MARION PRANGE. EIN PORTRAIT.

Marion Prange arbeitete im Kraftwerk Hagenwerder, bevor sie ein Reisebüro eröffnete und schließlich Bürgermeisterin von Ostritz wurde. Sie hat den Wandel der Stadt erlebt und mitgestaltet. Ein Portrait.

Drei Wochen lang hat sie den Besuch von Bundespräsident Steinmeier vorbereitet. So eine schöne kleine Stadt, soll er gesagt haben. Jetzt, zum Ostritzer Friedensfest, schüttelt sie Ministerpräsident Kretschmer die Hand, der im Festzelt sagen wird, wie wichtig es sei, die Demokratie zu verteidigen. Wie wichtig es sei, vor Ort zu wirken, mit den Menschen, für die Menschen, bei den Menschen. All diese großen Worte: Werte, Recht, Staat, Demokratie, Gesellschaft, Gemeinschaft. Marion Prange klatscht und tritt nach Kretschmer ans Mikrofon. Näher dran als sie ist niemand. Sie wird angerufen, wenn der Strom ausfällt, wenn der Winterdienst nicht kommt. Sie ist da, wenn die Neiße über die Ufer tritt, wieder und wieder.  Wenn Neonazis kommen, wieder und wieder. Sie muss sich auf der Straße  für Merkels Flüchtlingspolitik rechtfertigen und für Kretschmers marodes Straßen- und Mobilfunknetz. Neuerdings interessiert sich die große Politik für sie und ihre Stadt. Auf einmal ist sie Vorreiterin im Kampf gegen Rechts und den Rechtsruck. Marion Prange hat eigentlich genug zu tun, auch so.

 

 Der richtige Zeitpunkt

Tauentzienstraße 25. Marion Prange nennt die Straße zwei Mal, daran erinnert sie sich. Sie sagt, diesen Namen werde sie nie vergessen. Tauentzienstraße 25 in Berlin. 1990. Sie hat sich für 400 Mark einen gebrauchten Trabi gekauft, Trabi-Kombi, gerade noch den Führerschein gemacht und fährt nach Berlin. Dort, in der Deutschlandzentrale der Neckermann Reisen, möchte sie vorschlagen und anmelden, in Ostritz, in ihrer Heimatstadt, ein Reisebüro zu eröffnen. In unmittelbarer Nähe des Marktplatzes, Gerhard-Hauptmann-Straße. Da waren die Grenzen kaum offen, die Reisefreiheit noch gar nicht richtig realisiert. Aber der Moment war eben da. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sie in Hagenwerder gearbeitet, im Kraftwerk des Braunkohletagebaus, des BKW, wie es hieß.

Marion Prange war in der Materialwirtschaft des Betriebes dafür zuständig, dass jede im Gebäude und in der Farbik verwendete Schraube, jeder Dübel, jede Glühbirne ordentlich nummeriert und betitelt aufgelistet wurde. Einer dieser Berufe, den heute Computer übernehmen, Rechenmaschinen, Datensätze. Eben einer dieser Berufe, den es heute einfach nicht mehr gibt. Und aufsteigen ging nicht. Dafür hätte sie politischer sein müssen. Engagierter in der Partei. Überhaupt in der Partei.

Die Wende kam für sie zum richtigen Zeitpunkt, sagt sie. Sie stand am Anfang ihres Berufslebens und hätte in Hagenwerder trotzdem nichts mehr werden können. 1990 war auf einmal alles möglich. Das erste Mal überhaupt. Sie hätte in den Westen ziehen können, „an die Mosel“, zusammen mit ihrem Mann, den sie in den 80er Jahren in Leuba kennengelernt hat. Aber beide bleiben und kündigen ihre Stellen im BKW. Sie fahren nach Berlin in die Tauentzienstraße für Marion Pranges Reisebüro und bauen 1994 am Ortsrand von Ostritz ein Einfamilienhaus.

Pressetermin während des zweiten Ostritzer Friedensfestes am 3. November 2018. Photo: Regine Thiering

Bürgermeisterin mit Aufwandsentschädigung

Wenn sie von ihrem Reisebüro erzählt, dann am liebsten über diese lange Menschenschlange vor der Tür. Darüber, dass sie den Menschen schöne Tage verkaufen konnte, wie sie es sagt. Das war damals ein richtiges Ereignis, als die neuen Neckermann- und Busreisekataloge erschienen sind. Marion Prange berichtet über ihren ersten Computer und über den Marktplatz von Ostritz. 20 Jahre lang hat sie ihn beobachtet, zunächst fünf Jahre von der Gerhart-Hauptmann-Straße aus, dann zog sie direkt auf den Untermarkt. Durch die Fensterscheibe ihres Büros hat sie die anderen Läden schließen sehen. Die Sparkasse ist geblieben, eine Bäckerei, eine Fleischerei. Wo das Lederwerk stand, ist heute eine Wiese, die Lederwerkwiese. Von den großen Weberei- und Spinnereibetrieben zeugt nur noch die nach ihnen benannte Fabrikstraße. Namen und Hüllen. Die Plattenbauten an der Bundesstraße Richtung Görlitz, einst schnell hochgezogen, um den Arbeitern und Arbeiterinnen Wohnungen zu bieten, werden mittlerweile von der Stadt zurückgebaut. Der Bund fördert das sogar.

2008 wird Marion Prange gefragt, ob sie Bürgermeisterin werden möchte. Sie war bis dahin in der Stadt aktiv, hatte sich in Initiativen und Vereinen engagiert. Ihr ältester Sohn war gerade ausgezogen, Hausbau und Neuanfang nach der Wende lagen mittlerweile ein paar Jahre zurück. Marion Prange ließ sich Zeit, dann sagte sie zu. Ja, sie möchte als Bürgermeisterin kandidieren. Und das Reisebüro noch nebenbei betreiben.

War das eine naive Entscheidung, die Kandidatur? Es mache ihr ja Spaß, sagt sie. Und irgendwie sei es an der Zeit gewesen. Und das Reisebüro? Das hat sie, wenig später, an ihre Nachfolgerin übergeben. Was sie damals schon wusste: Der Stadtrat entscheidet, dass der Ostritzer Bürgermeister, jetzt die Bürgermeisterin, nur noch ehrenamtlich die Geschäfte leiten soll. Für Ostritz ist das ein Novum und für eine Stadt mit eigener Verwaltung in Deutschland einmalig. Marion Prange hat also den gleichen Status wie ein Kamerad der freiwilligen Feuerwehr oder eine Geflügelzüchterin im Verein. Die Höhe ihrer Aufwandsentschädigung ist für Alle im Internet sichtbar.

Im Gespräch während des Ostritzer Friedensfestes. Photo: Regine Thiering

Die Momente zwischen den Krisen

Ihre ersten Amtshandlungen: sich orientieren, nachfragen, auch mal anecken. Auf ihrem Schreibtisch im Büro liegt eine Postkarte mit dem Spruch „Ich bin nicht kompliziert, sondern eine Herausforderung!“ 2008 will sie wissen, was im Falle eines Hochwassers passiert und passieren muss. Zwei Jahre später wird sich das, Intuition oder Gespür möchte sie es nicht nennen, als entscheidende Vorbereitung herausstellen. Als wichtigste Übung, als Stresstest sozusagen. Sie möchte erfahren, warum das stadteigene Biomassewerk rote Zahlen schreibt. Altlasten ihres Vorgängers. Sie prüft, rechnet, lädt Experten ein. Am Ende muss sie den Bürgerinnen und Bürgern, ihren Bürgerinnen und Bürgern, mitteilen, dass der Strompreis steigen wird. Unbequemer und unpopulärer kann man gar nicht starten.

Dann der August 2010. Zunächst sieht es so aus, als würde der Regen bald aufhören. Als könnten die Dämme halten, als wären sie hoch genug. Marion Prange beginnt damit, die Bürger und Bürgerinnen zu informieren. Sie gründet einen Krisenstab, telefoniert hin und her, steht auf der Straße, prüft Pegelstände. Der Regen hört nicht auf. Sie muss den Anwohnern sagen, dass sie ihre Häuser verlassen und alles zurücklassen müssen. Natürlich wird sie angeschrien, natürlich muss sie sich vorwerfen lassen, inkompetent zu sein. Das Wasser steigt stündlich, mittlerweile hat es die Höhe der Dammwände überschritten. Der Katastrophenalarm wird ausgerufen. Das Kloster säuft ab und auf einmal heißt es, dass die Nonnen es nicht verlassen möchten. Hubschrauber kreisen über der Stadt. Der Strom ist ausgefallen. In absoluter Dunkelheit, das Wasser rauscht, bricht sich an den Häuserwänden, werden Menschen in letzter Sekunde evakuiert. Sie wisse nicht, wie sie das damals geschafft habe, sagt Marion Prange. Wie sie tagelang wach sein konnte, ohne Spur von Müdigkeit. Das Adrenalin, sagt sie. Die Automatismen. Alles lief wie in einem Film ab. Und immer die Angst, versagen zu können. Jemanden nicht zu retten. Dass in diesen Tagen niemand ertrunken ist, sei ein Wunder. Sie erinnert sich an den Moment, als ein Mann sich mit letzter Kraft an einem Geländer festhalten konnte.

Parallel zu den Aufräumarbeiten diskutiert Marion Prange mit Landespolitikern und Landespolitikerinnen. Ministerpräsident Tillich verspricht lediglich Hilfe in Form von einmaligen Soforthilfen und Krediten, in enger Zusammenarbeit mit den Versicherungen. Dabei hatten diese schon nach dem Elbehochwasser 2002 viele der Versicherten fallen gelassen. Die Bürgerinnen und Bürger fühlen sich allein. Marion Prange kann in der Stadt lediglich spezielle Förderzonen ausweisen und erweitern, damit Sanierungsgelder nicht nur in die Altstadt sondern jetzt auch in die betroffenen Teile an der Neiße fließen können. Gegen den Vorwurf, Geld würde nur das Kloster erreichen, weiß sie sich zu wehren.

Aber nachdem 2013 das nächste Hochwasser kommt und die durchgemachten Nächte, die Angst zu versagen und die Anfeindungen sich wiederholen, fällt sie in sich zusammen. Wegen eines Burnouts wird sie eine Kur machen und sich überlegen, noch einmal als Bürgermeisterin zu kandidieren. Im Internet werden Gerüchte über sie verbreitet und sogar in Briefkästen verteilt. Manchmal wurde sie von einer Freundin angerufen, die sagte: „Das geht zu weit. Das darfst du dir doch nicht bieten lassen! Das ist die Sache nicht mehr wert!“ Marion Prange nennt es heute eine Schmierenkampagne.

Warum hat sie sich nochmal entschieden, Bürgermeisterin zu sein? Wieder habe sie lange überlegt, sagt sie. Entscheidend seien die Momente zwischen den Krisen, zwischen den Ausnahmesituationen. Das Gefühl, dass es ja irgendwie voran geht, dass ja etwas passiert, dass es besser wird. Dann sind da ihre Mitarbeiterinnen im Rathaus. Der Stadtrat, der hinter ihr steht, meistens. Mit 882 von 1.281 gültigen Stimmen wird Marion Prange 2015 erneut zur ehrenamtlichen Bürgermeisterin von Ostritz gewählt.

Steht man vor dem Rathaus in Ostritz, ist Marion Pranges Büro oben links neben dem Balkon. Am Tisch sitzt der Chef der sächsischen Polizei. Ostritzer Friedensfest. Bis zu diesem Moment war noch nicht klar, ob man den Neonazis auf ihrem Festival den Alkohol verbieten dürfe. Wieder so eine Ausnahmesituation. Im Winter 2017 hat sie erfahren, dass auf dem Gelände des Hotels „Neißeblick“ ein Rechtsrockfestival stattfinden soll. Sie hat ihre Bürgerinnen und Bürger informiert und sich selbst beraten lassen. Die Frage „Warum denn Ostritz?“ konnte sie aber weder den Anwohnern noch sich selbst so richtig beantworten. Jetzt, im November, die zweite Anmeldung. Aber auch das zweite Friedensfest, die zweite Gegendemonstration. Bundesweite Presseaufmerksamkeit. Steinmeier, Kretschmer. Sie sei keine Juristin, sagt Marion Prange, von Versammlungs- und Veranstaltungsrecht wisse sie nicht viel. Sie sei auch keine Expertin bei Hochwasserfragen. Ist sie vielleicht der Inbegriff einer Krisenmanagerin? Sie überlegt und lacht kurz auf. Dann dreht sie sich um und schüttelt dem Staatssekretär des Innenministeriums die Hand.

Lukas Rietzschel lebt und arbeitet in Görlitz. Er ist Autor des Romans Mit der Faust in die Welt schlagen.

INTERCLUB FEMINA IM PORTRÄT

Das Büro des Interclubs Femina ist im betriebsamen Stadtzentrum von Zgorzelec gut erreichbar. Der Altbau, der an das wilhelminische Bürgertum erinnert, hat seinen Charme noch nicht verloren, obwohl die Fassade und das Treppenhaus sanierungsbedürftig sind und den großzügigen Räumlichkeiten durch Aufteilung ihr ursprünglicher Charakter etwas abhanden gekommen ist. Zahlreiche Vereine, Beratungsstellen und Parteibüros sind in diesem Haus zu finden. Das Büro von Femina, wie alle den Verein kurz nennen, befindet sich im ersten Stock.

Erste Schritte über die Grenze: Kaffee und Kuchen im Dom Kultur

Im Dezember 1992 fand Hanna Ilnicka, heute Vorsitzende des Vereins, eine Weihnachtskarte in ihrem Briefkasten. Sie kam vom Demokratischen Frauenbund zu Görlitz, zusammen mit einer Einladung zur Zusammenarbeit. Frau Ilnicka sprach kein Wort Deutsch und es gab keinen vergleichbaren Verein vor Ort. Ein neuer bürgerlicher Geist war damals durch die Dynamik der politischen Wende aufgekommen und brachte neue Aufgaben und Erwartungen mit sich. Hanna Ilnicka lud die Vertreterinnen des Frauenbundes ins Dom Kultury , die ehemalige Oberlausitzische Gedenkhalle, zum Kaffee ein. Sechs Frauen von beiden Seiten der Neiße setzten sich zusammen: zwei Damen aus Zgorzelec mit einer Dolmetscherin und drei Görlitzerinnen. Der Gegenbesuch fand im März am Internationalen Frauentag statt. So kam es zu regelmäßigen Kontakten, zwei Mal im Monat, abwechselnd auf der deutschen und auf der polnischen Seite. Die Frauen waren neugierig aufeinander, die Gesprächsthemen lebensnah. In entspannter Atmosphäre, am Anfang immer mit Hilfe einer Dolmetscherin, kam es langsam zum Austausch und zur Anregung gemeinsamer Aktivitäten. Deutsch-polnische Sprachanimationen waren von Anfang an gewollt und sind zu einem festen Programmpunkt geworden. Die Begegnungen fanden in Zgorzelec im Dom Kultury statt, später wurde der Frauengruppe ein Gemeinschaftsraum im hiesigen Klinikum zugänglich gemacht. Während Mitglieder des Görlitzer Frauenbundes ihren festen Sitz hatten, blieb die polnische Gruppe informell und ohne eigene Adresse.

Logo des Interclub Femina (Photo: www.interclubfemina.pl)

Seit über 20 Jahren aktiv für Frauen in der Region

1998 wurde der Interclub Femina ins Leben gerufen, 2018 feierte er sein zwanzigstes Jubiläum. „Wir hatten nicht den Anspruch eine rein weibliche Organisation zu etablieren“, erinnert sich Hanna Ilnicka. Der Interclub wurde eher aus dem Moment heraus ins Leben gerufen. Die Begegnungen der vorangegangenen Jahre hatten den Alltag der Frauen bereichert. Persönliche Kontakte waren entstanden und viele der Frauen, die in dieser Zeit den Austausch suchten, politisierten sich und begannen, sich für grenzüberschreitende gesellschaftliche Fragen zu interessieren. Nach der Vereinsgründung arbeiteten sie an den ersten Konzepten, darunter auch an deutsch-polnischen Projekten. Bis heute gibt es Kontakte über die Neiße hinweg zu so aktiven Vereinen wie dem Demokratischen Frauenbund, dem GÜSA e.V., dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, dem Meetingpoint Music Messiaen und dem KoLABORacja e.V. Was haben die Frauen beiderseits der Neiße von diesen Verbindungen? Ein Gefühl der Gemeinschaft, gegenseitiges Vertrauen und Unterstützung – und eine Menge Spaß. Sie sind Berufstätige und Rentnerinnen, einige Mitglieder sind seit 26 Jahre dabei. Bei den älteren, verwitweten Frauen hat die Vereinsmitgliedschaft im Laufe der Zeit eine tiefe freundschaftliche Dimension bekommen: Sie treffen sich sowohl auf Geburtstagen als auch auf Beerdigungen.

Frauen aktivieren und beraten

Heute zählt der Interclub Femina 37 Mitglieder und dient als Plattform für den Informations- und Erfahrungsaustausch zum bürgerschaftlichen Engagement und die Frauenarbeit auf regionaler Ebene. Neben der Förderung und Pflege des interkulturellen Austauschs gibt es viele weitere Angebote, die sich sich eng an der Lebenswelt der Frauen orientieren. Der Mehrwert jeglicher Veranstaltungen von Handarbeitsabenden bis Bundestagsexkursionen liegt dabei immer in den verbesserten Beziehungen und dem wachsenden gegenseitigen Vertrauen.

Zum Ziel des Vereins gehört die gesellschaftliche und berufliche Aktivierung von Frauen. Mit Ideen des Dialogs, der Beihilfe und Zusammenarbeit will er breitere Kreise ansprechen. In seinem Büro unterhält der Interclub Femina eine Filiale des Niederschlesischen Beratungspunktes für NGOs (Nichtregierungsorganisationen) und individuelle Personen, die an Zusammenarbeit interessiert sind. Allein im Landkreis Zgorzelec sind 400 Vereine und NGOs registriert. Der Interclub bietet juristische Unterstützung, meistens bei Vereinsgründungen und -auflösungen sowie Buchführung und Beschaffung von finanziellen Mitteln. Im Rahmen der Vereinsaktivitäten werden verschiedene Formen des bürgerlichen Engagements ausgeübt. Aktuell startet zur Förderung des Ehrenamtes im städtischen Raum das Projekt „Mütter-Töchter“ in Kooperation mit einem Kindergarten in Zgorzelec.

Die Frauen des Interclub Femina bei einer Preisverleihung. In der Mitte Hanna Ilnicka. (Photo: H.Ilnicka)

Kooperation als Gegenmodell

Das Engagement im dritten Sektor ist nach Auffassung von Hanna Ilnicka eine politische Aktivität, weil durch Tätigkeit der NGOs im öffentlichen Raum die Lokalpolitik mitgestaltet wird. Als Sozialarbeiterin hat Frau Ilnicka im Kreis Zgorzelec jahrelang für unterschiedliche Milieus und Familienkonstellationen gearbeitet und nach Lösungen für deren akute Probleme gesucht. Nach ihren Beobachtungen sind die beruflichen Entwicklungschancen, die Einsatzbereitschaft und der Unternehmungsgeist der Frauen östlich der Neiße von ihrem gesellschaftlichen Umfeld stark geprägt. Die Hindernisse, auf die Frauen auf dem beruflichen Weg und im bürgerschaftlichen Engagement stoßen, sind altbekannt: Die Rollenzuteilung innerhalb der Familie und die Aufgabenverteilung im Haushalt. Je nach der Stellung der Frauen in ihrem Umfeld, finden sie Zeit und Raum für die Erfüllung dieser traditionellen Rollenerwartungen oder für deren Veränderung. Besondere Einschränkungen und Herausforderungen sind in der Realität im ländlichen Raum vorhanden. Vor dem Systemwechsel 1989 wollten Frauen beides haben, Job und Familie. Danach wurde es wegen der knapperen Arbeitsplätze für die Frauen nicht leichter und die traditionellen Rollen im Alltag waren wieder präsenter. In Mehrgenerationshäusern, dank Unterstützung von Familienmitgliedern bei Ausbildung, Kinderbetreuung und Haushalt konnten manche dennoch ihre beruflichen Ziele erreichen. In den letzten 30 Jahren veränderten sich die klassischen Geschlechterrollen in Polen, wie auch in anderen Ländern. Frauen sind aktiv beteiligt in Sphären, wo sie bisher selten anwesend waren. Ganz nüchtern betrachtet ist der Zugang zu bestimmten Gütern der Zivilisation wie guten Waschmaschinen oder Geschirrspülern leichter geworden, Jobperspektiven und Staatsgrenzen sind offen. Dafür konkurrieren Frauen heute beruflich und politisch stärker miteinander, statt gemeinsam zu wirken. Die Erfahrungen der Mitglieder des Interclubs Femina zeigen jedoch, dass durch Kooperation oft mehr erreichbar ist.

HERWIGSDORFER UNIKATE IN GOLD

Rosenbach, eine kleine Gemeinde an der B6, zwischen Löbauer Berg und Rotstein. Einer der vier Ortsteile ist Herwigsdorf. Dort gibt es, neben einer tausendjährigen Eiche und einer Kirche mit barockem Türmchen auf dem schlichten Dach, auch dies: Ein Hausprojekt. Zugezogene, Zurückgekehrte, junge Familien. Die Tür geht auf, Anika winkt mich rein. Sie ist einer dieser Menschen, die viel Energie, Tatkraft und Freude ausstrahlen. Auch abstrahlen – wenn man mit ihr zusammen ist, werden die Gesten unwillkürlich größer, das Gespräch lebhafter, das Lachen lauter. Anika ist Anousch – Goldschmiedin und Unternehmerin mit eigenen Schmuckkreationen. Sie nimmt mich mit in die Welt, die sie und ihre Familie sich hier gemeinsam mit anderen geschaffen haben.

Hier in Herwigsdorf lebt sie mit ihrem Partner und zwei Kinder, hier hat sie ihre Goldschmiedewerkstatt. Gelernt hat die gebürtige Thüringerin das Handwerk in Arnstadt. Sie hat in Leipzig gelebt, lange auch in Berlin. Warum jetzt die Oberlausitz, warum Herwigsdorf? „Das war mehr oder weniger Zufall“, erzählt sie, „ich war schwanger und eine Etage in einem Hausprojekt war frei. Die Miete in Berlin war sauteuer und in der Oberlausitz kannten wir einige Leute. Mit der Besichtigung der Räumlichkeiten ist meinem Freund und mir dann klar geworden, was man hier noch alles auf die Beine stellen kann, was platzmäßig hier einfach geht und was in Berlin undenkbar in den nächsten Jahrzehnten ist.“ Die leeren Räume ließen die Ideen sprießen: Von Holz- und Goldschmiedewerkstatt bis zur Ferienwohnung, Goldschmiedeworkshops, Sauna, Proberäume, ein eigener Garten – vieles war denkbar. Aber was davon hat sich, nach acht Jahren in dem kleinen Ort, auch als machbar erwiesen?

Bei der Arbeit II: Feilen an der Werkbank in Rosenbach (Photo A. Bomm) 

Vor allem ihre Werkstatt hat sich als Dreh- und Angelpunkt fürs Arbeiten und Wohnen etabliert, hier werden nicht nur Edelmetalle, sondern auch Pläne geschmiedet. Hier hat vieles seinen Anfang. Sie beschreibt sie so: „Es ist ein geschlossener Raum, der eine Tür hat, die auch zu geht. Das ist mir wichtig, denn vorher, in der Mietwohnung, hatte ich meine ‚Werkstatt‘ im Wohnzimmer und das war auf Dauer keine Lösung.“ Wirklich zu ist die Tür dann aber doch nur selten, da sich in diesem Raum eigentlich alles mischt. „Meine Hobbys, mein Beruf – eigentlich ein Raum, in dem ich mich kreativ ausleben kann und der unordentlich sein und bleiben darf.“

Im Gespräch kehrt sie immer wieder zu diesem Ort zurück, der ihr Rückzug und Ausgangspunkt ist, das Herzstück ihrer schöpferischen Tätigkeit. Hier recherchiert und probiert sie Techniken wie Linolschnitt, Tape Art und Aquarellmalerei. Hier entwirft und fertigt sie Schmuckunikate aus Silber und Kupfer. Sie fasst Edelsteine, entwickelte aber auch die Idee, Microchips und Fragmente von Leiterplatten zu verarbeiten. Und noch etwas kommt immer wieder zur Sprache, wenn sie über kreative Prozesse nachdenkt: Musik. In den arbeitsreichen Abenden und Nächten der Vorweihnachtszeit, wenn sie, wie sie sagt, im Technotakt den Schmiedehammer schwingt oder sich in Hörspiele vertieft – dann ist Musik der schnellste Weg zu innerer Ruhe, Konzentration und ein willkommener Ausgleich zum Arbeits- und Familienalltag. Es geht aber auch anders: draußen, laut, mit vielen zusammen, auf Konzerten und Festivals. Musik als Möglichkeit, Kraft zu tanken und mit Leuten in Kontakt zu kommen, die nichts mit Beruf und Karriere zu tun haben.

Gemeinsame Erlebnisse sind auf dem Land wichtiger geworden. In Berlin war es ihr oft zu viel, ständig unter Menschen zu sein. „Das kann schon das Gemüt beeinflussen, wenn man in Friedrichshain vor die Tür geht und mal eben inmitten hunderter Zuschauer ist“. Gerade als Mutter schätzt sie die Zurückgezogenheit hier. Der Druck, sich ständig mit anderen Müttern vergleichen (lassen) zu müssen, ist geringer. Die Kinder können sich freier bewegen, sind im Garten unterwegs und haben kurze Wege zu Schule und Kita. „Ich muss nicht mehr auf irgendeinem „Spieli“ rumhängen und mich langweilen“ freut sich Anika. Bevor unser Gespräch sich vollends zu einem Lobgesang aufs Landleben entwickelt, setzt sie den beschaulichen Gedanken aber ein vorläufiges Ende. Ganz so einfach sei es schließlich auch nicht. Die ersten drei Jahre waren, „sehr sehr anstrengend und überhaupt nicht idyllisch. Von wegen weniger Miete zahlen, weniger arbeiten, mehr Zeit für die Kinder! Das hat echt gedauert, bis wir hier genug Geld verdient haben.“ So einfach, wie es manchmal dargestellt würde, sei das mit dem Zurückkommen oder Freiräume nutzen nicht. Sie kennt viele, die zum Arbeiten in andere Bundesländer pendeln, erzählt sie. Dort verdienen sie mehr und finanzieren so ihr Landleben „in der Heimat“.

Arbeitsplatz in Herwigsdorf (Photo A.Bomm)

Der finanzielle Druck ist in der Provinz also nicht unbedingt geringer geworden. Echte Nachteile gegenüber der Stadt sind aber, überlegt Anika, die fehlenden Kulturangebote und die weiten Wege. Abends mal in die Kneipe, ins Kino, zu einer Freundin, ohne fahren oder gleich dort übernachten zu müssen. Öfter mal raus aus dem Dorf, das muss gehen, dafür nimmt sie auch weitere Wege in Kauf. Privat ist sie häufig in Görlitz, Freund:innen besuchen, im Fitnessstudio den Kopf frei machen. Mit ihrem Schmuck fährt Anousch ganzjährig auf Märkte – viel im Landkreis, aber auch mal bis Leipzig. Unterwegssein ist ein wichtiger Teil ihrer schöpferischen Arbeit. Auf den Märkten hat sie Gelegenheit, sich mit alten Kolleginnen auszutauschen, neue kennen zu lernen, sich und ihre Arbeit im Gespräch mit Kunden zu reflektieren, viel Neues aufzusaugen. Diese Begegnungen formen und schärfen den eigenen Stil immer weiter. Zurück in Herwigsdorf fließen ihre Beobachtungen dann in die neue Kollektion ein oder helfen, spezielle Wünsche umzusetzen.

Die Präsenz auf vielen Handwerkermärkten hat ihr eine weitläufige, vielfältige Kundschaft eingebracht, die ihre Entwürfe schätzt und gezielt mit Wünschen auf sie zukommt. An unzähligen Ringfingern stecken Eheringe aus ihrer Schmiede. Als Anika stolz berichtet, dass sie mittlerweile auch aus der direkten Nachbarschaft einige Aufträge erhalten habe, wird aber etwas anderes deutlich. Dass neben der Anerkennung durch ein breiteres, an Goldschmiedekunst interessiertes Publikum auch dies so wichtig ist: In der unmittelbaren Nachbarschaft gesehen und anerkannt zu werden. Die Dorfgemeinschaft als Echokammer des eigenen Tuns – Komplimente stilsicherer Leipziger:innen sind schön, Resonanz aus Herwigsdorf noch ein bisschen schöner. Das schwingt mit, wenn sie von den Theateraufführungen und kleinen Konzerten erzählt, die die Hausbewohner:innen im Sommer im eigenen Garten organisieren: „Es gibt schon ein paar Leute, die sicherlich nicht so richtig verstehen, wie wir so leben mit den ganzen Leuten im Haus. Aber wir machen sommerliche Veranstaltungen, wo sich die eine oder der andere Herwigsdorfer zu uns gesellt und einfach fragt, wie wir so wohnen. Das ist schön und die meisten Leute sind wirklich nett und aufgeschlossen.“

Mittlerweile nimmt auch ein anderer Plan langsam Gestalt an. Bisher hat sie Goldschmiedeworkshops nur im Freundes- und Bekanntenkreis angeboten. Das hat allen Beteiligten viel Spaß gemacht, so dass sie das Angebot sicher zum festen Teil ihres Arbeitsjahres machen wird.

Was ihr Leben zwischen Märkten, Werkstadt, Stadt und Land noch ein bisschen einfacher machen würde? Oder besser? Sie lacht und träumt von einem Kultur-Shuttlebus, der zwischen den Oberlausitzer Städten unterwegs ist und sie nachts auch mal wieder nach Herwigsdorf bringt. „Eine echte Erleichterung wäre aber kostenlose Kita- und Hortbetreuung. Arbeiten, um sich die Kinderbetreuung leisten zu können ist nämlich genauso sinnfrei, wie die Kinder in die Kita zu stecken, damit man arbeiten darf.“

Mehr zu den einzelnen Schmuckstücken von Anika gibts hier.

Claudia Ehrig lebt seit einigen Jahren mit ihrer Familie in Görlitz.

FEMINISTISCHES*FORUM. EIN PORTRAIT.

„Als ich nach Görlitz gezogen bin, wollte ich mich hier einer feministischen Gruppe anschließen. Es gab keine – also habe ich sie gegründet.“  – Rana

„Na, trefft ihr euch wieder zum Sekt trinken?“ „Zeigt ihr euch heute wieder gegenseitig eure Vulven?“ „Ist heute wieder feministischer Kampftreff?“

Diese oder ähnliche Fragen hat wohl jede Teilnehmerin* des Feministischen*forums von Menschen in ihrem Umfeld bereits gestellt bekommen. Es ist interessant zu beobachten, welche Vorurteile im Raum stehen, wenn Frauen* entscheiden, sich regelmäßig in einem exklusiven Raum zu treffen.

Allein die Tatsache, dass Frauen* sich in einem nicht für alle transparenten Rahmen zusammenschließen, scheint Argwohn und Zweifel hervorzurufen. Warum? Vielleicht, weil spürbar ist, dass Frauen*, die sich zusammen schließen eine Kraft entfalten, die gesellschaftlichen Wandel beschleunigen kann?

Mit diesem Beitrag möchten wir als Feministisches*forum unsere Arbeit vorstellen und zeigen, welchen Mehrwert für alle ein solches Format haben kann. Wie fing es an?

Vor etwa zwei Jahren lud uns Rana zu einer ersten Ideenschmiede in ihr Wohnzimmer ein. Es gab Snacks, Tee und Wein. Wir waren eine Runde von etwa sieben Frauen*, von denen sich manche kannten, andere nicht.

Natürlich stand die Frage im Raum, was wir hier überhaupt wollen. Queer-Feminismus und verwandte Themen lagen uns am Herzen, damit wollten wir uns auseinandersetzen und gemeinsam unser Wissen und unseren Blick erweitern. Bisher gab es dazu keine Angebote in Görlitz. Könnten wir uns also vorstellen, ein feministisches Projekt zu starten?

There we are!

In unserer kleinen Runde herrschte keinesfalls Einigkeit, was den Begriff „Feminismus“ betraf, einige hatten große Identifikationsprobleme mit dem Wort. Deshalb stellten wir uns die Frage noch einmal neu:

Können wir Frauen* eine Plattform bieten, um gemeinsam etwas zu gestalten? Das klang für viele schon besser.

