Friede. Freude. Fahrradtour

Endlich ist es so weit – heute startet die Fahrradtour von F wie Kraft "Friede. Freude. Fahrradtour". Schon der Titel löst in mir Vorfreude aus, weil ich sofort an Freiheit, frische Luft und das gemeinsame Erlebnis denken muss.

Am Morgen packe ich meine Sachen: ausreichend Trinkwasser, Sonnenschutz und natürlich die Badesachen. Mein Zelt ist schon am Zielort. Knapp 50 Kilometer liegen vor uns, von Görlitz bis nach Rietschen. Die Strecke flößt mir Respekt ein, weckt aber meine Vorfreude auf die Gemeinschaft und die wunderschöne Landschaft. Ob ich das durchhalte?

Am Bahnhof in Görlitz warten bereits die ersten Mitradlerinnen. Nach und nach kommen immer mehr Frauen dazu, und bald flattern auch die türkisen F wie Kraft - Fahnen an unseren Fahrrädern. Bevor wir losfahren, gibt es noch ein Gruppenfoto – ein Moment der Vorfreude und des Zusammenhalts.

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Foto: Steffi Tusche

Unsere Tour beginnt mit einer entspannten Fahrt durch die Görlitzer Innenstadt. Am Uferpark legen wir den ersten Stopp ein, um uns gegenseitig vorzustellen. Wir erzählen einander, wie wir in die Lausitz gekommen sind, was uns hier hält und worauf wir uns besonders freuen. Diese Geschichten schaffen gleich eine Verbundenheit, weil wir durch das Teilen unserer Erfahrungen das Gemeinsame entdecken, bevor wir schließlich den eigentlichen Startschuss geben und über die Nikolaivorstadt durchs Finstertor den Ziegeleiweg erklimmen. Erster Aufstieg geschafft! Wir lassen bergabrollend Görlitz hinter uns.

Der wunderschöne Neiße-Radweg führt uns weiter, während wir bei guten Gesprächen die Landschaft genießen. Unser erster Halt ist in Kaltwasser, wo wir bei fast 30 Grad dringend eine Erfrischung brauchen. Ein Eis im Kinderspielpark ist genau das Richtige, um uns für die nächste Etappe zu stärken.

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Foto: Steffi Tusche

Mit neuer Energie setzen wir unsere Tour fort und erreichen den idyllischen Waldsee in Biehain. Hier scheint die Zeit stillzustehen – die nostalgische Atmosphäre erinnert an vergangene Tage. Nach einer Abkühlung im See meldet sich der Hunger, und wir besuchen den Imbiss am See. Die einfache, aber leckere Verpflegung lässt uns in Erinnerungen schwelgen, bevor wir uns wieder auf die Räder schwingen, um die zweite Hälfte unserer Tour zu bestreiten.

Über Felder und durch Wälder führt unser Weg weiter, und wir ziehen die Blicke der Anwohner auf uns – eine Gruppe von zwölf fröhlich fahrradfahrenden Frauen ist offenbar ein seltener Anblick.

Gegen 17 Uhr erreichen wir endlich Rietschen. Geschafft, aber glücklich und stolz auf unsere Leistung, lassen wir den Tag beim Abendbrot aus selbstangebautem Gemüse ausklingen. Auch ein plötzliches Unwetter kann unsere gute Laune nicht trüben. Im Gegenteil – es gibt so viel zu erzählen und zu teilen, während wir im Draußenwohnzimmer dem Regen zugucken. Die Gespräche, drehen sich um das Leben in der Lausitz, die Herausforderungen und die Chancen, die diese Region bietet. Deshalb ist auch die die Journalistin Grit Krause von mdr Kultur dabei – sie will genau das wissen: Warum leben wir hier, warum sind einige von uns zurückgekehrt und andere hergezogen?

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Foto: Steffi Tusche

Viele der Frauen, die heute dabei sind, sind Zugezogene. Doch warum sind sie hier? Viele kamen wegen der Liebe/Familie. Und warum bleiben sie? Einerseits, weil es hier kulturelle, soziale und landschaftliche Strukturen gibt, die das Leben hier lebenswert machen. Und andererseits, weil es hier nicht alles gibt und genau das die Möglichkeit bietet, selbst aktiv zu werden, die Region mitzugestalten und sich einzubringen. Und trotzdem steht die Frage nach einem Verlassen der Region immer wieder im Raum, denn trotz der Idylle gibt es Herausforderungen, die unseren Alltag prägen. Es ist immer wieder ein Abwägen und Suchen. Was brauchen und wollen wir? Können wir das hier finden oder erschaffen? 

Der Abend bringt uns noch näher zusammen – wir sitzen lange beisammen, reden über Gott und die Welt, und lachen über Anekdoten aus unserem Leben. Wir erzählen von Erfahrungen, die wir die wir in Nepal, den Niederlanden und England gemacht haben. Wir sind Reisende, die die Welt erkunden und wieder nach Hause in die Lausitz kommen. Denn hier, in dieser Region, haben wir unser Zuhause gefunden. Einen Ort, an dem wir unsere Erfahrungen teilen, andere Erzählungen hören und zusammen sein können. Es ist das Kleine, das Nachbarschaftliche, das uns hier zuhause fühlen lässt.

Einige fahren abends wieder nach Hause, andere bleiben über Nacht. Doch eines bleibt bei uns allen: das Gefühl, dass dieser Tag uns Kraft gegeben hat, dass wir nicht allein sind und dass es in der Lausitz viele engagierte Frauen gibt, die die Region gestalten.

Diese Fahrradtour war ein kraftvolles Zeichen der Anwesenheit und der Verbundenheit. Wir haben einander kennengelernt, Geschichten geteilt und festgestellt, dass wir gemeinsam viel erreichen können. Und das Schönste daran? Das Gefühl, Teil einer starken Gemeinschaft zu sein.

CHARLOTTE PECH…

… ist 2019 zum Studium nach Görlitz gekommen. Nach dem Bachelor in Kommunikationspsychologie studiert sie aktuell den Master Management des Sozialen Wandels an der Hochschule Zittau/Görlitz. 

 

„Ich lebe seit über 30 Jahren meinen Traumberuf“

Ein Interview mit Karin Grundmann, passioniert und engagiert für Gesundheit und Nachhaltigkeit

Als ich Karin Grundmann treffe, strahlt sie mir ab der ersten Sekunde mit einem breiten Lächeln entgegen. Voller Passion spricht sie über ihren Beruf, der gleichzeitig ihre Berufung ist. Karin ist Gesundheitsberaterin in den Bereichen Ernährung, Bewegung und Entspannung und hat sich auf allen Ebenen einem nachhaltigen Ansatz verschrieben. 

Eine besondere Herzensangelegenheit ist ihr Angebot von „Waldbaden“-Touren, wodurch Karin und ich uns begegnet sind. Das Beleuchten des Arten- und Ressourcenreichtums „vor unserer Haustür“, das Gesundheitspotential des heimischen Waldes, das Entdecken von „kleinen Wundern“ in Pflanzen- und Tierwelt – all diese sind Aspekte, die Karin den Menschen näherbringen möchte. Der Ursprung von Waldbaden liegt in Japan, wo es mittlerweile Teil der Gesundheitsvorsorge sowie eine anerkannte Therapieform ist. Auf vier-stündigen Touren gibt es eine gemeinsame Erkundung, Informatives und Entspannungsübungen im Freien. Anliegen ist es, den wissenschaftlich erwiesenen positiven Einfluss des Waldes auf die Gesundheit zu nutzen, Stress abzubauen sowie Erschöpfung vorzubeugen. 

Bereits vor 30 Jahren wagte Karin den Schritt in die Selbständigkeit, berichtet von den anfänglichen Hürden. „Ich lebe seit über 30 Jahren den Traumberuf. Nichtsdestotrotz gab es viele Höhen und Tiefen im Prozess“. Die stetige Begleitung der finanziellen Unsicherheit in den Anfangsjahren sei nicht zu unterschätzen. Natürlich gehöre Arbeit dazu. „Aber die mit Liebe gemachte Arbeit ist das Schöne“.

 

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Neben dem Waldbaden führt Karin zahlreiche weitere Projekte durch. Sie referiert unter anderem über gesunde Ernährung mit Produkten aus der Lausitz, erkundet in Workshops gemeinsam mit Besucher:innen Superfoods aus der Region und gibt Bewegungskurse für Senior:innen zur Erhaltung der Mobilität sowie zur Sturzprophylaxe.

Mit Nachdruck berichtet Karin, wie froh sie darüber ist, dass das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in den letzten Jahren immer mehr zugenommen hat. Ihr Leben lang war ihr wichtig, auf das Gleichgewicht von Geben und Nehmen zu achten. „Für mich fängt die Nachhaltigkeit bei der verantwortungsbewussten Verwendung von all unseren Ressourcen an“.

Diesen Ansatz möchte sie niedrigschwellig an Andere in all ihren Tätigkeitsfeldern vermitteln. Wenn Kursteilnehmende beispielsweise mit ihrer Anleitung eine Kräutermischung zubereiten, erleben sie auch die Arbeit, die damit verbunden ist. „Dann komm ich gar nicht auf die Idee, etwas davon wegzuwerfen. Dann ist der Schritt nicht mehr weit, dass ich, auch wenn ich ein Lebensmittel nicht selbst zubereitet habe, dafür mehr Wertschätzung entwickle“.

Wir sprechen darüber, wo Karin Unterstützungspotential für junge Frauen in der Selbständigkeit sieht.  Kurz verschwindet ihr Lächeln. Sie sieht die bestehende Notwendigkeit, Care Arbeit ausgeglichener zu verteilen. Mit alternativen Lebensmodellen gehen auch andere Anforderungen einher, insbesondere für alleinerziehende Mütter. Eine Idee könnte sein, die Elternzeit, die ein:e Partner:in beansprucht hätte, auf Freund:innen oder Großeltern zu übertragen. Es ist eine Offenheit für alternative Betreuungskonzepte notwendig. Wechselmodelle zwischen Freund:innen, nicht nur in getrennten Partnerschaften könnten eine Idee sein.

Karins Rat zum Start in die Selbständigkeit: Mit einem Herzensprojekt nebenberuflich starten. Wenn sie könnte, würde sie eine „Selbstständigkeit auf Probe“ realisieren und in den ersten Jahren verminderte Beiträge für Versicherungen etablieren.

Karin blickt mit Zufriedenheit in die Zukunft. Sie hat viele ihrer Ziele erreicht und möchte nun ihre Schaffensbereiche aufrechterhalten. Dabei legt sie Wert auf das Einhalten ihrer eigenen Auszeiten, um weiterhin mit Menschen zusammenzukommen und ihren Traumberuf zu leben.

„Ich möchte den Job nicht nur für mich, sondern auch zum Wohl des Gegenübers machen – das beflügelt“

 

ISABELLE FOBO...

... hat Karin Grundmann für uns interviewt. Sie wurde 1994 in Hoyerswerda geboren und ist im Landkreis Görlitz aufgewachsen. Sie ist Sozialarbeiterin(B.A.) und Musicaldarstellerin und befasst sich im Rahmen ihres Schaffens unter anderem mit Familienbildung, sozialer Gerechtigkeit und Frauen-Empowerment.

DAS THEMA FRAUEN UND NACHHALTIGKEIT...

... hat Franzi Stölzel für uns angestoßen. Sie hat für F wie Kraft den Eku-Nachhaltigkeitspreis gewonnen und somit diese Beitragsserie angestoßen. Lest hier weiter, was Franzi Stölzel über Frauen und Nachhaltigkeit schreibt und seid gespannt auf ein weiteres tolles Porträt über eine nachhaltig aktive Lausitzerin!

Interessant dazu ist auch die Studie "Zur (Daten-) Lage von Frauen im Strukturwandel der Lausitz", durchgeführt vom TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau/Görlitz. Dort werden die Zusammenhänge zwischen Frauen, der sozialökologischen Transformation und dem regionalen Strukturwandel beleuchtet. Hier geht's zur Studie.

Das Schöne vor unserer Haustür

Es war vor knapp fünf Jahren, als ich mich entschloss, von der pulsierenden Metropole Berlin ins beschauliche Görlitz in der Lausitz zu ziehen. Eine Entscheidung, die mit Anfang 20 eher ungewöhnlich ist, denn die meisten suchen ihr Glück in den Großstädten. Schon vor meinem Umzug musste ich mich unzähligen Fragen stellen, die Zweifel aufkommen ließen: Warum ausgerechnet in die Lausitz? Was verschlägt dich dorthin? Bist du nicht besorgt wegen der politischen Situation? Doch trotz dieser Bedenken wagte ich den Schritt, und heute, nach all den Jahren, kann ich mit Überzeugung sagen: Görlitz und die Lausitz sind für mich zu einer Heimat geworden.

Doch was hat die Lausitz, was ich vorher an anderen Orten nicht finden konnte? Was zeichnet die Lausitz in ihrer Schönheit aus? Darüber habe ich in der vergangenen Zeit oft mit meinen Freundinnen Anni und Lea gesprochen und ein paar unserer Gedanken möchte ich jetzt mit Euch teilen.

Die Landschaft der Lausitz ist dabei eines der ersten Dinge, die uns in den Sinn kam. Jedes Jahr aufs Neue zeigt sich die idyllische Landschaft mit ihren Wäldern, Bergen und Seen. Egal wonach einem gerade ist – ob im trüben, grauen Herbst entlang der imposanten Felsen und Bruchwänden des ehemaligen Steinbruchs in Königshain zu wandern, zum Pfingstfest in der Straußenwirtschaft im Weingut Wolkenberg im ehemaligen Tagebau Weltzow-Süd ein Glas Wein zu genießen, im Hochsommer den Abend am Berzdorfer See ausklingen zu lassen oder im Winter mit den Langlaufski auf den Kottmar zu fahren – in der Lausitz findet man es. Diese wundervolle Natur bietet die Möglichkeit, den Stress und die Sorgen des Alltags einfach mal zu vergessen, rauszukommen und die Schönheit und Vielfalt dieser Region zu spüren. 

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Doch nicht nur die Natur beeindruckt, auch die Städte der Lausitz haben ihren ganz eigenen Charme. Wochenmärkte in Weißwasser, Bautzen, Löbau, Zittau oder Görlitz bieten nicht nur regionale Lebensmittel, sondern auch Handwerkskunst, die die reiche Geschichte der Region widerspiegelt. Und dazu trägt natürlich auch die Nähe zu Polen bei. Nicht nur, dass wir die Möglichkeit haben, mal eben nach Zgorzelec zum Essen oder zum Feiern zu gehen, auch im Alltag wird immer wieder bewusst, dass deutsche und polnische Kultur hier aufeinandertreffen. Sei es bei Straßenfesten, die über die Grenze hinweg organisiert und veranstaltet werden, die polnische Sprache, die wir tagtäglich auf der Straße hören oder die traditionelle polnische Keramikkunst, die die Läden unserer Stadt schmückt. In Görlitz und der Lausitz zeigt sich, wie gemeinsames Leben über Kulturen, Sprachen und Grenzen hinweg geschehen kann und wie wir alle von diesem Zusammen profitieren können.

Die kulturellen Angebote vor Ort zeugen von einer lebendigen Kunstszene. Gerade diese scheint in Görlitz einen Ort gefunden zu haben, um sich auszuprobieren, sich zu wandeln oder sich neu zu erfinden. Das KunstMixTape und die KunstHalle sind längst feste Bestandteile der Stadt, während unzählige Ateliers Einblick in das künstlerische Schaffen der Region gewähren. Nicht zuletzt sind es Veranstaltungen wie das Via Thea oder die Zukunftsvisionen, die die Menschen hier zusammenbringen, sie in ihren Bann ziehen, verzaubern oder auch irritieren. Auf jeden Fall zeigen sie die Lebendigkeit und Vielfalt, die hinter den malerischen Gemäuern der Stadt zu finden sind. 

 

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Die soziokulturelle Szene prägt das tägliche Leben, schafft Raum für Begegnungen und Austausch – für Zwischenmenschliches, was manchmal nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint. Orte wie die Rabryka, das Hotti, das TELUX und die Hafenstube bieten den Raum, aufeinanderzutreffen und einander kennenzulernen. Das geschieht dabei nicht ausschließlich in lockeren Tischgesprächen bei Bier, sondern wird auch durch organisierte Workshops, Ausstellungen, Gesprächsrunden oder Aufführungen ermöglicht. Und gleichzeitig bekommen alle, die sich engagieren möchten, hier den Raum dafür. Es sind Orte, an denen man sich einbringen oder einfach einfach mal sein kann.

Doch die Menschen, die wir hier kennengelernt haben, sind das eigentliche Juwel der Region. Wir drei sind wegen Studiums nach Görlitz gekommen. Die familiäre Atmosphäre an der Hochschule, das aufrichtige Interesse und die Unterstützung seitens der Lehrenden haben uns Halt und Perspektiven gegeben. Und gleichzeitig haben sie uns unabhängig vom Lehrstoff viel mit auf den Weg gegeben, von dem sie selbst wahrscheinlich gar nichts ahnen, was uns und unser Bild der Region prägt. Und auch außerhalb der Hochschule fanden wir Gleichgesinnte, die die Region aktiv mitgestalten und zeigen, dass Görlitz und die Lausitz mehr sind als Klischees vermuten lassen.

Für uns ist die Lausitz nicht nur ein Ort, an dem wir leben - sie ist zu unserer Heimat geworden. Görlitz und die Lausitz bieten uns nicht nur eine wunderschöne Natur, kulturelle Vielfalt und eine lebendige soziokulturelle Szene, sondern vor allem die Gemeinschaft von Menschen, die ihre Region lieben, gestalten und bewahren. Hier haben wir nicht nur ein Zuhause gefunden, sondern auch die Überzeugung, dass diese warme Region viel zu bieten hat, wenn man nur genauer hinschaut. Oder um es mit den Worten von Lea zu sagen: „Niemals nie sollten wir uns im Trott des Alltags verleben und das Schöne in dieser warmen Region aus den Augen verlieren, wenn es doch direkt vor uns liegt“.

 

Charlotte Pech…

… ist 2019 zum Studium nach Görlitz gekommen. Nach dem Bachelor in Kommunikationspsychologie studiert sie aktuell den Master Management des Sozialen Wandels an der Hochschule Zittau/Görlitz. 

Kunstprojekt "100 berühmte Frauen"

Wir alle stehen immer wieder vor einer leeren Leinwand. Diese Leinwand ist unser Leben, das uns alle möglichen Optionen zur Verfügung stellt.

Was als Funke begann, wurde zum Inspirationsfeuer: Die Vision von „100 berühmte Frauen“ entstand aus Bewunderung für diejenigen, die den Lauf der Geschichte verändert haben. Mit jedem Pinselstrich, mit jeder gewählten Farbe fühle ich mich diesen außergewöhnlichen Frauen näher. Sie sind nicht nur Motive für meine Kunst, sondern meine Weggefährten auf einer Reise, die weit über die Grenzen der Leinwand hinausgeht.

 

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Frida Kahlo

Yulia Sidiropoulos (Acryl auf Leinwand, 2024)

Dieses Projekt, begonnen im Jahr 2023, ist zum Teil meines Lebens geworden. Selbstverständlich begleiten mich auf dieser Reise auch hindernde Gedanken wie „Erschaffe ich denn was Neues?“ Neues? Nein, neu muss es nicht sein — aber vielleicht anders erzählt, anders interpretiert, anders gefühlt. Mit jeder fertiggestellten Leinwand wächst die Sammlung, und mit ihr mein Wunsch, diese Geschichten zu teilen. Es sind die Geschichten von Wissenschaftlerinnen, die die Grenzen des Wissens erweiterten, von Heldinnen, die für ihre Überzeugungen kämpften und die Welt durch ihre Taten und Worte verändert haben. Ihre Beiträge wurden oft ignoriert, übersehen oder vergessen. Meine Bilder erzählen von ihren Kämpfen und Triumphen, von den stillen Momenten des Zweifels und den lauten Momenten des Erfolgs. Ich erinnere die Welt daran, dass diese unglaublichen Frauen die Geschichte der Wissenschaft, Politik, Literatur, Musik - unsere Geschichte - geschrieben haben.

 

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Clara Zetkin

Yulia Sidiropoulos (Acryl auf Leinwand, 2024)

Mit jeder Pinselbewegung entsteht eine Verbindung, und ich hoffe, dass diejenigen, die meine Werke betrachten, ebenfalls eine Verbindung spüren und dazu inspiriert werden, ihre eigenen Fortschritte zu erzielen.

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Virginia Woolf

Yulia Sidiropoulos (Acryl auf Leinwand, 2024)

Das Projekt „100 berühmte Frauen“ ist ein Manifest, ein Aufruf zum Handeln, eine Erinnerung – kämpft um eure Rechte, lebt eure Träume, leuchtet! Diese Serie ist noch nicht vollendet: Es gibt noch achtzig Geschichten zu erzählen. Die ersten zwanzig Bilder enthalten aber bereits ein ganzes Universum – eine Brücke zwischen den Generationen. Und während ich weiter an dieser Serie arbeite, wächst in mir die Hoffnung, dass sie mehr Licht in die Dunkelheit bringt und den Weg für zukünftige Generationen von Frauen zeigt, die ihre eigenen Kapitel in der Geschichte schreiben werden.

 

Yulia Sidiropoulos...

...ist freischaffende Künstlerin aus Nordrhein-Westfalen. In ihrem aktuellen Kunstprojekt möchte sie 100 berühmte Frauen porträtieren. Gerne könnt ihr Yulia Sidiropoulos Vorschläge, Anfragen und Ideen bezüglich dieser Serie zukommen lassen. Mehr zum Entstehungsprozess findet ihr auf ihren Social-Media-Kanälen wie Youtube oder Instagram.

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Wenn ihr Yulia direkt kontaktieren möchtet, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.!

 

 

 

Heimat kann Verbindlichkeit sein

Interview mit Dagmar Ickert, Mitgestalterin und Netzwerkerin in und um Reichenbach

Wenn es um gemeinwohlorientierte Initiativen in und um Reichenbach geht, dann kommt man an Dagmar Ickert kaum vorbei. Sie ist auf vielfältige Weise Mitgestalterin und Netzwerkerin in ihrer Heimatregion.

Eine ihrer Herzensangelegenheiten ist die Belebung des Spritzenhäuschens in ihrem Heimatort Niederreichenbach. Als dieses 2013 abgerissen werden sollte, war sie Mitakteurin im Kampf um die Erhaltung des Gebäudes, das in früheren Zeiten als Feuerwehrstandort in Niederreichenbach diente. Nach unerschöpflichen Bemühungen konnte der Abriss verhindert und das Gebäude als Treffpunkt in der Dorfmitte erhalten werden. 2015 wurde der Verein „Spritzenhaus Niederreichenbach“ gegründet. Regelmäßig finden vor Ort kulturelle Ereignisse wie das Flenntippelschnitzen oder der Tag des offenen Denkmals statt.

Nachhaltigkeit ist grundsätzlich ein wichtiges Thema für Dagmar. Dies zeigt sich nicht nur durch ihre Teilhabe an Initiativen wie der Görlitzer Marktschwärmerei, bei der der Fokus auf dem achtsamen Verkauf regionaler Produkte liegt. Auch in Bezug auf die Nutzung des Spritzenhäuschens ergibt sich ein bewusster Umgang mit Ressourcen automatisch. Weder Heizungs- noch Wasseranschlüsse sind vorhanden. Somit finden die Veranstaltungen mit minimalistischen Möglichkeiten und kreativen Alternativen statt. 

Mit Begeisterung in der Stimme legt sie nahe, dass es darum geht, unter welchen Umständen man Menschen zusammenführt und wie schön es ist, generationsübergreifend kreativ zu werden, sich mit der Geschichte der Region auseinander zu setzen und den ländlichen Raum wiederzubeleben. Die Devise ist: Die Umgebung aktiv gestalten. 

Dagmar meint: „Heimat kann Verbindlichkeit sein“. Wenn Menschen teilhaben an der Gestaltung der eigenen Umgebung, dann entsteht Verbindung. Es kann Früchte tragen, indem künftige Generationen gerne bleiben oder zurückkommen und Einfluss nehmen wollen. Im Zuge der Zusammenkünfte können die Bewohner:innen sensibilisiert werden für nachhaltige Themen. „Sowas ergibt sich“.

 

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 Foto: privat

Wie könnte man die Region aus Dagmars Sicht attraktiver für junge Frauen machen? Sie betont, dass es vonnöten ist, auf die Bedürfnisse der jungen Menschen einzugehen, zudem Toleranz vorzuleben und von anderen einzufordern. Es bedarf weiterhin der Vereinfachung von Strukturen. Es gibt Hindernisse in der Kommunalpolitik, von denen man sich nicht abschrecken lassen darf. Sie rät, bei einer vorhandenen Idee in die Aktivität zu kommen. „Es wird manchmal zu lange drauf rumgeredet, zu viel diskutiert“. Unkonstruktives Debattieren versus Ins schaffen kommen. Sich vernetzen und einander beraten hilft.

Ihr Appell an jüngere Generationen: Trotz aller scheinbarer Möglichkeiten sollten sie Verbindlichkeit zeigen sowie sich selbst reflektieren. Sie sollten denen, die diesen Wandel noch nicht im Blick haben, nichts überstülpen, sondern sie vielmehr behutsam an die gesellschaftlichen Veränderungen gewöhnen.

Zukünftig darf es so weitergehen wie bisher. Dagmar steht ein für niedrige Hierarchien in den Vereinsstrukturen und möchte dies weiterhin leben. Sie blickt optimistisch in die Zukunft: „Wir sind gut aufgestellt“.

 

 

ISABELLE FOBO...

... hat Dagmar Ickert für uns interviewt. Sie wurde 1994 in Hoyerswerda geboren und ist im Landkreis Görlitz aufgewachsen. Sie ist Sozialarbeiterin(B.A.) und Musicaldarstellerin und befasst sich im Rahmen ihres Schaffens unter anderem mit Familienbildung, sozialer Gerechtigkeit und Frauen-Empowerment.

DAS THEMA FRAUEN UND NACHHALTIGKEIT...

... hat Franzi Stölzel für uns angestoßen. Sie hat für F wie Kraft den Eku-Nachhaltigkeitspreis gewonnen und somit diese Beitragsserie angestoßen. Lest hier weiter, was Franzi Stölzel über Frauen und Nachhaltigkeit schreibt und seid gespannt auf ein weiteres tolles Porträt über eine nachhaltig aktive Lausitzerin!

Interessant dazu ist auch die Studie "Zur (Daten-) Lage von Frauen im Strukturwandel der Lausitz", durchgeführt vom TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau/Görlitz. Dort werden die Zusammenhänge zwischen Frauen, der sozialökologischen Transformation und dem regionalen Strukturwandel beleuchtet. Hier geht's zur Studie.

„Handeln anstatt nur Reden“

Ein Interview mit Dagmar Steuer, Vielfach-Engagierte von "Eine Stadt pflanzt" bis "Initiative Mitmachstadt Hoyerswerda"

Wovon lebt eine Stadt? Wie bringt man Bürger:innen zusammen? Wie belebt man eine Region – insbesondere eine Region, die einige strukturelle Herausforderungen in sich birgt?

Diese Fragen begleiten Dagmar Steuer stets bei ihrer Arbeit. Sie ist aktive Mitgestalterin zahlreicher Initiativen im Raum Hoyerswerda und strotzt auf kreative Weise den Hürden, die eine Kleinstadt im östlichen Sachsen im Strukturwandel-Gebiet mit sich bringt. In ihrem Selbstverständnis verbindet Dagmar Gemeinwesenarbeit stets mit einer Nachhaltigkeitskomponente und kämpft dabei unermüdlich für die Umsetzung ihrer Projekte.

So rief sie im Jahr 2019 die Initiative „Eine Stadt pflanzt“ ins Leben, bei der Anwohner:innen bisher circa 250 Bäume auf einer Wiese im Stadtteil Hoyerswerda/Neida pflanzten. Seit 2021 wird die Aktion auf weiteren Flächen fortgeführt. Hintergrund sind die Vorsorge gegen Waldsterben, langfristiger Klimaschutz, sowie das Kreieren eines Naherholungsraumes. Beteiligte Bürger:innen werden direkt dort aktiv, wo sie leben und die Früchte der Eigeninitiative beobachten können. „Handeln anstatt nur Reden“ ist der Vorsatz. 

Des Weiteren ist Dagmar seit 2020 Teil der Initiative Mitmachstadt Hoyerswerda, bei der der Fokus auf Bürgerbeteiligung und Nachhaltigkeit liegt. Als eine der Gründer:innen der Naturschutzbund Deutschland-Ortsgruppe Hoyerswerda verfolgt sie Ziele wie aktiven Natur- und Artenschutz, den Erhalt von Biodiversität, die Neuanlage und Pflege von Streuobstwiesen und den Schutz der Auenlandschaft der Schwarzen Elster. Zur Umsetzung werden Projekte und Infoveranstaltungen durchgeführt.

Neben ihrem Einsatz für die Mitgestaltung ihrer Heimatregion unterstützt Dagmar Menschen als Gesundheitscoach. Sie gibt gesundheitsfördernde Kurse im Bereich Fitness, Yoga sowie Pilates und ist als Anleiterin für Fastengruppen tätig. „Die positiven Aspekte des Fastens mit Yoga kombiniert sind eine unerschöpfliche Quelle der Gesundheit und Energie“.

 

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 Foto: Dagmar Steuer

 Das Thema Nachhaltigkeit zieht sich durch alle ihre Schaffensbereiche. Achtsamkeit und Verzicht gehen einher mit bewusstem Umgang mit Ressourcen. In ihren Kursen bewirbt sie die regionale Versorgung und fungiert als Vorbild für nachhaltiges Handeln. Sie baut Obst und Gemüse im eigenen Garten an, bezieht Produkte von den Obstrettern und der Solidarischen Landwirtschaft sowie von Bauernhöfen aus der Region. „Kurze Lieferwege sind dabei ein wichtiger Nachhaltigkeitsansatz“.

Ein Ziel ihrer Naturschutzarbeit ist die nachhaltige Gestaltung von Lebensräumen der regionalen Tier- und Pflanzenwelt. „Es macht einfach Spaß im Einklang mit Körper, Seele und Natur auf dieser Welt zu weilen und andere Menschen zu inspirieren“.

Besonders wichtig ist Dagmar ihre Funktion als Mentorin für junge Frauen, die sich selbständig machen wollen oder nach neuen Perspektiven suchen. Sie war Teil des Programms „Starke Frauen für die Oberlausitz“ des Fraueninitiative Bautzen e. V. Gerne würde sie ihre Funktion als Mentorin ausbauen. Dagmar plädiert für eine (Online-) Plattform, durch die sich Mentorinnen und Schützlinge verbinden könnten.

Jüngeren Generationen würde sie raten, nicht nur auf Protest zu setzen, sondern aktiver in der Mitgestaltung ihrer direkten Umgebung zu werden. „Wir bieten mit der Initiative Mitmachstadt dafür optimale Bedingungen.“

 

ISABELLE FOBO...

... hat Dagmar Steuer für uns interviewt. Sie wurde 1994 in Hoyerswerda geboren und ist im Landkreis Görlitz aufgewachsen. Sie ist Sozialarbeiterin(B.A.) und Musicaldarstellerin und befasst sich im Rahmen ihres Schaffens unter anderem mit Familienbildung, sozialer Gerechtigkeit und Frauen-Empowerment.

DAS THEMA FRAUEN UND NACHHALTIGKEIT...

