Das F in Frau steht für Kraft

Ich schaue in dein Gesicht und versinke in den müden Augen, die von winzig kleinen Falten umrahmt werden.
Dort sammeln sich die verwaschenen Reste der Wimperntusche am Ende eines langen Tages, immer dann, wenn das Laptop-Licht noch strahlt und das Bett mit jedem Uhrzeigerschlag in eine noch weitere Ferne rückt.
Zwischen Emails und Anträgen, Aufräumen und Waschbergen, irgendwo zwischen Weiblichkeit und Superheldinnen-Dasein schmiegt sie sich an einen; Die Stille der Nacht und mit ihr kommen auch immer die gleichen Selbstzweifel.
Es ist schon wieder viel zu spät, dein Tag scheint nie mit genügend Stunden bestückt, es gibt kaum etwas auf dieser Welt, was dich erschöpfen könnte, kaum zu glauben, dass es am Ende wieder nur der Schlafmangel ist, der die Motivation besiegt.
Und motivierter könntest du eigentlich gar nicht sein; Dein Herzblut pocht wie Feuer in den Venen.
Da ist ein Traum, eine Vision und für die würde frau auch noch viel mehr als nur den Schlaf hergeben, für Ziele, die vielen Menschen sinnlos erscheinen, zumindest erwähnen sie dies bei jeder Gelegenheit und schon wieder nisten sich die Zweifel ein.
Aber nein!
Ich habe schon genügend eigene Stimmen im Kopf die mir jede Menge Unsinn erzählen wollen, die mich klein halten und das Echo einer fatalen Erziehung sind, das mich als Frau stets in Frage stellte.
Das mich selbst in Frage stellen ließ; Meine Fähigkeiten und Körperlichkeit, also nein, ich brauche weder deine Zweifel, noch die Demotivation, glaube es oder nicht, aber ich schaffe das schon, von mir aus auch allein!
Und ist es nicht bitter, das Frauen scheinbar immer einen einsamen Kampf führen müssen?
Nicht nur gegen das Flüstern in den eigenen Gedankengängen, sondern auch gegen die Lacher, die Häme und die Zeigefinger, die sich gegen einen richten.
Es sind nicht unsere Pläne, die uns fordern, nicht die Kinder, nicht die Waschberge, auch nicht die Emails oder Aufträge!
Es ist das stetige “Sich beweisen müssen”, aber was soll ich denn noch für Beweise erbringen, die darlegen, dass ich eine immense Kraft in mir trage, die sich nicht einfach auflöst, nur weil ich ein Paar Eierstöcke habe.
Wer weiß, vielleicht sind es grade die sanften Hügel der “Pampa”, die uns in die Regionen locken, weil sie uns an die eigenen Rundungen erinnern, während sich in den Städten eher Hochhäuser wie Phallusse in den Himmel strecken.
Zwischen Kanten und Ecken fehlt es an Horizonten und Weitsicht, die es aber braucht für Visionen und Gleichgewicht.
Ich kann keine frische Brise der Veränderung sein in einer Welt geschaffen von Männerhand, eine Welt in der man sich vor lauter Ellenbogen kaum bewegen kann.
Aber für große Ziele braucht es eben Platz, Raum zum Atmen und deswegen sind wir hier, weil wir in der Lage sind Potential dort zu sehen, wo es andere nicht erwarten."
Und Dinge zu erwarten, die nicht da sind, damit kennen wir uns bestens aus:
So zu tun als wäre man keine Frau, so zu sprechen, als habe man keine sanfte Stimme, lieber einmal nicht widersprechen, um nicht schon wieder als bossy gelten zu müssen.
Die sexistischen Witze werden still geschluckt, statt Blusen tragen wir eh viel lieber Nonnenkutten."
Wie verantwortungslos ist es denn auch, mit einem Frauenkörper durch die Straßen zu schreiten, das schreit ja förmlich nach Provokation, und natürlich sind wir lieber Hausfrauen und arbeiten auch gerne für weniger Lohn.
Warum Chef sein wollen, wenn man Sekretärin sein kann, ey natürlich kann ich Kaffee kochen, nur dafür habe ich nen Master gemacht!
Und immer lächeln, immer brav lächeln, dann sieht das Gesicht auch gleich viel hübscher aus.
Die Mundwinkel einfach oben ankleben, damit frau nicht mehr traurig dreinschauen braucht.
“Püppie, wie schnuckelig du doch bist, komm schon, du willst es doch auch, bei dem tollen Rock, den du trägst!”
Ich schaue in dein Gesicht und versinke in den müden Augen, die wacher nicht sein könnten.
Irgendetwas regt sich da in dir, irgendwas will das alles nicht länger akzeptieren.
Viel zu lang hast du dich genau so verhalten, wie man es von dir verlangte, weil Erfolg eine Art Vertrag mit dem Teufel war und Wahrnehmung ein Wunschtraum.
Dabei sind es grade wir, die Frauen, die man im ländlichen Raum ganz dringend braucht.
Zwischen Landstraßen und Provinzromantik, auf Feldwegen und in leerstehenden Ruinen spiegeln sich Optionen, die du für dich erkannt hast und ergreifen konntest, weil du sie dir einfach nicht länger wegnehmen lassen wolltest.
Das ist schon mal Ansage der Stadt den Rücken zuzukehren, oder die alte Heimat trotz aller Widerstände neu zu beleben;
Mir Konzepten und Ideen, die man durchsetzen muss, für die man sich engagiert und das erfordert jede Menge Mut.
So viel Mut!
Und so sind die winzig kleinen Falten in Wahrheit ein Ode an das Wachbleiben, wenn frau eigentlich schlafen will und die verwaschenen Reste der Wimperntusche eine Kriegsbemalung, die für das Weitermachen auch am Ende eines langen Tages steht.
Wir sind der Wandel, der vor lauter Herzblut wortwörtlich überkocht und das Feuer pocht in den Venen, wie der Uhrzeigerschlag, der den Umschwung immer näher bringt.
Ich wünsche mir so sehr, dass du dich gesehen fühlst und nicht unterm Radar verschwindest, dass du eines Tages in einem Meer aus Wertschätzung schwimmst für alles was du leistest.
Irgendwo zwischen Weiblichkeit und Superheldinnen-Dasein schmiegt sie sich aber trotzdem immer wieder an einen;
Die Angst davor als Frau nie zu auszureichen und genau das macht uns müde;
Die Frustration - nicht unsere Arbeit!
Deswegen müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, wie viele wir doch sind, ob in Städten oder in ländlichen Gebieten, wo wir geschlechter-gerechte Wege neu-vernetzen müssen und dazu brauchen wir auch euch, liebe Männer."
Feminismus ist keine Einbahnstraße und ja, es mag bedrohlich wirken, wenn verwelkte Strukturen auf einmal aufbrechen und Frauen jetzt selbstständig zu Unternehmerinnen mutieren.
Aber wir wollen die Welt nicht besiedeln, wir sind schon längst da und ratet mal, das war wir schon immer.
Wir wollen euch nicht von der Bildfläche verschwinden lassen, wir wollen einfach nur gesehen werden, nicht als Püppie, nicht als Kumpeltyp, sonder als die andere Hälfte der Bevölkerung.
- gleichwertig eben!
Ich will dass man mich ernst nimmt für das was ich bewegen möchte und für all die Dinge, die ich bin.
Ich will keine Zweifel mehr hören müssen, nicht von den Stimmen in meinem Kopf und erst recht nicht von allen Stimmen da draußen, die dem Erfolg einer Frau nicht trauen.
Ich blicke in dein Gesicht, sobald ich selbst in den Spiegel schaue.
Ich sehe die selben Zweifel und die gleichen müden Augen.
Und weil ich sie so gut kenne, hör’ ich nie auf an dich zu glauben, denn ich sehe dich in allem was du tagtäglich schaffst.
Für mich bist du das F in Frau,
und das F steht für Kraft!

"Das F in Frau steht für Kraft" ist hier als Video zu sehen. Der Text entstand im Rahmen des F wie Kraft - Symposiums am 6. November 2020.

Jessy James LaFleur...

... a nomad with conviction, Spoken Word artist, rapper, activist, workshop host and entrepreneur who’s taken a million and one paths around the world over the last 18 years.

https://jessyjameslafleur.com/

 

FRAUEN GESTALTEN IM STRUKTURWANDEL, MÄNNER ABER MEHR

Kürzlich sind die Preisträger*innen  des Ideenwettbewerbs des Sächsischen Mitmach-Fonds bekannt gegeben worden. Thomas Schmidt, Staatsminister für Regionalentwicklung, kündigte an, auch in Zukunft in dieser Form Projekt- und Geschäftsideen zur Gestaltung des Strukturwandels fördern zu wollen. Höchste Zeit also, auch in puncto Geschlechtergerechtigkeit einmal genauer in die Bewerber*innen und Preisträger*innen-Liste der Lausitz zu schauen, um in der nächsten  Bewerbungs- und Auswahlrunde die Auswahlkriterien zu verbessern, überregionale Trends zu reflektieren und Ansätze für eine gezieltere Ansprache unterrepräsentierter Gruppen zu entwickeln.