Von Beginn an standen uns keinerlei finanzielle Mittel zur Verfügung, wir mussten uns erst einmal mit den vorhandenen Ressourcen organisieren. Anfangs sammelten wir für uns interessante Themen und arbeiteten Diskussionsrunden, Workshops und Vorträge dazu aus. Wir wollten unser Wissen solidarisch teilen, indem Einzelne ihre angeeignete feministische Expertise durch Vorträge und Workshops an die anderen weitergaben.

Der gruppendynamische Enthusiasmus der ersten Treffen verflog schnell und potenzielle Teilnehmer*innen kamen unregelmäßig bis gar nicht. Manchmal saßen wir zu dritt, manchmal zu zweit bei unseren Treffen. Männer* als auch Frauen* reagierten mit Skepsis auf unser Angebot.

Es war spannend zu sehen, wie kritisch die Stimmen auf einmal werden, wenn Männer* auf einer einzigen Veranstaltung in Görlitz nicht erwünscht sind:

„Warum braucht es einen geschlechtshomogenen Raum, wenn Feminismus doch gesamtgesellschaftlich relevant ist? Warum schließt ihr Männer* aus, wenn ihr doch für Gleichberechtigung einsteht?“

Wir stellen uns diese Fragen auch. Auch für uns ist Feminismus keine reine Frauen*frage. Es sollte auch keine sein.

Dennoch denken wir, dass es für die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen sinnvoll sein kann, einen Schutzraum vor männlicher* Beobachtung, Bewertung und Dominanz zu bieten.

Das Feministische*forum ist deshalb offen für Frauen*, Lesben*, Trans*-, Inter*- und nicht-binäre* Menschen. Innerhalb dieses Spektrums ist jede Person genau so willkommen, wie sie ist.

Um die Vielfalt der Geschlechter-Identitäten zu kennzeichnen, benutzen wir das Gender-Sternchen*. Für einige Stunden sollen patriarchale Strukturen nicht präsent sein – so kann ein Raum zum Kennenlernen eigener Stärken und für einen wertfreien Meinungsaustausch geschaffen werden. Innerhalb dieses Raumes können die anwesenden FLINT*-Menschen Solidarität und Empowerment erfahren, sowie Stärken entwickeln, die sie dann nach außen tragen können.

Uns ist es wichtig, einen Raum zu schaffen, in welchem wir uns über feministische Inhalte austauschen und weiterbilden können, um dieses Wissen weiterzugeben und uns in unseren Standpunkten zu stärken. Uns verbindet die Erfahrung der Benachteiligung in verschiedenen Lebensbereichen, die alle kennen lernen, die von der Gesellschaft als FLINT* gelesen werden. Der Austausch darüber ermöglicht es uns, einen tieferen Zugang zu verschieden feministischen Problematiken, Inhalten und Chancen zu bekommen und uns persönlich weiterzuentwickeln. Wichtig ist es uns, damit eine Lücke in Görlitz zu füllen, für alle FLINT*, welche sich solch einen Raum wünschen.

Perspektivisch ist es jedoch auch im Sinne des Forums, ausgewählte Veranstaltungen auch für Männer* zu öffnen. Auch sie sollen von unseren Formaten inspiriert werden, denn Feminismus ist für uns alle relevant.

Klausurergebnisse

Im Laufe der Zeit etablierte sich das Feministische*forum immer mehr. Es kamen stetig neue Interessierte dazu und blieben. Mittlerweile hatte sich ein fester Kern von Frauen* gefunden, die die wöchentlichen Treffen gerne nutzen. Darüber hinaus gab es verschiedenste interessierte FLINT*, welche an von uns organisierten oder unterstützten öffentlichen Veranstaltungen teilnahmen.

Als die Anzahl der Teilnehmenden im Forum stieg, wurde uns klar, dass wir ganz unterschiedliche Erwartungen und Wünsche an diese Treffen hatten. Das am Anfang thematisch sehr offene und dynamische Konzept benötigte einen deutlicheren Leitfaden, um diese Vorstellungen zu bündeln und das Forum effizienter zu organisieren. Innerhalb eines intensiven Klausurnachmittags wurden die letzten zwei Jahre evaluiert und diskutiert.

Im Ergebnis kristallisierte sich heraus, dass zum einen für viele Teilnehmende die Treffen im privaten Rahmen ein wichtiger Aspekt des Forums sind, um einen Schutzraum für persönlichen Austausch zu haben. Zum anderen gibt es einen Teil des Forums, welcher seinen Fokus auf Veranstaltungen und Aktionen im öffentlichen Raum legt. Da sich die verschiedenen Bereiche nicht gegenseitig ausschließen, wurde beschlossen, beides innerhalb des Feministischen*forums zu vereinen. Zu den regelmäßigen Feministisches*forumstreffen kommen seitdem separate Plena, in welchen externe Aktionen wie zum Beispiel der ‘Frauen.Engagement.Raum‘ besprochen und geplant werden. Beide Teile des Forums sind jederzeit für neue Teilnehmer*innen geöffnet. Inwieweit jede Einzelne dann als Konsument*in oder auch als Produzent*in sichtbar wird, liegt dabei ganz bei der einzelnen Person. Das Feministische*forum möchte dabei eine Plattform für alle sein, die mehr wissen und vielleicht auch mehr machen wollen.

Und mittlerweile haben wir auch eine Definition für Queerfeminismus:

Als Queerfeminismus verstehen wir den aktiven Kampf gegen strukturelle Ausgrenzung von Menschen qua Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Gesundheit, Klasse, Aussehen, Religion und Glaube sowie Alter. Dabei wissen wir um die Vielfalt von Geschlechtern, die ausschließlich in der Eigendefinition zu finden ist. Heteronormativen Zuschreibungen und den damit einhergehenden Normvorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit und dem Zwang zu Heterosexualität stellen wir uns immer und überall entgegen.

Kontaktiert werden, können wir über:

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Über unsere Facebook-Seite „aus’m F:f“ erfahrt ihr von unseren Veranstaltungen

DRÜCK‘ SELBST DEN KNOPF IM FAHRSTUHL!

Weißt du, warum ich nie in meinem Leben angestellt war? Warum ich übergangslos von meinem Studium in die Selbstständigkeit gegangen bin? Weil ich schon immer, schon als Baby, mein eigenes Business haben wollte und als Kind bereits BWL-Bücher verschlungen habe!

Das ist natürlich Quatsch. Ganz ehrlich: Es war aus Versehen. Ich stand mal wieder in einem Fahrstuhl und hatte vergessen, den Knopf zu drücken. So kam ich diesmal im Keller bei der Putzfrau raus.

Warum du definitiv einen Knopf im Fahrstuhl drücken solltest

Mein damaliger Mann und ich hatten in einem Anfall geistiger Umnachtung beschlossen, ein Haus in der südbrandenburgischen Provinz zu kaufen. Das war zwar günstig und das Haus war schön alt, aber fast eine Lebensaufgabe, es zu sanieren. Damals, das war 2002. Meine Kinder waren 2 und 4 Jahre alt. Und ich wollte, dass sie groß werden, mit nackten Füßen über taufrisches Gras laufen, mit dem Fahrrad zum Kumpel um die Ecke fahren, ein Baumhaus im Apfelbaum bauen und mit den Freunden Nächte im eigenen Garten durchfeiern, wenn die Eltern nicht da sind. Und Oma und Tante in der Nähe.

Berlin, das war eigentlich meine Welt. Aufgewachsen bin ich genau in jenem Ort, an den ich dann 13 Jahre später wieder zurückgezogen bin. In Lauchhammer. Nach der Wende war ich in Stuttgart, Dresden und Berlin. Und ich hatte vergessen, wie Provinz ist. Schön naturbelassen. Aber eben auch provinziell.

2002 gab es keine Jobs. Zehn Jahre zuvor waren Hunderttausende arbeitslos geworden. Strukturwandel, Teil 1. Marode und umweltschädliche Braunkohleverstromung oder -brikettierung brauchte man nicht mehr.

Wohin mit den vielen gering qualifizierten Arbeitskräften? Straße. Arbeitsamt. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Da ging damals echt die Party ab.

Nun war ich auf einmal Teil der Party. Ich war Mutter von zwei kleinen Kindern, hatte zwei Diplome in der Tasche und hatte so richtig Bock, die Arbeitswelt mit meinem Enthusiasmus, meinen Ideen und meinem profunden Fachwissen aus BWL und Ingenieurwissenschaften zu bereichern. Studiert hatte ich neun Jahre, BWL an der TU Dresden und nach dem Abschluss, mit 23, fühlte ich mich zu jung für einen Nine-to-five-Job. Und ich wollte nach dem trockenen BWL-Zeugs mal was richtig Schönes studieren. Daher entschied ich mich für Landschaftsarchitektur. Hach! Während dieses Studiums bekam ich meine beiden Kinder und schloss das Studium 2002 mit Diplom ab.

Allerdings legte die Arbeitswelt in Form von bezahlten Jobs keinen Wert auf mich und mein tolles Fachwissen. Ich bekam nur Absagen.

Nun sei doch vernünftig – bleib doch zuhause

Daher dachte ich, es wäre schlau, zum Arbeitsamt zu gehen. Ich studierte ja gerne, vielleicht wäre eine Fortbildung drin. Zettel ziehen, Arbeitsamt-Atmosphäre genießen, warten. Drin starrte mich die Mitarbeiterin entgeistert an. Sie blätterte durch meine Unterlagen und sagte: “Weiterbildung? Können Sie vergessen. Sie sind doch jetzt schon überqualifiziert.” Ich wagte zu fragen: “Und ein Englischkurs?” Sie lehnte sich vornüber, beugte sich zu mir und legte ihre Hand auf meinen Unterarm. “Mädel. Nun sei doch vernünftig. Die Arbeitslosenquote hier liegt bei fast 40 %. Da werden die Firmen nicht gerade auf dich warten. Du hast doch einen Mann, der verdient ganz gut. Bleib zu Hause und kümmere dich um deine Kinder.” Abrupt machte ich mich groß und stand auf. “Mich von meinem Mann versorgen lassen? Kommt nicht in Frage!” Was war das denn für ein Vorschlag? Ich kam nicht drüber weg. Danach hatte ich noch weitere behördliche Mitarbeiter zu überwinden, um arbeitssuchend ohne Leistungsbezug zu werden – und ich schwankte mit letzter Kraft zur Tür hinaus.

An jenem Tag, im April 2003 beschloss ich: „Da gehst du nie wieder hin. Nie wieder!!!“ Höchstens in die Nachbartür. Da stand Arbeitgeberservice dran. Die Jungs hier werden mich als Arbeitgeber noch schätzen! Ich wusste nicht wie. Ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung, was es heißt, selbstständig zu sein.

Aber ich ging los. Aus Trotz. Und mit einem Bild vor Augen. Arbeitgeberin zu werden. Selber Arbeitsplätze zu schaffen.

Das Einizige, was ich wirklich konnte, war schreiben

Während ich so aus dem Arbeitsamt raus spazierte und gedankenverloren weiterging, stand ich auf einmal vor einem Gebäude. Da stand in blauen Buchstaben: „Lausitzer Rundschau“. Ich überlegte. Das Einzige, was ich wirklich konnte, war schreiben. Ich beschloss, Journalistin zu sein.

In einem weiteren Anfall von Verzweiflung und Übermut, wählte ich die Nummer des Redaktionschefs der Zeitung. Die Sekretärin war eine Seele von Mensch und stellte mich durch. Ich sagte forsch: „Guten Tag, ich kann gut schreiben. Was muss ich tun, um für Sie arbeiten zu können?“ Gegenfrage: „Was können Sie denn bieten? Haben Sie einen Text für uns…?“ Äh… Blitzschnell fiel mir ein, dass es bestimmt interessant wäre, wenn es mir gelänge, einen sehr publikumsscheuen Unternehmer am Ort zu interviewen. Und sprach: „Ich kenne Herrn M., Geschäftsführer von XY ganz gut. Wie wäre es mit einem Vorstellungstext?“ Stille. Und dann: „Oh. Wenn Sie den kennen …?  Na, dann los!“ Das Interesse am anderen Ende konnte ich förmlich spüren. Wir einigten uns darauf, dass ich bis Freitag diesen Text an die Redaktion senden sollte. Ich legte auf. Und ich wusste, dass es an eine Unmöglichkeit grenzte, einen Mann, der als extrem pressescheu galt, bis zum drauf folgenden Tag zu interviewen. Einen Termin zu bekommen, einen Text zu verfassen als Neuling – und dann noch beim Chefredakteur durchzukommen.

Was ziehen Journalisten überhaupt an?

Aber es nutzte ja nix. Ich hatte ja nun mal zugesagt. Also drehte ich das Telefon in meinen Händen. Mehrfach. Dann fasste ich mir ein Herz und rief die Sekretärin von besagtem Unternehmer an. „Es geht um Leben und Tod. Ich brauche heute Nachmittag einen Termin mit Herrn M.“. „Okeeeee. Moment!“ Ich bekam den Termin. Schnell ins Bad, ordentliche Sachen anziehen. Oh, was ziehen Journalisten eigentlich an? Und was zu Schreiben mitnehmen. Da kann ich wohl nicht mit meinem ausgenudelten Schreibblock vom Studium hin wackeln… Also ein altes Buch rausgekramt, die ersten Seiten rausgerissen, in denen mein Sohn gemalt hatte. Und los.

Der Unternehmer übrigens, er war einer von der Sorte, die, egal auf welche Frage mit Ja oder Nein und langem Schweigen antworten, nahm sich tatsächlich eine halbe Stunde Zeit. Ich schmierte ihm auf die Stulle, dass sein Porträt dem Ober-Ober-Ober-Chef der Rundschau persönlich sehr am Herzen läge.

Entweder, ich konnte gut überzeugen, oder der Mann hat aus Mitleid mitgespielt. Das weiß ich bis heute nicht. Nun, nach einem mehr als anstrengenden Gespräch – eher ein Monolog von meiner Seite, hatte ich die erforderlichen Informationen zusammen. Fuhr nach Hause und begann zu schreiben, als meine beiden Kinder im Bett waren. Ich schrieb, und schrieb und schrieb. Und weit nach Mitternacht war ich fertig. Ließ den Text „reifen“ und sandte ihn am folgenden Tag an den Chefredakteur.

Kurz nachdem ich auf den Sendebutton gedrückt hatte, klingelte mein Telefon. „Wo haben Sie das gelernt?“ „Ich, äh…“ Kurz, wir einigten uns auf drei Wochen unbezahltes Praktikum und danach war ich drin. Freie Journalistin für einen Hungerlohn. Auf monatliche Rechnung, die geringer war als Hartz IV. Aber drin im System.

Nach einigen Wochen kam Routine. So viele spannende Menschen! Ich lernte, zuzuhören. Zu fragen. Ganz aufmerksam zu sein. Und ich stellte fest: Jede*r hat eine Geschichte. Voll Tragik, voll Glück, voll Liebe und voll Schmerz. Das Leben. Das hat mich nicht losgelassen. Ich liebe es, Geschichten zu hören, zu erleben und zu sehen, wie Menschen wachsen.

Nach einigen Monaten fragte mich einer der Menschen, die ich kennen lernte, ob ich auch den Text seiner Website schreiben könnte. Ich konnte. Und merkte schnell, dass diese Seite des Schreibtisches besser bezahlt wurde. So wechselte ich auf die PR-Seite. Auch hier: Es geht immer um die Menschen, die etwas zu sagen haben und ihre Geschichte erzählen.

Kein Urlaub, dafür Picknick im Wohnzimmer

Irgendwann kamen dann grafische Aufträge dazu – und es wurde eine Werbeagentur aus der Selbstständigkeit. Es war viel Arbeit. Lehrgeld! Allzu oft war der Kühlschrank leer. Hmm. Mal wieder Leberwurstbrot. Meine Kids haben davon nicht so viel mitbekommen. Denn es ist eine Frage der Sichtweise. „Wollen wir heute Eier essen?“ „Hatten wir die nicht gestern schon?“ „Na klar, aber doch keine Spiegeleier.“ Ihr versteht, was ich meine. Also wenn kein Urlaub, dann aber Picknick im Wohnzimmer. Irgendwann wurde es besser und besser. Die Aufträge größer, die Beratung strategischer. Immer noch im Mittelpunkt: Menschen und ihre Geschichten, denn, komm mal nah ran an den Bildschirm: Menschen kaufen bei Menschen. Das wird immer so sein – und es ist das Geheimnis des Marketings.

Und dann:

Etwa fünf Jahre später parkte ich meinen Touran auf dem Parkplatz vor dem Arbeitsamt, das inzwischen Agentur für Arbeit hieß. Ich hatte ein ansehnliches Jackett an, leichte Absatzschuhe und meine Tasche war auch ganz hübsch. Ich ging hin zur Tür vom Arbeitgeberservice, wurde überaus freundlich und beflissen begrüßt und bekam sofort einen Termin, bei dem ich mit Handschlag von meinem Berater begrüßt wurde. Denn ich hatte zwei Jobs anzubieten. In meinem eigenen Unternehmen!

Ich hatte einen Traum. 2016 schon. Immer wieder stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn ich mein Unternehmen vom Campingplatz aus führen könnte. Ja, du liest richtig. Campingplatz. Ich liebe es, unterwegs zu sein. Mein Wunsch war, Wieduwilt Kommunikation so aufzustellen, dass wir unsere Kund*innen komplett ortsunabhängig betreuen können. Und ich in meiner Lieblingskuscheljacke in der Natur an den schönsten Orten der Welt sitze – und über Internet mit allen in Verbindung bin, während ich die Welt entdecken darf. Ich bin am kreativsten, wenn ich in der Natur bin.

Ja, was soll ich dir sagen? Ich glaubte nicht daran. Aber eine Unternehmensberaterin, die ich damals eigentlich wegen einer ganz anderen Sache gebucht hatte, die fragte mich, was ich „eigentlich“ am liebsten in fünf Jahren tun würde. Ich platzte raus: „Mein Firmenimperium vom Campingplatz aus steuern.“ Und sie sagte: „OK. Gehen wir es an.“ Sie wunderte sich nicht einmal. Ich war baff. Wenn so logische Menschen, wie Unternehmensberater, es nicht für komplett bescheuert halten, vielleicht geht es ja doch…

Und wenn du mich jetzt fragst, was ich anders machen würde?

Nur eine Sache: Ich würde früher und noch mutiger meiner Intuition vertrauen und mich auf die Weisheit des Universums verlassen. (Natürlich, nie, ohne die Dinge auch zu tun, die zu tun sind).

Foto: Jana Wieduwilt

Jana Wieduwilt

… ist Unternehmerin und Spezialistin für Strategisches Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Mehr Infos auf ihrer Website

NAGOLA RE – FRAUENPOWER IN DER LAUSITZ

Christina Grätz erlebt 1986 als Kind, wie ihr geliebtes Heimatdorf Radeweise in der Lausitz denBraunkohlebaggern weichen muss. Die Umsiedlung in ein fremdes Dorf und die empfundeneEntwurzelung lassen sie bis heute nicht los. Anstatt aber traurig den Erinnerungen nachzuhängen,spürt Christina eine neue Energie in sich aufwachsen. Schon als Jugendliche setzt sie sich aktiv für den Naturschutz ein und engagiert sich im Braunkohlewiderstand. Diese Energie schlägt uns sofort auf dem Vierseitenhof in Jänschwalde bei unserer Ankunft entgegen und reißt uns über zwei Stunden mit. Das Angebot für einen Kaffee nehmen wir gern an: „Ich trinke nur Tee, weil ich schon genug Power habe“ ruft es aus der Küche. Dieser Satz beschreibt die junge Biologin auf den Punkt.

Ihr Studium führte sie einst in die Hauptstadt Berlin und ihre Diplomarbeit mit dem Thema„Bergbaufolgelandschaft“ dann wieder zurück in die Heimat. Durch diesen Perspektivwechsel erhieltsie einen anderen Blick auf frühere Verletzungen ihrer eigenen Geschichte. Nach dem Studium ergabsich ein interessantes Jobangebot in einem Ingenieurbüro, das auch für die LAUBAG arbeitete – also für den „ehemaligen Feind“. Die Aufgabe lautete, Feuchtgebiete nicht austrocknen zu lassen, die bergbaubedingte Grundwasserabsenkung zu dokumentieren, um frühzeitig Auswirkungen zu erkennen, Schutzmaßnahmen zu ergreifen und den Erfolg zu überwachen...

…der vollständige Artikel ist auf Lausitzstark – der Blog für die Lausitz zu finden.

 
 

DER WEIBLICHE BLICK AUF DEN STRUKTURWANDEL

Ob Braunkohleabbau oder Strukturwandelkommissionen: Auf den ersten Blick scheinen diese Bereiche Männerdomänen zu sein. Dabei gibt es genügend weibliche Perspektiven auf die Lausitz. Besonders in Brandenburg fällt eine Vielzahl Frauen auf, die sich gemeinsam der Herausforderung angenommen hat, den Strukturwandel mitzugestalten. Sie setzen sich in der Lausitzrunde als Regionalpolitikerinnen für ihre Region ein. Und das ist gut so, denn unter den 58 Mitgliedern sind nur 10 Frauen. Unsere Autorin Ann-Kathrin Canjé hat mit vier von ihnen gesprochen.

Mit Christine Herntier, Simone Taubenek, Elvira Hölzner und Birgit Zuchold komme ich zu Corona-Zeiten kurzerhand für meine Interviews am Telefon zusammen. Welche persönlichen Herausforderungen der Strukturwandel für sie und ihre Regionen hat, wie sie ihre Rolle und die von Frauen dabei einschätzen und wie sie die Veränderung gestalten wollen – darüber habe ich mit ihnen gesprochen. Was alle gemein haben: sie sind entschlossen, unerschrocken und zukunftsorientiert.

Auf einen Plausch mit vier Lausitzerinnen.

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Infos zur Lausitzrunde

Aktuell umfasst die Lausitzrunde 58 Mitglieder. Sie ist ein länderübergreifendes und freiwilliges Bündnis, das aus der Initiative einzelner Kommunen entstand und die Lausitz in ihrer Gesamtheit repräsentiert. Die Stadt Spremberg hat das Mandat für die Kommunen übernommen. Bürgermeisterin Christine Herntier vertritt als Sprecherin die 58 teilnehmenden Kommunen.

Als Ziel hat sich die Lausitzrunde laut Christine Herntier gesetzt, die negativen Folgen der vom Kohleausstieg betroffenen Kommunen zu formulieren, Strategien für einen möglichen Umgang damit zu entwickeln und Zukunftskonzepte für die Lausitz zu schaffen, die dann gemeinsam vertreten und umgesetzt werden. Ein Cluster mit einzelnen erarbeiteten Aspekten gibt es hier.

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AUF EINEN PLAUSCH MIT…

…Christine Herntier, Bürgermeisterin Spremberg

Ein Tagebau vor der Haustür, ein Kraftwerk im Industriepark Schwarze Pumpe – Christine Herntier hat konkrete Bilder vor Augen, wenn sie über die Herausforderungen des Strukturwandels redet. Als Mitglied der ehemaligen Kohlekommission und Sprecherin der Lausitzrunde beschäftigt sie sich ausgiebig mit dem Kohleausstieg und seinen Folgen. Durch ihre Arbeit in der Kohlekommission habe sie zunächst einmal lernen müssen, dass die Lausitz von den verschiedenen Kohlerevieren die schlechtesten Voraussetzungen habe, weil nur wenige Unternehmen ihren Sitz in der Lausitz hätten. Es sei schwer, sie von einer Investition etwa in Form von zukunftsträchtigen Arbeitsplätzen zu überzeugen. Das Wort „zukunftsträchtig“ ist Christine Herntier wichtig, da sie früher immer von „Industriearbeitsplätzen“ gesprochen hätte. Nach tiefgehender Beschäftigung mit dem Thema änderte sie ihren Sprachgebrauch.

Die Sprembergerin sieht eine wichtige Aufgabe darin, eine neue Wissenslandschaft in der Lausitz aufzubauen. Dabei sollte man nach vorne schauen: „Wie kann es uns gelingen, der Lausitz ein Image und uns selbst ein Gefühl zu geben, dass es richtig und wichtig ist, dass es nicht mehr so sehr darauf ankommt, mit der Schippe die Kohle aus dem Schacht zu fördern, sondern neue Wirtschaftszweige, neue Wissensarbeitsplätze zu etablieren?“

Nach 30 Jahren Strukturbruch, so viel stehe für sie fest, müsse man den Menschen eine Perspektive bieten, vor allem, weil das Vertrauen an das Gelingen des Strukturwandels heute vielen fehlen würde.

Christine Herntier (Mitte). Foto: Stadt Spremberg/Martin Mogel

Christine Herntier selbst hat ihr Berufsleben vor allem in der Textilindustrie verbracht und live miterlebt, was Strukturbruch und Strukturwandel bedeuten. „Im Unterschied zu denjenigen, die darüber entscheiden, sei es über ihr Mandat als Abgeordnete oder dass sie in der Regierung sind, weiß ich wirklich, wovon ich da rede. Ich habe in der Textilindustrie mitgemacht, was es bedeutet, wenn jemand entscheidet ‚Das kann dann mal weg‘, ohne, dass man einen Plan hat, was danach kommt.“

Und vor diesem „was danach kommt“ scheinen viele Menschen in der Region Angst zu haben. So sei laut Herntier auch der demographische Wandel eine Herausforderung. Sie betont, dass vor allem junge Frauen die Lausitz verlassen hätten. Wie kann man ihnen wieder Lust auf die Lausitz machen, wo sie doch so wichtig für die Region sind?

Eine Chance sieht sie etwa im Zugang zu gut bezahlten alten und neuen Arbeitsplätzen für Frauen. Die Lausitz sei „besonders für Frauen ein Raum, wo man sich verwirklichen kann. Wie ich finde auch anders als in Großstädten, wo man viel gedrängter ist. Es gibt hier besonders für Familien hervorragende Bedingungen.“ In ihrem Bekanntenkreis versuche sie zudem, Frauen für die Kommunalpolitik zu begeistern. Dort sehe sie noch echten Spielraum, Politik mitzugestalten.

Damit mehr Menschen auf die Chancen in der Lausitz aufmerksam werden, setzt sich Christine Herntier auch privat ein. Im Jahr 2017 hat sie eine Initiative für Rückkehrer*innen initiiert, Heeme fehlste . Wie kam es dazu? „Im Freundes- und Bekanntenkreis treibt die Menschen sehr um, dass die Kinder weg sind. Mich hat das auch sehr betroffen. Ich habe jetzt auch zwei Enkelkinder und bin sehr glücklich darüber, dass meine Tochter mit Familie nun wieder in Spremberg lebt und mein Sohn auch in der Nähe. Die waren davor in der halben Welt verstreut. Deshalb habe ich mich sehr für eine Rückkehrerinitiative in Spremberg eingesetzt.“

Somit ist für sie selbstverständlich, dass sie ihre eigenen Ideen miteinbringt. Dass sie sich so für die Rückkehrer*innen einsetzt, hat auch einen Grund: „Das tut uns so Not in der Lausitz, dass hier Leute kommen, die auch mal weg waren, die da auch gewissen Zweifeln Paroli bieten können. Ich möchte gerne, dass wir modern, aufgeschlossen und innovativ sind.“

Christine Herntier ist sich sicher: in der Lausitz geht etwas in den nächsten Jahren. Für sie sei es immens wichtig, den Leuten zu zeigen, wie frei sie sich hier entwickeln könnten. Dafür sei es auch so wichtig, dass politische Entscheidungsträger Ideen zuließen und nicht jeden innovativen Gedanken gleich ausbremsen würden. „Und es ist nicht damit getan, 40 Milliarden irgendwo hinzuhängen. Die müssen auch sinnvoll ausgegeben werden können“, mahnt Herntier.

…Simone Taubenek, Bürgermeisterin Forst (Lausitz)

Im Mai 2018 hat Simone Taubenek ihr Amt als Bürgermeisterin der Stadt Forst übernommen und ist in die Lausitzrunde eingetreten, um gemeinsam mit anderen Lausitzer Städten den Strukturwandel zu gestalten. Auch Forst ist zum Teil vom Ausstieg aus der Braunkohleverstromung betroffen. Der Ort Horno etwa musste schon vor Jahren dem Braunkohleabbau weichen und ist heute ein Forster Stadtteil. Mit dem Klappern der Bagger sei es aber auch heute nicht vorbei: „Der Strukturwandel betrifft die Menschen natürlich auch in dieser Stadt insofern, als dass viele im Braunkohletagebau oder auch in Zulieferbetrieben arbeiten. Da ist die Frage der Zukunftsfähigkeit dieser Stadt natürlich auch eine Frage von Existenzen der Arbeitsplätze.“

Denn früher war Forst laut Taubenek so etwas wie „das Manchester des Ostens“ und gehörte in Hochzeiten der Textilindustrie zu den reichsten Städten in Deutschland. Als diese Industrie so wie einige andere Bereiche komplett weggebrochen sei, führte das bei vielen Menschen zur Langzeitarbeitslosigkeit. Damit stelle sich heute die Frage, welche Kompensationsmaßnahmen es für das Wegbrechen eines weiteren Industriezweigs geben könne. Besonders jungen Menschen soll in Forst eine Perspektive, etwa auf Ausbildungsplätze, geboten werden. Wie diese gestaltet werden könnten – solche Fragen treiben die Forster Bürgermeisterin um.

Froh ist sie, dass besonders Frauen, die in der Wirtschaftsregion Lausitz engagiert seien, den Strukturwandel etwa durch Projekte wie der Kreativen Lausitz schon jetzt besonders prägen würden. Auch das Engagement ihrer Kollegin Christine Herntier lobt die Forster Bürgermeisterin sehr, da sie die Interessen der Lausitz in der Kohlekommission vertreten habe und aktuell daran arbeite, den aus ihrer Sicht „mit einer heißen Nadel gestrickten Kompromiss auch in Gesetztesform umzugießen.“

Simone Taubenek. Foto: Stadt Forst (Lausitz)

Für den Entwicklungsprozess seien auch die unzähligen Vereine und aktivistischen Frauen wichtig, die sich immer vehement für die Mitgestaltung ihrer Lebensverhältnisse einsetzen würden. Und so sei es auch für Simone Taubenek eine Herausforderung, die Möglichkeiten zur Veränderung im Ort zu erkennen und voranzutreiben.

Aktuell nehme sie in ihrer privaten Umgebung sowie der Bevölkerung durch die Corona-Krise Sorgen wahr, da unklar sei, welche Auswirkungen diese auch auf die finanziellen Mittel für die Regionen haben könnte: „Das vermischt sich jetzt natürlich alles mit der Angst, was denn jetzt passiert, wenn so hohe Kosten in der Pandemie und auch als Pandemiefolge entstehen. Ist dann tatsächlich noch dieser große Batzen von 40 Milliarden Euro für die vom Kohleausstieg betroffenen Reviere für die Strukturänderung vorhanden?“ Eine Frage, die auch andere Gemeinden umtreibt, aber die noch nicht in Gänze beantwortet werden kann. Doch Simone Taubenek hat auch die möglichen positiven Folgen von Corona schon im Hinterkopf, beispielsweise den Anspruch auf Home-Office. Dieser könnte sich positiv auf die Region Forst auswirken, weil es mit einer Home-Office-Regelung keine Rolle mehr spielen würde, wo die Menschen wohnen: „Dann brauche ich attraktive Grundstücke und billiges Wohnen – das sind alles Sachen, die bei uns gegeben sind. Wir haben hier im Vergleich zu anderen Städten, weil hier mal Glasfasernetz verlegt worden ist, sehr gute Voraussetzungen. Wir sind direkt an der Autobahn, direkt an der polnischen Grenze. Wir wohnen im Grünen, hier ist es ruhig. Das muss man versuchen, in einem Marketingprozess zu vermitteln.“

Zukünftig bleibt es für Simone Taubenek eine große Aufgabe, sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen und die Entwicklungen des Strukturwandels an die Bevölkerung zu kommunizieren.

…Elvira Hölzner, Amtsdirektorin Peitz

Eine gute halbe Stunde von Forst entfernt liegt das kleine Städtchen Peitz. Hier setzt sich Elvira Hölzner seit 2007 als Amtsdirektorin für ihre Stadt ein und hat ähnliche Erfahrungen wie ihre Kolleginnen aus der Lausitzrunde gemacht. Das Gespräch mit den Bürger*innen, die Vermittlung von politischen Entscheidungen im Hinblick auf den Strukturwandel – das sind Aufgaben, die sie bewegen.

