allen: Wir müssen zusammenarbeiten, kommunizieren und aushalten sowie Kompromisse eingehen.

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Und damit zurück zum Anfang. Es gibt für mich sehr viele Vorbilder an Frauen und Männern, die sich in ihrer Arbeit und oft darüber hinaus für Gleichstellung, Diversität und Inklusion einsetzen. Das hat mich inspiriert und wieder enorm begeistert und beflügelt. Es ist mir wieder bewusst geworden, wie viel wir schon geschafft haben und welche Kräfte wir entwickeln können, wenn wir zusammenarbeiten. Umso mehr ist mir wieder bewusst geworden, wie viel Arbeitvor uns liegt. Es sind genau diese Strukturen, welche an dieser Konferenz (noch) nicht beteiligt waren, die es aufzubrechen gilt.

Der zweite Teil des Spirits ist daher für mich die Arbeit, in der ich denen, die es nicht mehr hören können, ein weiteres Mal sagen werde, was sie nicht hören wollen. Ich werde mich unbeliebt machen müssen. Ich werde auf rhetorische Fragen plausible Antworten geben. Ich werde meine Freund:innen aufbauen und sie werden mich aufbauen müssen, weil mal wieder das Gefühl der Ohnmacht überwiegt. Aber wir werden auch Tage haben, wie den 2. Oktober 2024, an dem wir gemeinsam auf Initiative von einigen Wenigen etwas Wunderbares geschafft haben. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Franziska Stölzel...

... ist Wissenschaftlerin für Wandel- und Transformationsprozesse. Obwohl es sie nach ihrem Studium zunächst nach Südamerika gezogen hat, war für sie immer klar, dass sie zurück in die Lausitz möchte. Aktuell lebt sie in Weißwasser. Sie ist in verschiedensten Projekten aktiv und unterstützt die Initiative F wie Kraft seit vielen Jahren.

Die Fotos...

... wurden von Henriette Braun aufgenommen.

Die ausführliche Dokumentation der Konferenz...

... die von zahlreichen engagierten Kooperationspartner*innen in gemeinschaftlicher Arbeit organisiert wurde, ist in unserer Rubrik "Forschung" zu finden.

Strukturwandel braucht Care-Arbeit!

Ergebnisse von Interviews mit Frauen aus dem „F wie Kraft“-Netzwerk

Ein Beitrag von Paula Walk, Johannes Probst, Marius Koepchen und Nora Stognief 

Im Jahr 2022 haben wir zahlreiche Interviews und Hintergrundgespräche mit Frauen in der Lausitz geführt und spannende Menschen und Perspektiven in der Lausitz kennenlernen dürfen. Wir interessieren uns als Forschende für die Rolle von Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel. Bald stießen wir auf das Netzwerk F wie Kraft, welches uns durch die Vernetzungsarbeit eine große Hilfe war und somit Teil unserer Forschung wurde. Wir haben lokales Wissen zusammengetragen, unterschiedliche Perspektiven gesammelt und vor dem Hintergrund anderer wissenschaftlicher Arbeit aufgeschrieben. Uns ist es ein Anliegen, dieses Wissen sichtbar zu machen und nicht nach kurzem Forschungsaufenthalt wieder zu verschwinden. Daher folgt hier nun ein Einblick in unsere Ergebnisse, die kürzlich in einem englischsprachigen Fachartikel erschienen sind. Wir danken allen beteiligten Interviewpartner*innen und Netzwerker*innen, die dieses international einzigartige Netzwerk ermöglichen und am Leben erhalten. Wie wir im Folgenden beschreiben, ist gerade diese Arbeit von sehr großer Bedeutung für einen gelingenden Wandel. Unsere Ergebnisse sind das Resultat aus der Analyse von politischen Dokumenten und 16 Interviews mit Personen, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Strukturwandel der Lausitz und der Rolle von Frauen darin befassen und/oder im Care-Sektor arbeiten. 

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Im Laufe der Interviews wurde deutlich, dass soziale Infrastruktur eine zentrale Säule für einen erfolgreichen Strukturwandel ist. In der Strukturwandeldebatte findet sie jedoch bislang zu wenig Aufmerksamkeit. Bei Infrastruktur denken viele zunächst an physische Infrastruktur, wie Gebäude und Straßen, was jedoch zu kurz greift. Das Wort „Infrastruktur“ ist von der lateinischen Vorsilbe infra ("unter") abgeleitet und kann wörtlich als „unterliegende Struktur“ übersetzt werden, die das soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Leben ermöglicht. Dazu gehört also auch soziale Infrastruktur: das Netzwerk von Räumen, Institutionen und Gruppen, die soziale Verbindungen schaffen und somit das soziale Leben überhaupt möglich machen. Im Zuge der Interviews hat sich immer mehr herausgestellt, dass es beständiger Sorgearbeit bedarf, um diese soziale Infrastruktur dauerhaft aufrecht zu erhalten. Sorgearbeit für die soziale Gemeinschaft ist für den Strukturwandel essenziell, erhält in diesem jedoch noch nicht die entsprechende Priorität. Sorgearbeit wird immer noch vor allem von Frauen ausgeführt, zu wenig gesellschaftlich anerkannt und kaum oder gar nicht entlohnt. Auf Basis der Interviews haben wir für den Strukturwandel in der Lausitz besonders relevante Arten von Sorgearbeit herausgearbeitet, derer es bedarf, um soziale Infrastrukturen zu schaffen: Sorgearbeit für die sozialen und ökologischen Folgen der Kohleproduktion, Sorgearbeit für den sozialen Zusammenhalt, Sorgearbeit als Teil der Daseinsfürsorge und Sorgearbeit innerhalb demokratischer Strukturen. Im Folgenden gehen wir genauer auf diese Arten von Sorgearbeit ein. 

Der Kohlebergbau in der Lausitz hat sowohl tiefe Wunden im sozialen Gefüge als auch ökologische Wunden in der Landschaft hinterlassen. 137 Dörfer wurden für den Kohleabbau in der Lausitz ganz oder teilweise zerstört. Tausende Menschen mussten umgesiedelt werden.[1] Menschen haben ihre Heimat verloren und die sorbisch/wendische Kultur und Sprache haben darunter massiv gelitten. Gleichzeitig gibt es schon seit Jahrzehnten Konflikte in der Bevölkerung darüber, ob diese Abbaggerung für die Kohleverstromung nötig ist. Diese Konfliktlinie zog und zieht sich immer noch durch viele Familien und Gemeinschaften. Auch mit den ökologischen Folgen (z.B. einem geschädigten Wasserhaushalt) wird die Lausitz noch über viele Jahrzehnte leben müssen. Gleichzeitig hat die Bergbaukultur zum sozialen Zusammenhalt, zum Wohlstand und zur Identität der Region beigetragen. Einige unserer Interviewpartner*innen betonen, dass es wünschenswert wäre, diese Bergbaukultur zu erhalten, auch wenn der Bergbau Geschichte ist. Sowohl um die Konflikte aus der Vergangenheit zu bearbeiten als auch um die Bergbaukultur in eine post-fossile Ära zu überführen, bedarf es der Sorgearbeit für das „Miteinander“. Gleichzeitig braucht auch die Landschaft weiter andauernde, dauerhafte Sorgearbeit, um den ökologischen Schäden zu begegnen. So wird beispielsweise im entstehenden Restsee am Tagebau Nochten nach Angaben der LEAG noch bis nach dem Jahr 2150 eine chemische Nachsorge des Wassers nötig sein.[2]

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Eng damit verbunden ist die Sorgearbeit für den sozialen Zusammenhalt. Der soziale Zusammenhalt ist nicht nur durch die konfliktträchtige Geschichte um den Kohleausstieg belastet, sondern auch beispielsweise durch die hohen Zustimmungswerte für rechtspopulistische Parteien und damit einhergehende Polarisierung. Außerdem sind viele kleinere Gemeinden von Abwanderung betroffen. Diese zeigt sich oft konkret in der Schließung von Treffpunkten wie Dorfläden, die für die Dorfgemeinschaft essenziell sind. Des Weiteren ist es für kleinere Gemeinden mit wenigen Mitarbeiter*innen in der Verwaltung schwieriger, Strukturwandelgelder zu beantragen und Projekte durchzuführen. Unsere Interviewpartner*innen betonten, wie wichtig es ist, dass es Orte gibt, an denen sich Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und unterschiedlicher politischer Gesinnung treffen und austauschen können. Dafür wird nicht nur ein geeigneter Ort benötigt (wie z.B. ein Gemeindehaus), sondern auch Menschen, die dort mit ihrer Sorgearbeit Gemeinschaft und Geselligkeit herstellen. Es gibt viele solcher tollen, gemeinschaftsstiftenden Aktivitäten in der Lausitz. Häufig werden sie von Frauen getragen, die dies ehrenamtlich stemmen. Auch das Netzwerk F wie Kraft erleben viele der Frauen als Ort, wo viel gemeinschaftsstiftende und empowernde Sorgearbeit füreinander und für die Region stattfindet. Diese wichtige Arbeit für das „Miteinander“ braucht mehr Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bezahlung. 

Die interviewten Frauen betonten außerdem, dass die bezahlte Sorgearbeit als Teil der Daseinsfürsorge in der Strukturwandeldebatte und -förderlandschaft zu wenig Beachtung bekommt. Beispiele dafür sind der medizinische Bereich, die Pflege und die Bildung. Es liegt ein großer Schwerpunkt darauf, die wegfallenden Arbeitsplätze in der Kohleindustrie durch andere männlich dominierte Industriearbeitsplätze zu ersetzen. Die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung im Bereich der bezahlten Sorgearbeit, in dem vor allem Frauen arbeiten, müssen verbessert werden. Unter anderem auch deswegen, weil die prognostizierte Nachfrage nach Fachkräften im Bereich der bezahlten Sorgearbeit in der Lausitz sehr hoch ist.[3] Hinzu kommt, dass viele junge, gut ausgebildete Frauen die Region verlassen. Um die Region attraktiver zu machen, braucht es ein vielfältiges Angebot an interessanten Arbeitsplätzen und Entwicklungspotentialen für Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Interessen.

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Wie Sorgearbeit organisiert und politisch priorisiert wird, ist Teil des demokratischen Prozesses. Wie wir Sorgearbeit in unserer Gesellschaft behandeln, ist eine politische Aushandlung. Demokratische Orte, an denen diese Entscheidungen getroffen werden, wie Gemeinderäte und Kreistage, müssen gestärkt werden. Sie müssen allen gesellschaftlichen Gruppen leichter zugänglich gemacht werden. Frauen sind dort massiv unterrepräsentiert, was an der schwierigen Vereinbarkeit der meist unbezahlten Gremienarbeit mit Lohnarbeit und familiärer Sorgearbeit, aber auch an der Diskussionskultur oder Sitzungszeiten liegt.

Aus den Interviews haben wir einige Politikempfehlungen herausgearbeitet, um Sorgearbeit und Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel zu stärken: 

  • Themenbereiche jenseits männerdominierter Wirtschaftszweige sollten in der Strukturwandelpolitik gestärkt werden, z.B. kulturelle Angebote und Nachhaltigkeitsprojekte.
  • Die soziale Infrastruktur muss unterstützt werden, zum Beispiel durch:
    • langfristige Finanzierung von Personalstellen, die die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendige Sorgearbeit leisten können.
    • Schaffung von Räumen des Austauschs, in denen sich Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und politischer Einstellung treffen, Konflikte austragen, (bspw. sorbisch/wendische) Feste feiern und neue Identitätsanker für die Region entwickeln können.
  • Kleine Gemeinden sollen bei der Erstellung von Förderanträgen unterstützt werden, damit auch sie von den Strukturwandelfonds profitieren können.
  • Frauen soll es ermöglicht werden, gleichberechtigt an der politischen Entscheidungsfindung teilzunehmen, indem die Diskussionskultur verbessert wird, Sitzungszeiten so angepasst werden, dass sie mit familiärer Sorgearbeit vereinbar sind, und bei Bedarf Aufwandsentschädigungen für die Teilnahme gezahlt werden.
  • Unbezahlte Sorgearbeit in Familien und Gemeinden muss sichtbar gemacht, unterstützt und gleichberechtigt verteilt werden. 
  • Diejenigen, die bezahlte Betreuungsarbeit in Bereichen wie Bildung und Gesundheit leisten, müssen höhere Löhne, Aufwertung und bessere Arbeitsbedingungen erhalten.

[1] Archiv verschwundener Orte. n.d. Verschwundene Orte. https://www.archiv-verschwundene-orte.de/de/verschwundene_orte/verschwundene_orte/70543 (aufgerufen am 23.05.2024)

[2] Staude, J. 2023. Stiftung für Ewigkeits-Lasten der Braunkohle Ost. https://www.klimareporter.de/strom/stiftung-fuer-ewigkeits-lasten-der-braunkohle-ost (aufgerufen am 23.05.2024)

[3] Die höchste Nachfrage nach Fachkräften wird in Brandenburg und Sachsen von 2018 bis 2035 für den Gesundheitssektor prognostiziert, aber auch im Bildungsbereich ist die Nachfrage hoch (Wagner G (2020): Erarbeitung von Konzepten zur nachhaltigen Sicherung des Fachkräftepotenzials in der Lausitz, https://wirtschaftsregion-lausitz.de/wp-content/uploads/2022/08/16._Konzepte-zur-Sicherung-des-Fachkraeftepotenzials-in-der-Lausitz_Studie.pdf

Paula Walk, Marius Koepchen, Johannes Probst und Nora Stognief...

 ... die Autorinnen des Interviews, sind Wissenschaftler*innen an der Europa Universität Flensburg und der TU Berlin. Sie beschäftigen sich mit der nachhaltigen Transformation des Energiesystems. Dabei legen sie in ihrer Forschung insbesondere einen Fokus darauf, wie diese Transformation einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit und insbesondere Geschlechtergerechtigkeit leisten kann. Ihr Fachartikel ist hier zu finden.

Die Fotos...

... hat Henriette Braun auf der StrukturWANDELkonferenz am 2. Oktober 2024 in Weißwasser geschossen. Alle Infos zur Konferenz sind hier zu finden.

Not an der Frau

Selbst am Polarkreis hält es Frauen eher als in den ostdeutschen Bundesländern. In Weißwasser wollen sie das nicht einfach so hinnehmen.

Wäre Ostdeutschland ein Staat, zählte er zu den Industrieländern mit der ältesten Bevölkerung der Welt. Nur in Japan und Italien leben mehr alte Menschen. Doch in den ostdeutschen Bundesländern kommt noch ein zweites, großes demographisches Problem hinzu: Es fehlt an jungen Frauen.

Eine der ersten Studien, die dieses Problem aufgegriffen hat, war die Untersuchung „Not am Mann“ des Berlin-Institutes für Entwicklung und Bevölkerung aus dem Jahr 2007. Die Frauendefizite seien europaweit „ohne Beispiel“, hieß es damals. „Selbst Polarkreisregionen im Norden Schwedens und Finnlands, die seit langem unter der Landflucht speziell von jungen Frauen leiden, reichen an ostdeutsche Werte nicht heran.“ Sogar an den kältesten und dunkelsten Orten der Erde blieben mehr Frauen als in Ostdeutschland. Fast zwei Jahrzehnte später ist der Männerüberschuss im Osten vielerorts immer noch überdurchschnittlich. In den ländlichen und wirtschaftlich abgehängten Gebieten Sachsen-Anhalts, Sachsens und Thüringens beträgt er teils mehr als 20 Prozent. Ihren Anfang nahm die Entwicklung mit der Wiedervereinigung. Seit 1991 sind mehr als 700.000 Menschen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren aus dem Osten in westdeutsche Bundesländer abgewandert, darunter viele junge Frauen, die in ihrer Heimat wenig Möglichkeiten sahen, ihre Lebensziele zu verwirklichen. Frauen, die heute fehlen, um als Fachkräfte zu arbeiten, sich in der Politik zu engagieren, Familien zu gründen oder sich um ältere Menschen zu kümmern.

 

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Weißwassers frisch gewählte Bürgermeisterin Katja Dietrich.