60% Männer : 40% Frauen[1]. Diese Geschlechterverteilung begegnet uns auf den ersten Blick auf die Bewerbungs- sowie Preisträger*innen-Liste des Mitmach-Fonds Sachsen (MMF) 2020. Schaut man sich die Bewerbungs- und Preisträger*innen-Zahlen des MMF 2020 der Lausitz genauer an, wird deutlich, dass sowohl das sorbische Kulturleben als auch die Angebote für Kinder- und Jugendliche ohne die engagierten Frauen nicht halb so vielfältig wären. Bewerbungen von und Preise für Frauen in den Kategorien „Existenzgründungen“ und „Kommunen“ eher die Ausnahme.

Ideen-Aufruf des Sächsischen Mitmachfonds (https://www.mitmachfonds-sachsen.de/)

Der Mitmach-Fonds Sachsen

Der Mitmach-Fonds Sachsen ist eine Initiative des Freistaats mit dem Ziel, Projekt- und Geschäftsideen zu unterstützen, die den Strukturwandel in den sächsischen Teilen der Lausitz und des Mitteldeutschen Reviers gestalten. Aus der Oberlausitz (Landkreise Görlitz und Bautzen) sind auf die 1,7 Mio. Euro Preisgeld in 2020 von einzelnen Bürger*innen, Vereinen, Kommunen, Kirchen, Feuerwehren und zivilgesellschaftlichen Gruppen 1.149 Bewerbungen eingetroffen, wovon 921 den formalen Kriterien entsprachen. In fünf Kategorien konnten Projekt- und Geschäftsideen eingereicht werden. Die meisten Bewerbungen (495) betreffen die Themen zivilgesellschaftliches Engagement, Mobilität, Musik, Sport, Kunst und Soziales (Kategorie ReWIR-Bürgerinnen und Bürger), danach folgen 258 Projektideen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen (Kategorie Zukunft MINT-Unsere Kinder und Jugendlichen). 95 Bewerbungen sind in der Kategorie Łužica/Lausitz – žiwa dwurěčnosć/lebendige Zweisprachigkeit eingereicht worden. Zudem kamen in 2020 noch zwei neue Kategorien hinzu, um potenzielle Existenzgründer*innen (30 Bewerbungen) sowie Kommunen (43 Bewerbungen) anzusprechen. 313 Projekte haben insgesamt einen Preis gewonnen. Einen Publikumspreis wird es noch geben.

Insgesamt haben etwas weniger Frauen (42%) als Männer (58%)[2] ihre Ideen vorgeschlagen. Damit sind die Männer unter den Einreichenden überproportional vertreten, wenn auch nicht dramatisch. Wenn man sich die Verteilung nach Kategorie, Landkreis und Geschlecht anschaut, zeigen sich vielversprechende Potenziale, aber auch einige weniger erfreuliche Ergebnisse: das sorbische Kulturleben und die vielen engagierten Angebote für Kinder und Jugendliche wären ohne die Lausitzer Frauen weniger stark vertreten. Angebote der Kommunen und neue Existenzgründungen und Geschäftsideen sind dagegen immer noch sehr Männer dominiert – auch weil Bürgermeisterinnen in der Lausitz, wie auch sonst in Deutschland (vgl. Lukoschat/Belschner 2014: 17[3]), die Ausnahmen darstellen.

Preisträger*innen aus dem letzten Jahr: Trilingo e.V. mit ihrem dreisprachigen Theaterstück für Kinder (Foto: Wirtschaftsregion Lausitz GmbH)

Analyse der Preiskategorien

Das sorbische Kulturleben im Landkreis Bautzen blüht dank eines großen Engagements von Frauen und Männern. ¾ der Bewerbungen in der Kategorie Łužica/Lausitz – žiwa dwurěčnosć/lebendige Zweisprachigkeit haben Bürger*innen aus dem Landkreis Bautzen eingereicht, ¼ der Bewerbungen stammt aus dem Landkreis Görlitz. Besonders hervorzuheben ist hierbei das Engagement der Frauen im Landkreis Bautzen: 40% der Anträge stellten Frauen, fast jede zweite Bewerberin gewann einen Preis.

In der Kategorie Zukunft MINT – Unsere Kinder und Jugendlichen reichten Frauen aus beiden Landkreisen fast die Hälfte aller Bewerbungen ein und machen 46% der Preisträger*innen aus. Die Bewerberinnen aus dem Landkreis Bautzen waren dabei die erfolgreichsten. 66% der Bewerber*innen aus diesem Landkreis gewannen auch einen Preis. Damit ist der männliche und weibliche Anteil zwischen Bewerber*innen und Preisträger*innen in dieser Kategorie ausgeglichen.

In der Kategorie ReWIR sind mit insgesamt 495 Bewerbungen die meisten Projektideen eingegangen. 53% davon kommen aus dem Landkreis Görlitz und 47% aus dem Landkreis Bautzen. Hier zeigt sich ein Geschlechterverhältnis von 60% Männern und 40% Frauen, sowohl bei den Bewerbungen als auch bei den Preisträger*innen.

In den beiden 2020 neu eingeführten Kategorien, die potenzielle Existenzgründer*innen sowie Kommunen unterstützen sollen[4], gestaltet sich die Geschlechterverteilung, insbesondere unter den Preisträger*innen, ziemlich ungleich.

Bereits der Titel der Kategorie Existenzgründer – Unsere kreativen Köpfe verbleibt im Maskulin und macht stutzig. Allerdings verwundert bei der Untersuchung der Bewerbungszahlen zunächst eher die Verteilung zwischen den Landkreisen als die zwischen den Geschlechtern. Mit 23 von 30 Bewerbungen kommen aus dem Landkreis Görlitz wesentlich mehr als aus dem Landkreis Bautzen. Das Geschlechterverhältnis zeigt sich im üblichen 60:40 Verhältnis zugunsten der Männer. Die gute Nachricht dabei ist, dass der Anteil der weiblichen Bewerberinnen mit 40% deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt für Existenzgründungen von Frauen (30,3%[5]) (Atlas zur Gleichstellung 2017: 76) liegt. Schaut man sich nun die Geschlechterverhältnisse bei den Preisträger*innen im Landkreis Görlitz an, sind die Ergebnisse viel weniger vielversprechend: Obwohl sich bei insgesamt 23 eingereichten Ideen das Geschlechterverhältnis mit 43% von Frauen und 57% von Männern angenähert hat, werden nur 14% (1 Idee) der Existenzgründungsideen von Frauen, aber hingegen 86% (6 Ideen) der Gründungsvorschläge der männlichen Bewerber mit einem Preis belohnt. Vor dem Hintergrund der seit Juli 2018 im Freistaat Sachsen gültigen Richtlinie zur Förderung der Chancengleichheit von Mann und Frau, die sogar ein Unterkapitel zur Förderung der Existenzgründungen von Frauen enthält (Revosax Sachsen 2020), sind diese Zahlen irritierend.

Ähnlich ungleich gestaltet sich die Verteilung in der Kategorie „Kommunen-Leistungsfähige Partner im Strukturwandel“. Nur jede zehnte Kommune in Deutschland wird von einer Frau geführt (Lukoschat/Belschner 2014: 17). Im Osten ist die Verteilung besser, allerdings auch noch weit von einer annähernden Gleichverteilung entfernt (ebd.: 99). Daher überrascht es nicht, dass die 43 Bewerbungen der Kommunen mit 65% überdurchschnittlich häufig von Männern eingereicht wurden. Fünf Bewerbungen stammen von Bürgermeisterinnen, 22 von Bürgermeistern. Die restlichen 16[6] kommen von Mitarbeiter*innen der Gemeinden oder an die Gemeindeverwaltung angegliederter Institutionen. Die Verteilung der Preise gestaltet sich noch wesentlich ungleicher: Von den 15 weiblichen Bewerberinnen in den Landkreisen Bautzen und Görlitz haben nur 4 einen Preis gewonnen. Von den 4 Gewinnerinnen, die für ihre Kommune einen Preis holten, wird jedoch nur 1 Kommune auch von einer Frau geführt. Die fünf Bürgermeisterinnen, die sich beworben haben, haben alle keinen Preis gewonnen. Von den 28 männlichen Bewerbern haben 13 einen Preis gewonnen, 11 davon sind Bürgermeister der jeweiligen Stadt.