... hat Franzi Stölzel für uns angestoßen. Sie hat für F wie Kraft den Eku-Nachhaltigkeitspreis gewonnen und somit diese Beitragsserie angestoßen. Lest hier weiter, was Franzi Stölzel über Frauen und Nachhaltigkeit schreibt und seid gespannt auf ein weiteres tolles Porträt über eine nachhaltig aktive Lausitzerin!

Interessant dazu ist auch die Studie "Zur (Daten-) Lage von Frauen im Strukturwandel der Lausitz", durchgeführt vom TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau/Görlitz. Dort werden die Zusammenhänge zwischen Frauen, der sozialökologischen Transformation und dem regionalen Strukturwandel beleuchtet. Hier geht's zur Studie.

Es weht ein leiser Wind von West nach Ost

Rückkehrerin | Sie war eine von Hunderttausenen gut ausgebildeten Frauen, die nach 1990 in den Westen gingen. Nun kehrt die Sozialarbeiterin Andrea Guth zurück. Ihre Tochter auch.

Der Osten ist weiblich! Im Wendejahr 1989 stimmte das. Nicht zu 100 Prozent, aber zu weit über 90. Fast alle Frauen in der DDR arbeiteten damals.
Als Verkäuferinnen, in Krankenhäusern und Schulen, als Ingenieurinnen, auf dem Bau und in Kraftwerken. Die meisten Frauen, gerade in den sogenannten typischen Männerberufen, legten dabei noch nicht einmal großen Wert auf ihre weibliche Berufsbezeichnung. Sie machten einfach ihren Job, nicht selten Karriere; Kinder und Hausarbeit dazu. An den Universitäten, in den Hörsälen herrschte ein ziemlicher Gleichklang: Ende der 1980er Jahre waren 50 Prozent der Studierenden weiblich. Dass Frauen einem Land derart ihren Stempel aufdrückten, das war einmalig. In Europa, aber auch weltweit.

Genauso einmalig war dann allerdings auch der Absturz. Der begann mit der deutschen Einheit. Die Ex-DDR-Leute verließen in Scharen den Osten. Erwerbslosigkeit oder miese Verdienstmöglichkeiten vor Ort trieben sie in den alten Westen: Die Statistik spricht von fast 1,4 Millionen Menschen, die in den ersten Einheitsjahren abwanderten. Und wer ging, das waren vor allem die Frauen. Die jungen und die gut ausgebildeten. Andrea Guth gehörte zu ihnen. Das Weggehen war bei ihr ursprünglich gar nicht vorgesehen. Das passierte im Laufe ihrer Ausbildung. Über das Zurückkommen allerdings entschied die heutige Rentnerin sehr bewusst.

 

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Wir treffen uns in ihrem Lieblingscafé in Teltow, in der Stadt, in der Andrea Guth einst geboren wurde und aufgewachsen ist. Die liegt in Brandenburg, unweit von Potsdam, am südwestlichen Stadtrand von Berlin. Persönlich begegnen wir beide uns hier zum ersten Mal, vorher gab es nur Telefonate. Am Eingang steht eine Frau mit freundlichen blauen Augen, einem offenen, neugierigen Blick. Zunächst erzählt sie behutsam von ihrem Lebenswechsel Ost–West–Ost. Denn – so sagt sie – so richtig wissen wollte das bislang niemand.

Andrea Guth war die Älteste von sieben Geschwistern. Mit 16 Jahren und der Mittleren Reife in der Tasche verließ sie das Elternhaus. Vater und Mutter hatten entschieden, sie solle Erzieherin lernen, in einer katholischen Einrichtung. Das könne sie doch bestimmt, sie habe ja so viele Geschwister und sei den Umgang mit Kleineren gewohnt. Selbst geprägt durch eine strenge katholische Erziehung, aber auch weil sie keine Idee für ihre berufliche Zukunft hatte, gehorchte sie – wie sie sagt – als „brave Tochter“.

Das erste Jahr fand auf der sonnigen Insel Usedom statt, in einem Kinderkurheim. Insgesamt dauerte die Ausbildung an verschiedenen Orten vier Jahre, und am Ende hatte Andrea Guth mit Anfang 20 einen Abschluss als „Erzieherin im katholischen Dienst“. Staatlich anerkannt wurde diese Qualifikation von den offiziellen DDR-Stellen allerdings nicht. Der jungen Frau war das egal, sie mochte ihren Job, liebte die Kinder, wurde nach ersten Berufsjahren und -erfahrungen sogar Chefin eines katholischen Kindergartens in Potsdam-Babelsberg. Den leitete sie bis in den Sommer 1989 hinein. Dann kam der Herbst, und nichts war mehr wie vorher gedacht – oder wie geplant.

Dieses ganze Westrecht

Nur zwei Monate vor dem Mauerfall, im September 1989, hatte Andrea Guth – jetzt schon 30-jährig – eine Fortbildung angefangen. Die sollte zwei Jahre laufen und sie befähigen, auch mit Jugendlichen zu arbeiten. Also paukte sie DDR-Rechtskunde, Religionspädagogik, Methodik und vieles andere mehr im Katharinenstift in Berlin. Doch schon wenige Wochen später war klar: Das Land wird verschwinden, und damit auch alle bisherigen Gewissheiten und Verabredungen. Aus der Schule im Stift wurde eine Sozialpädagogische Fachhochschule, die zuvor gepaukte Rechtskunde wurde unnützes Wissen, und aus der zweijährigen Fortbildung wurde ein vierjähriges Studium. Viele Dozenten kamen nun aus dem Westen, vorrangig aus Freiburg und München. Da war anfänglich viel Fremdheit, gegenseitiges Nichtwissen und Nichtverstehen. Auch an Arroganz erinnert sich Andrea Guth. Manchmal wollte sie alles hinschmeißen. „Dieses ganze Westrecht, die Verwaltungskunde haben mir fast das Genick gebrochen.“
Sie hat nicht hingeschmissen. Andrea Guth gehörte zum ersten Jahrgang an dieser neu gegründeten Fachhochschule, der mit einem Diplom für Sozialpädagogik/ Soziale Arbeit abschloss. Da war sie 34 Jahre alt, wieder einmal die Älteste.
Was kaum noch in der öffentlichen Erinnerung ist: Das frisch gegründete Land Brandenburg – und Andrea Guths Heimatstadt Teltow zählte dazu – zahlte in den Einheitsanfangsjahren jungen Leuten eine Art Wegzugprämie. Mangels eigener Ausbildungschancen sollten Schulabgängerinnen und Schulabgänger wenigstens schon mal anderswo eine berufliche Ausbildung beginnen, um nicht gleich beim Arbeitsamt zu landen und „nicht vermittelbar“ zu sein. Die Landesregierung unterstützte das Weggehen mit einem finanziellen Obolus. Das Geld war gedacht zum Ersteinrichten einer eventuellen kleinen Wohnung oder eines WG-Zimmers. Der Start, das Ankommen in der Fremde, sollte so wenigstens materiell ein wenig erleichtert werden. Damit verbunden war jedoch die Hoffnung: Die kommen schon zurück. Irgendwann danach. In den neuen Bundesländern werden sich in der Zwischenzeit, wenn auch nicht unbedingt „blühende Landschaften“, so doch neue Unternehmensstrukturen und Arbeitsperspektiven etabliert haben.

Ein Irrglaube, wie man rückblickend weiß. Allein im Jahr 1992 wanderten fast 30.000 Frauen von Ost nach West, erfasst durch das Statistische Bundesamt 2005. Diese Wanderungswelle ebbte auch nicht wirklich ab. Noch einmal ab Ende der 1990er Jahre zogen vermehrt junge Menschen, insbesondere Frauen, mit höheren Bildungsabschlüssen aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen weg. Unter allen Menschen, die seit 1991 abgewandert sind, waren fast zwei Drittel weiblich.Die Gründe dafür lagen immer noch bei den schlechten Berufs- und Verdienstmöglichkeiten. Diese Frauen – weggegangen im Alter von 18 bis 30 Jahren – fehlen bis heute. Darum stimmt das einstige Bild vom „weiblichen Osten“ in vielen Regionen Ostdeutschlands nicht mehr. Unter den jungen Erwachsenen offenbart sich ein Frauendefizit, das in dem Maß in Europa einzigartig war.

Andrea Guth profitierte übrigens nicht von den finanziellen Anreizen zum Weggehen. Der Grund: Es war ja bereits ihre zweite berufliche Ausbildung. Das letzte Studienjahr war ein praktisches, und da es 1992 im Osten (abgesehen von Westberlin) noch keine sozialpädagogischen Einrichtungen gab, landete die angehende Sozialarbeiterin tief im Westen. In Rheinland-Pfalz, Ludwigshafen, im Gesundheitsamt. Ein tolles, ein lehrreiches Jahr, sagt Andrea Guth. Sie lernte alle Abteilungen kennen: Drogen und Sucht, Leben mit Behinderung, Familienpflege, die Aids-Abteilung. Sie konnte überall viele Wochen „reinschnuppern“. Doch wie funktionierte der Alltag mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Westen? Andrea Guth schmunzelt und sagt: „Sie waren wohl ein wenig gespannt, wie eine aus dem Osten sich macht.“ Aber sie selbst sei ohnehin sehr neugierig gewesen, dazu bescheiden, und sie könne gut zuhören. Sie wollte einfach alles wissen und verstehen. Über die Arbeit entstanden so auch Freundschaften.

Matschepampenheulglück

Ludwigshafen wäre ein guter Lebensort gewesen. Auch weil der langjährige Freund, ebenfalls aus dem Osten, dort arbeitete – sein Arbeitgeber in der alten Heimat war pleitegegangen. Die beiden heirateten, reisten nach Griechenland, doch zurück von der Hochzeitsreise, bekamen sie die Ansage: Der Ehemann muss nach Sindelfingen, Mercedes-Standort in Baden-Württemberg.
Andrea Guth zog ihrem Mann hinterher und baute sich in Sindelfingen ein neues berufliches Umfeld auf: Koordinatorin für Nachbarschaftshilfe und Familienpflege, später Integrationskindergärtnerin. Zwischendurch selbst zwei Kinder geboren, eine Tochter, einen Sohn. Gewöhnungsbedürftig für sie als Ostfrau war, dass in Baden-Württemberg die Kinder erst mit drei Jahren in die Kita kamen. Mit Erstaunen quittierte sie auch, dass sich später – als sich per Gesetz das Blatt für eine öffentliche und frühzeitige Kinderbetreuung wendete – viele junge Mütter dafür entschuldigten, dass sie ihre Kinder schon nach der Elternzeit in die Kita gaben. Es habe immer dieser leise Vorwurf von „Rabenmutter“ in der Luft gelegen.
Und noch etwas bemerkte Andrea Guth. Über ihre eigenen Kinder, bei Elternbegegnungen in der Kita oder in der Schule, lernten sie andere „Ostler“ kennen. Aus Zittau, aus Altenburg, aber auch aus Kroatien und Ungarn. Da sei sehr schnell „ein Draht“ gewesen. Sie sprachen über ähnliche Themen und Erfahrungen. Über das Weggehen und Ankommen, über „Bleiben oder doch wieder zurück nach Hause?“.

 

F6

 

Andrea Guth ist zurück. Seit zwei Monaten. Denn bei allem „Glück“, das sie in ihrem Ost-West-Leben hatte, war eins immer da: die Sehnsucht nach Teltow, nach ihrer großen Familie. Der Abschied von Baden-Württemberg fiel ihr nicht so schwer, der von den Nachbarn und Freunden aber schon. Sie selbst bekam dann „das große Heulen“ bei ihrer Ankunft in Teltow: Ein ganzer Haufen Nichten und Neffen, Schwager und Schwägerinnen und natürlich auch die Geschwister standen vor ihrem neuen Zuhause. Es regnete, es war „Matschepampe“, egal – alle packten an, schleppten Kisten, Kartons und Möbel.
Jetzt lebt Andrea Guth wieder an dem Ort, von dem aus sie vor 30 Jahren aufgebrochen war, um sich neu zu erfinden. Die Stadt ist nicht mehr die alte, sie hat sich verändert, gehört zu den beliebten Zuzugsorten im Speckgürtel von Berlin. Trotzdem: Sie ist immer noch und wieder Heimat, sagt Andrea Guth. Es sind die Menschen, das Gefühl, dazuzugehören.
Ihre Tochter hat sie übrigens mitgebracht. Die wollte – obwohl im Westen geboren – mit in den Osten. Die Ergotherapeutin ist jetzt in Elternzeit und wird dann beruflich wieder einsteigen. Ihr Mann, ursprünglich aus Bremen und kompetent in Wirtschaft und Maschinenbau, ist schon in Lohn und Brot. Der Wind hat sich gedreht. Wenn auch nur leicht, von West nach Ost.

 

 Der Artikel erschien am 28. September 2023 im der Freitag | Nr. 39

Der Osten ist weiblich. Immer mehr Frauen wollen in Ostdeutschland leben. Was finden sie dort?

 

Giesela Zimmer...

...moderierte lange Jahre das noch im DDR-Fernsehen gegründete, dann vom ORB übernommene Frauenjournal ungeschminkt. Heute arbeitet sie als freie Autorin.

 

Die Fotos...

... stammen aus den Fotoalben der Familie Pech und wurden für diesen Artikel zur Verfügung gestellt.

HIER ARBEITEN – WIEVIELE KOMPROMISSE SIND GENUG?

INTERVIEW MIT ANITA KOTTWITZ

Anita Kottwitz arbeitete von 2015 bis 2016 im Forschungsprojekt F wie Kraft. Sie leitete die Befragungen von Schülerinnen und Studentinnen zu den Verbleibperspektiven im Landkreis Görlitz. Zum Thema junge, qualifizierte Frauen in der Region kann sie sowohl aus der professionellen Sicht als aus ihrer persönlichen Erfahrung berichten: Sie kam vor einigen Jahren als Sozialwissenschaftlerin aus Berlin zum Leben in die Oberlausitz.

Was ist dein Bezug zum Projekt?

In erster Linie war es mein Beruf, den ich einbringen konnte, als Sozialwissenschaftlerin. Ich war zu dem Zeitpunkt, als das Projekt startete, gerade in die Oberlausitz gezogen. Vorher hatte ich zwölf Jahre in Berlin gelebt, so hat mich das  auch persönlich interessiert: Welche Perspektiven haben hier die jungen Menschen, die jungen Frauen in der Region,  beruflich Fuß zu fassen? Das war auch meine persönliche Situation zu diesem Zeitpunkt. So habe ich ein persönliches Interesse mitgebracht und konnte natürlich aber auch meine Expertise mit einbringen.

Was ist, zusammenfassend betrachtet, deine persönliche Perspektive auf das Thema junge, gut ausgebildete Frauen in der  Oberlausitz?

Meine persönliche, nicht die wissenschaftliche?  Das ist natürlich immer ein bisschen schwierig  voneinander zu trennen, wenn man in dem Bereich auch tätig war. Aber ich würde sagen, es ist grundsätzlich schwer, hier auch beruflich Fuß zu fassen. Also zumindest  in meinem Bereich. Ich bin Sozialwissenschaftlerin. Ich weiß jetzt nicht, wenn man einen technischen Beruf, vielleicht im Ingenieurwesen, ausführen würde, ob es dann leichter wäre. Ich kann nicht einschätzen, wie leicht oder schwer es da die Frauen haben. Aber ich kann sagen, dass es für Sozialwissenschaftlerinnen jetzt nicht so leicht ist. Wenn man bereit ist, gewisse Kompromisse einzugehen, ist es möglich, aber ich frage mich dann auch immer: Wie viele Kompromisse muss man eingehen? Nehme ich jetzt eine befristete Stelle in Kauf und dazu noch ein niedriges Einkommen und dann eben vielleicht noch einen Beruf, der nicht ganz auf das Profil passt. Also das wären jetzt eigentlich schon eine Reihe an Kompromissen. Im Moment ist mein Kompromiss, dass ich gar nicht hier, sondern in Berlin bzw. Bielefeld arbeite und pendeln muss, aber hauptsächlich von zu Hause aus arbeiten kann. Aber ich habe jetzt keine Stelle direkt hier in der Region gefunden.

Rückblickend auf das Projekt: Was nimmst du mit?

Ich nehme mit, dass es – aus meiner Sicht – hier schon unheimlich viele engagierte Frauen gibt. In jedem Alter, sowohl junge, als auch ältere Frauen, die sich dieses Themas auch angenommen haben und da aktiv sein wollen. Dass sie auch andere Projekte anstoßen wollen und auch ein bisschen das ausstrahlen wollen, was die Frauen sich hier eben wünschen, um hier auch gut leben zu können.

Susanne Lerche ist seit August 2017 mit F wie Kraft verbunden. Der berufliche Hintergrund, den sie einbringt, liegt in ihrer Praxiserfahrung in der Jugend- und Bildungsarbei.Darüber hinaus lebtsie mit ihrer Familie in der Region und wünscht sich, dass sich hier Türen und Räume für junge Frauen öffnen.

… UND IN FINSTERWALDE SCHEINT DIE SONNE

Es ist noch dunkel als Pauline und ich nach Finsterwalde aufbrechen. Vier Frauen sind unser Grund, aus dem 100km entfernten Görlitz nach Finsterwalde zu reisen, um die Finsterwalderinnen endlich persönlich kennenzulernen. Im Zuge unserer Recherchen zu engagierten Frauen in der Lausitz sind wir schnell auf sie gestoßen: Maria Goldberg, Stephanie Auras-Lehmann, Sandra Spletzer und Stefanie Richter werden heute nicht zum ersten Mal interviewt und sind quasi alte Medien-Häsinnen.

Unser Weg führt uns aus Görlitz in Richtung Norden, durch Wald und Heidelandschaft, vorbei an kleinen und großen Ortschaften, Kraftwerken und Tagebauseen und stimmt uns auf unser Thema ein. Wie schaffen es vier Frauen aus Finsterwalde, Menschen zu überzeugen in diese vom Strukturwandel gebeutelte Region zurückzukehren? Das Thema Rückkehr ist ihre Leidenschaft. Sie selbst sind aus Großstädten wieder in die Lausitz gezogen und haben schnell gemerkt: Es ist nicht nur eine Frage des Jobs, hier wieder leben zu können. Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Vier heute auch beruflich. Sie wollen viele Menschen in die Region locken: Zum Gucken, zum Austauschen, zum Dableiben… Wieso und wie machen sie das? Was ist ihr Geheimnis? Wir wollen wissen, was andere Unternehmerinnen, Rückkehrerinnen und Netzwerkerinnen von ihnen lernen können.

In Finsterwalde angekommen steht die Sonne mittlerweile hoch am Himmel und auch wir strahlen vor Vorfreude, sogar als wir uns zunächst in den verwinkelten Gässchen verirren. Wir staunen über den mittelalterlichen Charme des Zentrums und gelangen auch bald an unser Ziel – dem Büro der Willkommensagentur „Comeback Elbe-Elster“. Das Büro ist lichtdurchflutet und liebevoll eingerichtet. Die Arbeitsplätze können gleichzeitig als Coworking-Space gemietet werden. An einer Wand befindet sich ein kleiner Heimatladen mit Spreewaldgurken und Selbstgebasteltem. Wir werden herzlich begrüßt. Zu unserem bunten Haufen gesellt sich noch Tine Jurtz. Sie ist Fotografin aus Bad Muskau. Sie porträtiert auf ihrer Website starke Frauen aus der Lausitz und hat uns angeboten, ein paar schöne Fotos während unseres Treffens zu schießen. Es duftet nach Kaffee, der Tisch ist bunt gedeckt, wir fühlen uns auf Anhieb wohl und quatschen sofort drauf los.

VERNETZUNG, SICHTBARKEIT, ERREICHBARKEIT

Meine Frage, ob die Vernetzung engagierter Macher*innen in Finsterwalde wirklich so gut ist, wie wir überall gelesen haben, beantworten die Vier einstimmig und lachend mit einem Ja. Das Willkommensnetzwerk ist durchaus erfolgreich, für viele offene Stellen haben sich Rückkehrer*innen gefunden, so Stephanie Auras-Lehmann. Außerdem hat der Landkreis Elbe-Elster jetzt drei Coworking-Spaces, die IHK modernisiert sich, man kann gemeinsam etwas bewegen. Es gibt aber immer noch Luft nach oben. Zum Beispiel müsse noch mehr für die Einbindung der „Einheimischen“ getan werden, denen es teilweise aufstößt, dass nur Rückkehrer*innen besonders umschmeichelt werden. Hier muss das Ziel sein, alle mitzunehmen. Dies kann durch gute Sichtbarkeit und Erreichbarkeit erzielt werden. Deshalb experimentieren Sie zum Beispiel mit ihren Öffnungszeiten, haben einen Bücherschrank vor dem Laden, organisieren öffentliche Aktionen.

DIE MENSCHEN ERNST NEHMEN, IDEEN WEITERVERFOLGEN

Pauline und ich wollen von den Finsterwalderinnen wissen, was „Lausitz“ und „Strukturwandel“ für sie bedeuten. Sandra Spletzer sieht den Strukturwandel als Chance und ist überzeugt, dass die meisten Lausitzer*innen Gestaltungsbedarf und Ideen haben. Um diese zu nutzen, müsse jedoch mehr in sozialen Zusammenhalt und in Sozialstrukturen investiert werden. Somit kann der Region eine neue Identität gegeben und die Lausitz positiver auf der Deutschland-Karte verortet werden. Ihr Netzwerk trifft sich regelmäßig mit der Brandenburgischen Staatskanzlei und kann somit auch jenseits von Konferenzen, Bürgermeisterrunden und Kommissionen Wissen und Ideen weitergeben.

Stephanie Auras-Lehmann findet es essenziell, zivilgesellschaftliches Engagement zu fördern und auch daraus Arbeitsplätze entstehen zu lassen. Sie hat schon an vielen Bürgerbeteiligungsprozessen teilgenommen, hatte jedoch nie das Gefühl, sich wirklich einbringen zu können. Als Bewohnerin einer „Randregion“ fühle man sich bei großen, zentralen Konferenzen und Diskussionsforen in der Landeshauptstadt oft nicht wahrgenommen. Diese seien zudem männerdominiert und es kämen „immer die Gleichen“. Im Allgemeinen fühle es sich wirkungsvoller an, vor Ort und im kleinen Kreis Dinge zu bewegen. Auch dafür bedarf es aber einiger Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel der Ausbau der digitalen Infrastruktur. Auch sie ist überzeugt, dass die Bürger*innen der Lausitz unzählige gute Ideen haben, jedoch viele nicht wissen, wie sie diese umsetzen und wen sie diesbezüglich ansprechen können. Die Menschen haben große Lust, sich zu engagieren und trotzdem werden Beteiligungsprozesse kaum angenommen. Dies passt für sie nicht zusammen – hier müsse sich noch einiges tun. Maria Goldberg und Stefanie Richter pflichten ihr bei. Sie sehen das Problem darin, dass Prozesse zu lange dauern und die Gründe dafür nicht von außen erkennbar sind – die Nichtinformation sorge für Frust bei Außenstehenden.

„WIR BRAUCHEN JETZT JUNGE ENTSCHEIDER*INNEN!“

Der Strukturwandel betrifft natürlich nicht nur die Frauen, aber um in Unternehmen, Netzwerken, Organisationen etc. innovativer und moderner zu werden, ist Frauenkraft gefragt, so Stefanie Richter.

Stephanie Auras-Lehmann betont, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiterhin ein entscheidendes Hemmnis für politisches und zivilgesellschaftliches Engagement sein kann. Es bräuchte mehr alternative, regionale Kinderbetreuungsmöglichkeiten wie Babysitter*innen oder Leihomas/Leihopas für Randzeiten, besonders für Schichtarbeiter*Innen und Alleinerziehende, mehr regionale Weiterbildungsangebote und mehr unkomplizierte und niedrigschwellige Austauschmöglichkeiten zum Thema Work-Life-Balance.

Maria Goldberg bezeichnet sich als sehr gut vernetzt, redet gerne mit und mischt sich ein, jedoch merkt sie, dass sie von manchen Entscheider*innen nicht wahrgenommen wird. Auch Stefanie Richter berichtet, dass die männliche Dominanz in vielen Bereichen bereits aufweicht, aber dass Frauen sich in politischen Gremien jedoch oft durchbeißen müssen. Die vier Frauen stellen fest, dass gerade bei der älteren Unternehmer*innenschaft noch ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken herrscht, welches Vernetzung und Fortschritt hemmt. Jedoch stimmen alle der These zu, dass ein Generationswechsel bereits im Gange ist und in diesem Zuge auch eine Gleichberechtigung der Geschlechter einziehen wird. Von Wirtschaft und Politik, so Maria Goldberg, müsse signalisiert werden, dass junge Entscheider*innen jetzt gebraucht werden. Sonst, befürchtet sie, werden die ersten jungen Engagierten die Region bald wieder verlassen.

Einig sind sich die vier Finsterwalderinnen, dass Netzwerken allein nicht reicht. Netzwerken braucht gemeinsame Vorhaben und Maßnahmen, die man zusammen entwickelt, umsetzt und nachhaltig weiterverfolgt. Sie suchen und wünschen sich Austauschmöglichkeiten mit engagierten Frauen aus der ganzen Lausitz, wobei ihnen sehr wichtig ist, dass keine zusätzlichen Netzwerke entstehen, sondern dass bestehende Netzwerke zusammengebracht werden.

W WIE ENERGIE – WEIBLICHE ENERGIE IN DER LAUSITZ

Die Sonne hat sich bereits hinter dicken Wolken verkrochen, als Pauline und ich nach 3 Stunden wieder im Auto in Richtung Görlitz sitzen – aber ein inneres Strahlen begleitet uns. Wieder zieht die Tagebaulandschaft an uns vorbei. Wir lassen sie ziehen, unterhalten uns aufgewühlt und spinnen unendlich viele neue Pläne für „F wie Kraft“. Die Energie des Tages in Finsterwalde trägt uns. Wir sind fasziniert, was diese Region für eine weibliche Energie hat. Sie scheint ein durch Frauen aufgespürter Energiepark zu sein – ein Energiepark der Zukunft vielleicht? Ist es Zeit für einen neuen Claim?
W wie Weibliche Energie in der Lausitz – verbraucht sie nicht nur, sondern speichert sie!

Stephanie Auras-Lehmann

Stephanie Auras-Lehmann

…konnte nach ihrer Rückkehr nach Finsterwalde keine passende Anstellung finden, so kam ihr die Idee, die Willkommensagentur zu gründen. Sie ist begeisterte Netzwerkerin und kennt die halbe Lausitz. Viele gute Ideen und Vorhaben gibt es für die Lausitz, jedoch verbleiben diese oft in der Ideenphase und es kommt nicht zur praktischen Umsetzung. Außerdem setzt sie sich für mehr Bürger*innennähe von Vorhaben ein – sie möchte neben engagierten Rückkehrer*innen auch die „Bleibefrauen“ erreichen.

Stefanie Richter

Stefanie Richter

… ist Regionalmanagerin der IHK Cottbus in Elbe-Elster. Im Rahmen ihrer Arbeit hat sie gemerkt, dass unternehmerische Frauen starken Gegenwind erfahren. In politischen Gremien müssen Frauen sich stärker durchsetzen, am Verhandlungstisch mit Geschäftspartnern, Wirtschaftsförderern oder Kreditgebern erleben sie durchaus Zurückweisungen. Zur Unterstützung organisiert die IHK regelmäßig Netzwerkveranstaltungen für Unternehmerinnen. Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind neben Kniffen und Tricks eben jener „Durchsetzungszwang“, mit dem Frauen oft konfrontiert sind.

Sandra Spletzer

Sandra Spletzer

… arbeitet seit 2017 für Comeback Elbe-Elster und ist dort vor allem für das Brandenburger Netzwerk der Rückkehrerinitiativen Ankommen in Brandenburg zuständig. Das Netzwerk vereinigt Engagierte aus ganz Brandenburg – Wohnungsgesellschaften, Marketingvereine, freie Initiativen, Unternehmerverbände oder Wirtschaftsförderer. Gerade Frauen engagieren sich in diesen Organisationen aktiv für die Förderung von Rückkehr und Zuzug.

Maria Goldberg

Maria Goldberg

… hat sich als zurückgekehrte Selbstständige hier einsam gefühlt und deshalb ein eigenes Netzwerk, die Neopreneurs, gegründet. Sie ist immer noch erstaunt, wie viele Gründer*innen es in der Region gibt. Die Neopreneurs richten sich nicht explizit an Frauen. In der neuen Generation der jungen Gründer*innen begegnen ihr selten Geschlechtervorteile oder gar -diskriminierung. Als Herausforderung sieht sie zurzeit den Umgang mit Mitgliedern an, deren politische Positionen undemokratische Tendenzen zeigen. Das Thema beeinflusst sie in allen Lebensbereichen.

Fotos: Tine Jurtz

"Die Realität ist anders"

Die kurdische Aktivistin Halimeh Ibrahim im Porträt

Ich besuche Halimeh in ihrer kleinen und gemütlichen Wohnung in Bischofswerda. Der Hausflur ist von Pflanzen gesäumt, die in der Nachmittagssonne verträumt ihre Blätter zum Fenster recken. Halimeh Ibrahim arbeitet seit zwei Jahren als kommunale Integrationskoordinatorin im Thespis Zentrum in Bautzen. Hier habe ich Halimeh kennengelernt, wo auch ich seit April dieses Jahres als Kulturmanagerin arbeite. Das Thespis Zentrum ist ein vom sächsischen Ministerium für Integrative Maßnahmen gefördertes Projekt, das sich mit transkulturellen Theaterangeboten für gesellschaftlichen Zusammenhalt zwischen Menschen mit und ohne Migrationserfahrungen einsetzt. Es ist das erste Mal, dass wir uns außerhalb des Thespis privat begegnen. Wir sprechen über ihr Leben und ihre kurdische Identität, ihre Flucht aus dem Libanon und die ersten schwierigen Jahre in der Lausitz, die sie zu einer politischen Kämpferin und Aktivistin machten – für eine tolerantere und feministische Gesellschaft und für mehr soziale Gerechtigkeit für Menschen auf der Flucht.

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Wenn Halimeh spricht, wirft sie ihre braunen Locken immer wieder mit einer schnellen Handbewegung aus dem Gesicht. Ihr großer weißer Kater Biso öffnet sich selbstverständlich die Tür des Wohnzimmers, indem er mit einem gezielten Satz auf die Türklinke springt. Halimeh lacht auf und sagt, dass er sich von seiner besten Seite zeige, um mir zu imponieren. Plötzlich wird sie ernst. „Bautzen will sich offen zeigen, aber die Realität ist anders.“ Es macht sie traurig, dass Menschen in Beratungen zu ihr kommen, die wiederholt von Diskriminierungen und rassistischen Äußerungen in der Stadt und an öffentlichen Institutionen erzählen. Selbst Lehrpersonal und Erwachsene wettern offen gegen „die Ausländer“. Es fehlt an Sensibilität für die Situation von geflüchteten Menschen. Mit einem Zwinkern sagt sie, wenn es doch eine deutsche Entscheidung basierend auf deutschem Recht ist, die eine Person offiziell anerkennt, wieso fällt es vielen so schwer diese Entscheidung zu akzeptieren?