Katja Dietrich ist eine von denen, die nach der Jahrtausendwende in den Westen gingen. Doch anders als viele andere kehrte sie zurück. „Für mich ging es damals nicht darum, den Osten zu verlassen.Ich wollte einfach möglichst weit weg von zu Hause studieren“, sagt Dietrich. Vielleicht wäre sie als Westdeutsche damals auch in den Osten gegangen, überlegt sie bei einem Spaziergang durch das oberlausitzische Weißwasser. Hier lebt die gebürtige Dresdnerin seit 2022. Dietrich, 43 Jahre alt, ist im September zur Oberbürgermeisterin der Stadt gewählt worden, im November tritt sie ihr Amt an. Zu ihrer Entscheidung für eine Kandidatur geführt hat auch die Bewerbung eines AfD-Mannes, der kaum Bezug zur Stadt hatte. Als freie Kandidatin setzte sich die Sozialdemokratin gegen ihn und eine Mitbewerberin von der Wählervereinigung Klartext durch. Dietrich hätte nicht zurückkommen müssen in den Osten, erst recht nicht in die Oberlausitz, an den östlichsten Zipfel der Republik. Sie ist gut ausgebildet und arbeitete für die Vereinten Nationen und das Auswärtige Amt in der Entwicklungshilfe. Sie plante in Malawi, wie man Armenviertel lebenswerter macht, und half 2017 hinter der umkämpften Front im Irak beim Wiederaufbau der vom IS zerstörten Gebiete. „Es gab auch andere berufliche Optionen in Deutschland. Aber ich wollte zurück, weil ich aus der Ferne beobachten konnte, dass in Sachsen einiges schiefläuft. Und Sachsen ist mein Zuhause.“ Wer wissen will, was in Sachsenschief läuft, muss auch nach Weißwasser blicken. Wie die ganze Kohleregion Lausitz befindet sich die Stadt in einem enormen Transformationsprozess, bis 2038 soll der letzte Tagebau stillgelegt werden. Der Niedergang in der einstigen Glasbläserstadt begann wie in vielen ehemaligen Industriezentren der DDR bereits nach der Wende. „In den Neunzigern war hier nichts mit blühenden Landschaften. Abriss, zumachen, wegziehen und fertig, hieß es damals“, sagt Dietrich, als sie vor der Ruine der „Gelsdorfhütte“, eines einstigen Zentrums der Glasproduktion, haltmacht. Die Einwohnerzahl in Weißwasser hat sich seitdem mehr als halbiert. Lebten 1990 noch mehr als 35.000 Menschen in der Stadt, waren es 2023 nur noch knapp 15.000. Die Geburtenrate ist in den letzten Jahren massiv zurückgegangen. Auch die AfD ist beliebt in Weißwasser: Bei der Landtagswahl in Sachsen gaben ihr fast 39 Prozent der Wähler ihre Stimme. „Ich glaube nicht, dass es einfach ist, gegen einen AfD-Kandidaten zu gewinnen in der Region. Das war kein Selbstläufer“, sagt Dietrich. Rückenwind erhielt sie im Wahlkampf von regionalen Frauennetzwerken wie „Frauen.Wahl.Lokal Oberlausitz“, einem Bündnis, das Frauen dabei unterstützt, in der Politik aktiv zu werden. „Ich bin auch nach Weißwasser gekommen, weil es viele Frauennetzwerke gab. Man weiß, man kann hier ankommen und andere Frauen treffen, die sich politisch einsetzen.“

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Sozialwissenschaftlerin Franziska Stölzel.

Eine von Dietrichs Unterstützerinnen ist Franziska Stölzel. Die 30 Jahre alte Sozialwissenschaftlerin kommt aus der Region und ist geblieben. Ihren Abschluss machte sie an der Hochschule im knapp 50 Kilometer entfernten Görlitz. Sie treibt es besonders um, dass so wenige Frauen in der Kommunalpolitik sind. Im deutschlandweiten Vergleich bildet der Freistaat eines der Schlusslichter, was Frauen in Ämtern angeht. Nur schwerlich könnten sie alte Männernetzwerke durchbrechen. Auch Stölzel stieß auf Widerstände, als sie sich für ein Amt in der Politik interessierte. Sie habe sich Sprüche wie „junge Frauen wählen wir nicht“ anhören müssen. Auch „blöde Nachrichten“ auf Facebook habe sie wegen ihres politischen Engagements erhalten. Bei anderen Frauen gingen Sexismus und Bedrohungen oft unter die Gürtellinie. Doch die Sicht der Frauen in der kommunalen Politik ist wichtig, auch weil die dort gefällten Entscheidungen sie oft stärker betreffen als Männer. Forschungsergebnisse zeigen, dass Frauen öfter auf Bus und Bahn angewiesen sind, weil sie häufiger kein Auto besitzen. „Ein klassisches Thema in der Region: Straße oder Schiene? Es ist nur Geld für eine Sache da. Und wenn man schaut, wie männlich dominiert die Entscheidungsebenen sind, dann ist klar, wo die Priorität liegt“, sagt Dietrich. Nicht nur in der Politik dominiert die männliche Perspektive in der Oberlausitz, die Region ist auch wirtschaftlich technikfokussiert. Viele Frauen bevorzugen jedoch Berufe im Dienstleistungssektor. „Da kann ich den Mädchen dreimal sagen, dass sie Schweißerinnen werden können. Aber wenn ich beruflich etwas anderes machen will, sind die Ausbildungsplätze eben nicht da“, so Dietrich. Vielen jungen Frauen fehlten auch ganz banale Dinge, um sich für eine technische Ausbildung zu entscheiden, fügt Stölzel an. Da gehe es um nicht vorhandene Frauentoiletten, Umkleideräume und Duschen. „Manche sagen mir auch, ich habe keine Lust, irgendwo zu arbeiten, wo ein Erotikkalender im Spind hängt“, so die Sozialwissenschaftlerin. Am Ende des Spaziergangs durch Weißwasser kommt die Studie „Not am Mann“ zur Sprache, die Stölzel gerne zur Lektüre empfiehlt, um in die Problematik einzusteigen. „Eigentlich müsste die Studie ‚Not an der Frau‘ heißen“, findet sie, „denn es war und ist die Krise der Frauen, die sie dazu bewegt hat, den ländlichen Raum in Ostdeutschland zu verlassen.“

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Ein DDR-Mosaik erinnert an die Vergangenheit

Die Soziologin Katja Salomo sieht das ähnlich: „Manchmal spricht man von einer Krise der Männlichkeit auf dem Land. Aber eigentlich ist es erst mal eher eine Krise der Frauen. Und sie ist so ausgeprägt, dass die Frauen gehen.“ Salomo ist in einem kleinen Ort in Ostsachsen aufgewachsen. Sie hat lange zur Demographie in Ostdeutschland geforscht. Das Erstarken der AfD in Ostdeutschland könnte ebenfalls ein Faktor sein, warum Frauen es sich zweimal überlegen, in ihre ländliche Heimat zurückzukehren. „Die AfD propagiert ein Frauenbild, das junge Frauen eher abschreckt“, sagt Salomo. Auch Franziska Stölzel denkt, dass die AfD-Erfolge junge Frauen davon abhalten heimzukommen. Das höre sie immer wieder im Gespräch mit Freundinnen. Bei jungen Männern hingegen kam die AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg besonders gut an. Findet die AfD eine größere Zustimmung dort, wo Frauen fehlen? 2007 gab es noch keine AfD, sondern nur rechtsextremistische Kleinstparteien wie die NPD. Doch bereits damals stellten Forscher fest: Wo junge Frauen gehen, wird tendenziell mehr rechtsradikal gewählt. Auch weil die Männer in diesen Orten keine Partnerin fanden. „Es ist zu simpel zu sagen, Männer wählen rechtsextreme Parteien, weil sie keine Frauen haben“, sagt allerdings Katja Salomo. Die Soziologin untersuchte in einer Studie die demographischen Entwicklungen in Thüringen. Menschen in Regionen mit vielen alten Bewohnern und wenig jüngeren Frauen fühlten sich oft „abgehängt“. In diesen Gegenden seien fremdenfeindliche, nationalistische und demokratieskeptische Einstellungen weiterverbreitet als in anderen Teilen Deutschlands. „Dass vor allem auch junge Männer rechtsextreme Parteien wählen, ist kein speziell ostdeutsches Phänomen“, stellt Salomo fest. Über Manfluencer in den sozialen Medien kämen Jugendliche weltweit mit problematischen Männlichkeitsbildern in Berührung. Und deren Vorstellungen überschnitten sich oft mit dem Männerbild der Rechtsextremen. Beide Sphären stellten die Gleichberechtigung von Frauen infrage. „Wenn man weniger Kontakt zu jungen, progressiven Frauen hat, werden die eigenen Diskussionsnetzwerke und -inhalte homogener“, sagt Salomo. Das ist für sie eine Erklärung dafür, warum Männer in diesen ländlichen Gebieten anfällig für solche Ideologien sind. Auch die Landflucht ist kein rein ostdeutsches Phänomen. Doch es verstärkt sich dadurch, dass im Osten prozentual mehr als doppelt so viele Menschen auf dem Land leben als im Westen.

„Ich bin nicht pessimistisch, aber in den kommenden Jahren wird sich das demographische Problem nicht lösen“, sagt Julia Gabler von der Hochschule Zittau/Görlitz. Vielmehr sollte man überlegen, wie man diese Entwicklung politisch gestaltet, sagt die Sozialforscherin. Gabler stammt aus Rostock und lebt seit 2013 in Görlitz. Sie forscht nicht nur in der Region, sondern setzt sich auch aktiv in Frauennetzwerken ein. Anfang Oktober organisierte sie mit anderen eine Strukturwandelkonferenz zum Thema „Geschlechtergerechtigkeit in Transformationsprozessen“. „Ich war ein wenig verwundert, wie wenig männliche regionalpolitische Vertreter sich dort blicken lassen haben“, sagt Gabler. Sie stellt immer wieder fest, dass Männer anders auf die Probleme schauen als Frauen. Männer schauen etwa vor allem darauf, wie viele Arbeitsplätze man schaffen kann oder wie hoch die Investitionssummen sind, die in die Region fließen. Den erhofften Erfolg habe das allerdings nicht gebracht, meint Gabler. Gerade junge Frauen verließen die Gegend trotzdem. Mit dem zunehmenden Fachkräftemangel habe sich die Blickrichtung aber endlich mehr auf die sogenannten weichen Standortfaktoren verlagert, die auch die Lebensqualität in der Region berücksichtigen. „Nicht nur der Arbeitsplatz ist wichtig, sondern auch das Umfeld muss attraktiv sein, um mit den urbanen Räumen konkurrieren zu können.“ Im Strukturwandel sieht Gabler die Chance, Standortfaktoren wie Bildung oder Freizeitangebote gleichwertig mit der Frage der Schaffung von Arbeitsplätzen zu behandeln. Auch damit weniger junge Frauen ihre Koffer packen, um in den Städten ihr Glück zu suchen. Manchmal fragen Bürgermeister die Forscherin, was sie denn machen sollen, um die Frauen in ihre Orte zurückzuholen.Gabler antwortet dann: „Ein paar Frauen sind doch noch da, oder? Gehen Sie doch mal mit ihnen einen Kaffee trinken und hören ihnen zu.“

 

Dieser Beitrag stammt aus der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 27.10.2024

Text: Jannis Holl

Fotos: Robert Gommlich

 

 

Mein Weg in die Oberlausitz

Mein Weg in die Oberlausitz

Ein Beitrag von Sina Berger

…begann mit einer intensiven Auseinandersetzung mit mir selbst und meinem bisherigen Leben. Nach mehreren Jahren in der Organisations- und Personalentwicklung wurde mir klar, dass das, was ich in Unternehmen bewirken wollte zwar sinnvoll war und gebraucht wurde. Nur, das was dann wirklich machbar war, war für mich wenig zufriedenstellend.

Die Zeit war reif, mich wirklich tiefgründig mit mir selbst auseinanderzusetzen: Was will ich vom Leben wirklich? Wie will ich mein Leben wirklich ERLEBEN? Wie und womit will ich meine Lebenszeit verbringen und womit nicht (mehr)? Was macht mir Freude? Und wie kann ich meine Rechnungen zahlen?

Das war ein intensiver Prozess. Eine lange Reise zu mir selbst, mit vielen ungeahnten blinden Flecken und Erkenntnissen. Diese intensive Innenschau hat irgendwann dazu geführt an meinen Kindheitstraum vom Leben auf dem Land anzuknüpfen.

Ich wollte schon immer mit Tieren leben, umgeben von schöner Natur. Und als mir das in den Sinn kam und ich mir mein zukünftiges Leben darin ausmalte, machte sich eine große Zufriedenheit in mir breit. Es fühlte sich einfach stimmig an, mein Leben so zu gestalten. Ich träumte groß und bunt. Und diese bunte Vision habe ich meinem Mann schmackhaft machen können!

Damals lebten wir, nach verschiedenen Stationen in unterschiedlichen Großstädten, in der ersten gemeinsamen Wohnung in Radebeul. Schon immer haben wir gern die Umgebung und Natur erkundet. Als das Projekt „Landleben“ geboren war, haben wir unsere Hoferkundungstouren im Erzgebirge und der sächsischen Schweiz gestartet, denn irgendwie sollte es schon ein bisschen bergig sein. Wir kannten beide Regionen von Wanderungen und Urlauben her und es war ja auch immer ganz nett dort. Nur für die Verwirklichung unseres Lebenstraums hat es irgendwie nicht gefunkt. Und so hat es uns immer mehr in den Osten von Sachsen gezogen.

In vielen Tagesauflügen haben wir uns beide immer mehr in die Oberlausitz verliebt. Weil hier echt wenig Menschen sind und dafür viel Natur. „Wilde“ Natur und eine große Weite. Hier hat man die Natur noch für sich, hier kann man noch atmen. Und die vielen historischen Orte und Gebäude, viel Fachwerk und die unzähligen Schlösser erst!

Wir haben uns Höfe in unterschiedlicher Größe und Zustand angeschaut, zwischen Neukirch/ Lausitz, Rietschen und Lückendorf. Lange Zeit träumte ich von einem Umgebindehaus und um das zu testen, haben wir mal in einem in Oppach Urlaub gemacht.

Durch unsere zahlreichen Touren durch die Oberlausitz war irgendwann klar, unser neuer Wirkungsort muss zwischen Bautzen und Görlitz südlich von der Autobahn liegen. Eben weil es dort bergiger wird, im wunderschönen Land der hundert Berge und tausend Seen!

Nach einem herben Tiefschlag, als uns in Cunewalde ein schöner, aber sehr sanierungsbedürftiger Hof vor der Nase wegschnappt wurde, haben wir im Mai 2020 unseren jetzigen Hof in Krobnitz entdeckt. Zwei Jahre hatte es noch gedauert, bis wir den Hof übernehmen konnten und seitdem leben wir unseren gemeinsamen Traum vom Landleben. Ein in und mit der Natur und unseren Fellnasen!

In den ersten sechs Monaten haben wir das Gelände für eine artgerechte Haltung von Eseln hergerichtet, damit unsere beiden Eseldamen von der Noteselhilfe e.V. ihr „FürImmerZuhause“ bei uns bekommen konnten. Da das Eselgelände um unser Wohnhaus verläuft, leben wir quasi im Streichelgehege.

Ich genieße es jeden Tag mit den Langohren und unserem Hund zusammenzuleben und zu sein und die Tiere aus dem Fenster zu beobachten. Es ist schon etwas ganz Besonderes, wenn du auf deine Terrasse gehst und du wirst von zwei Eselchen begrüßt.

Da wir in unserer gemeinsamen Findungsphase herausgefunden haben, dass wir gerne Gastgeber sind, war es klar, dass wir unser Glück vom Landleben teilen wollen. Also, haben wir eine Ferienwohnung im Dachgeschoss hergerichtet.

Die FeWo EselGlück wird richtig gut angenommen! Es kommen immer wieder gern Familien, Gruppen von Freunden und Menschen mit ihren Hunden, um auf unserem Hof eine schöne Auszeit zu verbringen. Egal, ob mit den Eseln, in der Natur, im angrenzenden Schlosspark und bei den vielen Wanderwegen, Sehenswürdigkeiten und Freizeitangeboten – hier ist es richtig schön!

Die Oberlausitz hat echt viel zu bieten und ist im Tourismus immer noch ein Geheimtipp, wodurch es hier nicht so überlaufen ist. Und genau das ist in meinen Augen der Pluspunkt!

Ein perfekter Ort für Entschleunigung, Erholung, Naturerlebnisse. Schau mal vorbei! Ich freu mich auf deinen Besuch!

Logo Eselglück

 

Sina Berger

www.fewo-eselglueck.de

 

 

 

www

 

 

 www.wildeswunderweib.de

 

 

 

Keynote zur sächsischen Festveranstaltung zum internationalen Frauentag am 7. März im Landtag Sachsen

Keynote zur sächsischen Festveranstaltung zum internationalen Frauentag am 7. März im Landtag Sachsen

Unter dem Motto „Stark. Sichtbar. Sächsisch. – Junge Frauen zwischen Abwanderung und Aufbruch“

Sehr geehrte Anwesende, liebe Frauen, denen dieser Tag gewidmet ist, liebe gewählte Abgeordnete, liebe Gleichstellungbeauftragte.

„Stark. Sichtbar. Sächsisch.“ das klingt nach Selbstbewusstsein, nach Aufbruch, nach Fortschritt und Zukunftsfreude. Es ist genau das, wonach wir uns sehnen an einem Tag wie dem Internationalen Frauentag, dem 8. März. Und ja, der Internationale Frauentag ist ein würdiger Anlass, um uns Frauen zu feiern, unsere Arbeit und das wofür wir stehen zu würdigen.

Es wurde viel erreicht: Ein neues Gleichstellungsgesetz ist nach 30 Jahren in Kraft getreten, es gab große Neustrukturierungen um die Vorgaben der Istanbul-Konvention umzusetzen oder die Kampagne Alltag ohne Gewalt.

Es ist aber ein Tag, der immer mehr an Bedeutung gewinnt, denn wenn wir ehrlich sind (und das sollten wir an einem solchen Tag sein), dann steht hinter dem Motto nicht nur Feierlichkeit, sondern ein ernstes strukturelles Problem.