Preisträger*innen aus dem letzten Jahr (Foto: Wirtschaftsregion Lausitz GmbH)

Zum Geleit

Im MMF gäbe es ohne die 42% engagierter Bewerberinnen wesentlich weniger gute Ideen. In einigen Kategorien, die z.B. die Förderung des sorbischen Kulturguts, Kinder- und Jugendliche oder das Zusammenleben in der Gemeinde betreffen, wird dieses Potenzial auch in der Preisvergabe prozentual berücksichtigt. Man kann nur hoffen, dass Existenzgründerinnen und Bürgermeisterinnen bis zur erneuten Auslobung 2021 nicht das Interesse verlieren, denn der Wandel geht nicht nur mit 60%.

Der MMF ist für die Staatsregierung ein Erfolg, weil sie damit eine breite bürgerschaftliche Aktivierung erreicht. Nach zwei erfolgreichen Jahren können nun weitere Schwerpunkte entwickelt werden, bspw. Projekte von und mit Jugendlichen bis 25 Jahren. In Zukunft sollte eine gerechte Verteilung der Geschlechter in den Jurys und bei der Preisauswahl, v.a. in den Kategorien Existenzgründer*innen und Kommunen, mitgedacht und umgesetzt werden.

[1] Die Zahlen beruhen auf folgender Gewichtung der Geschlechter in der Gesamtbevölkerung der Landkreise Görlitz und Bautzen, basierend auf dem Statistischen Jahrbuch Sachsen (2019): Sowohl im Landkreis Görlitz (254.894 EW) als auch im Landkreis Bautzen (300.880 EW) ergibt sich eine Geschlechterverteilung von 49% Männern und 51% Frauen.

[2] Gezählt worden sind hier die tatsächlich einreichenden Personen der einwandfreien 921 Anträge.

[3] Eine Studie von 2014 ist die aktuellste zu diesem Thema, hier besteht Nachholbedarf.

[4] Es sollte berücksichtigt werden, dass die Bewerbungszahlen in beiden Kategorien sehr klein sind und damit relative Unterschied stark ins Gewicht fallen.

[5] Erhebung von 2014

[6] Diesmal im 60:40 Verhältnis zugunsten der Frauen!

Literatur:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2017): 3. Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland. Online verfügbar unter: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/3–atlas-zur-gleichstellung-von-frauen-und-maennern-in-deutschland/114010 [letzter Zugriff: 23.07.2020].

Freistaat Sachsen (2019): Richtlinie zur Förderung der Chancengleichheit vom 27. Juni 2018 (SächsABl. S. 914), enthalten in der Verwaltungsvorschrift vom 26. November 2019 (SächsABl. SDr. S. S 404). Online verfügbar unter: https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/17752 [letzter Zugriff: 23.07.2020].

Freistaat Sachsen (2019): Statistisches Jahrbuch Sachsen 2019. Kapitel 2. Bevölkerung. Online verfügbar unter: file:///Z:/52112%20Lausitz/02%20Team/01%20AP%202%20-%20Politikberatung/4%20MitMachFond/2020/jahrbuch_statistik-sachsen_kapitel-02_bevoelkerung.pdf [letzter Zugriff: 19.08.2020].

Lukoschat, Helga; Belschner, Jana (2014): Frauen führen Kommunen. Eine Untersuchung zu Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern in Ost und West. EAF Berlin. Online verfügbar unter: https://www.eaf-berlin.de/fileadmin/eaf/Projekte/Dokumente/P_Frauen-Fuehren-Kommunen_Studie.pdf [letzter Zugriff: 23.07.2020].

Johannes Staemmler und Victoria Luh…

… forschen und beraten zum Strukturwandel in der Lausitz im Rahmen des BMBF geförderten Projekts „Sozialer Strukturwandel und responsive Politikberatung in der Lausitz“ am IASS in Potsdam. Zuletzt erschienen u.a. „Zivilgesellschaft in der Lausitz“ und „Strukturwandel als Gelegenheit für die Lausitz“.

ZWISCHEN RAUCHENDEN ÖFEN UND SAUREM REGEN

Angelika Heiden setzte sich als erste Doktorandin an der Ingenieurhochschule in Zittau zum Thema regenerative Energien ein und als Frau durch

Angelikas Lebensgeschichte und ihre starke innere Haltung, die sie mit einer eigenen Willenskraft ausstrahlt, faszinieren mich. Angelika hat sich immer wieder ihren eigenen Weg gesucht und ist für ihr Anliegen eingestanden. Zielgerichtet schlägt sie sich als erste Frau, die zum Thema Energiesparhäuser in der Lausitz promoviert, teils alleinerziehend und teils mit Unterstützung von Freund*innen in dem überwiegend männlich geprägten Naturwissenschafts-Uni- Alltag durch. Die technischen und naturwissenschaftlichen Bereiche an der Hochschule sind bis heute in der Mehrzahl von Männern besetzt.

Während einer gemeinsamen Zugfahrt mit Angelika wird mir bewusst: das Thema Klimawandel war vor dreißig Jahren genau so aktuell wie heute. Meine Gedanken schweifen ab und ich frage mich, ob es Zusammenhänge von Klimawandel und der Unterrepräsentation von Frauen in den Naturwissenschaften gibt. Schließlich sind es in der Mehrzahl Männer, die an den Entscheidungshebeln sitzen.

Angelika erzählt mir, dass sie heute glücklich in Berlin lebt und in nur ein paar Schritten draußen in der Natur ist. Ich frage, ob ich Sie mal in Berlin besuchen kann, um weiteren Schwenkern vor allem aus der Studienzeit in Zittau zu lauschen. Wir tauschen Telefonnummern aus und wenige Wochen später kam dann Corona. Wir haben uns über Skype weiter ausgetauscht.

Alles begann im Jahr 1987. Angelika Heiden kämpfte zwischen rauchenden Öfen und saurem Regen über dem Riesengebirge auf ihre Weise für einen gesunden Planeten. Sie studierte Kraftwerkstechnik an der Ingenieurhochschule Zittau mit dem Ziel, regenerativen Energien als Alternative zu Kohleabbau und Kraftwerkstechnik auf die Spur zu gehen. In unserem Gespräch erzählt Angelika über Tschernobyl in den 80er Jahren und von vielen männlichen Kommilitonen, die nach dem Mauerfall in Westdeutschland als Kernkraftspezialisten mit Kusshand und guten Arbeitsverträgen eine langfristige Festanstellung bekamen. Zur gleichen Zeit lief die Braunkohleförderung für das Kraftwerk Hagenwerder im Tagebau Olbersdorf auf Hochtouren. Angelika blieb nach der Wende und auch nach ihrem Studium noch lange in Zittau und forschte weiter, um den regenerativen Energien als Alternative für den Kohleabbau voran zu bringen: Sie promovierte zum Thema Niedrigenergiehäuser.

Das Gefühl von „Es muss etwas passieren!“

Angelika wurde in Mecklenburg-Vorpommern geboren, bezeichnet sich selbst als DDR-Kind und schwärmt begeistert von Mathe und Physik zu Schulzeiten. Zu Studienzeiten setzte sie sich neben ihrem Anliegen für das Klima zusätzlich mit ihrer Überzeugung „das System funktioniert nicht“ in den Diskussionsrunden, die im kirchlichen Rahmen Ende der 80er Jahre in Zittau stattfanden, ein. Bei aktiven Gruppen in der Kulturfabrik Meda in Mittelherwigsdorf und in der Alten Bäckerei in Großhennersdorf wirkte sie mit so gut sie konnte. Kurz darauf gab es die DDR nicht mehr als ‚das System‘. Diese Veränderung nimmt sie wie einen Riss zwischen unterschiedlichen Welten wahr. Zu Wendezeiten hat sie ihren Alltag, als alleinerziehende Mutter und angestellte Doktorandin und so als eine von wenigen Frauen in der akademischen Wissenschaftswelt der Naturwissenschaft gerockt.