Sie merke, dass noch viel Unkenntnis bei den Leuten herrsche, welche Kraftwerke nun eigentlich vom Netz gingen. Es wäre wichtig von ihren Bürger*innen zu erfahren, wie sie sich den Strukturwandel vorstellten. Das könnten einfache Wünsche sein oder direkte Projektvorschläge – bisher seien schon viele gute Ideen durch die Bevölkerung an sie herangetragen wurden.

Von der Lausitzrunde erhofft sie sich vor allem Unterstützung, ein Gemeinschaftsgefühl: „Für uns war es ganz wichtig, im Strukturwandel nicht alleine dazustehen. Wir sind ein Amt mit circa 10.000 Einwohnern und wir haben uns Partner gesucht, mit denen wir im Strukturwandel zusammenarbeiten können. Das ist ja nicht nur ein Problem des Amtes Peitz, sondern der gesamten Region.“

Im Jahr 2023 läuft in Peitz der Tagebau Jänschwalde, der auch die Stadt Forst betrifft, aus. Das dortige Kraftwerk ist eines der ersten, das im Jahr 2028 vom Netz gehen soll. Somit ist klar, dass sich die Stadt ähnlich wie ihre Nachbarstädte auf neue Industriearbeitsplätze in der Region fokussieren möchte. Das sei ganz besonders wichtig, weil sie den Menschen, die jetzt im Kraftwerk oder Tagebau arbeiten würden, schnell eine Perspektive bieten müsse, damit diese jetzt schon wüssten, wo sie zukünftig arbeiten könnten. Aber nicht nur das: „Wir wollen natürlich keine Industriearbeitsplätze bauen, die nur für Männer sind. Das hat sich schon längst gewandelt und sollte natürlich auch für Frauen sein und für Männer.“

Elvira Hölzner (links). Foto: Amt Peitz

Gleichberechtigte Arbeitsumfelder also. Frauen in Führungspositionen gebe es schon viele in der Region, sei es in der Planung des Tagebaus oder Flutung des Cottbusser Ost-Sees – dahinter standen Frauen. Generell würden sie laut Elvira Hölzner ohnehin immer mehr in technischen Berufen einsteigen. Zukunftsorientiert soll es aber nicht nur in der Rollenverteilung beim Berufsbild gehen: „Bei den Industriearbeitsplätzen denken wir da vor allem in Richtung klimaneutral. Beispielsweise Busse oder LKWS auf E-Mobilität umrüsten. Das wird ja auch die Zukunft sein.“

Und auch bei anderen Bereichen wie etwa der Fischerei müsse man schauen, wo eine sinnvolle Entwicklung nötig ist, denn auch hier wären Arbeitsplätze durch die Abschaltung des Kraftwerkes möglicherweise gefährdet.

Für Elvira Hölzner steht jedenfalls fest, dass die Regionen den Strukturwandel nicht alleine bewältigen würden, sondern dass es auf die Unterstützung von Land, Bund und EU ankomme. Dazu müsse aber auch klar formuliert werden, was die Lausitz brauche. „Um so eine Region gesund zu entwickeln, braucht man zwei Beine, die fest stehen. Das eine sind die Industriearbeitsplätze. Und auf der anderen Seite der Tourismus. Der hat sich in unserem Amt vor allem in den letzten Jahren gut weiterentwickelt.“

Und letztlich sei es auch der Zusammenhalt der Peitzer*innen, der die Stadt stärke. Der in Peitz ansässige Werg e.V., den eine Frau leitet, kümmert sich etwa um die Wiedereingliederung von Randgruppen, führt und leitet die Tafel und kümmert sich um die Integration und Betreuung von Geflüchteten. Weil sie kein Sozialamt mehr habe, sei das in der Stadt nötig. Strukturwandel heißt also vor allem auch: die Notwendigkeit von Zusammenhalt und Perspektiven für alle erkennen und fördern.

Birgit Zuchold, Bürgermeisterin Welzow

Die Probleme, mit denen sich verschiedene Orte der Lausitz im Strukturwandel auseinandersetzen müssen, sind vielfältig, aber ähneln sich doch in gewisser Weise. Die Stadt Welzow, deren Bürgermeistern Birgit Zuchold ist, gehört zu einer der betroffensten Städte im Lausitzer Revier. Aktuell laufen Verfüllungsarbeiten in einem Abschnitt des dortigen Braunkohletagbaus, der nur 500 Meter von der Stadt entfernt ist. Täglich hören die Menschen die Bänder, Durchsagen, Geräusche der Absetzer.

Schon früh habe Welzow rund 1000 Einwohner*innen durch die Inanspruchnahme von Fläche für die Braunkohleabbaggerung an die Braunkohlebagger verloren. Sie sind weggezogen, haben sich an einem anderen Ort niedergelassen. Heute besitzt Welzow keinerlei Entwicklungsflächen mehr. Das seien alles Gründe, die die Stadt in eine außerordentliche Situation gebracht haben, deshalb war es für Birgit Zuchold ungemein wichtig, mit Sprembergs Bürgermeisterin Christine Herntier zusammenzuarbeiten. Als diese damals aufeinander zukamen, sagten sie sich: „Wenn wir nichts tun, dann können wir den Menschen hier keine Perspektiven bieten. Und wenn wir jetzt nicht die gesamte Lausitz wachrütteln – länderübergreifend – dann sind wir kein politisches Schwergewicht. Denn: Wen interessieren im bundespolitischen Maßstab überhaupt eine Million Einwohner? Keinen Menschen. Und auch keine Bundestagsabgeordneten. Dann haben wir gesagt: Wir müssen laut werden.“

Birgit Zuchold. Foto: Martin Mogel

Auch die Zusammenarbeit mit den sächsischen Kommunen sei dabei sehr wichtig gewesen. In der Lausitzrunde setzen die Frauen sich für ihre Regionen ein. Das sei vor allem so wichtig, da die Menschen in den betroffenen Regionen auf die politische Ebene schauen und sich erhoffen, dass sie den Weg bereite. Viele seien mittlerweile wie hypnotisiert: „Wenn Sie zurückschauen in die Geschichte, dann haben wir zu DDR-Zeiten nicht unbedingt Eigenständigkeit vermittelt bekommen. Und viele Menschen haben es hier auch nicht gelernt aufzustehen und ihren eigenen Weg zu gehen. Dass der Staat vieles für uns organisiert hat, das hallt in vielen Bereichen ja immer noch nach.“

Somit sei es für die in Welzow geborene und aufgewachsene Bürgermeisterin auch eine Herausforderung, die Menschen zu begeistern, ihnen zu zeigen, dass sie Teil des Strukturwandels seien, besonders bei den jungen Menschen. Weil ihre Zukunft in der Lausitz oft unklar sei, stünde schnell die Option für einen Umzug aufgrund eines neuen Arbeitsplatzes zur Diskussion. Deswegen sei es auch so wichtig, Perspektiven durch nachhaltige Arbeitsplätze zu bieten.

Auf die Frage, wie man Frauen in der Lausitz stärker einbringen könnte, setzt ihre Antwort ganz früh an – in der Schule. Denn in ihren Augen könne man nur schwer beeinflussen, welchen Beruf Frauen ergreifen. Daher sei es wichtig, schon bei Kindern damit anzufangen: „Man muss frühzeitig beginnen, um den Kindern die Vielfältigkeit der Berufe nahe zu bringen.“ Dazu zähle für sie, möglichst gleichberechtige Berufsbilder zu zeigen und auch durch entsprechende Schulfächer Kindern gleichermaßen handwerkliche Fähigkeiten beizubringen.  

Für die Lausitz und die Stadt Welzow sieht Birgit Zuchold das Potential in der Landwirtschaft, der Bioökonomie und in Unternehmen, die alternative Medizin herstellen wollen. Sie setze auf günstige Leerstandsgebäude, die für Unternehmen attraktiv wären und will sich für diese und andere Themen in den kommenden Jahren in ihrer Stadt einsetzen: „Ich sehe im Wertstoffhandel und in der Aufbereitung von diesem Potential, weil alles, was wir wegwerfen, zu neuen Produkten überarbeitet werden muss, die wiederverwendungsfähig sind. Da sind wir noch am Anfang. Wobei ich mir im Klaren bin, dass alles, was recycelt wird mit einem hohen energetischen Aufwand verbunden ist. Insofern braucht das auch neue Verfahren, die Wissenschaft und Forschung anregen, damit man nicht wieder neuen Müll produziert.“

Was es vor allem brauche, das macht sie klar, sei Planungsbeschleunigung und „eine Bundesregierung, die uns unterstützt und das versprochene Wort hält. Wir brauchen doch Verbindlichkeit in diesem Strukturentwicklungsprozess.“

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Die Aufgaben, die der Strukturwandel mit sich bringt, sind vielseitig. Je nach Region variieren die Herausforderungen sicherlich, aber bei den meisten meiner vier Gesprächspartner*innen gab es doch sehr viele Gemeinsamkeiten. Themen wie Nachhaltigkeit, besonders im Hinblick auf neue Arbeitsplätze, politische Teilhabe oder gesellschaftlicher Zusammenhalt stehen für sie im Fokus wenn sie in die strukturwandelgeprägte Zukunft blicken. Innovativ bleiben und auf Vernetzung setzen – diese zwei Aspekte werden die Bürgermeister*innen sicher weiterhin in der Lausitzrunde einbringen.

 Ann-Kathrin Canjé…

… ist schreib-,musik- und leseaffin. Ihr liegen die kleinen, unauffälligen Geschichten des Alltags am Herzen, die sie meist in Kurzgeschichten festhält. Wenn sie nicht kreativ schreibt, ist sie als Volontärin beim MDR tätig.

SCHRUMPFUNG GESTALTEN

Kulturaktivistin, Architektin und bald vielleicht auch Bürgermeisterin von Hoyerswerda – Dorit Baumeister lebt für die Lausitz. Sie ist eine Frau, die auch für eine schrumpfende Stadt Visionen hat

1992 zog Dorit Baumeister zum zweiten Mal nach Hoyerswerda in die Lausitz. Als Kind kam sie mit ihren Eltern her, wuchs in der Neustadt auf, ging nach der Schule Anfang der 80er zum Studium erst nach Cottbus und dann Berlin, später arbeite sie auch in Bayern. Kurz nach der Wende kam sie auf Bitte ihres Vaters zurück in eine Stadt im Umbruch und stieg in sein Architekturbüro ein. Das sozialistische System war zu Ende, tausende verließen die Stadt. „Das lief nicht gut damals“, erzählt sie. „Es gab gar keine Vorkenntnisse, wie man so einen Übergang schafft“.

Baumeister, Jahrgang 1963, entschied, diesen Übergang mitzugestalten: Erst in ihrem Beruf als Architektin, aber später auch als Kulturaktivistin, City-Managerin und vielleicht bald auch als Bürgermeisterin. Aber dazu später. Baumeisters Biografie ist untrennbar mit der Geschichte von Hoyerswerda verwoben. Von ihr zu erzählen, bedeutet deshalb fast automatisch, zuerst auf die Stadt und ihre Geschichte sowie auf ihre Literatur zu schauen:  Sofort fällt eine Verbindung zu Brigitte Reimanns autobiografischem Roman „Franziska Linkerhand“ auf. Die Protagonistin ist wahrscheinlich ein Vorbild für Baumeister, jedenfalls spricht sie häufig darüber. Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Architektin, die aus Leipzig nach Hoyerswerda kommt. Sie kommt voller Tatendrang, um die neue – sozialistische – Stadt zu entwerfen und zu bauen. Aber die Realität ernüchtert sie: Ihre architektonischen Visionen erstarren an Eile und Wohnungsnot, Sparmaßnahmen und Dienst nach Vorschrift.

Dorit Baumeister bei der Ausstellungseröffnung des „Brückenschlag“-Projekts. Foto: Dorit Baumeister

Ideen und Optimismus statt Wohnblocks und Wachstum

Hoyerswerda: 90er Jahre. Als Baumeister zurückkam: Statt Aufbau und sozialistischem Wachstum stand Abriss auf dem Programm. Die moderne Großstadt, die während der DDR aufgebaut wurde, und mit der Kohle zur industriellen Metropole werden sollte, gab es so schon nicht mehr. Hoyerswerda verlor Einwohner*innen, zeitweise hielt es den traurigen Rekord der am schnellsten schrumpfenden Stadt Deutschlands. Kein einfaches Arbeitsumfeld also eine Architektin, die von (Auf-) Bau und Gestaltung lebt – den sozialistischen Traum, den Franziska Linkerhand aufbaute, baut Baumeister wieder ab.

Auch wenn nach der Wende immer mehr Leute wegzogen: „Die Planung war weiter auf Wachstum ausgerichtet“, erzählt Baumeister. Sie hat den Prozess des Wandels als intensiv erlebt und er habe sie geprägt. Heute gilt Baumeister weit über die Region hinaus als Expertin dafür, wie man das Schrumpfen von Städten begleiten kann. Für viele Architekt*innen ist ab- statt aufzubauen wohl der Albtraum schlechthin. Baumeister ließ sich davon nie entmutigen. Im Gegenteil – es stachelte sie noch auf: „Ich versuche immer, mit klarer Haltung da ran zu gehen. Wir mussten aus der Schrumpfung die maximale Qualität für Alle rausholen“. Eine weitere Parallele mit Franziska Linkerhand, die unter den strengen ökonomischen Auflagen der DDR versucht hat, eine lebenswerte Stadt zu errichten. Baumeister will die Stadt heute nicht rückwärtsgewandt betrachten, sie will nach vorne denken und das auch unter der Prämisse, dass ihre Heimatstadt kleiner wird.

Wohnblöcke in Hoyerswerda. Foto: Lisa Kuner

Architektin ist Baumeister mit Leib und Seele, heute leitet sie das Architekturbüro Lienig & Baumeister. „Ich habe mich schon immer mit dem Thema Stadt beschäftigt“, erzählt sie. Aus ihrer Kindheit sind ihr unzählige Stunden vor dem Zeichenbrett ihres Vaters in Erinnerung geblieben.

Ihre Liebe zum Bauen wird auch bei architektonischen Stadtrundgängen sichtbar, in denen sie interessierte Besucher*innen-Gruppen durch die Neustadt Hoyerswerdas führt, als zeige sie ihnen ein Weltkulturerbe. Sie entlockt den unbedarften Zuschauer*innen Staunen über unscheinbare und hässliche Wohnblöcke. Die Alt- und die Neustadt in Hoyerswerda könnten gegensätzlicher kaum sein, erklärt Baumeister auf einem dieser Rundgänge. Die Altstadt existierte schon bevor in der DDR eine moderne Industriestadt gebaut werden sollte, Einfamilienhäuser reihten sich dort an alte Bauernhöfe. Hoyerswerdas Neustadt hingegen wurde in den 50ern errichtet. Die Stadt sollte ein internationaler Pilot für Modernität werden und Arbeiter*innen des Braunkohlekombinats Schwarze Pumpe beherbergen. Aus einem kleinen, landwirtschaftlich geprägten Städtchen wurde eine sozialistische Großstadt. Zehn Wohnkomplexe mit tausenden Wohnungen entstanden. Der Bauprozess, die Frage, wie neues Wohnen günstig realisiert werden und gleichzeitig ein Leben in Würde garantieren kann und wie man in einer Stadt ohne Stadtzentrum leben kann, beschäftigen auch Franziska Linkerhand im Roman. Baumeister erzählt als Stadtführerin mit einer solchen Leidenschaft davon, dass die Begeisterung über Plattenbauten direkt auf alle Zuhörer*innen überspringt.

Dorit Baumeister bei einer ihrer Stadtführungen. Foto: Lisa Kuner

Zeitweise lebten in Hoyerswerda mehr als 70.000 Menschen, heute hat die Stadt weniger als halb so viele Einwohner*innen. Ganze Wohnblöcke werden seit Anfang der 2000er zurück gebaut, auch die soziale Infrastruktur verschwindet: Schulen, Kneipen und Gaststätten schließen. Davon berichtet Baumeister eher wehmütig. Auch wenn sich der Schrumpfungsprozess ein bisschen verlangsamt hat, kommen auf eine Geburt in Hoyerswerda noch immer 3,5 Beerdigungen.

Als City-Managerin und Kulturaktivistin kämpft Baumeister auf der einen Seite darum, die Schrumpfung zu verlangsamen und auf der anderen dafür, einen guten Umgang damit zu finden. Für ihr erstes großes Kunstprojekt „Superumbau“ nutzte sie 2003 den Wohnkomplex 8 (WK8) kurz vor seinem Abriss. Heute wachsen an der Stelle Bäume und Wiesen. WK8 blieb nicht der einzige Komplex, der abgerissen wurde, weil die Menschen, die darin lebten, gegangen sind. Die Leere der Neustadt, die für Romanfigur Franziska Linkerhand wahrscheinlich eher ein Gefühl war, ist in Baumeisters Welt Realität. Aber eine, die sie nicht akzeptiert. Sie setzt alles daran, die Stadt mit Leben zu füllen: In den folgenden Jahren wird unter Baumeisters Leitung eine Platte angemalt, bevor sie abgerissen wird und in einem anderen Wohnblock wochenlang in Zukunftslaboren darüber nachgedacht, wie sich die Stadt entwickeln kann.

Ein neu gestaltetes Hoyerswerda. Foto: Lisa Kuner

„Sich mit der Schrumpfung zu beschäftigen, ist für viele Menschen hier noch ein Finger in der offenen Wunde“, erzählt Baumeister. Die Wende und die Jahre danach haben bei vielen Menschen vor allem Schmerz hinterlassen: „Die Menschen erleben jetzt, dass das, was sie vorher aufgebaut haben, keinen Wert mehr hat“. Es sei ein Aushandlungsprozess zu vermitteln, dass die Menschen oder ihre Leistung deshalb aber nicht wertlos seien. Außerdem müsste aus ihrer Sicht klar werden, dass es nicht um Schuld gehe. Keine*r sei schuld an den Entwicklungen. Als Kulturaktivistin arbeitet sie mit Menschen in Hoyerswerda daran, ihre eigene Identität zu finden und einen öffentlichen Dialog herzustellen. Mit Kunst- und Theaterprojekten versucht Baumeister, Fragen aufzuwerfen und zu beantworten, die die Leute in der Lausitz umtreiben. Vor allem die Stimmen der jungen Menschen in Hoyerswerda will sie damit einfangen: Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass man früher oder später die Stadt verlassen muss? Baumeister will, dass die Menschen mehr mitnehmen als das Gefühl, aus einer „Looser-Stadt“ zu kommen und dass sie vielleicht nach dem Studium zurückkehren.

„Städte mit Brüchen sind für mich spannend“, sagt Baumeister auf die Frage, was sie an Hoyerswerda liebt. Die Gegensätze zwischen Alt- und Neustadt faszinieren sie. Das Utopische, das an Hoyerswerda hängt, inspiriert sie. „Am meisten berührt mich aber das Engagement der Menschen“. Das habe dazu geführt, dass Hoyerswerda heute keine traurige, sterbende Stadt sei, sondern in vielen Bereichen innovativ.

„Ich möchte Verantwortung übernehmen.“

Wenn man Baumeister beobachtet, kann man zu dem Schluss kommen, dass sie viel gemein hat mit Linkerhand, der Protagonistin aus Brigitte Reimanns Roman: Sie ist eine emanzipierte Frau, wirkt mit ihrem frechen Bob jünger als 57 Jahre, spricht bestimmt und überzeugt. Baumeister will wie Linkerhand zur Avantgarde gehören und eine Welt verändern, die vielleicht noch nicht ganz verstanden hat, warum diese Veränderung notwendig ist. Von der Resignation und Verzweiflung, in die Reimanns Hauptfigur irgendwann verfällt, sieht man bei Baumeister allerdings nichts. Im Gegenteil, man sieht ihr die Überzeugung an, alles verändern zu können, wenn sie sich nur genug dafür einsetzt.

Dorit Baumeister. Foto: Dorit Baumeister

Dafür, ihre Visionen in die Tat umzusetzen und Hoyerswerda vor dem Sterben zu bewahren, hat Baumeister unendlich viel Energie. Als nächstes will sie im September Oberbürgermeisterin werden. „Ich bin schon immer Gestalterin, Vernetzerin, Macherin“. Bürgermeisterin zu werden erscheint ihr wie eine logische Konsequenz aus ihrem bisherigen Leben. Es brauche in der Region nicht noch mehr Politik voller Vorurteile, sondern Gemeinschaftssinn. „Daran zu arbeiten, reizt mich total“, sagt sie. „Ich möchte Verantwortung übernehmen.“

Hoyerswerda steht, wie der ganzen Lausitz, jetzt noch ein weiterer Wandel bevor: Der Kohleausstieg wird die Region zum zweiten Mal nachhaltig verändern. „Das ist eine historische Chance“, meint Baumeister. Das Geld für den Strukturwandel sollte aus ihrer Sicht dazu beitragen, die Stadt und die ganze Region als innovatives Labor neu aufzustellen: Zukunftstechnologien sollten dafür in Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen angesiedelt werden. Angst macht ihr diese bevorstehende Umwälzung nicht, es brauche aber ein neues Selbstbewusstsein um „von hier“ zu gestalten.

Das Selbstbewusstsein, das sie sich für die Region wünscht, trägt Baumeister zweifellos in sich. Sie ist überzeugt davon, dass sie in Hoyerswerda schon viel geschafft hat: „Die Stadt hat sich zum Positiven gewandelt“. Hier fallen die Biografien der Romanfigur Linkerhand und der Kulturaktivistin Baumeister auseinander. Baumeister ist keine Sekunde bereit, sich der Resignation hinzugeben. Während man am Ende von Brigitte Reimanns Roman den Eindruck bekommt, die utopische Vision für Hoyerswerda sei gescheitert, will Baumeister im Hier und Jetzt jeden Tag das Gegenteil beweisen. Dass sie sich als Frau mehr anstrengen muss für ihre Erfolge, härter kämpfen muss, nimmt Baumeister wahr. Einschüchtern lassen hat sie sich davon aber nicht. Sie ist wohl eher die Art von Frau, die jeder Widerstand anstachelt.

Lisa Kuner…

…ist freie Journalistin, sie schreibt für die FAZ über Bildung, für Perspective Daily über den Osten und würde am liebsten aus Brasilien von sozialer Ungleichheit erzählen. Außerdem studiert sie Nachhaltige Entwicklung in Leipzig. Einen Überblick über ihre bisherigen Veröffentlichungen gibt es hier: https://www.torial.com/lisa.kuner

GANZ IN SPREEWEISS

Im herrlichen Schlosspark in Branitz treffen wir das Organisationstalent Julia Müller. Seit 2017 bietet die Hochzeitsplanerin im Spreewald ihre Dienste an. In Vetschau aufgewachsen, zieht es Julia nach dem Abitur in die Großstadt. „Wo was los ist.“ Für eine Ausbildung zur Eventmanagerin geht sie nach Dresden und weiter nach England. Mit einem internationalen Abschluss in der Tasche startet sie in Berlin durch. Sieben Jahre lang sammelt sie Erfahrungen in der Eventbranche. Los geht es bei einer namenhaften Adresse: Sie holt sich den ersten Schliff als Praktikantin bei Scholz & Friends, einer der führenden Kreativagenturen in Europa. Richtig Fuß fasst die junge Frau aber erst später, in einer kleineren Agentur als Projektmanagerin. Hier organisiert sie große Veranstaltungen und Messen für Politik und Wirtschaft. Nebenbei schließt sie ihr Masterstudium Eventmarketing/ Live Kommunikation an der TU Chemnitz erfolgreich ab.

ZWL Spreeweiß 2020 by Paul Glaser

Von Spreeathen in den Spreewald

Die Idee für die Selbstständigkeit in der alten Heimat kündigt sich an, als das zweite Kind unterwegs ist. Julia Müller bereut den Umzug von Berlin in den Spreewald keine Minute. Das Familienleben lässt sich jetzt viel besser mit Großeltern organisieren als in der Metropole mit Vollzeitjob und weiten Wegen. Ihre Tochter war früh am Morgen oft das erste Kind und am späten Nachmittag das letzte, das abgeholt wurde. Der Blick auf die Spreewaldregion hat sich von der Hauptstadt aus verändert. Was als Jugendliche grau und langweilig wirkte, wurde zum Sehnsuchtsort, strahlte in Regenbogenfarben. […]

… das komplette Porträt von Julia Müller ist auf dem Blog #lausitzstark der Zukunftswerkstatt Lausitz zu finden.

Text: Annett Miethe | Fotos: Paul Glaser

Zur Homepage: Spreeweiß

QUEERE LAUSITZ?!

Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*- und inter*geschlechtliche sowie queere Menschen (LSBTIQ*) leben auch in der Lausitz, sind aber kaum sichtbar.

Der jährliche IDAHIT*, der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Trans*- und Inter*feindlichkeit sollte auch am 17. Mai 2020 Anlass sein, in Bautzen ein Zeichen für Akzeptanz und Vielfalt zu setzen. Aufgrund der Pandemie muss die Veranstaltung als Kooperation des Thespis-Zentrums Bautzen, des Gerede e. V. Dresden und der LAG Queeres Netzwerk Sachsen e. V. nun auf die zweite Jahreshälfte verschoben werden. Auch der 12. Christopher Street Day (CSD) Cottbus & Niederlausitz mit Demonstration und vielen Veranstaltungen kann voraussichtlich erst im September 2020 stattfinden. Solche Events sind insbesondere in einer strukturschwachen Region wie der Lausitz immens wichtig.

LSBTIQ* – Was bedeutet das eigentlich?

Die verschiedenen Buchstaben des sogenannten Akronyms bezeichnen unterschiedliche Gruppen von Menschen. Lesbisch (L) und schwul (S), Homo- und Bisexualität (B) sind für die meisten geläufige Begriffe. Das T bedeutet Trans* und ist eine Selbstbezeichnung für Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem in die Geburtsurkunde eingetragenen Geschlecht übereinstimmt. Weitere Selbstbezeichnungen in dieser Hinsicht sind z. B. transgender, transsexuell oder transident. Auch viele nicht-binäre Menschen, die sich nicht in den Kategorien „Frau“ oder „Mann“ wiederfinden, identifizieren sich als Trans*. Das Gegenteil von Transgeschlechtlichkeit bezeichnet man als Cisgeschlechtlichkeit. Der Buchstabe I steht für Inter* (auch intergeschlechtlich, intersexuell), also für Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung. Eine Einordnung in die Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ ist anhand der genetischen, anatomischen oder hormonellen Merkmale nicht eindeutig möglich. Q bedeutet „queer“ und ist die Selbstbezeichnung für diejenigen, die sich im System aus Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit nicht wiederfinden, sich aber auch nicht zwingend eindeutig mit einem der Buchstaben LSBTI identifizieren. Manchmal wird queer auch als Überbegriff für LSBTI verwendet. Das Sternchen * (Asterisk) zeigt an, dass auch alle weiteren möglichen Selbstdefinitionen beachtet werden – denn Sexualität und Geschlechterbilder sind dynamisch, entwickeln sich und sind nicht ein für alle Mal eindeutig fassbar.

Das Problem der Unsichtbarkeit

Unsere Gesellschaft ist durch die Annahme geprägt, es existierten nur (heterosexuelle, cisgeschlechtliche) Männer und Frauen und diese seien klar voneinander zu unterscheiden. Aufgrund dieser Norm sind alle anderen Geschlechtlichkeiten und andere als heterosexuelle Orientierungen kaum sichtbar und oft benachteiligt. LSBTIQ* erleben deshalb mehr psychische, physische, soziale und rechtliche Belastungen und sind einem höheren Risiko ausgesetzt, psychisch oder physisch zu erkranken.

Hinzu kommt, dass LSBTIQ* nicht selten soziale, rechtliche und medizinische Hürden überwinden müssen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Trans*Personen müssen beispielsweise einen langwierigen und teuren Prozess auf sich nehmen, wenn sie ihren Namen und Personenstand ändern möchten. Eine Psychotherapie, mehrere psychologische Gutachten und die abschließende Entscheidung durch das Amtsgericht sind, anders als in vielen anderen Ländern, in Deutschland noch vorgeschrieben.

Die Bedingungen in der strukturschwachen Lausitz stellen queere Menschen und ihre Familien ebenso vor erhebliche Herausforderungen. Zum einen fehlen qualifizierte Therapeut*innen, Ärzt*innen und Berater*innen, die mit LSBTIQ*-Themen vertraut sind, zum anderen gibt es nur sehr wenige Gruppen- und Freizeitangebote, die sich an LSBTIQ* richten.

Die in der Lausitz ansässige Kultur-, Sozial- und Sportlandschaft allgemein bietet nur bedingte Anknüpfungspunkte, weil häufig Kenntnisse über die Bedürfnisse der LSBTIQ*-Zielgruppen und diskriminierende Strukturen fehlen. Die Hürde, bestehende Angebote in Anspruch zu nehmen, ist hoch. Kleine LSBTIQ*-Gruppen und -Initiativen scheitern oft an mangelnder struktureller und finanzieller Förderung und der Angst vor Repressionen.

Viele LSBTIQ* in der Lausitz haben Angst, ihre Identität oder sexuelle Orientierung zu offenbaren. Einige nehmen weite Wege nach Dresden, Cottbus oder Berlin auf sich, um dort andere LSBTIQ*-Menschen kennen zu lernen, Beratung zu erhalten oder unbeschwert in Freizeitgruppen so sein zu können, wie sie sind. Wer nicht mobil ist, lebt hingegen oft versteckt und einsam.

Das führt wiederum zur Überzeugung einiger Lausitzer*innen, es gäbe entweder keine LSBTIQ*-Menschen in ihrer Umgebung oder diese sollten sich „nicht so haben“, Sexualität und Geschlecht seien schließlich Privatsache und müssten nicht thematisiert werden. Wer einmal aufmerksam darauf achtet, wie häufig heterosexuelle Menschen außerhalb des LSBTIQ*-Bereiches über ihre Familien oder Partner*innen sprechen, merkt jedoch schnell, wie zentral und selbstverständlich Geschlechterverhältnisse im Alltag präsent sind, ohne dass es um eventuelle sexuelle Praktiken ginge. LSBTIQ*-Personen ist diese Selbstverständlichkeit oft noch nicht möglich.

Der IDAHIT 2018 in Bautzen

Wertkonservative Strukturen

Verlässliche Daten dazu, wie häufig und in welcher Form LSBTIQ* in der Lausitz Diskriminierungen ausgesetzt sind, liegen nur teilweise vor. Für Sachsen gibt es bis heute keine umfassende Lebenslagenstudie. Die Staatsregierung will zumindest eine merkmalsübergreifende Diskriminierungsstudie mit Schwerpunkt LSBTIQ* zeitnah umsetzen. Der für ganz Sachsen repräsentative Sachsenmonitor [Link] zeigt für die Jahre 2016-2018 eine hohe Ablehnung in Bezug auf Homosexualität: Ein Drittel der Bevölkerung stimmt konstant der Aussage zu, Homosexualität sei unnatürlich.

Das Land Brandenburg hat 2018 die Lebenslagenstudie „Queeres Brandenburg“ (Link) veröffentlicht, deren Ergebnisse aufgrund ähnlicher struktureller Gegebenheiten auch auf den sächsischen Teil der Lausitz anwendbar sind. 48% der Befragten gaben an, innerhalb der letzten fünf Jahre Diskriminierung erfahren zu haben. Trans*Personen waren in besonderem Maße (77%) von Ausgrenzung betroffen. Die meisten Diskriminierungen finden in der Familie, im öffentlichen Raum und in der Schule statt. Zwar zeigt die Studie eine steigende Diskriminierungshäufigkeit in den Ballungsgebieten und Städten (53%) im Vergleich zum ländlichen Raum (39%), diese ist jedoch weniger auf die tatsächlichen Erlebnisse zurückzuführen als darauf, dass LSBTIQ* in ländlichen Regionen seltener ihre Identität preisgeben. Das erfreuliche Ergebnis, dass 70% der Brandenburger*innen es begrüßen würden, wenn bei ihnen nebenan ein homosexuelles Paar einziehen würde, vermittelt zwar eine tolerante Grundhaltung, darf aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass queere Menschen im Alltag noch immer Vorurteilen, mangelnder Empathie, Ablehnung und Gewalt begegnen.

Wie viele LSBTIQ* genau in der Lausitz leben, ist nicht bekannt und schwer zu erheben. Verschiedene nationale und internationale Studien lassen den Schluss zu, dass sich ca. 5-10% der Gesellschaft insgesamt innerhalb der Gruppe der LSBTIQ* verorten.