Der Name „Halimeh“ ist Arabisch und bedeutet „die Geduldige“. Sie ist die wichtigste Bezugsperson für geflüchtete Menschen aus den kurdischen und arabischen Communities in Bautzen. Halimehs Stelle ist in unserem Büro integriert und wird direkt vom Landratsamt Bautzen finanziert. Seit zwei Jahren ist sie eine zentrale Säule für die erfolgreiche Arbeit des transkulturellen Zentrums. Zweimal in der Woche hilft und unterstützt sie bei ihrer „Teestunde“ Geflüchtete mit ihren alltäglichen Anliegen. Sie leistet Übersetzungshilfe von Amtspapieren zur Klärung des Aufenthaltsstatus, verfasst Briefe und begleitet die Menschen bei wichtigen Behördengängen. Halimeh hört den Menschen zu. Kürzlich hat sie im Rahmen der Interkulturellen Wochen im Landkreis Bautzen eine Fotoausstellung und einen Vortrag über die aktuelle politische Situation im Libanon organisiert, sowie einen Workshop für Kinder zum Thema Rassismus. Halimeh koordinierte einen Empowerment-Workshop für muslimische Frauen im Thespis und unterstützte im Oktober eine Demonstration gegen Rassismus in Bautzen. Ich habe Halimeh kein einziges Mal aufbrausend oder unhöflich erlebt. Bei unseren Besucher*innen und im Team ist Halimeh hoch angesehen. Ich bewundere ihre große Beharrlichkeit, mit der sie sich für die Belange von Menschen mit Fluchterfahrungen einsetzt.

„Es war schwer.“

Halimeh selbst kam 2014 mit zwei ihrer drei Kinder und ohne ihren Ehemann aus dem Libanon in die Lausitz. Sie ist libanesische Kurdin. Ihre Eltern sind vor mehr als 80 Jahren aus der Türkei in den Libanon geflohen und haben sich dort ein neues Leben aufgebaut. Wenn Halimeh über ihr Kurdisch-Sein im Libanon erzählt, spricht sie von Erfahrungen der Diskriminierung und Ausgrenzung und davon, dass sie nie als vollwertige Libanesin anerkannt worden ist. „Die Libanesen nennen uns immer die Kurden.“ Sie erzählt eine Anekdote, nach der selbst die Kurd*innen, die eine libanesische Staatsbürgerschaft erhalten haben mit einer Art „Code“ durch das Weglassen des exakten Geburtsdatums zu Menschen zweiter Klasse gemacht werden. Diese Zustände und die Zuspitzung der Wirtschaftslage im Libanon, als auch die hohen Kosten für Bildung und das medizinische System wollte und konnte sie nicht länger hinnehmen.

Wenn Halimeh von ihrem ersten Jahr in der Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Bischofswerda erzählt, dann sagt sie wieder und wieder den Satz: „Es war schwer.“ Nur manchmal schiebt sie kurze Begründungen nach, die auf die größeren strukturellen Probleme und Ungerechtigkeiten des deutschen Asylsystems im Umgang mit Menschen auf der Flucht verweisen. „Es war schwer.“ Ich habe den Eindruck, dass das erfahrene Leid und die gewaltvollen Erfahrungen von Halimeh und ihrer Familie sich mir gegenüber nicht in Worte fassen lassen wollen. Als im Zusammenhang mit der Grenzkrise im Jahr 2015 ein noch größeres Erstaufnahmelager neben ihrer Unterkunft entsteht und die Geflüchteten mit Bussen nach Bischofswerda gebracht werden, begegnen ihr das erste Mal offene Anfeindungen und Proteste vor dem Fenster. Vor allem von deutschen Jugendlichen, die Menschen wie sie hier nicht willkommen heißen wollen. „Es war sehr schwer und wir konnten nichts dagegen machen.“

Ihr 19-jähriger Sohn kommt unerwartet herein und stellt jeder von uns einen Teller mit Pommes und Schnitzel auf den Tisch. Dann verschwindet er wieder. Halimeh bietet mir Saft an und zum Nachtisch kandierte Karotten (Djasarije جزرية) und eine zuckerwatteähnliche Süßigkeit mit Pistazien (Ghaslelbanat غزل البنات) an, die ihre Tochter kürzlich von ihrem Besuch aus dem Libanon mitgebracht hat. Halimeh hat öfters überlegt, in eine größere Stadt zu ziehen in der Hoffnung auf einen toleranteren Umgang und mehr kulturelle Anlaufstellen für sie. Denn daran fehlt es in Bischofswerda. Als Halimeh mit einer Freundin für einen Tagesausflug nach Dresden reist, stolpern sie in eine Pegida Kundgebung. Einer der Teilnehmenden macht mit den Händen eine drohende Geste, andeutend ihrer Begleitung den Kopf abzutrennen. Halimehs Freundin will danach nicht mehr nach Dresden fahren.

„Libanon ist ein sicheres Herkunftsland“, bedeutet ein unsicheres Leben in Deutschland

„Libanon als sicheres Herkunftsland“ sorgt häufig für große Unsicherheiten von Halimeh und ihrer Familie. Deutsche Sprachkurse und die freie Auswahl ihres Wohnortes sind ihr verwehrt. Was bleibt, ist die immer wiederkehrende Angst vor Abschiebung und ein Leben in Prekarität. Als wir nach dem Nachtisch durch den kleinen Park, fußläufig von ihrer Wohnung, laufen, bleibt Halimeh vor einer Schaukel stehen. Ihr Blick wird traurig. Hier saß sie, als sie die Ablehnung ihres Aufenthaltsstatus bekam. Sie fand tröstende Worte und neuen Mut per SMS von einer Lehrerin ihrer Kinder. Der Hauptgrund nach Deutschland zu kommen waren die Chancen auf bessere Bildung für ihre beiden damals noch jugendlichen Kinder. Mit Nachdruck und Ausdauer setzte Halimeh sich von Anfang an dafür ein, dass ihre Kinder die DAZ-Klasse (*Deutsch als Zweitsprache) des städtischen Gymnasiums besuchen können. Dabei kam sie auch in Kontakt mit engagierten Lehrer*innen und einer Schulleitung, die sich aktiv dafür einsetzte, dass Halimeh und ihre Kinder eine eigene Wohnung beziehen konnten.

Halimeh ist studierte Biochemikerin, die nie als solche gearbeitet hat. Dabei hat ihr die Forschungsarbeit im Labor große Freude gemacht. Als sie mir das erzählt, imitiert sie mit den Händen wie sie eine Flüssigkeit aus einem Reagenzglas in ein anderes füllt. Stattdessen war sie im Libanon langjährig im Business und Management eines großen Unternehmens tätig. Durch Unterstützung in ihrem nahen Umfeld, findet Halimeh in der Lausitz bald Arbeit und durchläuft mehrere Positionen. Zuerst arbeitet sie als Betreuerin einer Wohngemeinschaft für minderjährige Geflüchtete, später als Quartiersbüromanagerin in Kamenz und heute in Bautzen. Dabei halfen ihr ihre Sprachkenntnisse in Kurdisch, Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Darüber hinaus engagierte sie sich viel ehrenamtlich. Halimeh unterrichtete Kinder in Arabisch und Kurdisch, die aufgrund ihrer Flucht nach Deutschland in ihrer Muttersprache noch nicht Lesen und Schreiben lernen konnten oder sie übersetzte Amtspapiere zur Klärung des Aufenthaltsstatus in der Familie.

Sie kam dabei auch in Berührung mit Familien, die dezentral in eigenen Wohnungen untergebracht worden sind. Diesen Ansatz findet Halimeh wesentlich besser als die Unterbringung in großen Sammelunterkünften. Schließlich ist so eine engere Anbindung an die deutsche Nachbarschaft gegeben und die Familien können besser und schneller die neue Sprache lernen. Nur so bekommen sie eine reelle Chance, systematische Ausgrenzung abzubauen. Außerdem sind die Hygienebedingungen in den Sammelunterkünften und die geografische Abschottung oft sehr schwer zu ertragen und führen zu vielen Problemen und Konflikten. Aktuell macht sich Halimeh für geflüchtete Kinder in einer Unterkunft in Wehrsdorf bei Bautzen stark. Sie organisiert Kreativworkshops und Ausflüge für die Kinder. Seit Kurzem hat sie gemeinsam mit einem Theaterpädagogen aus dem Thespis einen Fahrservice nach Bautzen organisiert, sodass die Kinder an Aufführungen des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters teilhaben können. Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie machen der Planung immer wieder einen Strich durch die Rechnung und isolieren die Bewohner*innen in der Unterkunft. Dabei berührt sie der enge Zusammenhalt der Familien und unterschiedlichen Kinder, die wie Geschwister zusammenwachsen.

„Wieso akzeptierst du nicht, dass eine Frau mit Kopftuch im Café neben dir sitzt?“

 Ich frage Halimeh, was sie sich für die Region wünscht. Sie erhofft sich, dass die Leute in Zukunft weniger Vorurteile gegenüber Menschen haben, die hierherkommen. „Wieso bekommen Menschen kein Praktikum und keine Stelle nur, weil sie anders sind? Diese Menschen bringen eigene Stärken mit, man muss ihnen nur Chancen geben. Wieso akzeptierst du nicht, dass eine Frau mit Kopftuch im Café neben dir sitzt?“

Doch auch für die migrantischen Communities wünscht sie sich mehr Eigeninitiative. „Natürlich gibt es auch viele geflüchtete Menschen, die Angst davor haben, von der deutschen Bevölkerung nicht akzeptiert zu werden. Aber wenn wir einmal zusammensitzen und uns unterhalten, uns zuhören, wird es etwas geben, das wir zusammen machen können oder das uns beiden gefällt.“ Besonders schätzt und unterstützt sie die Arbeit von Hamida Taamiri und der von ihr gegründeten Migrant*innen-Selbstorganisation KOMMIT, die sich seit einem Jahr aktiv für mehr Gerechtigkeit und die Vernetzung von Organisationen in Sachsen einsetzt, die sich im Bereich Flucht und Migration engagieren. Willkommen in Bautzen e. V. unterstützt Menschen, die neu in Bautzen sind, anzukommen und bietet Sprachgruppen an, die sehr positiv angenommen werden. Davon braucht es noch mehr, findet Halimeh.

„Ich möchte in Zukunft meine kurdische Identität stärken. Ich bin keine Araberin, aber ich bin in einem arabischen Land geboren und habe auch ihre Kultur übernommen. Also bin ich auch keine hundertprozentige Kurdin. Ich habe nicht die eine „reine Identität“.“ Seit kurzem trifft sie sich regelmäßig mit einer Gruppe kurdischer Frauen und organisiert kleine Veranstaltungen zu kurdischer Kultur, um diesen Frauen eine Plattform zu bieten, aber auch um Menschen aus Bautzen dazu einzuladen, mehr darüber zu erfahren, was kurdische Kultur eigentlich bedeutet.

Halimeh lehnt sich gegen den großgewachsenen Baumstamm hinter ihr. Sie wirkt überzeugt und zuversichtlich, als sie über ihr neues Vorhaben mit den kurdischen Frauen spricht.

Ihren Mann hat Halimeh in den letzten sechs Jahren zweimal gesehen. Sie hofft darauf, gemeinsam ein Leben in Deutschland zu haben. Voraussetzung ist, dass Halimeh ihre Niederlassungserlaubnis erhält und auch ihn finanziell versorgen kann. Dafür muss sie fünf Jahre lang ihr eigenes Einkommen bestreiten und in einem sicheren Arbeitsverhältnis sein. Die Finanzierung ihrer aktuellen Stelle ist ab Januar 2021 ungewiss. Anders als für mich, bedeutet ein fehlendes Arbeitsverhältnis für Halimeh die mögliche Ablehnung ihres Aufenthaltsstatus. 

Baum quer

 

Im Dezember 2020 erfahre ich, dass Halimehs Stelle als Kommunale Integrationskoordinatorin in Bautzen für das Jahr 2021 nicht verlängert wird. Dies ist das falsche Zeichen in eine Region, die mit erstarkenden rechten und menschenfeindlichen Gruppierungen zu kämpfen hat. Der Verlust von Halimehs Arbeit und ihrer Präsenz in Bautzen als Ansprechpartnerin und Vermittlerin für Geflüchtete, von denen es ohnehin zu wenige gibt, ist sehr bedauernswert und ärgerlich. Mit Halimeh verliert die Region eine engagierte, kreative und wichtige Persönlichkeit und Ansprechpartnerin, die sich stets über die von der Stelle geforderten Aufgabenbereiche mit Herz und Ideenreichtum für migrantische Perspektiven einsetzte.

 

Ticha Matting...

... ist studierte Kulturwissenschaftlerin (M.A.) und Kulturarbeiterin (B.A.). Seit April diesen Jahres unterstützt sie die Transkulturelle Akademie des Thespis Zentrum in Bautzen, für das sie im September das "Willkommen Anderswo" Festival für Partizipatives Theater kuratiert und organisiert hat. Zuletzt übernahm sie die Redaktionelle Leitung der "Bautzen.perspektive". Ticha ist außerdem als freie Redakteurin in Wort und Bild tätig.

Ihnen gefällt (nicht), was Sie hier lesen? Anregungen und Nachfragen können Sie gern an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. versenden.

Fotos: Ticha Matting

Pflegerin sein in der Lausitz - eine Nahaufnahme

“Wir müssen einfach aus einer schwierigen Situation das Beste machen”

 

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Schon bei unserem ersten Telefonat mit Frau Meier (Name von der Redaktion geändert) ist ihr Multitasking Talent zu spüren. Sie ist gerade auf Arbeit, ansteckend gut gelaunt und beantwortet zwischen zwei Sätzen die Frage einer Kollegin, gibt das Diensttelefon weiter, grüßt Bewohner. Stressige Situationen scheint sie geübt mit einer eleganten Mischung aus echter Freundlichkeit und Pragmatismus zu meistern. Später wird sie selbst dazu sagen: „Unser ganzes Leben besteht aus Management; mein ganzer Tagesrhythmus ist getaktet“. Frau Meier arbeitet als Altenpflegerin in einem Pflegeheim in der Lausitz und ist Mutter von zwei Kindern. Auch ihr Mann arbeitet im Pflegebereich, beide im Schichtdienst. Was das konkret bedeutet, davon erhalten wir im Gespräch mit ihr einen Eindruck und, um es vorwegzunehmen: die Realität erschlägt uns förmlich. Dass Schichtdienste und noch dazu die Vereinbarkeit mit Familienleben keine Leichtigkeit sind, war uns – so dachten wir – bewusst. Doch was das im Detail mit sich bringt, wird uns erst durch Frau Meiers eindrucksvolle Schilderungen klar.

Frau Meier ist vor vielen Jahren aus Überzeugung Altenpflegerin geworden, liebt ihren Beruf und übt ihn mit Leidenschaft aus. Doch auf die Frage, ob sie sich heute wieder für diesen Weg entscheiden würde, kommt sie ins Stocken:

„Wenn ich mit meinem Herzen entscheiden würde, würd ich sagen, ich liebe meinen Beruf über alles und möchte an sich nichts anderes machen. Aber mein Verstand sagt mir, in der heutigen Zeit hätte ich es vielleicht nicht mehr gemacht. Denn man hat so viele Entbehrungen, die man in Kauf nimmt. […] Leute, die im Büro arbeiten, von Montag bis Freitag, verdienen mehr als ich. Und wir gehen ja in Schichten, Wochenende, Feiertag, jeden Tag sind wir mit todkranken, alten Leuten zusammen, wir sehen viel Leid, wir sehen viel Elend“.

Im Pflegeheim arbeiten mehrere Berufsgruppen zusammen, und jede einzelne ist wichtig. Während Pflegehelfer*innen allein für die Körperpflege und den Kontakt zu den Bewohner*innen zuständig sind, was neben dem Waschen unter anderem auch Begleitung zu Toilettengängen, das Essen reichen, Lagern der Bewohner*innen und andere Tätigkeiten beinhaltet, übernehmen Pflegefachkräfte wie Frau Meier auch Aufgaben der medizinischen Versorgung wie Medikamentengabe, Kontakt mit den Hausärzten, Wundversorgung.

Wir haben eine sehr hohe medizinische Ausbildung! Subkutan spritzen, Katheter legen, Tracheostoma versorgen … wir sind eigentlich wie eine Krankenschwester, nur im Heim. Aber wir haben drei Jahre gelernt und dürfen nichts alleine machen. Ich brauche für [alles] eine Anweisung“.

Bedeutet praktisch: hat ein*e Bewohner*in beispielsweise Fieber, so muss ein Arzt eingeschaltet werden. Da es, im Gegensatz zum Krankenhaus, keinen Arzt auf Station gebe, muss sie zwangsläufig den Bereitschaftsarzt rufen. Frau Meier wünscht sich für ihre Berufsgruppe mehr Entscheidungsfreiheit, da dies auch die Bereitschaftsärzte entlasten und dadurch fachlichen Reibereien vorbeugen würde, welche nicht selten auftreten.

“Es ist anstrengend, immer lieb zu sein”

Zwischenmenschliche Konflikte scheinen generell ein Teil des Alltags im Pflegeberuf zu sein, der uns vorher in dem Maße nicht bewusst war. So berichtet Frau Meier über die Kommunikation mit Bewohner*innen und deren Angehörigen:

„Ein Großteil der Bewohner ist sehr dankbar und das ist eben auch schön so in unserer Arbeit. Manche denken, sie kriegen zu wenig Aufmerksamkeit und die Schwestern müssten mehr Zeit haben. Das ist eben schwierig zu vermitteln! Wir versuchen dann schon zu erklären, wenn wir halt - auf gut Deutsch gesagt - nur zwei Schwestern sind für 28 Leute, dann kann ich mich nicht so intensiv um den kümmern, der relativ viel alleine kann. Ich muss mich dann eben um den kümmern, der Pflegegrad 4 oder 5 hat und auf meine Hilfe angewiesen ist. Ich würde mich natürlich gerne mit der Oma hinsetzen und ein Käffchen trinken und mich mit ihr beschäftigen, unwahrscheinlich gern! Aber in erster Linie muss ich mich eben um die Leute kümmern, die es wirklich brauchen."

Den Angehörigen verständlich zu machen, dass für besondere Zuwendung kaum Zeit ist, sei mitunter schwierig. Besonders angesichts der Kosten eines Pflegeheimplatzes gibt es oft eine gewisse Erwartungshaltung an die Pflegekräfte. Kann diese nicht erfüllt werden, entsteht Missstimmung. Besonders schwer ist es für viele Angehörige, den “Verfall” ihrer Familienmitglieder auszuhalten. Zu sehen, wie die eigene demenzkranke Mutter immer mehr abbaut, macht verständlicherweise traurig, und die Trauer entlädt sich dann manchmal in Wut und Vorwürfen gegenüber den Pflegekräften.

Und obwohl Frau Meier und ihre Kolleginnen solche Situationen der Überforderung kennen und wissen, dass sie den fortschreitenden Krankheitsverlauf nicht aufhalten können und Verständnis für die Gefühle der Angehörigen haben, bleibt es eine Last, die sie auf sich nehmen. Daneben gibt es aber auch viel Dankbarkeit und freundliche Worte. Auch die Pflegekräfte selbst versuchen, stets freundlich zu bleiben, Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken, doch es ist “anstrengend, immer lieb zu sein”. Besonders in kritischen Situationen, wie etwa, wenn Bewohner*innen um sich schlagen, beißen, treten. Diesen Teil der Pflege sieht die Gesellschaft nicht, meint Frau Meier. Sie wünscht sich, dass die Perspektive der Pflegekräfte mehr beleuchtet und ihnen mehr Respekt entgegengebracht wird.

Was muss anders werden, und wie kann es gehen?

Dass Frau Meier jeden Tag aufs Neue den manchmal schier unmöglichen Spagat zwischen den Bedürfnissen der einzelnen Bewohner*innen meistern muss, und noch dazu den zwischen Beruf und Familie, liegt nicht an ihrem Arbeitgeber, sondern an dem enormen Fachkräftemangel. Als das Wort bei ihr fällt, kommt das für uns nicht unerwartet. Besonders seit die Pflege durch die Corona-Pandemie wieder zu ein wenig mehr Aufmerksamkeit in den Medien gelangt ist, hört und liest man häufiger über Personalsorgen. Doch was der Fachkräftemangel konkret bedeutet und welche Auswirkungen er auf den Arbeitsalltag einzelner Pfleger*innen hat, wird uns erst im Gespräch mit Frau Meier bewusst. Pflegerin zu sein ist für sie mehr als nur ein Beruf. Für Frau Meier bedeutet es, auch an ihren freien Tagen notfalls ein zu springen, wenn eine Kollegin krank wird. Es bedeutet für sie einen noch höheren organisatorischen Aufwand in ihrem Privatleben, manchmal auch den Verzicht auf Erlebnisse mit ihren Kindern. Aber ihr Beruf ist ihr wichtig, denn sie möchte, dass es den Menschen in ihrer Obhut gut geht. Die Unterbesetzung erfordert eine enorme Einsatzbereitschaft aller Mitarbeitenden; allzu verständlich, dass das auch zu Frustration führt. Denn paradoxerweise fehlt es an Anerkennung dieser Leistung und Arbeit, die für unsere Gesellschaft doch so unverzichtbar und wichtig ist, die uns spätestens seit März diesen Jahres als eine der systemrelevanten Berufsgruppen bekannt ist, die nicht ausfallen darf. Während des Interviews merken wir, wie auch uns diese Situation wütend macht. Doch wie ließe sie sich ändern?

Für Frau Meier ist die wesentliche Maßnahme höhere Gehälter zu zahlen, damit der Beruf lukrativer werde. Ansonsten werde das System Pflege irgendwann zusammenbrechen, weil es einfach keiner mehr machen wolle, vor allem nicht zu diesen Bedingungen. Mindestens genauso wichtig sei, mehr auszubilden und den Personalschlüssel zu erhöhen, um den Druck auf das Pflegepersonal insgesamt zu reduzieren, den Stresspegel zu senken, für Entlastung zu sorgen.
Altenpflege ist ein Beruf mit einem besonders hohen Krankenstand und hoher körperlicher Belastung - diese Ausfälle müssen kompensiert sein. Neben ausgebildeten Pflegekräften wären auch Helfer*innen eine Stütze, die zusätzlich da sind und mit Essen verteilen, waschen und vielleicht mal fünf Minuten für ein Gespräch haben. Frau Meier sieht da auch jene Menschen als Potenzial, die aus der Arbeitslosigkeit in den Beruf wollen und über eine Umschulung in eine solche Hilfstätigkeit der Altenpflege gelangen. Die Berufsausbildung kann ihrer Meinung nach zudem um ein Jahr - auf insgesamt 2 Jahre - verkürzt werden. Neben allen Schwierigkeiten ist es ihr wichtig, auch zu betonen, dass die Altenpflege ein sehr schöner Beruf ist- und mit mehr Personal noch schöner werden könne. Absehbar sind die erforderlichen Veränderungen jedoch nicht.

Die Stimme der Pflegekräfte

Die vermeintliche Alternativlosigkeit der Situation und fehlendes Aufbegehren ihrer Berufsgruppe macht Frau Meier wütend:

“Viele haben sich mit der Situation abgefunden. Eigentlich müssten wir mal auf die Straße gehen und sagen, so geht es nicht weiter! Wir wollen nicht zu zweit oder zu dritt auf dem Wohnbereich stehen! Wir hatten Bewohner, die haben zum Teil zwei Kriege mitgemacht, die wollen vielleicht einfach mal ein bisschen mehr Zeit haben, und wollen vielleicht nicht nur gewaschen werden und essen! Aber die Zeit hab ich nicht, weil ich schon den nächsten machen muss.”

Ein Problem ist, dass zu wenige Pflegende gewerkschaftlich angebunden und aktiv sind, was zum einen eine Kostenfrage, aber auch eine Frage des Selbstbildes des Pflegepersonals ist: “Die lieben Schwestern” trauen sich nicht zu demonstrieren, aus Angst die Bewohner im Stich zu lassen - vielleicht aber auch aus Angst vor negativer Rückmeldung? Würde sich politisch etwas ändern, wenn Druck aus den Reihen des Pflegepersonals selbst käme? Oder bleibt nur zu hoffen, dass Politik und Gesellschaft die Bedeutung dieser Berufsgruppe erkennen und wertschätzen? Corona verändert vieles, auch die Pflege und deren gesellschaftliche Wahrnehmung, und auch den Alltag von Familien:

„Mein Mann und ich arbeiten beide in systemrelevanten Berufen. Das heißt, als es losging im März mit Corona, hatten wir gleich Anspruch auf Notbetreuung. Ich wäre so froh gewesen, einer von uns wäre in Kurzarbeit gegangen. Einfach aus dieser Angst heraus, wir wussten ja nicht was auf uns zukommt mit dem Virus. Und Sie sind eine von den Eltern, die ihr Kind trotzdem in die Kita bringen muss. Wissen Sie, mit welchem Gefühl ich das gemacht hab?
Ich hätte mich hinstellen können und heulen. Ich dachte, alle anderen können wenigstens mit einem Elternteil zuhause sein, geschützt davor. Und was machen wir? Wir rennen weiter auf Arbeit. Wir mussten die Kinder abgeben. Mich hat das nicht glücklich gemacht und mich macht es auch jetzt nicht glücklich. Wir haben ja beide auch die Gefahr uns zu infizieren auf Arbeit. Ich hatte immer das Gefühl einer Rabenmutter. Und auch jetzt, wir sind ja wieder an der Front, wenn etwas passiert. Wir sind in der Hauptrisikogruppe bei uns im Beruf. Und dann denk ich mir, hätt ich doch lieber irgendwo einen Bürojob … Aber wir brauchen ja wenigstens noch ein paar, die den Beruf mit Herz und Verstand ausüben.“

Pflegerin und Mutter sein - was bedeutet das?

Beim Thema Kinder haken wir noch einmal nach. Wir merken, wie sehr Frau Meier das beschäftigt. Wir fragen sie, was generell getan werden müsste, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, auch in der Lausitz:

„Das Erste, was wichtig wär, sind die Öffnungszeiten der Kitas. Wir haben so viele Leute, die in Schichten arbeiten sind, warum haben wir am Wochenende keine Kinderbetreuung? Was macht man denn, wenn beide Eltern Frühschicht haben? Zwangsläufig heißt das immer, Oma und Opa. Ja, wie war es denn beim Lockdown? Wenn Großeltern absolute Risikogruppe sind, und die Kinder nicht nehmen können?”

Dieses Problem stellt sich auch bei Schließzeiten der Kitas wie im Sommer oder zwischen Weihnachten und Neujahr. Selbst die Abholzeiten nachmittags einzuhalten, ist bei manchen Dienstzeiten schwierig. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen; das Gefühl, die Kindheit der eigenen Kinder zu verpassen. Deshalb möchte Frau Meier am liebsten “aus dem Schichtdienst raus”; mehr gemeinsame Zeit mit ihren Kindern verbringen. Momentan ist das innerhalb ihres Trägers allerdings nur umsetzbar, wenn sie in Teilzeit gehen würde. Doch von 20 Stunden kann sie nicht leben, sagt sie. Sie ist dem Träger sehr verbunden und hofft, dass sich in den nächsten Jahren eine Möglichkeit ergeben werde. Ihre Arbeit, das haben wir im Laufe des Gesprächs verstanden, ist für sie nicht nur eine Tätigkeit, für die sie bezahlt wird. Sie ist für sie Teil ihrer Identität, ein Ort, der ihr etwas bedeutet und die Gelegenheit, sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit einer Sache hinzugeben, für die sie brennt. Es macht sie glücklich, zu sehen, wenn die Leute nach einem täglichen “Wasch-Marathon” alle zufrieden und versorgt am Tisch sitzen. Die Menschen in ihrem Heim, sie liegen ihr am Herzen, und sie möchte, dass es ihnen gut geht. Sie selbst und - da ist sie sich sicher - das gesamte Personal ihres Heims, geht an seine Grenzen und darüber hinaus, um für das Wohlergehen der Bewohner*innen bis zum Lebensende zu sorgen.

Abschied mitten im Pflegealltag

Sterben und Tod sind der kritischste und gleichwohl alltägliche Bestandteil dieser Arbeit: Bewohner*innen, die teilweise über Jahre gepflegt und versorgt wurden, zu denen eine Bindung aufgebaut wurde, würdevoll zu verabschieden. Was macht das mit dem Pflegepersonal?

„Am Anfang bin ich regelrecht mitgestorben, ich musste aber mit den Jahren lernen damit umzugehen. Man kann nicht mit allen mit sterben, dann kann man den Beruf nicht machen. Das ist auch der Grund warum ich gesagt hab, ich bin keine Krankenschwester geworden, ich bin Altenpflegerin geworden, weil unsere Leute haben ihr Leben gelebt.“

Wie gehen Frau Meier und ihre Kolleginnen während des hektischen Alltags angemessen mit so einer bedeutsamen und intimen Situation um?

„Wir tun das Beste für die Bewohner … beruhigende Musik, eine Duftlampe, ein schönes Licht, sehr kirchlichen Leuten lesen wir aus der Bibel vor, oder wir legen es den Angehörigen nahe. Wenn wir merken, es dauert nicht mehr lange, sitzt jemand da und hält die Hand. Selbst wenn die schlechteste Personalbesetzung wäre, würden wir immer noch probieren, dass jemand den Kampf nicht alleine durchstehen muss. Ich mach danach immer ein Fenster auf, da kann die Seele in den Himmel gehen. Ich streichel dann auch nochmal über die Hand oder so ...”

Während sie erzählt, wird ihre Stimme leiser und weicher. Sie fühlt, was sie sagt und in dem Moment sind eher wir es, die sich abgrenzen müssen. Und dann? Dann, sagt sie, muss sie auch schon wieder weiter, denn die nächsten warten. Ihre Stimme ist nun wieder bestimmt und entschlossen, aber fröhlich und freundlich. Der “Abschied für immer” passiert innerhalb der routinierten Tagesstruktur, neben alltäglichen Aufgaben, scheinbar belanglosen Tätigkeiten und anderen Herausforderungen. Diese Widersprüchlichkeit von notwendigem Pragmatismus und Bedeutungsschwere des Todes - Frau Meier scheint sie mit Bravour zu meistern.

Unser Gespräch neigt sich dem Ende, denn Frau Meier muss zur Spätschicht. Ihre Kinder hat sie heute Morgen in die Kita gebracht und heute Abend wird sie ihnen über das Telefon Gute Nacht sagen. Sie wird während ihrer Schicht ihr Bestes geben für ihre Bewohner*innen. Nicht, weil sie dafür angemessen bezahlt wird oder dafür Applaus bekommt. Sondern allein aus Überzeugung, dass es das Richtige ist, was sie tut und weil sie ihre Sache gut machen will.

“Wir müssen einfach aus einer schwierigen Situation das Beste machen. Mit einem Lächeln durchs Leben gehen und sagen, wir können es nicht ändern, aber wir müssen das Beste draus machen.”

 

Susann Anker...

... lebt seit ihrem Studium des M.A. Management Sozialen Wandels mit ihrer Familie in Görlitz und engagiert sich als Ansprechpartnerin bei Mamseel (www.mamseel.de)

Helena John...

... ist Studentin an der Hochschule Zittau/Görlitz und engagiert sich neben dem Studium ehrenamtlich in der Pflege

 

 Das Porträt der Pflegerin entstand im Rahmen der F wie Kraft - ProduzentinnenTour "Pflege in der Lausitz". Alle Informationen über die Tour und alle Stationen sind hier zu finden.

 

Titelfoto: https://pixabay.com/de/photos/h%C3%A4nde-alte-alter-%C3%A4ltere-menschen-2906458/

FES-Studie "Demokratie braucht Demokratinnen" vorgestellt

Die Studie "Demokratie braucht Demokratinnen. Barrieren der politischen Kultur für Frauenkarrieren in Politik und Gewerkschaften – und Ansätze für ihre Veränderung" von Dr. Hanna Haag und Prof. Raj Kollmorgen, TRAWOS-Institut, wurde am 15.12.2020 online vorgestellt.