„In der DDR war ich es gewohnt, dass die Frauen arbeiten und ich habe eben in der Wissenschaft gearbeitet. Als das System zusammengebrochen ist, da ist auch ein Teil von meiner Weltanschauung weggebrochen und ich musste mir neue Ziele suchen, wie zum Beispiel die Forschung auf dem Gebiet der Nutzung alternativer Energiequellen.“

Quelle: http://www.gerryfoto.de/pixelpost/images/20090112203012_kraftwerk.jpg

Angelika erzählt: „Ich war 100% beschäftigt. Das Gefühl von ‚Es muss was passieren‘ hatte ich damals schon und es ist bis heute präsent geblieben. Ich war eine leidenschaftliche Naturwissenschaftlerin, das wusste ich ganz schnell. Heute würde ich sagen, ich habe damals ganz schön viel akzeptiert. In meiner Lehre arbeitete ich in Schwerin im Heizwerk und schon da bemerkte ich unter den Mitarbeitern diese Aufbruchsstimmung: So wie es war, würde es nicht mehr lange funktionieren. Wir haben es akzeptiert, dass wir nicht in den Westen konnten und haben unseren Alltag gelebt. Ich habe mich in die Wissenschaftswelt gestürzt. Mit einem klaren Vorhaben: Ich wollte etwas zum Klimaschutz beitragen.“

Damals war das Kraftwerk Hagenwerder noch in Betrieb und in Zittau wurde mit Kohle geheizt. Angelika erinnert sich während unseres Gesprächs an den sauren Regen, der durch die Abgase der Kohlekraftwerke im Osten und Westen in den 80ern im Riesen- und Isergebirge über Tschechien und Polen aber auch im Thüringer Wald und im Erzgebirge verursacht wurde. Viele Wälder sind eingegangen. Das hat die junge Klimakämpferin tief erschüttert: „Es hat mir das Herz gebrochen. Es war unheimlich, an einem toten Wald vorbei zu fahren. Dank Rauchgasentschwefelungsanlagen in den Kraftwerken gibt es heute in Deutschland keinen sauren Regen mehr. Aber die Wälder werden noch lange brauchen, um sich vollständig zu erholen. Das wussten wir damals schon.“

Während ich den naturwissenschaftlichen Fachworten folge, wird mir bewusst, dass es mich schon seit ich denken kann bewegt, dass das Thema Klimawandel in der Politik nicht zentral genug ist. Liegt das vielleicht daran, weil in der Politik auch zu wenig Frauen in den entsprechenden Positionen mitsprechen? Angelika führt weiter aus: „Jede*r Einzelne kann und muss etwas zum Klimaschutz beitragen, wenn wir noch lange auf diesem Planeten leben wollen. Jede*r kann auf den eigenen Fußabdruck achten. Dazu gehört neben weniger Flugreisen, Fahrgemeinschaften bilden und weniger Fleisch essen, auch dazu, den Heizwärmebedarf in unseren Haushalten zu beobachten.“

In den 90er Jahren brauchte es dringend neue Konzepte für gute Wärmedämmung und Heizungen, die regenerative Energiequellen nutzen. Als Angelika in den 90er Jahren zu diesem Thema als erste Frau in der Lausitz forschte, war ihr Sohn bereits im Kindergartenalter.

In der Lausitz gehört der Braunkohleabbau seit mehr als hundert Jahren zum Alltag der Bewohner*innen. Wie im Ruhrgebiet und im Mitteldeutschen Revier mussten ganze Dörfer der Braunkohle weichen. In vielen weiteren Ländern der Welt ist dies eine Realität von oft verwurzelten Gemeinschaften. In unserem Gespräch wird immer deutlicher: „Wer die Rechnung zahlt, ist das Weltklima und die Bewohner*innen der Lausitz“. Welche Rechnungen musste Angelika als Pionierin mit ihrer Promotion zum Thema regenerative Energien bezahlen? Als ich sie darauf anspreche kommt sie zuerst in eine nachdenkliche Stimmung und dann erzählt sie, wie tief sie in ihrer Alltagsroutine als Frau in der Naturwissenschaftswelt und alleinerziehende Mutter steckte und gleichzeitig mit dem System, das am Zusammenbrechen war, kämpfte.

Quelle: MaGüLi Feminismus

Eine Region im Wandel, die Welt im Wandel, der Klimawandel stets präsent

Eines wird deutlich: Die Doktorarbeit war Angelikas Anker. Mitten in dem ganzen gesellschaftlichen Gewusel blieb nicht viel Zeit und Kopf für Genderfragen. Mit Kind hatte Angelika kaum eine freie Minute für sich. Eins war ihr klar, sie möchte nicht zu Hause bleiben. Im Gespräch betont sie, dass sie mehr im Leben wollte und es schon immer geliebt hat, frei entscheiden zu können. Damit sie sich auf das Studium konzentrieren kann, hatte sie zusätzliche Unterstützung von einer guten Freundin. Nach dem Studium war Angelika als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Dort hat sie jede freie Minute in der Bibliothek verbracht, betätigte sich in der Arbeitsgruppe „Stadtsanierung“ und vertiefte das Thema regenerative Energien. Zwei Jahre später konnte sie sich mit einem Promotionsstipendium der Deutschen Stiftung Umwelt vollständig dem Thema Niedrigenergiehaus und Solarthermie widmen.

In der Energiebranche sind Frauen immer noch unterrepräsentiert, in der Umweltbewegung in der deutlichen Mehrzahl

Angelika hat sich nach ihrem Studium als Energieeffizienzberaterin selbstständig gemacht. Sie erinnert sich noch sehr genau an die Herausforderung, als einzige Frau in einer Projektgruppe für eine Energiestudie, mit ihrem Dr. Titel ernstgenommen zu werden. Neben dem Berufsalltag war Angelika oft mit Situationen konfrontiert in denen sie ihr Können als Frau in der Energiebranche, unter Beweis stellen musste. Angelika ist und bleibt eine mutige Pionierin, die ihren Weg gegangen ist, weil sie an den Klimaschutz glaubt. Und der ist heute mehr aktuell denn je!

Zum Abschluss unseres Skype-Gesprächs stellen wir ein gemeinsames Anliegen fest: Es ist an der Zeit, dass mehr und mehr Personen, die in der Mehrzahl nicht männlicher Geschlechter und mehr diverser Nationalitäten sind, die in den Naturwissenschaften und bei Klimaschutz wichtigen Entscheidungen mit eingebunden werden, sichtbarer und anerkannt werden für das was sie bewirken. Was braucht es, dass naturwissenschaftliche und technische Berufsfelder für alle Geschlechter interessanter und zugänglicher werden? Ein feministischer Klimaschutz in dem die Hierarchien zwischen den Geschlechtern aufgehoben werden, so wie zwischen Menschen und Umwelt vielleicht? Vorbilder finden wir hier in der stets anwachsenden Ökofeminismus Bewegung, wie zum Beispiel Vandana Shiva. Im Ökofeminismus werden Zusammenhänge der Öko-Krise mit patriarchalen Strukturen in denen Frauen nur bestimmten Aufgaben zugeteilt sind, ernst genommen.

Angelika hat einen essenziellen Beitrag mit ihrer Forschung für Niedrigenergiehäuser geleistet und in ihrem beruflichen Alltag ihren Mut und ihre Überzeugung bewiesen. Weiter machen, kritisieren und nicht schweigen – in Verbundenheit über den ganzen Erdglobus. Angelika und ich sind uns einig: Auch wenn es für Frauen* heute immer noch nicht ganz ausgeglichen ist was Pay Gap und die Anerkennung in naturwissenschaftlichen Berufen anbelangt – wir sollten nicht aufgeben, denn vieles ist schon erreicht. Ich schließe den Artikel mit dem Wunsch der französischen Ökofeministin, die den einzigen Lehrstuhl zur „Philosophie der Ökologie“ in Frankreich inne hat ab: Émilie Hache wünscht sich mehr Streit, damit es bei ökofeministischen Veranstaltungen um mehr als nur veganen Kuchen backen geht.

Liviana Bath…

… ist mit 20 Jahren Liviana Bath mit einem Segelschiff per Anhalter über den Atlantik gesegelt und hat eine zweijährige Reise mit dem Fahrrad in Lateinamerika drangehängt. Klimaschutz und Feminismus sind ihr persönliches Anliegen. Heute arbeitet die Sozial- und Kulturanthropologin mit dem Schwerpunkt Genderstudies als Referentin der Machtkritischen Bildungsarbeit. Im Dreiländereck leitet Liviana als pädagogische Koordinatorin die Fortbildungsreihe „Gruppen und Projekte diversitätsbewusst leiten“ bei der Hillerschen Villa e.V.

GUT VERNETZT GEMEINSAM AN DER LAUSITZ VON MORGEN ARBEITEN

Am Freitag, den 6. November 2020 laden wir Alle interessierten Lausitzer*innen herzlich zum F wie Kraft-Symposium „Zusammen handeln und Strukturen wandeln“ ein.

Wann: Freitag, 6.11.2020, ca. 10:30 bis 17:00 Uhr

Wo:         Im Herzen der Lausitz (Ort wird noch bekannt gegeben)

Was:      Workshops, Podiumsdiskussionen, Inputs und Gesprächsrunden

Und danach: Zeit zum Schnacken und Snacken, Netzwerken und Feiern

Wer:       Frauen*, Akteur*innen und Vertreter*innen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Forschung, Politik und Verwaltung

Wir laden alle Frauen (und natürlich auch Männer) der Lausitz ein, sich aktiv in den Strukturwandel einzumischen, sich miteinander auszutauschen und zu vernetzen. Gemeinsam wollen wir über die sich wandelnden Strukturen in der Lausitz nachdenken:

Strukturen wandeln? In der Lausitz? Schon wieder? Oder immer noch? Mit wem? Wann? Wie? Und nach welchen Kriterien? Wo bedarf es mehr Aufmerksamkeit und gemeinsames Wirken? Und ist in diesem großen Prozess auch für kleine Ideen und andere Themen Platz?