Wir arbeiten uns ab, sie gewinnen dazu

Wir leben in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen zunehmen, in der demokratische Gewissheiten brüchig sind und in der man sich gelegentlich fragt, ob wir die letzten Jahrzehnte politischer Bildung vielleicht im Gruppentarif rückabgewickelt haben. Wenn rund ein Fünftel der Bevölkerung mit autoritären Regierungsformen liebäugelt, dann können wir dem nicht mehr mit lapidaren Parolen entgegenkommen. Es ist ein ernstzunehmendes Warnsignal. Und es ist kein Zufall, dass antifeministische Einstellungen häufig Hand in Hand gehen mit demokratiekritischen und autoritären Haltungen. Jene, die auf der ganzen Welt an Macht gewinnen.

In den letzten Tagen durfte ich eine Masterarbeit zum Thema Antifeminismus in Ostsachsen Korrektur lesen. Die Autorin Nicole Maziarka verdeutlicht, dass Antifeminismus weniger durch offene Feindseligkeit als durch eine normalisierte, oft unsichtbare Logik wirkt, die Ressourcen bindet, Handlungsspielräume einschränkt und als einkalkulierter Bestandteil gesellschaftlicher Prozesse eine neue analytische Perspektive erfordert.

Pflicht, Demokratie und Realität

Die formale Gleichberechtigung ist in Deutschland verfassungsrechtlich abgesichert – zumindest auf dem Papier. Papier ist geduldig, doch Strukturen sind es nicht. Die Mitte-Studie zeigt seit Jahren: Antifeminismus ist kein Randphänomen, sondern anschlussfähig bis weit in die gesellschaftliche Mitte. Auch dieser Raum (der Sächsische Landtag) ist davon nicht ausgenommen. Wer also glaubt, Gleichstellung sei ein nerviges Mimimi von uns, weil längst erreicht, verwechselt juristische Norm mit sozialer Realität. Gleichstellung ist keine Folkloreveranstaltung für den März, an welcher wir uns alle über den alljährlichen Blumenstrauß freuen. Sie ist Gradmesser demokratischer Reife. Und genau hier beginnt eine Reise.

Junge Frauen zwischen Abwanderung und Aufbruch?

Junge Frauen engagieren sich. Und zwar nicht zu knapp. Über 60 Prozent bringen sich ein – in Vereinen, Initiativen, sozialen Projekten. Sie organisieren Nachbarschaftshilfe, Jugendgruppen, Klimaprojekte, Bildungsangebote, Sport. Kurz gesagt: Sie nehmen teil und halten den Laden am Laufen. Und dennoch fühlt sich nur etwa ein Drittel der jungen Frauen und Mädchen tatsächlich an Entscheidungsprozessen beteiligt. Das ist bemerkenswert in jeglicher Richtung. Mache ich auf diese Missstände aufmerksam ist das für mich klar: Strukturelle Exklusion. Werde ich zitiert, heißt es: „Frau Stölzel sieht in diesem Bereich „Optimierungspotenzial“. Entscheidungen werden über die Köpfe junger befragter Frauen und Mädchen hinweg getroffen – gerade im ländlichen Raum. Beteiligung existiert, aber oft in einer Form, die wir gern als dekorativ bezeichnen: Man darf mitreden, solange man nicht stört. Man darf dabei sein, solange man Leistung erbringt und falls nicht, eine muss ja aufräumen. Das sage ich nicht nur so, das sind echte Kommentare von befragten Mädchen aus Sachsen.

Selbstvertrauen ist kein Selbstläufer

Dabei wollen diese Frauen gestalten. Sie wollen Verantwortung übernehmen. Sie bringen Kompetenzen, Perspektiven und Motivation mit. Doch nicht einmal die Hälfte traut sich Führungsaufgaben zu. Warum? Weil Selbstvertrauen nicht im luftleeren Raum entsteht. Wer wiederholt erlebt, dass die eigene Meinung relativiert oder das eigene Geschlecht implizit mitbewertet wird, entwickelt keine souveräne Selbstverständlichkeit, sondern Vorsicht. Engagement von Frauen ist oft selbstverständlich – und gerade deshalb unsichtbar. Es wird erwartet, aber nicht besonders gewürdigt. Die Organisationsfähigkeit, die Empathie, die soziale Kompetenz gelten als „natürlich“. Und was als natürlich gilt, braucht offenbar keine strukturelle Förderung. Beteiligung braucht Mut. Und Mut entsteht nicht durch Appelle, sondern durch reale Einflussmöglichkeiten. Wer Mitsprache fordert, muss Macht teilen. Alles andere bleibt pädagogisch gut gemeint – und politisch folgenlos.

Phantom oder Phänomen?

Dabei sind wir das in Sachsen eigentlich gewohnt oder? Die „Ostfrau“ gilt bis heute als gesellschaftliches Phänomen: selbstständig, durchsetzungsfähig, ökonomisch eigenständig. Dieses Bild speist sich aus den unterschiedlichen Sozialisationserfahrungen vor der Wiedervereinigung und halten bis heute an. In der Deutschen Demokratische Republik war weibliche Erwerbstätigkeit strukturell vorgesehen. Berufstätigkeit war Normalität, nicht Option. Das klingt progressiv und war in vieler Hinsicht auch ein emanzipatorischer Faktor. Zugleich existierten selbstverständlich strukturelle Begrenzungen und Rollenzuschreibungen. Gleichberechtigung bedeutete nicht automatisch Gleichverteilung von Care-Arbeit. Dennoch hat sich ein Selbstbild etabliert: die Frau im Osten, die alles schafft. Vollzeit arbeiten, Kinder versorgen, Angehörige pflegen, Haushalt organisieren: effizient, belastbar, souverän. Ein Ideal, das beeindruckt. Und erschöpft. Für junge Frauen entsteht daraus ein mehrfacher Anspruch: Sie sollen autonom und ökonomisch unabhängig sein, gleichzeitig empathisch, verfügbar, leistungsstark, attraktiv und bitte möglichst stressresistent. Scheitern ist nicht vorgesehen. Überforderung ist privat zu lösen. Und können wir bitte alle aussehen, wie aus einer klassischen RomCom aus den 90er Jahren? Da waren wir doch schonmal weiter. Dieses Perfektionsnarrativ wird gesellschaftlich bewundert, aber selten kritisch reflektiert. Wer alles bewältigt, bekommt Applaus, aber keine strukturelle Entlastung. Die Last bleibt individuell, obwohl sie strukturell erzeugt wird. Man könnte sagen: Die Ostfrau ist stark. Man sollte ergänzen: Sie musste es sein. Und Stärke als Dauerzustand ist keine Ressource, sondern ein Risiko. Gleichstellung bedeutet daher auch, sich davon abzugrenzen und den Frauen die stärker als ihre männlichen Kollegen sein mussten entgegen zu treten.

Kommunale Wirksamkeit

Theoretisch ist die Arbeit für Mädchen und Frauen strukturell und gesetzlich verankert. Praktisch zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Partizipationsansätze in der Jugendhilfe und geschlechterreflektierte Mädchenarbeit existieren nebeneinander, aber selten wirklich miteinander verzahnt. Die Kommune ist dabei der zentrale Ort demokratischer Erfahrung. Hier entscheidet sich, ob Mitbestimmung konkret wird oder abstrakt bleibt. Und hier wirken Machtverhältnisse besonders deutlich. Macht ist kein moralischer Vorwurf, sondern ein strukturelles Kräfteverhältnis. Junge Menschen verfügen aufgrund politischer und demografischer Rahmenbedingungen über begrenzte Durchsetzungsmöglichkeiten. Wenn dann geschlechterbezogene Zuschreibungen hinzukommen, reduziert sich der Einfluss weiter.

Standortpolitik ist Frauenthema

Gleichstellung wird ja gern als „Frauenthema“ isoliert. Tatsächlich durchzieht sie sämtliche Politikfelder. Ein Beispiel: der öffentliche Nahverkehr. In meiner Studie zu Jugendbeteiligung erzählen mir Befragte, dass junge Männer sagen „ÖPNV muss sich lohnen“. Wir wissen lange, Frauen nutzen ihn häufiger als Männer, sie sind oft darauf angewiesen. Und sie organisieren ihren Alltag in komplexen Wegeketten – Kita, Arbeit, Einkauf, Pflege. Kennen wir oder? Studien zeigen, der klassische Weg eines Mannes ist der von zu Hause auf Arbeit und zurück. Ein ausgedünnter ÖPNV ist keine neutrale Sparmaßnahme, sondern eine reale Einschränkung von Teilhabe. Mobilität ist Infrastruktur. Infrastruktur ist Macht. Und Macht ist Geschlechterfrage. ÖPNV lohnt sich also immer.  

Ähnlich verhält es sich mit Care-Arbeit. Wenn Kitas teurer werden oder Ganztagsangebote entfallen, rutscht Betreuung zurück in die Familien – und dort überwiegend auf die Schultern von Frauen. Die Folgen sind reduzierte Erwerbszeiten, geringere Einkommen, niedrigere Renten. Altersarmut ist kein individuelles Versagen, sondern strukturelles Ergebnis. Altersarmut ist weiblich.

Wer Gleichstellung relativiert, relativiert reale Lebensverläufe.

Abwanderung ist Flucht

Ein besonders gravierendes Problem in Sachsen ist die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Frauen. Sie erzielen im Schnitt höhere Bildungsabschlüsse, verlassen jedoch ländliche Regionen, weil Karrierechancen, kulturelle Offenheit oder Sicherheitserfahrungen nicht ausreichend vorhanden sind. Das Resultat sind demografische Schieflagen und Fachkräftemangel. Regionen verlieren nicht nur Menschen, sondern Perspektiven. Frauenförderung ist daher keine ideologische Spielerei. Sie ist Standortpolitik. Wer möchte, dass junge Menschen bleiben, muss Rahmenbedingungen schaffen, in denen Frauen sich respektiert, sicher und beruflich verwirklicht fühlen können.

Bleiben bringt die Perspektiven

Und ich darf aus eigener Erfahrung und derer die in unserem Netzwerk FwieKraft aktiv sind sprechen: Jene Frauen die bleiben vierdienen Aufmerksamkeit. In sächsischen Regionen sind es häufig Frauen, die Transformationsprozesse gestalten: im Wandel, im Kohleausstieg, in regionalen Initiativen, in nachhaltigen Projekten. Sie organisieren Netzwerke, moderieren Aushandlungsprozesse, denken langfristig. Ihre Diese Arbeit ist nicht laut, aber wirksam. Sie zeigt, dass Transformation nicht nur wirtschaftlich, sondern sozial und kulturell gedacht werden muss. Das gilt nicht nur für Kohleregionen auf die alle Wirtschaft in Sachsen aufbaut, sondern auch für die der Schwibbögen, der Rennpappe, die Orte der Sterne, Geigen, Pfefferkuchen oder Eierschecke.

Heldinnen des Alltags

Oft reden wir über die Frauen, die wegziehen. Über Abwanderung, Fachkräftemangel, verlorenes Potenzial. Aber wer die Zukunft der Region wirklich kennt, das sind die Frauen, die zurückkommen, die bleiben. Diejenigen, die tagtäglich gegen schlechte Rahmenbedingungen ankämpfen, Strukturen aushebeln, Kompromisse eingehen und trotzdem gestalten. Die wissen, warum sie hierbleiben, welche Chancen die Region bietet: Raum für eigene Ideen, Platz für Familie, bezahlbare Mieten, Nähe zur Natur – Dinge, die in urbanen Zentren oft Luxus sind. Aber sie wissen auch genau, wo der Schuh drückt: passende Jobs sind rar, Pendeln wird zur Normalität, Kitas, Ganztagsangebote, Nahverkehr. Wer bleibt, muss kämpfen, strukturell, sozial, emotional. Frauen kennen die Probleme aus erster Hand, sie leben die Schnittstellen zwischen Wirtschaft, Bildung, Soziales, Kultur und Infrastruktur jeden Tag. Sie sind Expertinnen für die Realität vor Ort – nicht nur für statistische Modelle.

Potenz ist Weiblich

Und deshalb ist es wichtig zu wissen: Gerechtigkeit potenziert sich. Wenn wir die Frauen stärken, die bereits da sind, schaffen wir die Sichtbarkeit, die andere dazu bewegt, zu bleiben oder zurückzukommen. Das gelingt nur, wenn wir das große Ganze im Blick haben: vom Ausgleich der Sorgearbeit über einen verlässlichen ÖPNV bis hin zur medizinischen Vorsorge. Wenn ein Teil des Systems gerechter wird, bewegt sich das gesamte Konstrukt nach vorne.

Die Datenlagen zu Frauen in Sachsen sind rar. Unser aller Auftrag ist daher die Frauen zu fragen! Hören wir ihnen zu! Hört uns zu!

Gleichstellungsbeauftragte sind KEINE OPTION!

Förderung tatsächlicher Gleichberechtigung ist auch Teil der Verfassung des Freistaates Sachsen und enthält entsprechende Bestimmungen. Das ist kein freundlicher Hinweis, sondern ein klarer Auftrag, auch wenn wir das neuerdings wieder diskutieren müssen.  Es funktioniert nicht, steigende Gewaltzahlen zu beklagen und gleichzeitig Strukturen der Gleichstellungsarbeit infrage zu stellen. Das ist, als würde man sich über einen Wasserschaden beschweren und gleichzeitig das Dach abdecken, weil es Kosten verursacht.

Bestrebungen, Gleichstellung von einer Pflicht- in eine freiwillige Aufgabe umzuwandeln, sind daher mehr als haushaltspolitische Details. Es ist ein Raum rechtspopulistischer Ausgrenzung. Unsere Gleichstellungsbeauftragten bieten nicht nur Schutzräume, Präventionsarbeit und Beratung. Es sind starke, selbstbewusste Frauen, mit einem starken Netzwerk, die für die Rechte von Frauen und Minderheiten einstehen. Das ist kein 40h Job am Schreibtisch, das ist echte Basisarbeit. Und Sie können Raten, wem das Angst macht.  Gleichstellung ist kein Nice-to-have für wirtschaftlich gute Zeiten. Sie ist Fundament demokratischer Ordnung.

Alle oder nichts!

Dieser Antifeminismus steht selten isoliert. Er ist häufig verknüpft mit Rassismus, Antisemitismus und antidemokratischen Ideologien. Wer Gleichheit infrage stellt, stellt letztlich gleiche Würde infrage. Und das ist keine rhetorische Zuspitzung, sondern eine politische Realität. Wir müssen uns bewusst machen: Feminismus, der nicht alle Frauen einschließt, ist kein Feminismus. Ein Privileg verteidigen, während andere noch draußen vor der Tür stehen, ist keine Befreiung. Unser Blick muss intersektional sein – wir kämpfen für alle, unabhängig von Herkunft, angeborenem Geschlecht, Behinderung oder sozialem Status.

Gerade deshalb braucht es Räume, in denen differenziert gedacht wird. Räume, in denen Zuhören wichtiger ist als Schlagfertigkeit. Räume, in denen demokratische Werte nicht relativiert, sondern verteidigt werden. Es ist anstrengender geworden, Haltung zu zeigen. Ich weiß das, ich fühle das und ich weiß Sie/ihr tut es auch. Es ist anstrengender, solidarisch zu sein und zu bleiben. Kampf um Gleichstellung passiert selten leise, nicht im Hintergrund, nicht zwischendurch. Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts.“ Das Zitat von Simone de Beauvoir ist viel mehr als eine Aufforderung, es ist eine demokratische Pflicht. Stille ist keine Enthaltung mehr, es ist Schutz von Tätern und verspottet Opfer. Demokratie war nie ein Wellnessprogramm. Sie lebt von Beteiligung, Widerspruch und Verantwortung. Das ist anstrengend, das tut weh, aber es kommt dieser Moment, es tut auch gut. Wenn viele Frauen ihre Stimme erheben, gewinnen nicht nur die die sprechen. Es stärkt auch die, die nicht mehr sprechen können und die noch sprechen lernen.  Es gewinnt die Demokratie für alle.

„Stark. Sichtbar. Sächsisch.“

darf kein einmaliges Veranstaltungsmotto bleiben. Es muss ein Anspruch sein. Denn Gleichberechtigung ist kein Trend, keine ideologische Mode, kein optionaler Haushaltsposten. Sie ist Grundrecht, Standortfaktor, Demokratieprinzip. Und wenn wir das ernst nehmen, heute, morgen und das ganze Jahr, wenn wir das wirklich ernst nehmen, dann hören wir auf, so zu tun, als sei das alles längst Normalzustand. Denn, wir rollen rückwärts. Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass immer mehr Mädchen und jungen Frauen Tradwifes und Remigration Linkes geben.  Wir haben schon viel erreicht. Für uns wurde so viel erreicht.  Wir sind wirksam, weil wir zusammenhalten. Jede Initiative, jede Stimme, jede Idee macht uns stärker. Die Frauen vor uns haben unter härteren Bedingungen gekämpft, sie waren unsere Vorreiterinnen. Wir können nicht zulassen, dass ein Backlash ihre Errungenschaften infrage stellt. Nicht für sie, nicht für uns und nicht für alle, die noch kommen. Es ist eine Ehre hier zu stehen und sprechen zu dürfen. Ich weiß, dass Sie/Ihr hier alle für viele wichtige Themen kämpfen, jeden Tag, gerade deshalb: Jetzt ist die Zeit, zusammenzustehen, sichtbar zu sein, Verantwortung zu übernehmen. Gemeinsam handeln wir, gestalten unsere Gesellschaft, stärken Netzwerke und schaffen Perspektiven – nicht irgendwann, nicht irgendwo, sondern jetzt und hier. Wir sind stark, wir sind sichtbar, hier in Sachsen und darüber hinaus.