Strukturschwache Regionen wie die Lausitz sind aus genannten Gründen für einige LSBTIQ* weniger attraktiv als große Städte. Deshalb kommt es zu Abwanderungen, insbesondere junger, mobiler und gebildeter Erwachsener aus den kleinstädtischen und ländlichen Räumen, was das Problem der Strukturschwäche weiter verstärkt.

Vereine bieten Beratung, Bildung und Vernetzung

Der Bedarf an Beratung und anderen Angeboten für Lausitzer LSBTIQ* ist hoch. So verzeichnet etwa das Beratungsprojekt „Qu(e)er durch Sachsen“ des Gerede e. V., das seit einigen Jahren aufsuchende Beratung für LSBTIQ* und deren An- und Zugehörige u. a. in den Landkreisen Bautzen und Görlitz anbietet, steigende Zahlen. Allein in der Stadt Bautzen fanden 2019 insgesamt 36 Beratungsgespräche statt, ähnlich viele Termine gab es in Görlitz, darüber hinaus auch in zahlreichen kleineren Orten beider Landkreise. Aufgrund der bestehenden rechtlichen und medizinischen Hürden ist der Informationsbedarf insbesondere bei Trans*-Personen hoch. Weitere zentrale Beratungsthemen sind Vereinsamung, Kontaktsuche zu anderen LSBTIQ* und Coming-Out. Die Ratsuchenden kommen dabei aus allen Altersgruppen. Der Gerede e. V. mit Sitz in Dresden bietet im sächsischen Teil der Lausitz zudem Aufklärungsprojekte an Schulen und Weiterbildungsformate für Fachkräfte in allen gesellschaftlichen Bereichen an.

Das Angebot wird in der Oberlausitz durch die Bildungs- und Beratungsangebote der Aids-Hilfe Dresden e. V. in den Bereichen Gesundheit, Sexualität und Prävention ergänzt, die ebenso über Dresden hinaus agiert. Queeres Engagement von Aktiven vor Ort gibt es beispielsweise in Görlitz. Hier bietet Tierra – Eine Welt e. V. regelmäßig eine Queerlounge für LSBTIQ* zum gegenseitigen Austausch an. Das Camillo Kino greift queere Themen immer wieder in seinem Programm auf.

In der Niederlausitz kann auf die Beratungs- und Bildungsangebote vom Andersartig e. V. und vom Katte e. V. zurückgegriffen werden, die beide in Potsdam ansässig sind, aber Zweigstellen in Cottbus betreiben. Auch der Aids-Hilfe Lausitz e. V. in Cottbus steht mit Rat, Tat und Veranstaltungen zur Verfügung und organisiert gemeinsam mit dem CSD Cottbus e. V. aktuell den 2. Christopher Street Day (CSD) Cottbus & Niederlausitz, der mit vielen Events und Aktionen hoffentlich vom 31.8. bis 12.09.2020 stattfinden kann. Für Lausitzer Studierende ist der BTUQueer – Hochschulstammtisch der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg eine wichtige Anlaufstelle. Zudem findet im Jugendzentrum Glad-House mit der Rainbowparty eine regelmäßige Tanzveranstaltung in Cottbus statt. Außerhalb der Stadt Cottbus sind Angebote aber auch in der Niederlausitz praktisch nicht vorhanden, sodass Interessierte von außerhalb mit langen Wegen rechnen müssen.

Angebote ausbauen, Barrieren senken!

Das strukturelle Defizit ist also trotz punktuell vorhandener Initiativen noch groß. Flächendeckende Angebote über eine psychosoziale Beratung hinaus sind dringend notwendig, um die Lebensqualität von LSBTIQ* in der Lausitz zu verbessern. Gleichzeitig müssen Barrieren für LSBTIQ* durch die lokalen kulturellen, sozialen und sportbezogenen Träger abgebaut werden. Spätestens 2021 werden viele Vereine und Initiativen aufgrund der vermutlich beginnenden Wirtschaftskrise wahrscheinlich von Kürzungen der öffentlichen Förderungen bedroht sein, was die Situation weiter verschlechtern kann. Hier sind Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft in der Lausitz gefordert, sich verstärkt für die Belange von LSBTIQ* in der Region einzusetzen und queere Strukturen zu stärken.

Vera Ohlendorf… 

… arbeitet als Bildungsreferentin bei der LAG Queeres Netzwerk Sachsen e. V., dem Dachverband der sächsischen Organisationen und Vereine, die sich für die gleichberechtigte Teilhabe von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, trans- und intergeschlechtlichen Personen sowie queeren Menschen in Sachsen einsetzen.

VOM REDEN ÜBER ZUM REDEN MIT FRAUEN

Prof. Dr. Ulrike Gräßel

Vom Reden über zum Reden mit Frauen

Ulrike Gräßel hat diesen Beitrag als Vortrag auf dem Symposium „F wie Kraft – Frauen. Leben. Oberlausitz.“ am 26.1. 2018 gehalten. Uns hat viel Begeisterung darüber erreicht, so dass ihr ihn hier nachlesen könnt.

Sehr geehrte, liebe Frauen und Männer,

ich freue mich sehr, heute den ersten Diskussionsinput geben zu dürfen zu unserem Symposium, der Abschlussveranstaltung unseres Projekts zu den Bleibebedingungen von Frauen in der Oberlausitz.

Mein – sicherlich provokanter – Diskussionsbeitrag steht unter der Überschrift „Vom Reden über zum Reden mit Frauen“. Dabei werde ich mir die Freiheit nehmen, nicht nur zu unserem Projekt allgemein zu sprechen, sondern in einem zweiten Schritt weit darüber hinaus, nämlich zum „Reden über und Reden mit“.

Forschung als Kommunikations- und Aktivierungsprozess

Doch zunächst zu unserem Projekt:

Unser Gesamtprojekt zu den Bleibebedingungen von jungen, gebildeten Frauen in der Oberlausitz war ja quasi zweigeteilt in eine Studienphase, die sich mit der „Verbesserung der Verbleibchancen qualifizierter Frauen im Landkreis Görlitz“ befasste und in dieser Phase Frauen sowie junge Frauen und junge Männer in erster Linie „beforscht“ hat – Sie merken schon, wir sind grade beim „Reden über“ – und in eine zweite Phase unter dem Titel „Geschlechtersensible Willkommenskultur im Landkreis Görlitz“.

Trotzdem die erste Phase der „Beforschung“ jungen Frauen – und als Kontrastfolie dazu selbstverständlich auch Männern beziehungsweise jungen Männern –  galt, war ein wichtiger Ansatz des gesamten Projektes, den Forschungsprozess als regionalen Kommunikations- und Aktivierungsprozess zu konzipieren und durchzuführen. Dieser Aktivierungs- und Kommunikationsprozess sollte letztendlich auch verstetigt werden, was uns übrigens auch – zumindest teilweise! – gelungen ist, und zwar durch diese zweite Phase der Entwicklung einer gendersensiblen Willkommenskultur.

Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt

So war es von Anfang an unser Auftrag und unser Ziel, Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Verbleibchancen junger qualifizierter Frauen (und Männer) im Landkreis Görlitz zu entwickeln. Ein konzeptioneller Baustein war dabei, dies nicht „vom Schreibtisch aus“ zu tun, sondern auf die Erfahrungen und Kompetenzen möglichst vieler regionaler Akteurinnen und Akteure aus Politik und Verwaltung, aus Wirtschaft und Wissenschaft, aus Planung, Bildung und Beratung zurückzugreifen, um gemeinsam mit ihnen und Betroffenen entsprechende Ideen zu entwickeln. Mit „Betroffenen“ meinten wir Frauen, die hiergeblieben sind, die neu angekommen sind bei uns oder die wiedergekommen sind. Diese Frauen als Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt haben wir angesprochen, um MIT Ihnen zu sprechen. So hatten vor allem die Forschungswerkstätten regelmäßig drei Intentionen: Zunächst wollten wir regionale Akteurinnen und Akteure miteinander ins Gespräch bringen – untereinander und mit den Frauen. Dadurch sollten alle Beteiligten zur aktiven (Mit)Gestaltung „ihres“ Landkreises motiviert werden. Stichwort hier: „aktivierende Befragung“, ein uraltes Forschungsinstrument aus der noch älteren Gemeinwesenarbeit bzw. aus dem „Community Organizing“, das übrigens auch Barack Obama damals „gewinnbringend“ – im wahrsten Sinne des Wortes – angewandt hat!

Und letztendlich zielten unsere Forschungswerkstätten, unsere Kommunikationsrunden darauf ab, am Ende jeder Werkstatt zu dem Schwerpunktthema zu entsprechenden Empfehlungen für regionale Entwicklungsperspektiven zu kommen.

Und EINE Empfehlung war die Entwicklung einer gendersensiblen Willkommenskultur – ehrlich jetzt! Das steht auf Seite 33 oben, erste Spalte in unserer Dokumentation! Studie

Miteinander ins Gespräch kommen

Das heißt: Wir haben am Beginn unseres Projektes in der ersten Phase selbstverständlich zunächst einmal ÜBER Frauen geredet im Rahmen einer Bestandsaufnahme für den Landkreis.

Anschließend haben wir aber sofort angefangen, MIT den Frauen zu reden: in besagten Forschungswerkstätten, in Workshops und in Interviews. Das hat sich dann fortgesetzt bzw. gesteigert in der zweiten Projektphase, durch Tischgespräche im Rahmen der ‚ProduzentinnenTour‘, durch Diskussionen im Rahmen des Auftakttreffens zur Gründung eines Arbeitskreises, der die Umsetzung unserer erarbeiteten Handlungsempfehlungen für den Landkreis begleiten soll, und durch Diskussionsrunden zum Thema „Entwicklung einer Website“.

Wir haben miteinander geredet! Wir haben diskutiert und dementiert! Wir haben gestritten, gelästert und gelacht! Wir haben verabschiedet und verworfen! Wir haben unsere Meinungen vertreten und wir haben zugehört. Männer und Frauen! Und das haben wir in einer ganz besonderen Art und Weise getan, und zwar respektvoll und wertschätzend!

Vom Sprechen und Zuhören

Damit sind wir beim Thema „Reden mit“.

Zunächst einmal gab es in unseren Gesprächen KEINE „gegengeschlechtliche Orientierung“, wie ich sie zum Beispiel in gemischtgeschlechtlichen Fernsehdiskussionen belegen konntei. Eine gegengeschlechtliche Orientierung, kurz: ein gewisses Balzverhalten, bedeutet: In gemischtgeschlechtlichen Diskussionen reden Männer mit Frauen, Frauen mit Männern. Aber: wenn es um die Konstruktion eines Gesprächsstatus geht, so arbeiten ALLE am Gespräch Teilnehmenden an einem hohen Gesprächsstatus für Männer – durch Bezüge zum Beispiel und Unterstützungen – aber weder Männer noch Frauen arbeiten an einem hohen Status für Frauen, im Gegenteil: die Akzeptanz von Frauen in Gesprächen wird demontiert durch Unterbrechungen und Scheinbezüge, und zwar von Männern wie auch von anderen Frauen!

Wohlgemerkt: Bei meinen zwangsläufig stattfinden teilnehmenden Beobachtungen konnte ich dieses Phänomen in unseren Diskussionen nicht feststellen!

Nun waren wir zwar doch überwiegend Frauen, doch haben wir auch in gemischtgeschlechtlichen Runden miteinander geredet, allerdings OHNE dass uns Frauen unser „weiblicher Stil“ geschadet hätte!

Ein weiblicher Sprachstil – der sprachliche Ausdruck eines „geschlechtsangemessenen Verhaltens„ii, das kulturell „erwünscht„, vermittelt und vor allem erwartet wird und von den einzelnen Akteurinnen in realen Interaktionen dann mehr oder weniger korrekt oder vollständig umgesetzt wird – ein weiblicher Sprachstil also ist gekennzeichnetiii zum einen durch ein ausgesprochen aufmerksames und unterstützendes Hörverhalten, zum anderen durch Formen der Abschwächung und schließlich durch das Fehlen von Formen dominanten Sprachverhaltens.

Insofern ist das sprachliche Doing Gender von Frauen geprägt von Indirektheit und dem Leisten von Gesprächsarbeit, von Arbeit daran, dass Kommunikation gelingt.

Und warum hat unseren Diskussionen dieser durchaus angenehme, empathische, aber nicht immer unbedingt zielführende Sprachstil nicht „geschadet“?

Zum einen, weil die Frauen trotzdem klar, laut und deutlich gesagt haben, was sie wollen. Und zum anderen, weil die Männer, die mit uns diskutiert haben, in der Regel KEINE dominanten Formen des Sprachverhaltens an den Tag gelegt haben. Das heißt die Männer, mit denen wir diskutiert haben, hatten in der Regel KEINEN belehrenden Zeigefinger erhoben und haben auch NICHT versucht, durch Scheinbezüge, Themenverschiebungen und Pseudodiskussionen die Gespräche zu dominieren. Das sogenannte mansplaining unter dem Motto „Wenn Männer mir die Welt erklären“iv hat in unseren Runden eher selten stattgefunden.

Dass das weiterhin so gut funktioniert, dass Sie einander zuhören, sich ausreden lassen, sich gegenseitig Raum lassen, die Dinge zu Ende zu denken, neue Dinge anzudenken, das wünsche ich den hier anwesenden Akteurinnen und Akteuren, die eine gendersensible Willkommenskultur weiterentwickeln wollen, von ganzem Herzen.

Gendergerechtes Sprechen

Kommen wir abschließend zum „Reden über“, kommen wir zu einem geschlechtergerechten Sprachgebrauch, zu einer gendersensiblen Sprache, auch wenn vielleicht einige von Ihnen von diesem Thema eher genervt sind oder es als „Nebenschauplatz“ abtun. Nein: gendergerechtes Sprechen ist KEIN Nebenschauplatz:

In vielen unseren Handlungsempfehlungen findet sich die Forderung, Frauen sichtbar zu machen, oder wie wir es auf Seite 32 unserer wunderbaren Broschüre formuliert haben: „Frauen aus der Unsichtbarkeit befreien“. Und ein erster Schritt dahin IST die Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache. Die sächsische Gleichstellungsministerin hat Recht, wenn Sie in Bezug auf Berufsbezeichnungen sagt „Ich verstehe gar nicht, warum es so schwerfällt, eine Frau als Frau anzusprechen“. Und Sie hat Recht, wenn sie fordert, dass eine gendergerechte Sprache zur Gewohnheit werden soll.

Und warum? Weil zum Beispiel der Sprachwissenschaftler Josef Kleinv, der angetreten ist, um im „Glaubensstreit“ um das geschlechtsneutrale Maskulinum „mit Hilfe empirischer Methoden vom Glauben zum Wissen zu gelangen“ (1988: 310), zeigen konnte, dass „die Benachteiligung der Frau durch das generische Maskulinum (…) keine feministische Schimäre (ist), sondern psycholinguistische Realität.“ (1988: 305) Insofern, so seine Schlussfolgerung, wird die von unzähligen Frauen aufgestellte Forderung nach einer gleichberechtigten Nennung weiblicher und männlicher Formen „zwar nicht zur Beseitigung, sicherlich aber zu einer Abschwächung der Ignoranz gegenüber dem Frauenanteil in Personengruppen“ führen (1988: 319).

Fazit: Machen Sie Frauen sichtbar, sprechen Sie Frauen an, heißen Sie Frauen willkommen, in der Stadt, auf dem Land, im Landkreis Görlitz! Wir haben noch viel zu tun.

 


Ulrike Gräßel, „Aber Sie wissen da sicher mehr darüber!“ Orientierungen von Expertinnen und Experten in Fernsehdiskussionen, in: Friederike Braun, Ursula Pasero (Hg.), Kommunikation von Geschlecht, Pfaffenweiler 1997, S. 88-104

Anja Gottburgsen, Stereotype Muster des sprachlichen doing gender. Eine empirische Untersuchung, Wiesbaden 2000, S. 33

Ulrike Gräßel, Weibliche Kommunikationsfähigkeit – Chance oder Risiko für Frauen an der Spitze? in: Adam, Eva und die Sprache, Beiträge zur Geschlechterforschung, Duden, Thema Deutsch, Band 5, hg. von der Dudenredaktion und der Gesellschaft für deutsche Sprache, Mannheim et al. 2004, S. 56-68

Rebecca Solnit 2015, orig. 2014

Josef Klein, Benachteiligung der Frau im generischen Maskulinum – eine feministische Schimäre oder psycholinguistische Realität?, in: Oellers, Norbert (Hg.), Akten des Germanistiktages 1987, S. 310-319; ders., Der Mann als Prototyp des Menschen – immer noch? Empirische Studien zum generischen Maskulinum und zur feminin-maskulinen Paarform, in: Adam, Eva und die Sprache, Beiträge zur Geschlechterforschung, Duden, Thema Deutsch, Band 5, hg. von der Dudenredaktion und der Gesellschaft für deutsche Sprache, Mannheim et al. 2004, S. 292-307

F wie Fragebogen

Sarah Weinberg prägt den kulturellen Januar an der Neiße als Künstlerische Leiterin der Internationalen Messiaen-Tage. Sie lebt seit 2017 in Görlitz und liebt die Stadt für ihre Farben und das Echo des Viadukts. Die diesjärhigen Messiaen-Tage finden vom 11. bis 15. Januar in Görlitz-Zgorzelec statt.

Wie heißt du?
Sarah Weinberg

Zweiter Vorname?
Passt so.

Worüber hast du zuletzt herzlich gelacht/bitterlich geweint?
Im Theater bzw. im Symphoniekonzert – wo sonst?!

Was fällt dir leichter: Ankommen oder Aufbrechen?
Kommt drauf an, wo die Sonne steht.

F wie Kraft, F wie …
Freiheit.

Wovon lebst du?
Ich lebe von der Schönheit, die uns umgibt und davon, sie den Menschen zu zeigen.

Was findet man in deiner Tasche?
Diverse lebensrettende Zauberdinge: Lippenstift, Naschies, Ohropax, einen Korkball, Besteck und eine Glasflasche.

Wie lebst du in 10 Jahren?
Voller Liebe und voll in der Natur.

Hast du einen Plan B?
Teilweise laufen mehrere Pläne parallel ab oder wechseln sich ab A, A1, A2, B, B1… ansonsten gleite ich im Flow.

Welches Buch liegt neben deinem Bett?
Ingeborg Bachmann, Gedichte.

Wo fühlst du dich am Lebendigsten?
Allein in der Mitte eines Waldsees, zwischen unterschiedlichen Instrumenten oder zu Tisch mit meinen Herzmenschen.

Wovon hast du als Letztes geträumt?
Meistens träume ich von Pierogi.

FRAUEN.GESTALTEN.WELTEN

Das Projekt Frauen.gestalten.Welten

… richtet sich vorrangig an Frauen* mit Fluchterfahrung, die in der Stadt – oder dem Landkreis Görlitz leben. Wir möchten Frauen* unterschiedlicher Herkunft einen Raum eröffnen, um sich zu begegnen, auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen, Ideen zu spinnen und diese umzusetzen. Zudem wird die Möglichkeit eröffnet, sich in herkunftssprachlicher Übersetzung Informationen zu zentralen und komplexen Themen im Integrationsprozess einzuholen. Durch die Projektstrukturen werden Frauen* außerdem verschiedene Ressourcen zugänglich gemacht, um sich als aktive Akteurinnen im Stadtgeschehen einzubringen.

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Entwickelt hat sich das Projekt…

… aus dem ehemaligen Café Hotspot als niedrigschwellig zugänglichen Begegnungsraum für Geflüchtete und Einheimische. Hier wurde im Rahmen des offenen Cafés die Möglichkeit geboten, sich in Alltagsfragen beraten zu lassen oder sich ehrenamtlich zu engagieren. Daraus hat sich zum Beispiel die Migrantenselbstorganisation SYRLITZ entwickelt. Mit der Schließung des Café Hotspot verschwand ein wichtiger Ort für geflüchtete Menschen in Görlitz, der einzige seiner Art. Um aber auch zukünftig einen geschützten und diskriminierungssensiblen Raum, insbesondere für Frauen*, in der Stadt zu schaffen, konnte im April 2019 mit dem Second Attempt e. V. als Träger und gefördert durch den Freistaat Sachsen das Projekt „Frauen.gestalten.Welten – Beratung und Begleitung geflüchteter Frauen in die Selbstorganisation“ in seiner praktischen Umsetzung gestartet werden.

Der Grundgedanke war und ist, im Landkreis Görlitz Freiräume zu schaffen, um geflüchteten Frauen* die Möglichkeit zu eröffnen, ihre Bedarfe sichtbar zu machen, sich in ihren oft geteilten Erfahrungen gegenseitig zu unterstützen und dabei erkennen zu können, dass hinter den individuellen Problemlagen oft strukturelle Benachteiligungen stehen. Für deren Veränderungen ist es lohnenswert, sich nachhaltig selbst zu organisieren.

Welche Bedarfe sehen wir?

Geflüchtete Frauen* sind in ihrem Zugang zu wichtigen gesellschaftlichen Bereichen wie Arbeit und Bildung, demokratischer Mitbestimmung sowie sozialer und kultureller Teilhabe strukturell benachteiligt. Nicht nur, aber besonders in peripheren Räumen sind die Möglichkeiten, sich außerhalb der Familie und dem Freund*innenkreis als selbstwirksam wahrzunehmen, durch den Mangel an Angeboten und Möglichkeiten sehr gering.  Die Folge daraus ist, dass viele daran zweifeln, einen aktiven Beitrag in der Gesellschaft leisten zu können, in der sie leben.  Das betrifft besonders Frauen* mit Kindern, denn aufgrund fehlender Kinderbetreuungsplätze ist der Zugang zu Sprachkursen und infolgedessen auch zu anderen Lebensbereichen erschwert. Viele Frauen*, die Betreuungsarbeit leisten, sind stark in häuslichen und familiären Kontexten eingebunden. Da die vielfältigen offenen Familienangebote der Stadt fast ausschließlich auf Deutsch beworben werden, kann es selten zu Begegnungen und Austausch mit anderen Görlitzer*innen kommen.

Fremdenfeindliche, rassistische und islamfeindliche Haltungen in Teilen der Mehrheitsbevölkerung erschweren Women of Color und insbesondere Frauen*, die ein Kopftuch tragen, den Alltag zusätzlich. Die Projektteilnehmerinnen machen alltäglich Diskriminierungserfahrungen auf verschiedenen Ebenen. So berichtete zum Beispiel eine Frau*, die auf Wohnungssuche in Görlitz war, dass viele Vermieter*innen beim Erstgespräch am Telefon direkt auflegten, sobald sie hörten, dass sie kein akzentfreies Deutsch spricht. Auch werden ihnen auf der Straße im Beisein der Kinder oftmals abwertende Kommentare hinterhergerufen oder es treffen sie missfällige Blicke.

In Folge solcher demütigender Erfahrungen äußern viele Projektteilnehmerinnen, dass sie sich keine langfristige Zukunft in der Region vorstellen können. Auch wenn sie die Stadt eigentlich schätzten, zum Beispiel aufgrund ihrer Größe, Ruhe und der Schönheit der Häuser, welche teilweise an syrische Städte der Vergangenheit und somit an die Heimat erinnern.  Aber die Aussicht auf bessere Erwerbs- und Bildungschancen in Großstädten sind enorme Pull-Faktoren. Insbesondere jüngere, engagierte geflüchtete Frauen* ziehen häufig, sobald es ihnen möglich ist, in größere Städte, nachdem sie hier vergeblich versucht haben einen Job oder eine Ausbildung zu finden.

Das zentrale Anliegen von Frauen.gestalten.Welten ist es daher, die gesellschaftlichen, sozialen, politischen sowie kulturellen Teilhabemöglichkeiten geflüchteter Frauen* zu stärken und somit einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich die Lebensbedingungen in der Region verbessern.

Was machen wir konkret?

Ein Großteil unserer Angebote findet derzeit im Vis à Vis auf der Bismarckstraße 19 statt. Hier öffnet immer freitags das Café, in dem Frauen* sich auf einen Kaffee oder einen Chai treffen und austauschen können. Das hauptamtliche Team berät bei Bedarf zu verschiedenen Alltagsfragen, hilft beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen oder beim Schreiben von Bewerbungen und vermittelt gegebenenfalls an Fachstellen weiter. Eine der Mitarbeiterinnen übersetzt ins Persische, andere Projektteilnehmerinnen übersetzen ehrenamtlich ins Arabische und manchmal auch ins Kurdische. So bearbeiten wir die komplexen Formulare und Anträge von Behörden und anderen Institutionen oder begegnen anderen Anliegen gemeinsam. Das offene Café soll neben der Möglichkeit einer kostenlosen und niedrigschwelligen Beratung auch einen sicheren Raum für Selbstorganisation bieten. Deshalb sind neue Ideen und Impulse, die meist aus speziellen Bedarfen resultieren, jederzeit willkommen und gemeinsam suchen wir nach Lösungsansätzen und Umsetzungsmöglichkeiten. Auf Wunsch der Besucherinnen ist so beispielsweise unser monatlicher Handarbeitstreff entstanden, bei dem Frauen* gemeinschaftlich nähen, sticken oder stricken und in diesem Rahmen Bekanntschaften machen und durch das gemeinsame Tun ein bisschen Deutsch üben können.

Ein wichtiger Teil des Projekts ist die Organisation von Informationsveranstaltungen, Empowerment-Workshops und themenspezifischen Gesprächsrunden mit Expertinnen aus verschiedenen Bereichen rund um die Themen Familie, Gesundheit, Umgang mit Diskriminierung und soziales Engagement. In diesem Jahr wird zum Beispiel eine Projektteilnehmerin, die in Syrien Zahnmedizin studiert hat, eine Informationsveranstaltung zu Kinderzahngesundheit halten. Die Inhalte werden immer simultan in die zwei häufigsten Herkunftssprachen Persisch und Arabisch übersetzt. Um auch Frauen*, die Sorgearbeit leisten müssen, die Teilnahme an den Angeboten zu ermöglichen, bieten wir zuverlässig während aller Veranstaltungen und in den Kernöffnungszeiten am Freitag eine Kinderbetreuung an.

Da hinter der Kindererziehung eine geteilte Verantwortung steht, wünschen sich einige Frauen*, dass zukünftig auch die Väter an Informationsveranstaltungen teilnehmen. Deshalb werden manche Formate themenbezogen nun auch für interessierte Männer* geöffnet.

Neben den inhaltlichen Veranstaltungen möchten wir auch kreative und empowernde Freizeitangebote als Ausgleich zum oftmals anstrengenden und teilweise belastenden Alltag schaffen. So bieten wir beispielsweise einen wöchentlichen Frauen*-Fitnesskurs an. Einmal im Monat arrangieren wir außerdem ein „Feiern unter Frauen*“ an verschiedenen Orten in der Stadt. Dieses Format wird besonders gut angenommen, da es ermöglicht, zu guter Musik ausgelassen zu tanzen und im Idealfall für wenige Stunden die Mutterrolle abzulegen. Eine Besucherin verabschiedete sich nach einer der ersten Feiern dieser Art mit den Worten: „Das war das erste Mal seit fünf Jahren, dass ich wieder getanzt habe.“ Diese Rückmeldung war sehr bezeichnend und machte klar, dass es solche geschlechtssensiblen Angebote in der Stadt dringend braucht.

Da soziale Angebote und kulturelle Veranstaltungen der Stadt nahezu ausschließlich einsprachig beworben werden, ist die Zugangsschwelle zu öffentlichen Einrichtungen für diejenigen Frauen*, die die deutsche Sprache noch nicht lesen können, sehr hoch. Um diese Zugangsschwellen ein wenig abzubauen, machen wir regelmäßig gemeinsame Ausflüge und besuchen verschiedene soziale und kulturelle Einrichtungen oder Veranstaltungen in der Stadt und im Landkreis. Solche gemeinsamen Ausflüge können für Teilnehmerinnen sehr empowernd sein, da das Auftreten als Gruppe die Angst vor diskriminierenden Anfeindungen in öffentlichen Räumen mindert.

Neben dem Bestreben, verschiedene Angebote in der Stadt zu initiieren, haben wir auch ein Interesse an der Vernetzung und dem Austausch mit Migrantinnen in der ganzen Lausitz. Deshalb besuchen wir regelmäßig verschiedene Vereine und Initiativen und laden diese auch nach Görlitz ein.

Was wir uns wünschen

… ist, dass unsere Veranstaltungsformate in Zukunft auch vermehrt von Görlitzerinnen besucht werden, die keine Flucht- oder Migrationsgeschichte haben. Bislang scheinen sich nur Wenige von unseren Angeboten angesprochen zu fühlen, was sehr schade ist. Zwar möchten wir insbesondere geflüchteten Frauen* mit unserem Projekt einen geschützten Rahmen bieten, gleichwohl ist es uns ein Anliegen, Begegnungsräume für Frauen*, unabhängig ihrer zugeschriebenen sozialen Kategorien, zu schaffen.

In diesem Sinne: Falls Leserinnen unter Ihnen/euch Lust bekommen unser Projekt näher kennenzulernen – alle interessierten Frauen* sind jederzeit herzlich eingeladen, einfach mal vorbeizukommen!

Unser Café ist immer freitags von 10 – 16 Uhr im Vis à Vis auf der Bismarckstraße 19 geöffnet. Alle weiteren Informationen zu aktuellen Veranstaltungen sind auf unserer Facebook-Seite zu finden.

Aufgrund der aktuellen Lage

… können auch unsere Angebote derzeit nicht in gewohnter Form stattfinden. Die Projektteilnehmerinnen stehen trotzdem telefonisch bzw. über Messengerdienste miteinander in Kontakt und versuchen sich so gut es geht gegenseitig bei Problemen und Herausforderungen in der Isolation zu unterstützen. Einige nähen derzeit Behelfsmasken und möchten diese insbesondere älteren Bewohner*innen der Stadt zukommen lassen, um dadurch einen Beitrag in der jetzigen Situation zu leisten.

In den meisten Haushalten sind primär Frauen* für die Betreuung, Erziehung und Bildungsarbeit der Kinder, das Kochen, das Putzen, die Haushaltsorganisation und die Pflege von Familienangehörigen zuständig. Daher sind sie generell von einer gesellschaftlichen Mehrfachbelastung betroffen. In Krisenzeiten, wie der Corona-Pandemie, wird dies noch deutlicher. Durch die Schließung der Schulen und Kindertagesstätten müssen Mütter nun zusätzlich ganztags ihre Kinder betreuen und sie zu Hause unterrichten. Kinder bei den Schulaufgaben zu unterstützen, ist insbesondere für Frauen*, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist und die selbst noch nicht die Möglichkeit hatten, einen Sprachkurs zu besuchen, eine nahezu unmögliche Herausforderung. Weiterhin wird im jetzigen Anspruch an die Schüler*innen und deren Eltern nicht bedacht, dass nicht alle Familien gleichermaßen mit technischen Geräten ausgestattet sind oder derzeit darauf Zugriff haben. Durch die lange Zeit des Homeschooling ergibt sich insbesondere für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache erlernen, eine Benachteiligungssituation für die weiterführende Schullaufbahn.

Ein weiteres Problem, das wir derzeit in unserer Arbeit beobachten können ist, dass wenig offizielle Nachrichten zur aktuellen Lage und den erlassenen (regionalen) Maßnahmen mehrsprachig herausgegeben werden. Viele Menschen informieren sich daher in ihren Herkunftssprachen über die sozialen Medien. So werden allerdings leider auch viele panikschürende Falschmeldungen bis hin zu Verschwörungstheorien verbreitet und es ist schwer unter den jetzigen Bedingungen hierüber ins Gespräch zu kommen.

Eine schnelle Veröffentlichung aller relevanten Nachrichten und Maßnahmen in verschiedenen Sprachen wäre daher, insbesondere in dieser Krisensituation, von offizieller Seite dringend notwendig! Denn nur so kann allen ermöglicht werden, die aktuelle Situation einschätzen und entsprechend verantwortungsvoll handeln zu können. Insbesondere für regionale Neuerungen übersetzen im Projekt nun regelmäßig eine arabische und eine persische Muttersprachlerin Informationen, die in unserer Messengergruppe geteilt werden und so hoffentlich auch darüber hinaus Menschen erreichen.

Abschließend halten wir die Formulierung aus der Bestandsaufnahme des Dachverbandes der Migrantinnenorganisationen vom 31. März 2020 für sehr treffend:

„Jede Krise verstärkt ohnehin schon bestehende gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und macht diese sichtbarer. Wir betrachten es als eine gemeinsame gesellschaftliche und politische Aufgabe, jetzt mehr denn je ein besonderes Augenmerk auf diese unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zu lenken, gegenzusteuern und für die Zukunft daraus zu lernen.“

Dieser Artikel ist entstanden in Zusammenarbeit mit Pauline Hoffmann, Suha Husserieh, Sofia Abdullahi und Corinna Maria Speri.