In Gesprächsrunden, Workshops und an Thementischen wollen wir mit euch an aktuellen Fragen für die Lausitz arbeiten und neue Themen auf die Strukturwandelagenda setzen. Vor allem aber soll es ein vielfältiger und anregender Tag werden. Feiern wir doch mal zur Abwechslung uns und unser Engagement – denn das haben wir uns verdient!

Habt ihr selbst ein Thema, welches euch unter den Nägeln brennt und ihr beitragen wollt?

Habt ihr Lust, das Programm und die Veranstaltung mitzugestalten? Oder kennt ihr jemanden, der/die etwas Spannendes zu der Veranstaltung beitragen kann?

Ihr wisst jetzt schon, dass ihr teilnehmen wollt?

Ihr habt einfach so Lust, mit uns in Kontakt zu treten?

 Dann meldet euch bei uns! (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)

Details zum Programm folgen. Für aktuelle Informationen besucht uns auf Facebook und unserer Website. Wir freuen uns über die Weiterleitung an eure Netzwerke.

Euer F wie Kraft-Team,
Marie Melzer & Pauline Voigt

Karikatur: Sabine Euler, https://www.sabine-euler.de/

WANDEL-GEFÜHLE

Veränderungen rufen Emotionen hervor, besonders wenn diese Veränderungen ungewollt sind. Wie gelingt es uns, mit diesen Gefühlen, Wandel sinnvoll zu gestalten?

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„Nichts ist so beständig wie der Wandel“ erkannte schon der griechische Philosoph Heraklit von Ephesus, der vor gut 2500 Jahren lebte. Wir Menschen der Neuzeit erfahren diesen Wandel oft in wesentlich rasanterer Form, als dies noch im vorigen Jahrhundert der Fall gewesen ist. Manchmal scheint es, unsere Seele, unsere Psyche kommt da manchmal nicht mit, die Veränderungen überrollen uns, überfordern uns.

Mancher Wandel ist erwünscht. Wir sehnen ihn herbei. Wir führen ihn herbei. Ein alter Zustand ist uns zu eng, eine Beziehung zu schmerzhaft, eine Arbeitsstelle zu unbefriedigend, ein gesellschaftliches Prinzip ist für uns nicht mehr stimmig. So geschehen Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als der Unwille über das bestehende Regime in Ostdeutschland so groß wurde, dass die Angst vor Repressalien einer gesunden Wut wich. Der Wandel vollzog sich als historisch friedliche Wende. Die Veränderungen, die dieser Wende folgten, fegten jedoch wie ein Sturmwind auch durch unsere Lausitz. Vertrautes wich, das Neue war noch nicht da. Gefühle von Verunsicherung und Existenzangst, aber auch von Aufbruch und Neubeginn prägten eine ganze Generation.

Angst, Wut und Kraft

Jeder Wandel hat auch seine zerstörerische Seite, seinen Preis. Etwas Altes muss weichen, um dem Neuen Platz zu machen. Das gilt im Kleinen wie im Großen, bei der Veränderung einer schlechten Gewohnheit, wie bei einer Beziehung, als auch bei einem gesellschaftlichen Wandel, Klimawandel, Veränderungen unserer Landschaft durch Bergbau und Industrie, durch Abwanderung und Schließungen.

Oft ist das Neue noch nicht sichtbar, oder aber haben wir für dieses Neue noch kein Verhaltensmuster, keinen Plan.  Das macht Angst. Die Angst sagt uns: „Das ist furchtbar.“ [1]

Besonders groß sind Angst und Unsicherheit, wenn Veränderungen ungewollt und plötzlich in unser Leben einbrechen, so wie der Verlust eines vertrauten Menschen zum Beispiel, oder der Verlust von Heimat, der Verlust eines Arbeitsplatzes und so weiter.

Nehmen wir nur die Veränderung wahr, die uns die Corona-Pandemie gerade ungewollt auferlegt. Noch weiß keiner, was das für unsere Zukunft, für unsere Wirtschaft, für die Kunst, Kultur, für unsere Bildung, unser Miteinander überhaupt bedeutet.

Wir brauchen Mut, um dieser Angst zu begegnen. Ich möchte auch den etwas altmodisch daherkommenden Begriff der Tapferkeit nutzen. Tapferkeit bedeutet, dass wir sehr wohl in der Lage sind, Unbill auszuhalten, wenn wir einen Sinn darin sehen, eine Vision haben von dem Neuen, was da noch nicht sichtbar ist.

Vor allem brauchen wir Kreativität, um die Unsicherheit und Ängste zu überwinden, die unweigerlich mit dem Wandel einhergehen. Vivian Dittmar beschreibt das in ihrem Buch „Gefühle und Emotionen – eine Gebrauchsanleitung“ [2] sehr treffend: „Die Kraft der Angst ist die Kreativität.“

Einfallsreichtum, Fleiß und Abenteuerlust

Die Wende war nicht der erste große Wandel und wird auch nicht die letzte gravierende Veränderung in unserer Heimat sein. Ich möchte die Menschen hier an diese Kraft erinnern, die dem Wandel innewohnt. Auch in dem Unbekannten, dem Fremden und in den Fremden, die hierherkommen, liegen solche Wachstumschancen.

Als nach dem 2. Weltkrieg Hunderttausende Vertriebene durch die Lausitz kamen und viele von ihnen hier sesshaft wurden, waren auch sie nicht immer willkommen. Das Land lag in Trümmern. Keiner wusste, was die Zukunft bringen würde. „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, lasset uns dem Guten dienen – Deutschland einig Vaterland“ [3]– so dichtete Hanns Eisler in der Nationalhymne der DDR. Gerade wegen dieses für sie beunruhigenden Textes ließ das damalige Regime diese Hymne ab 1972 nur noch instrumental erklingen. Eines der ersten Zeichen ihres Absterbens vermutlich. Sie hatten Angst vor Veränderungen, vor der Zukunft. Zwanzig Jahre später waren sie Geschichte.

In vielen Familien finden sich Geschichten solcher Vertreibungen in der Lausitz und Niederschlesien. Vier Nationen haben in der wechselvollen Geschichte Kultur, Brauchtum, Infrastruktur, Landschaft, Dörfer und Städte geprägt. All diese Menschen haben die Region zum Erblühen gebracht, auch nach der Wende 1990 und schon hundert Jahre zuvor, als die Umwälzungen der Industrialisierung die Oberlausitz und Niederschlesien zu einer boomenden Region machten.

Der Strukturwandel, der uns jetzt gerade in der Region beschäftigt, durch den Kohleausstieg zum Beispiel, mutet in diesen Vergleichen geradezu zart an. Wir können uns diesem Wandel nicht entziehen. Doch wie ihn gestalten, wenn die Emotionen so hochkochen und uns eher die Verluste, denn die Chancen erkennen lassen?

Wut ist zum Beispiel so ein Gefühl. Ein Grummeln, ein finsterer Groll, ein unmerklicher Ärger bis hin zum hellen Zorn. In allen Schattierungen sagt uns das Gefühl der Wut: „Das ist falsch!“ [4] Als Psychotherapeutin heiße ich die Wut meistens willkommen. Denn gut reflektiert sagt uns die Wut genau, was mir gerade ganz und gar nicht in den Kram passt. Damit sorgt sie für Klarheit und gibt die Kraft, die Dinge so zu ändern, dass es für mich wieder stimmig ist.

Trauer und Hoffnung

Was aber nun, wenn ich die Dinge nicht ändern kann, sondern die Veränderung ungewollt und übermächtig daherkommt, ich ihr nicht ausweichen kann? Dann kann die Wut ihre Schattenseiten entfalten: entweder hin zu Groll und Verdruss, oder aber zu Zerstörung und Aggression, die dann aber meist die Falschen trifft. Bei ungewollten Veränderungen ist Wut als einziges Leitgefühl nicht ausreichend geeignet, sich dem Wandel zu stellen.

Das Gefühl der Trauer gehört dazu. Die Trauer sagt uns: „Das ist schade.“ [5]  Und mal ehrlich: ist es nicht wirklich schade, wenn unsere Innenstädte alle die schönen kleinen Läden verlieren, wenn eine gemütliche Dorfkneipe nach der anderen zumacht und kaum noch eine Busverbindung die verödeten Dörfer erreicht? Ist es nicht schade, wenn ein alter Baum einer Straße weichen soll? – Ja und manchmal ist es auch falsch. Deswegen brauchen wir unser Wutgefühl auch in unserer Trauer um das, was dann nicht mehr sein wird und jetzt schon nicht mehr ist.

Die Kraft der Trauer ist die Liebe. Wir trauern nur um das, zu dem wir eine positive Beziehung hatten. In unserer Trauer darf uns diese Liebe bewusst werden. Deshalb habe ich großes Verständnis für alle nostalgischen Menschen in unserem schönen Landstrich. Es ist wirklich schade um so vieles, was früher unsere Gemeinschaft und unsere Kultur, unsere Glaubenswelt und unser soziales Miteinander ausgemacht hat. Diese Zeit kommt nicht wieder. Das Digitale hat vieles Analoge verdrängt. Wir müssen akzeptieren, dass es ein Zurück nicht geben wird. Wir würden mit unserem Selbst gar nicht mehr in dieses Alte hineinpassen.  Doch wir können eine Zukunft gestalten, wo diese Qualitäten aufs Neue gelebt werden können.