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Literaturverzeichnis:

  • Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen (2019): Gleichstellung als Regionalentwicklung. Zur Situation der kommunalen Gleichstellungsarbeit in ländlichen Räumen Deutschlands. Berlin.
  • Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (2007): Frauen – Männer – Räume. Bonn.
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2019): Gleichstellung ist für Kommunen von zentraler Bedeutung. Online verfügbar unter: https://www.bmfsfj.bund.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/gleichstellung-ist-fuer-kommunen-von-zentraler-bedeutung-140032.
  • Bündnis kommunaler Gleichstellungsbeauftragter der Lausitz im Strukturwandel (2023): Mehr Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel der Lausitz. Positionspapier. Online verfügbar unter: https://gleichstellungsbeauftragte-sachsen.de/buendnis/.
  • Deutsche Kinder- und Jugendstiftung GmbH (DKJS) (2023): Gesehen, gehört, ernstgenommen werden – Chancen von Mädchenbeteiligung für ländliche Räume. Handlungsempfehlungen aus den Ergebnissen der Mädchenwerkstatt-Hearings und Online-Umfrage.
  • Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) (2023): Gleichstellung in der Wissenschaft.
  • Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) (2025): Gleichstellung als Standortfaktor für Deutschland.
  • Gabler, Julia / Kottwitz, Anita / Kollmorgen, Raj (2016): Wer kommt? Wer geht? Wer bleibt? Eine Studie zur Verbesserung der Verbleibchancen qualifizierter Frauen im Landkreis Görlitz.
  • Grebe, Anna / Ringler, Dominik (Hrsg.) (2024): Partizipation aus der Sicht von Mädchen* denken. 1. Auflage.
  • Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.) (2005): Gender und Raum – Ein transdisziplinärer Sammelband, einschließlich der Tagungsdokumentation der 11. Wissenschaftlerinnen-Werkstatt der Hans-Böckler-Stiftung. Edition der Hans-Böckler-Stiftung, Bd. 152, Düsseldorf.
  • Kulturbüro Sachsen e.V. (2025): „Sachsen rechts unten 2025“. Queerfeindlichkeit und Antifeminismus – aktuelle Entwicklungen und neue Feindbilder der extremen Rechten in Sachsen. Dresden.
  • Mahler Walther, Kathrin / Sive, Anna / Hempe, Lisa / Lukoschat, Helga (EAF Berlin) (2024): Engagement von Frauen in der Kommunalpolitik in Sachsen. Studie im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung. Berlin/Dresden.
  • Maziarka, Nicole (2026): Zwischen Hass und Handlungsfähigkeit: Resilienzstrategien gleichstellungsorientierter Akteur*innen in Ostsachsen im Umgang mit Antifeminismus. Hochschule Merseburg, Fachbereich Soziale Arbeit. Medien. Kultur unveröffentlichte Masterthesis im Studiengang angewandte Sexualwissenschaft der HS Merseburg
  • Polizeidirektion Leipzig (2025): Medieninformation der Polizeidirektion Leipzig Nr. 422|25. Online verfügbar unter: https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/1092644.
  • Sächsische Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) (2022): Frauen in Sachsen. Politische Partizipation in Geschichte und Gegenwart. Dresden.
  • Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt (SMS) (2025): Gleichstellungsministerin Köpping: „Gewaltschutz ist unsere gemeinsame Aufgabe“. Erstveröffentlichung am 24.11.2025. Online verfügbar unter: https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/1092695.
  • Salomo, Katja (2019): The Residential Context as Source of Deprivation: Impacts on the Local Political Culture. Evidence from the East German State Thuringia. In: Political Geography, Jg. 69 (März), S. 103–117.
  • Schwarz, Patrik (2019): Guter Osten Böser Osten.
  • Stölzel, Franziska (2021): Die Sicht der jüngeren Frauen auf die Lausitz. In: Lausitz Monitor. Redaktion: Jörg Heidig und Stefan Bischoff. Online verfügbar unter: https://lausitz-monitor.de/artikel/die-sicht-der-juengeren-frauen-auf-die-lausitz/.
  • TRAWOS-Institut (Hrsg.). (2020). Frauen als Wirtschaftsfaktor für die Lausitz: Perspektiven von Frauen auf den Strukturwandel in der Lausitz. Hochschule Zittau/Görlitz. Erstellt durch das Projekt „F wie Kraft“.
  • Walk, P. (2024): From parity to degrowth: Unpacking narratives of a gender just transition. In: Energy Research & Social Science, 112, Art.-Nr. 103513.

 

Franziska Stölzel...

... ist Wissenschaftlerin für Wandel- und Transformationsprozesse. Obwohl es sie nach ihrem Studium zunächst nach Südamerika gezogen hat, war für sie immer klar, dass sie zurück in die Lausitz möchte. Aktuell lebt sie in Weißwasser. Sie ist in verschiedensten Projekten aktiv und unterstützt die Initiative F wie Kraft seit vielen Jahren.

09. März 2026: Frauen:streik in der Lausitz

09. März 2026: Frauen:streik in der Lausitz

Weil wir endlich laut genug sein wollen!

Am 9. März 2026 findet bundesweit der intersektional-feministische Frauen:streik statt. Die Erweiterung des Internationalen Frauentag am Sonntag (!) 8. März 2026, um den Streiktag am Montag, 9. März 2026 geht auf die Initiative enough.org zurück, die zum globalen Generalstreik aufrufen und etabliert sehen wollen. Eine weitere Initiative, die auch auf Bundesebene aufrufen, ist das Töchterkollektiv, um endlich Veränderungen zu bewirken. Auch in der Strukturwandelregion Lausitz rufen wir zum Mitmachen auf. Und ja: Dieser Tag geht uns alle an.

Wir leben in einer Zeit, in der die Schlagzeilen kaum noch überraschen und genau das ein Problem ist. Die sogenannten Epstein-Files und der Umgang mit ihnen zeigen so deutlich wie noch nie auf, wie hartnäckig Macht, Geld und männliche Netzwerke sich gegenseitig schützen – länderübergreifend und schamlos. Die kürzlich erschienene Biografie von Gisèle Pelicot beschreibt, was patriarchale Gewalt über Jahre hinweg anrichtet und wie sehr Betroffene kämpfen müssen, um überhaupt wahr- und ernstgenommen zu werden. Nahezu täglich werden Frauen und Mädchen gewaltvoll getötet. Laut BKA 2024 wurden insgesamt 859 Opfer versuchter oder vollendeter Tötungsdelikte, der Großteil davon durch Partner, Ex-Partner oder Familienmitglieder. Dabei werden diese Morde bisher immer noch nicht als Femizide erfasst. Und wenn ein CDU-Ministerpräsidentenkandidat wie Manuel Hagel mit sexistischen Aussagen gegenüber minderjährigen Schülerinnen auffällt und echte Konsequenzen ausbleiben, dann ist das leider kein zufälliger Einzelfall.

Warum streiken?

In der Lausitz, einer Region im Wandel, ist seit mittlerweile Jahrzehnten bekannt, dass vorrangig junge Frauen wegziehen, u.a. weil sie weniger berufliche Perspektiven und Angebote, dafür mehr strukturelle Benachteiligungen erleben.  Die verheerenden Folgen für die Transformationsregion sind in zahlreichen wissenschaftlichen Studien, Prognosen und Berichten dargestellt. Dennoch kämpft das Thema nach wie vor um politische Relevanz und Priorisierung.

Zudem erleben wir alle fast täglich in irgendeiner Form die Auswirkungen des Patriarchats, sei es in Form von unbezahlter Care Arbeit als Fundament unseres sozialen Lebens, bei beruflichen Chancen, in unseren Beziehungen, im Gesundheitssystem, die Liste lässt sich leider beliebig fortführen. All das sind nur sichtbare Spitzen eines Eisbergs, der tief in unserer gesellschaftlichen Struktur verankert ist. Und wir Frauen sind noch zu sehr damit beschäftigt, genau dieses System aufrecht zu erhalten. Zu oft relativieren wir, zeigen uns nicht unbequem genug, nicht uneingeschränkt solidarisch untereinander, und vor allem arbeiten wir weiter, für die Familie, für die Jobs, für die Gesellschaft. Trotz aller Bestrebungen für mehr Sichtbarkeit und einer sich immer mehr regenden Wut: Wie lange wollen wir so weitermachen? Wo bleiben politische, gesellschaftliche, persönliche Konsequenzen? Wo ist der kollektive Aufschrei, der nicht mehr ignoriert werden kann? Wir sind offenbar noch nicht wütend genug!

Obwohl wir Frauen und andere marginalisierte Gruppen das Fundament der Gesellschaft bilden, gehören wirtschaftliche Abhängigkeit, Ungleichbehandlung in allen Bereichen und Gewalt weiterhin zum Alltag. Dabei sind Frauen mit Migrationsgeschichte, Schwarze Frauen, Frauen of Color, trans- und nichtbinäre Menschen, Alleinerziehende sowie Personen in prekären Beschäftigungsverhältnissen besonders stark betroffen. Es ist an der Zeit, dass wir uns unserer Wirkungsmacht bewusstwerden und sie nutzen. Das geht nur gemeinsam.

Ein Tag ohne Frauen – und was das bewirken kann

Der Frauen:streik am 09. März, einen Tag nach dem internationalen feministischen Frauenkampftag, ist kein symbolischer Aktionstag. Er ist eine demokratische, kollektive Form politischen Drucks. Er soll endlich deutlich und für alle sicht- und spürbar machen, was bisher tagtäglich unsichtbar ist: Das Sorgearbeit Arbeit ist. Das Gewalt überwiegend männlich ist. Das Ungleichheiten zwischen Geschlechtern politisch hergestellt und nicht privat verursacht sind. Und das all das durch ein patriarchales System ermöglicht und begünstigt wird, das mehr für den Schutz und Erhalt dieses Systems sorgt als für dessen Opfer.

Die Dokumentation „Island – Ein Tag ohne Frauen“ in der WDR Mediathek zeigt eindrücklich was passiert, wenn Frauen kollektiv ihre Arbeit niederlegen. 1975 legten 90 Prozent der isländischen Frauen ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit nieder.  Damit stand das ganze Land plötzlich still. Dieser Tag gilt als Wendepunkt für Gleichstellung in Island. Genau darum geht es langfristig: Nicht nur lokal, nicht nur bundesweit, sondern global an einem Tag im Jahr kollektiv sichtbar zu machen, was sonst unsichtbar bleibt. Je mehr Menschen sich beteiligen, desto größer die Auswirkungen. Irgendwann wird Wegignorieren unmöglich.

Der 9. März 2026 kann mehr sein als eine Demo. Er kann ein Festival des Protestes werden. Ein Tag der Wut. Ein Tag der Solidarität. Ein Tag, an dem wir deutlich machen: Wir akzeptieren keine halben Konsequenzen mehr.

Streik in der Lausitz

Am 9. März gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich zu beteiligen – laut oder leise, sichtbar oder im Hintergrund. Der Streik richtet sich nicht nur an Frauen, sondern an alle, die von Ungleichheit betroffen sind oder solidarisch sein wollen. Im Landkreis Görlitz sowie in Bautzen und Görlitz, sind unter anderen geplant:

  • Aktionen im ländlichen Raum – z.B. Ostritz, Zittau, Weißwasser, vor allem Vormittags.
  • Ab mittags: Streik-Café mit Kaffee und Kuchen, Podcasts und Filmen in der FLINTA*rie, Hospitalstr. 29, Görlitz / bis 14:00 Workshops zu Streiten und Streiken
  • Nachmittags ab 14:00 Uhr: Sitzstreik, Aktionen und Teetausch auf dem Marienplatz Görlitz (bringt Decken, Tee und Tassen mit)
  • ab 16:00 Uhr ein Demozug ab Bahnhof Görlitz & Hauptmarkt Bautzen mit Kundgebung vom #Toechterkollektiv, Gedenken an Femizide und gemeinsamem Fastenbrechen
  • Ab 18:00 Uhr Aftershow in der FLINTER*rie mit veganer Küche & Musik

Zusätzlich gibt es die Wunschkarten-Initiative: Formuliert Eure Forderungen, Eure Wut, Eure Visionen auf einer „Wunschkarte“ und gebt sie bei der Demo ab oder bis zum 13.03. in den Rathäusern Görlitz, Zittau oder Niesky. Die Karten werden gesammelt ans Kanzleramt geschickt. Je mehr desto besser. Wenn ihr sonst spontan Ideen oder Fragen habt: Kontakt zum Koordinationsteam aus Görlitz und Landkreis über Instagram (@frauenstreik.goerlitz, @toechtereuropas) oder per Mail (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.).

Mitmachen – auch im Stillen

Nicht alle können demonstrieren. Aber alle können streiken. Verweigert an diesem Tag Konsum. Übernehmt keine Care- oder Hausarbeit. Schreibt Eure Botschaften mit Kreide auf Straßen und Fassaden. Sprecht darüber, ob im Betrieb, in der Schule, im Freund:innenkreis. Jede Handlung zählt. Jede Verweigerung macht sichtbar, wie viel sonst selbstverständlich genommen wird.

Lausitz, wir sind eine Region im Umbruch. Lasst uns diesen Umbruch feministisch, solidarisch und laut gestalten. Nicht gegen Männer, sondern für eine offene, starke Gesellschaft, in der alle Menschen die gleichen Möglichkeiten und Chancen haben.

Seid am 09.03.2026 dabei. Auf der Straße. In geschützten Räumen wie im Streik-Café. Im Lauten oder im Stillen. Aber seid dabei!

 

Livia Knebel …

... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.

Gleichstellung ist unverhandelbar!

Gleichstellung ist unverhandelbar!

Rückblick auf einen starken Jahresauftakt, der nachwirkt

Schon beim Betreten des Gerhart-Hauptmann-Theaters in Görlitz war spürbar: Dieser Neujahrsempfang ist mehr als ein formeller Auftakt ins neue Jahr. Knapp 500 Menschen waren der Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung Sachsen in Kooperation mit der REVIERWENDE Lausitz, dem DGB Ostsachsen, dem Bündnis Gleichstellung Lausitz, dem Frauen.Wahl.Lokal Oberlausitz und der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Görlitz gefolgt – das Haus war voll, die Stimmung erwartungsvoll. Es waren vorwiegend Frauen aus der gesamten Lausitz zusammengekommen: Engagierte aus Vereinen und Initiativen, Künstler:innen, Gewerkschafter:innen, Vertreter:innen aus Politik, Kirche, Wirtschaft und Wissenschaft, junge Menschen ebenso wie ältere. Die Vielfalt spiegelte eindrucksvoll wider, wie unterschiedlich Weiblichkeit gelebt wird – und wie viel spürbare Kraft in deren Verbindung liegt. Während ich einen massiven Frauenüberschuss erwartet hatte, was bei Thema und Anlass kaum verwundern würde, fiel auf, dass auch viele Männer anwesend waren. Das stimmte gleich zu Beginn positiv, wohlwissend, dass Gleichstellung geschlechterunabhängige Unterstützung und die Erkenntnis braucht, dass ein Aufbrechen patriarchaler Strukturen letztlich allen Menschen zugutekommt. Zudem bot die liebevolle Kinderbetreuung durch den Verein CYRKUS mit Hauptsitz in Görlitz/Zgorzelec auch den Kleinen und Größeren viel Raum zum Ausprobieren im Jonglieren, Tellerdrehen und Einradfahren, was dazu beitrug, dass Teilnehmende mit Kindern sorglos das Programm im Hauptsaal genießen konnten. Damit zeigte sich ganz praktisch, wie wesentlich schon die Veranstaltungskonzeption Inklusion fördern kann.

Gemeinsame Gestaltung und klare Haltung

Der Nachmittag begann mit der beschwingenden Musik der Singer- Songwriterin Paula Peterssen und ihrem Stück „Die fetten Jahre sind vorbei“. Es sei vorweggenommen, dass nicht nur der Auftakt der Veranstaltung dennoch große Hoffnung machte, dass die fetten Jahre der Gleichstellung noch vor uns liegen. In der anschließenden Reihe von Grußworten und kurzen Redebeiträgen kamen viele Stimmen zu Wort und dennoch keinerlei Langeweile auf. Im Gegenteil: Die Reden waren prägnant, persönlich und beleuchteten das Motto „Gleichstellung ist unverhandelbar!“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Silvia Fischer von der Friedrich-Ebert-Stiftung Sachsen betonte die Stärke gemeinsamer Organisation und Kooperation was mich daran erinnerte, wie sehr gerade das gleichberechtigte Gestalten auf Augenhöhe eine Kompetenz von Frauen ist. Marika Vetter, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Görlitz, sprach über Bleiben und Zurückkommen von Frauen in der Lausitz, über Parität, Vielfalt und Teilhabe als Stärke einer Region. Gleichzeitig benannte sie offen den zunehmenden Gegenwind für diese Themen – und machte deutlich, wie wichtig Veranstaltungen wie diese gerade deshalb sind. Aline Erdmann, Gleichstellungsbeauftragte aus Cottbus, brachte es auf den Punkt: Es geht um Zukunftsfähigkeit. Denn ohne Frauen fehlt Regionen wie der Lausitz über die Hälfte an Kraft und Kompetenz. Auch Rebecca Jakob von der Fraueninitiative Bautzen e.V. setzte starke Akzente. Sie sprach von Verbundenheit und davon, dass Veränderung Solidarität braucht. Vom Mut, die eigene Komfortzone zu verlassen, sich sichtbar zu machen und unterschiedliche Lebensrealitäten anzuerkennen. Bis hin zum Appell, vom bloßen Reagieren auf gesellschaftliche Tendenzen und Umbrüche ins aktive Gestalten der Lausitz zu kommen. Dana Dubil, Geschäftsführerin des DGB Ostsachsen, stellte das WIR ins Zentrum: Fairness, vor allem auf der Arbeitsebene, lasse sich nur gemeinsam durchsetzen – dafür brauche es Viele. Kathrin Treffkorn von der DGB Revierwende Ost motivierte zu Gedanken darüber, wie unsere ideale Region aussehen könnte, welche Entwicklungsperspektiven wir öffnen können und das neue Jahr 2026 kämpferisch gemeinsam anzugehen. Anschließend erinnerte der Beitrag von Pfarrerin Antje Kruse daran, dassGleichstellung selbst innerhalb der evangelischen Kirche erkämpft werden musste – obwohl ihre Grundlagen bereits in der Reformation angelegt waren. Frauensolidarität, so ihre klare Botschaft, dient allen Menschen. Und in der Vernetzung liege eine enorme gestalterische Kraft.