FES-Studie "Demokratie braucht Demokratinnen" vorgestellt

Die Studie "Demokratie braucht Demokratinnen. Barrieren der politischen Kultur für Frauenkarrieren in Politik und Gewerkschaften – und Ansätze für ihre Veränderung" wurde am 15.12.2020 von Dr. Hanna Haag und Prof. Raj Kollmorgen online vorgstellt. Diese wurde am TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau/Görlitz im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erarbeitet und schärft den Blick vor allem auf informelle Hinderungsgründe unserer gegenwärtigen politischen Kultur in Parteien und Gewerkschaften in Ost und West und bietet damit einen Blick hinter die Kulissen und gibt zahlreiche Anregungen für notwendige Veränderungen in Kommunikationsstilen, Verhaltensweisen, Sitzungskulturen, Netzwerkstrukturen, Machthabitus jenseits von juristischen Auseinandersetzungen mit Quotierungen, Paritätsgesetzen und Vereinbarkeitsproblematiken.

  • Die Studie im Ganzen könnt Ihr hier lesen!
  • Oder hier auf der TRAWOS-Webseite.

2020 - What a year!

Wir sagen Danke!

Beitragsmosaik Quer 2

Liebe Lausitzer*innen, liebe Netzwerkpartner*innen, liebe Engagierte, liebe Frauen,

ein unglaublich spannendes, mit vielen Herausforderungen und neuen Chancen gefülltes, Jahr liegt hinter uns.

F wie Frauenpower

Das Projekt „F wie Kraft – Frauen als Wirtschaftsfaktor für die Lausitz – Wissen, vernetzen, ermächtigen“ im Auftrag der Zukunftswerkstatt Lausitz ist nun erfolgreich abgeschlossen. Auch wir konnten, wie sicherlich die meisten von Euch, unsere Vorhaben in diesem Jahr kaum wie geplant umsetzen. Das hat uns viele Kompromisse, aber auch Spontanität und Kreativität abverlangt und uns zum Spinnen zahlreicher neuer Möglichkeiten, Ideen und Kontakte animiert. Hier könnt ihr nachverfolgen, was F wie Kraft in diesem Jahr gemeinsam mit Euch geschafft hat.

F wie (Tat-) Kraft

Das war nur Dank eures Engagements möglich! Gemeinsam mit Euch haben wir geforscht, recherchiert, organisiert, konzipiert, moderiert, diskutiert, protokolliert, verfasst, redigiert, lektoriert, geliked, gepostet, kommentiert, designed und vieles mehr. Wir danken Euch von ganzem Herzen für Euren Mut, Eure Kreativität, Tatkraft und Unterstützung!

F wie fortführen

Wir – also Marie Melzer und Pauline Voigt – stellen nun zunächst unsere hauptamtliche Arbeit für F wie Kraft ein. Im neuen Jahr werden wir uns intensiv mit der Frage beschäftigen, wie es weiter gehen kann. Wir sind optimistisch und bleiben gespannt!

F wie flügge werden

Deshalb brauchen wir Euch auch umso mehr. Helft uns, das Netzwerk am Leben zu halten! Lasst uns weiterhin gemeinsam, die weibliche Energie der Lausitz bündeln, speichern und Kraft freigeben, wo sie benötigt wird. Die Plattform www.fwiekraft.de ist weiterhin aktiv, die Mailadresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. sowie der Facebook- und der Instagram-Account werden weiterhin betreut. Teilt eure Ideen mit uns, sucht Mitstreiter*innen für eure Vorhaben, motiviert andere Lausitzer*innen in ihrem Engagement, supported euch gegenseitig! Die Lausitz ist Euer Zuhause und F wie Kraft ist Eure Plattform!

Jetzt gilt das Motto des Symposiums umso mehr: Zusammen handeln und Strukturen wandeln!

F wie fröhliche Weihnachten und ein wundervolles neues Jahr!

Wir wünschen Euch ruhige und besinnliche Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2021.

Bleibt gesund! Und lasst uns in Kontakt bleiben! 😊

Mit herzlichen Grüßen,

Marie Melzer und Pauline Voigt

(im Namen des F wie Kraft-Teams)

"Stadt-Land ist die Trennlinie"

Über den Wegzug von Frauen aus Ostdeutschland wird viel berichtet. Julia Gabler forscht zu denen, die bleiben wollen

Wenn gut ausgebildete ostdeutsche Frauen abwandern, führt ihr Weg nicht unbedingt nach Westen, aber in die Großstadt. Landflucht ist ein bundesweites Phänomen. Was muss getan werden, damit Frauen bleiben? Die Soziologin Julia Gabler sucht Antworten für den Osten.

Stadt Land Bild quer

der Freitag: Frau Gabler, 30 Jahre nach der Wende ist es nicht gelungen, die Abwanderung junger, qualifizierter Frauen aus Ostdeutschland zu stoppen. Was hat sich seit 1990 verändert?

Julia Gabler: Die Abwanderungsziele sind andere geworden. Die Trennlinie heißt nicht mehr Ost–West, sondern Stadt–Land. Wer weggeht, geht nicht mehr zwingend nach München, sondern auch in ostdeutsche Großstädte wie Jena, Leipzig oder Dresden. Das Problem ist heute also, wie überall, eher die Landflucht. Und natürlich der fehlende Zuzug.

Wer geht besonders häufig?

In unserer Studie „Wer kommt, wer geht, wer bleibt?“ haben wir bei den Abiturient:innen und Studierenden keinen eindeutigen Geschlechterbefund mehr feststellen können. Den jungen Leuten, besonders denen nach dem Geburtenknick nach 1990, fehlt auf dem Land geschlechterübergreifend die  Peergroup. Die finden sie in der Stadt. Deutlich wird der Geschlechterunterschied eher bei den Oberschulabgänger:innen, da wollen die jungen Frauen dreimal so oft weg wie die Männer.

 Woran liegt das?

Ein Problem liegt in der Branchenstruktur. Es gibt viele technische Berufsausbildungen, auch ländliche Hochschulen sind oftmals technisch-naturwissenschaftlich dominiert. Das ändert sich in den letzten Jahren deutlich. Allerdings herrscht auch hier vielerorts noch ein tradiertes Berufsverständnis, das technische Berufe vor allem Männern zuordnet, während Frauen eher in die sozialen Berufe streben. Es gibt im überalternden Ostdeutschland einen hohen Pflegebedarf, aber in dem Bereich wirken die Qualifizierungschancen und Jobs auf die jungen Frauen nicht attraktiv. Da hat sich im Ausbildungsangebot in den letzten Jahren zu wenig getan.

Und die bereits qualifizierten Frauen?

Auch Frauen mit abgeschlossener Ausbildung oder Studium wünschen sich bessere Jobs und mehr Anerkennung. Frauen in hohen Verantwortungspositionen beklagen in den Unternehmensstrukturen eine patriarchale Kultur mit wenig Veränderungsbereitschaft, in denen sie ihre Expertise nicht durchsetzen können.

Ostdeutschland hat doch immer den Ruf, in Emanzipationsfragen so fortschrittlich zu sein?

Marginalisierung von Frauen in Betrieben ist definitiv kein ostdeutsches Ding. In der Steiermark finden Sie das gleiche Phänomen. Es sind auch nicht nur die Unternehmenschefs vor Ort, das kann auch der Handwerkskammerchef aus der nächstgelegenen Metropole sein, der fragt: Wieso soll ich Unternehmerinnen fördern? Sie behelfen sich dann oft durch Eigeninitiative, indem sie selbst Netzwerke gründen. Denn auch Interessenverbände vor Ort sind häufig männlich dominiert.

 Trotzdem erleben Rückkehrinitiativen derzeit viel Zuspruch: Es ziehen Leute zurück aufs Land. Ist das nicht ein gutes Zeichen?

Das ist es. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Die Rückkehrinitiativen werden in der Öffentlichkeit zwar oft von Frauen vorgestellt, doch die Rückkehrenden sind häufig Männer. Und was die Rückkehrerinnen angeht, mussten wir feststellen: Solange die Frauen abwesend sind, werden sie sich herbeigewünscht, aber wenn sie dann da sind und was anstoßen wollen, vielleicht auch Kritik äußern, haben viele das Gefühl, gegen Mauern zu laufen.

 Was muss anders werden, damit die Frauen zurückkommen?

Es geht doch einen Schritt vorher los: Was müssen wir tun, damit die Frauen bleiben – und was bieten wir denen an, die geblieben sind? Es stört mich, wie das in der Debatte unter den Tisch fällt. Als ich in die Lausitz gezogen bin, kannte ich auch dieses Stereotyp, dass nach der Wende die Frauen gegangen und die unqualifizierten Männer zurückgeblieben seien.

 Aber?

In Görlitz habe ich festgestellt, dass es hier engagierte, vielfältig qualifizierte Frauen gibt – nicht in großer Quantität, aber dafür in einer unglaublichen Qualität. Ich fand interessant, was sie zum Zuzug, zur Rückkehr oder nach der Wende zum Bleiben bewogen hat.

 Wollten oder konnten die Frauen nicht weg?

Oft wird Abwanderung als Reaktion auf fehlende Entwicklung gedeutet, das Bleiben als Passivität. Aber auch das Bleiben kann eine aktive Handlung sein, nicht automatisch Kapitulation oder ausgebliebenes Weggehen. Vor allem ist es ein Prozess: Viele können sich vorstellen, nochmal woanders hinzuziehen, würden aber gern bleiben, wenn sie in der Entwicklung der Region eine Rolle spielen können. Dabei sagen die Frauen nicht, tragt mal die Angebote an uns heran, sondern sie werden selbst aktiv. Viele gründen einen Verein. Die Frauen hier sind unglaublich agil darin, Ansprechpartner zu finden und Verbündete für ihre Anliegen ins Boot zu holen.

 Was sind das für Anliegen?

Es gibt hohen Bedarf an besseren Weiterbildungsangeboten. Viele wünschen sich von den  Hochschulen mehr Strahlkraft, von den Betrieben mehr Unterstützung. Es fehlt auch an guten Jobs. Mobilität ist für Frauen ein wichtiges Thema, entscheidend für soziale Teilhabe und die Suche nach dem Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Es geht aber nicht darum, aus den Dörfern westdeutsche Metropolen zu bauen. Das Reden von der „Angleichung der Lebensverhältnisse“ ist auch Augenwischerei.

 Wie meinen Sie das?

Es kann nicht Ziel sein, den Großstädten nachzueifern. Es gibt Vorteile auf dem Land, die viele hier zu schätzen wissen: wenn die Kinder auf dem Schulweg nicht dem Stadtverkehr ausgesetzt sind. Wenn das Angebot nicht erschlagend, sondern bedürfnisorientiert ist. Brauchen wir den nächsten Bioladen, oder gibt es auf dem Land nicht bessere Möglichkeiten, beim Landwirt einzukaufen?

 Aber es gibt doch Probleme bei der ländlichen Infrastruktur.

Klar. Aber das ist ja hier kein Wettbewerb, in dem möglichst viele gebratene Tauben durch die Luft fliegen, damit irgendwie Leute kommen. Es gibt Städte in der Lausitz, die viel von ihren  Gewerbeeinnahmen, etwa aus der Kohleindustrie, in Infrastruktur investiert haben. Da könnte man ja sagen: Die haben alles, die ausgebauten Straßen, die Buslinien, die Sparkasse.

 Und was fehlt dann?

Das fragen die Bürgermeister auch: „Was mache ich denn jetzt mit meinen Frauen hier?“ Ich  antworte immer: Na, wenn die sich regelmäßig treffen, gehen Sie doch mal hin und trinken Sie einen Kaffee mit denen. Fragen Sie, was die da machen, ob sie was brauchen. Uns war wichtig, nicht mit einem Katalog von Empfehlungen aufzutauchen, sondern zu fragen: Was läuft denn bisher? Was klappt gut? Dieses Selbstbild, dass alles irgendwie schlecht läuft, finde ich ganz typisch in den Regionen hier.

Mangelt es den ländlichen ostdeutschen Regionen an Selbstbewusstsein?

Das Weggehen seit der Wendegeneration steckt wie ein Trauma in den Leuten drin. Als ich den Job gewechselt habe, sind alle direkt davon ausgegangen: Ach, jetzt gehst du ja auch wieder weg. Ich habe mich gewundert, ich kann doch pendeln. Aber Abwanderung wird als so ein unschlagbares Motiv empfunden, dass Alternativen gar nicht denkbar scheinen. Immer dieser Blick: Das, was hier ist, das reicht nicht. Die, die bleiben, zählen nicht. Das schafft so eine Blase der Mutlosigkeit, in der Handeln immer schwieriger wird.

Aber es kommen doch nun mal zu wenig Leute.

Es werden aber auch die übersehen, die kommen. Als wir in Görlitz fragten, wie das Verhältnis von zugezogenen und einheimischen Studierenden ist, hieß es: „Ach, das sind hier zu 80 Prozent Leute aus der Region, die kommen hier eigentlich alle ausm Eck.“ Dann haben wir die Zahlen angeschaut und festgestellt: Nur 40 Prozent kommen aus der Region, der Rest ist zugezogen, die sehen die Hochschule offensichtlich als Anziehungspunkt. Die Binnenwanderung wird gar nicht mehr gesehen.

 Okay, was muss sich ändern?

Wir müssen Strategien entwickeln, die Frauen mehr in die Wahrnehmung der Entscheidungsträger:innen zu rücken. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es eine große Überforderung mit der schieren Menge an Baustellen gibt, wenn die Leute isoliert voneinander sind. Eröffnet man aber Diskussionsräume, in denen sie sich austauschen können, wird das Organisationspotenzial sichtbar.

Sie haben dazu eine Plattform ins Leben gerufen, „F wie Kraft“.

Es war uns wichtig, nicht mit so einer städtisch-feministischen Haltung in die Dörfer zu kommen und zu sagen: Wir machen jetzt hier einen Tanzworkshop. Es geht um die Mitgestaltung des regionalen Wandels: geschlechtergerechter Strukturwandel, schrumpfende Städte, das sind Themen, bei denen die Frauen gehört werden müssen. Statt den Weggezogenen hinterherzutrauern, müssen wir endlich denen zuhören, die hiergeblieben sind.

Julia Gabler...

... ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung Potsdam, lebt in Görlitz und forscht u. a. zu den  Verbleibchancen qualifizierter Frauen in Ostsachsen sowie zum Strukturwandel in der Lausitz.

Das Gespräch führte Helke Ellersiek

Erschienen in derFreitag am 5. November 2020

Foto: Anne Schönhart ING/OSTKREUZ, PRIVAT

(Ver)Kommen, (Dran)Bleiben und (Ab)Gehen - Ein Lausitzdrama in drei Akten

Teil 2 - (Dran)Bleiben

„Kämpfe für die Dinge,
die dir wichtig sind,
aber tue dies auf eine Weise,
die andere dazu bringt,
sich dir anzuschließen.“

(Ruth Bader Ginsburg)

Dranbleiben kleiner

© Anne Isensee

Ich drücke drauf und langsam kommt Licht ins Dunkel. Ich kenne derzeit kein angenehmeres Gefühl, als diesen Schalter zu bedienen und dabei zuzusehen, wie sich die Rollläden langsam nach oben wabern und den Laden in seiner unfertigen Gemütlichkeit erwachen lassen. Ich kicke gekonnt den Türstopper unter den Eingang und lüfte einmal kräftig durch. Eine Routine in einer neuen Art zu Hause. Beides scheint mir in Zeiten von Corona alles andere als selbstverständlich. Ich bin zufrieden. Ich fühle mich privilegiert.

Efeu durch die Institutionen!

Meine letzten fünfzehn Monate in Görlitz lassen sich als aufeinanderfolgende Hochdruckgebiete beschreiben, die fast immer gutes Wetter mit sich brachten. Bis heute müssen aber auch alle mit Hochdruck daran arbeiten, dass das so bleibt. Das Rathaus-Unglück von 2019 konnte in letzter Sekunde durch einen (relativ klassischen) Alleingang der CDU abgewendet werden. Und auch ich musste unter Schmerzen mein Kreuz für die christlich konservative Partei setzen. Wie es dazu kommen konnte, ist mir bis heute kein Rätsel. Ich betrachtete es als natürliche Selbstkasteiung meiner politischen Verantwortung. Ich bin ein Systemkind, das die Bündnisbereitschaft in Deutschland grundsätzlich feiert und für alles andere als selbstverständlich hält. Während Strukturwandel und gesellschaftliche Veränderungen in anderen Demokratien zu scheinbar unaufbrechbaren Verhärtungen führen, halte ich die hiesige Gesprächsbereitschaft und die zivilgesellschaftliche Parkettfähigkeit für einen riesigen Vorteil.

Und diese Prozesse laufen eben nicht ohne Widersprüche, Risiko und Scham. Die lokale Antifa nahm mir im Zuge des zweiten Bürgermeister-Wahlgangs mein schlechtes Gewissen, indem sie den bezeichnenden Slogan: „Antifa heißt heute CDU wählen“ im Netz teilte. Verständlicherweise wurden kurz darauf alle Spuren gründlich verwischt. Der ursprüngliche Post ist heute kaum noch zu finden. Wer sucht, stößt nur auf seitenweise Online-Kritik. Doch meiner Meinung nach ist dieser Ausspruch der lebendige Beweis dafür, dass sich in Ostsachsen nicht Möchtegerns - wie bspw. in meinem ehemaligen Zuhause Berlin Neukölln – gegenseitig bestätigen und verbünden, sondern ganz eigenartige Möchteungerns. Möchteungerns, die trotz aller inneren Widerstände genau das tun, was als letzter, ungemütlicher Weg übrig bleibt. Möchteungerns, die sich nicht vertreten fühlen und als Folge efeumäßig durch die Institutionen wachsen. Möchteungerns, die daraufhin immer wieder an Mauern stoßen, einmal drumherum florieren und vielleicht irgendwann mit dem eigenen Blatt das Darunterliegende unkenntlich machen. Jedenfalls ein Danke an alle Möchteungerns[1], die an Mauern im Wind wachsen und dabei doppelte Breitseite ernten!

Ihre Erfahrungen, Wünsche und Potenziale werden im Strukturwandel oft unterschätzt. Trotz aller Notwendigkeit werden ihre jungen und alternativen Perspektiven kaum bewusst mitgenommen oder in Wert gesetzt. Ein Beispiel: Schon jetzt ist die Hälfte aller Menschen in Görlitz und Bautzen über fünfzig Jahre alt. Dieser gehörige demografische Druck provoziert aus sich heraus die Entwicklung einer Strategie, die jungen und gebildeten Nachwuchs hält bzw. holt. Wie sollen diese Strategien jedoch erfolgreich erarbeitet werden, wenn - wie die eindrückliche Darstellung von Antonia Mertsching beweist - Entscheidungsträger*innen im Strukturwandelprozess (als Durchschnitt auf allen Handlungsebenen) zu 74 % aus Männern, größtenteils über fünfzig, bestehen? No prejudices: Aber mich würde schon interessieren, welche Quellen sie konkret zur Bedarfserhebung nutzen, um junge Frauen wie mich außerhalb ihres Arbeitsplatzes (der mittlerweile überall liegen kann) abzubilden. Mein Vater würde jetzt sagen, es dreht sich eben nicht alles nur um dich, Prinzessin, das Leben ist kein Wunschkonzert. Ich würde darauf antworten, selbst wenn es eines wäre, hier würde es kaum einer hören.

Achtung Manipulation!

Ich fasse nochmal zusammen: Wenn also 85 Männer gegenüber 22 Frauen über eine nachhaltige Zukunft eines neuen Nachwuchses in dieser Region entscheiden, ohne ihm zuzuhören und daraufhin Milliarden verteilen, dann ist das leider ziemlich unfair und auch einfach nicht erfolgsversprechend.

Das entspricht in etwa der Sinnhaftigkeit eines Vorwurfs, dem rund dreißig Menschen auf der Bürgerratswahl der Innenstadt Ost von Görlitz an einem Abend im November 2019 ausgesetzt waren. Als sich der prunkvolle Saal der KommWohnen GmbH zunehmend mit Kapuzenpullis, bunten Jacken und Nasenpiercings füllte, wuchs die Anspannung im Raum und jemand äußerte ernsthaft den Verdacht, dass wir mit Bussen aus Dresden angereist wären um … naja, um genau was zu tun? Um unrechtmäßig über die Zukunft eines uns fernen Stadtteils mit Themen, die uns null betreffen, zu entscheiden?

Auf dieser Wahl ist nichts anderes passiert, als dass über dreißig junge Menschen aus der Nachbarschaft ihr Recht auf Partizipation in Anspruch genommen haben. Sie waren es satt, dass der verlängerte Arm in den Stadtrat mit Menschen besetzt war, die nicht die Zukunft, wohl aber eine verschrobene Vorstellung von Gegenwart und Vergangenheit vor Augen hatten. Als dann das Ergebnis verkündet wurde und alle rechtskonservativen Kräfte durch drei Frauen und zwei Männer U35 ersetzt wurden, fühlte ich an mir eine bis dahin weitgehend unbekannte und sehr wohlige Selbstwirksamkeits-Gänsehaut hochkriechen. Im Foyer begegnete uns kurz darauf ein Ehepaar Ü60, bedankte sich für unser Engagement und fragte, wo wir unser Bier her hätten. Sie säßen nämlich schon seit zwei Stunden auf dem Trockenen…

In der örtlichen Presse – bei der ich es mir mittlerweile zur Aufgabe gemacht habe, besonders herausragende Artikel zu sammeln – wurden wir daraufhin im Leitartikel über mehrere Seiten als biertrinkende, krawallige Anti-Establishment-Rowdies dargestellt, die die Wahl manipuliert hätten. Auf der Titelseite waren drei ältere Menschen mit einem Transparent vor dem Wilhelmsplatz dargestellt, die im trumpesken Stil ganz einfach und ohne stichhaltige Beweise die Wahl nicht anerkennen wollten. Allein die Tatsache, dass es für eine Manipulation gehalten wird, wenn junge Menschen im Bezirk plötzlich sichtbar werden und ihre Interessen und Wahlrechte in Anspruch nehmen, macht mich einfach nur sprachlos. Sind wir selbst daran schuld?

Wer kümmert sich um die?

Ich sehe natürlich ein, dass unser Auftreten und unsere Ansprüche Andere auch ziemlich sprachlos machen können. Menschen, die seit fünfundzwanzig Jahren mit schlechtem Verdienst, aber ohne Mucksen im gleichen Betrieb arbeiten, die zwölf Stunden pro Tag am besten noch mit Ehepartner*in im eigenen Bistro frittieren, Frauen, die sich tagein tagaus in der Pflege ihren Rücken kaputt machen und statt respektvoller Bewunderung ein „Alter, wieso tust du dir das an?“ von uns ernten, all diesen Leuten fehlt sicher nicht grundlos Verständnis für unsere Realität. Und ehrlich, es tut mir unheimlich Leid, dass all das existiert. Aber es ist verkehrt und ein Trugschluss, wie einige immer noch glauben, dass wir jungen Nichtsnutze uns aus Solidarität auch solchen Zuständen aussetzen sollten. Damit ändert sich nämlich gar nichts. Stattdessen bremsen unsere wachsenden Ansprüche zukünftige Ausbeutung, provozieren bessere (Arbeits-) Bedingungen und machen den Strukturwandel damit zugegebenermaßen ein ganzes Stück komplexer. Denn wie soll man zielgerichtet auf Aussagen wie diese reagieren: „Ja, also wenn‘s möglich ist, würde ich maximal dreißig Stunden die Woche arbeiten. Mein Job und meine Umgebung müssen mich mit Sinn erfüllen. Und wenn das nicht mehr der Fall ist, dann zieh ich eben weiter. Ich hab auch nichts gegen eine zeitweilige Arbeitslosigkeit. Meine WG, mein Anspruch und mein Lifestyle verlangen nicht viel Cash. Ich bin erst dreißig Jahre jung und Rente bekomme ich so oder so keine! Take that, life is a journey!“.

Neben all den wachsenden Ansprüchen haben wir auch noch tausend unsichtbare Ideen und kein konkretes Ziel. Wir reden immer von Projekten, die dann der Staat oder Europa finanzieren müssen. Wir schaffen kaum Wertschöpfung, zahlen mit unseren halbherzigen Gehältern viel zu wenig Steuern und übernehmen dementsprechend keine gesellschaftspolitische Verantwortung. Der Staat geht den Bach runter, wegen Superreichen und faulen Sozial- und Kulturarbeiter*innen wie mir. Wer kümmert sich denn um das wirklich hart arbeitende Volk?

Arbeitsmoral

Seit ich erwachsen bin, läuft diese Leier meines Vaters als Dauerschleife in meinem Ohr[2]. Der arbeitet seit ungefähr lebenslänglich im selben Betrieb und steht nun kurz vor der Rente. Mein ewiges Suchen, Neuerfinden und Weiterziehen sind ihm ein Dorn im Auge. Dieser Dorn ist nicht nur aufgrund unterschiedlich gebotener und genutzter Chancen in unseren Lebensläufen gewachsen. Er offenbart ebenfalls eine Moral, in der Arbeit um ihrer selbst willen einen unhinterfragbaren Wert besitzt. Und dabei ist es ganz egal, ob die Firma die eigene Arbeitskraft trotz ambitioniertem, gewerkschaftlichem Engagement jahrzehntelang ausnutzt. Es ist egal, dass man keine Zeit und Muße hat, sich darüber Gedanken zu machen, was man sich persönlich Gutes tun oder gönnen würde. Was der persönliche Sinn hinter all dieser verarbeiteten Lebenszeit ist. Hauptsache, man hat am Ende ganz viel gespart, die Familie durchgebracht und Steuern gezahlt.

Letzten Herbst habe ich meinen Vater kurzerhand auf eine Postwachstumskonferenz in Görlitz mitgenommen. Davon schwärmt er heute noch. Wir sind uns dort auf einer ganz neuen Ebene begegnet. Mir wurde bewusst, dass er die grundsätzliche Kritik am System ganz klar teilt. Die aufgezeigten, alternativen Wege jedoch – wie bspw. ein Lieferkettengesetz oder die Gemeinwohl-Ökonomie – hält er für absolut abwegig. Das lässt sich seiner Meinung nach ganz einfach nicht umsetzen. Zu hoher Aufwand, zu ungewisser Output. Ich stelle mir nun die Männer in den Strukturwandel-Gremien vor, die ungefähr dem Alter, der Lebenserfahrung und der grundsätzlichen „Ist-einfach-so!“-Einstellung meines Vaters entsprechen. Sie entscheiden über Wege und Mittel und ich höre ihr Echo jetzt schon in meinen Ohren: „Das ist zu abwegig. Das birgt ungewisses Wachstumspotenzial! Das schafft keine Arbeitsplätze! Das fällt jetzt erstmal unter Wohlfahrt oder ehrenamtliche Daseinsvorsorge!“

Bis irgendein Efeu in diesen Diskurs hereingewachsen ist, ist es vielleicht schon zu spät. Und von den Auswirkungen sind nicht nur wir jungen Menschen betroffen. Sondern z. B. jeder zehnte Erwerbstätige[3], der allein jetzt schon im Landkreis Görlitz, in der Pflege tätig ist. Er[4] wird unter der wachsenden Last im Strukturwandel mit noch größeren Rückenschmerzen und beschisseneren Arbeitsbedingungen konfrontiert sein. Die vielen alten Menschen werden keinen Pflegeplatz bzw. keinen pflegenden Angehörigen mehr finden und zu Hause vereinsamen. Dafür haben wir dann ′ne geile Verwaltungsbehörde, irgendwas mit Wasserstoff und ganz viele Ingenieur*innen wie meinen Vater. Doch auch da wird es einen gehörigen Unterschied geben. Denn im Gegensatz zu ihm, werden es sich die neuen Ingenieur*innen dreimal überlegen (und auch dreimal schneller wieder verschwinden), wenn der Arbeitsplatz und die Umgebung ihren Ansprüchen an eine angemessene Lebensqualität widersprechen.   

Wir stechen in See!

Meine Lebensqualität, mein Nest und meinen Hafen habe ich nun im ahoj gefunden. Wenn ich morgens auf den Schalter drücke und sich die Rollläden langsam nach oben wabern, dann erwacht ein Raum aus dem Schlaf, der meinen schrecklichen, jungen Ansprüchen an einen sinnerfüllenden Arbeitsplatz genau entspricht. Hier kommen Menschen zusammen, die an ihren Gründungsideen basteln. Ideen, die nicht in erster Linie das größte Wachstum und sprudelnde Steuereinnahmen versprechen. Aber die einen Mehrwert für das Gemeinwohl besitzen. Hier nehmen sich Menschen die Zeit, die sie brauchen, sie zweifeln, probieren aus, tüfteln ohne Druck. Ich gucke dabei zu, moderiere und trage es in die Öffentlichkeit. Meine Freund*innen aus Berlin sind dann immer ganz angetan und sagen: „Mensch, sowas gibt’s in Görlitz?“.

Wie schön wäre es, wenn sie verstehen würden, dass das alles andere als abwegig ist. Und dabei trotzdem erkennen, dass die Gründer*innen hier unter anderen Bedingungen in See stechen. Etwas weniger privilegiert und selbstverständlich, in einem anderen Tempo, als zarter Efeu an einer Mauer.

 

[1] Ich möchte vorsichtshalber erwähnen, dass ich in dieser persönlichen Definition alle Antidemokrat*innen, Querdenker*innen, Corona- u. Holocaustleugner*innen, selbsternannten Freiheitskämpfer*innen bzw. Wissenschaftler*innen kategorisch ausschließe.

[2] Wer der Sächsischen Zeitung auf facebook folgt, findet sie auch in jedem zweiten Kommentar, der sich kulturellem oder zivilgesellschaftlichem Engagement junger Menschen in der Stadt widmet.

[3] Vgl. Fuchs, Michaela. Richter, Bernd. Sujata, Uwe. & Weyh, Antje (2018): Der Pflegearbeitsmarkt in Sachsen. Aktuelle Situation und zukünftige Entwicklungen. Nürnberg

[4] Oder besser „Sie“. Rund 85 % der Beschäftigten in der Pflege sind Frauen, vgl. Freifrau von Hirschberg, Kathrin-Rika. Hinsch, Jutta. & Kähler, Björn. (2018): Altenpflege in Deutschland. Ein Datenbericht 2018. Hamburg

Lisa W...

... hat ihre Arbeit, ihren Partner und ihre Freund*innen in Berlin gelassen, um der Großstadt endgültig den Rücken zu kehren und in Görlitz "Management sozialen Wandels" zu studieren. Im Lausitzdrama in drei Akten berichtet sie über ihr Ankommen, Bleiben und Gehen. Zu finden auf Instagram unter helga_wolke

 

Anne Isensee...

... ist Animatorin und Regisseurin für Animations-Kurzfilme und Musik Videos aus Berlin. Sie studierte Animation an der Filmuniversität Babelsberg und der École nationale supérieure des arts décoratifs Paris. Seit 2020 studiert sie als Fulbright-Stipendiantin an der School of Visual Arts New York im Master Computer Arts. Ihre Kurzfilme "Megatrick", "Ich Will" und "1 Flasche Wein" werden auf Internationalen Festivals gezeigt.

https://www.anneisensee.com/ | https://vimeo.com/user41831769

 

GLEICHSTELLUNG IN DER LAUSITZ #1

Katja Knauthe, Johanna Zabka und Fränzi Straßberger haben 2020 ihre Arbeit als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte in der Lausitz begonnen. Ich habe sie jeweils getroffen und mit ihnen über ihre Visionen für die Region, über ihre Perspektive auf den Strukturwandel und ihre Schwerpunkte im neuen Job gesprochen.