Ich erlebe das häufig in dem großen ehrenamtlichen Engagement zum Beispiel, bei den vielen Kulturprojekten, die hier vielerorts ins Leben gerufen werden, die vielen Nachbarschaftsinitiativen und offenen Herzen. Im Unternehmergeist und bei vielen Aktionen, vor allem der jüngeren Generation, die sich dem Neuen wie selbstverständlich öffnet und doch unbelastet und voller Neugier an der gemeinsamen Geschichte unserer Euro-Region interessiert ist. Ein Brückenschlag, den wir auch in tschechischen und polnischen Regionen unser aller Heimat erfahren können. Es macht Mut, wenn diese Geschichte den Menschen wieder erfahrbar gemacht werden kann, im Gedanken der Wertschätzung für die Lebensleistungen der Menschen, die diese Region so zum Gedeihen gebracht haben, unabhängig von Glauben und Nationalität. Vieles gibt es noch zu entdecken, viele Schätze zu heben.

Freude

Damit komme ich zu einem vierten Gefühl, das Vivien Dittmar in ihrem genannten Buch benennt: der Freude. Die Freude hat sie dem Element Luft zugeordnet und die Freude sagt uns ganz schlicht: das ist schön. Klingt so einfach, nicht wahr? Und ist so wirkungsvoll. Denn Freude macht uns attraktiv und lebendig. Freude ist der beste und fruchtbringendste Motivator für alles Tun und Trachten. Die Kraft der Freude ist die Vitalität.

Wenn uns also die Freude so begehrenswert wie lebendig macht: Wo ist dein Zukunftsprojekt, das dein Herz mit Freude erfüllt? Was bringt dich zum Fliegen? Wie sieht deine freudige Variante von Zukunftsvision aus? Wie kannst du dich einbringen, damit mit dir unsere gesamte Region interessant, begehrenswert und anziehend wird?

Das ist bewusst gestalteter Wandel im Großen. Doch wie jede Reise beginnt auch diese mit einem ersten Schritt. Wie immer, wenn wir etwas verändern wollen, können wir nur bei uns selbst beginnen.

Mit allen guten Wünschen für allen Wandel, der uns auf unseren Lebenswegen geschieht!

Sylke Hörhold…

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… lebt und arbeitet in Sohland an der Spree, liebt neben ihrer Arbeit das Wandern, Singen und Schreiben spannender und heilsamer Geschichten.

Infos über sie sind unter www.sylke-hoerhold.de sowie www.lebenswege-sylke-hoerhold.de zu finden.

[1] (Dittmar, 2014)
[2] (Dittmar, 2014)
[3] (Eisler, 1949)
[4] (Dittmar, 2014)
[5] (Dittmar, 2014)

Veranstaltungstipp von Sylke Hörhold

Im Zeichen von Veränderung steht auch unser nächster ROMPC

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STRUKTURWANDEL IST SEHR KLEIN, SEHR KONKRET, MANCHMAL SEHR MÜHEVOLL

Jadwiga Mahling, 36 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Kindern ist Sorbin, Theologin und Pfarrerin im Schleifer Kirchspiel, zu dem eine Kirche und acht Dörfer – Schleife, Rohne, Mulkwitz, Mühlrose, Trebendorf, Halbendorf, Groß Düben und Lieskau –  aus drei Kommunen in Sachsen und Brandenburg gehören.

Liebe Frau Mahling, was hat Sie dazu bewegt, Pfarrerin zu werden und wie sind Sie eigentlich nach Schleife gekommen?

Ich komme selbst aus der Lausitz, aus der Bautzener Ecke, aus einer Pfarrersfamilie in der 6.-7. Generation. Mein Vater ist Pfarrer. Kirche und Glaube haben bei uns immer eine Rolle gespielt. Der Weg, selbst Theologie zu studieren, das ist ein eigener Weg. Ein junger Pfarrer und Einsätze mit der jungen Gemeinde in einem Kinderheim in Rumänien haben mich geprägt. Nach der Schule war ich ein Jahr in Spanien und habe mich dort entschieden, Theologie zu studieren. Noch in der Schule hatte ich den Religionsunterricht abgewählt, weil er einfach nicht gut war. Physik hatte ich als Leistungskurs, weshalb ich mir hätte vorstellen können, Physik zu studieren. Trotzdem entschied ich mich für die Metaphysik, also für ein Theologiestudium in Greifswald, Tübingen, Heidelberg, Beirut (an der Near East School of Theology) und in Leipzig. Im Jahr 2011 habe ich mein 1. Kirchliches Examen abgelegt und mich aus persönlichen Gründen gegen eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden. Ich ging ins Vikariat in Machern bei Leipzig. Nach meinem zweiten kirchlichen Examen habe ich erfahren, dass im Kirchspiel Schleife seit längerer Zeit eine Pfarrstelle ausgeschrieben war. Das hat mich aus verschiedenen Gründen gereizt. Einmal das Sorbische, wobei der Schleifer Dialekt besonders ist. Ich kannte diese Region von Kindheitstagen. Mir gefiel die sorbische Heideregion und natürlich ging es mir auch um die ganze Braunkohlenproblematik, weil ich mich seit meiner Jugend für Umweltprobleme und die Geschichten dazu interessiere. Andere Faktoren, wie die Schule vor Ort waren dann ausschlaggebend dafür, dass ich mich nach Schleife beworben habe. Normalerweise darf man sich seine erste Stelle nicht aussuchen, man wird zugeteilt. Aber wenn man ins Ländliche will, dann kann man sich die Stelle auch aussuchen.

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Auch wenn es schon einige Pfarrerinnen gibt, ist dieser Beruf eher von Männern dominiert. Ist es eine Herausforderung für Sie, Pfarrerin zu sein und als Frau eine gewisse Autorität zu haben?

Hier in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ist alles Richtung Berlin orientiert und dadurch ist es viel einfacher und offener. Vor mir war schon einmal eine Pfarrerin hier in Schleife tätig und ich glaube, dass das wichtig war. Sie war nur 5 Jahre im Amt, aber sie hat vieles für mich geöffnet. Es ist wahrscheinlich schwer, wenn zum ersten Mal eine Pfarrerin kommt.  Ansonsten muss ich sagen, dass es in unserer Landeskirche seit über 50 Jahren normal ist, dass Frauen ordiniert werden. Die Menschen kennen andere Pfarrerinnen und das Rollenbild verändert sich auch im Pfarrberuf. Derzeit studieren mehr Frauen Theologie als Männer und die Prognose ist, dass der Pfarrerberuf eher zum Frauenberuf wird. Man hat trotzdem immer wieder auch mit Klischees und Vorurteilen zu tun, wobei ich es bei uns im Kirchenkreis in der Landeskirche nicht so stark erlebe. Es ist manchmal schwierig für ältere Gemeindeglieder, die einfach in ihrer Kindheit und Jugend stark von einem alten Pfarrerbild geprägt wurden. Natürlich müssen sich die Gemeindeglieder an eine junge Pfarrerin und auch an eine junge Familie gewöhnen.  Das nehme ich ihnen nicht übel. Selbst sagen sie, dass sie hier noch nie eine junge Pfarrfamilie hatten, wo die Frau die Pfarrerin ist.

Wie groß ist Ihre Kirchgemeinde und wie sind die Proportionen zwischen Christ*innen und Nichtchrist*innen?

Die Kirchengemeinde Schleife hat insgesamt ungefähr 1500 Gemeindeglieder in acht Dörfern, aber nur eine Kirche. Die Menschen sind schon seit Jahrhunderten daran gewöhnt, in diese Kirche zu fahren. Im Schleifer Kirchspiel sind etwa 20 bis 25% der Bewohner Kirchenmitglieder. Es wird Wert auf Tradition gelegt, die Kirche steht selbstverständlich im Mittelpunkt des Dorfes und wird als Partner akzeptiert.

Sind alle Gemeindemitglieder Sorben?

Da kommen wir zur Frage, wer ist ein Sorbe, eine Sorbin? Ich würde sagen, 80% haben einen sorbischen Hintergrund. Das fällt bei den Familiennamen auf, die sehr traditionell sind, wie Nagorka, Krautz, Nowak, Gnilica, Sprejz etc. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde in den meisten Familien die sorbische Sprache abgelegt.
Das ist eine langfristige Entwicklung: Zum einen war es die Repressalienpolitik den Sorben gegenüber in preußischen und natürlich besonders in nationalsozialistischen Zeiten: Sorbische Pfarrer und Lehrer wurden aus den Orten ausgewiesen, um dann die Germanisierung voranzubringen. Auch hier im Schleifer Kirchspiel wurde der sorbischsprachige Pfarrer Gottfried Rösler im Jahr 1938 ausgewiesen.