 

Immer radikal, niemals konsequent 

Ost-Klischees, Sektbowle und philosophisches Gummitwist

Nach diesem inhaltlich dichten Auftakt folgte einer der Höhepunkte des Nachmittags: die szenische, performative Lesung von Peggy Mädler, Annett Gröschner und Wenke Seemann aus ihrem Buch „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“. Mit großer Offenheit, körperlichem Einsatz und vor allem viel Humor nahmen sie das Publikum mit in unterschiedliche Lebensrealitäten von Frauen im Osten. Klischees über die „Ostfrau“ wurden nicht nur benannt, sondern spielerisch gebrochen und zugleich ernsthafte Fragen wie „Können Klischee und Realität nicht manchmal gleichzeitig existieren?“ aufgeworfen.

Das Lachen im Saal war herzlich und häufig – und doch nie oberflächig. Immer wieder schlichen sich Momente des Wiedererkennens ein: Man verglich sich und sein Aufwachsen unwillkürlich selbst, dachte an die Geschichte der eigenen Mutter oder Großmutter, erkannte Prägungen und Sozialisierungsmuster, die bis heute wirken. Die drei Autorinnen verwiesen mit großer Sympathie und der Kunst, über sich selbst lachen zu können, auf die Entstehung, Vergangenheit und Gegenwart struktureller Ungleichheiten – und schufen damit ein unsichtbares Band der Verbindung der Menschen im Saal. Das unterstrich auch die zwischendurch zubereitete und gereichte Sektbowle nach DDR-Rezept, auch wenn eine non-alkoholische Alternative meiner Ansicht nach zu noch mehr Teilhabegerechtigkeit und Wir-Gefühl beigetragen hätte. Doch diese Verknüpfung schon des Buchtitels mit Alkohol, regte mich zum inneren Auseinandersetzen und weiteren Reflektieren an, auch Narrative rund um weiblichen Alkoholkonsum zu hinterfragen. Denn trotz der unumstritten belustigenden und gemeinschaftsstärkenden Wirkung von Alkohol erwähnten auch die Autorinnen, dass er ihnen und ihren Eltern oft trotziger Trost war, die Illusion von Unabhängigkeit und Freiheit mit sich brachte und unterschiedliche Drinks bis heute unterschiedliche Lebensgefühle zu transportieren scheinen. Ich frage mich schon länger, ob diese gesellschaftlichen Zuschreibungen nicht auch im Grunde zutiefst vom Patriarchat geprägt sind, doch für den Nachmittag werde ich schnell wieder mitgerissen von den klugen und philosophischen Gesellschaftsfragen, die auch der zweite Teil der Lesung mit sich bringt. Reflektionen über Herkunft, Besitz, Zugehörigkeit und den Folgen eines Systemwechsels, des sozialen Umbaus, der ohne die Einbeziehung der Menschen vor Ort stattgefunden hatte, für Gleichstellung und Frauenrechte. Angesichts des aktuellen Strukturwandels in der Lausitz wirkte vieles davon mahnend aktuell: Mitgestaltung und gleichberechtigte Beteiligung aller Menschen sind keine Nebensache, sondern zentral für eine gerechte Zukunft. Über Gummitwist und philosophische Gedankenspiele näherten sich die Autorinnen schließlich der Frage, wie Hoffnung zwischen Pessimismus und Realismus immer wieder neu entdeckt werden kann. Ihr Motto – immer Radikal, nie konsequent – schwingt fühlbar immer mit und transportiert den Geist ihrer Gesprächsabende vielleicht gerade deshalb so authentisch und lebensnah.   

 

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Die Stärke liegt im Miteinander

Nach der Lesung verlagerte sich das Geschehen ins Foyer des Theaters. Dort herrschte reger Andrang: Initiativen, Vereine und auch Unternehmen präsentierten sich und ihre Projekte, Arbeitsweisen und Ideen rund um Gleichstellung. Es wurde einmal mehr deutlich, wie stark Frauen die Region bereits prägen und wie brisant das Thema Gleichstellung in allen Bereichen der Lausitz, von Wirtschaft bis Politik, bereits ist und angesichts multipler regionaler Herausforderungen weiter werden wird.

Bis nach 18 Uhr und bis zum restlosen Ausverkauf der mitgebrachten Exemplare wurden Bücher signiert, Kontakte wieder aufgenommen und neu geknüpft, Ideen gesponnen, diskutiert, gelacht, umarmt. Der Spirit dieser Veranstaltung wirkt in mir als nachhaltiger Hoffnungsschimmer in Zeiten, in denen sich gesellschaftliche Rückwärtsbewegungen manchmal bedrohlich anfühlen. Gleichzeitig motiviert und bestärkt mich ein rückblickend kritischer Blick auf das Publikum in der Auffassung, dass die uns alle bereichernden Potentiale von Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit noch stärker in die breite und diverse Gesellschaft getragen werden könnten. Weil es uns alle betrifft, sollten wir uns erlauben, gezielter Menschen außerhalb der gewohnten Bubble anzusprechen und unterschiedliche Lebensrealitäten (z.B. geprägt durch Migration, schwierige Einkommens- und Lebenssituation, etc.) sichtbarer einzubeziehen. Die Rahmenbedingungen der Veranstaltung – kostenfreier Eintritt, Kinderbetreuung und ein Sonntagstermin – boten zumindest beste Voraussetzungen, um den Teilnehmenden-Kreis künftig noch diverser werden zu lassen. Genauso stark empfinde ich auch in den Tagen nach der Veranstaltung, wie bedeutsam es ist, den Blick auf das zu richten, was wir gemeinsam bereits erreicht haben, und auf die Visionen für eine solidarische, vielfältige Lausitz. Eine Region, in der Frauen in ihrer Wirkungskraft beflügelt werden – und die vielleicht eines Tages wieder mehr Menschen anzieht als verliert. Genau dafür braucht es Räume wie diesen: offen, solidarisch, herzlich und verbindend - aus denen neuer Mut und Umsetzungskraft entsteht.

 

Livia Knebel …

... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.

Sind Frauen in der Forschungswelt unterrepräsentiert?

Sind Frauen in der Forschungswelt unterrepräsentiert?

Im folgenden Text möchten wir Euch das Projekt „Genderanteile in ESF-Projekten Hochschule und Forschung“ vorstellen. Der Artikel erschien 2023 im Hochschulmagazin Einblick der Hochschule Zittau/Görlitz.

Viel Spaß beim Lesen!

Zwei Jahre lang forschte die Nachwuchsforschungsgruppe „Genderanteile in ESF-Projekten Hochschule und Forschung“ unter der Leitung von Dr. Jana Pieper von der Fakultät Erziehungswissenschaften an der TU Dresden zu den Gründen, weshalb Frauen in der Forschungswelt unterrepräsentiert sind. Die Ergebnisse wurden Ende des Jahres 2022 in einem Abschlussbericht mit 54 Handlungsempfehlungen dem Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur vorgelegt. In einem Interview mit Bernadette Rohlf, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin im Projekt, haben wir mehr über die Arbeitsgruppe und deren Erkenntnisse erfahren.

Die Nachwuchsforschungsgruppe bestand aus Wissenschaftler*innen der Technischen Universitäten Dresden, Chemnitz und Freiberg sowie der Hochschulen Mittweida und Zittau/Görlitz. Das Team hat in den letzten zwei Jahren die vom Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderten Projekte an sächsischen Hochschulen nach Gleichstellungsaspekten untersucht. Die angestrebte ausgewogene Geschlechterverteilung (Parität) wurde in der letzten Förderperiode des ESF (2014 bis 2020) mit rund zwei Dritteln geförderter Männer gegenüber einem Drittel unterstützter Frauen signifikant verfehlt. Der Auftrag für die Forschungsgruppe bestand aus der Herausarbeitung von Handlungsempfehlungen, welche die angestrebte Parität stärken und verbessern sollten. Bernadette Rohlf betonte, dass die Parität bei der Verteilung von Fähigkeiten und Intelligenz bei Männern und Frauen zwar existiert, aber die Strukturen es nicht erlauben, diese sichtbar zu machen.

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© Michael Kretzschmar

Die Projektleitung seitens der HSZG hatten Prof. Dr. rer. nat. Maja Dshemuchadse und Prof. Dr. phil. habil. Raj Kollmorgen inne. Die Zusammenarbeit zwischen den fünf Hochschulen und den vier unterschiedlichen Fachdisziplinen war bisher einmalig in Sachsen. Die Vielfältigkeit spiegelte sich in der methodischen und inhaltlichen Zusammenarbeit wider. Am 30. November 2022 wurde die Abschlussdokumentation mit 54 Handlungsempfehlungen dem wissenschaftlichen Beirat in Dresden übergeben. Die Empfehlungen richten sich dabei an viele unterschiedliche Akteurinnen und Akteure. Die Ergebnisse sollen die Voraussetzungen für einen höheren Frauenanteil an zukünftige ESF-geförderte Projekte verbessern. Für die nächste Förderperiode von 2023 bis 2025 konnten bereits einige Punkte umgesetzt und damit verbessert werden.

Daraus ergeben sich u. a. folgende Empfehlungen für unsere Hochschule:

  • Die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache in allen Stellenausschreibungen.
  • Sensibilität über alle Hierarchiestufen hinweg, was Gleichstellung bedeutet.
  • Sich selbst reflektieren und schauen, wo mehr Gleichberechtigung erreicht werden kann.
  • Repräsentation von Frauen im Bereich Wissenschaft.
  • In der Lehre Literaturempfehlungen von allen Geschlechtern zur Verfügung stellen.
  • Grundlegende Weiterbildungsangebote zum Thema Gendergerechtigkeit für den akademischen Mittelbau und die übergeordneten Führungsebenen anbieten.
  • Bei Konferenzen zusätzliche finanzielle Mittel bzw. Angebote für die Kinderbetreuung bereitstellen.

Frau Rohlf blickt optimistisch in die Zukunft: „Allein die Tatsache, dass wir dafür entsandt worden sind, um die Gründe für die Genderanteile zu erforschen, ist für mich motivierend“. Die HSZG und ein Teil der anderen Mitglieder arbeiten seit Januar 2023 in einer neuen Nachwuchsforschungsgruppe „FioKo - Frauenförderung durch individuelle und organisationale Kompetenzen in Bildung und Beruf (MINT)“ für zwei Jahre weiter.

Und weiter geht‘s!

FioKo ist eine ESF-geförderte Nachwuchsforschungsgruppe, die sich mit Frauenförderung in Bildung und Beruf beschäftigt, insbesondere im MINT-Bereich. Das Projekt läuft von Januar 2023 bis Dezember 2024. Ziel ist es, das Potenzial von Frauen in MINT-Berufen zu erweitern und somit zum Fachkräftenachwuchs in Sachsen beizutragen. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt wird von mehreren sächsischen Hochschulen durchgeführt (TU Dresden, TU Bergakademie Freiberg, Hochschule Mittweida und Hochschule Zittau/Görlitz) und konzentriert sich auf die systemische Analyse von Frauenförderung mit Hilfe der Soft Systems Methodology. Dabei werden wirksame Handlungspunkte in Organisationen identifiziert und entsprechende Maßnahmen abgeleitet. Zudem wird der gesellschaftliche Kontext der Geschlechterunterschiede in Sachsen untersucht, indem das Hochschulsystem und andere relevante Systeme wie Unternehmen und regionale Netzwerke einbezogen werden.

 

Buchtipp: „Die schönste Version“ von Ruth-Maria Thomas

Buchtipp: „Die schönste Version“ von Ruth-Maria Thomas

Ein Beitrag von Livia Knebel

Viel wurde bereits geschrieben über den 2024 erschienenen Debut-Roman der Schriftstellerin Ruth-Maria Thomas, die 1993 in Cottbus geboren und aufgewachsen ist. Mittlerweile läuft eine nahezu dauerhaft ausverkaufte Inszenierung nach ihrer Romanvorlage am Staatstheater Cottbus. Doch nicht nur deshalb wollen wir bei F wie Kraft noch mal ein besonderes Augenmerk auf dieses Werk legen. Sondern auch, weil es Aspekte des Aufwachsens in der Lausitz, patriarchale Dynamiken und die Komplexität von gewaltvollen, toxischen Beziehungen vereint und intensiv darlegt wie kein Zweites.

Die Geschichte spielt in einer fiktiven ostdeutschen Kleinstadt in der Lausitz während der späten 2000er/frühen 2010er Jahre. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Jella beschreibt ihr Erwachsenwerden als Frau, vordergründig aber erzählt sie von ihrer ersten Liebesbeziehung zu Yannick. Gleich zu Beginn wird eindrücklich klar, dass diese gewaltvoll war, denn das Buch beginnt mit dem Entschluss von Jella, ihren Freund anzuzeigen. Der Polizeibesuch am Anfang der Geschichte markiert nicht nur das Ende der Beziehung, sondern auch den Beginn eines schmerzlichen Erkenntnis-Prozesses. Im weiteren Verlauf wird nahezu spürbar, wie sehr ihr soziales Umfeld, ihre Sehnsucht und das Fehlen von Aufklärung und alternativen Vorbildern Jella in diese Situation gebracht haben.

Von diesem Punkt ausgehend entfaltet sich die Story als Rückblick auf ihre Jugend in einer Gegend, die geprägt ist von Kiesgruben, weggebaggerten und noch bestehenden kleinen Dörfern, Plattenbauten, Gartenlauben und einer gewissen Perspektivlosigkeit. Jenseits eines klassischen Elternhauses - Jellas Eltern leben getrennt, ihre Mutter ist dem glamourös scheinenden Westen zugetan und ihr Vater, bei dem Jella lebt, wird als emotional und geistig oft abwesend beschrieben - zwischen Lipgloss, Kaugummi, Alkohol und derber Musik aus Lautsprechern machen Jella und ihre Freundinnen erste Erfahrungen mit Männern. Beeinflusst von der Popkultur und dem Zeitgeist der 2000er bis 2010er Jahre bemerken sie schnell, wie die Aufmerksamkeit männlicher Blicke zu ihrer sozialen Währung wird — und beginnen, sich selbst als Objekt zu begreifen. Ihre Kleidung, ihr Make-up, ihre Körper als auch ihre Verhaltensweisen funktionalisieren sie unbewusst spielerisch zu Mitteln um, um Anerkennung, Nähe und Liebe zu bekommen. Die Lausitz ist dabei kein bloßer Hintergrund, sondern wirkt mit: In der strukturschwachen Region eint die jungen Menschen im Buch die Suche nach Zugehörigkeit und Aufbruch. Es gibt keine Diversität weiblicher Vorbilder, keine feministische Sprache, kein öffentliches Hinterfragen von Rollenmustern, kein vielfältiges kulturelles Angebot, wenig individuelle Entfaltungsmöglichkeiten – und damit kaum alternative Räume, in denen Jella anders gesehen und wirken könnte als durch männliche Resonanz. Zudem ist ihr Weg geprägt von mangelndem Wissen über gesunde Partnerschaft, Sexualität, Grenzen und Selbstschutz. Über Gewalt in Beziehungen spricht ebenfalls niemand — und wenn doch, nur hinter vorgehaltener Hand. Aus dieser Enge heraus formen sich Jellas Erwartungen und Träume zu einem Nährboden für die sich entwickelnde toxische Beziehung zu Yannick, die in brutaler Gewalt mündet.

Der ältere Yannick ist zunächst charmant und liebevoll, er scheint „anders als die Anderen“ zu sein. Anfangs wirkt die Beziehung zwischen Jella und Yannick wie ein klassisches Coming-of-Age-Liebesdrama: Sommer am See, junge Liebe und Hoffnung auf ein gemeinsames Erwachsenwerden. Doch es häufen sich Auseinandersetzungen. Kontrolle, Schuldumkehr, Manipulation und Gewalt schleichen sich ein. Die Dynamik zwischen Nähe und Verletzung, zwischen Verlangen und Angst, zwischen Liebe und Unterdrückung wird spürbar und beklemmend. Aus der Hoffnung heraus, die Zuneigung, körperliche Nähe und den Zukunftstraum dieser Beziehung nicht zu verlieren, hält Jella an der Beziehung fest. Bis Yannick sie so schlägt und würgt, dass sie mit dem Tod ringt. Erst durch diese existenzielle Erfahrung gelingt ihr die Anzeige und Trennung. Begleitet von Schuldgefühlen und Sehnsucht, aber auch solidarischen Freundinnen und Frauen in ihrem Umfeld.