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VOM MUT, NEUE GESCHICHTEN ZU ERZÄHLEN

Weibliche Perspektiven auf die (jüdische) Geschichte der Lausitz

Als ich vor einem halben Jahr von Berlin nach Zittau zog, reagierten viele Menschen in meinem neuen Umfeld überrascht. Fast überall, wo ich mich vorstellte, wurde ich gefragt, ob ich in der Gegend Familie hätte oder einen Freund, oder ob ich „zurückgekommen“ wäre. Ich musste alles verneinen. Nach meinem Studium in der Großstadt hatte ich einfach eine vielversprechende Stelle in einer Gegend gefunden, die mich schon länger reizte. Bei einem ersten kurzen Besuch in Zittau 2013 schrieb ich in mein Reisetagebuch: „In so einer Stadt ist die Geschichte so nackt, dass man gar nicht anders kann, als sich zu fragen, wie es wohl damals hier war.“ Und nun arbeite ich in der historisch-politischen Bildung, mit einem Schwerpunkt auf jüdische Regionalgeschichte.

Die Geschichte jüdischer Menschen in der Lausitz geht bis ins späte Mittelalter zurück, und doch ist sie den allerwenigsten bekannt. In den meisten Stadt- und Regionalmuseen findet sich nichts oder nur sehr wenig dazu, ganz zu schweigen vom Unterricht in den Schulen. Hier taucht das Stichwort „jüdisch“ vielleicht für ein paar Stunden im Religions- oder Ethikunterricht auf. Im Geschichtsunterricht wird jüdisches Leben fast ausschließlich im Zusammenhang mit Nationalsozialismus und dem Holocaust thematisiert. Unter jüdischer Regionalgeschichte können sich die meisten nichts vorstellen.

Stolpersteine für die Schwestern Bianka und Doris Michaelis in Zittau (Foto: Anne Kleinbauer)

Um dies zu verändern, braucht es vor allem Mut. Mut, sich mit dem hartnäckig in unserer Gesellschaft verbreiteten Antisemitismus auseinanderzusetzen (und ja, das heißt auch, die eigenen Vorstellungen und Vorurteile zu überprüfen). Mut, die Perspektive zu wechseln und die Geschichte nicht mit dem Fokus auf diejenigen zu erzählen, die sich in der Vergangenheit dazu berechtigt fühlten, Menschen anderen Glaubens oder anderer Herkunft auszugrenzen. Sondern diejenigen in den Vordergrund zu rücken, die immer wieder von Neuem anfangen mussten, sich in der Lausitz und anderswo heimisch zu fühlen. Und nicht zuletzt Mut, die eigene Geschichte selbst zu schreiben – so wie es Katrin Griebel tat, als sie begann, zu jüdischer Regionalgeschichte zu arbeiten.

Für Griebel, Anfang der neunziger Jahre von Berlin nach Zittau gekommen, gab es als studierte Philosophin hier keine Arbeit – also schuf sie sie selbst. Über eine befristete Anstellung am Stadtmuseum stellte sie die erste größere Ausstellung zur jüdischen Regionalgeschichte auf die Beine. Dazu sammelte sie unter anderem Objekte aus Zittauer Geschäften, deren Eigentümer im Nationalsozialismus verfolgt worden waren. Durch jahrelangen regen Austausch mit Angehörigen und Nachfahren der vertriebenen jüdischen Zittauer*innen sammelte sie genug Archivmaterial, um damit eine Regalwand zu füllen. Die meisten Recherchen unternahm sie auf eigene Faust und unbezahlt.

2004 begann sie schließlich im Auftrag des soziokulturellen Zentrums Hillersche Villa, Geschichtswerkstätten mit Schüler*innen durchzuführen, um sie mit den verdrängten Geschichten der Region bekannt zu machen. Ausschlaggebend dafür war die wiederholte Schändung des jüdischen Friedhofs. Immer wieder wurden Grabsteine auf dem kleinen Friedhof am Stadtrand umgeworfen, zerstört, beschmiert. Nach dem letzten derartigen Vorfall im Frühjahr 2003 stellte sich für Katrin Griebel und ihre Mitstreiter*innen der Initiative „Erinnerung und Versöhnung“ die Frage: was können wir tun, damit sich endlich etwas ändert?

Zerstörte Grabsteine auf dem Zittauer jüdischen Friedhof, 1992 (Foto: Hillersche Villa)

Die Antwort gaben die Geschichtswerkstätten: Wir müssen gemeinsam mit jungen Leuten die Geschichte der Region neu erkunden, sie anders erzählen. Solche Formate, in denen beispielsweise mit Schüler*innen Biografien zur Verlegung von Stolpersteinen rekonstruiert werden, gibt es an vielen Orten in Deutschland. Doch alle haben ein ähnliches Problem: sie sind freiwillig, und an vielen Schulen fehlt die Zeit oder das Interesse, neben dem regulären Lehrplan noch Projekte zur Lokalgeschichte durchzuführen. Deshalb verlassen noch immer viele junge Menschen die Schule, ohne zu wissen, dass es in ihrer Stadt einmal eine Synagoge gab oder noch gibt. „Jude*Jüdin“ bleibt für sie ein abstrakter Begriff, der nichts mit realen Menschen in ihrer Umgebung zu tun hat. Das Vakuum, das dabei entsteht, bietet Platz für Stereotypen oder gar Verschwörungstheorien. Vor allem der israelbezogene Antisemitismus wird seit einigen Jahren verstärkt spürbar.

Den Mut, neue Geschichten zu erzählen, oder alte Geschichten neu zu erzählen, hat auch eine junge Frau in Görlitz gefunden – allerdings für ein anderes Publikum. Lauren Leiderman ist gebürtige US-Amerikanerin und ausgebildete Opernsängerin. Sie zog Ende des vergangenen Jahres mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn nach Görlitz. In Deutschland lebt sie bereits seit sechs Jahren. Zuerst kam sie nach Dresden, um als Sängerin zu arbeiten, hatte das schnelllebige Show-Business aber bald satt. Sie ließ sich in den USA zur Englischlehrerin ausbilden, bevor sie nach Deutschland zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie Englisch an Volkshochschulen, in Firmen und für Privatschüler*innen.
Doch ihre wahre Leidenschaft gilt der Geschichte, wie sie bei einem unserer Skype-Gespräche erzählt: „Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. In einem Alter, in dem meine Klassenkameradinnen alles über die Backstreet Boys wissen wollten, interessierte ich mich für die sechs Frauen von Henry Tudor.“

Ich lernte Lauren bei ihrer ersten Jewish History Walking Tour kennen, die an einem Samstag Anfang März in Görlitz stattfand. Während der englischsprachigen Stadtführung war ihre Begeisterung für das Thema geradezu ansteckend. Schon nach den ersten Stationen der Tour war ich überzeugt von ihrer Fähigkeit, in verständlicher Sprache und mit großer Anteilnahme Episoden aus den letzten sieben Jahrhunderten jüdischer Geschichte in Görlitz zu erzählen. Am besten erinnere ich mich an ihre Schilderungen zum mittelalterlichen jüdischen Badehaus, das so beliebt war, dass es schließlich auch für christliche Badegäste geöffnet wurde. So lange, bis die Görlitzer Juden*Jüdinnen 1349 in einem gewalttätigen Pogrom aus der Stadt vertrieben und ihr Besitz unter christlichen Görlitzer*innen aufgeteilt wurde.

Als wir mit der Tour an der Neuen Synagoge in der Otto-Müller-Straße und damit im frühen 20. Jahrhundert angekommen sind, wird deutlich, dass Lauren sich nicht nur um das Aufdecken einer verdrängten Vergangenheit bemüht, sondern aktiv dabei ist, wieder jüdisches Leben in die Stadt zu bringen. Gemeinsam mit vielen anderen Görlitzer*innen engagiert sich Lauren im Förderkreis der Görlitzer Synagoge. In dem 1911 erbauten architektonischen Meisterwerk finden schon lange keine Gottesdienste mehr statt. Doch nach Abschluss der Sanierungsarbeiten soll es als Kultur- und Ausstellungsraum wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Ich hoffe, dass zur Eröffnungsfeier viele Nachfahren derjenigen Menschen zusammenkommen, die vor dem Holocaust hier gemeinsam gefeiert und gebetet haben.“ Lauren ist das einzige Mitglied im Förderkreis mit englischer Muttersprache und hat daher die Aufgabe übernommen, die überall auf der Welt verstreuten Nachfahren der überlebenden jüdischen Görlitzer*innen zu kontaktieren. Über Internetseiten wie Facebook und MyHeritage macht sie sie ausfindig, baut eine persönliche Verbindung auf und stößt dabei auf viele weitere, noch unerzählte Geschichten.

Lauren Leiderman bei ihrer Jewish History Walking Tour in Görlitz (Foto: Anne Kleinbauer)

Die unerzählten Görlitzer Geschichten beschränken sich aber nicht nur auf dessen ehemalige jüdische Bewohner*innen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Tessa Enright arbeitet Lauren bei Discover Görlitz an einer ganzen Bandbreite thematischer Stadtführungen auf Englisch. „Im Moment basteln wir an einer Gespenster-Tour, die wir in den Abendstunden anbieten wollen.“ Sie glaubt, dass das touristische Angebot in der Stadt noch ausbaufähig ist: „Vor Discover Görlitz gab es keine wirklich englischsprachigen Touren in Görlitz. Die Gästeführerausbildung gibt es nur auf Deutsch, dabei ist Görlitz schon längst ein Anziehungspunkt für den internationalen Tourismus.“

Die ungewöhnlichen Stadtführungen verdanken sich Laurens Überzeugung, dass die Region insgesamt ein paar neue Perspektiven gut gebrauchen könnte. „Meiner Meinung nach gibt es hier so viel Potenzial. Manchmal braucht es da einfach Menschen von außerhalb, die einen anderen Blick haben und neue Narrative mitbringen!“ Und gleichzeitig lädt sie ihre Mitmenschen selbst zu neuen Erfahrungen ein. Ihr Mann stammt aus einer jüdischen Familie, und das wird im Alltag auch gelebt. „An unserer Wohnungstür hängt eine Mesusa.1 Unsere Nachbarn hatten am Anfang keine Ahnung, was das ist und wozu es gut ist. Wir haben es ihnen erklärt und jetzt ist es für sie ganz normal.“

Ich für meinen Teil habe seit meinem Umzug in die Lausitz schon mehr Neues gelernt, als ich in einem weiteren halben Jahr in Berlin je hätte erfahren können. Der Perspektivwechsel von der Groß- in die Kleinstadt, der Austausch mit „Alteingesessenen“, Kindern und Jugendlichen aus der Region und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte haben mich viele meiner Überzeugungen überdenken lassen. Ich frage mich, ob dieses Einnehmen anderer Blickwinkel Frauen* leichter fällt, weil sie es gewohnt sind, stets mindestens zwei Perspektiven mitzudenken: die eigene und die patriarchale. In jedem Fall kann es nicht schaden, ab und zu die Welt mit anderen Augen zu betrachten. Auch wenn sich dabei herausstellen sollte, dass sie viel komplexer ist, als wir manchmal glauben.

1 Eine Mesusa ist eine kleine Kapsel, die eine mit Worten aus der Tora beschriebenen Pergamentrolle beinhaltet und die traditionell an den Türen jüdischer Wohnungen angebracht wird.

Lauren Leidermann

… ist erreichbar unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. oder via facebook (@discovergoerlitz)

Anne Kleinbauer

… arbeitet bei der Hillerschen Villa (soziokulturelles Zentrum im Dreiländereck) im Bereich historisch-politische Bildung, mit einem Schwerpunkt auf jüdische Regionalgeschichte. Sie studierte Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft und Historische Urbanistik in Berlin. Bei Fragen oder Interesse am Engagement gegen Antisemitismus schreiben Sie gerne an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

EINSAMKEIT IN ZEITEN VON CORONA

Vor ein paar Tagen las ich die Schlagzeile «Wer jetzt allein ist, wird es lange blieben» in einer deutschen Wochenzeitung.

Das klingt eindeutig, folgerichtig und so gar nicht erquickend. Die Schlagzeile wirft unweigerlich die Frage auf, wie wir als Gesellschaft Alleinsein und Einsamkeit während und nach der Bekämpfung von COVID-19 gestalten und leben wollen.

Ich habe in den letzten Tagen Menschen in Deutschland, England und der Schweiz zu dem Thema interviewt, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise vom Coronavirus betroffen sind. Diese Eindrücke, die ich unter anderem für mein Buch zum Thema Einsamkeit gesammelt habe, lassen sich am besten in den folgenden fünf Beobachtungen aufzeigen.

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Corona als Katalysator für Einsamkeit

Für Menschen, die vor dem Virus einsam waren, wirkt die soziale und politisch verhängte Isolation aufgrund des Coronavirus wie ein Katalysator. Sie fühlen sich jetzt noch einsamer, verlassen und von der Welt abgeschnitten. Ärzt*innen und Telefonseelsorge in verschiedenen Städten und Ländern schlagen Alarm: Menschen suchen Hilfe und Unterstützung, um diese für sie belastende und tendenziell traumatisierende Zeit zu überbrücken. Jetzt sind vergleichsweise mehr Leute physisch allein und einsam. Jetzt besteht die einmalige Chance, einen gesellschaftlichen Diskurs zum Thema Einsamkeit anzustoßen. Nicht zuletzt, weil über die eigene Einsamkeit zu reden tendenziell immer noch mit einem Tabu behaftet ist. Gleichzeitig haben in den letzten Jahren verschiedene Studien und Forschungen gezeigt, wie schädlich langandauernde Einsamkeit und Isolation sein können.

Neue Einsamkeit?

Menschen, die vor dem Virus noch nicht mit Einsamkeit zu kämpfen hatten, sehen sich emotional mit einem neuen Alltag konfrontiert: kein Essen oder Feiern mehr mit Freunden oder im Familienkreis, kein spontaner Kinobesuch oder Wochenendausflug mit der Familie. Den gemeinsamen Kaffee mit der Freundin oder Nachbarin wird es erstmal so nicht mehr geben. Die Spielgruppe, die sich jeden Abend zum Kartenspiel in der Kneipe um die Ecke trifft, wird sich vielleicht bis auf den Sommer vertragen müssen. Die Großmutter, die sich auf ihr Enkelkind freut, sieht sich mit einer Realität konfrontiert, die für viele vor einigen Wochen noch nicht vorstellbar war: Soziale Kontakte werden virtuell aufrechterhalten und gepflegt. Einige von ihnen können da den sozialen Medien etwas Neues und Positives abgewinnen und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. So verabreden sich Familienmitglieder abends zu einem virtuellen gemeinsamen Essen, Liebespaare zum virtuellen Drink und Freund*innen zum Online-Kaffeeplausch tagsüber. Sich in diesen Tagen Rituale zu schaffen und bewusst Kontakte online zu pflegen, hilft Menschen, sich weniger einsam zu fühlen. Diese Strategie scheint für viele, mit denen ich gesprochen habe, emotional nur machbar in dem Wissen und der Hoffnung, dass der Ausnahmezustand zeitlich begrenzt ist.

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Resilienz durch vertrautes Alleinsein

Und dann gibt es die Menschen, die es beruflich oder privat gewohnt sind, viel allein zu sein, wie z. B. die Selbstständigen und die Alleinstehenden.

Die Menschen, die schon vor dem Coronavirus allein gelebt haben, viel Zeit allein verbracht haben und/oder sich mit ihrer eigenen Einsamkeit auseinandergesetzt haben, empfinden den momentanen Ausnahmezustand nicht unbedingt als  emotional völlig andere oder einschneidende Situation: Sie haben bewusst oder zwangsläufig gelernt, allein zu sein. Diesen Betroffenen scheint es leichter zu fallen, soziale Kontakte zu meiden bzw. sehr stark zu begrenzen und zu Hause zu bleiben. Diese Menschen haben eine gewisse Routine entwickelt und Alltagsabläufe und Rituale verinnerlicht, die es jetzt erleichtern, konstruktiv mit der Situation umzugehen. Dazu gehören Spaziergänge, regelmäßige Bewegung, Lesen, ausgewähltes Konsumieren von Nachrichten und sozialen Medien.

Für sie ist der jetzige Zustand eher eine logistische als eine emotional-mentale Herausforderung: So verlieren Selbstständige von heute auf morgen Aufträge, Reisen müssen umgeplant oder storniert werden und Freundschaften und Sozialkontakte müssen anders als bisher gepflegt werden. Diese Gruppe von Menschen, die resilient und konstruktiv mit dem Alleinsein umgeht, bedient sich eingeübter Rituale der Achtsamkeit, Selbstsorge und Kontaktpflege. Auf die Gesamtbevölkerung übertragen entspricht diese Gruppe wohl eher einer Minderheit.

Trautes Heim, Glück allein?

Dann gibt es Berufstätige, die meist mit ihren Familien leben, es aber nicht gewohnt sind, im Home-Office zu arbeiten. Und die Familien, die plötzlich auf begrenztem Raum Tag und Nacht miteinander verbringen.  Da ist die 25-jährige Studentin, die erst vor Kurzem wieder zu ihren Eltern und jüngeren Geschwistern ziehen musste: Sie hat ihren Stundenjob in einem Café verloren und beschreibt mit eindringlichen Worten, wie sehr sie sich nach selbstbestimmtem Alleinsein sehnt. «Wie lange ich das aushalte, weiß ich nicht…, aber irgendwie muss ich da halt durch».

Den Wunsch, ein wenig selbstbestimmte Zeit für sich allein zu haben und sich nicht ständig um die Bedürfnisse von anderen drehen zu müssen, äußern vor allem Frauen*. Das mag auch daran liegen, dass Frauen* – gerade in der jetzigen Zeit – sehr oft für die Care- und Familienarbeit verantwortlich sind oder sich verantwortlich fühlen.  Sich in dem aktuellen Ausnahmezustand bewusst abzugrenzen und Zeit für sich allein zu nehmen, scheint allen Befragten schwer zu fallen und auch irgendwie unangemessen, wie eine Interviewpartnerin mit dem Verweis auf die familiäre Arbeitsbelastung beschrieb. Den Familien, die seit längerem gelernt haben, bewusst auch Alleinzeit in ihren Familienalltag zu integrieren und zu leben, scheint dies auch in der aktuellen Situation leichter zu fallen. Und das scheint ganz unabhängig von der Größe des Wohnraumes zu sein.

Trautes Heim?

Unabhängig von der Größe des Wohnraumes ist auch eine andere soziale Dynamik zu beachten, die in den letzten Tagen aufhorchen lässt und nachdenklich stimmt. Die Häusliche Gewalt nimmt zu: Wenn Menschen und Familien die ganze Zeit zusammen sein müssen – wo es keinen Rückzugsort gibt und wo sich schon vor dem Virus Anspannungen und Stress  schnell in physischer Gewalt verwandelt haben. Frauenhäuser melden Alarm in diesen Tagen.  Aktuell ist noch nicht absehbar, welche Entwicklung diese physische Gewalt gegen Kinder, Frauen und Männer in Deutschland noch nehmen wird. Sehr viel spricht dafür, dass sie zunimmt, je länger der Zustand anhält.

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Glück allein?

Und dann gibt es Bevölkerungskreise und Regionen, über die diese Tage vergleichsweise wenig berichtet wird, die aber unter der Corona-Krise am meisten leiden. Sie  sind am stärksten betroffen, weil sie in physischer Distanz und Alleinsein nur begrenzt leben können und Gewalt und Gefahren aufgrund ihrer Lebenssituation ausgesetzt sind: Da sind die Familien, Sexarbeiter*innen, Stunden- und Tagelöhner*innen und Straßenkinder, die in den menschenunwürdigen Armutsvierteln von Bangladesch oder Indien leben, die dem Virus schutzlos ausgesetzt sind. Da sind die Geflüchteten auf dem griechischen Festland oder auf der Insel Lesbos, die auf engstem Raum, unter unhygienischen und menschenunwürdigen Bedingungen ausharren und vor sich hinvegetieren müssen. Da sind die Syrer*innen und Palästinenser*innen, die seit Jahren in einem Belagerungszustand leben – fernab des internationalen medialen Hypes und der Hysterie rund um Corona.  Eine Syrerin betont eine bittere Wahrheit und eine leise Hoffnung: «Corona macht uns alle gleich – egal ob reich oder arm. Und jetzt geht es euch so wie uns, und wir Syrer sind nicht mehr allein im Ausnahmezustand.»

Bei anderen Syrer*innen ist die Hoffnung gestorben, und es geht primär um das Warten auf den Tod:

„Wir sind von allen im Stich gelassen, sogar die NGOs haben das Lager verlassen. Wir können nur noch auf uns selbst vertrauen und versuchen, uns selbst zu helfen. Ganz dringend brauchen wir Mülltüten, Handschuhe und Wasser – jede erdenkliche Hilfe. Aber wir haben wenig Hoffnung. Ich kann nur für die syrischen Flüchtlinge sprechen: Wir warten hier darauf, wie wir sterben werden. Im Grunde verlangen wir nur, dass sich Menschen dafür interessieren. Wir vermissen das Mitgefühl, Emotionen. Was hier geschieht ist unmenschlich. Wenn andere jetzt zu Hause bleiben: Wir können das nicht. Ich lebe in einem Zelt, neben Tausenden Menschen auf engstem Raum. Wenn sich eine Krankheit ausbreitet, sind wir verloren.“

Wenn das Leben zwangsläufig auf das alltägliche physische Überleben reduziert ist, scheinen Fragen nach selbstbestimmtem Alleinsein und der Umgang mit schmerzhafter Einsamkeit eine Sequenz aus einem ganz anderen Film, wo Inhalt und Protagonist*innen aus einer längst vergangenen Zeit stammen.

Oder wie es die Syrerin betont, «für uns ist selbstbestimmtes Alleinsein ein Luxusproblem oder zumindest ein Privileg». Für viele Syrer*innen ist es dann auch eher ungewöhnlich, allein zu sein oder zu leben. Der enge Familienzusammenhalt wird gerade in psychisch schwierigen Zeiten als normal und selbstverständlich erachtet. Das Zusammensein mit der Familie und anderen ist der emotionale Kitt für den Einzelnen und die Gemeinschaft: «Ohne die Familie hätte ich den Krieg nicht überlebt». Einsamkeit entsteht primär dann, wenn Familienangehörige sterben und die Leere, die Trauer und das physische Alleinsein nicht durch andere Familienangehörige gefüllt oder abgemildert werden können.

Einsamkeit in Zeiten von Corona: Glück allein?

Wir alle gehen mit Alleinsein und Einsamkeit sehr unterschiedlich um. Soziale Extremsituationen, wie die soziale und politisch verordnete Isolation aufgrund des Coronavirus, bestärken gewisse soziale Zustände in unserer Gesellschaft, spitzten sie zum Teil dramatisch zu und stellen uns die Frage, ob und wie wir Solidarität und Gemeinschaft in unserem Umfeld und unserer Gesellschaft leben wollen.  Ob in Zeiten von auferlegter sozialer Isolation jede*r Einzelne von uns Alleinsein als Privileg ansehen und einen liebevollen und konstruktiven Umgang mit der eigenen Einsamkeit entwickeln kann, liegt an jedem*jeder einzelnen von uns. Sicher bietet sich die Chance für einen Perspektivenwechsel – was wir damit machen, liegt an uns.

 

Dr. Cordula Reimann

…ist Erwachsenbildnerin, Dozentin, Beraterin, Mediatorin und Coach. Cordula bietet Coaching und Weiterbildungen unter anderem zu den Themen „Einsamkeit/Alleinsein“, „Resilienz/Lebenskrisen“, „Trauma“, „Anderssein“,“ Kommunikation & Konflikt“ (auch online) für Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen an. Mehr Informationen unter www.corechange-coaching.ch

DER LADEN LÄUFT – DANK(E) FRAUEN!

Bestehende Ungleichheiten zwischen Geschlechtern werden während der Corona-Pandemie in einem besonderen Ausmaß sichtbar. Es sind mehrheitlich Frauen, die seit Wochen dafür sorgen, dass
„der Laden läuft“.

Nach Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, beträgt der Frauenanteil in sogenannten „systemrelevanten“ Berufsgruppen knapp 75 Prozent.

Der Laden läuft“, da sich Ärztinnen, Alten- und Krankenpflegerinnen im direkten Kontakt zu Mitmenschen einer einem erhöhten Übertragungsrisiko aussetzen. Verkäuferinnen und andere
Dienstleisterinnen haben trotz hohen Kundenkontakts oft nur behelfsmäßige Schutzausrüstungen im Betrieb. Lehrerinnen entwickeln im Eiltempo Methoden des digitalen Lernens, um das Recht auf
Bildung durchzusetzen und versuchen dabei unterschiedlichen sozialen und finanziellen Möglichkeiten von Familien gerecht zu werden. Sozialarbeiterinnen sorgen dafür, dass das Wohl von Kindern, die in
schwierigen familiären Verhältnissen leben, nicht aus dem Blick gerät.

Der Laden läuft“ und dabei stehen diese und andere Frauen, oft zusätzlich selbst als Mütter vor schwerwiegenden Herausforderungen, indem sie vor und nach der Arbeit oder parallel zum
Homeoffice die Beschulung und Betreuung der eigenen Kinder sicherstellen und Alternativen zur Freizeitgestaltung aus dem Boden stampfen. Andere Frauen kompensieren personelle und materielle
Engpässe des Gesundheits- und Pflegesystems, indem sie Pflegebedürftige oder Angehörige mit Behinderungen zunehmend selbst versorgen. Viele nähen ehrenamtlich Behelfsmasken, führen
seelsorgerische Gespräche am Telefon, um insbesondere alleinstehende Menschen vor sozialer Isolation zu bewahren. Sie übernehmen Einkäufe für Eltern, Großeltern und Menschen in der
Nachbarschaft. Neben der Lohnarbeit wird die stark angestiegene Sorgearbeit zur unausgesprochenen Selbstverständlichkeit.

Der Laden läuft“ und dabei verbindet diese Frauen, nicht nur die komplexe Leistung, die sie in diesen Tagen erbringen, sondern auch die meist schlechtere Bezahlung in sog. „Frauenberufen“. Außerdem
sind sie überdurchschnittlich oft in Teilzeit oder Minijobs beschäftigt. So bergen infolge von Unternehmens- und Geschäftsschließungen oder Betriebsbeeinträchtigungen entstandene
Einkommensverluste insbesondere für Frauen ein erhöhtes Armutsrisiko.

Der Laden läuft“, obwohl die Beschränkung von sozialen Kontakten, der starke Rückzug in das Häusliche, beengte Wohn- und Familienverhältnisse, Zukunftssorgen und der erschwerte Zugang zu
professionellen Hilfsangeboten familiäre Konflikte zuspitzen und häusliche Gewalt verstärken können. Dass das bestehende Hilfs- und Schutzangebot zur Zeit der Coronakrise im Landkreis Bautzen
funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis einer langjährigen und ausdauernden Gleichstellungsarbeit vor Ort, die häusliche Gewalt nicht mehr als Privatsache erscheinen lässt.

Wir setzen uns weiter dafür ein, dass der Schutz für alle von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen, Männer und Kinder durch die Umsetzung der „Istanbul-Konvention“, welche bereits am 01. Februar
2018 in Deutschland in Kraft trat, zügig ausgebaut und mit den notwendigen personellen und materiellen Ressourcen ausgestattet wird.

Wir möchten alle ermutigen, das Gespräch darüber wie Vereinbarkeit von Beruf – Familie – Engagement für Frauen und Männer gleichermaßen gelingen kann, gerade jetzt zu suchen. Dabei
können und sollen Ideen nicht nur für den Umgang mit der aktuellen Lage entwickelt und ausprobiert, sondern neue Möglichkeiten gerade auch für die Zeit nach der Krise zur Verfügung stehen und
intensiviert werden. Hierfür braucht es viele, v. a. auch offene und unvoreingenommene Gespräche in der Familie, im Freundeskreis, im Beruflichen und auch im Politischen.

Wir fordern, dass Frauen, die zum großen Teil das gesamtgesellschaftliche Rückgrat der gegenwärtigen Krise bilden, wahre Anerkennung und Wertschätzung für ihre täglich erbrachten Leistungen und eine
angemessene Entlohnung erhalten. Debatten zur Coronakrise sowie langfristige Maßnahmen zu deren Bewältigung müssen politisch, ökonomisch und gesellschaftlich bundesweit wie kommunal unter
frauen- und gleichstellungspolitischen Aspekten geführt werden. Dafür braucht es eine nachhaltige und langfristig gesicherte Frauen- und Gleichstellungsarbeit.

Wir setzen uns seit 30 Jahren gemeinsam mit aktiven Menschen in der Stadt und dem Landkreis Bautzen für eine geschlechtergerechte, sozialverantwortliche, demokratische und gewaltfreie Gesellschaft ein.

Danke Frauen!

 

Die Stellungnahme wurde verfasst von: Intervention gegen Häusliche GewaltFraueninitiative BautzenFrauenschutzhaus Bautzen e.V. und den Gleichstellungsbeauftragten der Stadt und des Landkreises Bautzen

Unterstützerinnen der Stellungnahme sind: Landesfrauenrat Sachsen e.V.DGB OstsachsenLAG der Frauenhäuser und Interventionsstellen Sachsen, LAG der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten SachsenDGB FrauenSächsicher Landesfrauenverband e.V. – Ortsgruppe Bautzener Land und das Frauen.Wahl.LOKAL Oberlausitz

Kontakte:

Gleichstellungsbeauftragte Landkreis Batuten

Ina Körner

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Telefon 03591 5251-87600

Gleichstellungsbeauftrage Stadt Bautzen

Andrea Spee-Keller

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Telefon 03591 534-290

BE-DEUTUNGEN, UM-DEUTUNGEN UND FLÜGE AUF DEM BESEN

Über die Tradition des Hexenverbrennens und eine andere Art, die Walpurgisnacht zu zelebrieren

Oh, wie schön ist es zu fliegen
Um zwei Uhr in der Früh’.
Um zwei Uhr in der Früh’
Oh, wie schön ist es zu fliegen!

(Liedtext von „la bruja“, Eugenia León)

Es ist der Abend zum ersten Mai. Jetzt ist es abends wieder länger hell. Endlich trifft man sich nicht nur punktuell bei der Bäckerei, sondern kommt draußen auf der Straße wieder zusammen. Auf diesen Moment haben alle gewartet! Der Frühling steht schon in der Blüte und die Sonnenwärme ist sogar auf den Nasenspitzen bemerkbar. Gemeinsam als Dorfgemeinschaft in der Sonne zusammen zu sein, das ist gesellschaftlicher Kitt für das ganze Dorf. So bunt die Lausitz im Frühling aufblüht, so divers sind auch ihre Bräuche. Jährlich finden am 30. April in zahlreichen Dörfern Feste statt, bei denen ein großes Feuer angezündet wird. Die Tradition trägt in vielen Dörfern seit Jahren den Namen „Hexenbrennen“. Es gibt Bratwurst und Bierchen von der Freiwilligen Feuerwehr und dann das Riesenfeuer. Es ist nicht irgendein Feuer, sondern eine wirklich feurige Angelegenheit. Auf den großen Holzhaufen ist oftmals eine Hexenfigur draufgesteckt. Und diese Hexe soll dann auch mit dem Feuer in Flammen aufgehen. Was hat die Hexe mit der Bratwurst und der Nacht des 30. April eigentlich zu tun?

In diesem Artikel gehen wir dem Brennen der Hexen am 30. April auf die Spur. Warum soll gerade eine Frauen*figur auf dem „Scheiterhaufen“ brennen? Was zählt ist, dass das Dorf zusammenkommt. Aber muss dafür eine Hexe angezündet werden?