Dies ist Teil 1 unserer Reihe „Gleichstellung in der Lausitz“. Teil 2 und 3 über Johanna Zabka und Fränzi Straßberger finden Sie in unserem Journal.

Katja Knauthe – „Bitte schreibt Kommunale Gleichstellungsbeauftragte.“

Katja Knauthe ist seit Juni Gleichstellungsbeauftragte und Koordinatorin des Bereichs Integration der Stadt Görlitz. Parallel promoviert sie zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf aus einer organisationssoziologischen Perspektive. Außerdem ist sie nach wie vor Dozentin und Mitglied an der Hochschule Zittau/Görlitz, sowie am Institut für Gesundheit, Altern und Technik (GAT) tätig.

Die Wissenschaft des Alter(n)s war Forschungsschwerpunkt in den letzten 10 Jahren ihrer wissenschaftlichen Laufbahn und bleibt auch in der neuen Position präsent: „Ich sag immer, wir haben kein Gleichstellungsproblem, wir haben ein Vereinbarkeitsproblem“. Die meisten Menschen denken beim Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ an die Sorgearbeit, die mit der Erziehung von Kindern einhergeht, für Katja Knauthe gehört aber auch die Pflege von älteren Menschen und Menschen mit Behinderung ganz klar dazu. Natürlich hat das auch eine Geschlechterperspektive: „Frauen sind der größere Anteil unter den Menschen, die Sorgeverantwortung tragen, das hat soziologische und historische Gründe“. Menschen, die Sorgearbeit tragen, könnten nicht adäquat am Erwerbsleben teilnehmen. Das will sie mit ihrer Arbeit ändern: „Die Verbindung läuft derzeit nur mit irgendwelchen Teilzeitkonstrukten oder sehr klassischen Familienverhältnissen und ich sehe dort die Kommune sehr wohl in der Verantwortung, Daseinsvorsorge zu leisten und ansässige Unternehmen und Organisationen so zu sensibilisieren, dass langsam dieser Nachteil der Sorgearbeit abgebaut wird.“

Um darauf hinzuwirken, sieht sie ihren Arbeitsschwerpunkt nicht in der Arbeit mit Vereinen, denn: „Für mich ist das kommunale Sozialarbeit – und ich bin Soziologin“. Diese wissenschaftliche und strukturelle Perspektive ist ihr wichtig, das möchte sie auch angemessen kommunizieren. Dass bisher „Gleichstellungsbeauftragte für Mann und Frau“ die Bezeichnung ihrer Stelle war, griff ihr viel zu kurz, weshalb nun „Kommunale Gleichstellungsbeauftragte“ auf Visitenkarte und Homepage zu lesen ist. Politischer Auftrag und konzeptionelle Arbeit sind ihr Fokus. Dafür nimmt sie auch gern in Kauf, weniger sichtbar zu sein im Stadtgeschehen. „Ich möchte einen kommunalen Gleichstellungsbericht schreiben. Es braucht eine Soll-Ist-Analyse, um Handlungsempfehlungen zu finden. Dafür muss man sich aber erstmal zurückziehen“.

Foto Knauthe 2048x1365

Als sie sich auf die Stelle beworben hat, war der Job selbst nicht ihr größtes Interesse. Eigentlich habe sie sich mit dem Oberbürgermeister darüber unterhalten wollen, dass ihre Definition von Gleichstellungsarbeit anders sei als das, was bisher umgesetzt und in der Stellenausschreibung beschrieben wurde. Dass sie dann für die Stelle ausgewählt wurde, war auch ein kleiner Schock, weil das eben auch bedeutete, ihre unbefristete wissenschaftliche Tätigkeit an der Hochschule zu beenden. Deshalb ist sie sehr froh darüber, weiterhin mit der HSZG zusammenzuarbeiten. Beispielsweise möchte sie die bisherigen Integrationsmaßnahmen der Kommune und des Landkreises gemeinsam mit Masterstudent*innen des Studiengangs Management Sozialen Wandels evaluieren.

Weil ein neuer Anfang immer Anlass für Visionen und große Ziele ist, wollte ich wissen, was Katja Knauthes Vision für Görlitz und die Lausitz ist. Darauf findet sie eine klare Antwort: „Was ich möchte, ist eine sorgende Gemeinschaft („caring community“) etablieren“. Das heißt, dass Familien als nach wie vor Haupt-Sorgetragende entlastet werden sollen – dafür muss die passende Infrastruktur geschaffen werden, die nicht nur genügend (Tages-) Pflege- und Kita-Plätze umfasst, sondern auch die Koordination von bürgerschaftlichem Engagement und ein Bemühen der Kommune, wachzurütteln und zu sensibilisieren, um das Ideal einer generationensensiblen Gesellschaft zu stärken. „Eine solidarische Gemeinschaft ist das große Ziel, ansonsten verfestigen sich konservative Strukturen und die machen nachweislich krank“. Im besten Fall wird Wahlfreiheit geschaffen, sodass Pflege- und Sorgearbeit aus freien Stücken geleistet werden kann, weil die Kommune vorgesorgt hat. Noch einmal weist sie auf die Geschlechterungleichheit hin: kürzlich habe sie einen Artikel gelesen demzufolge die gender gaps erst in 99 Jahren geschlossen würden, wenn es so weitergehe wie bisher. Ihr Ziel ist es, in Görlitz eher so weit zu sein. Diese Entwicklung weg von konservativen Strukturen und hin zu gemeinschaftlicher Verantwortung ist auch, was sie mit Strukturwandel verbindet. Eine Caring Lausitz möchte sie sich vorstellen, in der die gerontologische Perspektive auch im ländlichen Raum konsequent mitgedacht wird, denn aktuell ist die Reichweite der ambulanten Pflegedienste beschränkt, ÖPNV unregelmäßig und Lebensmittelläden in vielen Dörfern nicht mehr vorhanden. Sie wünscht sich innovative Lebensmodelle, vielleicht mehrgenerationale Zusammenschlüsse von jungen Raumpionier*innen und unterstützungsbedürftigen Alteingesessenen.

Was aber auch zu ihrer Vision gehört ist, dass die Kommune als familienfreundliche und pflegesensible Arbeitgeberin Vorbild ist, denn „Arbeitgeber sollen sich endlich für Gleichstellung verantwortlich fühlen!“. Dafür müssen Muster durchbrochen und Personalpolitik geändert werden „wir haben nach wie vor Strukturen, die es Frauen scheinbar verunmöglichen, in Führungspositionen zu kommen. Und das zu ändern, da will ich hin“. Als sie in den letzten Jahren noch Gleichstellungsbeauftragte der sozialwissenschaftlichen Fakultät war, konnte sie auch in Personalpolitik eingreifen. Leider ist das nun nicht mehr Teil ihrer Stelle, da die Kommune dafür eine Frauenbeauftragte hat, mit der Katja Knauthe auch im Strategiegespräch über diese Themen ist. Zukünftig könne sie sich gut vorstellen beides in Personalunion zu übernehmen.

Bernadette Rohlf…

… hat in Görlitz Management Sozialen Wandles (M. A.) studiert, ist freiberuflich bei F wie Kraft tätig und engagiert sich im feministischen*forum (instagram: @feministisches_forum) und bei Sohland lebt! e. V. (https://sohlandlebt.de/).

GLEICHSTELLUNG IN DER LAUSITZ #2

Katja Knauthe, Johanna Zabka und Fränzi Straßberger haben 2020 ihre Arbeit als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte in der Lausitz begonnen. Ich habe sie jeweils getroffen und mit ihnen über ihre Visionen für die Region, über ihre Perspektive auf den Strukturwandel und ihre Schwerpunkte im neuen Job gesprochen.

Dies ist Teil 2 unserer Reihe „Gleichstellung in der Lausitz“. Teil 1 und 3 über Katja Knauthe und Fränzi Straßberger finden Sie in unserem Journal.

Johanna Zabka – „Ich will Barrierefreiheit in den Köpfen der Menschen herstellen.“

In Brandenburg legt das Landesgleichstellungsgesetz (LGG) fest, dass Gleichstellungsbeauftragte sowohl für öffentliche Belange als auch für Personalbelange innerhalb der Kreisverwaltung verantwortlich sind. Diese Position hat Johanna Zabka seit April für den Landkreis Oberspreewald-Lausitz inne. Gleichzeitig ist sie Behindertenbeauftragte, was auch gut zu ihren vorherigen Tätigkeiten passt, denn für einige Jahre arbeitete sie für das Landesamt für Soziales und Versorgung als Aufsicht für unterstützende Wohnformen, wo sie Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen prüfte. Damals war sie auch stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte. So begann sie ihre neue Position sowohl mit Erfahrung aus dem Verwaltungsbereich als auch Vorwissen in der Gleichstellungsarbeit.

Ihre erste Zeit im Amt beschreibt sie als aufregend: seit April ist sie Gleichstellungsbeauftragte und startete so gemeinsam mit dem Lock-Down. „Dadurch fand natürlich wenig Netzwerkarbeit statt, vor allem nicht persönlich. Zuletzt wurde das langsam wieder hochgefahren“. Trotzdem fühlte sie sich gut vorbereitet, da sie sich schon seit Januar in der Einarbeitungszeit befand und so gemeinsam mit ihrer Vorgängerin Kolleginnen und Netzwerkpartner*innen treffen und Veranstaltungen wie die Frauenwoche oder den Karneval für Menschen mit Behinderungen und ihre Freund*innen bereits mitgestalten und erleben konnte.

© Landratsamt Oberspreewald-Lausitz

Die verhältnismäßig lange Einarbeitungszeit ermöglichte Johanna Zabka nicht nur einen sicheren Stellenantritt, sondern zeigt auch, welche Wertigkeit die Position im Landratsamt hat: „Das ist auch hier im Haus nicht die Regel, dass dafür so viel Zeit eingeräumt wird.“ bemerkt Sarah Werner, Pressesprecherin des Landratsamtes, die an unserem Gespräch teilnimmt. Der Gleichstellungs- und Behindertenbeauftragten-Stelle ist auch eine Vollzeit-Mitarbeiterin angegliedert. Mir fällt auf, dass die Gesetzgebung in Brandenburg durch das LGG eine wirksame Grundlage und Legitimation für Gleichstellungsbeauftragte geschaffen hat und die Arbeit dadurch anerkannter und besser finanziert scheint als in Sachsen. Johanna Zabka und Sarah Werner berichten auch, dass innerhalb des Landratsamtes großes Interesse am Gleichstellungsbericht bestünde, der in Brandenburg gesetzlich gefordert ist. Erst kurz vor unserem Treffen habe Johanna Zabka die aktuellen innerbetrieblichen Zahlen in der Dienstberatung leitender Vertreter*innen des Landkreises vorgestellt, was auch Austausch inspiriert hätte. Erfasst wurden beispielsweise die Männer- und Frauenanteile in den verschiedenen Dienstgraden oder im Bereich Teilzeitarbeit als Indikatoren für Gleichstellung.

Zentrales Thema der Arbeit von Johanna Zabka ist Barrierefreiheit, damit meint sie nicht nur die physische Zugänglichkeit bestimmter Orte, sondern versteht den Begriff auch gleichstellungspolitisch und persönlich: im öffentlichen Raum wolle sie darauf hinwirken, dass dunkle Räume beseitigt würden, weil das bei vielen Frauen Angst und Unsicherheit auslöse. Vor allem aber will sie „Barrierefreiheit in den Köpfen der Menschen herstellen, zeigen dass wir eine bunte Gesellschaft sind, dass wir offen für jeden sind und gemeinsam vieles erreichen können und nicht gegeneinander arbeiten“. Dafür ist sie auch an der Organisation öffentlichkeitswirksamer Veranstaltungen beteiligt. Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25.11.) werden an den Standorten der Kreisverwaltung und weiteren Orten im Landkreis Fahnen gehisst, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen und das Frauen- und Kinderschutzhaus in Lauchhammer eröffnet an diesem Tag eine Foto-Wanderausstellung im Rathaus in Calau. Auch die Vorbereitungen für die brandenburgische Frauenwoche 2021 unter dem Motto „Superheldinnen am Limit“ laufen bereits.

Auch Johanna Zabka habe ich nach ihren Visionen und ihrer Perspektive zum Strukturwandel gefragt. Sie betont, dass die Gestaltung des Wandels ein wichtiges Thema sei, aber auch eines wo schon Erfolge zu erkennen sind. „Man darf nicht vergessen, dass sich die Region schon ganz toll entwickelt hat“. Sie berichtet von vielen Rückkerer*innen, ästhetischen Wald- und Seenlandschaften, von neuen Arbeitgebern, die sich in der Region etabliert haben und vom kulturellen Angebot.

Auf ihre Zukunft blickt sie sehr optimistisch und sagt: „Ich denke, dass hier im Landkreis gerade in der Netzwerkarbeit schon vieles gut läuft, es aber trotzdem wichtige gleichstellungspolitische Themen gibt, die es anzupacken gilt“.

Bernadette Rohlf…

… hat in Görlitz Management Sozialen Wandles (M. A.) studiert, ist freiberuflich bei F wie Kraft tätig und engagiert sich im feministischen*forum (instagram: @feministisches_forum) und bei Sohland lebt! e. V. (https://sohlandlebt.de/).
 
 

Bei uns ist nicht alles rosarot, bei uns ist's petrol!

 …und petrol ist auch toll, finde ich. Aber das zu begreifen, hat auch bei mir eine Weile gedauert und ist mit einem Leidensweg verbunden.

Es gibt Dinge, die man zwar kennt bzw. von denen man weiß, dass es sie gibt, bei denen man aber aus irgendwelchen Gründen davon ausgeht, dass sie einen selbst nie betreffen werden. Genauso war es bei mir. Wer mich kennt weiß, dass ich ein überaus fröhlicher und optimistischer Mensch bin. Ich habe viele Ideen im Kopf, Pläne für die Zukunft, einen Job der mir sehr viel Freude macht, einen Partner, den ich seit vielen, vielen Jahren an meiner Seite habe, viele Lieblingsmenschen und nicht zu vergessen eine tolle Familie. Ich wurde schwanger und das ideale Nest war auch gefunden. Also alles perfekt. Und doch kam es irgendwie anders…

Die Geburt und die Zeit danach haben das Leben ordentlich durcheinander gebracht. Und eine Mama, die nicht überglücklich mit ihrem Kind ist, ist doch irgendwie nicht ganz normal, oder etwa doch? Doch!! Das ist sie. Und sie ist überhaupt nicht allein mit ihren Sorgen, Gedanken und Gefühlen. Das zu begreifen, ist aber oft ein langer Prozess. Es ist in der heutigen Gesellschaft leider ein absolutes Tabu Thema. Eine Mama die unglücklich ist. Egal wo man hinsieht, ob im TV, Werbeanzeigen oder Zeitschriften. Mamas sind glücklich, managen alles super gut, lieben ihre Kinder abgöttisch und sehen dabei noch unglaublich gut aus. Wie soll man all dem gerecht werden? In einer Welt wo man mit Statusbildern und Facebook-Posts jeden Tag sieht, dass auch die befreundeten Mamas genau diesem Ideal entsprechen. Und ist man dann einmal im Strudel der Selbstzweifel drin, wird es schwer, da wieder rauszukommen.

…Und das möchte ich verhindern. Ich möchte verhindern, dass Mamas erleben müssen, was ich durchlebt habe. Fühlen, wie ich mich gefühlt habe. Ich möchte sie auffangen, ihnen zur Seite stehen und ein Stück ihres Weges gemeinsam gehen. Mal ist es ein kurzer Spaziergang, mal wird ein regelmäßiges Workout draus. Mama, du bist nicht allein, du bist nicht falsch oder schlecht! Du bist besonders und genau die richtige Mama für dein Kind….

Mut ist, wenn du mit der Angst tanzt
Das was du nicht ganz kannst, trotzdem versuchst 
Mut ist, wenn du wieder aufstehst
Pflaster auf die Haut klebst und weiter suchst!

[Auszug aus dem Songtext MUT von Alexa Feser]

Dieses Lied fand ich in einer Phase, in der ich eine Entscheidung treffen musste. Gründe ich eine Selbsthilfegruppe für Mamas, denen es geht wie mir, oder nicht? Wie läuft sowas ab? Was kommt auf mich zu? Fragen über Fragen. Und ich tanzte mit der Angst und entschloss, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Mit meinem Namen für eine Sache zu stehen, die für mich eine absolute Herzensangelegenheit geworden ist. Eine Gruppe, wo sich alle Mamas hinwenden können, die Kummer haben. Egal ob eine traumatische Geburt, eine Anpassungsstörung in der neuen Mutterrolle, Spagat zwischen Job und Familie …. die Liste kann unendlich erweitert werden. Bei Mamseel trifft man auf offene Ohren, Hilfe und vor allem Mitgefühl. Ich möchte da sein, wenn jemand den Halt verliert. Meine Selbsthilfegruppe kann keine Therapie ersetzen. Aber den Weg zum Arzt oder Therapeuten durch eigenen Erfahrungen der Gruppenmitglieder erleichtern. 

…die detaillierte Geschichte findet ihr auf meiner Homepage https://www.mamseel.de/ueber-uns/ ….

Und warum Mamseel?

Lass der Kreativität ihren Lauf…. Wie nenne / werbe ich für eine solche Gruppe? Wie breche ich das Tabu und wecke Aufmerksamkeit? Wer bin ich? Ich bin eine Mamseel (ich selbst spreche es gern Mamsell :)). Davon leite ich Mamas Seelen Leben ab….und weil bei uns eben nicht alles rosarot ist, ist es eben petrol :) Ein Logo ganz genau nach meine Vorstellungen entstand und ich bin sehr stolz auf mein Mamseel-Mädchen im Pünktchenkleid. Ein Mädchen, das sich nicht verstecken muss. Sie ist nicht allein – sie ist besonders!

Unbenannt

Und wenn du dich jetzt angesprochen fühlst, weil du dich wiederfindest in den Zeilen. Oder du jemanden kennst, dem ich vielleicht helfen kann, dann bitte melde dich!

KONTAKT:

Bianca Strohbach
Mobil: 01523 6649447
Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

www.mamseel.de

Gleichstellung in der Lausitz #3

Katja Knauthe, Johanna Zabka und Fränzi Straßberger haben 2020 ihre Arbeit als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte in der Lausitz begonnen. Ich habe sie jeweils getroffen und mit ihnen über ihre Visionen für die Region, über ihre Perspektive auf den Strukturwandel und ihre Schwerpunkte im neuen Job gesprochen.

Dies ist Teil 3 unserer Reihe "Gleichstellung in der Lausitz". Teil 1 und 2 über Katja Knauthe und Johanna Zabka finden Sie in unserem Journal.

Fränzi Straßberger – „Wie übersetzen wir das Thema Gleichstellung in den Alltag?“

Eine dankbare Haltung begegnet mir auch in Bautzen bei Fränzi Straßberger wieder, die hier seit September das Amt der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten für die Stadt Bautzen bekleidet. Sie schaut auf eine lebendige Gleichstellungsinfrastruktur, über die sie sagt „Da kann man stolz drauf sein, dass es das gibt und da muss man auch mal ‚Danke!‘ sagen bei denen, die das erkämpft haben am Anfang“. Damit meint sie die Frauen, die 1990 kurz nach der Wende begonnen haben, Frauen- und Gleichstellungsarbeit in der Stadt zu etablieren, die Fraueninitiative Bautzen e. V. und das Frauenschutzhaus gegründet haben, die mit viel Pragmatismus im ehemaligen Büro der Staatssicherheit zusammenkamen und „richtige handgestrickte Arbeit“ leisteten. Genau diesen Vorkämpfer- und -denkerinnen ist ihr aktuelles Projekt gewidmet, das auch in Kooperation mit den anderen gleichstellungspolitischen Akteur*innen Bautzens umgesetzt wird. Das 30-jährige Jubiläum dieses Engagements soll mit einem Video-Projekt begangen werden. Darin sind 22 Frauen porträtiert, sowohl diese „Frauen der ersten Stunde“ als auch Frauen, die zugezogen sind und ihre Perspektive mitbringen. Das Projekt soll Ende des Jahres öffentlich werden und verschiedene Räume in der Stadt bespielen. Dabei sind Entwicklung und Umsetzung dieser Idee nicht nur Empowerment der Beteiligten und Sichtbarmachen des Engagements, sondern auch Dokumentation von (Frauen-) Geschichte in Bautzen, die sonst einfach verloren gehen würde, wie Fränzi Straßberger vermutet.

Wenn sie von ihrer Arbeit spricht, könnte man denken, dass sie ihre Position seit Jahren ausfüllt. Ein bisschen stimmt das auch, denn vorher war sie Projektleiterin bei der Fraueninitiative Bautzen, weshalb sie bereits in den meisten Netzwerken aktiv war, die auch für ihre neue Stelle relevant sind. Auch inhaltlich kann sie anknüpfen und „an der gleichen Stelle weitermachen, wo ich aufgehört hatte“. Trotzdem hat die Position der Gleichstellungsbeauftragten andere Vorzüge, handelt es sich doch um eine strukturelle Aufgabe. Diese Aussicht war der inspirierende Anstoß für ihre Bewerbung: „Ich bin eher ein Strukturmensch als eine Einzelberaterin“. Auch Fränzi Straßberger durfte sich zur Einarbeitung sechs Wochen lang das Büro mit ihrer Vorgängerin teilen. Die beiden kannten sich nicht nur aus den bisherigen Überschneidungen in der Zusammenarbeit von Fraueninitiative und Gleichstellungsbeauftragter, sondern auch aus einem Praktikum, das Fränzi Straßberger vor fünf Jahren bei Andrea Spee-Keller absolviert hatte.

© Stadt Bautzen

 

Die thematische Ausrichtung ihrer zukünftigen Arbeit ist für Fränzi Straßberger sehr vielfältig. Sie will an der Auflösung enggestrickter Geschlechterbilder mitwirken und auch innerbetrieblich Veränderung anstoßen: der Frauenförderplan von 2012 müsse überarbeitet werden.
Die aktuelle Pandemie-Situation hat ebenfalls mit ihrer neuen Aufgabe zu tun: „Corona wird uns noch lange begleiten. Die Pandemie hat nochmal ein Brennglas auf die Geschlechterungleichheiten gehalten“. Besonders befürchtet sie, dass Frauen, die erwiesenermaßen einen größeren Anteil der Arbeit für Haushalt und Kinder leisten, noch weniger in  öffentlichen Diskursen präsent sind und dadurch unsichtbar werden und wichtige Entscheidungen nicht mit treffen können. Repräsentation war auch vor Corona schon Herzensthema für Fränzi Straßberger. Sie ist aktiv beim Frauen.Wahl.LOKAL Oberlausitz und will politische Partizipation von Frauen fördern. Alarmierend sind dabei die Zahlen: nur ca. 20% der Mitglieder im Gemeinderat Bautzen und 15 % im Kreistag sind weiblich.

Das Wort, das im Gespräch immer wieder fällt, ist „übersetzen“, das ist Fränzi Straßberger sehr wichtig. Das ist wörtlich und im übertragenen Sinne zu verstehen. Es sei wichtig die diverse Zielgruppe der Frauen mit allen Altersgruppen und Lebensrealitäten wirksam zusammen zu bringen und dafür geeignete Formate zu finden, die nicht nur akademisch gebildete Frauen ansprechen. Da zieht sie auch Parallelen zu den Vorkämpferinnen, von denen bereits die Rede war „die hatten keine Zeit, intellektuell abzuheben“. Die Übersetzungsarbeit sei aber auch in den strukturellen Zusammenhängen wichtig: gerade in Sachen Strukturwandel bei der Planung von Stadtgestaltung und regionaler Entwicklung werde Geschlechtersensibilität als Kompetenz und Gleichstellung als Querschnittsthema oft überhaupt nicht nachgefragt oder beachtet, obwohl es überall hingehört. Ob Mobilität, technische Infrastruktur, Bildung oder die Tatsache, dass „wertvolle Arbeit“ meist Industriearbeitsplätze meine; alles hat eine Geschlechterperspektive, sie gehört zu jedem Wandel. „Wie soll die Region attraktiv sein, wenn 50% der Bevölkerung kaum mitgedacht werden?“. Insofern weiß Fränzi Straßberger, dass viel zu tun ist, aber sie weiß auch, dass es einer realistischen Herangehensweise und diplomatischer Fähigkeiten bedarf: „bis jetzt ist es noch viel Beziehungsarbeit“ sagt sie in Bezug auf ihr neues Arbeitsumfeld. Nach einer Vorgängerin, die 30 Jahre im Amt war, müssen sich alle aneinander gewöhnen, auch das sei Übersetzung.

Bernadette Rohlf…

… hat in Görlitz Management Sozialen Wandles (M. A.) studiert, ist freiberuflich bei F wie Kraft tätig und engagiert sich im feministischen*forum (instagram: @feministisches_forum) und bei Sohland lebt! e. V. (https://sohlandlebt.de/).

(Ver)Kommen, (Dran)Bleiben und (Ab)Gehen - Ein Lausitzdrama in drei Akten

Teil 1 (Ver)Kommen

„Es ist doch das Recht von Zwanzigjährigen,
frech und unverschämt zu sein
 – und auch das Mindeste,
 was ich von ihnen erwarte.“

(Annette Humpe)

F wie Kraft Illustration 03

 © Anne Isensee

Auf der Toilette wird mir klar, wo ich eigentlich hingeraten bin. Ein Galgen und der dazugehörige Strick hängen über dem Spülkasten. Ich muss meine Aufregung und Wut herunterfahren. Ich warte einige Sekunden und atme tief durch. Wie bin ich eigentlich hierhergekommen und vor allen Dingen: Wie komme ich hier glimpflich wieder heraus?

Als ich im März 2019 nach Görlitz zog, hatte ich zuvor schon einige beeindruckende Menschen kennengelernt. Sie waren es, die mir die Entscheidung, zurück nach Sachsen zu ziehen, abnahmen. Während ungläubige Großstadtfreund*innen mich für verrückt hielten, weil in Görlitz nichts gehen würde, hatte ich das eindeutige Gefühl, mich in ein gemachtes Nest zu setzen und von der Arbeit Anderer zu profitieren. Kühlhaus, feministisches*forum, Rabryka, Stille Post, Camillo-Kino, ZUKUNFTSVISIONEN und Kfuenf: Alles Initiativen, die die prunkvollen und unfertigen Fassaden der Stadt mit Leben füllen. Mein euphorischer Fischaugenfokus ließ die Randerscheinungen der Region jedoch verschwimmen. Denn neben den tollen, sogenannten weichen Standortfaktoren gibt’s eben auch die harte Realität und die stößt relativ schnell auf. Subkultur hat hier eine andere Konnotation, die Betonung liegt auf Sub. Sie läuft (teilweise) unter dem Radar und sie ist (noch) in der Minderheit. Sie besteht nicht um ihrer selbst willen, sie (er)füllt eine Lücke und einen Zweck. Sie kämpft um Verständnis und Anerkennung.

Hängenbleiben

Der Entschluss der Großstadt den Rücken zu kehren, stand schon fest als ich dort ankam. Um die überwältigende Anzahl an Eindrücken, Bewegungen, Geräuschen und Kontrasten nicht verarbeiten zu müssen, legte ich mir Scheuklappen an. Dadurch wurde mein Wahrnehmungsfeld enger und die Belanglosigkeit von Leid und Alltag anderer Menschen immer größer. Dann erfüllte mich die sinnstiftende Arbeit in einem Sozialunternehmen, alte Freund*innen aus meiner Heimatstadt zogen hinterher. Ich entwickelte romantische Gefühle für das Kottbusser Tor und einen Mann. Und plötzlich gehörte ich ganze sechs Jahre lang zu den Hängengebliebenen in Berlin. Immer noch besser als hängengeblieben in Kodersdorf? Gute Frage, keine Ahnung!

Meine Arbeit ließ mich in einem Netzwerk progressiver Stadt- und Weltgestalter*innen bummeln, die mir das Gefühl gaben, dass es für jedes noch so komplexe Problem eine Lösung oder zumindest ein ganz nettes Produkt gab. Wir bestätigten uns kontinuierlich in unserer Selbstwirksamkeit. Auf Konferenzen wurden wir zum Teil junge Visionär*innen genannt. Peinlich, aber auf den Punkt. Denn man musste uns nur irgendein Schlagwort wie Feminismus, Fashion, Art, Klimawandel und Postwachstum vor die Füße werfen und wir konnten uns stundenlang gegenseitig zutexten. Trends zwischen Bienenwachstüchern, Menstruationstassen, Mietpreiserhöhungen und Ugly-Shoes stellten mich zunehmend vor die Frage: Warum tu ich mir das eigentlich an?

Die Verbreitung einer weltoffenen und diversen Szene ist natürlich ganz nett anzuschauen. Wenn ich heute meinen Freund in Berlin besuche, dann setzen wir uns oft auf eine Bank am Görlitzer Park und „gucken Leute“. In Görlitz auf dem Wilhelmsplatz geht das auch. Die Kontraste verschiedener Haarfarben und Anoraks ist zwar geringer, aber die Klientel nicht weniger interessant. Denn wir kennen diese Menschen nicht. Sie zählen nicht zu unserem State of Mind. Wir können nur mutmaßen, was sie rumtreibt. Wir sind die Minderheit und nicht andersrum.

Quo vadis?

Das gilt aber nicht nur für die Straße, sondern auch für Konferenzen und politische Austauschformate. Ende 2018 besuchte ich die Novembertagung Quo vadis Görlitz? an der HSZG. Meine Teilnahme galt als Test, ob ich mit der Hochschule und dem geplanten Masterstudium warm werden konnte. Die Thementische des World-Café-Formats waren äußerst interessant. Alle durften sich interdisziplinär über die Zukunft von Görlitz austauschen. Nur war ich die einzige junge Frau in einer Gruppe älterer Männer, die sich in einer vollkommen fehlplatzierten Diskussion verhaspelten. Als ich sie darauf hinwies und den Wunsch äußerte, vielleicht auch andere Menschen in dieser Gruppe zu Wort kommen zu lassen und zum Thema zurückzukehren, erntete ich überraschte und verärgerte Blicke, aber keine Einsicht. Ich erlaube mir hier als junge Visionärin (Triggerwarnung: Dies ist eine Zuschreibung) einen kurzen Exkurs zu alten, weißen Männern (Triggerwarnung: Dies ist eine Zuschreibung): Wir diskriminieren Sie nicht – wie häufig angenommen und vorgeworfen - aufgrund Ihrer Haut- und Haarfarbe, oder noch schlimmer, Ihrer Lebenserfahrung oder Ihres Alters. Wir weisen Sie lediglich auf Ihre bereits tauben Ohren und das fehlende Interesse an neuen und alternativen Perspektiven hin. Wer im Alter in Bewegung, offen und flexibel bleibt, wird länger leben. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Wir tun das neben unserem Kampf um Anerkennung also auch für Sie! Und wenn wir uns schon die Mühe machen, Sie zu siezen, dann tun Sie uns doch bitte auch den Gefallen! In Ordnung?