Was das Buch wunderbar erzählt: Das Problem liegt nicht nur im Individuum Yannick, sondern in einem ganzen System von patriarchalen, misogynen Strukturen und daraus entstehenden, verinnerlichten Selbstbildern. Die direkte Sprache der Autorin beschreibt die Ambivalenz aus Angst und Hoffnung der jungen Jella so nachvollziehbar und eindringlich, dass der Roman noch lange in Erinnerung bleibt. „Die schönste Version“ holt Erinnerungen an das eigene Erwachsenwerden hoch und wirft Fragen aktueller Generationen auf:  Wie sieht die Lebenswirklichkeit und das Aufwachsen heute aus – und warum ist die Lausitz nicht DIE abgehängte Provinz, sondern Teil gesellschaftlicher Gefüge und struktureller Dynamiken, die andernorts auch wirksam sind? Wie beeinflussen Herkunft, soziales Umfeld, Machtverhältnisse und Vorbilder das Denken und Fühlen junger Frauen? Inwiefern ermöglichen und bedingen gesellschaftliche Strukturen toxische Beziehungen? Und nicht zuletzt: Kann die Befreiung aus patriarchalen Mustern nicht allen Menschen zu gesünderen und liebevolleren Beziehungen und Lebensentwürfen verhelfen? Und: Wie gelingt diese Befreiung?

Ein absolutes must-read für Frauen, Mütter und vor allem Töchter aber unbedingt auch für Männer, die mehr über die Macht von fremden und eigenen Rollenbildern und Mustern erfahren wollen.

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Ruth-Maria Thomas: „Die schönste Version“ – Eine radikal ehrliche Anklage an toxische Beziehungen und das System, das sie ermöglicht

Rowohlt Taschenbuch, Oktober 2024, 272 Seiten, ISBN: 9783499014383

 

Livia Knebel …

... kam 2010 zum Studieren nach Görlitz - und blieb. Seitdem lebt und wirkt sie vor allem als Kulturmanagerin, Prozessgestalterin und Moderatorin in der Region, spielt leidenschaftlich gern in einer freien Theatergruppe und engagiert sich ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht. Als Mutter einer 10-Jährigen Tochter liegen ihr verstärkt auch Themen und Ideen zur Gleichstellung und ihren strukturellen Voraussetzungen in der Lausitz am Herzen.

 

Ich bin Ostdeutsche – Im Spannungsfeld der Identität(en)

Ich bin Ostdeutsche – Im Spannungsfeld der Identität(en)

Ein Beitrag von Linda Leibhold

Ich habe unzählige Erinnerungen daran, wie ich als Kind mit meinen Eltern am Küchentisch sitze, sie sich über irgendetwas unterhalten und dann immer wieder Sätze fallen, wie: »früher war das einfach besser geregelt« oder »damals hätte es sowas nicht gegeben«. Früher und damals – damit meinten sie eigentlich immer die DDR. Ich bin erst knapp zehn Jahre nach der Wende geboren und habe entsprechend all diese Erfahrungen nicht selbst gemacht, sondern sozusagen anekdotisch vererbt bekommen. Es war offensichtlich, dass ‚Ostdeutsch-Sein‘ für meine Eltern einen großen Teil ihrer Identität bedeutet(e). Wenn sie von ihrem Leben in der DDR sprachen, dann waren es eigentlich immer die gleichen Erzählungen: von der besseren Kinderbetreuung, dem Lehrerberuf als Ausbildung statt Studium, der selbstverständlicheren Emanzipation der Frau nicht aus Gründen des Feminismus sondern Pragmatismus, dem unbeschreiblichen Gefühl als der erste Trabi auf dem Hof stand und wie man ja »nichts hatte und trotzdem das Beste draus gemacht hat«. Dass die DDR auch ein autoritärer Staat war, der programmatisch politische Gegner*innen verfolgte, Freiheiten der Bürger*innen enorm beschnitt und sich in vielen Bereichen sehr weit entfernte von der ursprünglichen sozialistischen Idee der Gerechtigkeit – all das lernte ich erst bedeutend später in der Schule.

Bis zu meinem Abitur hatte das ganze Thema dennoch so gut wie keine direkte Bedeutung für mein Leben. Klar, für die Generation vor mir war es enorm prägend, aber mit mir – mit mir hatte das alles nichts zu tun. Dachte ich zumindest, bis ich für mein Studium ‚rüber‘ nach Baden-Württemberg zog. Von meinen knapp einhundert Kommiliton*innen war ich die einzige aus Ostdeutschland und bekam dies sozusagen von außen als Stempel aufgedrückt. Ich war irritiert, wie wenig sie wussten über die DDR damals und die neuen Bundesländer heute. Neben Aussagen, dass der gesamte Osten ein Nazi- Problem hätte und wie cool Leipzig sei, war da einfach nicht viel vorhanden. Mir wurde klar: Während die ‚Ossis‘ sich gefühlt ständig an den ‚Wessis‘ rieben, dachten diese eigentlich so gut wie gar nicht über den Osten nach. Wie bei allen Diskriminierungsformen gilt: Ignoranz ist ein Privileg, das man sich nur dann leisten kann, wenn es einen nicht betrifft.

Raus aus der Türdirekt ins Biosphärenreservat fallen

Raus aus der Tür - direkt ins Biosphärenreservat

Durch diese Erfahrung angeregt setzte ich mich im Rahmen meines Master-Studiums – für das es mich tatsächlich ins ‚coole‘ Leipzig zog – viel damit auseinander, wie die jetzigen Umbrüche durch den Strukturwandel mit ostdeutschen Identitäten zusammenhängen. Immer wieder ging es um Themen wie historisch gewachsene und anhaltende strukturelle Ungerechtigkeiten, Transformationsmüdigkeit, Abgehängt-Sein, Wende-Trauma durch Treuhand und Massenarbeitslosigkeit, Misstrauen in Parteien und Staatsapparat. Und ich verstand: viele Menschen in Ostdeutschland können über den sogenannten Strukturwandel nur Lachen, weil im Grunde ihr ganzes Leben eine Aneinanderreihung aus Strukturwandeln ist. Tja und währenddessen wurde die AfD immer größer und fand mit ihren rechts-populistischen Narrativen besonders großen Nährboden in den ländlichen Raumen der neuen Bundesländer. Und die meisten meiner Mitstudierenden und scheinbar der ganze Rest Deutschlands waren sich plötzlich einig: Mit solchen Leuten reden wir nicht. Und ich? Mir war das alles weniger klar. In den letzten Jahren hatte sich in mir eine neue Identität zu basteln begonnen, die sich stark von meinen Ursprüngen unterschied: ich lebte stets in größeren Städten, war als einzige aus meiner Familie studieren gegangen, politisch links aktiv, bemühte mich um inklusive Sprache und setzte mich für sozial-ökologische Gerechtigkeit ein. Und doch gab und gibt es natürlich einen Teil von mir, der sich den sächsischen ländlichen Räumen enorm zugehörig fühlte. Der sich dafür interessierte, welche Emotionen hinter den menschenfeindlichen Wahlentscheidungen lagen und wie es dieser gefährlichen Partei wie keiner sonst gelang, diese Emotionen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Ich konnte nachvollziehen, dass man den Politiker*innen der AfD keine Bühne bieten wollte und sollte. Ich fand es jedoch bereits aus rein pragmatischen Gesichtspunkten unklug, alle Wähler*innen dieser Partei als Nazis abzustempeln. Das hieß und heißt für mich zu keinem Zeitpunkt, sie in irgendeiner Form aus der Verantwortung nehmen zu wollen. Doch ich erlebte hautnah und – leider im engen Familienumkreis – wie diese kategorische Abwertung von der AfD einfach als Brandbeschleuniger benutzt wurde, denn Hass und die Abspaltung nur noch mehr zu verstärken. Und das bereitete mit große Sorgen, immer öfter auch Angst.

Winter

Winter

Mein Eindruck ist, dass in den letzten zwei bis drei Jahren verschiedenste Debatten um Ostdeutschland nochmal stärker in den gesellschaftlichen Fokus getreten sind. Im aktuell zunehmend aufgeheiztem Debattenraum wird dieses Thema an vielen Stellen sehr emotional und festgefahren verhandelt. Gespickt mit Zuschreibungen und Vorurteilen und häufig bewertet durch die Brille des Westens. Dirk Oschmann hat in seinem Bestseller »Der Osten – eine westdeutsche Erfindung« auf öffentlichkeitswirksame Weise auf viele der strukturellen und diskursiven Missstände aufmerksam gemacht, die auch noch heute – 35 Jahre nach der Wende – Gültigkeit haben. Und auch ich habe eine neue Facette meiner ostdeutschen Identität entdeckt, als ich diesen Herbst in ein kleines Dorf Nahe Hoyerswerda gezogen bin: Wut. Als ich von meinem Umzug in die Lausitz berichtete, fielen die Reaktionen zu knapp einhundert Prozent in etwa so aus: »Echt, aufs sächsische Dorf, zu den ganzen Nazis?! Krass, könnte ich nicht!«. Und obwohl ich ja selbst den nicht von der Hand zu weisenden Rechtsruck auf schärfste kritisiere, wurde ich bei solchen Gesprächen plötzlich defensiv und sauer. Ich empfand die zugrundeliegende Haltung irgendwie als arrogant. Als könne man das Problem von steigendem Rechts-Populismus lösen, indem man die ländlichen Regionen Ostdeutschlands künftig einfach großräumiger umfährt. In solchen Gesprächen habe ich plötzlich angefangen, den Osten zu verteidigen und vor Pauschalisierungen zu warnen (denen ich natürlich genau dann selbst auf den Leim gehe, wenn ich eine so große Gruppe von Menschen mit unterschiedlichsten Positionen zusammenfasse als ‚den Osten‘). Meine starke emotionale Reaktion auf das Thema hat mich erstaunt. Und mir bewusst gemacht, dass eine bestimmte Facette meiner Identität scheinbar immer dann besonders zum Tragen kommt, wenn ich mit jemandem konfrontiert bin, der diese überhaupt nicht teilt. So fühle ich mich immer dann am meisten als Ostdeutsche, wenn ich mit Westdeutschen spreche. Am meisten als Dorfkind in Unterhaltungen mit Vollblut- Städter*innen. Am meisten als politisch links in Gesprächen mit ‚Andersdenkenden‘. Dieses schwarz-weiß-Denken in gewissen Schubladen ist schlichtweg ein menschlicher Automatismus. Aber eben jener Automatismus führt dazu, dass eben stets vor allem das betont wird, was uns voneinander trennt und man versucht ist, ständig irgendwas voreinander verteidigen zu wollen. Wie anstrengend. Stattdessen möchte ich mehr den Fokus darauf legen, was mich mit anderen verbindet – auch wenn dies natürlich wieder mal wieder an der Realität scheitert.

zum Einzug haben wir unsere neuen NachbarInnen zum Pizzaessen eingeladen

Zum Einzug haben wir unsere neuen NachbarInnen zum Pizzaessen eingeladen.

Jetzt wo ich hier bin (und im Übrigen sehr glücklich mit dieser Entscheidung) spüre ich in den Gesprächen mit meiner neuen Dorfgemeinschaft immer wieder beides: Zugehörigkeit und Abgrenzung. Einhergehend mit der Erkenntnis: all das ist überhaupt nicht so widersprüchlich, wie es sich vielleicht manchmal anfühlt. In mir existieren unzählige verschiedene – hin und wieder auch scheinbar gegensätzliche – Anteile nebeneinander. Je nach Kontext kommen unterschiedliche Facetten mal mehr mal weniger zum Tragen. Es gibt nicht ‚die eine Identität‘, die ein Mensch hat. All das ist viel weniger in Stein gemeißelt - eine riesige Mischung aus verschiedenen Einflüssen und Erfahrungen, die sich im Laufe der Zeit immer wieder neu zusammensetzen. Ostdeutsche zu sein ist also ein Teil von mir, neben so vielen anderen Teilen auch. Mal spielt es eine große Rolle, mal überhaupt keine. Naja, und was ist Ostdeutsch-Sein jetzt gerade für mich? Für mich sind es Lebensbiographien, Frust und Einfallsreichtum. Es sind der Tischtennis-Verein in unserer einzigen Dorfkneipe oder die Erzählungen meiner Nachbar*innen vom Schuften im Tagebau. Es sind ausgelassene Dorffeste mit zu viel Bier und noch mehr schlechter Musik. Es sind Heimatverbundenheit, Dialekt und Stolz. Wegzug und Zurückkommen. Es ist Opferrolle und Emanzipation. Es ist das Umrechnen von Preisen in D-Mark. Es sind witzige, traurige, zufriedene und melancholische Anekdoten aus längst vergangen Zeiten. Es ist Angst, Wut und Hoffnung. Es sind Knusperflocken und Vita Cola. Es sind rechte Strukturen und zivilgesellschaftliches Engagement. Es ist Humor. Es sind restaurierte Höfe, graue Platten und neue SUVs. Es ist Meckern im Großen und Machen im Kleinen. Manchmal auch umgekehrt. Es ist Abgrenzung und Verbundenheit. Es ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und noch unendlich viel mehr. Was ist es für euch?

 

ÜBER MICH:

Ich heiße Linda und bin ganz frisch mit meiner Freundin in die schöne Oberlausitz gezogen. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf Nahe Meißen, habe später Umweltnaturwissenschaften und Geographie studiert und arbeite jetzt als Gewässerberaterin im Landkreis Bautzen.

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„Früher haben wir gefragt ob wir mitmachen dürfen – jetzt machen wir es einfach selbst!“

„Früher haben wir gefragt ob wir mitmachen dürfen – jetzt machen wir es einfach selbst!“

Franzi Stölzel resümiert ihre Erlebnisse auf der 2. StrukturWANDELkonferenz am 2. Oktober 2024 in Weißwasser 

Am 2. Oktober stehe ich morgens um halb 10 vor der Hafenstube Telux. Draußen ist es ruhig, drinnen höre ich schon – es wird gewerkelt. Die Tage davor hat mich bereits ein Spirit für dieses Event begleitet. Was ich nicht wusste, am Ende dieses Tages wird sich dieser Spirit verdoppeln, in einen Teil der Dankbarkeit und einen Teil des Kampfes.

Insgesamt folgten ca. 130 Gäste der Einladung des Bündnisses der Gleichstellungsbeauftragten der Lausitz, nach Weißwasser in die Hafenstube zu kommen, um gemeinsam über die Dringlichkeit der Diversität und Gleichstellung während des Strukturwandels zu sprechen. Darüber hinaus diente der Tag der Vernetzung und immer schwieriger werdenden Arbeit im Zuge politischer Radikalisierung und erstarkender rechtsextremer Kräfte in unseren Parlamenten wie Stadträten, Kreis- und Landtagen. Auf der einen Seite war es dem Bündnis wichtig zu zeigen, was Gleichstellung für uns bedeuten würde, nämlich, dass sich dieser Strukturwandelprozess unterschiedlich auf Geschlechter auswirkt und daher auch unterschiedliche Organisationsstufen haben sollte. Aber auch, wie schwer es ist, dafür Gehör zu finden und wie wichtig die Sichtweisen der Frauen für eine wirtschaftsstarke, sozial gerechte und nachhaltige Lausitz sind.

Der Tag begann mittags mit einem lockeren Einstieg. Das Buffet lag auf dem Weg zwischen Anmeldung und Konferenzsaal. Alle Teilnehmenden konnten die Veranstaltung so mit einem Schwätzchen und sehr gutem Essen beginnen. Mit musikalischer Untermalung der Band von Lisa Temesvari-Alamer vom Bündnis Gleichstellung Lausitz, konnte man sich in die Tagung eingrooven. Als neues Element für fast alle Teilnehmenden begann der arbeitsreiche Teil mit einem Council.

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Dabei sitzen alle Teilnehmenden in einer Art Kreis. Es fällt einem leicht, die anderen anzuschauen, während sie sprechen und debattieren. Das Council bestand aus drei Themenblöcken:

1. Die Zahlen und Fakten von Frauen in der Lausitz. Viele von uns wissen, welchen Problemen und Barrieren wir uns zu stellen haben – die Verschriftlichung dieser, sollte jedoch auch andere „nicht Betroffene“ davon überzeugen, Gleichstellung allgemein, aber vor allem im Strukturwandel auf die Prioritätenliste zu setzen.

2. Die Gleichstellungsbeauftragten erzählten von ihrer Arbeit und der Notwendigkeit, sich zusammen zu schließen. Was mich begeistert hat war die folgende Aussage: „Früher haben wir gefragt ob wir mitmachen dürfen – jetzt machen wir es einfach selbst!“. Hier bemerke ich zum ersten Mal: Wo sind eigentlich die ganzen Entscheider der Lausitz? An wen adressieren wir diese Notwendigkeit?