Die Hexe war’s – und dafür soll sie brennen

In Göda bei Bautzen wird im theatralischen Erzählen die Hexe angeklagt und muss im Feuer büßen. „Die Hexe war‘s – und dafür soll sie brennen“ (Sachsenhits, 2011). Ich frage mich, was hat sie denn verbrochen? Ich habe nachgeforscht und bin auf viele Geschichten über den 30. April gestoßen. Zum Beispiel wurde in der nord- und mitteleuropäischen Tradition am 30. April die Heiligsprechung der heiligen Walpurga gefeiert. Und das sogar bis ins Mittelalter. Auch bekannt als Tanz in den Mai, der als moderne Feierlichkeit privat und kommerziell den 1. Mai zum arbeitsfreien Feiertag gemacht hat. Hexenbrennen, Tanz in den Mai, Walpurgisnacht oder auch Beltane zeigen uns viele Perspektiven auf, die bei dem Frühlingsfest in der Nacht vom 30. April in den 1. Mai Bedeutung haben. Einer der Bräuche besagt, dass der Gang zwischen zwei Walpurgisfeuern eine Reinigung ist. Die Wurzeln dieser Überlieferung weisen auf die Bedeutung der Walpurga hin, die an Walpurgis als Schutzheilige für Seuchen und Krankheiten angerufen wurde. Das sind doch eigentlich sehr positive Blickwinkel auf die Walpurgis, die als Hexe auf dem Feuer verbrannt werden soll!

Eine Schutzpatronin zu verbrennen, ist das nicht sogar gefährlich, wenn es diese nicht mehr gibt? Wer soll dann für den Schutz vor Krankheiten und Seuchen angerufen werden? Vor allem zu Zeiten von COVID-19?

Historiker*innen erklären, dass die Umdeutung der Bräuche auf die rigorose Christianisierung zurück geht, die dazu führte, dass die alten heidnischen Bräuche verdammt wurden. Wissenschaftler*innen haben sogar Quellen über matriarchalische Gesellschaftsstrukturen im ländlichen Brauchtum gefunden. Inwieweit werden patriarchale Strukturen reproduziert, wie zum Beispiel bei Aussagen wie „Und nun macht das Feuer an, wie stets unsere Väter es auch getan“ (Sachsenhits, 2011)? Können die Wissenschaftler*innen Antworten bezüglich der negativen Sicht auf die Schutzpatronin und auf den frauenfeindlichen Ansatz des Hexenbrennen geben?

Die Ursprünge der Walpurgisnacht der nord- und osteuropäischen Tradition sollen im Harz liegen. Aus der vorchristlichen Zeit gibt es Überlieferungen, dass in der Harzregion ein Frühlingsfest als ein Freudenfest zum Ende des Winters gefeiert wurde. Mit Verkleidung und Masken wurden die Wintergeister vertrieben. Und dazu wurde auch ein großes Feuer entfacht. Vor mehr als 1000 Jahren wurde dieses bedeutsame Fest mit der Christianisierung verändert. Der Name Walpurga, deren Leben in keinem Zusammenhang mit Hexen und dem Teufel stand, bezieht sich für die Harzer auf die heilige Walpurga, die sie zur Schutzpatronin der Seefahrt ernannten (Harzlife, 1999-2020). Also wieder die Frage, warum die Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrennen muss? Marie Hecht (2019) schreibt über die Legitimation in der frühen Neuzeit, in der rund 60.000 Hinrichtungen von sogenannten Frauen* mit Kräuterwissen allein im europäischen Raum stattgefunden haben. Bereits in den 70er Jahren versuchte die Frauenbewegung den Begriff „Hexe“ wieder positiv zu besetzten. Wie kann dem Anliegen symbolischer Hinrichtungen im Rahmen des „Hexenbrennens“ Gehör vermacht werden?

Hauptschurkin war die ungehorsame Ehefrau

Vandana Shiva (2010:21) benennt die Hexenverfolgung als ein Auslöschen von medizinischem Wissen über das Frauen* verfügt haben. Neben der Überlieferung, Walpurgis der Schutzpatronin, ist der 30. April als Beltane (Fruchtbarkeitsfest) zum Sommeranfang in Irland bekannt. Der Winter wird endgültig verabschiedet und auf den Feldern sprießt es schon oder es wird fleißig gesät. Beltane ist das Fest der Lebensfreude und der Fruchtbarkeit, das dafür sorgt, dass das Leben weiter bestehen kann. Wenn wir weiter forschen, wird das Fruchtbarkeitsfest auch als Geschlechtsakt der Natur beschrieben. Es ist regelrecht beobachtbar wie die Blüten und Blätter aus den Knospen explodieren. Der Geschlechtsakt wurde unter den Einflüssen der katholischen Kirche, zumindest vor der Ehe, als Sünde, also als etwas Verbotenes deklariert – und bis heute werden Frauen* dafür verurteilt, wenn sie eine Abtreibung vornehmen möchten. Wenn ein Rezept mit dem Kräuterwissen der Hebammen zur Abtreibung gemischt wurde, dann führte dies zur Todesstrafe. Hier griff das römische Recht der katholischen Kirche. Bis heute besteht der feministische Kampf darin, dass jede Frau* ein Recht hat, über den eigenen Körper zu entscheiden. #MyBodyMyChoice weist darauf hin, dass jede Frau* selbst entscheiden kann, ob sie einen Schwangerschaftsabbruch aus welchen Gründen auch immer vornimmt. Schon der Slogan der feministischen Kämpfe in den 70er Jahren «Wir sind die Enkelinnen der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet» spricht von der Kritik an patriarchalen Strukturen. Die Domestizierung der Frauen* in Europa im 16. und 17. Jahrhundert führte zur Abwertung der Frau* als Arbeitskraft und ihre Autonomie gegenüber den Männern wurde abgeschlagen.

„Frauen wurden beschuldigt, unvernünftig, eitel, wild und verschwenderisch zu sein. In besonderem Maße kritisiert wurde die weibliche Zunge, das Instrument der Aufsässigkeit. Die Hauptschurkin war jedoch die ungehorsame Ehefrau“ (Frederici, 2015:129). Hier finden wir Erklärungen für die Abnahme der Frauenrechte im privaten und öffentlichen Raum und Verurteilungen Frauen* gegenüber. Silvia Frederici beschreibt in ihrem Buch „Caliban und die Hexe“ (2015), weshalb die Körperpolitik grundlegend für eine positive Aufwertung des weiblichen Körpers ist. Für den Aufbau der kapitalistischen Gesellschaft steht die Förderung des Bevölkerungswachstums als Reproduktion von Arbeitskräften im Vordergrund. Daraus erklärt sich, warum sich der Frauen*körper als Reproduktionsmaschine und zur Domestizierung angeeignet wurde. In einer Gesellschaft, in der Frauen* die sozialen Drähte zusammenhalten, gehört aufgrund dieser historischen Verflechtungen zu der Entscheidung für sich selbst wirklich viel Mut. Bis heute funktioniert das Vorurteil, dass Hexen böse sind – ein Bild, das bis heute fortwirkt und selbstbewusste und wissende Frauen* negativ darstellt. Dies unterstützt die bisher patriarchale Machtstellung in der Gesellschaft. Und umso komplexer sind die Memorien, Verstrickungen und ja, auch Verurteilungen, wenn eine Hexenfigur, eine Hebamme, eine Walpurga an Beltane einfach auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll.

Ein Dorf in der Lausitz verarbeitet dieses Thema besonders kreativ

In Großhennersdorf trägt das lebensfrohe Spektakel am 30. April den Namen „Walpurgis“. Dort gibt es ein magisches Kinder- und Familienprogramm mit Hexenküche. Initiiert wurde diese besondere, mittlerweile schon seit mehr als 25 Jahren gefeierte Tradition von Mechthild Roth, der Leiterin der Theaterpädagogischen Werkstatt des soziokulturellen Vereins Hillersche Villa e. V. in Zittau. Mechthild erzählt mir über die feurigen Walpurgis-Feierlichkeiten in Großhennersdorf.

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Um 17.17 Uhr werden in Großhennersdorf auf besondere Art und Weise die Besen geschwungen. Gemeinsam mit einer Gruppe von Ehrenamtlichen wurde für den 30. April alles geplant, vorbereitet und mit der freiwilligen Feuerwehr und dem Karnevalsclub koordiniert. Anliegen in Großhennersdorf ist es, am 30. April keine Hexe zu verbrennen. Mechthild ist damit vor 25 Jahren an die Feuerwehr herangetreten. Und sie konnten sich gemeinsam darauf einigen, den Themen rund um „Hexen“ Sichtbarkeit zu geben. In Großhennersdorf werden Bratwürste und Bier verkauft, ohne dass eine Hexe aufgrund eines Urteils auf den Scheiterhaufen kommt. Das erwarten die Menschen, die hier zum Fest kommen, auch gar nicht. Die Besucher*innen kommen auf unterschiedlichen Wegen zum bunten Mitmach-Angebot für Groß und Klein. Geboten sind vielfältige Attraktionen wie Schminken und Kostümgestaltung. Friseurinnen vom örtlichen Salon Dutschke sorgen für ausgefallene Frisuren. Verkleiden mit einem selbst gestalteten Kostüm gehört zum feurigen Fest, sowie Musik der “Saltarello“ Frauen*band. Nicht zu vergessen ist das Bauen von Krachinstrumenten für den Umzug und die Hexenküche. Auch kreatives Handarbeiten wie Filzen und Figurenbau dürfen nicht fehlen. Wer will, kann sich seinen eigenen Besen binden und damit im Hexenparcours das Fliegen trainieren.

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Sonst wäre das mit dem Hexenfeeling nur halb so wahrhaftig. Höhepunkt ist die zuvor einstudierte Performance. Zu guter Letzt wird von der freiwilligen Feuerwehr ein wunderschönes großes Feuer entfacht. Karnevalsclub und Sportverein beteiligen sich mit Tanzeinlagen und helfen tatkräftig beim Getränkeverkauf. Senior*innen aus dem Ort verwöhnen die Gäste mit Selbstgebackenem. Hier verdient eigentlich niemensch Geld. Im Mittelpunkt steht die Beteiligung. Es geht darum, als Dorf ein Event gemeinsam zu gestalten. Diese besondere Art und Weise, die Walpurgisnacht zu feiern, ist einmalig in der Lausitz. Und das verspricht einen großen Zulauf. Die Rauchzeichen wurden vernommen und ja, es hat sich herumgesprochen. Das Hexenfest in Großhennersdorf ist etwas Besonderes und hebt sich von den üblichen Festen ab. Vor allem das Programm, welches von einem eingespielten Team im Detail ausgetüftelt und vorbereitet wird, hat sich bewährt. Zielgruppe ist die ganze Familie!

Hier zählen ein kreativer Geist und die Motivation der Besucher*innen. Schließlich ist die Vorbereitung auf ehrenamtlicher Basis, neben Beruf, Kinderbetreuung, Haushalt etc. ein großer Aufwand. Das Team besteht zufälligerweise nur aus Frauen*. Oder gibt es keine Zufälle? Das weiß vielleicht nur die Walpurga…

Auf jeden Fall ist es viel und unbezahlte Arbeit von Personen, die als Care-Arbeit meistens sowieso unbezahlt von Müttern und Frauen* geleistet wird. Mechthild erzählt: „Als wir damals angefangen haben war es überhaupt nicht üblich, dass am 30. April was gemacht wird. Wir – ein paar Frauen* und Mütter – hatten einfach Lust, was Verrücktes zu machen. Ein wildes chaotisches Fest zu feiern. Wir haben nicht viel nachgedacht, wir haben einfach gemacht!“ Und was die Frauen* vor über zwanzig Jahren geschaffen haben, hat heute mit der grundlegenden wichtigen Umdeutung des Verbrennens von Hexen zu tun. Bier und Bratwurst (mittlerweile auch beliebte, vegetarische Grillspieße) als Einnahmequelle bleiben bestehen. Und gleichzeitig wurde das Gedenken an Walpurga mit einer ganz neuen Metapher gefüllt. Hier wird die Initiative der Frauen* sichtbar. Eine grundlegende kulturelle Arbeit für die Region gewinnt an Bedeutung! Das Hexenfest in Großhennersdorf für Groß und Klein, das ist also ganz fein.

Ob das Zurückbesinnen auf die Bedeutung des 30. April wohl weitere Vereine und Dörfer zu einem neuen Umgang mit ihren Traditionen inspiriert? Vielleicht werden die Feuer Walpurga zukünftig ehren und neue, kreative Möglichkeiten des Zusammenlebens in der Dorfgemeinschaft geschaffen – von Frauen*, Männern und auch Menschen diverser Geschlechter. Vielleicht gemeinsam mit ein paar Hexen, die womöglich in der Lausitz unterwegs sind?

Quellenangaben:

Frederici, Silvia (2015)

Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Mandelbaum, Budapest.

Harzlife. (1999-2020)

Walpurgisnacht. Geschichte und Hintergrundwissen.

https://www.harzlife.de/event/walpurgis-info.html

Hecht, Marie (2019)

Wer hat die Macht. Am Donnerstag ist Halloween. Eine Suche nach den Hexen unserer Zeit.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1127898.halloween-wer-hat-die-macht.html

Leon, Eugenia (2015)

„La Bruja“

https://www.youtube.com/watch?v=IEkbsgcoys4

Sachsenhits, Filmproduktion & Medienverlag , Niesky

www.sachsenhits.com Kanal: Bautzen entdecken (2011)

https://www.youtube.com/watch?v=FRlmUA-cLS8

Shiva, Vandana (2010)

Staying Alive. QOman, Ecology and Survival in India. Woman Unlimited. Neu Delhi.

Liviana Bath

… ist Sozial- und Kulturanthropologin und studierte im M.A. Genderstudies. Sie lebt zwischen dem Dreiländereck (PL, CZ und D) in Zittau und in Berlin. Als Referentin der machtkritischen Bildungsarbeit, Theaterpädagogin und Autorin arbeitet sie seit vielen Jahren in Lanteinamerika und Europaweit.

GLANZ OHNE GOLD

Ein Buch mit Geschichten von Frauen aus dem Land Brandenburg

Über Geld spricht Mann nicht?

Wir schon. Die Idee zu diesem Buch entstand, als sich Frauen aus dem Management dreier Verbände, dem Brandenburger Landfrauenverband (BLV), dem Arbeitslosenverband (ALV) und dem Demokratischen Frauenbund, Landesverband Brandenburg (dfb) trafen und gemeinsam überlegten, wie frau das Thema »Armut« in Brandenburg angehen könnte. Wir wollten es nicht abstrakt in Zahlen haben. Wir wollten auch nicht jammern oder auf Schuldige zeigen. Wir wissen, dass in Brandenburg viele starke Frauen leben, die es nicht leicht hatten und haben, aber die sich trotz der schweren Bedingungen nicht unterkriegen lassen. Sie finden sich in unseren Verbänden. Ihnen geben wir mit diesem Buch eine Stimme.

Das Projekt, in dem das Buch entstand, heißt folgerichtig:

»Wir brechen das Schweigen. Brandenburger Frauen sprechen über Armut.«

© Lisa Smith

Fünfzehn Frauen – 5 Frauen aus jedem Verband – quer durch Brandenburg erzählten uns ihre Geschichten. Sie handeln von ihrem Leben in der DDR und nach der Wende sowie von ihrem Widerstand gegen die vielfältigen Armutsprobleme heute aber auch von ihren Erfolgen. Wir nennen sie unsere »Geschichtengeberinnen«. Sie leben in Prenzlau, Wittenberg und Neuruppin, in Strausberg und Beeskow, in Spremberg und vielen weiteren schönen Ortschaften quer durch das Land. Den Geschichtengeberinnen gilt unsere größte Anerkennung. Wir danken ihnen aus tiefstem Herzen. Ohne die Förderung der Landesgleichstellungsbeauftragten Monika von der Lippe wäre dieses Buch jedoch nicht zustande gekommen. Ihr gilt deshalb ebenfalls unser herzlicher Dank.

Nachdem die Geschichten erzählt und transkribiert waren, setzten wir uns in einem Team zu viert immer wieder zusammen, entwickelten die Texte in unterschiedlichen Erzählformen, entwarfen die Bilder und gestalteten Satz und Layout. Dabei ist mehr als nur die Aneinanderreihung von Geschichten entstanden und das spürten unsere ersten Zuhörerinnen in den Lesungen, die wir noch vor dem Shutdown wegen der Coronakrise halten konnten. Wir können es kaum erwarten, wieder in die Welt zu ziehen und den Geschichten Flügel zu schenken.

© Lisa Smith

Wenn Sie glauben, dass Sie im Buch jammervolle Geschichten über Armut oder statistisch genaue Biografien finden, können wir Sie diesbezüglich beruhigen. Wenn Sie aber glauben, es kommen wilde Krimis, Märchen, Abenteuer und Fabeln von Ritterinnen, Löwinnen, Truckfahrerinnen und Gazellen oder gar ein Theaterstück – dann liegen Sie genau richtig! Jede unserer Geschichtenerzählerinnen durfte sich ein Genre aussuchen und so haben wir ihre Biografien in vielfältige spannende und fantasievolle Formate gegossen. Nun stehen in unserem Buch: drei Kriminalfälle, drei Abenteuer, ein Theaterstück, ein Essay, eine Erzählung, ein Brief, eine Utopie und zwei Fabeln. Entdecken Sie sich selbst, gestatten Sie sich die passende Portion Wut über die Situationen der Frauen und staunen Sie über die Kraft, die sich in jeder Geschichte findet.

Mit unserem Buch werden wir also, sobald es geht, wieder unterwegs sein und mit Menschen ins Gespräch kommen, die ähnliche Geschichten haben und die unter den Folgen und Erscheinungen von Armut leiden. Gemeinsam diskutieren wir über Wege aus der Armut, über Gerechtigkeit, Gemeinschaft und über gesellschaftliche Notwendigkeiten. Wir werden uns mit den Geschichten unserer starken Frauen den Mut machen, Dinge zu bewegen, die dem guten Leben aller dienlich sind. Freuen Sie sich auf Lesungen vor Ort!

Kontakt und Ansprechpartnerin:
Nadja Cirulies (Projektleitung) per E-Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Logo Verbundprojekt

Tarnkappen für Powerfrauen

Sitzen schon wieder nur Männer auf dem Podium?

Vielleicht täte es eine Tarnkappe, um eingeladen zu werden?

Liebe Powerfrauen, versteckt Euch nicht. Bitte bleibt wie ihr seid!

Bild: Sabine Euler | https://www.sabine-euler.de

BACK TO THE LAUSITZ

Wie war es für Euch, in die Lausitz zurück zu kommen?

Was gefällt Euch hier gut?

Und was ist so richtig blöd?

Was würdet ihr gern ändern?

Sabine Euler schildert uns in ihrer Karikatur, wie es sich manchmal anfühlen kann, als junge, gut ausgebildete Frau in die Oberlausitz zurückzukehren.

Was ist Eure Meinung?

Schreibt uns an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. oder auf Facebook an https://www.facebook.com/FwieKraft/

VOM REDEN ÜBER ZUM REDEN MIT FRAUEN

VOM REDEN ÜBER ZUM REDEN MIT FRAUEN

Prof. Dr. Ulrike Gräßel

Vom Reden über zum Reden mit Frauen

Ulrike Gräßel hat diesen Beitrag als Vortrag auf dem Symposium „F wie Kraft – Frauen. Leben. Oberlausitz.“ am 26.1. 2018 gehalten. Uns hat viel Begeisterung darüber erreicht, so dass ihr ihn hier nachlesen könnt.

Sehr geehrte, liebe Frauen und Männer,

ich freue mich sehr, heute den ersten Diskussionsinput geben zu dürfen zu unserem Symposium, der Abschlussveranstaltung unseres Projekts zu den Bleibebedingungen von Frauen in der Oberlausitz.

Mein – sicherlich provokanter – Diskussionsbeitrag steht unter der Überschrift „Vom Reden über zum Reden mit Frauen“. Dabei werde ich mir die Freiheit nehmen, nicht nur zu unserem Projekt allgemein zu sprechen, sondern in einem zweiten Schritt weit darüber hinaus, nämlich zum „Reden über und Reden mit“.

Forschung als Kommunikations- und Aktivierungsprozess

Doch zunächst zu unserem Projekt:

Unser Gesamtprojekt zu den Bleibebedingungen von jungen, gebildeten Frauen in der Oberlausitz war ja quasi zweigeteilt in eine Studienphase, die sich mit der „Verbesserung der Verbleibchancen qualifizierter Frauen im Landkreis Görlitz“ befasste und in dieser Phase Frauen sowie junge Frauen und junge Männer in erster Linie „beforscht“ hat – Sie merken schon, wir sind grade beim „Reden über“ – und in eine zweite Phase unter dem Titel „Geschlechtersensible Willkommenskultur im Landkreis Görlitz“.

Trotzdem die erste Phase der „Beforschung“ jungen Frauen – und als Kontrastfolie dazu selbstverständlich auch Männern beziehungsweise jungen Männern –  galt, war ein wichtiger Ansatz des gesamten Projektes, den Forschungsprozess als regionalen Kommunikations- und Aktivierungsprozess zu konzipieren und durchzuführen. Dieser Aktivierungs- und Kommunikationsprozess sollte letztendlich auch verstetigt werden, was uns übrigens auch – zumindest teilweise! – gelungen ist, und zwar durch diese zweite Phase der Entwicklung einer gendersensiblen Willkommenskultur.

Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt

So war es von Anfang an unser Auftrag und unser Ziel, Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Verbleibchancen junger qualifizierter Frauen (und Männer) im Landkreis Görlitz zu entwickeln. Ein konzeptioneller Baustein war dabei, dies nicht „vom Schreibtisch aus“ zu tun, sondern auf die Erfahrungen und Kompetenzen möglichst vieler regionaler Akteurinnen und Akteure aus Politik und Verwaltung, aus Wirtschaft und Wissenschaft, aus Planung, Bildung und Beratung zurückzugreifen, um gemeinsam mit ihnen und Betroffenen entsprechende Ideen zu entwickeln. Mit „Betroffenen“ meinten wir Frauen, die hiergeblieben sind, die neu angekommen sind bei uns oder die wiedergekommen sind. Diese Frauen als Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt haben wir angesprochen, um MIT Ihnen zu sprechen. So hatten vor allem die Forschungswerkstätten regelmäßig drei Intentionen: Zunächst wollten wir regionale Akteurinnen und Akteure miteinander ins Gespräch bringen – untereinander und mit den Frauen. Dadurch sollten alle Beteiligten zur aktiven (Mit)Gestaltung „ihres“ Landkreises motiviert werden. Stichwort hier: „aktivierende Befragung“, ein uraltes Forschungsinstrument aus der noch älteren Gemeinwesenarbeit bzw. aus dem „Community Organizing“, das übrigens auch Barack Obama damals „gewinnbringend“ – im wahrsten Sinne des Wortes – angewandt hat!

Und letztendlich zielten unsere Forschungswerkstätten, unsere Kommunikationsrunden darauf ab, am Ende jeder Werkstatt zu dem Schwerpunktthema zu entsprechenden Empfehlungen für regionale Entwicklungsperspektiven zu kommen.

Und EINE Empfehlung war die Entwicklung einer gendersensiblen Willkommenskultur – ehrlich jetzt! Das steht auf Seite 33 oben, erste Spalte in unserer Dokumentation! Studie

Miteinander ins Gespräch kommen

Das heißt: Wir haben am Beginn unseres Projektes in der ersten Phase selbstverständlich zunächst einmal ÜBER Frauen geredet im Rahmen einer Bestandsaufnahme für den Landkreis.

Anschließend haben wir aber sofort angefangen, MIT den Frauen zu reden: in besagten Forschungswerkstätten, in Workshops und in Interviews. Das hat sich dann fortgesetzt bzw. gesteigert in der zweiten Projektphase, durch Tischgespräche im Rahmen der ‚ProduzentinnenTour‘, durch Diskussionen im Rahmen des Auftakttreffens zur Gründung eines Arbeitskreises, der die Umsetzung unserer erarbeiteten Handlungsempfehlungen für den Landkreis begleiten soll, und durch Diskussionsrunden zum Thema „Entwicklung einer Website“.

Wir haben miteinander geredet! Wir haben diskutiert und dementiert! Wir haben gestritten, gelästert und gelacht! Wir haben verabschiedet und verworfen! Wir haben unsere Meinungen vertreten und wir haben zugehört. Männer und Frauen! Und das haben wir in einer ganz besonderen Art und Weise getan, und zwar respektvoll und wertschätzend!

Vom Sprechen und Zuhören

Damit sind wir beim Thema „Reden mit“.

Zunächst einmal gab es in unseren Gesprächen KEINE „gegengeschlechtliche Orientierung“, wie ich sie zum Beispiel in gemischtgeschlechtlichen Fernsehdiskussionen belegen konntei. Eine gegengeschlechtliche Orientierung, kurz: ein gewisses Balzverhalten, bedeutet: In gemischtgeschlechtlichen Diskussionen reden Männer mit Frauen, Frauen mit Männern. Aber: wenn es um die Konstruktion eines Gesprächsstatus geht, so arbeiten ALLE am Gespräch Teilnehmenden an einem hohen Gesprächsstatus für Männer – durch Bezüge zum Beispiel und Unterstützungen – aber weder Männer noch Frauen arbeiten an einem hohen Status für Frauen, im Gegenteil: die Akzeptanz von Frauen in Gesprächen wird demontiert durch Unterbrechungen und Scheinbezüge, und zwar von Männern wie auch von anderen Frauen!

Wohlgemerkt: Bei meinen zwangsläufig stattfinden teilnehmenden Beobachtungen konnte ich dieses Phänomen in unseren Diskussionen nicht feststellen!

Nun waren wir zwar doch überwiegend Frauen, doch haben wir auch in gemischtgeschlechtlichen Runden miteinander geredet, allerdings OHNE dass uns Frauen unser „weiblicher Stil“ geschadet hätte!

Ein weiblicher Sprachstil – der sprachliche Ausdruck eines „geschlechtsangemessenen Verhaltens„ii, das kulturell „erwünscht„, vermittelt und vor allem erwartet wird und von den einzelnen Akteurinnen in realen Interaktionen dann mehr oder weniger korrekt oder vollständig umgesetzt wird – ein weiblicher Sprachstil also ist gekennzeichnetiii zum einen durch ein ausgesprochen aufmerksames und unterstützendes Hörverhalten, zum anderen durch Formen der Abschwächung und schließlich durch das Fehlen von Formen dominanten Sprachverhaltens.

Insofern ist das sprachliche Doing Gender von Frauen geprägt von Indirektheit und dem Leisten von Gesprächsarbeit, von Arbeit daran, dass Kommunikation gelingt.

Und warum hat unseren Diskussionen dieser durchaus angenehme, empathische, aber nicht immer unbedingt zielführende Sprachstil nicht „geschadet“?

Zum einen, weil die Frauen trotzdem klar, laut und deutlich gesagt haben, was sie wollen. Und zum anderen, weil die Männer, die mit uns diskutiert haben, in der Regel KEINE dominanten Formen des Sprachverhaltens an den Tag gelegt haben. Das heißt die Männer, mit denen wir diskutiert haben, hatten in der Regel KEINEN belehrenden Zeigefinger erhoben und haben auch NICHT versucht, durch Scheinbezüge, Themenverschiebungen und Pseudodiskussionen die Gespräche zu dominieren. Das sogenannte mansplaining unter dem Motto „Wenn Männer mir die Welt erklären“iv hat in unseren Runden eher selten stattgefunden.

Dass das weiterhin so gut funktioniert, dass Sie einander zuhören, sich ausreden lassen, sich gegenseitig Raum lassen, die Dinge zu Ende zu denken, neue Dinge anzudenken, das wünsche ich den hier anwesenden Akteurinnen und Akteuren, die eine gendersensible Willkommenskultur weiterentwickeln wollen, von ganzem Herzen.

Gendergerechtes Sprechen

Kommen wir abschließend zum „Reden über“, kommen wir zu einem geschlechtergerechten Sprachgebrauch, zu einer gendersensiblen Sprache, auch wenn vielleicht einige von Ihnen von diesem Thema eher genervt sind oder es als „Nebenschauplatz“ abtun. Nein: gendergerechtes Sprechen ist KEIN Nebenschauplatz:

In vielen unseren Handlungsempfehlungen findet sich die Forderung, Frauen sichtbar zu machen, oder wie wir es auf Seite 32 unserer wunderbaren Broschüre formuliert haben: „Frauen aus der Unsichtbarkeit befreien“. Und ein erster Schritt dahin IST die Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache. Die sächsische Gleichstellungsministerin hat Recht, wenn Sie in Bezug auf Berufsbezeichnungen sagt „Ich verstehe gar nicht, warum es so schwerfällt, eine Frau als Frau anzusprechen“. Und Sie hat Recht, wenn sie fordert, dass eine gendergerechte Sprache zur Gewohnheit werden soll.

Und warum? Weil zum Beispiel der Sprachwissenschaftler Josef Kleinv, der angetreten ist, um im „Glaubensstreit“ um das geschlechtsneutrale Maskulinum „mit Hilfe empirischer Methoden vom Glauben zum Wissen zu gelangen“ (1988: 310), zeigen konnte, dass „die Benachteiligung der Frau durch das generische Maskulinum (…) keine feministische Schimäre (ist), sondern psycholinguistische Realität.“ (1988: 305) Insofern, so seine Schlussfolgerung, wird die von unzähligen Frauen aufgestellte Forderung nach einer gleichberechtigten Nennung weiblicher und männlicher Formen „zwar nicht zur Beseitigung, sicherlich aber zu einer Abschwächung der Ignoranz gegenüber dem Frauenanteil in Personengruppen“ führen (1988: 319).

Fazit: Machen Sie Frauen sichtbar, sprechen Sie Frauen an, heißen Sie Frauen willkommen, in der Stadt, auf dem Land, im Landkreis Görlitz! Wir haben noch viel zu tun.

 


Ulrike Gräßel, „Aber Sie wissen da sicher mehr darüber!“ Orientierungen von Expertinnen und Experten in Fernsehdiskussionen, in: Friederike Braun, Ursula Pasero (Hg.), Kommunikation von Geschlecht, Pfaffenweiler 1997, S. 88-104

Anja Gottburgsen, Stereotype Muster des sprachlichen doing gender. Eine empirische Untersuchung, Wiesbaden 2000, S. 33

Ulrike Gräßel, Weibliche Kommunikationsfähigkeit – Chance oder Risiko für Frauen an der Spitze? in: Adam, Eva und die Sprache, Beiträge zur Geschlechterforschung, Duden, Thema Deutsch, Band 5, hg. von der Dudenredaktion und der Gesellschaft für deutsche Sprache, Mannheim et al. 2004, S. 56-68

Rebecca Solnit 2015, orig. 2014

Josef Klein, Benachteiligung der Frau im generischen Maskulinum – eine feministische Schimäre oder psycholinguistische Realität?, in: Oellers, Norbert (Hg.), Akten des Germanistiktages 1987, S. 310-319; ders., Der Mann als Prototyp des Menschen – immer noch? Empirische Studien zum generischen Maskulinum und zur feminin-maskulinen Paarform, in: Adam, Eva und die Sprache, Beiträge zur Geschlechterforschung, Duden, Thema Deutsch, Band 5, hg. von der Dudenredaktion und der Gesellschaft für deutsche Sprache, Mannheim et al. 2004, S. 292-307

F wie Fragebogen

F wie Fragebogen

Sarah Weinberg prägt den kulturellen Januar an der Neiße als Künstlerische Leiterin der Internationalen Messiaen-Tage. Sie lebt seit 2017 in Görlitz und liebt die Stadt für ihre Farben und das Echo des Viadukts. Die diesjärhigen Messiaen-Tage finden vom 11. bis 15. Januar in Görlitz-Zgorzelec statt.

Wie heißt du?
Sarah Weinberg

Zweiter Vorname?
Passt so.

Worüber hast du zuletzt herzlich gelacht/bitterlich geweint?
Im Theater bzw. im Symphoniekonzert – wo sonst?!

Was fällt dir leichter: Ankommen oder Aufbrechen?
Kommt drauf an, wo die Sonne steht.

F wie Kraft, F wie …
Freiheit.

Wovon lebst du?
Ich lebe von der Schönheit, die uns umgibt und davon, sie den Menschen zu zeigen.

Was findet man in deiner Tasche?
Diverse lebensrettende Zauberdinge: Lippenstift, Naschies, Ohropax, einen Korkball, Besteck und eine Glasflasche.

Wie lebst du in 10 Jahren?
Voller Liebe und voll in der Natur.

Hast du einen Plan B?
Teilweise laufen mehrere Pläne parallel ab oder wechseln sich ab A, A1, A2, B, B1… ansonsten gleite ich im Flow.

Welches Buch liegt neben deinem Bett?
Ingeborg Bachmann, Gedichte.

Wo fühlst du dich am Lebendigsten?
Allein in der Mitte eines Waldsees, zwischen unterschiedlichen Instrumenten oder zu Tisch mit meinen Herzmenschen.

Wovon hast du als Letztes geträumt?
Meistens träume ich von Pierogi.