Aber hey, fair enough, auch wir Gutfrauen und Sprachpartisaninnen sollten unsere Perspektive ändern. Genau deswegen bin ich hier gelandet. In Berlin habe ich eine Stadt konsumiert, die mich nicht braucht und die sich die ganze Zeit selbst zitiert. Ich habe Menschen Wohnraum weggenommen, die sich in Neukölln viel mehr zuhause fühlten als ich. Ich habe es dem armen Berlin übelgenommen, dass es im Vergleich zu Görlitz verstanden hat, dass Subkultur sich verkaufen lässt und damit junge, innovative oder ganz verlorene Menschen anzieht. Und dass Berlin mit dieser Dynamik den nervigen Rest an überholten, arbeitslosen und armen Menschen ganz automatisch an den Rand drängt und unsichtbar macht. Versteht mich nicht falsch: Es ist ganz wunderbar, dass die Schulden der Hauptstadt schrumpfen und dass es dort Soli-Mates, Tiny-House-Universitys und baumpflanzende Browser gibt. Aber die bringen recht wenig, wenn von Britz über Brandenburg bis nach Sachsen kaum jemand davon profitiert oder zumindest damit in Berührung kommt. Es bringt wenig und ist fast schon gefährlich, wenn immer neuere Neuköllner*innen in gemeinwohldisorientierten Läden den neusten Schrei shoppen. Und wenn diese Leute maximal übers Wochenende - falls der DJ in der Rummelsbucht nicht ganz so cool ist - irgendeinen feuchten Landidylle-Auszeit-Film schieben, der mit der Realität vor Ort absolut nichts zu tun hat.

Reinplautzen

Zugegebenermaßen, das war ein bisschen zu doll und gemein. Kurzum, ich hatte keine Lust mehr. Ich bin verkommen. Ich wollte raus. Ich wünschte mir, dass das wenig Gute dieser Stadt – die alternativen Ideen für das Gemeinwohl, die gefeierte Vielfalt - nicht mehr großstädtische Eigenheiten blieben. Dass sie einen Diskurs mit dem vermeintlich Fremden und Entfernten suchten. Warum trauen sich denn Social Entrepeneur*innen nicht nach Niesky, Forst und Ziempel-Tauer, wenn sie doch die Welt verändern wollen? Im Strukturwandel wartet eine ganze Reihe Veränderungen, die gestaltet werden wollen. Die Annahme, diese Menschen würden nicht kommen, weil ihnen die Party und der Späti fehlen, greift zu kurz. Ich glaube, sie bleiben da, wo sie sind, weil sie nicht mehr die gleiche Sprache wie die Menschen vor Ort sprechen wollen (und können). Die junge und großstädtische Art neigt dazu, irgendwo reinzuplautzen, alles neu zu erfinden und weder vorsichtig noch neugierig zu erforschen, was eigentlich schon da ist. Einfach mal (ab)warten oder geduldig sein sind keine Großstadttugenden. Also bitte liebe Menschen, wenn ihr euch doch in die Lausitz traut: Ihr müsst das Rad nicht komplett neu erfinden. Hier sind schon viele tolle Ideen und Netzwerke, an die ihr mit eurem Wunsch nach Selbstverwirklichung ganz einfach andocken könnt.

Das Grandiose nach der Ankunft: (Fast) alle freuen sich, dass ihr da seid. An eurem Umzugstag werden euch spontan Nachbar*innen helfen, die ihr noch nie zuvor gesehen habt. Vom Bürgerbüro bis zur Hausverwaltung heißen euch alle herzlich willkommen und hegen Interesse an eurem Werdegang. Nach ein paar Wortfetzen in der Kneipe werden euch wie von selbst geliehenes Werkzeug, Hilfe beim Löcher bohren oder Jobangebote zufliegen. Und innerhalb von fünf Stunden mobilisieren sich in einer Telegramgruppe zwölf wildfremde Frauen, die sich mit euch zum AfD Frauenstammtisch trauen. Hier erlebt ihr echte Sister- und Neighbourhood! Ehrlich, ich bin total begeistert!

(Fehl-) Elan

Nunja, jetzt bin ich hier gelandet. Wut statt Begeisterung auf dem Klo, mit Galgen, Strick und lustigem Spruch an der Wand. In einer fremden Stadt als außerirdische Großstädterin mit dem offensichtlich falschen Humor auf dem lokalen Frauenstammtisch der AfD. Zehn Tage nach meinem Umzug verstehe ich, was dieser Stadt nach der Bürgermeister*innenwahl blühen könnte. Zehn Tage nach meinem Umzug wird mir erst wirklich bewusst, dass das Gefühl, Teil einer lokalen Minderheit zu sein, mich nicht nur im Engagement bestärkt, sondern mir auch wirklich Angst macht. Dass die verschwommenen Randerscheinungen meines Fischauges ganz plötzlich zentral und real werden. Und dass das Einzige was ich als zugezogenes Alien leisten kann, eine neugierige und langsame Erforschung ist. Und dabei stolpere ich über meinen eigenen (Fehl)Elan, über Argumente und Rückschlüsse, die überhaupt keinen Sinn ergeben, über Wut und Verdruss, über Sympathien für die falschen Frauen. Ich atme tief durch und ziehe am Strick. Er gehört nicht zur Klospülung. Ich führe mir vor Augen, weswegen ich hierhergekommen bin. Ich bin keine Maria, ich bringe keine Wahrheit, ich stürze mich in die Kontroverse und in tausend Widersprüche. Sie sind die einzigen Triebfedern für Veränderung und haben mich hierhergezogen. Mal sehen, wie lange ich im Vergleich zu all den anderen geduldigen Lausitzerinnen aushalte. Ich schlage die Tür auf und sehe sie vor mir. An einem Tisch, eindringlich, gestikulierend, augenverdrehend und mit der zarten Hoffnung, dass all das Aufeinanderprallen irgendetwas bringt. Ich setze mich hin und höre zu.

Lisa W...

... hat ihre Arbeit, ihren Partner und ihre Freund*innen in Berlin gelassen, um der Großstadt endgültig den Rücken zu kehren und in Görlitz "Management sozialen Wandels" zu studieren. Im Lausitzdrama in drei Akten berichtet sie über ihr Ankommen, Bleiben und Gehen. Zu finden auf Instagram unter helga_wolke

 

Anne Isensee...

... ist Animatorin und Regisseurin für Animations-Kurzfilme und Musik Videos aus Berlin. Sie studierte Animation an der Filmuniversität Babelsberg und der École nationale supérieure des arts décoratifs Paris. Seit 2020 studiert sie als Fulbright-Stipendiantin an der School of Visual Arts New York im Master Computer Arts. Ihre Kurzfilme "Megatrick", "Ich Will" und "1 Flasche Wein" werden auf Internationalen Festivals gezeigt.

https://www.anneisensee.com/ | https://vimeo.com/user41831769

Pflegerin sein in der Lausitz - eine Nahaufnahme

Pflegerin sein in der Lausitz - eine Nahaufnahme

“Wir müssen einfach aus einer schwierigen Situation das Beste machen”

 

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Schon bei unserem ersten Telefonat mit Frau Meier (Name von der Redaktion geändert) ist ihr Multitasking Talent zu spüren. Sie ist gerade auf Arbeit, ansteckend gut gelaunt und beantwortet zwischen zwei Sätzen die Frage einer Kollegin, gibt das Diensttelefon weiter, grüßt Bewohner. Stressige Situationen scheint sie geübt mit einer eleganten Mischung aus echter Freundlichkeit und Pragmatismus zu meistern. Später wird sie selbst dazu sagen: „Unser ganzes Leben besteht aus Management; mein ganzer Tagesrhythmus ist getaktet“. Frau Meier arbeitet als Altenpflegerin in einem Pflegeheim in der Lausitz und ist Mutter von zwei Kindern. Auch ihr Mann arbeitet im Pflegebereich, beide im Schichtdienst. Was das konkret bedeutet, davon erhalten wir im Gespräch mit ihr einen Eindruck und, um es vorwegzunehmen: die Realität erschlägt uns förmlich. Dass Schichtdienste und noch dazu die Vereinbarkeit mit Familienleben keine Leichtigkeit sind, war uns – so dachten wir – bewusst. Doch was das im Detail mit sich bringt, wird uns erst durch Frau Meiers eindrucksvolle Schilderungen klar.

Frau Meier ist vor vielen Jahren aus Überzeugung Altenpflegerin geworden, liebt ihren Beruf und übt ihn mit Leidenschaft aus. Doch auf die Frage, ob sie sich heute wieder für diesen Weg entscheiden würde, kommt sie ins Stocken:

„Wenn ich mit meinem Herzen entscheiden würde, würd ich sagen, ich liebe meinen Beruf über alles und möchte an sich nichts anderes machen. Aber mein Verstand sagt mir, in der heutigen Zeit hätte ich es vielleicht nicht mehr gemacht. Denn man hat so viele Entbehrungen, die man in Kauf nimmt. […] Leute, die im Büro arbeiten, von Montag bis Freitag, verdienen mehr als ich. Und wir gehen ja in Schichten, Wochenende, Feiertag, jeden Tag sind wir mit todkranken, alten Leuten zusammen, wir sehen viel Leid, wir sehen viel Elend“.

Im Pflegeheim arbeiten mehrere Berufsgruppen zusammen, und jede einzelne ist wichtig. Während Pflegehelfer*innen allein für die Körperpflege und den Kontakt zu den Bewohner*innen zuständig sind, was neben dem Waschen unter anderem auch Begleitung zu Toilettengängen, das Essen reichen, Lagern der Bewohner*innen und andere Tätigkeiten beinhaltet, übernehmen Pflegefachkräfte wie Frau Meier auch Aufgaben der medizinischen Versorgung wie Medikamentengabe, Kontakt mit den Hausärzten, Wundversorgung.

Wir haben eine sehr hohe medizinische Ausbildung! Subkutan spritzen, Katheter legen, Tracheostoma versorgen … wir sind eigentlich wie eine Krankenschwester, nur im Heim. Aber wir haben drei Jahre gelernt und dürfen nichts alleine machen. Ich brauche für [alles] eine Anweisung“.

Bedeutet praktisch: hat ein*e Bewohner*in beispielsweise Fieber, so muss ein Arzt eingeschaltet werden. Da es, im Gegensatz zum Krankenhaus, keinen Arzt auf Station gebe, muss sie zwangsläufig den Bereitschaftsarzt rufen. Frau Meier wünscht sich für ihre Berufsgruppe mehr Entscheidungsfreiheit, da dies auch die Bereitschaftsärzte entlasten und dadurch fachlichen Reibereien vorbeugen würde, welche nicht selten auftreten.

“Es ist anstrengend, immer lieb zu sein”

Zwischenmenschliche Konflikte scheinen generell ein Teil des Alltags im Pflegeberuf zu sein, der uns vorher in dem Maße nicht bewusst war. So berichtet Frau Meier über die Kommunikation mit Bewohner*innen und deren Angehörigen:

„Ein Großteil der Bewohner ist sehr dankbar und das ist eben auch schön so in unserer Arbeit. Manche denken, sie kriegen zu wenig Aufmerksamkeit und die Schwestern müssten mehr Zeit haben. Das ist eben schwierig zu vermitteln! Wir versuchen dann schon zu erklären, wenn wir halt - auf gut Deutsch gesagt - nur zwei Schwestern sind für 28 Leute, dann kann ich mich nicht so intensiv um den kümmern, der relativ viel alleine kann. Ich muss mich dann eben um den kümmern, der Pflegegrad 4 oder 5 hat und auf meine Hilfe angewiesen ist. Ich würde mich natürlich gerne mit der Oma hinsetzen und ein Käffchen trinken und mich mit ihr beschäftigen, unwahrscheinlich gern! Aber in erster Linie muss ich mich eben um die Leute kümmern, die es wirklich brauchen."

Den Angehörigen verständlich zu machen, dass für besondere Zuwendung kaum Zeit ist, sei mitunter schwierig. Besonders angesichts der Kosten eines Pflegeheimplatzes gibt es oft eine gewisse Erwartungshaltung an die Pflegekräfte. Kann diese nicht erfüllt werden, entsteht Missstimmung. Besonders schwer ist es für viele Angehörige, den “Verfall” ihrer Familienmitglieder auszuhalten. Zu sehen, wie die eigene demenzkranke Mutter immer mehr abbaut, macht verständlicherweise traurig, und die Trauer entlädt sich dann manchmal in Wut und Vorwürfen gegenüber den Pflegekräften.

Und obwohl Frau Meier und ihre Kolleginnen solche Situationen der Überforderung kennen und wissen, dass sie den fortschreitenden Krankheitsverlauf nicht aufhalten können und Verständnis für die Gefühle der Angehörigen haben, bleibt es eine Last, die sie auf sich nehmen. Daneben gibt es aber auch viel Dankbarkeit und freundliche Worte. Auch die Pflegekräfte selbst versuchen, stets freundlich zu bleiben, Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken, doch es ist “anstrengend, immer lieb zu sein”. Besonders in kritischen Situationen, wie etwa, wenn Bewohner*innen um sich schlagen, beißen, treten. Diesen Teil der Pflege sieht die Gesellschaft nicht, meint Frau Meier. Sie wünscht sich, dass die Perspektive der Pflegekräfte mehr beleuchtet und ihnen mehr Respekt entgegengebracht wird.

Was muss anders werden, und wie kann es gehen?

Dass Frau Meier jeden Tag aufs Neue den manchmal schier unmöglichen Spagat zwischen den Bedürfnissen der einzelnen Bewohner*innen meistern muss, und noch dazu den zwischen Beruf und Familie, liegt nicht an ihrem Arbeitgeber, sondern an dem enormen Fachkräftemangel. Als das Wort bei ihr fällt, kommt das für uns nicht unerwartet. Besonders seit die Pflege durch die Corona-Pandemie wieder zu ein wenig mehr Aufmerksamkeit in den Medien gelangt ist, hört und liest man häufiger über Personalsorgen. Doch was der Fachkräftemangel konkret bedeutet und welche Auswirkungen er auf den Arbeitsalltag einzelner Pfleger*innen hat, wird uns erst im Gespräch mit Frau Meier bewusst. Pflegerin zu sein ist für sie mehr als nur ein Beruf. Für Frau Meier bedeutet es, auch an ihren freien Tagen notfalls ein zu springen, wenn eine Kollegin krank wird. Es bedeutet für sie einen noch höheren organisatorischen Aufwand in ihrem Privatleben, manchmal auch den Verzicht auf Erlebnisse mit ihren Kindern. Aber ihr Beruf ist ihr wichtig, denn sie möchte, dass es den Menschen in ihrer Obhut gut geht. Die Unterbesetzung erfordert eine enorme Einsatzbereitschaft aller Mitarbeitenden; allzu verständlich, dass das auch zu Frustration führt. Denn paradoxerweise fehlt es an Anerkennung dieser Leistung und Arbeit, die für unsere Gesellschaft doch so unverzichtbar und wichtig ist, die uns spätestens seit März diesen Jahres als eine der systemrelevanten Berufsgruppen bekannt ist, die nicht ausfallen darf. Während des Interviews merken wir, wie auch uns diese Situation wütend macht. Doch wie ließe sie sich ändern?

Für Frau Meier ist die wesentliche Maßnahme höhere Gehälter zu zahlen, damit der Beruf lukrativer werde. Ansonsten werde das System Pflege irgendwann zusammenbrechen, weil es einfach keiner mehr machen wolle, vor allem nicht zu diesen Bedingungen. Mindestens genauso wichtig sei, mehr auszubilden und den Personalschlüssel zu erhöhen, um den Druck auf das Pflegepersonal insgesamt zu reduzieren, den Stresspegel zu senken, für Entlastung zu sorgen.
Altenpflege ist ein Beruf mit einem besonders hohen Krankenstand und hoher körperlicher Belastung - diese Ausfälle müssen kompensiert sein. Neben ausgebildeten Pflegekräften wären auch Helfer*innen eine Stütze, die zusätzlich da sind und mit Essen verteilen, waschen und vielleicht mal fünf Minuten für ein Gespräch haben. Frau Meier sieht da auch jene Menschen als Potenzial, die aus der Arbeitslosigkeit in den Beruf wollen und über eine Umschulung in eine solche Hilfstätigkeit der Altenpflege gelangen. Die Berufsausbildung kann ihrer Meinung nach zudem um ein Jahr - auf insgesamt 2 Jahre - verkürzt werden. Neben allen Schwierigkeiten ist es ihr wichtig, auch zu betonen, dass die Altenpflege ein sehr schöner Beruf ist- und mit mehr Personal noch schöner werden könne. Absehbar sind die erforderlichen Veränderungen jedoch nicht.

Die Stimme der Pflegekräfte

Die vermeintliche Alternativlosigkeit der Situation und fehlendes Aufbegehren ihrer Berufsgruppe macht Frau Meier wütend:

“Viele haben sich mit der Situation abgefunden. Eigentlich müssten wir mal auf die Straße gehen und sagen, so geht es nicht weiter! Wir wollen nicht zu zweit oder zu dritt auf dem Wohnbereich stehen! Wir hatten Bewohner, die haben zum Teil zwei Kriege mitgemacht, die wollen vielleicht einfach mal ein bisschen mehr Zeit haben, und wollen vielleicht nicht nur gewaschen werden und essen! Aber die Zeit hab ich nicht, weil ich schon den nächsten machen muss.”

Ein Problem ist, dass zu wenige Pflegende gewerkschaftlich angebunden und aktiv sind, was zum einen eine Kostenfrage, aber auch eine Frage des Selbstbildes des Pflegepersonals ist: “Die lieben Schwestern” trauen sich nicht zu demonstrieren, aus Angst die Bewohner im Stich zu lassen - vielleicht aber auch aus Angst vor negativer Rückmeldung? Würde sich politisch etwas ändern, wenn Druck aus den Reihen des Pflegepersonals selbst käme? Oder bleibt nur zu hoffen, dass Politik und Gesellschaft die Bedeutung dieser Berufsgruppe erkennen und wertschätzen? Corona verändert vieles, auch die Pflege und deren gesellschaftliche Wahrnehmung, und auch den Alltag von Familien:

„Mein Mann und ich arbeiten beide in systemrelevanten Berufen. Das heißt, als es losging im März mit Corona, hatten wir gleich Anspruch auf Notbetreuung. Ich wäre so froh gewesen, einer von uns wäre in Kurzarbeit gegangen. Einfach aus dieser Angst heraus, wir wussten ja nicht was auf uns zukommt mit dem Virus. Und Sie sind eine von den Eltern, die ihr Kind trotzdem in die Kita bringen muss. Wissen Sie, mit welchem Gefühl ich das gemacht hab?
Ich hätte mich hinstellen können und heulen. Ich dachte, alle anderen können wenigstens mit einem Elternteil zuhause sein, geschützt davor. Und was machen wir? Wir rennen weiter auf Arbeit. Wir mussten die Kinder abgeben. Mich hat das nicht glücklich gemacht und mich macht es auch jetzt nicht glücklich. Wir haben ja beide auch die Gefahr uns zu infizieren auf Arbeit. Ich hatte immer das Gefühl einer Rabenmutter. Und auch jetzt, wir sind ja wieder an der Front, wenn etwas passiert. Wir sind in der Hauptrisikogruppe bei uns im Beruf. Und dann denk ich mir, hätt ich doch lieber irgendwo einen Bürojob … Aber wir brauchen ja wenigstens noch ein paar, die den Beruf mit Herz und Verstand ausüben.“

Pflegerin und Mutter sein - was bedeutet das?

Beim Thema Kinder haken wir noch einmal nach. Wir merken, wie sehr Frau Meier das beschäftigt. Wir fragen sie, was generell getan werden müsste, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, auch in der Lausitz:

„Das Erste, was wichtig wär, sind die Öffnungszeiten der Kitas. Wir haben so viele Leute, die in Schichten arbeiten sind, warum haben wir am Wochenende keine Kinderbetreuung? Was macht man denn, wenn beide Eltern Frühschicht haben? Zwangsläufig heißt das immer, Oma und Opa. Ja, wie war es denn beim Lockdown? Wenn Großeltern absolute Risikogruppe sind, und die Kinder nicht nehmen können?”

Dieses Problem stellt sich auch bei Schließzeiten der Kitas wie im Sommer oder zwischen Weihnachten und Neujahr. Selbst die Abholzeiten nachmittags einzuhalten, ist bei manchen Dienstzeiten schwierig. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen; das Gefühl, die Kindheit der eigenen Kinder zu verpassen. Deshalb möchte Frau Meier am liebsten “aus dem Schichtdienst raus”; mehr gemeinsame Zeit mit ihren Kindern verbringen. Momentan ist das innerhalb ihres Trägers allerdings nur umsetzbar, wenn sie in Teilzeit gehen würde. Doch von 20 Stunden kann sie nicht leben, sagt sie. Sie ist dem Träger sehr verbunden und hofft, dass sich in den nächsten Jahren eine Möglichkeit ergeben werde. Ihre Arbeit, das haben wir im Laufe des Gesprächs verstanden, ist für sie nicht nur eine Tätigkeit, für die sie bezahlt wird. Sie ist für sie Teil ihrer Identität, ein Ort, der ihr etwas bedeutet und die Gelegenheit, sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit einer Sache hinzugeben, für die sie brennt. Es macht sie glücklich, zu sehen, wenn die Leute nach einem täglichen “Wasch-Marathon” alle zufrieden und versorgt am Tisch sitzen. Die Menschen in ihrem Heim, sie liegen ihr am Herzen, und sie möchte, dass es ihnen gut geht. Sie selbst und - da ist sie sich sicher - das gesamte Personal ihres Heims, geht an seine Grenzen und darüber hinaus, um für das Wohlergehen der Bewohner*innen bis zum Lebensende zu sorgen.

Abschied mitten im Pflegealltag

Sterben und Tod sind der kritischste und gleichwohl alltägliche Bestandteil dieser Arbeit: Bewohner*innen, die teilweise über Jahre gepflegt und versorgt wurden, zu denen eine Bindung aufgebaut wurde, würdevoll zu verabschieden. Was macht das mit dem Pflegepersonal?

„Am Anfang bin ich regelrecht mitgestorben, ich musste aber mit den Jahren lernen damit umzugehen. Man kann nicht mit allen mit sterben, dann kann man den Beruf nicht machen. Das ist auch der Grund warum ich gesagt hab, ich bin keine Krankenschwester geworden, ich bin Altenpflegerin geworden, weil unsere Leute haben ihr Leben gelebt.“

Wie gehen Frau Meier und ihre Kolleginnen während des hektischen Alltags angemessen mit so einer bedeutsamen und intimen Situation um?

„Wir tun das Beste für die Bewohner … beruhigende Musik, eine Duftlampe, ein schönes Licht, sehr kirchlichen Leuten lesen wir aus der Bibel vor, oder wir legen es den Angehörigen nahe. Wenn wir merken, es dauert nicht mehr lange, sitzt jemand da und hält die Hand. Selbst wenn die schlechteste Personalbesetzung wäre, würden wir immer noch probieren, dass jemand den Kampf nicht alleine durchstehen muss. Ich mach danach immer ein Fenster auf, da kann die Seele in den Himmel gehen. Ich streichel dann auch nochmal über die Hand oder so ...”

Während sie erzählt, wird ihre Stimme leiser und weicher. Sie fühlt, was sie sagt und in dem Moment sind eher wir es, die sich abgrenzen müssen. Und dann? Dann, sagt sie, muss sie auch schon wieder weiter, denn die nächsten warten. Ihre Stimme ist nun wieder bestimmt und entschlossen, aber fröhlich und freundlich. Der “Abschied für immer” passiert innerhalb der routinierten Tagesstruktur, neben alltäglichen Aufgaben, scheinbar belanglosen Tätigkeiten und anderen Herausforderungen. Diese Widersprüchlichkeit von notwendigem Pragmatismus und Bedeutungsschwere des Todes - Frau Meier scheint sie mit Bravour zu meistern.

Unser Gespräch neigt sich dem Ende, denn Frau Meier muss zur Spätschicht. Ihre Kinder hat sie heute Morgen in die Kita gebracht und heute Abend wird sie ihnen über das Telefon Gute Nacht sagen. Sie wird während ihrer Schicht ihr Bestes geben für ihre Bewohner*innen. Nicht, weil sie dafür angemessen bezahlt wird oder dafür Applaus bekommt. Sondern allein aus Überzeugung, dass es das Richtige ist, was sie tut und weil sie ihre Sache gut machen will.

“Wir müssen einfach aus einer schwierigen Situation das Beste machen. Mit einem Lächeln durchs Leben gehen und sagen, wir können es nicht ändern, aber wir müssen das Beste draus machen.”

 

Susann Anker...

... lebt seit ihrem Studium des M.A. Management Sozialen Wandels mit ihrer Familie in Görlitz und engagiert sich als Ansprechpartnerin bei Mamseel (www.mamseel.de)

Helena John...

... ist Studentin an der Hochschule Zittau/Görlitz und engagiert sich neben dem Studium ehrenamtlich in der Pflege

 

 Das Porträt der Pflegerin entstand im Rahmen der F wie Kraft - ProduzentinnenTour "Pflege in der Lausitz". Alle Informationen über die Tour und alle Stationen sind hier zu finden.

 

Titelfoto: https://pixabay.com/de/photos/h%C3%A4nde-alte-alter-%C3%A4ltere-menschen-2906458/

FES-Studie "Demokratie braucht Demokratinnen" vorgestellt

FES-Studie "Demokratie braucht Demokratinnen" vorgestellt

Die Studie "Demokratie braucht Demokratinnen. Barrieren der politischen Kultur für Frauenkarrieren in Politik und Gewerkschaften – und Ansätze für ihre Veränderung" von Dr. Hanna Haag und Prof. Raj Kollmorgen, TRAWOS-Institut, wurde am 15.12.2020 online vorgestellt.

FES-Studie "Demokratie braucht Demokratinnen" vorgestellt

Die Studie "Demokratie braucht Demokratinnen. Barrieren der politischen Kultur für Frauenkarrieren in Politik und Gewerkschaften – und Ansätze für ihre Veränderung" wurde am 15.12.2020 von Dr. Hanna Haag und Prof. Raj Kollmorgen online vorgstellt. Diese wurde am TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau/Görlitz im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erarbeitet und schärft den Blick vor allem auf informelle Hinderungsgründe unserer gegenwärtigen politischen Kultur in Parteien und Gewerkschaften in Ost und West und bietet damit einen Blick hinter die Kulissen und gibt zahlreiche Anregungen für notwendige Veränderungen in Kommunikationsstilen, Verhaltensweisen, Sitzungskulturen, Netzwerkstrukturen, Machthabitus jenseits von juristischen Auseinandersetzungen mit Quotierungen, Paritätsgesetzen und Vereinbarkeitsproblematiken.

  • Die Studie im Ganzen könnt Ihr hier lesen!
  • Oder hier auf der TRAWOS-Webseite.
2020 - What a year!

2020 - What a year!

Wir sagen Danke!

Beitragsmosaik Quer 2

Liebe Lausitzer*innen, liebe Netzwerkpartner*innen, liebe Engagierte, liebe Frauen,

ein unglaublich spannendes, mit vielen Herausforderungen und neuen Chancen gefülltes, Jahr liegt hinter uns.

F wie Frauenpower

Das Projekt „F wie Kraft – Frauen als Wirtschaftsfaktor für die Lausitz – Wissen, vernetzen, ermächtigen“ im Auftrag der Zukunftswerkstatt Lausitz ist nun erfolgreich abgeschlossen. Auch wir konnten, wie sicherlich die meisten von Euch, unsere Vorhaben in diesem Jahr kaum wie geplant umsetzen. Das hat uns viele Kompromisse, aber auch Spontanität und Kreativität abverlangt und uns zum Spinnen zahlreicher neuer Möglichkeiten, Ideen und Kontakte animiert. Hier könnt ihr nachverfolgen, was F wie Kraft in diesem Jahr gemeinsam mit Euch geschafft hat.

F wie (Tat-) Kraft

Das war nur Dank eures Engagements möglich! Gemeinsam mit Euch haben wir geforscht, recherchiert, organisiert, konzipiert, moderiert, diskutiert, protokolliert, verfasst, redigiert, lektoriert, geliked, gepostet, kommentiert, designed und vieles mehr. Wir danken Euch von ganzem Herzen für Euren Mut, Eure Kreativität, Tatkraft und Unterstützung!

F wie fortführen

Wir – also Marie Melzer und Pauline Voigt – stellen nun zunächst unsere hauptamtliche Arbeit für F wie Kraft ein. Im neuen Jahr werden wir uns intensiv mit der Frage beschäftigen, wie es weiter gehen kann. Wir sind optimistisch und bleiben gespannt!

F wie flügge werden

Deshalb brauchen wir Euch auch umso mehr. Helft uns, das Netzwerk am Leben zu halten! Lasst uns weiterhin gemeinsam, die weibliche Energie der Lausitz bündeln, speichern und Kraft freigeben, wo sie benötigt wird. Die Plattform www.fwiekraft.de ist weiterhin aktiv, die Mailadresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. sowie der Facebook- und der Instagram-Account werden weiterhin betreut. Teilt eure Ideen mit uns, sucht Mitstreiter*innen für eure Vorhaben, motiviert andere Lausitzer*innen in ihrem Engagement, supported euch gegenseitig! Die Lausitz ist Euer Zuhause und F wie Kraft ist Eure Plattform!

Jetzt gilt das Motto des Symposiums umso mehr: Zusammen handeln und Strukturen wandeln!

F wie fröhliche Weihnachten und ein wundervolles neues Jahr!

Wir wünschen Euch ruhige und besinnliche Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2021.

Bleibt gesund! Und lasst uns in Kontakt bleiben! 😊

Mit herzlichen Grüßen,

Marie Melzer und Pauline Voigt

(im Namen des F wie Kraft-Teams)

"Stadt-Land ist die Trennlinie"

"Stadt-Land ist die Trennlinie"

Über den Wegzug von Frauen aus Ostdeutschland wird viel berichtet. Julia Gabler forscht zu denen, die bleiben wollen

Wenn gut ausgebildete ostdeutsche Frauen abwandern, führt ihr Weg nicht unbedingt nach Westen, aber in die Großstadt. Landflucht ist ein bundesweites Phänomen. Was muss getan werden, damit Frauen bleiben? Die Soziologin Julia Gabler sucht Antworten für den Osten.

Stadt Land Bild quer

der Freitag: Frau Gabler, 30 Jahre nach der Wende ist es nicht gelungen, die Abwanderung junger, qualifizierter Frauen aus Ostdeutschland zu stoppen. Was hat sich seit 1990 verändert?

Julia Gabler: Die Abwanderungsziele sind andere geworden. Die Trennlinie heißt nicht mehr Ost–West, sondern Stadt–Land. Wer weggeht, geht nicht mehr zwingend nach München, sondern auch in ostdeutsche Großstädte wie Jena, Leipzig oder Dresden. Das Problem ist heute also, wie überall, eher die Landflucht. Und natürlich der fehlende Zuzug.

Wer geht besonders häufig?

In unserer Studie „Wer kommt, wer geht, wer bleibt?“ haben wir bei den Abiturient:innen und Studierenden keinen eindeutigen Geschlechterbefund mehr feststellen können. Den jungen Leuten, besonders denen nach dem Geburtenknick nach 1990, fehlt auf dem Land geschlechterübergreifend die  Peergroup. Die finden sie in der Stadt. Deutlich wird der Geschlechterunterschied eher bei den Oberschulabgänger:innen, da wollen die jungen Frauen dreimal so oft weg wie die Männer.

 Woran liegt das?

Ein Problem liegt in der Branchenstruktur. Es gibt viele technische Berufsausbildungen, auch ländliche Hochschulen sind oftmals technisch-naturwissenschaftlich dominiert. Das ändert sich in den letzten Jahren deutlich. Allerdings herrscht auch hier vielerorts noch ein tradiertes Berufsverständnis, das technische Berufe vor allem Männern zuordnet, während Frauen eher in die sozialen Berufe streben. Es gibt im überalternden Ostdeutschland einen hohen Pflegebedarf, aber in dem Bereich wirken die Qualifizierungschancen und Jobs auf die jungen Frauen nicht attraktiv. Da hat sich im Ausbildungsangebot in den letzten Jahren zu wenig getan.

Und die bereits qualifizierten Frauen?