Wie war dann die Situation nach 1945?

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt dann nicht mehr das Ideal, das Jahrhunderte geprägt hat: die fest im Sorbischen und im Glauben verankerte bäuerlich-forstwirtschaftliche Kultur. Das neue Ideal war der sozialistische Arbeiter, der im Tagebau arbeitet und selbstverständlich Deutsch spricht und keine Tracht trägt. Die Sprache wurde erneut abgelegt und in den meisten Fällen auch die Tracht. Die 80-90-Jährigen sind alle noch muttersprachlich aufgewachsen, beherrschen die Sprache auch. Die 60-70-Jährigen verstehen es, weil sie es von ihren Großeltern gelernt und gehört haben. Die jüngere Generation, die in der DDR aufgewachsen ist, versteht sicherlich einzelne Worte, aber das Niveau ist rudimentär. Es betrifft vor allem die Nieder- und Mittellausitz, weil dort die Braunkohlevorkommen sind. Insgesamt wurden 130 Dörfer durch die Jahrzehnte devastiert. Wenn Leute in die Städte ziehen, in Wohnblocks nach Weißwasser und Hoyerswerda, werden sie entwurzelt, sie verlieren ihre Sprache und Kultur. Besonders in der Mittel- und Niederlausitz ist die sprachliche Situation prekär. Sprachlich besser gestellt sind die Gegend um Bautzen herum und die der katholischen Dörfer. Nichtsdestotrotz muss man sagen, auch dort verringert sich die Zahl der muttersprachlichen Menschen bis heute. Für mich sind Sprache, Kultur, Traditionen und Bräuche identitätsstiftend. Ab wann ist man Sorbe oder Sorbin? Ich glaube, einige würden hier im Schleifer Kirchspiel sagen: „Wir sind Sorben, wir sprechen die Sprache nicht, aber an Festtagen tragen wir die Tracht“.

Eine Gesellschaft lebt permanent im Strukturwandel, besonders hier in der Lausitz.

Kommen wir jetzt auch zum Thema, das Sie schon erwähnt hatten und das in aller Munde ist: der Strukturwandel. In der Gemeinde Schleife befindet sich das letzte Dorf im Osten Deutschlands, das abgebaggert werden soll. Wie ist die Atmosphäre in Ihrer Gemeinde? Wie erlebt Ihre Gemeinde den Strukturwandel?

Ich finde dieses Wort Strukturwandel sehr problematisch, weil wir immer in einem Wandel der Strukturen leben: Der Wandel der Strukturen nach dem Zweiten Weltkrieg, dann als die Bauern in die LPG gezwungen wurden, die Wende 89/90, danach die Massenentlassungen und so weiter… das ist ein massiver Wandel der Strukturen. Eine Gesellschaft lebt permanent im Strukturwandel, besonders in der Lausitz.

Nichtsdestotrotz sind wir derzeit hier besonders davon betroffen: das Schleifer Kirchspiel oder Teile davon, wie Rohne, Mulkwitz oder Mühlrose waren schon zu DDR-Zeiten als Bergbauvorranggebiet gelistet. Es durfte nicht mehr gebaut werden, da eine Umsiedlung schon geplant war. Deshalb sind die Ortskerne dieser Dörfer auch so historisch und so charakteristisch, weil die ganzen alten Höfe erhalten blieben. In den 90er Jahren folgte ein großes Aufblühen durch den Neubau und die Renovierung der Häuser, weil der neue Braunkohleplan keine Devastierung der Dörfer mehr vorsah: „ihr könnt bauen, ihr werdet nicht umgesiedelt“.

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Wann hat sich das geändert? Aktuell soll Mühlrose umgesiedelt werden.

Ja, das änderte sich radikal im Jahr 2006: Im neuen Revierkonzept stand, dass die Orte Rohne, Mulkwitz, Mühlrose und Schleife südlich der Bahn und Klein-Trebendorf devastiert und abgebaggert werden sollten. Das hätte für das Schleifer Kirchspiel die Umsiedlung von 1700 Menschen und die Umsetzung von drei Friedhöfen bedeutet. Mit dieser Aussage ist sofort der Grundstückswert gefallen, denn wer zieht noch in ein Dorf, das umgesiedelt werden soll? Die Menschen haben dann 10 Jahre lang die Umsiedlung geplant. Anfang des Jahres 2015 sagte dann der Eigentümer, des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall: „Wir verkaufen unsere Braunkohlesparte, wir wollen in die Richtung erneuerbare Energien, Braunkohle ist schwierig für uns“.  Dann erfolgte der Verkauf an EPH, einem tschechisch-multinationalen Konsortium mit undurchsichtigen Strukturen. 2017 gab der neue Besitzer ein neues Revierkonzept bekannt: die Orte Schleife südlich der Bahn, Rohne, Mulkwitz und auch Klein Trebendorf werden nicht in Anspruch genommen, dafür aber eventuell der Ort Mühlrose. Nach den vergangenen 10 Jahren Investitionsstopp, die Menschen hatten sich innerlich von ihren Häusern schon verabschiedet, wieder eine Wendung: „Ihr könnt bleiben!“.

Wie kommen die Menschen vor Ort mit diesem ununterbrochenen Hin und Her klar? Gibt es Hoffnung?

Die Menschen in den Orten, die bleiben, schöpfen wieder Hoffnung, sie haben sich in ihrem strukturellen Denken wieder gewandelt, weil sie in ihren Häusern bleiben werden. Sie müssen nun neu beginnen, sich mit ihrem Ort zu identifizieren. Das ist für mich Strukturwandel! Der Ort Mühlrose ist wahrscheinlich das letzte Dorf in Ostdeutschland, was noch zur Umsiedlung freigegeben werden soll. Derzeit handelt es sich bei dem Umzug um eine freiwillige vorzeitige Umsiedlung. Erst in einigen Jahren, wenn der Braunkohleplan genehmigt werden sollte, kann die Umsiedlung auch bergrechtlich durchgesetzt werden. Doch ob der umgeschriebene Braunkohleplan noch genehmigt wird, steht in den Sternen.

Was ich derzeit in Mühlrose erlebe, ist das Ende eines historischen Ortes. Er zerfällt – durch Streit, aber auch durch Wegzug. Die Häuser und die Höfe, auch die historischen unter ihnen, werden abgerissen. Nur einige Wenige werden bleiben.

Die Situation, in der wir hier im Schleifer Kirchspiel leben, bedeutet eine große Ungleichzeitigkeit. Einige Menschen bleiben in ihren Häusern, bauen gar neue Häuser, investieren in die Zukunft, gründen Familien. Andere sind im Zwiespalt: „Bleibe ich oder ziehe ich um“? Die Menschen haben aber erkannt, dass die ganze Geschichte mit der Kohle eine endliche ist! Früher war immer der Kohlekonzern da: er investierte sehr viel ins Vereinsleben, eine neue Schule und Feuerwehren wurden gebaut. Vor meiner Zeit wurde sogar die Kirche vom Bergbauunternehmen saniert.

In diese Dörfer sind unheimlich viele Gelder geflossen und das verändert sich derzeit in der Haltung der Menschen, es ist nicht mehr alles nur vom Bergbauunternehmen abhängig zu machen. Die Leute entwickeln wieder mehr Eigeninitiative, eigene Ideen. In Rohne soll beispielweise eine Kulturscheune entstehen, die Bushaltestelle ist als Lesehaltestelle ausgebaut und so weiter.

Und darüber freue ich mich! Ich sehe dem Ganzen sehr positiv entgegen. Die Menschen identifizieren sich wieder mehr mit ihrer Heimat, mit dem, was ihre Dörfer wertvoll macht.

In meinen Predigten thematisiere ich fast nie die Braunkohleproblematik. Ich predige biblische Geschichten und diese sprechen für sich.

Man stellt sich irgendwann die Frage, wo will ich leben, was will ich eigentlich und welche Möglichkeiten habe ich?

Ja! Ein Strukturwandel, wie der jetzige, kann nur funktionieren, wenn die Menschen Initiativen und Ideen entwickeln. Mit viel Geld von oben funktioniert das nicht allein. Diese Dörfer haben erlebt, was viel Geld bedeutet: Streit, Neid und eine Lähmung der Eigeninitiative. Genau das ist hier in den letzten Jahren passiert. Es wurde nur erwartet, dass das Bergbauunternehmen bezahlt und fertig. Geld behindert, aus meiner Perspektive, auch den Wandel der Strukturen und ein großer Geldregen wird das Denken der Menschen nicht verändern. Wir sehen das gerade in Trebendorf. Dort wurde ein großer Sportpark errichtet und derzeit ermittelt das Landeskriminalamt Sachsen wegen Unterschlagung. Das zerreißt einen kleinen Ort, weil es Begehrlichkeiten gibt: die eine Familie war dort beteiligt, die andere Familie war anderswo beteiligt…  jetzt gibt es Hausdurchsuchungen in Trebendorf. Und deshalb ist ein Strukturwandel schwierig, bei dem nur Wirtschaftsförderung und Infrastruktur im Fokus stehen. Werden dagegen Kultur und alternative Schulen gefördert, kommen vielleicht auch Familien her, die ihr Kind lieber in eine freie Schule schicken. Sie überlegen sich dann, ob sie aus dem großstädtischen Raum vielleicht doch ins ländliche Gebiet ziehen.