FRAUEN.GESTALTEN.WELTEN

FRAUEN.GESTALTEN.WELTEN

Das Projekt Frauen.gestalten.Welten

… richtet sich vorrangig an Frauen* mit Fluchterfahrung, die in der Stadt – oder dem Landkreis Görlitz leben. Wir möchten Frauen* unterschiedlicher Herkunft einen Raum eröffnen, um sich zu begegnen, auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen, Ideen zu spinnen und diese umzusetzen. Zudem wird die Möglichkeit eröffnet, sich in herkunftssprachlicher Übersetzung Informationen zu zentralen und komplexen Themen im Integrationsprozess einzuholen. Durch die Projektstrukturen werden Frauen* außerdem verschiedene Ressourcen zugänglich gemacht, um sich als aktive Akteurinnen im Stadtgeschehen einzubringen.

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Entwickelt hat sich das Projekt…

… aus dem ehemaligen Café Hotspot als niedrigschwellig zugänglichen Begegnungsraum für Geflüchtete und Einheimische. Hier wurde im Rahmen des offenen Cafés die Möglichkeit geboten, sich in Alltagsfragen beraten zu lassen oder sich ehrenamtlich zu engagieren. Daraus hat sich zum Beispiel die Migrantenselbstorganisation SYRLITZ entwickelt. Mit der Schließung des Café Hotspot verschwand ein wichtiger Ort für geflüchtete Menschen in Görlitz, der einzige seiner Art. Um aber auch zukünftig einen geschützten und diskriminierungssensiblen Raum, insbesondere für Frauen*, in der Stadt zu schaffen, konnte im April 2019 mit dem Second Attempt e. V. als Träger und gefördert durch den Freistaat Sachsen das Projekt „Frauen.gestalten.Welten – Beratung und Begleitung geflüchteter Frauen in die Selbstorganisation“ in seiner praktischen Umsetzung gestartet werden.

Der Grundgedanke war und ist, im Landkreis Görlitz Freiräume zu schaffen, um geflüchteten Frauen* die Möglichkeit zu eröffnen, ihre Bedarfe sichtbar zu machen, sich in ihren oft geteilten Erfahrungen gegenseitig zu unterstützen und dabei erkennen zu können, dass hinter den individuellen Problemlagen oft strukturelle Benachteiligungen stehen. Für deren Veränderungen ist es lohnenswert, sich nachhaltig selbst zu organisieren.

Welche Bedarfe sehen wir?

Geflüchtete Frauen* sind in ihrem Zugang zu wichtigen gesellschaftlichen Bereichen wie Arbeit und Bildung, demokratischer Mitbestimmung sowie sozialer und kultureller Teilhabe strukturell benachteiligt. Nicht nur, aber besonders in peripheren Räumen sind die Möglichkeiten, sich außerhalb der Familie und dem Freund*innenkreis als selbstwirksam wahrzunehmen, durch den Mangel an Angeboten und Möglichkeiten sehr gering.  Die Folge daraus ist, dass viele daran zweifeln, einen aktiven Beitrag in der Gesellschaft leisten zu können, in der sie leben.  Das betrifft besonders Frauen* mit Kindern, denn aufgrund fehlender Kinderbetreuungsplätze ist der Zugang zu Sprachkursen und infolgedessen auch zu anderen Lebensbereichen erschwert. Viele Frauen*, die Betreuungsarbeit leisten, sind stark in häuslichen und familiären Kontexten eingebunden. Da die vielfältigen offenen Familienangebote der Stadt fast ausschließlich auf Deutsch beworben werden, kann es selten zu Begegnungen und Austausch mit anderen Görlitzer*innen kommen.

Fremdenfeindliche, rassistische und islamfeindliche Haltungen in Teilen der Mehrheitsbevölkerung erschweren Women of Color und insbesondere Frauen*, die ein Kopftuch tragen, den Alltag zusätzlich. Die Projektteilnehmerinnen machen alltäglich Diskriminierungserfahrungen auf verschiedenen Ebenen. So berichtete zum Beispiel eine Frau*, die auf Wohnungssuche in Görlitz war, dass viele Vermieter*innen beim Erstgespräch am Telefon direkt auflegten, sobald sie hörten, dass sie kein akzentfreies Deutsch spricht. Auch werden ihnen auf der Straße im Beisein der Kinder oftmals abwertende Kommentare hinterhergerufen oder es treffen sie missfällige Blicke.

In Folge solcher demütigender Erfahrungen äußern viele Projektteilnehmerinnen, dass sie sich keine langfristige Zukunft in der Region vorstellen können. Auch wenn sie die Stadt eigentlich schätzten, zum Beispiel aufgrund ihrer Größe, Ruhe und der Schönheit der Häuser, welche teilweise an syrische Städte der Vergangenheit und somit an die Heimat erinnern.  Aber die Aussicht auf bessere Erwerbs- und Bildungschancen in Großstädten sind enorme Pull-Faktoren. Insbesondere jüngere, engagierte geflüchtete Frauen* ziehen häufig, sobald es ihnen möglich ist, in größere Städte, nachdem sie hier vergeblich versucht haben einen Job oder eine Ausbildung zu finden.

Das zentrale Anliegen von Frauen.gestalten.Welten ist es daher, die gesellschaftlichen, sozialen, politischen sowie kulturellen Teilhabemöglichkeiten geflüchteter Frauen* zu stärken und somit einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich die Lebensbedingungen in der Region verbessern.

Was machen wir konkret?

Ein Großteil unserer Angebote findet derzeit im Vis à Vis auf der Bismarckstraße 19 statt. Hier öffnet immer freitags das Café, in dem Frauen* sich auf einen Kaffee oder einen Chai treffen und austauschen können. Das hauptamtliche Team berät bei Bedarf zu verschiedenen Alltagsfragen, hilft beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen oder beim Schreiben von Bewerbungen und vermittelt gegebenenfalls an Fachstellen weiter. Eine der Mitarbeiterinnen übersetzt ins Persische, andere Projektteilnehmerinnen übersetzen ehrenamtlich ins Arabische und manchmal auch ins Kurdische. So bearbeiten wir die komplexen Formulare und Anträge von Behörden und anderen Institutionen oder begegnen anderen Anliegen gemeinsam. Das offene Café soll neben der Möglichkeit einer kostenlosen und niedrigschwelligen Beratung auch einen sicheren Raum für Selbstorganisation bieten. Deshalb sind neue Ideen und Impulse, die meist aus speziellen Bedarfen resultieren, jederzeit willkommen und gemeinsam suchen wir nach Lösungsansätzen und Umsetzungsmöglichkeiten. Auf Wunsch der Besucherinnen ist so beispielsweise unser monatlicher Handarbeitstreff entstanden, bei dem Frauen* gemeinschaftlich nähen, sticken oder stricken und in diesem Rahmen Bekanntschaften machen und durch das gemeinsame Tun ein bisschen Deutsch üben können.

Ein wichtiger Teil des Projekts ist die Organisation von Informationsveranstaltungen, Empowerment-Workshops und themenspezifischen Gesprächsrunden mit Expertinnen aus verschiedenen Bereichen rund um die Themen Familie, Gesundheit, Umgang mit Diskriminierung und soziales Engagement. In diesem Jahr wird zum Beispiel eine Projektteilnehmerin, die in Syrien Zahnmedizin studiert hat, eine Informationsveranstaltung zu Kinderzahngesundheit halten. Die Inhalte werden immer simultan in die zwei häufigsten Herkunftssprachen Persisch und Arabisch übersetzt. Um auch Frauen*, die Sorgearbeit leisten müssen, die Teilnahme an den Angeboten zu ermöglichen, bieten wir zuverlässig während aller Veranstaltungen und in den Kernöffnungszeiten am Freitag eine Kinderbetreuung an.

Da hinter der Kindererziehung eine geteilte Verantwortung steht, wünschen sich einige Frauen*, dass zukünftig auch die Väter an Informationsveranstaltungen teilnehmen. Deshalb werden manche Formate themenbezogen nun auch für interessierte Männer* geöffnet.

Neben den inhaltlichen Veranstaltungen möchten wir auch kreative und empowernde Freizeitangebote als Ausgleich zum oftmals anstrengenden und teilweise belastenden Alltag schaffen. So bieten wir beispielsweise einen wöchentlichen Frauen*-Fitnesskurs an. Einmal im Monat arrangieren wir außerdem ein „Feiern unter Frauen*“ an verschiedenen Orten in der Stadt. Dieses Format wird besonders gut angenommen, da es ermöglicht, zu guter Musik ausgelassen zu tanzen und im Idealfall für wenige Stunden die Mutterrolle abzulegen. Eine Besucherin verabschiedete sich nach einer der ersten Feiern dieser Art mit den Worten: „Das war das erste Mal seit fünf Jahren, dass ich wieder getanzt habe.“ Diese Rückmeldung war sehr bezeichnend und machte klar, dass es solche geschlechtssensiblen Angebote in der Stadt dringend braucht.

Da soziale Angebote und kulturelle Veranstaltungen der Stadt nahezu ausschließlich einsprachig beworben werden, ist die Zugangsschwelle zu öffentlichen Einrichtungen für diejenigen Frauen*, die die deutsche Sprache noch nicht lesen können, sehr hoch. Um diese Zugangsschwellen ein wenig abzubauen, machen wir regelmäßig gemeinsame Ausflüge und besuchen verschiedene soziale und kulturelle Einrichtungen oder Veranstaltungen in der Stadt und im Landkreis. Solche gemeinsamen Ausflüge können für Teilnehmerinnen sehr empowernd sein, da das Auftreten als Gruppe die Angst vor diskriminierenden Anfeindungen in öffentlichen Räumen mindert.

Neben dem Bestreben, verschiedene Angebote in der Stadt zu initiieren, haben wir auch ein Interesse an der Vernetzung und dem Austausch mit Migrantinnen in der ganzen Lausitz. Deshalb besuchen wir regelmäßig verschiedene Vereine und Initiativen und laden diese auch nach Görlitz ein.

Was wir uns wünschen

… ist, dass unsere Veranstaltungsformate in Zukunft auch vermehrt von Görlitzerinnen besucht werden, die keine Flucht- oder Migrationsgeschichte haben. Bislang scheinen sich nur Wenige von unseren Angeboten angesprochen zu fühlen, was sehr schade ist. Zwar möchten wir insbesondere geflüchteten Frauen* mit unserem Projekt einen geschützten Rahmen bieten, gleichwohl ist es uns ein Anliegen, Begegnungsräume für Frauen*, unabhängig ihrer zugeschriebenen sozialen Kategorien, zu schaffen.

In diesem Sinne: Falls Leserinnen unter Ihnen/euch Lust bekommen unser Projekt näher kennenzulernen – alle interessierten Frauen* sind jederzeit herzlich eingeladen, einfach mal vorbeizukommen!

Unser Café ist immer freitags von 10 – 16 Uhr im Vis à Vis auf der Bismarckstraße 19 geöffnet. Alle weiteren Informationen zu aktuellen Veranstaltungen sind auf unserer Facebook-Seite zu finden.

Aufgrund der aktuellen Lage

… können auch unsere Angebote derzeit nicht in gewohnter Form stattfinden. Die Projektteilnehmerinnen stehen trotzdem telefonisch bzw. über Messengerdienste miteinander in Kontakt und versuchen sich so gut es geht gegenseitig bei Problemen und Herausforderungen in der Isolation zu unterstützen. Einige nähen derzeit Behelfsmasken und möchten diese insbesondere älteren Bewohner*innen der Stadt zukommen lassen, um dadurch einen Beitrag in der jetzigen Situation zu leisten.

In den meisten Haushalten sind primär Frauen* für die Betreuung, Erziehung und Bildungsarbeit der Kinder, das Kochen, das Putzen, die Haushaltsorganisation und die Pflege von Familienangehörigen zuständig. Daher sind sie generell von einer gesellschaftlichen Mehrfachbelastung betroffen. In Krisenzeiten, wie der Corona-Pandemie, wird dies noch deutlicher. Durch die Schließung der Schulen und Kindertagesstätten müssen Mütter nun zusätzlich ganztags ihre Kinder betreuen und sie zu Hause unterrichten. Kinder bei den Schulaufgaben zu unterstützen, ist insbesondere für Frauen*, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist und die selbst noch nicht die Möglichkeit hatten, einen Sprachkurs zu besuchen, eine nahezu unmögliche Herausforderung. Weiterhin wird im jetzigen Anspruch an die Schüler*innen und deren Eltern nicht bedacht, dass nicht alle Familien gleichermaßen mit technischen Geräten ausgestattet sind oder derzeit darauf Zugriff haben. Durch die lange Zeit des Homeschooling ergibt sich insbesondere für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache erlernen, eine Benachteiligungssituation für die weiterführende Schullaufbahn.

Ein weiteres Problem, das wir derzeit in unserer Arbeit beobachten können ist, dass wenig offizielle Nachrichten zur aktuellen Lage und den erlassenen (regionalen) Maßnahmen mehrsprachig herausgegeben werden. Viele Menschen informieren sich daher in ihren Herkunftssprachen über die sozialen Medien. So werden allerdings leider auch viele panikschürende Falschmeldungen bis hin zu Verschwörungstheorien verbreitet und es ist schwer unter den jetzigen Bedingungen hierüber ins Gespräch zu kommen.

Eine schnelle Veröffentlichung aller relevanten Nachrichten und Maßnahmen in verschiedenen Sprachen wäre daher, insbesondere in dieser Krisensituation, von offizieller Seite dringend notwendig! Denn nur so kann allen ermöglicht werden, die aktuelle Situation einschätzen und entsprechend verantwortungsvoll handeln zu können. Insbesondere für regionale Neuerungen übersetzen im Projekt nun regelmäßig eine arabische und eine persische Muttersprachlerin Informationen, die in unserer Messengergruppe geteilt werden und so hoffentlich auch darüber hinaus Menschen erreichen.

Abschließend halten wir die Formulierung aus der Bestandsaufnahme des Dachverbandes der Migrantinnenorganisationen vom 31. März 2020 für sehr treffend:

„Jede Krise verstärkt ohnehin schon bestehende gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und macht diese sichtbarer. Wir betrachten es als eine gemeinsame gesellschaftliche und politische Aufgabe, jetzt mehr denn je ein besonderes Augenmerk auf diese unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zu lenken, gegenzusteuern und für die Zukunft daraus zu lernen.“

Dieser Artikel ist entstanden in Zusammenarbeit mit Pauline Hoffmann, Suha Husserieh, Sofia Abdullahi und Corinna Maria Speri.

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VOM MUT, NEUE GESCHICHTEN ZU ERZÄHLEN

VOM MUT, NEUE GESCHICHTEN ZU ERZÄHLEN

Weibliche Perspektiven auf die (jüdische) Geschichte der Lausitz

Als ich vor einem halben Jahr von Berlin nach Zittau zog, reagierten viele Menschen in meinem neuen Umfeld überrascht. Fast überall, wo ich mich vorstellte, wurde ich gefragt, ob ich in der Gegend Familie hätte oder einen Freund, oder ob ich „zurückgekommen“ wäre. Ich musste alles verneinen. Nach meinem Studium in der Großstadt hatte ich einfach eine vielversprechende Stelle in einer Gegend gefunden, die mich schon länger reizte. Bei einem ersten kurzen Besuch in Zittau 2013 schrieb ich in mein Reisetagebuch: „In so einer Stadt ist die Geschichte so nackt, dass man gar nicht anders kann, als sich zu fragen, wie es wohl damals hier war.“ Und nun arbeite ich in der historisch-politischen Bildung, mit einem Schwerpunkt auf jüdische Regionalgeschichte.

Die Geschichte jüdischer Menschen in der Lausitz geht bis ins späte Mittelalter zurück, und doch ist sie den allerwenigsten bekannt. In den meisten Stadt- und Regionalmuseen findet sich nichts oder nur sehr wenig dazu, ganz zu schweigen vom Unterricht in den Schulen. Hier taucht das Stichwort „jüdisch“ vielleicht für ein paar Stunden im Religions- oder Ethikunterricht auf. Im Geschichtsunterricht wird jüdisches Leben fast ausschließlich im Zusammenhang mit Nationalsozialismus und dem Holocaust thematisiert. Unter jüdischer Regionalgeschichte können sich die meisten nichts vorstellen.

Stolpersteine für die Schwestern Bianka und Doris Michaelis in Zittau (Foto: Anne Kleinbauer)

Um dies zu verändern, braucht es vor allem Mut. Mut, sich mit dem hartnäckig in unserer Gesellschaft verbreiteten Antisemitismus auseinanderzusetzen (und ja, das heißt auch, die eigenen Vorstellungen und Vorurteile zu überprüfen). Mut, die Perspektive zu wechseln und die Geschichte nicht mit dem Fokus auf diejenigen zu erzählen, die sich in der Vergangenheit dazu berechtigt fühlten, Menschen anderen Glaubens oder anderer Herkunft auszugrenzen. Sondern diejenigen in den Vordergrund zu rücken, die immer wieder von Neuem anfangen mussten, sich in der Lausitz und anderswo heimisch zu fühlen. Und nicht zuletzt Mut, die eigene Geschichte selbst zu schreiben – so wie es Katrin Griebel tat, als sie begann, zu jüdischer Regionalgeschichte zu arbeiten.

Für Griebel, Anfang der neunziger Jahre von Berlin nach Zittau gekommen, gab es als studierte Philosophin hier keine Arbeit – also schuf sie sie selbst. Über eine befristete Anstellung am Stadtmuseum stellte sie die erste größere Ausstellung zur jüdischen Regionalgeschichte auf die Beine. Dazu sammelte sie unter anderem Objekte aus Zittauer Geschäften, deren Eigentümer im Nationalsozialismus verfolgt worden waren. Durch jahrelangen regen Austausch mit Angehörigen und Nachfahren der vertriebenen jüdischen Zittauer*innen sammelte sie genug Archivmaterial, um damit eine Regalwand zu füllen. Die meisten Recherchen unternahm sie auf eigene Faust und unbezahlt.

2004 begann sie schließlich im Auftrag des soziokulturellen Zentrums Hillersche Villa, Geschichtswerkstätten mit Schüler*innen durchzuführen, um sie mit den verdrängten Geschichten der Region bekannt zu machen. Ausschlaggebend dafür war die wiederholte Schändung des jüdischen Friedhofs. Immer wieder wurden Grabsteine auf dem kleinen Friedhof am Stadtrand umgeworfen, zerstört, beschmiert. Nach dem letzten derartigen Vorfall im Frühjahr 2003 stellte sich für Katrin Griebel und ihre Mitstreiter*innen der Initiative „Erinnerung und Versöhnung“ die Frage: was können wir tun, damit sich endlich etwas ändert?

Zerstörte Grabsteine auf dem Zittauer jüdischen Friedhof, 1992 (Foto: Hillersche Villa)

Die Antwort gaben die Geschichtswerkstätten: Wir müssen gemeinsam mit jungen Leuten die Geschichte der Region neu erkunden, sie anders erzählen. Solche Formate, in denen beispielsweise mit Schüler*innen Biografien zur Verlegung von Stolpersteinen rekonstruiert werden, gibt es an vielen Orten in Deutschland. Doch alle haben ein ähnliches Problem: sie sind freiwillig, und an vielen Schulen fehlt die Zeit oder das Interesse, neben dem regulären Lehrplan noch Projekte zur Lokalgeschichte durchzuführen. Deshalb verlassen noch immer viele junge Menschen die Schule, ohne zu wissen, dass es in ihrer Stadt einmal eine Synagoge gab oder noch gibt. „Jude*Jüdin“ bleibt für sie ein abstrakter Begriff, der nichts mit realen Menschen in ihrer Umgebung zu tun hat. Das Vakuum, das dabei entsteht, bietet Platz für Stereotypen oder gar Verschwörungstheorien. Vor allem der israelbezogene Antisemitismus wird seit einigen Jahren verstärkt spürbar.

Den Mut, neue Geschichten zu erzählen, oder alte Geschichten neu zu erzählen, hat auch eine junge Frau in Görlitz gefunden – allerdings für ein anderes Publikum. Lauren Leiderman ist gebürtige US-Amerikanerin und ausgebildete Opernsängerin. Sie zog Ende des vergangenen Jahres mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn nach Görlitz. In Deutschland lebt sie bereits seit sechs Jahren. Zuerst kam sie nach Dresden, um als Sängerin zu arbeiten, hatte das schnelllebige Show-Business aber bald satt. Sie ließ sich in den USA zur Englischlehrerin ausbilden, bevor sie nach Deutschland zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie Englisch an Volkshochschulen, in Firmen und für Privatschüler*innen.
Doch ihre wahre Leidenschaft gilt der Geschichte, wie sie bei einem unserer Skype-Gespräche erzählt: „Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. In einem Alter, in dem meine Klassenkameradinnen alles über die Backstreet Boys wissen wollten, interessierte ich mich für die sechs Frauen von Henry Tudor.“

Ich lernte Lauren bei ihrer ersten Jewish History Walking Tour kennen, die an einem Samstag Anfang März in Görlitz stattfand. Während der englischsprachigen Stadtführung war ihre Begeisterung für das Thema geradezu ansteckend. Schon nach den ersten Stationen der Tour war ich überzeugt von ihrer Fähigkeit, in verständlicher Sprache und mit großer Anteilnahme Episoden aus den letzten sieben Jahrhunderten jüdischer Geschichte in Görlitz zu erzählen. Am besten erinnere ich mich an ihre Schilderungen zum mittelalterlichen jüdischen Badehaus, das so beliebt war, dass es schließlich auch für christliche Badegäste geöffnet wurde. So lange, bis die Görlitzer Juden*Jüdinnen 1349 in einem gewalttätigen Pogrom aus der Stadt vertrieben und ihr Besitz unter christlichen Görlitzer*innen aufgeteilt wurde.

Als wir mit der Tour an der Neuen Synagoge in der Otto-Müller-Straße und damit im frühen 20. Jahrhundert angekommen sind, wird deutlich, dass Lauren sich nicht nur um das Aufdecken einer verdrängten Vergangenheit bemüht, sondern aktiv dabei ist, wieder jüdisches Leben in die Stadt zu bringen. Gemeinsam mit vielen anderen Görlitzer*innen engagiert sich Lauren im Förderkreis der Görlitzer Synagoge. In dem 1911 erbauten architektonischen Meisterwerk finden schon lange keine Gottesdienste mehr statt. Doch nach Abschluss der Sanierungsarbeiten soll es als Kultur- und Ausstellungsraum wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Ich hoffe, dass zur Eröffnungsfeier viele Nachfahren derjenigen Menschen zusammenkommen, die vor dem Holocaust hier gemeinsam gefeiert und gebetet haben.“ Lauren ist das einzige Mitglied im Förderkreis mit englischer Muttersprache und hat daher die Aufgabe übernommen, die überall auf der Welt verstreuten Nachfahren der überlebenden jüdischen Görlitzer*innen zu kontaktieren. Über Internetseiten wie Facebook und MyHeritage macht sie sie ausfindig, baut eine persönliche Verbindung auf und stößt dabei auf viele weitere, noch unerzählte Geschichten.

Lauren Leiderman bei ihrer Jewish History Walking Tour in Görlitz (Foto: Anne Kleinbauer)

Die unerzählten Görlitzer Geschichten beschränken sich aber nicht nur auf dessen ehemalige jüdische Bewohner*innen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Tessa Enright arbeitet Lauren bei Discover Görlitz an einer ganzen Bandbreite thematischer Stadtführungen auf Englisch. „Im Moment basteln wir an einer Gespenster-Tour, die wir in den Abendstunden anbieten wollen.“ Sie glaubt, dass das touristische Angebot in der Stadt noch ausbaufähig ist: „Vor Discover Görlitz gab es keine wirklich englischsprachigen Touren in Görlitz. Die Gästeführerausbildung gibt es nur auf Deutsch, dabei ist Görlitz schon längst ein Anziehungspunkt für den internationalen Tourismus.“

Die ungewöhnlichen Stadtführungen verdanken sich Laurens Überzeugung, dass die Region insgesamt ein paar neue Perspektiven gut gebrauchen könnte. „Meiner Meinung nach gibt es hier so viel Potenzial. Manchmal braucht es da einfach Menschen von außerhalb, die einen anderen Blick haben und neue Narrative mitbringen!“ Und gleichzeitig lädt sie ihre Mitmenschen selbst zu neuen Erfahrungen ein. Ihr Mann stammt aus einer jüdischen Familie, und das wird im Alltag auch gelebt. „An unserer Wohnungstür hängt eine Mesusa.1 Unsere Nachbarn hatten am Anfang keine Ahnung, was das ist und wozu es gut ist. Wir haben es ihnen erklärt und jetzt ist es für sie ganz normal.“

Ich für meinen Teil habe seit meinem Umzug in die Lausitz schon mehr Neues gelernt, als ich in einem weiteren halben Jahr in Berlin je hätte erfahren können. Der Perspektivwechsel von der Groß- in die Kleinstadt, der Austausch mit „Alteingesessenen“, Kindern und Jugendlichen aus der Region und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte haben mich viele meiner Überzeugungen überdenken lassen. Ich frage mich, ob dieses Einnehmen anderer Blickwinkel Frauen* leichter fällt, weil sie es gewohnt sind, stets mindestens zwei Perspektiven mitzudenken: die eigene und die patriarchale. In jedem Fall kann es nicht schaden, ab und zu die Welt mit anderen Augen zu betrachten. Auch wenn sich dabei herausstellen sollte, dass sie viel komplexer ist, als wir manchmal glauben.

1 Eine Mesusa ist eine kleine Kapsel, die eine mit Worten aus der Tora beschriebenen Pergamentrolle beinhaltet und die traditionell an den Türen jüdischer Wohnungen angebracht wird.

Lauren Leidermann

… ist erreichbar unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. oder via facebook (@discovergoerlitz)

Anne Kleinbauer

… arbeitet bei der Hillerschen Villa (soziokulturelles Zentrum im Dreiländereck) im Bereich historisch-politische Bildung, mit einem Schwerpunkt auf jüdische Regionalgeschichte. Sie studierte Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft und Historische Urbanistik in Berlin. Bei Fragen oder Interesse am Engagement gegen Antisemitismus schreiben Sie gerne an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
EINSAMKEIT IN ZEITEN VON CORONA

EINSAMKEIT IN ZEITEN VON CORONA

Vor ein paar Tagen las ich die Schlagzeile «Wer jetzt allein ist, wird es lange blieben» in einer deutschen Wochenzeitung.

Das klingt eindeutig, folgerichtig und so gar nicht erquickend. Die Schlagzeile wirft unweigerlich die Frage auf, wie wir als Gesellschaft Alleinsein und Einsamkeit während und nach der Bekämpfung von COVID-19 gestalten und leben wollen.

Ich habe in den letzten Tagen Menschen in Deutschland, England und der Schweiz zu dem Thema interviewt, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise vom Coronavirus betroffen sind. Diese Eindrücke, die ich unter anderem für mein Buch zum Thema Einsamkeit gesammelt habe, lassen sich am besten in den folgenden fünf Beobachtungen aufzeigen.

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Corona als Katalysator für Einsamkeit

Für Menschen, die vor dem Virus einsam waren, wirkt die soziale und politisch verhängte Isolation aufgrund des Coronavirus wie ein Katalysator. Sie fühlen sich jetzt noch einsamer, verlassen und von der Welt abgeschnitten. Ärzt*innen und Telefonseelsorge in verschiedenen Städten und Ländern schlagen Alarm: Menschen suchen Hilfe und Unterstützung, um diese für sie belastende und tendenziell traumatisierende Zeit zu überbrücken. Jetzt sind vergleichsweise mehr Leute physisch allein und einsam. Jetzt besteht die einmalige Chance, einen gesellschaftlichen Diskurs zum Thema Einsamkeit anzustoßen. Nicht zuletzt, weil über die eigene Einsamkeit zu reden tendenziell immer noch mit einem Tabu behaftet ist. Gleichzeitig haben in den letzten Jahren verschiedene Studien und Forschungen gezeigt, wie schädlich langandauernde Einsamkeit und Isolation sein können.

Neue Einsamkeit?

Menschen, die vor dem Virus noch nicht mit Einsamkeit zu kämpfen hatten, sehen sich emotional mit einem neuen Alltag konfrontiert: kein Essen oder Feiern mehr mit Freunden oder im Familienkreis, kein spontaner Kinobesuch oder Wochenendausflug mit der Familie. Den gemeinsamen Kaffee mit der Freundin oder Nachbarin wird es erstmal so nicht mehr geben. Die Spielgruppe, die sich jeden Abend zum Kartenspiel in der Kneipe um die Ecke trifft, wird sich vielleicht bis auf den Sommer vertragen müssen. Die Großmutter, die sich auf ihr Enkelkind freut, sieht sich mit einer Realität konfrontiert, die für viele vor einigen Wochen noch nicht vorstellbar war: Soziale Kontakte werden virtuell aufrechterhalten und gepflegt. Einige von ihnen können da den sozialen Medien etwas Neues und Positives abgewinnen und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. So verabreden sich Familienmitglieder abends zu einem virtuellen gemeinsamen Essen, Liebespaare zum virtuellen Drink und Freund*innen zum Online-Kaffeeplausch tagsüber. Sich in diesen Tagen Rituale zu schaffen und bewusst Kontakte online zu pflegen, hilft Menschen, sich weniger einsam zu fühlen. Diese Strategie scheint für viele, mit denen ich gesprochen habe, emotional nur machbar in dem Wissen und der Hoffnung, dass der Ausnahmezustand zeitlich begrenzt ist.

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Resilienz durch vertrautes Alleinsein

Und dann gibt es die Menschen, die es beruflich oder privat gewohnt sind, viel allein zu sein, wie z. B. die Selbstständigen und die Alleinstehenden.

Die Menschen, die schon vor dem Coronavirus allein gelebt haben, viel Zeit allein verbracht haben und/oder sich mit ihrer eigenen Einsamkeit auseinandergesetzt haben, empfinden den momentanen Ausnahmezustand nicht unbedingt als  emotional völlig andere oder einschneidende Situation: Sie haben bewusst oder zwangsläufig gelernt, allein zu sein. Diesen Betroffenen scheint es leichter zu fallen, soziale Kontakte zu meiden bzw. sehr stark zu begrenzen und zu Hause zu bleiben. Diese Menschen haben eine gewisse Routine entwickelt und Alltagsabläufe und Rituale verinnerlicht, die es jetzt erleichtern, konstruktiv mit der Situation umzugehen. Dazu gehören Spaziergänge, regelmäßige Bewegung, Lesen, ausgewähltes Konsumieren von Nachrichten und sozialen Medien.

Für sie ist der jetzige Zustand eher eine logistische als eine emotional-mentale Herausforderung: So verlieren Selbstständige von heute auf morgen Aufträge, Reisen müssen umgeplant oder storniert werden und Freundschaften und Sozialkontakte müssen anders als bisher gepflegt werden. Diese Gruppe von Menschen, die resilient und konstruktiv mit dem Alleinsein umgeht, bedient sich eingeübter Rituale der Achtsamkeit, Selbstsorge und Kontaktpflege. Auf die Gesamtbevölkerung übertragen entspricht diese Gruppe wohl eher einer Minderheit.

Trautes Heim, Glück allein?

Dann gibt es Berufstätige, die meist mit ihren Familien leben, es aber nicht gewohnt sind, im Home-Office zu arbeiten. Und die Familien, die plötzlich auf begrenztem Raum Tag und Nacht miteinander verbringen.  Da ist die 25-jährige Studentin, die erst vor Kurzem wieder zu ihren Eltern und jüngeren Geschwistern ziehen musste: Sie hat ihren Stundenjob in einem Café verloren und beschreibt mit eindringlichen Worten, wie sehr sie sich nach selbstbestimmtem Alleinsein sehnt. «Wie lange ich das aushalte, weiß ich nicht…, aber irgendwie muss ich da halt durch».

Den Wunsch, ein wenig selbstbestimmte Zeit für sich allein zu haben und sich nicht ständig um die Bedürfnisse von anderen drehen zu müssen, äußern vor allem Frauen*. Das mag auch daran liegen, dass Frauen* – gerade in der jetzigen Zeit – sehr oft für die Care- und Familienarbeit verantwortlich sind oder sich verantwortlich fühlen.  Sich in dem aktuellen Ausnahmezustand bewusst abzugrenzen und Zeit für sich allein zu nehmen, scheint allen Befragten schwer zu fallen und auch irgendwie unangemessen, wie eine Interviewpartnerin mit dem Verweis auf die familiäre Arbeitsbelastung beschrieb. Den Familien, die seit längerem gelernt haben, bewusst auch Alleinzeit in ihren Familienalltag zu integrieren und zu leben, scheint dies auch in der aktuellen Situation leichter zu fallen. Und das scheint ganz unabhängig von der Größe des Wohnraumes zu sein.