Auch Frauen mit abgeschlossener Ausbildung oder Studium wünschen sich bessere Jobs und mehr Anerkennung. Frauen in hohen Verantwortungspositionen beklagen in den Unternehmensstrukturen eine patriarchale Kultur mit wenig Veränderungsbereitschaft, in denen sie ihre Expertise nicht durchsetzen können.

Ostdeutschland hat doch immer den Ruf, in Emanzipationsfragen so fortschrittlich zu sein?

Marginalisierung von Frauen in Betrieben ist definitiv kein ostdeutsches Ding. In der Steiermark finden Sie das gleiche Phänomen. Es sind auch nicht nur die Unternehmenschefs vor Ort, das kann auch der Handwerkskammerchef aus der nächstgelegenen Metropole sein, der fragt: Wieso soll ich Unternehmerinnen fördern? Sie behelfen sich dann oft durch Eigeninitiative, indem sie selbst Netzwerke gründen. Denn auch Interessenverbände vor Ort sind häufig männlich dominiert.

 Trotzdem erleben Rückkehrinitiativen derzeit viel Zuspruch: Es ziehen Leute zurück aufs Land. Ist das nicht ein gutes Zeichen?

Das ist es. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Die Rückkehrinitiativen werden in der Öffentlichkeit zwar oft von Frauen vorgestellt, doch die Rückkehrenden sind häufig Männer. Und was die Rückkehrerinnen angeht, mussten wir feststellen: Solange die Frauen abwesend sind, werden sie sich herbeigewünscht, aber wenn sie dann da sind und was anstoßen wollen, vielleicht auch Kritik äußern, haben viele das Gefühl, gegen Mauern zu laufen.

 Was muss anders werden, damit die Frauen zurückkommen?

Es geht doch einen Schritt vorher los: Was müssen wir tun, damit die Frauen bleiben – und was bieten wir denen an, die geblieben sind? Es stört mich, wie das in der Debatte unter den Tisch fällt. Als ich in die Lausitz gezogen bin, kannte ich auch dieses Stereotyp, dass nach der Wende die Frauen gegangen und die unqualifizierten Männer zurückgeblieben seien.

 Aber?

In Görlitz habe ich festgestellt, dass es hier engagierte, vielfältig qualifizierte Frauen gibt – nicht in großer Quantität, aber dafür in einer unglaublichen Qualität. Ich fand interessant, was sie zum Zuzug, zur Rückkehr oder nach der Wende zum Bleiben bewogen hat.

 Wollten oder konnten die Frauen nicht weg?

Oft wird Abwanderung als Reaktion auf fehlende Entwicklung gedeutet, das Bleiben als Passivität. Aber auch das Bleiben kann eine aktive Handlung sein, nicht automatisch Kapitulation oder ausgebliebenes Weggehen. Vor allem ist es ein Prozess: Viele können sich vorstellen, nochmal woanders hinzuziehen, würden aber gern bleiben, wenn sie in der Entwicklung der Region eine Rolle spielen können. Dabei sagen die Frauen nicht, tragt mal die Angebote an uns heran, sondern sie werden selbst aktiv. Viele gründen einen Verein. Die Frauen hier sind unglaublich agil darin, Ansprechpartner zu finden und Verbündete für ihre Anliegen ins Boot zu holen.

 Was sind das für Anliegen?

Es gibt hohen Bedarf an besseren Weiterbildungsangeboten. Viele wünschen sich von den  Hochschulen mehr Strahlkraft, von den Betrieben mehr Unterstützung. Es fehlt auch an guten Jobs. Mobilität ist für Frauen ein wichtiges Thema, entscheidend für soziale Teilhabe und die Suche nach dem Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Es geht aber nicht darum, aus den Dörfern westdeutsche Metropolen zu bauen. Das Reden von der „Angleichung der Lebensverhältnisse“ ist auch Augenwischerei.

 Wie meinen Sie das?

Es kann nicht Ziel sein, den Großstädten nachzueifern. Es gibt Vorteile auf dem Land, die viele hier zu schätzen wissen: wenn die Kinder auf dem Schulweg nicht dem Stadtverkehr ausgesetzt sind. Wenn das Angebot nicht erschlagend, sondern bedürfnisorientiert ist. Brauchen wir den nächsten Bioladen, oder gibt es auf dem Land nicht bessere Möglichkeiten, beim Landwirt einzukaufen?

 Aber es gibt doch Probleme bei der ländlichen Infrastruktur.

Klar. Aber das ist ja hier kein Wettbewerb, in dem möglichst viele gebratene Tauben durch die Luft fliegen, damit irgendwie Leute kommen. Es gibt Städte in der Lausitz, die viel von ihren  Gewerbeeinnahmen, etwa aus der Kohleindustrie, in Infrastruktur investiert haben. Da könnte man ja sagen: Die haben alles, die ausgebauten Straßen, die Buslinien, die Sparkasse.

 Und was fehlt dann?

Das fragen die Bürgermeister auch: „Was mache ich denn jetzt mit meinen Frauen hier?“ Ich  antworte immer: Na, wenn die sich regelmäßig treffen, gehen Sie doch mal hin und trinken Sie einen Kaffee mit denen. Fragen Sie, was die da machen, ob sie was brauchen. Uns war wichtig, nicht mit einem Katalog von Empfehlungen aufzutauchen, sondern zu fragen: Was läuft denn bisher? Was klappt gut? Dieses Selbstbild, dass alles irgendwie schlecht läuft, finde ich ganz typisch in den Regionen hier.

Mangelt es den ländlichen ostdeutschen Regionen an Selbstbewusstsein?

Das Weggehen seit der Wendegeneration steckt wie ein Trauma in den Leuten drin. Als ich den Job gewechselt habe, sind alle direkt davon ausgegangen: Ach, jetzt gehst du ja auch wieder weg. Ich habe mich gewundert, ich kann doch pendeln. Aber Abwanderung wird als so ein unschlagbares Motiv empfunden, dass Alternativen gar nicht denkbar scheinen. Immer dieser Blick: Das, was hier ist, das reicht nicht. Die, die bleiben, zählen nicht. Das schafft so eine Blase der Mutlosigkeit, in der Handeln immer schwieriger wird.

Aber es kommen doch nun mal zu wenig Leute.

Es werden aber auch die übersehen, die kommen. Als wir in Görlitz fragten, wie das Verhältnis von zugezogenen und einheimischen Studierenden ist, hieß es: „Ach, das sind hier zu 80 Prozent Leute aus der Region, die kommen hier eigentlich alle ausm Eck.“ Dann haben wir die Zahlen angeschaut und festgestellt: Nur 40 Prozent kommen aus der Region, der Rest ist zugezogen, die sehen die Hochschule offensichtlich als Anziehungspunkt. Die Binnenwanderung wird gar nicht mehr gesehen.

 Okay, was muss sich ändern?

Wir müssen Strategien entwickeln, die Frauen mehr in die Wahrnehmung der Entscheidungsträger:innen zu rücken. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es eine große Überforderung mit der schieren Menge an Baustellen gibt, wenn die Leute isoliert voneinander sind. Eröffnet man aber Diskussionsräume, in denen sie sich austauschen können, wird das Organisationspotenzial sichtbar.

Sie haben dazu eine Plattform ins Leben gerufen, „F wie Kraft“.

Es war uns wichtig, nicht mit so einer städtisch-feministischen Haltung in die Dörfer zu kommen und zu sagen: Wir machen jetzt hier einen Tanzworkshop. Es geht um die Mitgestaltung des regionalen Wandels: geschlechtergerechter Strukturwandel, schrumpfende Städte, das sind Themen, bei denen die Frauen gehört werden müssen. Statt den Weggezogenen hinterherzutrauern, müssen wir endlich denen zuhören, die hiergeblieben sind.

Julia Gabler...

... ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung Potsdam, lebt in Görlitz und forscht u. a. zu den  Verbleibchancen qualifizierter Frauen in Ostsachsen sowie zum Strukturwandel in der Lausitz.

Das Gespräch führte Helke Ellersiek

Erschienen in derFreitag am 5. November 2020

Foto: Anne Schönhart ING/OSTKREUZ, PRIVAT

(Ver)Kommen, (Dran)Bleiben und (Ab)Gehen - Ein Lausitzdrama in drei Akten

(Ver)Kommen, (Dran)Bleiben und (Ab)Gehen - Ein Lausitzdrama in drei Akten

Teil 2 - (Dran)Bleiben

„Kämpfe für die Dinge,
die dir wichtig sind,
aber tue dies auf eine Weise,
die andere dazu bringt,
sich dir anzuschließen.“

(Ruth Bader Ginsburg)

Dranbleiben kleiner

© Anne Isensee

Ich drücke drauf und langsam kommt Licht ins Dunkel. Ich kenne derzeit kein angenehmeres Gefühl, als diesen Schalter zu bedienen und dabei zuzusehen, wie sich die Rollläden langsam nach oben wabern und den Laden in seiner unfertigen Gemütlichkeit erwachen lassen. Ich kicke gekonnt den Türstopper unter den Eingang und lüfte einmal kräftig durch. Eine Routine in einer neuen Art zu Hause. Beides scheint mir in Zeiten von Corona alles andere als selbstverständlich. Ich bin zufrieden. Ich fühle mich privilegiert.

Efeu durch die Institutionen!

Meine letzten fünfzehn Monate in Görlitz lassen sich als aufeinanderfolgende Hochdruckgebiete beschreiben, die fast immer gutes Wetter mit sich brachten. Bis heute müssen aber auch alle mit Hochdruck daran arbeiten, dass das so bleibt. Das Rathaus-Unglück von 2019 konnte in letzter Sekunde durch einen (relativ klassischen) Alleingang der CDU abgewendet werden. Und auch ich musste unter Schmerzen mein Kreuz für die christlich konservative Partei setzen. Wie es dazu kommen konnte, ist mir bis heute kein Rätsel. Ich betrachtete es als natürliche Selbstkasteiung meiner politischen Verantwortung. Ich bin ein Systemkind, das die Bündnisbereitschaft in Deutschland grundsätzlich feiert und für alles andere als selbstverständlich hält. Während Strukturwandel und gesellschaftliche Veränderungen in anderen Demokratien zu scheinbar unaufbrechbaren Verhärtungen führen, halte ich die hiesige Gesprächsbereitschaft und die zivilgesellschaftliche Parkettfähigkeit für einen riesigen Vorteil.

Und diese Prozesse laufen eben nicht ohne Widersprüche, Risiko und Scham. Die lokale Antifa nahm mir im Zuge des zweiten Bürgermeister-Wahlgangs mein schlechtes Gewissen, indem sie den bezeichnenden Slogan: „Antifa heißt heute CDU wählen“ im Netz teilte. Verständlicherweise wurden kurz darauf alle Spuren gründlich verwischt. Der ursprüngliche Post ist heute kaum noch zu finden. Wer sucht, stößt nur auf seitenweise Online-Kritik. Doch meiner Meinung nach ist dieser Ausspruch der lebendige Beweis dafür, dass sich in Ostsachsen nicht Möchtegerns - wie bspw. in meinem ehemaligen Zuhause Berlin Neukölln – gegenseitig bestätigen und verbünden, sondern ganz eigenartige Möchteungerns. Möchteungerns, die trotz aller inneren Widerstände genau das tun, was als letzter, ungemütlicher Weg übrig bleibt. Möchteungerns, die sich nicht vertreten fühlen und als Folge efeumäßig durch die Institutionen wachsen. Möchteungerns, die daraufhin immer wieder an Mauern stoßen, einmal drumherum florieren und vielleicht irgendwann mit dem eigenen Blatt das Darunterliegende unkenntlich machen. Jedenfalls ein Danke an alle Möchteungerns[1], die an Mauern im Wind wachsen und dabei doppelte Breitseite ernten!

Ihre Erfahrungen, Wünsche und Potenziale werden im Strukturwandel oft unterschätzt. Trotz aller Notwendigkeit werden ihre jungen und alternativen Perspektiven kaum bewusst mitgenommen oder in Wert gesetzt. Ein Beispiel: Schon jetzt ist die Hälfte aller Menschen in Görlitz und Bautzen über fünfzig Jahre alt. Dieser gehörige demografische Druck provoziert aus sich heraus die Entwicklung einer Strategie, die jungen und gebildeten Nachwuchs hält bzw. holt. Wie sollen diese Strategien jedoch erfolgreich erarbeitet werden, wenn - wie die eindrückliche Darstellung von Antonia Mertsching beweist - Entscheidungsträger*innen im Strukturwandelprozess (als Durchschnitt auf allen Handlungsebenen) zu 74 % aus Männern, größtenteils über fünfzig, bestehen? No prejudices: Aber mich würde schon interessieren, welche Quellen sie konkret zur Bedarfserhebung nutzen, um junge Frauen wie mich außerhalb ihres Arbeitsplatzes (der mittlerweile überall liegen kann) abzubilden. Mein Vater würde jetzt sagen, es dreht sich eben nicht alles nur um dich, Prinzessin, das Leben ist kein Wunschkonzert. Ich würde darauf antworten, selbst wenn es eines wäre, hier würde es kaum einer hören.

Achtung Manipulation!

Ich fasse nochmal zusammen: Wenn also 85 Männer gegenüber 22 Frauen über eine nachhaltige Zukunft eines neuen Nachwuchses in dieser Region entscheiden, ohne ihm zuzuhören und daraufhin Milliarden verteilen, dann ist das leider ziemlich unfair und auch einfach nicht erfolgsversprechend.

Das entspricht in etwa der Sinnhaftigkeit eines Vorwurfs, dem rund dreißig Menschen auf der Bürgerratswahl der Innenstadt Ost von Görlitz an einem Abend im November 2019 ausgesetzt waren. Als sich der prunkvolle Saal der KommWohnen GmbH zunehmend mit Kapuzenpullis, bunten Jacken und Nasenpiercings füllte, wuchs die Anspannung im Raum und jemand äußerte ernsthaft den Verdacht, dass wir mit Bussen aus Dresden angereist wären um … naja, um genau was zu tun? Um unrechtmäßig über die Zukunft eines uns fernen Stadtteils mit Themen, die uns null betreffen, zu entscheiden?

Auf dieser Wahl ist nichts anderes passiert, als dass über dreißig junge Menschen aus der Nachbarschaft ihr Recht auf Partizipation in Anspruch genommen haben. Sie waren es satt, dass der verlängerte Arm in den Stadtrat mit Menschen besetzt war, die nicht die Zukunft, wohl aber eine verschrobene Vorstellung von Gegenwart und Vergangenheit vor Augen hatten. Als dann das Ergebnis verkündet wurde und alle rechtskonservativen Kräfte durch drei Frauen und zwei Männer U35 ersetzt wurden, fühlte ich an mir eine bis dahin weitgehend unbekannte und sehr wohlige Selbstwirksamkeits-Gänsehaut hochkriechen. Im Foyer begegnete uns kurz darauf ein Ehepaar Ü60, bedankte sich für unser Engagement und fragte, wo wir unser Bier her hätten. Sie säßen nämlich schon seit zwei Stunden auf dem Trockenen…

In der örtlichen Presse – bei der ich es mir mittlerweile zur Aufgabe gemacht habe, besonders herausragende Artikel zu sammeln – wurden wir daraufhin im Leitartikel über mehrere Seiten als biertrinkende, krawallige Anti-Establishment-Rowdies dargestellt, die die Wahl manipuliert hätten. Auf der Titelseite waren drei ältere Menschen mit einem Transparent vor dem Wilhelmsplatz dargestellt, die im trumpesken Stil ganz einfach und ohne stichhaltige Beweise die Wahl nicht anerkennen wollten. Allein die Tatsache, dass es für eine Manipulation gehalten wird, wenn junge Menschen im Bezirk plötzlich sichtbar werden und ihre Interessen und Wahlrechte in Anspruch nehmen, macht mich einfach nur sprachlos. Sind wir selbst daran schuld?

Wer kümmert sich um die?

Ich sehe natürlich ein, dass unser Auftreten und unsere Ansprüche Andere auch ziemlich sprachlos machen können. Menschen, die seit fünfundzwanzig Jahren mit schlechtem Verdienst, aber ohne Mucksen im gleichen Betrieb arbeiten, die zwölf Stunden pro Tag am besten noch mit Ehepartner*in im eigenen Bistro frittieren, Frauen, die sich tagein tagaus in der Pflege ihren Rücken kaputt machen und statt respektvoller Bewunderung ein „Alter, wieso tust du dir das an?“ von uns ernten, all diesen Leuten fehlt sicher nicht grundlos Verständnis für unsere Realität. Und ehrlich, es tut mir unheimlich Leid, dass all das existiert. Aber es ist verkehrt und ein Trugschluss, wie einige immer noch glauben, dass wir jungen Nichtsnutze uns aus Solidarität auch solchen Zuständen aussetzen sollten. Damit ändert sich nämlich gar nichts. Stattdessen bremsen unsere wachsenden Ansprüche zukünftige Ausbeutung, provozieren bessere (Arbeits-) Bedingungen und machen den Strukturwandel damit zugegebenermaßen ein ganzes Stück komplexer. Denn wie soll man zielgerichtet auf Aussagen wie diese reagieren: „Ja, also wenn‘s möglich ist, würde ich maximal dreißig Stunden die Woche arbeiten. Mein Job und meine Umgebung müssen mich mit Sinn erfüllen. Und wenn das nicht mehr der Fall ist, dann zieh ich eben weiter. Ich hab auch nichts gegen eine zeitweilige Arbeitslosigkeit. Meine WG, mein Anspruch und mein Lifestyle verlangen nicht viel Cash. Ich bin erst dreißig Jahre jung und Rente bekomme ich so oder so keine! Take that, life is a journey!“.

Neben all den wachsenden Ansprüchen haben wir auch noch tausend unsichtbare Ideen und kein konkretes Ziel. Wir reden immer von Projekten, die dann der Staat oder Europa finanzieren müssen. Wir schaffen kaum Wertschöpfung, zahlen mit unseren halbherzigen Gehältern viel zu wenig Steuern und übernehmen dementsprechend keine gesellschaftspolitische Verantwortung. Der Staat geht den Bach runter, wegen Superreichen und faulen Sozial- und Kulturarbeiter*innen wie mir. Wer kümmert sich denn um das wirklich hart arbeitende Volk?

Arbeitsmoral

Seit ich erwachsen bin, läuft diese Leier meines Vaters als Dauerschleife in meinem Ohr[2]. Der arbeitet seit ungefähr lebenslänglich im selben Betrieb und steht nun kurz vor der Rente. Mein ewiges Suchen, Neuerfinden und Weiterziehen sind ihm ein Dorn im Auge. Dieser Dorn ist nicht nur aufgrund unterschiedlich gebotener und genutzter Chancen in unseren Lebensläufen gewachsen. Er offenbart ebenfalls eine Moral, in der Arbeit um ihrer selbst willen einen unhinterfragbaren Wert besitzt. Und dabei ist es ganz egal, ob die Firma die eigene Arbeitskraft trotz ambitioniertem, gewerkschaftlichem Engagement jahrzehntelang ausnutzt. Es ist egal, dass man keine Zeit und Muße hat, sich darüber Gedanken zu machen, was man sich persönlich Gutes tun oder gönnen würde. Was der persönliche Sinn hinter all dieser verarbeiteten Lebenszeit ist. Hauptsache, man hat am Ende ganz viel gespart, die Familie durchgebracht und Steuern gezahlt.

Letzten Herbst habe ich meinen Vater kurzerhand auf eine Postwachstumskonferenz in Görlitz mitgenommen. Davon schwärmt er heute noch. Wir sind uns dort auf einer ganz neuen Ebene begegnet. Mir wurde bewusst, dass er die grundsätzliche Kritik am System ganz klar teilt. Die aufgezeigten, alternativen Wege jedoch – wie bspw. ein Lieferkettengesetz oder die Gemeinwohl-Ökonomie – hält er für absolut abwegig. Das lässt sich seiner Meinung nach ganz einfach nicht umsetzen. Zu hoher Aufwand, zu ungewisser Output. Ich stelle mir nun die Männer in den Strukturwandel-Gremien vor, die ungefähr dem Alter, der Lebenserfahrung und der grundsätzlichen „Ist-einfach-so!“-Einstellung meines Vaters entsprechen. Sie entscheiden über Wege und Mittel und ich höre ihr Echo jetzt schon in meinen Ohren: „Das ist zu abwegig. Das birgt ungewisses Wachstumspotenzial! Das schafft keine Arbeitsplätze! Das fällt jetzt erstmal unter Wohlfahrt oder ehrenamtliche Daseinsvorsorge!“

Bis irgendein Efeu in diesen Diskurs hereingewachsen ist, ist es vielleicht schon zu spät. Und von den Auswirkungen sind nicht nur wir jungen Menschen betroffen. Sondern z. B. jeder zehnte Erwerbstätige[3], der allein jetzt schon im Landkreis Görlitz, in der Pflege tätig ist. Er[4] wird unter der wachsenden Last im Strukturwandel mit noch größeren Rückenschmerzen und beschisseneren Arbeitsbedingungen konfrontiert sein. Die vielen alten Menschen werden keinen Pflegeplatz bzw. keinen pflegenden Angehörigen mehr finden und zu Hause vereinsamen. Dafür haben wir dann ′ne geile Verwaltungsbehörde, irgendwas mit Wasserstoff und ganz viele Ingenieur*innen wie meinen Vater. Doch auch da wird es einen gehörigen Unterschied geben. Denn im Gegensatz zu ihm, werden es sich die neuen Ingenieur*innen dreimal überlegen (und auch dreimal schneller wieder verschwinden), wenn der Arbeitsplatz und die Umgebung ihren Ansprüchen an eine angemessene Lebensqualität widersprechen.   

Wir stechen in See!

Meine Lebensqualität, mein Nest und meinen Hafen habe ich nun im ahoj gefunden. Wenn ich morgens auf den Schalter drücke und sich die Rollläden langsam nach oben wabern, dann erwacht ein Raum aus dem Schlaf, der meinen schrecklichen, jungen Ansprüchen an einen sinnerfüllenden Arbeitsplatz genau entspricht. Hier kommen Menschen zusammen, die an ihren Gründungsideen basteln. Ideen, die nicht in erster Linie das größte Wachstum und sprudelnde Steuereinnahmen versprechen. Aber die einen Mehrwert für das Gemeinwohl besitzen. Hier nehmen sich Menschen die Zeit, die sie brauchen, sie zweifeln, probieren aus, tüfteln ohne Druck. Ich gucke dabei zu, moderiere und trage es in die Öffentlichkeit. Meine Freund*innen aus Berlin sind dann immer ganz angetan und sagen: „Mensch, sowas gibt’s in Görlitz?“.

Wie schön wäre es, wenn sie verstehen würden, dass das alles andere als abwegig ist. Und dabei trotzdem erkennen, dass die Gründer*innen hier unter anderen Bedingungen in See stechen. Etwas weniger privilegiert und selbstverständlich, in einem anderen Tempo, als zarter Efeu an einer Mauer.

 

[1] Ich möchte vorsichtshalber erwähnen, dass ich in dieser persönlichen Definition alle Antidemokrat*innen, Querdenker*innen, Corona- u. Holocaustleugner*innen, selbsternannten Freiheitskämpfer*innen bzw. Wissenschaftler*innen kategorisch ausschließe.

[2] Wer der Sächsischen Zeitung auf facebook folgt, findet sie auch in jedem zweiten Kommentar, der sich kulturellem oder zivilgesellschaftlichem Engagement junger Menschen in der Stadt widmet.

[3] Vgl. Fuchs, Michaela. Richter, Bernd. Sujata, Uwe. & Weyh, Antje (2018): Der Pflegearbeitsmarkt in Sachsen. Aktuelle Situation und zukünftige Entwicklungen. Nürnberg

[4] Oder besser „Sie“. Rund 85 % der Beschäftigten in der Pflege sind Frauen, vgl. Freifrau von Hirschberg, Kathrin-Rika. Hinsch, Jutta. & Kähler, Björn. (2018): Altenpflege in Deutschland. Ein Datenbericht 2018. Hamburg

Lisa W...

... hat ihre Arbeit, ihren Partner und ihre Freund*innen in Berlin gelassen, um der Großstadt endgültig den Rücken zu kehren und in Görlitz "Management sozialen Wandels" zu studieren. Im Lausitzdrama in drei Akten berichtet sie über ihr Ankommen, Bleiben und Gehen. Zu finden auf Instagram unter helga_wolke

 

Anne Isensee...

... ist Animatorin und Regisseurin für Animations-Kurzfilme und Musik Videos aus Berlin. Sie studierte Animation an der Filmuniversität Babelsberg und der École nationale supérieure des arts décoratifs Paris. Seit 2020 studiert sie als Fulbright-Stipendiantin an der School of Visual Arts New York im Master Computer Arts. Ihre Kurzfilme "Megatrick", "Ich Will" und "1 Flasche Wein" werden auf Internationalen Festivals gezeigt.

https://www.anneisensee.com/ | https://vimeo.com/user41831769

 

GLEICHSTELLUNG IN DER LAUSITZ #1

GLEICHSTELLUNG IN DER LAUSITZ #1

Katja Knauthe, Johanna Zabka und Fränzi Straßberger haben 2020 ihre Arbeit als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte in der Lausitz begonnen. Ich habe sie jeweils getroffen und mit ihnen über ihre Visionen für die Region, über ihre Perspektive auf den Strukturwandel und ihre Schwerpunkte im neuen Job gesprochen.

Dies ist Teil 1 unserer Reihe „Gleichstellung in der Lausitz“. Teil 2 und 3 über Johanna Zabka und Fränzi Straßberger finden Sie in unserem Journal.

Katja Knauthe – „Bitte schreibt Kommunale Gleichstellungsbeauftragte.“

Katja Knauthe ist seit Juni Gleichstellungsbeauftragte und Koordinatorin des Bereichs Integration der Stadt Görlitz. Parallel promoviert sie zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf aus einer organisationssoziologischen Perspektive. Außerdem ist sie nach wie vor Dozentin und Mitglied an der Hochschule Zittau/Görlitz, sowie am Institut für Gesundheit, Altern und Technik (GAT) tätig.

Die Wissenschaft des Alter(n)s war Forschungsschwerpunkt in den letzten 10 Jahren ihrer wissenschaftlichen Laufbahn und bleibt auch in der neuen Position präsent: „Ich sag immer, wir haben kein Gleichstellungsproblem, wir haben ein Vereinbarkeitsproblem“. Die meisten Menschen denken beim Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ an die Sorgearbeit, die mit der Erziehung von Kindern einhergeht, für Katja Knauthe gehört aber auch die Pflege von älteren Menschen und Menschen mit Behinderung ganz klar dazu. Natürlich hat das auch eine Geschlechterperspektive: „Frauen sind der größere Anteil unter den Menschen, die Sorgeverantwortung tragen, das hat soziologische und historische Gründe“. Menschen, die Sorgearbeit tragen, könnten nicht adäquat am Erwerbsleben teilnehmen. Das will sie mit ihrer Arbeit ändern: „Die Verbindung läuft derzeit nur mit irgendwelchen Teilzeitkonstrukten oder sehr klassischen Familienverhältnissen und ich sehe dort die Kommune sehr wohl in der Verantwortung, Daseinsvorsorge zu leisten und ansässige Unternehmen und Organisationen so zu sensibilisieren, dass langsam dieser Nachteil der Sorgearbeit abgebaut wird.“

Um darauf hinzuwirken, sieht sie ihren Arbeitsschwerpunkt nicht in der Arbeit mit Vereinen, denn: „Für mich ist das kommunale Sozialarbeit – und ich bin Soziologin“. Diese wissenschaftliche und strukturelle Perspektive ist ihr wichtig, das möchte sie auch angemessen kommunizieren. Dass bisher „Gleichstellungsbeauftragte für Mann und Frau“ die Bezeichnung ihrer Stelle war, griff ihr viel zu kurz, weshalb nun „Kommunale Gleichstellungsbeauftragte“ auf Visitenkarte und Homepage zu lesen ist. Politischer Auftrag und konzeptionelle Arbeit sind ihr Fokus. Dafür nimmt sie auch gern in Kauf, weniger sichtbar zu sein im Stadtgeschehen. „Ich möchte einen kommunalen Gleichstellungsbericht schreiben. Es braucht eine Soll-Ist-Analyse, um Handlungsempfehlungen zu finden. Dafür muss man sich aber erstmal zurückziehen“.

Foto Knauthe 2048x1365

Als sie sich auf die Stelle beworben hat, war der Job selbst nicht ihr größtes Interesse. Eigentlich habe sie sich mit dem Oberbürgermeister darüber unterhalten wollen, dass ihre Definition von Gleichstellungsarbeit anders sei als das, was bisher umgesetzt und in der Stellenausschreibung beschrieben wurde. Dass sie dann für die Stelle ausgewählt wurde, war auch ein kleiner Schock, weil das eben auch bedeutete, ihre unbefristete wissenschaftliche Tätigkeit an der Hochschule zu beenden. Deshalb ist sie sehr froh darüber, weiterhin mit der HSZG zusammenzuarbeiten. Beispielsweise möchte sie die bisherigen Integrationsmaßnahmen der Kommune und des Landkreises gemeinsam mit Masterstudent*innen des Studiengangs Management Sozialen Wandels evaluieren.

Weil ein neuer Anfang immer Anlass für Visionen und große Ziele ist, wollte ich wissen, was Katja Knauthes Vision für Görlitz und die Lausitz ist. Darauf findet sie eine klare Antwort: „Was ich möchte, ist eine sorgende Gemeinschaft („caring community“) etablieren“. Das heißt, dass Familien als nach wie vor Haupt-Sorgetragende entlastet werden sollen – dafür muss die passende Infrastruktur geschaffen werden, die nicht nur genügend (Tages-) Pflege- und Kita-Plätze umfasst, sondern auch die Koordination von bürgerschaftlichem Engagement und ein Bemühen der Kommune, wachzurütteln und zu sensibilisieren, um das Ideal einer generationensensiblen Gesellschaft zu stärken. „Eine solidarische Gemeinschaft ist das große Ziel, ansonsten verfestigen sich konservative Strukturen und die machen nachweislich krank“. Im besten Fall wird Wahlfreiheit geschaffen, sodass Pflege- und Sorgearbeit aus freien Stücken geleistet werden kann, weil die Kommune vorgesorgt hat. Noch einmal weist sie auf die Geschlechterungleichheit hin: kürzlich habe sie einen Artikel gelesen demzufolge die gender gaps erst in 99 Jahren geschlossen würden, wenn es so weitergehe wie bisher. Ihr Ziel ist es, in Görlitz eher so weit zu sein. Diese Entwicklung weg von konservativen Strukturen und hin zu gemeinschaftlicher Verantwortung ist auch, was sie mit Strukturwandel verbindet. Eine Caring Lausitz möchte sie sich vorstellen, in der die gerontologische Perspektive auch im ländlichen Raum konsequent mitgedacht wird, denn aktuell ist die Reichweite der ambulanten Pflegedienste beschränkt, ÖPNV unregelmäßig und Lebensmittelläden in vielen Dörfern nicht mehr vorhanden. Sie wünscht sich innovative Lebensmodelle, vielleicht mehrgenerationale Zusammenschlüsse von jungen Raumpionier*innen und unterstützungsbedürftigen Alteingesessenen.