3. Die Studie des BBSR: [Link folgt - Eine Vorabversion als PDF kann formlos bestellt werden bei Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.]

Das Schöne am Council war, dass viele Personen zu Wort gekommen sind. Auch wenn es in diesem Moment keinen Austausch geben konnte, da alle nacheinander gesprochen haben, legte es den Grundstein für Diskussion und Austausch in den Pausen und folgenden Panels. Außerdem wurde gleich ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt, es wurde schnell klar: Wir sitzen hier alle im selben Boot und wir alle sind dafür verantwortlich, was wir zulassen und weitertragen!

Nach einer Pause und einem ersten tieferen Austausch unter den Teilnehmenden wurde auch von dem/der Ein:en oder Anderen nochmal das Panel gewechselt. Es standen insgesamt 8 Themen zur Auswahl:

  • Panel 1: Gleichstellung: Alltagsrelevant und unverzichtbar - Erfolgreicher Strukturwandel geht nicht ohne! Was hat Gleichstellung eigentlich mit mir zu tun? Die Bundesstiftung Gleichstellung spiegelte mit den Teilnehmenden die Möglichkeiten und Ideen des eigenen Handelns auf das Thema und gab Einblicke, wie ein geschlechtergerechter Umgang für alle möglich werden kann.
  • Panel 2: Mehr als nur ein Arbeitsplatz! Wie funktioniert Gleichstellung ganz praktisch in einem Unternehmen? Die Hochschule Zittau/Görlitz mit dem Projekt Life & Technology sowie die Projektleitung des Deutschen Zentrums für Astrophysik gaben klare Beispiele wie Gleichstellung im Arbeitskontext funktioniert und warum das für eine moderne Arbeitswelt und wirtschaftliche Funktionalität vorteilhaft ist.
  • Panel 3: Europa als Motor! Wie kommen wir in die europäische Vernetzung? Via Zoom-Call mit der Heinrich Böll Stiftung Warschau wurden Initiativen und deren Erfolge der letzten Jahre vorgetragen.
  • Panel 4: Wissenschaft meets Praxis im geschlechtergerechten Strukturwandel – Wie hilft Wissen wirklich weiter? Die bereits erwähnte Studie des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung enthält Daten, die zeigen in welcher Notwendigkeit sich die Lausitz befindet, endlich nachhaltig Gleichstellung zu betreiben.Viele Verwaltungen nutzen solche Studien, um Projekte vorzubereiten, in Politik und Öffentlichkeit kommen diese Informationen zu selten an.
  • Panel 5: Frauen sind strukturrelevant – und weiche Standortfaktoren auch! Das Projekt des DGB in den Strukturwandelregionen namens „Revierwende“ ist meiner persönlichen Meinung nach ein Vorzeigeprozess, da es erstens, alle Kohleaussteig-betroffenen Regionen in Deutschland gleichzeitig begutachtet, zweitens, den direkten Draht in die Arbeitnehmer:innenschaft der Energiekonzerne nutzt und drittens, ein Hauptaugenmerk das Thema Gleichstellung ist. Durch die ganzheitliche Betrachtung konntnen die Projektmitarbeiter:innen einen tiefen Einblick in die Arbeit und das Leben der direkt Betroffenen geben sowie eine Lanze für die Leistung von Frauen brechen.
  • Panel 6: Weichenstellung für eine geschlechtergerechte Gestaltung des Strukturwandels - Impulse für den Transformationsprozess in der Lausitz Das SMJusDEG – Sächsisches Ministerium für Justiz, Demokratie, Europa und Gleichstellung unterstützt einige Projekte in der Lausitz und darüber hinaus, die sich mit sozialer und kultureller Arbeit vor allem für Mädchen und Frauen in Transformationsregionen beschäftigen. In dem Panel berichteten sie von den Möglichkeiten aber auch Hindernissen dieser Arbeit und wie wir diese Hindernisse überwinden können, z.B. indem man junge Menschen direkt beteiligt und so auch demokratische Prozesse in ihnen nachhaltig stärkt.
  • Panel 7: Gleichstellung ist auch ein Generationsthema! Was machen wir mit den Generationskonflikten in der Lausitz? Ich habe es leider nicht geschafft, dort vorbeizuschauen. Mir wurde aber berichtet, dass kontrovers, aber wohlwollend darüber diskutiert wurde, „was Frauen brauchen“, um gleichberechtigt zu sein. Weiter so!
  • Panel 8: FEEL FREE!! Mitgebrachte Themen der Teilnehmenden An diesem Tisch konnte ich meine erste Sicht auf den Tag darlegen. Überraschung: Ich war damit nicht allein. Ich war dankbar und stolz, dass wir eine großartige Veranstaltung haben, bei der so viele Menschen zusammengekommen sind. Gleichzeitig hat es mich wütend gemacht, dass so viele Männer, die beteuern, wie wichtig unsere Arbeit ist, nicht anwesend waren. Das hat mich enttäuscht. Wir fragten uns also: Wie werden wir mehr Menschen zeigen können, dass solche Veranstaltungen auch für sie einen Mehrwert haben, sodass auch sie unbedingt dabei sein wollen? Und fasst das alles nicht grundsätzlich das zusammen, womit wir jeden Tag strugglen?

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Nach der Kaffee-Pause wurden die Ergebnisse der Panels vor allen kurz vorgestellt und die Ergebnisse präsentiert – „Eine ziemlich lange Liste an Themen, die wir noch zu bearbeiten haben. Aber auch ein Neubeginn, diese Themen auf den Tisch gebracht zu haben“, dachte ich.

Der krönende Abschluss? Eine Runde mit den Radikalen Töchtern – Mutmacher:innen die in der Lausitz Workshops anbieten, in denen diese Ohnmacht, die ich so oft fühle, in Mut und Tatendrang übersetzt wird. Das war zum Schluss genau das Richtige, um mit einem guten Gefühl aus der Veranstaltung zu gehen. Aufgestellt in zwei Kreisen, sodass die Teilnehmenden des inneren Kreises mit einer Person aus dem äußeren Kreis sprechen konnten, wurden Fragen gestellt, die wir uns gegenseitig beantworten mussten: z.B.

  • Welche Ideen geben dir Kraft?
  • Nenne mir drei wichtige Dinge über deine Heimat!
  • Wie merkst du, dass du wütend bist?

Das zeigte Unterschiede und Gegensätze auf, machte aber klar, wie wichtig und schön es ist, dass wir trotzdem und gerade deshalb alle gemeinsam diesen Tag miteinander verbringen. Das war ehrliches Commitment von allen Seiten. Das war auch die Kraft, die ich brauchte, um trotz all der Zweifel positiv aus dem offiziellen Teil dieser Veranstaltung zu gehen.

Für mich war nach diesem Tag klar, dass wir schon viel über das Thema Gleichstellung wissen. Daher sind auch viele nach Weißwasser gekommen und haben sich diesem Thema angenommen, für sich persönlich, für die Arbeit, die sie leisten und für die Veränderung, die sie hervorbringen wollen. Trotzdem brauchen wir viel mehr Aufmerksamkeit, vor allem auch in den Entscheider:innengremien und den umsetzenden Positionen. Dabei schließe ich Männer nicht von vornherein aus und Frauen nicht automatisch ein. Und dafür brauchen wir eben auch Verständnis und Support von Allen: Wir müssen zusammenarbeiten, kommunizieren und aushalten sowie Kompromisse eingehen.

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Und damit zurück zum Anfang. Es gibt für mich sehr viele Vorbilder an Frauen und Männern, die sich in ihrer Arbeit und oft darüber hinaus für Gleichstellung, Diversität und Inklusion einsetzen. Das hat mich inspiriert und wieder enorm begeistert und beflügelt. Es ist mir wieder bewusst geworden, wie viel wir schon geschafft haben und welche Kräfte wir entwickeln können, wenn wir zusammenarbeiten. Umso mehr ist mir wieder bewusst geworden, wie viel Arbeitvor uns liegt. Es sind genau diese Strukturen, welche an dieser Konferenz (noch) nicht beteiligt waren, die es aufzubrechen gilt.

Der zweite Teil des Spirits ist daher für mich die Arbeit, in der ich denen, die es nicht mehr hören können, ein weiteres Mal sagen werde, was sie nicht hören wollen. Ich werde mich unbeliebt machen müssen. Ich werde auf rhetorische Fragen plausible Antworten geben. Ich werde meine Freund:innen aufbauen und sie werden mich aufbauen müssen, weil mal wieder das Gefühl der Ohnmacht überwiegt. Aber wir werden auch Tage haben, wie den 2. Oktober 2024, an dem wir gemeinsam auf Initiative von einigen Wenigen etwas Wunderbares geschafft haben. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Franziska Stölzel...

... ist Wissenschaftlerin für Wandel- und Transformationsprozesse. Obwohl es sie nach ihrem Studium zunächst nach Südamerika gezogen hat, war für sie immer klar, dass sie zurück in die Lausitz möchte. Aktuell lebt sie in Weißwasser. Sie ist in verschiedensten Projekten aktiv und unterstützt die Initiative F wie Kraft seit vielen Jahren.

Die Fotos...

... wurden von Henriette Braun aufgenommen.

Die ausführliche Dokumentation der Konferenz...

... die von zahlreichen engagierten Kooperationspartner*innen in gemeinschaftlicher Arbeit organisiert wurde, ist in unserer Rubrik "Forschung" zu finden.

Strukturwandel braucht Care-Arbeit!

Strukturwandel braucht Care-Arbeit!

Ergebnisse von Interviews mit Frauen aus dem „F wie Kraft“-Netzwerk

Ein Beitrag von Paula Walk, Johannes Probst, Marius Koepchen und Nora Stognief 

Im Jahr 2022 haben wir zahlreiche Interviews und Hintergrundgespräche mit Frauen in der Lausitz geführt und spannende Menschen und Perspektiven in der Lausitz kennenlernen dürfen. Wir interessieren uns als Forschende für die Rolle von Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel. Bald stießen wir auf das Netzwerk F wie Kraft, welches uns durch die Vernetzungsarbeit eine große Hilfe war und somit Teil unserer Forschung wurde. Wir haben lokales Wissen zusammengetragen, unterschiedliche Perspektiven gesammelt und vor dem Hintergrund anderer wissenschaftlicher Arbeit aufgeschrieben. Uns ist es ein Anliegen, dieses Wissen sichtbar zu machen und nicht nach kurzem Forschungsaufenthalt wieder zu verschwinden. Daher folgt hier nun ein Einblick in unsere Ergebnisse, die kürzlich in einem englischsprachigen Fachartikel erschienen sind. Wir danken allen beteiligten Interviewpartner*innen und Netzwerker*innen, die dieses international einzigartige Netzwerk ermöglichen und am Leben erhalten. Wie wir im Folgenden beschreiben, ist gerade diese Arbeit von sehr großer Bedeutung für einen gelingenden Wandel. Unsere Ergebnisse sind das Resultat aus der Analyse von politischen Dokumenten und 16 Interviews mit Personen, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Strukturwandel der Lausitz und der Rolle von Frauen darin befassen und/oder im Care-Sektor arbeiten. 

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Im Laufe der Interviews wurde deutlich, dass soziale Infrastruktur eine zentrale Säule für einen erfolgreichen Strukturwandel ist. In der Strukturwandeldebatte findet sie jedoch bislang zu wenig Aufmerksamkeit. Bei Infrastruktur denken viele zunächst an physische Infrastruktur, wie Gebäude und Straßen, was jedoch zu kurz greift. Das Wort „Infrastruktur“ ist von der lateinischen Vorsilbe infra ("unter") abgeleitet und kann wörtlich als „unterliegende Struktur“ übersetzt werden, die das soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Leben ermöglicht. Dazu gehört also auch soziale Infrastruktur: das Netzwerk von Räumen, Institutionen und Gruppen, die soziale Verbindungen schaffen und somit das soziale Leben überhaupt möglich machen. Im Zuge der Interviews hat sich immer mehr herausgestellt, dass es beständiger Sorgearbeit bedarf, um diese soziale Infrastruktur dauerhaft aufrecht zu erhalten. Sorgearbeit für die soziale Gemeinschaft ist für den Strukturwandel essenziell, erhält in diesem jedoch noch nicht die entsprechende Priorität. Sorgearbeit wird immer noch vor allem von Frauen ausgeführt, zu wenig gesellschaftlich anerkannt und kaum oder gar nicht entlohnt. Auf Basis der Interviews haben wir für den Strukturwandel in der Lausitz besonders relevante Arten von Sorgearbeit herausgearbeitet, derer es bedarf, um soziale Infrastrukturen zu schaffen: Sorgearbeit für die sozialen und ökologischen Folgen der Kohleproduktion, Sorgearbeit für den sozialen Zusammenhalt, Sorgearbeit als Teil der Daseinsfürsorge und Sorgearbeit innerhalb demokratischer Strukturen. Im Folgenden gehen wir genauer auf diese Arten von Sorgearbeit ein. 

Der Kohlebergbau in der Lausitz hat sowohl tiefe Wunden im sozialen Gefüge als auch ökologische Wunden in der Landschaft hinterlassen. 137 Dörfer wurden für den Kohleabbau in der Lausitz ganz oder teilweise zerstört. Tausende Menschen mussten umgesiedelt werden.[1] Menschen haben ihre Heimat verloren und die sorbisch/wendische Kultur und Sprache haben darunter massiv gelitten. Gleichzeitig gibt es schon seit Jahrzehnten Konflikte in der Bevölkerung darüber, ob diese Abbaggerung für die Kohleverstromung nötig ist. Diese Konfliktlinie zog und zieht sich immer noch durch viele Familien und Gemeinschaften. Auch mit den ökologischen Folgen (z.B. einem geschädigten Wasserhaushalt) wird die Lausitz noch über viele Jahrzehnte leben müssen. Gleichzeitig hat die Bergbaukultur zum sozialen Zusammenhalt, zum Wohlstand und zur Identität der Region beigetragen. Einige unserer Interviewpartner*innen betonen, dass es wünschenswert wäre, diese Bergbaukultur zu erhalten, auch wenn der Bergbau Geschichte ist. Sowohl um die Konflikte aus der Vergangenheit zu bearbeiten als auch um die Bergbaukultur in eine post-fossile Ära zu überführen, bedarf es der Sorgearbeit für das „Miteinander“. Gleichzeitig braucht auch die Landschaft weiter andauernde, dauerhafte Sorgearbeit, um den ökologischen Schäden zu begegnen. So wird beispielsweise im entstehenden Restsee am Tagebau Nochten nach Angaben der LEAG noch bis nach dem Jahr 2150 eine chemische Nachsorge des Wassers nötig sein.[2]

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Eng damit verbunden ist die Sorgearbeit für den sozialen Zusammenhalt. Der soziale Zusammenhalt ist nicht nur durch die konfliktträchtige Geschichte um den Kohleausstieg belastet, sondern auch beispielsweise durch die hohen Zustimmungswerte für rechtspopulistische Parteien und damit einhergehende Polarisierung. Außerdem sind viele kleinere Gemeinden von Abwanderung betroffen. Diese zeigt sich oft konkret in der Schließung von Treffpunkten wie Dorfläden, die für die Dorfgemeinschaft essenziell sind. Des Weiteren ist es für kleinere Gemeinden mit wenigen Mitarbeiter*innen in der Verwaltung schwieriger, Strukturwandelgelder zu beantragen und Projekte durchzuführen. Unsere Interviewpartner*innen betonten, wie wichtig es ist, dass es Orte gibt, an denen sich Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und unterschiedlicher politischer Gesinnung treffen und austauschen können. Dafür wird nicht nur ein geeigneter Ort benötigt (wie z.B. ein Gemeindehaus), sondern auch Menschen, die dort mit ihrer Sorgearbeit Gemeinschaft und Geselligkeit herstellen. Es gibt viele solcher tollen, gemeinschaftsstiftenden Aktivitäten in der Lausitz. Häufig werden sie von Frauen getragen, die dies ehrenamtlich stemmen. Auch das Netzwerk F wie Kraft erleben viele der Frauen als Ort, wo viel gemeinschaftsstiftende und empowernde Sorgearbeit füreinander und für die Region stattfindet. Diese wichtige Arbeit für das „Miteinander“ braucht mehr Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bezahlung. 

Die interviewten Frauen betonten außerdem, dass die bezahlte Sorgearbeit als Teil der Daseinsfürsorge in der Strukturwandeldebatte und -förderlandschaft zu wenig Beachtung bekommt. Beispiele dafür sind der medizinische Bereich, die Pflege und die Bildung. Es liegt ein großer Schwerpunkt darauf, die wegfallenden Arbeitsplätze in der Kohleindustrie durch andere männlich dominierte Industriearbeitsplätze zu ersetzen. Die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung im Bereich der bezahlten Sorgearbeit, in dem vor allem Frauen arbeiten, müssen verbessert werden. Unter anderem auch deswegen, weil die prognostizierte Nachfrage nach Fachkräften im Bereich der bezahlten Sorgearbeit in der Lausitz sehr hoch ist.[3] Hinzu kommt, dass viele junge, gut ausgebildete Frauen die Region verlassen. Um die Region attraktiver zu machen, braucht es ein vielfältiges Angebot an interessanten Arbeitsplätzen und Entwicklungspotentialen für Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Interessen.