Trautes Heim?

Unabhängig von der Größe des Wohnraumes ist auch eine andere soziale Dynamik zu beachten, die in den letzten Tagen aufhorchen lässt und nachdenklich stimmt. Die Häusliche Gewalt nimmt zu: Wenn Menschen und Familien die ganze Zeit zusammen sein müssen – wo es keinen Rückzugsort gibt und wo sich schon vor dem Virus Anspannungen und Stress  schnell in physischer Gewalt verwandelt haben. Frauenhäuser melden Alarm in diesen Tagen.  Aktuell ist noch nicht absehbar, welche Entwicklung diese physische Gewalt gegen Kinder, Frauen und Männer in Deutschland noch nehmen wird. Sehr viel spricht dafür, dass sie zunimmt, je länger der Zustand anhält.

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Glück allein?

Und dann gibt es Bevölkerungskreise und Regionen, über die diese Tage vergleichsweise wenig berichtet wird, die aber unter der Corona-Krise am meisten leiden. Sie  sind am stärksten betroffen, weil sie in physischer Distanz und Alleinsein nur begrenzt leben können und Gewalt und Gefahren aufgrund ihrer Lebenssituation ausgesetzt sind: Da sind die Familien, Sexarbeiter*innen, Stunden- und Tagelöhner*innen und Straßenkinder, die in den menschenunwürdigen Armutsvierteln von Bangladesch oder Indien leben, die dem Virus schutzlos ausgesetzt sind. Da sind die Geflüchteten auf dem griechischen Festland oder auf der Insel Lesbos, die auf engstem Raum, unter unhygienischen und menschenunwürdigen Bedingungen ausharren und vor sich hinvegetieren müssen. Da sind die Syrer*innen und Palästinenser*innen, die seit Jahren in einem Belagerungszustand leben – fernab des internationalen medialen Hypes und der Hysterie rund um Corona.  Eine Syrerin betont eine bittere Wahrheit und eine leise Hoffnung: «Corona macht uns alle gleich – egal ob reich oder arm. Und jetzt geht es euch so wie uns, und wir Syrer sind nicht mehr allein im Ausnahmezustand.»

Bei anderen Syrer*innen ist die Hoffnung gestorben, und es geht primär um das Warten auf den Tod:

„Wir sind von allen im Stich gelassen, sogar die NGOs haben das Lager verlassen. Wir können nur noch auf uns selbst vertrauen und versuchen, uns selbst zu helfen. Ganz dringend brauchen wir Mülltüten, Handschuhe und Wasser – jede erdenkliche Hilfe. Aber wir haben wenig Hoffnung. Ich kann nur für die syrischen Flüchtlinge sprechen: Wir warten hier darauf, wie wir sterben werden. Im Grunde verlangen wir nur, dass sich Menschen dafür interessieren. Wir vermissen das Mitgefühl, Emotionen. Was hier geschieht ist unmenschlich. Wenn andere jetzt zu Hause bleiben: Wir können das nicht. Ich lebe in einem Zelt, neben Tausenden Menschen auf engstem Raum. Wenn sich eine Krankheit ausbreitet, sind wir verloren.“

Wenn das Leben zwangsläufig auf das alltägliche physische Überleben reduziert ist, scheinen Fragen nach selbstbestimmtem Alleinsein und der Umgang mit schmerzhafter Einsamkeit eine Sequenz aus einem ganz anderen Film, wo Inhalt und Protagonist*innen aus einer längst vergangenen Zeit stammen.

Oder wie es die Syrerin betont, «für uns ist selbstbestimmtes Alleinsein ein Luxusproblem oder zumindest ein Privileg». Für viele Syrer*innen ist es dann auch eher ungewöhnlich, allein zu sein oder zu leben. Der enge Familienzusammenhalt wird gerade in psychisch schwierigen Zeiten als normal und selbstverständlich erachtet. Das Zusammensein mit der Familie und anderen ist der emotionale Kitt für den Einzelnen und die Gemeinschaft: «Ohne die Familie hätte ich den Krieg nicht überlebt». Einsamkeit entsteht primär dann, wenn Familienangehörige sterben und die Leere, die Trauer und das physische Alleinsein nicht durch andere Familienangehörige gefüllt oder abgemildert werden können.

Einsamkeit in Zeiten von Corona: Glück allein?

Wir alle gehen mit Alleinsein und Einsamkeit sehr unterschiedlich um. Soziale Extremsituationen, wie die soziale und politisch verordnete Isolation aufgrund des Coronavirus, bestärken gewisse soziale Zustände in unserer Gesellschaft, spitzten sie zum Teil dramatisch zu und stellen uns die Frage, ob und wie wir Solidarität und Gemeinschaft in unserem Umfeld und unserer Gesellschaft leben wollen.  Ob in Zeiten von auferlegter sozialer Isolation jede*r Einzelne von uns Alleinsein als Privileg ansehen und einen liebevollen und konstruktiven Umgang mit der eigenen Einsamkeit entwickeln kann, liegt an jedem*jeder einzelnen von uns. Sicher bietet sich die Chance für einen Perspektivenwechsel – was wir damit machen, liegt an uns.

 

Dr. Cordula Reimann

…ist Erwachsenbildnerin, Dozentin, Beraterin, Mediatorin und Coach. Cordula bietet Coaching und Weiterbildungen unter anderem zu den Themen „Einsamkeit/Alleinsein“, „Resilienz/Lebenskrisen“, „Trauma“, „Anderssein“,“ Kommunikation & Konflikt“ (auch online) für Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen an. Mehr Informationen unter www.corechange-coaching.ch
DER LADEN LÄUFT – DANK(E) FRAUEN!

DER LADEN LÄUFT – DANK(E) FRAUEN!

Bestehende Ungleichheiten zwischen Geschlechtern werden während der Corona-Pandemie in einem besonderen Ausmaß sichtbar. Es sind mehrheitlich Frauen, die seit Wochen dafür sorgen, dass
„der Laden läuft“.

Nach Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, beträgt der Frauenanteil in sogenannten „systemrelevanten“ Berufsgruppen knapp 75 Prozent.

Der Laden läuft“, da sich Ärztinnen, Alten- und Krankenpflegerinnen im direkten Kontakt zu Mitmenschen einer einem erhöhten Übertragungsrisiko aussetzen. Verkäuferinnen und andere
Dienstleisterinnen haben trotz hohen Kundenkontakts oft nur behelfsmäßige Schutzausrüstungen im Betrieb. Lehrerinnen entwickeln im Eiltempo Methoden des digitalen Lernens, um das Recht auf
Bildung durchzusetzen und versuchen dabei unterschiedlichen sozialen und finanziellen Möglichkeiten von Familien gerecht zu werden. Sozialarbeiterinnen sorgen dafür, dass das Wohl von Kindern, die in
schwierigen familiären Verhältnissen leben, nicht aus dem Blick gerät.

Der Laden läuft“ und dabei stehen diese und andere Frauen, oft zusätzlich selbst als Mütter vor schwerwiegenden Herausforderungen, indem sie vor und nach der Arbeit oder parallel zum
Homeoffice die Beschulung und Betreuung der eigenen Kinder sicherstellen und Alternativen zur Freizeitgestaltung aus dem Boden stampfen. Andere Frauen kompensieren personelle und materielle
Engpässe des Gesundheits- und Pflegesystems, indem sie Pflegebedürftige oder Angehörige mit Behinderungen zunehmend selbst versorgen. Viele nähen ehrenamtlich Behelfsmasken, führen
seelsorgerische Gespräche am Telefon, um insbesondere alleinstehende Menschen vor sozialer Isolation zu bewahren. Sie übernehmen Einkäufe für Eltern, Großeltern und Menschen in der
Nachbarschaft. Neben der Lohnarbeit wird die stark angestiegene Sorgearbeit zur unausgesprochenen Selbstverständlichkeit.

Der Laden läuft“ und dabei verbindet diese Frauen, nicht nur die komplexe Leistung, die sie in diesen Tagen erbringen, sondern auch die meist schlechtere Bezahlung in sog. „Frauenberufen“. Außerdem
sind sie überdurchschnittlich oft in Teilzeit oder Minijobs beschäftigt. So bergen infolge von Unternehmens- und Geschäftsschließungen oder Betriebsbeeinträchtigungen entstandene
Einkommensverluste insbesondere für Frauen ein erhöhtes Armutsrisiko.

Der Laden läuft“, obwohl die Beschränkung von sozialen Kontakten, der starke Rückzug in das Häusliche, beengte Wohn- und Familienverhältnisse, Zukunftssorgen und der erschwerte Zugang zu
professionellen Hilfsangeboten familiäre Konflikte zuspitzen und häusliche Gewalt verstärken können. Dass das bestehende Hilfs- und Schutzangebot zur Zeit der Coronakrise im Landkreis Bautzen
funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis einer langjährigen und ausdauernden Gleichstellungsarbeit vor Ort, die häusliche Gewalt nicht mehr als Privatsache erscheinen lässt.

Wir setzen uns weiter dafür ein, dass der Schutz für alle von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen, Männer und Kinder durch die Umsetzung der „Istanbul-Konvention“, welche bereits am 01. Februar
2018 in Deutschland in Kraft trat, zügig ausgebaut und mit den notwendigen personellen und materiellen Ressourcen ausgestattet wird.

Wir möchten alle ermutigen, das Gespräch darüber wie Vereinbarkeit von Beruf – Familie – Engagement für Frauen und Männer gleichermaßen gelingen kann, gerade jetzt zu suchen. Dabei
können und sollen Ideen nicht nur für den Umgang mit der aktuellen Lage entwickelt und ausprobiert, sondern neue Möglichkeiten gerade auch für die Zeit nach der Krise zur Verfügung stehen und
intensiviert werden. Hierfür braucht es viele, v. a. auch offene und unvoreingenommene Gespräche in der Familie, im Freundeskreis, im Beruflichen und auch im Politischen.

Wir fordern, dass Frauen, die zum großen Teil das gesamtgesellschaftliche Rückgrat der gegenwärtigen Krise bilden, wahre Anerkennung und Wertschätzung für ihre täglich erbrachten Leistungen und eine
angemessene Entlohnung erhalten. Debatten zur Coronakrise sowie langfristige Maßnahmen zu deren Bewältigung müssen politisch, ökonomisch und gesellschaftlich bundesweit wie kommunal unter
frauen- und gleichstellungspolitischen Aspekten geführt werden. Dafür braucht es eine nachhaltige und langfristig gesicherte Frauen- und Gleichstellungsarbeit.

Wir setzen uns seit 30 Jahren gemeinsam mit aktiven Menschen in der Stadt und dem Landkreis Bautzen für eine geschlechtergerechte, sozialverantwortliche, demokratische und gewaltfreie Gesellschaft ein.

Danke Frauen!

 

Die Stellungnahme wurde verfasst von: Intervention gegen Häusliche GewaltFraueninitiative BautzenFrauenschutzhaus Bautzen e.V. und den Gleichstellungsbeauftragten der Stadt und des Landkreises Bautzen

Unterstützerinnen der Stellungnahme sind: Landesfrauenrat Sachsen e.V.DGB OstsachsenLAG der Frauenhäuser und Interventionsstellen Sachsen, LAG der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten SachsenDGB FrauenSächsicher Landesfrauenverband e.V. – Ortsgruppe Bautzener Land und das Frauen.Wahl.LOKAL Oberlausitz

Kontakte:

Gleichstellungsbeauftragte Landkreis Batuten

Ina Körner

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Telefon 03591 5251-87600

Gleichstellungsbeauftrage Stadt Bautzen

Andrea Spee-Keller

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Telefon 03591 534-290

BE-DEUTUNGEN, UM-DEUTUNGEN UND FLÜGE AUF DEM BESEN

BE-DEUTUNGEN, UM-DEUTUNGEN UND FLÜGE AUF DEM BESEN

Über die Tradition des Hexenverbrennens und eine andere Art, die Walpurgisnacht zu zelebrieren

Oh, wie schön ist es zu fliegen
Um zwei Uhr in der Früh’.
Um zwei Uhr in der Früh’
Oh, wie schön ist es zu fliegen!

(Liedtext von „la bruja“, Eugenia León)

Es ist der Abend zum ersten Mai. Jetzt ist es abends wieder länger hell. Endlich trifft man sich nicht nur punktuell bei der Bäckerei, sondern kommt draußen auf der Straße wieder zusammen. Auf diesen Moment haben alle gewartet! Der Frühling steht schon in der Blüte und die Sonnenwärme ist sogar auf den Nasenspitzen bemerkbar. Gemeinsam als Dorfgemeinschaft in der Sonne zusammen zu sein, das ist gesellschaftlicher Kitt für das ganze Dorf. So bunt die Lausitz im Frühling aufblüht, so divers sind auch ihre Bräuche. Jährlich finden am 30. April in zahlreichen Dörfern Feste statt, bei denen ein großes Feuer angezündet wird. Die Tradition trägt in vielen Dörfern seit Jahren den Namen „Hexenbrennen“. Es gibt Bratwurst und Bierchen von der Freiwilligen Feuerwehr und dann das Riesenfeuer. Es ist nicht irgendein Feuer, sondern eine wirklich feurige Angelegenheit. Auf den großen Holzhaufen ist oftmals eine Hexenfigur draufgesteckt. Und diese Hexe soll dann auch mit dem Feuer in Flammen aufgehen. Was hat die Hexe mit der Bratwurst und der Nacht des 30. April eigentlich zu tun?

In diesem Artikel gehen wir dem Brennen der Hexen am 30. April auf die Spur. Warum soll gerade eine Frauen*figur auf dem „Scheiterhaufen“ brennen? Was zählt ist, dass das Dorf zusammenkommt. Aber muss dafür eine Hexe angezündet werden?

Die Hexe war’s – und dafür soll sie brennen

In Göda bei Bautzen wird im theatralischen Erzählen die Hexe angeklagt und muss im Feuer büßen. „Die Hexe war‘s – und dafür soll sie brennen“ (Sachsenhits, 2011). Ich frage mich, was hat sie denn verbrochen? Ich habe nachgeforscht und bin auf viele Geschichten über den 30. April gestoßen. Zum Beispiel wurde in der nord- und mitteleuropäischen Tradition am 30. April die Heiligsprechung der heiligen Walpurga gefeiert. Und das sogar bis ins Mittelalter. Auch bekannt als Tanz in den Mai, der als moderne Feierlichkeit privat und kommerziell den 1. Mai zum arbeitsfreien Feiertag gemacht hat. Hexenbrennen, Tanz in den Mai, Walpurgisnacht oder auch Beltane zeigen uns viele Perspektiven auf, die bei dem Frühlingsfest in der Nacht vom 30. April in den 1. Mai Bedeutung haben. Einer der Bräuche besagt, dass der Gang zwischen zwei Walpurgisfeuern eine Reinigung ist. Die Wurzeln dieser Überlieferung weisen auf die Bedeutung der Walpurga hin, die an Walpurgis als Schutzheilige für Seuchen und Krankheiten angerufen wurde. Das sind doch eigentlich sehr positive Blickwinkel auf die Walpurgis, die als Hexe auf dem Feuer verbrannt werden soll!

Eine Schutzpatronin zu verbrennen, ist das nicht sogar gefährlich, wenn es diese nicht mehr gibt? Wer soll dann für den Schutz vor Krankheiten und Seuchen angerufen werden? Vor allem zu Zeiten von COVID-19?

Historiker*innen erklären, dass die Umdeutung der Bräuche auf die rigorose Christianisierung zurück geht, die dazu führte, dass die alten heidnischen Bräuche verdammt wurden. Wissenschaftler*innen haben sogar Quellen über matriarchalische Gesellschaftsstrukturen im ländlichen Brauchtum gefunden. Inwieweit werden patriarchale Strukturen reproduziert, wie zum Beispiel bei Aussagen wie „Und nun macht das Feuer an, wie stets unsere Väter es auch getan“ (Sachsenhits, 2011)? Können die Wissenschaftler*innen Antworten bezüglich der negativen Sicht auf die Schutzpatronin und auf den frauenfeindlichen Ansatz des Hexenbrennen geben?

Die Ursprünge der Walpurgisnacht der nord- und osteuropäischen Tradition sollen im Harz liegen. Aus der vorchristlichen Zeit gibt es Überlieferungen, dass in der Harzregion ein Frühlingsfest als ein Freudenfest zum Ende des Winters gefeiert wurde. Mit Verkleidung und Masken wurden die Wintergeister vertrieben. Und dazu wurde auch ein großes Feuer entfacht. Vor mehr als 1000 Jahren wurde dieses bedeutsame Fest mit der Christianisierung verändert. Der Name Walpurga, deren Leben in keinem Zusammenhang mit Hexen und dem Teufel stand, bezieht sich für die Harzer auf die heilige Walpurga, die sie zur Schutzpatronin der Seefahrt ernannten (Harzlife, 1999-2020). Also wieder die Frage, warum die Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrennen muss? Marie Hecht (2019) schreibt über die Legitimation in der frühen Neuzeit, in der rund 60.000 Hinrichtungen von sogenannten Frauen* mit Kräuterwissen allein im europäischen Raum stattgefunden haben. Bereits in den 70er Jahren versuchte die Frauenbewegung den Begriff „Hexe“ wieder positiv zu besetzten. Wie kann dem Anliegen symbolischer Hinrichtungen im Rahmen des „Hexenbrennens“ Gehör vermacht werden?

Hauptschurkin war die ungehorsame Ehefrau

Vandana Shiva (2010:21) benennt die Hexenverfolgung als ein Auslöschen von medizinischem Wissen über das Frauen* verfügt haben. Neben der Überlieferung, Walpurgis der Schutzpatronin, ist der 30. April als Beltane (Fruchtbarkeitsfest) zum Sommeranfang in Irland bekannt. Der Winter wird endgültig verabschiedet und auf den Feldern sprießt es schon oder es wird fleißig gesät. Beltane ist das Fest der Lebensfreude und der Fruchtbarkeit, das dafür sorgt, dass das Leben weiter bestehen kann. Wenn wir weiter forschen, wird das Fruchtbarkeitsfest auch als Geschlechtsakt der Natur beschrieben. Es ist regelrecht beobachtbar wie die Blüten und Blätter aus den Knospen explodieren. Der Geschlechtsakt wurde unter den Einflüssen der katholischen Kirche, zumindest vor der Ehe, als Sünde, also als etwas Verbotenes deklariert – und bis heute werden Frauen* dafür verurteilt, wenn sie eine Abtreibung vornehmen möchten. Wenn ein Rezept mit dem Kräuterwissen der Hebammen zur Abtreibung gemischt wurde, dann führte dies zur Todesstrafe. Hier griff das römische Recht der katholischen Kirche. Bis heute besteht der feministische Kampf darin, dass jede Frau* ein Recht hat, über den eigenen Körper zu entscheiden. #MyBodyMyChoice weist darauf hin, dass jede Frau* selbst entscheiden kann, ob sie einen Schwangerschaftsabbruch aus welchen Gründen auch immer vornimmt. Schon der Slogan der feministischen Kämpfe in den 70er Jahren «Wir sind die Enkelinnen der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet» spricht von der Kritik an patriarchalen Strukturen. Die Domestizierung der Frauen* in Europa im 16. und 17. Jahrhundert führte zur Abwertung der Frau* als Arbeitskraft und ihre Autonomie gegenüber den Männern wurde abgeschlagen.

„Frauen wurden beschuldigt, unvernünftig, eitel, wild und verschwenderisch zu sein. In besonderem Maße kritisiert wurde die weibliche Zunge, das Instrument der Aufsässigkeit. Die Hauptschurkin war jedoch die ungehorsame Ehefrau“ (Frederici, 2015:129). Hier finden wir Erklärungen für die Abnahme der Frauenrechte im privaten und öffentlichen Raum und Verurteilungen Frauen* gegenüber. Silvia Frederici beschreibt in ihrem Buch „Caliban und die Hexe“ (2015), weshalb die Körperpolitik grundlegend für eine positive Aufwertung des weiblichen Körpers ist. Für den Aufbau der kapitalistischen Gesellschaft steht die Förderung des Bevölkerungswachstums als Reproduktion von Arbeitskräften im Vordergrund. Daraus erklärt sich, warum sich der Frauen*körper als Reproduktionsmaschine und zur Domestizierung angeeignet wurde. In einer Gesellschaft, in der Frauen* die sozialen Drähte zusammenhalten, gehört aufgrund dieser historischen Verflechtungen zu der Entscheidung für sich selbst wirklich viel Mut. Bis heute funktioniert das Vorurteil, dass Hexen böse sind – ein Bild, das bis heute fortwirkt und selbstbewusste und wissende Frauen* negativ darstellt. Dies unterstützt die bisher patriarchale Machtstellung in der Gesellschaft. Und umso komplexer sind die Memorien, Verstrickungen und ja, auch Verurteilungen, wenn eine Hexenfigur, eine Hebamme, eine Walpurga an Beltane einfach auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll.

Ein Dorf in der Lausitz verarbeitet dieses Thema besonders kreativ

In Großhennersdorf trägt das lebensfrohe Spektakel am 30. April den Namen „Walpurgis“. Dort gibt es ein magisches Kinder- und Familienprogramm mit Hexenküche. Initiiert wurde diese besondere, mittlerweile schon seit mehr als 25 Jahren gefeierte Tradition von Mechthild Roth, der Leiterin der Theaterpädagogischen Werkstatt des soziokulturellen Vereins Hillersche Villa e. V. in Zittau. Mechthild erzählt mir über die feurigen Walpurgis-Feierlichkeiten in Großhennersdorf.

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Um 17.17 Uhr werden in Großhennersdorf auf besondere Art und Weise die Besen geschwungen. Gemeinsam mit einer Gruppe von Ehrenamtlichen wurde für den 30. April alles geplant, vorbereitet und mit der freiwilligen Feuerwehr und dem Karnevalsclub koordiniert. Anliegen in Großhennersdorf ist es, am 30. April keine Hexe zu verbrennen. Mechthild ist damit vor 25 Jahren an die Feuerwehr herangetreten. Und sie konnten sich gemeinsam darauf einigen, den Themen rund um „Hexen“ Sichtbarkeit zu geben. In Großhennersdorf werden Bratwürste und Bier verkauft, ohne dass eine Hexe aufgrund eines Urteils auf den Scheiterhaufen kommt. Das erwarten die Menschen, die hier zum Fest kommen, auch gar nicht. Die Besucher*innen kommen auf unterschiedlichen Wegen zum bunten Mitmach-Angebot für Groß und Klein. Geboten sind vielfältige Attraktionen wie Schminken und Kostümgestaltung. Friseurinnen vom örtlichen Salon Dutschke sorgen für ausgefallene Frisuren. Verkleiden mit einem selbst gestalteten Kostüm gehört zum feurigen Fest, sowie Musik der “Saltarello“ Frauen*band. Nicht zu vergessen ist das Bauen von Krachinstrumenten für den Umzug und die Hexenküche. Auch kreatives Handarbeiten wie Filzen und Figurenbau dürfen nicht fehlen. Wer will, kann sich seinen eigenen Besen binden und damit im Hexenparcours das Fliegen trainieren.

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Sonst wäre das mit dem Hexenfeeling nur halb so wahrhaftig. Höhepunkt ist die zuvor einstudierte Performance. Zu guter Letzt wird von der freiwilligen Feuerwehr ein wunderschönes großes Feuer entfacht. Karnevalsclub und Sportverein beteiligen sich mit Tanzeinlagen und helfen tatkräftig beim Getränkeverkauf. Senior*innen aus dem Ort verwöhnen die Gäste mit Selbstgebackenem. Hier verdient eigentlich niemensch Geld. Im Mittelpunkt steht die Beteiligung. Es geht darum, als Dorf ein Event gemeinsam zu gestalten. Diese besondere Art und Weise, die Walpurgisnacht zu feiern, ist einmalig in der Lausitz. Und das verspricht einen großen Zulauf. Die Rauchzeichen wurden vernommen und ja, es hat sich herumgesprochen. Das Hexenfest in Großhennersdorf ist etwas Besonderes und hebt sich von den üblichen Festen ab. Vor allem das Programm, welches von einem eingespielten Team im Detail ausgetüftelt und vorbereitet wird, hat sich bewährt. Zielgruppe ist die ganze Familie!

Hier zählen ein kreativer Geist und die Motivation der Besucher*innen. Schließlich ist die Vorbereitung auf ehrenamtlicher Basis, neben Beruf, Kinderbetreuung, Haushalt etc. ein großer Aufwand. Das Team besteht zufälligerweise nur aus Frauen*. Oder gibt es keine Zufälle? Das weiß vielleicht nur die Walpurga…

Auf jeden Fall ist es viel und unbezahlte Arbeit von Personen, die als Care-Arbeit meistens sowieso unbezahlt von Müttern und Frauen* geleistet wird. Mechthild erzählt: „Als wir damals angefangen haben war es überhaupt nicht üblich, dass am 30. April was gemacht wird. Wir – ein paar Frauen* und Mütter – hatten einfach Lust, was Verrücktes zu machen. Ein wildes chaotisches Fest zu feiern. Wir haben nicht viel nachgedacht, wir haben einfach gemacht!“ Und was die Frauen* vor über zwanzig Jahren geschaffen haben, hat heute mit der grundlegenden wichtigen Umdeutung des Verbrennens von Hexen zu tun. Bier und Bratwurst (mittlerweile auch beliebte, vegetarische Grillspieße) als Einnahmequelle bleiben bestehen. Und gleichzeitig wurde das Gedenken an Walpurga mit einer ganz neuen Metapher gefüllt. Hier wird die Initiative der Frauen* sichtbar. Eine grundlegende kulturelle Arbeit für die Region gewinnt an Bedeutung! Das Hexenfest in Großhennersdorf für Groß und Klein, das ist also ganz fein.

Ob das Zurückbesinnen auf die Bedeutung des 30. April wohl weitere Vereine und Dörfer zu einem neuen Umgang mit ihren Traditionen inspiriert? Vielleicht werden die Feuer Walpurga zukünftig ehren und neue, kreative Möglichkeiten des Zusammenlebens in der Dorfgemeinschaft geschaffen – von Frauen*, Männern und auch Menschen diverser Geschlechter. Vielleicht gemeinsam mit ein paar Hexen, die womöglich in der Lausitz unterwegs sind?

Quellenangaben:

Frederici, Silvia (2015)

Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Mandelbaum, Budapest.

Harzlife. (1999-2020)

Walpurgisnacht. Geschichte und Hintergrundwissen.

https://www.harzlife.de/event/walpurgis-info.html

Hecht, Marie (2019)

Wer hat die Macht. Am Donnerstag ist Halloween. Eine Suche nach den Hexen unserer Zeit.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1127898.halloween-wer-hat-die-macht.html

Leon, Eugenia (2015)

„La Bruja“

https://www.youtube.com/watch?v=IEkbsgcoys4

Sachsenhits, Filmproduktion & Medienverlag , Niesky

www.sachsenhits.com Kanal: Bautzen entdecken (2011)

https://www.youtube.com/watch?v=FRlmUA-cLS8

Shiva, Vandana (2010)

Staying Alive. QOman, Ecology and Survival in India. Woman Unlimited. Neu Delhi.

Liviana Bath

… ist Sozial- und Kulturanthropologin und studierte im M.A. Genderstudies. Sie lebt zwischen dem Dreiländereck (PL, CZ und D) in Zittau und in Berlin. Als Referentin der machtkritischen Bildungsarbeit, Theaterpädagogin und Autorin arbeitet sie seit vielen Jahren in Lanteinamerika und Europaweit.

GLANZ OHNE GOLD

GLANZ OHNE GOLD

Ein Buch mit Geschichten von Frauen aus dem Land Brandenburg

Über Geld spricht Mann nicht?

Wir schon. Die Idee zu diesem Buch entstand, als sich Frauen aus dem Management dreier Verbände, dem Brandenburger Landfrauenverband (BLV), dem Arbeitslosenverband (ALV) und dem Demokratischen Frauenbund, Landesverband Brandenburg (dfb) trafen und gemeinsam überlegten, wie frau das Thema »Armut« in Brandenburg angehen könnte. Wir wollten es nicht abstrakt in Zahlen haben. Wir wollten auch nicht jammern oder auf Schuldige zeigen. Wir wissen, dass in Brandenburg viele starke Frauen leben, die es nicht leicht hatten und haben, aber die sich trotz der schweren Bedingungen nicht unterkriegen lassen. Sie finden sich in unseren Verbänden. Ihnen geben wir mit diesem Buch eine Stimme.

Das Projekt, in dem das Buch entstand, heißt folgerichtig:

»Wir brechen das Schweigen. Brandenburger Frauen sprechen über Armut.«

© Lisa Smith

Fünfzehn Frauen – 5 Frauen aus jedem Verband – quer durch Brandenburg erzählten uns ihre Geschichten. Sie handeln von ihrem Leben in der DDR und nach der Wende sowie von ihrem Widerstand gegen die vielfältigen Armutsprobleme heute aber auch von ihren Erfolgen. Wir nennen sie unsere »Geschichtengeberinnen«. Sie leben in Prenzlau, Wittenberg und Neuruppin, in Strausberg und Beeskow, in Spremberg und vielen weiteren schönen Ortschaften quer durch das Land. Den Geschichtengeberinnen gilt unsere größte Anerkennung. Wir danken ihnen aus tiefstem Herzen. Ohne die Förderung der Landesgleichstellungsbeauftragten Monika von der Lippe wäre dieses Buch jedoch nicht zustande gekommen. Ihr gilt deshalb ebenfalls unser herzlicher Dank.

Nachdem die Geschichten erzählt und transkribiert waren, setzten wir uns in einem Team zu viert immer wieder zusammen, entwickelten die Texte in unterschiedlichen Erzählformen, entwarfen die Bilder und gestalteten Satz und Layout. Dabei ist mehr als nur die Aneinanderreihung von Geschichten entstanden und das spürten unsere ersten Zuhörerinnen in den Lesungen, die wir noch vor dem Shutdown wegen der Coronakrise halten konnten. Wir können es kaum erwarten, wieder in die Welt zu ziehen und den Geschichten Flügel zu schenken.

© Lisa Smith

Wenn Sie glauben, dass Sie im Buch jammervolle Geschichten über Armut oder statistisch genaue Biografien finden, können wir Sie diesbezüglich beruhigen. Wenn Sie aber glauben, es kommen wilde Krimis, Märchen, Abenteuer und Fabeln von Ritterinnen, Löwinnen, Truckfahrerinnen und Gazellen oder gar ein Theaterstück – dann liegen Sie genau richtig! Jede unserer Geschichtenerzählerinnen durfte sich ein Genre aussuchen und so haben wir ihre Biografien in vielfältige spannende und fantasievolle Formate gegossen. Nun stehen in unserem Buch: drei Kriminalfälle, drei Abenteuer, ein Theaterstück, ein Essay, eine Erzählung, ein Brief, eine Utopie und zwei Fabeln. Entdecken Sie sich selbst, gestatten Sie sich die passende Portion Wut über die Situationen der Frauen und staunen Sie über die Kraft, die sich in jeder Geschichte findet.

Mit unserem Buch werden wir also, sobald es geht, wieder unterwegs sein und mit Menschen ins Gespräch kommen, die ähnliche Geschichten haben und die unter den Folgen und Erscheinungen von Armut leiden. Gemeinsam diskutieren wir über Wege aus der Armut, über Gerechtigkeit, Gemeinschaft und über gesellschaftliche Notwendigkeiten. Wir werden uns mit den Geschichten unserer starken Frauen den Mut machen, Dinge zu bewegen, die dem guten Leben aller dienlich sind. Freuen Sie sich auf Lesungen vor Ort!

Kontakt und Ansprechpartnerin:
Nadja Cirulies (Projektleitung) per E-Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

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Tarnkappen für Powerfrauen

Tarnkappen für Powerfrauen

Sitzen schon wieder nur Männer auf dem Podium?

Vielleicht täte es eine Tarnkappe, um eingeladen zu werden?

Liebe Powerfrauen, versteckt Euch nicht. Bitte bleibt wie ihr seid!

Bild: Sabine Euler | https://www.sabine-euler.de

BACK TO THE LAUSITZ

BACK TO THE LAUSITZ

Wie war es für Euch, in die Lausitz zurück zu kommen?

Was gefällt Euch hier gut?

Und was ist so richtig blöd?

Was würdet ihr gern ändern?

Sabine Euler schildert uns in ihrer Karikatur, wie es sich manchmal anfühlen kann, als junge, gut ausgebildete Frau in die Oberlausitz zurückzukehren.

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