Was aber auch zu ihrer Vision gehört ist, dass die Kommune als familienfreundliche und pflegesensible Arbeitgeberin Vorbild ist, denn „Arbeitgeber sollen sich endlich für Gleichstellung verantwortlich fühlen!“. Dafür müssen Muster durchbrochen und Personalpolitik geändert werden „wir haben nach wie vor Strukturen, die es Frauen scheinbar verunmöglichen, in Führungspositionen zu kommen. Und das zu ändern, da will ich hin“. Als sie in den letzten Jahren noch Gleichstellungsbeauftragte der sozialwissenschaftlichen Fakultät war, konnte sie auch in Personalpolitik eingreifen. Leider ist das nun nicht mehr Teil ihrer Stelle, da die Kommune dafür eine Frauenbeauftragte hat, mit der Katja Knauthe auch im Strategiegespräch über diese Themen ist. Zukünftig könne sie sich gut vorstellen beides in Personalunion zu übernehmen.

Bernadette Rohlf…

… hat in Görlitz Management Sozialen Wandles (M. A.) studiert, ist freiberuflich bei F wie Kraft tätig und engagiert sich im feministischen*forum (instagram: @feministisches_forum) und bei Sohland lebt! e. V. (https://sohlandlebt.de/).
GLEICHSTELLUNG IN DER LAUSITZ #2

GLEICHSTELLUNG IN DER LAUSITZ #2

Katja Knauthe, Johanna Zabka und Fränzi Straßberger haben 2020 ihre Arbeit als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte in der Lausitz begonnen. Ich habe sie jeweils getroffen und mit ihnen über ihre Visionen für die Region, über ihre Perspektive auf den Strukturwandel und ihre Schwerpunkte im neuen Job gesprochen.

Dies ist Teil 2 unserer Reihe „Gleichstellung in der Lausitz“. Teil 1 und 3 über Katja Knauthe und Fränzi Straßberger finden Sie in unserem Journal.

Johanna Zabka – „Ich will Barrierefreiheit in den Köpfen der Menschen herstellen.“

In Brandenburg legt das Landesgleichstellungsgesetz (LGG) fest, dass Gleichstellungsbeauftragte sowohl für öffentliche Belange als auch für Personalbelange innerhalb der Kreisverwaltung verantwortlich sind. Diese Position hat Johanna Zabka seit April für den Landkreis Oberspreewald-Lausitz inne. Gleichzeitig ist sie Behindertenbeauftragte, was auch gut zu ihren vorherigen Tätigkeiten passt, denn für einige Jahre arbeitete sie für das Landesamt für Soziales und Versorgung als Aufsicht für unterstützende Wohnformen, wo sie Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen prüfte. Damals war sie auch stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte. So begann sie ihre neue Position sowohl mit Erfahrung aus dem Verwaltungsbereich als auch Vorwissen in der Gleichstellungsarbeit.

Ihre erste Zeit im Amt beschreibt sie als aufregend: seit April ist sie Gleichstellungsbeauftragte und startete so gemeinsam mit dem Lock-Down. „Dadurch fand natürlich wenig Netzwerkarbeit statt, vor allem nicht persönlich. Zuletzt wurde das langsam wieder hochgefahren“. Trotzdem fühlte sie sich gut vorbereitet, da sie sich schon seit Januar in der Einarbeitungszeit befand und so gemeinsam mit ihrer Vorgängerin Kolleginnen und Netzwerkpartner*innen treffen und Veranstaltungen wie die Frauenwoche oder den Karneval für Menschen mit Behinderungen und ihre Freund*innen bereits mitgestalten und erleben konnte.

© Landratsamt Oberspreewald-Lausitz

Die verhältnismäßig lange Einarbeitungszeit ermöglichte Johanna Zabka nicht nur einen sicheren Stellenantritt, sondern zeigt auch, welche Wertigkeit die Position im Landratsamt hat: „Das ist auch hier im Haus nicht die Regel, dass dafür so viel Zeit eingeräumt wird.“ bemerkt Sarah Werner, Pressesprecherin des Landratsamtes, die an unserem Gespräch teilnimmt. Der Gleichstellungs- und Behindertenbeauftragten-Stelle ist auch eine Vollzeit-Mitarbeiterin angegliedert. Mir fällt auf, dass die Gesetzgebung in Brandenburg durch das LGG eine wirksame Grundlage und Legitimation für Gleichstellungsbeauftragte geschaffen hat und die Arbeit dadurch anerkannter und besser finanziert scheint als in Sachsen. Johanna Zabka und Sarah Werner berichten auch, dass innerhalb des Landratsamtes großes Interesse am Gleichstellungsbericht bestünde, der in Brandenburg gesetzlich gefordert ist. Erst kurz vor unserem Treffen habe Johanna Zabka die aktuellen innerbetrieblichen Zahlen in der Dienstberatung leitender Vertreter*innen des Landkreises vorgestellt, was auch Austausch inspiriert hätte. Erfasst wurden beispielsweise die Männer- und Frauenanteile in den verschiedenen Dienstgraden oder im Bereich Teilzeitarbeit als Indikatoren für Gleichstellung.

Zentrales Thema der Arbeit von Johanna Zabka ist Barrierefreiheit, damit meint sie nicht nur die physische Zugänglichkeit bestimmter Orte, sondern versteht den Begriff auch gleichstellungspolitisch und persönlich: im öffentlichen Raum wolle sie darauf hinwirken, dass dunkle Räume beseitigt würden, weil das bei vielen Frauen Angst und Unsicherheit auslöse. Vor allem aber will sie „Barrierefreiheit in den Köpfen der Menschen herstellen, zeigen dass wir eine bunte Gesellschaft sind, dass wir offen für jeden sind und gemeinsam vieles erreichen können und nicht gegeneinander arbeiten“. Dafür ist sie auch an der Organisation öffentlichkeitswirksamer Veranstaltungen beteiligt. Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25.11.) werden an den Standorten der Kreisverwaltung und weiteren Orten im Landkreis Fahnen gehisst, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen und das Frauen- und Kinderschutzhaus in Lauchhammer eröffnet an diesem Tag eine Foto-Wanderausstellung im Rathaus in Calau. Auch die Vorbereitungen für die brandenburgische Frauenwoche 2021 unter dem Motto „Superheldinnen am Limit“ laufen bereits.

Auch Johanna Zabka habe ich nach ihren Visionen und ihrer Perspektive zum Strukturwandel gefragt. Sie betont, dass die Gestaltung des Wandels ein wichtiges Thema sei, aber auch eines wo schon Erfolge zu erkennen sind. „Man darf nicht vergessen, dass sich die Region schon ganz toll entwickelt hat“. Sie berichtet von vielen Rückkerer*innen, ästhetischen Wald- und Seenlandschaften, von neuen Arbeitgebern, die sich in der Region etabliert haben und vom kulturellen Angebot.

Auf ihre Zukunft blickt sie sehr optimistisch und sagt: „Ich denke, dass hier im Landkreis gerade in der Netzwerkarbeit schon vieles gut läuft, es aber trotzdem wichtige gleichstellungspolitische Themen gibt, die es anzupacken gilt“.

Bernadette Rohlf…

… hat in Görlitz Management Sozialen Wandles (M. A.) studiert, ist freiberuflich bei F wie Kraft tätig und engagiert sich im feministischen*forum (instagram: @feministisches_forum) und bei Sohland lebt! e. V. (https://sohlandlebt.de/).
 
 
FwieKraft

Bei uns ist nicht alles rosarot, bei uns ist's petrol!

 …und petrol ist auch toll, finde ich. Aber das zu begreifen, hat auch bei mir eine Weile gedauert und ist mit einem Leidensweg verbunden.

Es gibt Dinge, die man zwar kennt bzw. von denen man weiß, dass es sie gibt, bei denen man aber aus irgendwelchen Gründen davon ausgeht, dass sie einen selbst nie betreffen werden. Genauso war es bei mir. Wer mich kennt weiß, dass ich ein überaus fröhlicher und optimistischer Mensch bin. Ich habe viele Ideen im Kopf, Pläne für die Zukunft, einen Job der mir sehr viel Freude macht, einen Partner, den ich seit vielen, vielen Jahren an meiner Seite habe, viele Lieblingsmenschen und nicht zu vergessen eine tolle Familie. Ich wurde schwanger und das ideale Nest war auch gefunden. Also alles perfekt. Und doch kam es irgendwie anders…

Die Geburt und die Zeit danach haben das Leben ordentlich durcheinander gebracht. Und eine Mama, die nicht überglücklich mit ihrem Kind ist, ist doch irgendwie nicht ganz normal, oder etwa doch? Doch!! Das ist sie. Und sie ist überhaupt nicht allein mit ihren Sorgen, Gedanken und Gefühlen. Das zu begreifen, ist aber oft ein langer Prozess. Es ist in der heutigen Gesellschaft leider ein absolutes Tabu Thema. Eine Mama die unglücklich ist. Egal wo man hinsieht, ob im TV, Werbeanzeigen oder Zeitschriften. Mamas sind glücklich, managen alles super gut, lieben ihre Kinder abgöttisch und sehen dabei noch unglaublich gut aus. Wie soll man all dem gerecht werden? In einer Welt wo man mit Statusbildern und Facebook-Posts jeden Tag sieht, dass auch die befreundeten Mamas genau diesem Ideal entsprechen. Und ist man dann einmal im Strudel der Selbstzweifel drin, wird es schwer, da wieder rauszukommen.

…Und das möchte ich verhindern. Ich möchte verhindern, dass Mamas erleben müssen, was ich durchlebt habe. Fühlen, wie ich mich gefühlt habe. Ich möchte sie auffangen, ihnen zur Seite stehen und ein Stück ihres Weges gemeinsam gehen. Mal ist es ein kurzer Spaziergang, mal wird ein regelmäßiges Workout draus. Mama, du bist nicht allein, du bist nicht falsch oder schlecht! Du bist besonders und genau die richtige Mama für dein Kind….

Mut ist, wenn du mit der Angst tanzt
Das was du nicht ganz kannst, trotzdem versuchst 
Mut ist, wenn du wieder aufstehst
Pflaster auf die Haut klebst und weiter suchst!

[Auszug aus dem Songtext MUT von Alexa Feser]

Dieses Lied fand ich in einer Phase, in der ich eine Entscheidung treffen musste. Gründe ich eine Selbsthilfegruppe für Mamas, denen es geht wie mir, oder nicht? Wie läuft sowas ab? Was kommt auf mich zu? Fragen über Fragen. Und ich tanzte mit der Angst und entschloss, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Mit meinem Namen für eine Sache zu stehen, die für mich eine absolute Herzensangelegenheit geworden ist. Eine Gruppe, wo sich alle Mamas hinwenden können, die Kummer haben. Egal ob eine traumatische Geburt, eine Anpassungsstörung in der neuen Mutterrolle, Spagat zwischen Job und Familie …. die Liste kann unendlich erweitert werden. Bei Mamseel trifft man auf offene Ohren, Hilfe und vor allem Mitgefühl. Ich möchte da sein, wenn jemand den Halt verliert. Meine Selbsthilfegruppe kann keine Therapie ersetzen. Aber den Weg zum Arzt oder Therapeuten durch eigenen Erfahrungen der Gruppenmitglieder erleichtern. 

…die detaillierte Geschichte findet ihr auf meiner Homepage https://www.mamseel.de/ueber-uns/ ….

Und warum Mamseel?

Lass der Kreativität ihren Lauf…. Wie nenne / werbe ich für eine solche Gruppe? Wie breche ich das Tabu und wecke Aufmerksamkeit? Wer bin ich? Ich bin eine Mamseel (ich selbst spreche es gern Mamsell :)). Davon leite ich Mamas Seelen Leben ab….und weil bei uns eben nicht alles rosarot ist, ist es eben petrol :) Ein Logo ganz genau nach meine Vorstellungen entstand und ich bin sehr stolz auf mein Mamseel-Mädchen im Pünktchenkleid. Ein Mädchen, das sich nicht verstecken muss. Sie ist nicht allein – sie ist besonders!

Unbenannt

Und wenn du dich jetzt angesprochen fühlst, weil du dich wiederfindest in den Zeilen. Oder du jemanden kennst, dem ich vielleicht helfen kann, dann bitte melde dich!

KONTAKT:

Bianca Strohbach
Mobil: 01523 6649447
Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

www.mamseel.de

Gleichstellung in der Lausitz #3

Gleichstellung in der Lausitz #3

Katja Knauthe, Johanna Zabka und Fränzi Straßberger haben 2020 ihre Arbeit als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte in der Lausitz begonnen. Ich habe sie jeweils getroffen und mit ihnen über ihre Visionen für die Region, über ihre Perspektive auf den Strukturwandel und ihre Schwerpunkte im neuen Job gesprochen.

Dies ist Teil 3 unserer Reihe "Gleichstellung in der Lausitz". Teil 1 und 2 über Katja Knauthe und Johanna Zabka finden Sie in unserem Journal.

Fränzi Straßberger – „Wie übersetzen wir das Thema Gleichstellung in den Alltag?“

Eine dankbare Haltung begegnet mir auch in Bautzen bei Fränzi Straßberger wieder, die hier seit September das Amt der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten für die Stadt Bautzen bekleidet. Sie schaut auf eine lebendige Gleichstellungsinfrastruktur, über die sie sagt „Da kann man stolz drauf sein, dass es das gibt und da muss man auch mal ‚Danke!‘ sagen bei denen, die das erkämpft haben am Anfang“. Damit meint sie die Frauen, die 1990 kurz nach der Wende begonnen haben, Frauen- und Gleichstellungsarbeit in der Stadt zu etablieren, die Fraueninitiative Bautzen e. V. und das Frauenschutzhaus gegründet haben, die mit viel Pragmatismus im ehemaligen Büro der Staatssicherheit zusammenkamen und „richtige handgestrickte Arbeit“ leisteten. Genau diesen Vorkämpfer- und -denkerinnen ist ihr aktuelles Projekt gewidmet, das auch in Kooperation mit den anderen gleichstellungspolitischen Akteur*innen Bautzens umgesetzt wird. Das 30-jährige Jubiläum dieses Engagements soll mit einem Video-Projekt begangen werden. Darin sind 22 Frauen porträtiert, sowohl diese „Frauen der ersten Stunde“ als auch Frauen, die zugezogen sind und ihre Perspektive mitbringen. Das Projekt soll Ende des Jahres öffentlich werden und verschiedene Räume in der Stadt bespielen. Dabei sind Entwicklung und Umsetzung dieser Idee nicht nur Empowerment der Beteiligten und Sichtbarmachen des Engagements, sondern auch Dokumentation von (Frauen-) Geschichte in Bautzen, die sonst einfach verloren gehen würde, wie Fränzi Straßberger vermutet.

Wenn sie von ihrer Arbeit spricht, könnte man denken, dass sie ihre Position seit Jahren ausfüllt. Ein bisschen stimmt das auch, denn vorher war sie Projektleiterin bei der Fraueninitiative Bautzen, weshalb sie bereits in den meisten Netzwerken aktiv war, die auch für ihre neue Stelle relevant sind. Auch inhaltlich kann sie anknüpfen und „an der gleichen Stelle weitermachen, wo ich aufgehört hatte“. Trotzdem hat die Position der Gleichstellungsbeauftragten andere Vorzüge, handelt es sich doch um eine strukturelle Aufgabe. Diese Aussicht war der inspirierende Anstoß für ihre Bewerbung: „Ich bin eher ein Strukturmensch als eine Einzelberaterin“. Auch Fränzi Straßberger durfte sich zur Einarbeitung sechs Wochen lang das Büro mit ihrer Vorgängerin teilen. Die beiden kannten sich nicht nur aus den bisherigen Überschneidungen in der Zusammenarbeit von Fraueninitiative und Gleichstellungsbeauftragter, sondern auch aus einem Praktikum, das Fränzi Straßberger vor fünf Jahren bei Andrea Spee-Keller absolviert hatte.

© Stadt Bautzen

 

Die thematische Ausrichtung ihrer zukünftigen Arbeit ist für Fränzi Straßberger sehr vielfältig. Sie will an der Auflösung enggestrickter Geschlechterbilder mitwirken und auch innerbetrieblich Veränderung anstoßen: der Frauenförderplan von 2012 müsse überarbeitet werden.
Die aktuelle Pandemie-Situation hat ebenfalls mit ihrer neuen Aufgabe zu tun: „Corona wird uns noch lange begleiten. Die Pandemie hat nochmal ein Brennglas auf die Geschlechterungleichheiten gehalten“. Besonders befürchtet sie, dass Frauen, die erwiesenermaßen einen größeren Anteil der Arbeit für Haushalt und Kinder leisten, noch weniger in  öffentlichen Diskursen präsent sind und dadurch unsichtbar werden und wichtige Entscheidungen nicht mit treffen können. Repräsentation war auch vor Corona schon Herzensthema für Fränzi Straßberger. Sie ist aktiv beim Frauen.Wahl.LOKAL Oberlausitz und will politische Partizipation von Frauen fördern. Alarmierend sind dabei die Zahlen: nur ca. 20% der Mitglieder im Gemeinderat Bautzen und 15 % im Kreistag sind weiblich.

Das Wort, das im Gespräch immer wieder fällt, ist „übersetzen“, das ist Fränzi Straßberger sehr wichtig. Das ist wörtlich und im übertragenen Sinne zu verstehen. Es sei wichtig die diverse Zielgruppe der Frauen mit allen Altersgruppen und Lebensrealitäten wirksam zusammen zu bringen und dafür geeignete Formate zu finden, die nicht nur akademisch gebildete Frauen ansprechen. Da zieht sie auch Parallelen zu den Vorkämpferinnen, von denen bereits die Rede war „die hatten keine Zeit, intellektuell abzuheben“. Die Übersetzungsarbeit sei aber auch in den strukturellen Zusammenhängen wichtig: gerade in Sachen Strukturwandel bei der Planung von Stadtgestaltung und regionaler Entwicklung werde Geschlechtersensibilität als Kompetenz und Gleichstellung als Querschnittsthema oft überhaupt nicht nachgefragt oder beachtet, obwohl es überall hingehört. Ob Mobilität, technische Infrastruktur, Bildung oder die Tatsache, dass „wertvolle Arbeit“ meist Industriearbeitsplätze meine; alles hat eine Geschlechterperspektive, sie gehört zu jedem Wandel. „Wie soll die Region attraktiv sein, wenn 50% der Bevölkerung kaum mitgedacht werden?“. Insofern weiß Fränzi Straßberger, dass viel zu tun ist, aber sie weiß auch, dass es einer realistischen Herangehensweise und diplomatischer Fähigkeiten bedarf: „bis jetzt ist es noch viel Beziehungsarbeit“ sagt sie in Bezug auf ihr neues Arbeitsumfeld. Nach einer Vorgängerin, die 30 Jahre im Amt war, müssen sich alle aneinander gewöhnen, auch das sei Übersetzung.

Bernadette Rohlf…

… hat in Görlitz Management Sozialen Wandles (M. A.) studiert, ist freiberuflich bei F wie Kraft tätig und engagiert sich im feministischen*forum (instagram: @feministisches_forum) und bei Sohland lebt! e. V. (https://sohlandlebt.de/).
(Ver)Kommen, (Dran)Bleiben und (Ab)Gehen - Ein Lausitzdrama in drei Akten
© Anne Isensee

(Ver)Kommen, (Dran)Bleiben und (Ab)Gehen - Ein Lausitzdrama in drei Akten

Teil 1 (Ver)Kommen

„Es ist doch das Recht von Zwanzigjährigen,
frech und unverschämt zu sein
 – und auch das Mindeste,
 was ich von ihnen erwarte.“

(Annette Humpe)

F wie Kraft Illustration 03

 © Anne Isensee

Auf der Toilette wird mir klar, wo ich eigentlich hingeraten bin. Ein Galgen und der dazugehörige Strick hängen über dem Spülkasten. Ich muss meine Aufregung und Wut herunterfahren. Ich warte einige Sekunden und atme tief durch. Wie bin ich eigentlich hierhergekommen und vor allen Dingen: Wie komme ich hier glimpflich wieder heraus?

Als ich im März 2019 nach Görlitz zog, hatte ich zuvor schon einige beeindruckende Menschen kennengelernt. Sie waren es, die mir die Entscheidung, zurück nach Sachsen zu ziehen, abnahmen. Während ungläubige Großstadtfreund*innen mich für verrückt hielten, weil in Görlitz nichts gehen würde, hatte ich das eindeutige Gefühl, mich in ein gemachtes Nest zu setzen und von der Arbeit Anderer zu profitieren. Kühlhaus, feministisches*forum, Rabryka, Stille Post, Camillo-Kino, ZUKUNFTSVISIONEN und Kfuenf: Alles Initiativen, die die prunkvollen und unfertigen Fassaden der Stadt mit Leben füllen. Mein euphorischer Fischaugenfokus ließ die Randerscheinungen der Region jedoch verschwimmen. Denn neben den tollen, sogenannten weichen Standortfaktoren gibt’s eben auch die harte Realität und die stößt relativ schnell auf. Subkultur hat hier eine andere Konnotation, die Betonung liegt auf Sub. Sie läuft (teilweise) unter dem Radar und sie ist (noch) in der Minderheit. Sie besteht nicht um ihrer selbst willen, sie (er)füllt eine Lücke und einen Zweck. Sie kämpft um Verständnis und Anerkennung.

Hängenbleiben

Der Entschluss der Großstadt den Rücken zu kehren, stand schon fest als ich dort ankam. Um die überwältigende Anzahl an Eindrücken, Bewegungen, Geräuschen und Kontrasten nicht verarbeiten zu müssen, legte ich mir Scheuklappen an. Dadurch wurde mein Wahrnehmungsfeld enger und die Belanglosigkeit von Leid und Alltag anderer Menschen immer größer. Dann erfüllte mich die sinnstiftende Arbeit in einem Sozialunternehmen, alte Freund*innen aus meiner Heimatstadt zogen hinterher. Ich entwickelte romantische Gefühle für das Kottbusser Tor und einen Mann. Und plötzlich gehörte ich ganze sechs Jahre lang zu den Hängengebliebenen in Berlin. Immer noch besser als hängengeblieben in Kodersdorf? Gute Frage, keine Ahnung!

Meine Arbeit ließ mich in einem Netzwerk progressiver Stadt- und Weltgestalter*innen bummeln, die mir das Gefühl gaben, dass es für jedes noch so komplexe Problem eine Lösung oder zumindest ein ganz nettes Produkt gab. Wir bestätigten uns kontinuierlich in unserer Selbstwirksamkeit. Auf Konferenzen wurden wir zum Teil junge Visionär*innen genannt. Peinlich, aber auf den Punkt. Denn man musste uns nur irgendein Schlagwort wie Feminismus, Fashion, Art, Klimawandel und Postwachstum vor die Füße werfen und wir konnten uns stundenlang gegenseitig zutexten. Trends zwischen Bienenwachstüchern, Menstruationstassen, Mietpreiserhöhungen und Ugly-Shoes stellten mich zunehmend vor die Frage: Warum tu ich mir das eigentlich an?

Die Verbreitung einer weltoffenen und diversen Szene ist natürlich ganz nett anzuschauen. Wenn ich heute meinen Freund in Berlin besuche, dann setzen wir uns oft auf eine Bank am Görlitzer Park und „gucken Leute“. In Görlitz auf dem Wilhelmsplatz geht das auch. Die Kontraste verschiedener Haarfarben und Anoraks ist zwar geringer, aber die Klientel nicht weniger interessant. Denn wir kennen diese Menschen nicht. Sie zählen nicht zu unserem State of Mind. Wir können nur mutmaßen, was sie rumtreibt. Wir sind die Minderheit und nicht andersrum.

Quo vadis?

Das gilt aber nicht nur für die Straße, sondern auch für Konferenzen und politische Austauschformate. Ende 2018 besuchte ich die Novembertagung Quo vadis Görlitz? an der HSZG. Meine Teilnahme galt als Test, ob ich mit der Hochschule und dem geplanten Masterstudium warm werden konnte. Die Thementische des World-Café-Formats waren äußerst interessant. Alle durften sich interdisziplinär über die Zukunft von Görlitz austauschen. Nur war ich die einzige junge Frau in einer Gruppe älterer Männer, die sich in einer vollkommen fehlplatzierten Diskussion verhaspelten. Als ich sie darauf hinwies und den Wunsch äußerte, vielleicht auch andere Menschen in dieser Gruppe zu Wort kommen zu lassen und zum Thema zurückzukehren, erntete ich überraschte und verärgerte Blicke, aber keine Einsicht. Ich erlaube mir hier als junge Visionärin (Triggerwarnung: Dies ist eine Zuschreibung) einen kurzen Exkurs zu alten, weißen Männern (Triggerwarnung: Dies ist eine Zuschreibung): Wir diskriminieren Sie nicht – wie häufig angenommen und vorgeworfen - aufgrund Ihrer Haut- und Haarfarbe, oder noch schlimmer, Ihrer Lebenserfahrung oder Ihres Alters. Wir weisen Sie lediglich auf Ihre bereits tauben Ohren und das fehlende Interesse an neuen und alternativen Perspektiven hin. Wer im Alter in Bewegung, offen und flexibel bleibt, wird länger leben. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Wir tun das neben unserem Kampf um Anerkennung also auch für Sie! Und wenn wir uns schon die Mühe machen, Sie zu siezen, dann tun Sie uns doch bitte auch den Gefallen! In Ordnung?

Aber hey, fair enough, auch wir Gutfrauen und Sprachpartisaninnen sollten unsere Perspektive ändern. Genau deswegen bin ich hier gelandet. In Berlin habe ich eine Stadt konsumiert, die mich nicht braucht und die sich die ganze Zeit selbst zitiert. Ich habe Menschen Wohnraum weggenommen, die sich in Neukölln viel mehr zuhause fühlten als ich. Ich habe es dem armen Berlin übelgenommen, dass es im Vergleich zu Görlitz verstanden hat, dass Subkultur sich verkaufen lässt und damit junge, innovative oder ganz verlorene Menschen anzieht. Und dass Berlin mit dieser Dynamik den nervigen Rest an überholten, arbeitslosen und armen Menschen ganz automatisch an den Rand drängt und unsichtbar macht. Versteht mich nicht falsch: Es ist ganz wunderbar, dass die Schulden der Hauptstadt schrumpfen und dass es dort Soli-Mates, Tiny-House-Universitys und baumpflanzende Browser gibt. Aber die bringen recht wenig, wenn von Britz über Brandenburg bis nach Sachsen kaum jemand davon profitiert oder zumindest damit in Berührung kommt. Es bringt wenig und ist fast schon gefährlich, wenn immer neuere Neuköllner*innen in gemeinwohldisorientierten Läden den neusten Schrei shoppen. Und wenn diese Leute maximal übers Wochenende - falls der DJ in der Rummelsbucht nicht ganz so cool ist - irgendeinen feuchten Landidylle-Auszeit-Film schieben, der mit der Realität vor Ort absolut nichts zu tun hat.

Reinplautzen

Zugegebenermaßen, das war ein bisschen zu doll und gemein. Kurzum, ich hatte keine Lust mehr. Ich bin verkommen. Ich wollte raus. Ich wünschte mir, dass das wenig Gute dieser Stadt – die alternativen Ideen für das Gemeinwohl, die gefeierte Vielfalt - nicht mehr großstädtische Eigenheiten blieben. Dass sie einen Diskurs mit dem vermeintlich Fremden und Entfernten suchten. Warum trauen sich denn Social Entrepeneur*innen nicht nach Niesky, Forst und Ziempel-Tauer, wenn sie doch die Welt verändern wollen? Im Strukturwandel wartet eine ganze Reihe Veränderungen, die gestaltet werden wollen. Die Annahme, diese Menschen würden nicht kommen, weil ihnen die Party und der Späti fehlen, greift zu kurz. Ich glaube, sie bleiben da, wo sie sind, weil sie nicht mehr die gleiche Sprache wie die Menschen vor Ort sprechen wollen (und können). Die junge und großstädtische Art neigt dazu, irgendwo reinzuplautzen, alles neu zu erfinden und weder vorsichtig noch neugierig zu erforschen, was eigentlich schon da ist. Einfach mal (ab)warten oder geduldig sein sind keine Großstadttugenden. Also bitte liebe Menschen, wenn ihr euch doch in die Lausitz traut: Ihr müsst das Rad nicht komplett neu erfinden. Hier sind schon viele tolle Ideen und Netzwerke, an die ihr mit eurem Wunsch nach Selbstverwirklichung ganz einfach andocken könnt.

Das Grandiose nach der Ankunft: (Fast) alle freuen sich, dass ihr da seid. An eurem Umzugstag werden euch spontan Nachbar*innen helfen, die ihr noch nie zuvor gesehen habt. Vom Bürgerbüro bis zur Hausverwaltung heißen euch alle herzlich willkommen und hegen Interesse an eurem Werdegang. Nach ein paar Wortfetzen in der Kneipe werden euch wie von selbst geliehenes Werkzeug, Hilfe beim Löcher bohren oder Jobangebote zufliegen. Und innerhalb von fünf Stunden mobilisieren sich in einer Telegramgruppe zwölf wildfremde Frauen, die sich mit euch zum AfD Frauenstammtisch trauen. Hier erlebt ihr echte Sister- und Neighbourhood! Ehrlich, ich bin total begeistert!

(Fehl-) Elan

Nunja, jetzt bin ich hier gelandet. Wut statt Begeisterung auf dem Klo, mit Galgen, Strick und lustigem Spruch an der Wand. In einer fremden Stadt als außerirdische Großstädterin mit dem offensichtlich falschen Humor auf dem lokalen Frauenstammtisch der AfD. Zehn Tage nach meinem Umzug verstehe ich, was dieser Stadt nach der Bürgermeister*innenwahl blühen könnte. Zehn Tage nach meinem Umzug wird mir erst wirklich bewusst, dass das Gefühl, Teil einer lokalen Minderheit zu sein, mich nicht nur im Engagement bestärkt, sondern mir auch wirklich Angst macht. Dass die verschwommenen Randerscheinungen meines Fischauges ganz plötzlich zentral und real werden. Und dass das Einzige was ich als zugezogenes Alien leisten kann, eine neugierige und langsame Erforschung ist. Und dabei stolpere ich über meinen eigenen (Fehl)Elan, über Argumente und Rückschlüsse, die überhaupt keinen Sinn ergeben, über Wut und Verdruss, über Sympathien für die falschen Frauen. Ich atme tief durch und ziehe am Strick. Er gehört nicht zur Klospülung. Ich führe mir vor Augen, weswegen ich hierhergekommen bin. Ich bin keine Maria, ich bringe keine Wahrheit, ich stürze mich in die Kontroverse und in tausend Widersprüche. Sie sind die einzigen Triebfedern für Veränderung und haben mich hierhergezogen. Mal sehen, wie lange ich im Vergleich zu all den anderen geduldigen Lausitzerinnen aushalte. Ich schlage die Tür auf und sehe sie vor mir. An einem Tisch, eindringlich, gestikulierend, augenverdrehend und mit der zarten Hoffnung, dass all das Aufeinanderprallen irgendetwas bringt. Ich setze mich hin und höre zu.

Lisa W...

... hat ihre Arbeit, ihren Partner und ihre Freund*innen in Berlin gelassen, um der Großstadt endgültig den Rücken zu kehren und in Görlitz "Management sozialen Wandels" zu studieren. Im Lausitzdrama in drei Akten berichtet sie über ihr Ankommen, Bleiben und Gehen. Zu finden auf Instagram unter helga_wolke

 

Anne Isensee...

... ist Animatorin und Regisseurin für Animations-Kurzfilme und Musik Videos aus Berlin. Sie studierte Animation an der Filmuniversität Babelsberg und der École nationale supérieure des arts décoratifs Paris. Seit 2020 studiert sie als Fulbright-Stipendiantin an der School of Visual Arts New York im Master Computer Arts. Ihre Kurzfilme "Megatrick", "Ich Will" und "1 Flasche Wein" werden auf Internationalen Festivals gezeigt.

https://www.anneisensee.com/ | https://vimeo.com/user41831769

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