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Wie Sorgearbeit organisiert und politisch priorisiert wird, ist Teil des demokratischen Prozesses. Wie wir Sorgearbeit in unserer Gesellschaft behandeln, ist eine politische Aushandlung. Demokratische Orte, an denen diese Entscheidungen getroffen werden, wie Gemeinderäte und Kreistage, müssen gestärkt werden. Sie müssen allen gesellschaftlichen Gruppen leichter zugänglich gemacht werden. Frauen sind dort massiv unterrepräsentiert, was an der schwierigen Vereinbarkeit der meist unbezahlten Gremienarbeit mit Lohnarbeit und familiärer Sorgearbeit, aber auch an der Diskussionskultur oder Sitzungszeiten liegt.

Aus den Interviews haben wir einige Politikempfehlungen herausgearbeitet, um Sorgearbeit und Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel zu stärken: 

  • Themenbereiche jenseits männerdominierter Wirtschaftszweige sollten in der Strukturwandelpolitik gestärkt werden, z.B. kulturelle Angebote und Nachhaltigkeitsprojekte.
  • Die soziale Infrastruktur muss unterstützt werden, zum Beispiel durch:
    • langfristige Finanzierung von Personalstellen, die die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendige Sorgearbeit leisten können.
    • Schaffung von Räumen des Austauschs, in denen sich Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und politischer Einstellung treffen, Konflikte austragen, (bspw. sorbisch/wendische) Feste feiern und neue Identitätsanker für die Region entwickeln können.
  • Kleine Gemeinden sollen bei der Erstellung von Förderanträgen unterstützt werden, damit auch sie von den Strukturwandelfonds profitieren können.
  • Frauen soll es ermöglicht werden, gleichberechtigt an der politischen Entscheidungsfindung teilzunehmen, indem die Diskussionskultur verbessert wird, Sitzungszeiten so angepasst werden, dass sie mit familiärer Sorgearbeit vereinbar sind, und bei Bedarf Aufwandsentschädigungen für die Teilnahme gezahlt werden.
  • Unbezahlte Sorgearbeit in Familien und Gemeinden muss sichtbar gemacht, unterstützt und gleichberechtigt verteilt werden. 
  • Diejenigen, die bezahlte Betreuungsarbeit in Bereichen wie Bildung und Gesundheit leisten, müssen höhere Löhne, Aufwertung und bessere Arbeitsbedingungen erhalten.

[1] Archiv verschwundener Orte. n.d. Verschwundene Orte. https://www.archiv-verschwundene-orte.de/de/verschwundene_orte/verschwundene_orte/70543 (aufgerufen am 23.05.2024)

[2] Staude, J. 2023. Stiftung für Ewigkeits-Lasten der Braunkohle Ost. https://www.klimareporter.de/strom/stiftung-fuer-ewigkeits-lasten-der-braunkohle-ost (aufgerufen am 23.05.2024)

[3] Die höchste Nachfrage nach Fachkräften wird in Brandenburg und Sachsen von 2018 bis 2035 für den Gesundheitssektor prognostiziert, aber auch im Bildungsbereich ist die Nachfrage hoch (Wagner G (2020): Erarbeitung von Konzepten zur nachhaltigen Sicherung des Fachkräftepotenzials in der Lausitz, https://wirtschaftsregion-lausitz.de/wp-content/uploads/2022/08/16._Konzepte-zur-Sicherung-des-Fachkraeftepotenzials-in-der-Lausitz_Studie.pdf

Paula Walk, Marius Koepchen, Johannes Probst und Nora Stognief...

 ... die Autorinnen des Interviews, sind Wissenschaftler*innen an der Europa Universität Flensburg und der TU Berlin. Sie beschäftigen sich mit der nachhaltigen Transformation des Energiesystems. Dabei legen sie in ihrer Forschung insbesondere einen Fokus darauf, wie diese Transformation einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit und insbesondere Geschlechtergerechtigkeit leisten kann. Ihr Fachartikel ist hier zu finden.

Die Fotos...

... hat Henriette Braun auf der StrukturWANDELkonferenz am 2. Oktober 2024 in Weißwasser geschossen. Alle Infos zur Konferenz sind hier zu finden.

Not an der Frau

Not an der Frau

Selbst am Polarkreis hält es Frauen eher als in den ostdeutschen Bundesländern. In Weißwasser wollen sie das nicht einfach so hinnehmen.

Wäre Ostdeutschland ein Staat, zählte er zu den Industrieländern mit der ältesten Bevölkerung der Welt. Nur in Japan und Italien leben mehr alte Menschen. Doch in den ostdeutschen Bundesländern kommt noch ein zweites, großes demographisches Problem hinzu: Es fehlt an jungen Frauen.

Eine der ersten Studien, die dieses Problem aufgegriffen hat, war die Untersuchung „Not am Mann“ des Berlin-Institutes für Entwicklung und Bevölkerung aus dem Jahr 2007. Die Frauendefizite seien europaweit „ohne Beispiel“, hieß es damals. „Selbst Polarkreisregionen im Norden Schwedens und Finnlands, die seit langem unter der Landflucht speziell von jungen Frauen leiden, reichen an ostdeutsche Werte nicht heran.“ Sogar an den kältesten und dunkelsten Orten der Erde blieben mehr Frauen als in Ostdeutschland. Fast zwei Jahrzehnte später ist der Männerüberschuss im Osten vielerorts immer noch überdurchschnittlich. In den ländlichen und wirtschaftlich abgehängten Gebieten Sachsen-Anhalts, Sachsens und Thüringens beträgt er teils mehr als 20 Prozent. Ihren Anfang nahm die Entwicklung mit der Wiedervereinigung. Seit 1991 sind mehr als 700.000 Menschen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren aus dem Osten in westdeutsche Bundesländer abgewandert, darunter viele junge Frauen, die in ihrer Heimat wenig Möglichkeiten sahen, ihre Lebensziele zu verwirklichen. Frauen, die heute fehlen, um als Fachkräfte zu arbeiten, sich in der Politik zu engagieren, Familien zu gründen oder sich um ältere Menschen zu kümmern.

 

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Weißwassers frisch gewählte Bürgermeisterin Katja Dietrich.

Katja Dietrich ist eine von denen, die nach der Jahrtausendwende in den Westen gingen. Doch anders als viele andere kehrte sie zurück. „Für mich ging es damals nicht darum, den Osten zu verlassen.Ich wollte einfach möglichst weit weg von zu Hause studieren“, sagt Dietrich. Vielleicht wäre sie als Westdeutsche damals auch in den Osten gegangen, überlegt sie bei einem Spaziergang durch das oberlausitzische Weißwasser. Hier lebt die gebürtige Dresdnerin seit 2022. Dietrich, 43 Jahre alt, ist im September zur Oberbürgermeisterin der Stadt gewählt worden, im November tritt sie ihr Amt an. Zu ihrer Entscheidung für eine Kandidatur geführt hat auch die Bewerbung eines AfD-Mannes, der kaum Bezug zur Stadt hatte. Als freie Kandidatin setzte sich die Sozialdemokratin gegen ihn und eine Mitbewerberin von der Wählervereinigung Klartext durch. Dietrich hätte nicht zurückkommen müssen in den Osten, erst recht nicht in die Oberlausitz, an den östlichsten Zipfel der Republik. Sie ist gut ausgebildet und arbeitete für die Vereinten Nationen und das Auswärtige Amt in der Entwicklungshilfe. Sie plante in Malawi, wie man Armenviertel lebenswerter macht, und half 2017 hinter der umkämpften Front im Irak beim Wiederaufbau der vom IS zerstörten Gebiete. „Es gab auch andere berufliche Optionen in Deutschland. Aber ich wollte zurück, weil ich aus der Ferne beobachten konnte, dass in Sachsen einiges schiefläuft. Und Sachsen ist mein Zuhause.“ Wer wissen will, was in Sachsenschief läuft, muss auch nach Weißwasser blicken. Wie die ganze Kohleregion Lausitz befindet sich die Stadt in einem enormen Transformationsprozess, bis 2038 soll der letzte Tagebau stillgelegt werden. Der Niedergang in der einstigen Glasbläserstadt begann wie in vielen ehemaligen Industriezentren der DDR bereits nach der Wende. „In den Neunzigern war hier nichts mit blühenden Landschaften. Abriss, zumachen, wegziehen und fertig, hieß es damals“, sagt Dietrich, als sie vor der Ruine der „Gelsdorfhütte“, eines einstigen Zentrums der Glasproduktion, haltmacht. Die Einwohnerzahl in Weißwasser hat sich seitdem mehr als halbiert. Lebten 1990 noch mehr als 35.000 Menschen in der Stadt, waren es 2023 nur noch knapp 15.000. Die Geburtenrate ist in den letzten Jahren massiv zurückgegangen. Auch die AfD ist beliebt in Weißwasser: Bei der Landtagswahl in Sachsen gaben ihr fast 39 Prozent der Wähler ihre Stimme. „Ich glaube nicht, dass es einfach ist, gegen einen AfD-Kandidaten zu gewinnen in der Region. Das war kein Selbstläufer“, sagt Dietrich. Rückenwind erhielt sie im Wahlkampf von regionalen Frauennetzwerken wie „Frauen.Wahl.Lokal Oberlausitz“, einem Bündnis, das Frauen dabei unterstützt, in der Politik aktiv zu werden. „Ich bin auch nach Weißwasser gekommen, weil es viele Frauennetzwerke gab. Man weiß, man kann hier ankommen und andere Frauen treffen, die sich politisch einsetzen.“

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Sozialwissenschaftlerin Franziska Stölzel.

Eine von Dietrichs Unterstützerinnen ist Franziska Stölzel. Die 30 Jahre alte Sozialwissenschaftlerin kommt aus der Region und ist geblieben. Ihren Abschluss machte sie an der Hochschule im knapp 50 Kilometer entfernten Görlitz. Sie treibt es besonders um, dass so wenige Frauen in der Kommunalpolitik sind. Im deutschlandweiten Vergleich bildet der Freistaat eines der Schlusslichter, was Frauen in Ämtern angeht. Nur schwerlich könnten sie alte Männernetzwerke durchbrechen. Auch Stölzel stieß auf Widerstände, als sie sich für ein Amt in der Politik interessierte. Sie habe sich Sprüche wie „junge Frauen wählen wir nicht“ anhören müssen. Auch „blöde Nachrichten“ auf Facebook habe sie wegen ihres politischen Engagements erhalten. Bei anderen Frauen gingen Sexismus und Bedrohungen oft unter die Gürtellinie. Doch die Sicht der Frauen in der kommunalen Politik ist wichtig, auch weil die dort gefällten Entscheidungen sie oft stärker betreffen als Männer. Forschungsergebnisse zeigen, dass Frauen öfter auf Bus und Bahn angewiesen sind, weil sie häufiger kein Auto besitzen. „Ein klassisches Thema in der Region: Straße oder Schiene? Es ist nur Geld für eine Sache da. Und wenn man schaut, wie männlich dominiert die Entscheidungsebenen sind, dann ist klar, wo die Priorität liegt“, sagt Dietrich. Nicht nur in der Politik dominiert die männliche Perspektive in der Oberlausitz, die Region ist auch wirtschaftlich technikfokussiert. Viele Frauen bevorzugen jedoch Berufe im Dienstleistungssektor. „Da kann ich den Mädchen dreimal sagen, dass sie Schweißerinnen werden können. Aber wenn ich beruflich etwas anderes machen will, sind die Ausbildungsplätze eben nicht da“, so Dietrich. Vielen jungen Frauen fehlten auch ganz banale Dinge, um sich für eine technische Ausbildung zu entscheiden, fügt Stölzel an. Da gehe es um nicht vorhandene Frauentoiletten, Umkleideräume und Duschen. „Manche sagen mir auch, ich habe keine Lust, irgendwo zu arbeiten, wo ein Erotikkalender im Spind hängt“, so die Sozialwissenschaftlerin. Am Ende des Spaziergangs durch Weißwasser kommt die Studie „Not am Mann“ zur Sprache, die Stölzel gerne zur Lektüre empfiehlt, um in die Problematik einzusteigen. „Eigentlich müsste die Studie ‚Not an der Frau‘ heißen“, findet sie, „denn es war und ist die Krise der Frauen, die sie dazu bewegt hat, den ländlichen Raum in Ostdeutschland zu verlassen.“

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Ein DDR-Mosaik erinnert an die Vergangenheit

Die Soziologin Katja Salomo sieht das ähnlich: „Manchmal spricht man von einer Krise der Männlichkeit auf dem Land. Aber eigentlich ist es erst mal eher eine Krise der Frauen. Und sie ist so ausgeprägt, dass die Frauen gehen.“ Salomo ist in einem kleinen Ort in Ostsachsen aufgewachsen. Sie hat lange zur Demographie in Ostdeutschland geforscht. Das Erstarken der AfD in Ostdeutschland könnte ebenfalls ein Faktor sein, warum Frauen es sich zweimal überlegen, in ihre ländliche Heimat zurückzukehren. „Die AfD propagiert ein Frauenbild, das junge Frauen eher abschreckt“, sagt Salomo. Auch Franziska Stölzel denkt, dass die AfD-Erfolge junge Frauen davon abhalten heimzukommen. Das höre sie immer wieder im Gespräch mit Freundinnen. Bei jungen Männern hingegen kam die AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg besonders gut an. Findet die AfD eine größere Zustimmung dort, wo Frauen fehlen? 2007 gab es noch keine AfD, sondern nur rechtsextremistische Kleinstparteien wie die NPD. Doch bereits damals stellten Forscher fest: Wo junge Frauen gehen, wird tendenziell mehr rechtsradikal gewählt. Auch weil die Männer in diesen Orten keine Partnerin fanden. „Es ist zu simpel zu sagen, Männer wählen rechtsextreme Parteien, weil sie keine Frauen haben“, sagt allerdings Katja Salomo. Die Soziologin untersuchte in einer Studie die demographischen Entwicklungen in Thüringen. Menschen in Regionen mit vielen alten Bewohnern und wenig jüngeren Frauen fühlten sich oft „abgehängt“. In diesen Gegenden seien fremdenfeindliche, nationalistische und demokratieskeptische Einstellungen weiterverbreitet als in anderen Teilen Deutschlands. „Dass vor allem auch junge Männer rechtsextreme Parteien wählen, ist kein speziell ostdeutsches Phänomen“, stellt Salomo fest. Über Manfluencer in den sozialen Medien kämen Jugendliche weltweit mit problematischen Männlichkeitsbildern in Berührung. Und deren Vorstellungen überschnitten sich oft mit dem Männerbild der Rechtsextremen. Beide Sphären stellten die Gleichberechtigung von Frauen infrage. „Wenn man weniger Kontakt zu jungen, progressiven Frauen hat, werden die eigenen Diskussionsnetzwerke und -inhalte homogener“, sagt Salomo. Das ist für sie eine Erklärung dafür, warum Männer in diesen ländlichen Gebieten anfällig für solche Ideologien sind. Auch die Landflucht ist kein rein ostdeutsches Phänomen. Doch es verstärkt sich dadurch, dass im Osten prozentual mehr als doppelt so viele Menschen auf dem Land leben als im Westen.

„Ich bin nicht pessimistisch, aber in den kommenden Jahren wird sich das demographische Problem nicht lösen“, sagt Julia Gabler von der Hochschule Zittau/Görlitz. Vielmehr sollte man überlegen, wie man diese Entwicklung politisch gestaltet, sagt die Sozialforscherin. Gabler stammt aus Rostock und lebt seit 2013 in Görlitz. Sie forscht nicht nur in der Region, sondern setzt sich auch aktiv in Frauennetzwerken ein. Anfang Oktober organisierte sie mit anderen eine Strukturwandelkonferenz zum Thema „Geschlechtergerechtigkeit in Transformationsprozessen“. „Ich war ein wenig verwundert, wie wenig männliche regionalpolitische Vertreter sich dort blicken lassen haben“, sagt Gabler. Sie stellt immer wieder fest, dass Männer anders auf die Probleme schauen als Frauen. Männer schauen etwa vor allem darauf, wie viele Arbeitsplätze man schaffen kann oder wie hoch die Investitionssummen sind, die in die Region fließen. Den erhofften Erfolg habe das allerdings nicht gebracht, meint Gabler. Gerade junge Frauen verließen die Gegend trotzdem. Mit dem zunehmenden Fachkräftemangel habe sich die Blickrichtung aber endlich mehr auf die sogenannten weichen Standortfaktoren verlagert, die auch die Lebensqualität in der Region berücksichtigen. „Nicht nur der Arbeitsplatz ist wichtig, sondern auch das Umfeld muss attraktiv sein, um mit den urbanen Räumen konkurrieren zu können.“ Im Strukturwandel sieht Gabler die Chance, Standortfaktoren wie Bildung oder Freizeitangebote gleichwertig mit der Frage der Schaffung von Arbeitsplätzen zu behandeln. Auch damit weniger junge Frauen ihre Koffer packen, um in den Städten ihr Glück zu suchen. Manchmal fragen Bürgermeister die Forscherin, was sie denn machen sollen, um die Frauen in ihre Orte zurückzuholen.Gabler antwortet dann: „Ein paar Frauen sind doch noch da, oder? Gehen Sie doch mal mit ihnen einen Kaffee trinken und hören ihnen zu.“

 

Dieser Beitrag stammt aus der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 27.10.2024

Text: Jannis Holl

Fotos: Robert Gommlich

 

 

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