Wie muss man sich diese Konflikte zwischen den Menschen in ihrer Gemeinde vorstellen? Sie haben dann beide Seiten vor sich … müssen Sie manchmal zwischen verschiedenen Parteien schlichten?

Viele denken, man redet viel als Pfarrerin oder man muss viel reden. Die Hauptaufgabe für mich als Pfarrerin ist aber, zuzuhören. Ich bin für die Menschen da und das ist auch die Stärke der Kirche und des Glaubens. Egal, welcher Partei sie angehören oder wie sie zur Braunkohleproblematik stehen: Wir feiern gemeinsam Gottesdienst! Und das ist das Besondere und was ich sehr schön finde: Die Menschen kommen trotz allem in die Kirche, in den Gottesdienst, und finden Halt.
In meinen Predigten thematisiere ich fast nie die Braunkohleproblematik. Ich predige biblische Geschichten und diese sprechen für sich.

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Und nach der Predigt kommen sie manchmal zu Ihnen und sagen…?

„Es hat gepasst!“ Das sehe ich als zentrale und absolut wichtige Aufgabe in unserem Kirchspiel, weil diese acht Dörfer in drei Kommunen aufgeteilt sind und weil sie durch das Kirchliche zusammengehalten werden. Deshalb heißt es auch, „Acht Dörfer – ein Kirchspiel“. Die Frage ist immer, wie kann man diesen Zusammenhalt schaffen, denn man braucht hier auf dem Dorf keinen philosophischen Lesekreis zu gründen. Es wäre schön, aber es funktioniert vielleicht nicht so.

Ich habe erkannt, dass für die Menschen zum Beispiel die Feuerwehr sehr wichtig ist und deshalb habe ich begonnen, Feuerwehrgottesdienste zu machen, wo alle acht Feuerwehren aus allen acht Dörfern einziehen und wir feiern zusammen ihren Einsatz. Sie sind für alles immer da, die Feuerwehren sind für die Organisation von Dorffesten da, sie löschen die Waldbrände, die wir hier in der Region häufiger haben, sie sind bei Unfällen da usw. Sie sind die erste Einsatztruppe der Dörfer. Das auch zu sehen, zu würdigen und wertzuschätzen, das finde ich wichtig.

Es sind verbindende Maßnahmen, wo es nicht darum geht, „Ihr seid die Kommune“, „wir sind die Kommune“, „ihr habt so viel Geld bekommen“, „wir haben so viel Geld bekommen“ oder „wir haben gar nichts bekommen“… Das steht nicht im Mittelpunkt. Was verbindet uns eigentlich? Jedes Dorf hat eine Feuerwehr und das verbindet uns. Das Grundproblem liegt darin, dass sich oft die Menschen nicht gesehen und wertgeschätzt fühlen. Wertschätzung! Dass man die Menschen, in dem was sie sind, mit ihren Problemen, aber auch mit ihren schönen Seiten sieht. Dass wir die christliche Botschaft, „du bist geliebt, du bist gewollt so wie du bist, Gott sieht dich, Gott segnet dich“, weitervermitteln. Und das ist positiv, das ist positive Energie, das ist eine Hoffnungsbotschaft!

Diese Region, die also wirklich blutet und so verwundet ist, auch für diese Region gibt es eine Zukunft! Und an der Stelle bin ich mir sehr gewiss: Da trägt mich mein Glauben durch. Und diese Hoffnung will ich hier den Menschen vermitteln, vor Ort!

Sînziana Schönfelder…

… stieß im Sommer 2017 sie zu dem Projekt „Geschlechtersensible Willkommenskultur im Landkreis Görlitz“ und entwickelte Formate zur Berücksichtigung von Frauen mit besonderem Blick auf Landwirtinnen im Landkreis Görlitz. Hieraus entstand der Film Land leben. Land lieben, den sie gemeinsam mit René Beder produzierte. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit am IHI Zittau – TU Dresden, erforscht sie am TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau-Görlitz Religionssensible Integrationskultur in Ostsachsen – und bleibt F wie Kraft als Autorin von Portraits erhalten.

Fotos: Tine Jurtz, https://fototine.de/

ZUSAMMEN HANDELN UND STRUKTUREN WANDELN

HERZLICHE EINLADUNG ZUM F WIE KRAFT – SYMPOSIUM AM 6. NOVEMBER 2020 IN WEISSWASSER

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Die Lausitz befindet sich mitten im Strukturwandel. Vieles wird und muss sich verändern. Schon längst gestalten Frauen auf vielfältige Art diesen Prozess – mit großen und kleinen Visionen, Ideen und Projekten. Welche Themen, Probleme und Handlungsfelder bewegen Frauen? Was brauchen wir und was braucht die Region? Wie lässt sich der Strukturwandel geschlechtergerecht gestalten?

Wir laden alle Frauen (und natürlich auch Männer), die Struktur wandeln, dazu ein, sich miteinander auszutauschen und zu vernetzen. Lasst uns mit mutigem Blick nach vorn über den Strukturwandel sprechen:

  • Über Erfahrungen von Frauen in Wandlungsprozessen
  • Über Projekte, die wir noch angehen werden
  • Über Themen, die wir auf die Strukturwandelagenda setzen

ORT: Soziokulturelles Zentrum TELUX, Weißwasser
DATUM: 06.11.2020
UHRZEIT: 09:30 Uhr

Programm

  • 09:30 Ankommen und Netzwerken
  • 10:00 Begrüßung und Auftakt
  • 11:00 Podiumsdiskussion | „Strukturwandel? Machen wir schon!“ (Mit Manuela Kohlbacher und weiteren Gästen)
  • 12:00 Pause und Mittagessen
  • 13:00 3 parallele Workshops
    • Strukturwandel ohne Frauen? (Mit Antonia Mertsching) | Ideen – und Argumentationsschmiede für geschlechtergerechtes Handeln im Strukturwandel
    • ProduzentinnenTour „Pflege in der Lausitz“ (Mit Dr. Julia Gabler und Gästen) | Schlaglichter auf die Arbeit in der Pflege
    •  „Vom Wandeln zum Handeln“ (Mit Henriette Stapf) | Biografieworkshop
    • Offener Slot: Was es noch alles zu besprechen gilt… | Bringt Eure eigenen Themen mit!
  • 15:00 Abschluss
  • 15:30 Ausklang, Genießen und Netzwerken

Kontakt und Anmeldung

Die Teilnahme ist nur nach bestätigter Anmeldung möglich, da die Teilnehmer*innenzahl auf 50 Personen begrenzt ist. Bitte meldet Euch bis zum 21. Oktober per Email unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. an.

Bei Bedarf werden wir eine Kinderbetreuung organisieren. Bitte gebt an, ob Ihr mit Kindern kommt.

Bei Fragen erreicht Ihr Pauline Voigt telefonisch unter der 03581/374 4873 oder per Email unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein..

Wir freuen uns auf einen anregenden, vernetzenden Tag mit Euch!
Weitere Infos auf unserer WebsiteFacebook und Instagram.

 
 

WIE WEIBLICH IST DER STRUKTURWANDEL?

Die Lausitz, Cottbus, eine Region und somit die Heimat vieler befinden sich im Strukturwandel. Doch was heißt das? Eine Frage, der es sich zu stellen gilt und gleichzeitig lässt sich keine einfache Antwort darauf finden. Der Begriff muss intensiv beleuchtet werden und es sollte ein Blick auf die Menschen und Personengruppen erfolgen, die dabei in den Fokus rücken oder dabei nahezu unbeachtet bleiben.

Wir kommen aus einem Bereich, in dem wir speziell nach Einstellungen und Befindlichkeiten fragen und quasi Ursachenforschung und Biografiearbeit leisten. Soziale Arbeit ist Care-Arbeit und die Pflege und damit verbundene Beziehungsarbeit mit jungen Menschen führen dazu, dass wir Personen und auch Gruppen über einen langen Zeitraum begleiten und somit einen tiefen Einblick in Lebenswege und gegenwärtige Bedarfslagen haben. Natürlich gibt es regional viele Projekte und Träger, die sich ebenfalls der offenen Kinder- und Jugendarbeit verschrieben haben, ebenfalls eine Expertise leisten und fachliche Informationen zu Handlungsfeldern äußern können. Unsere Besonderheit innerhalb der Jugendarbeit ist jedoch der geschlechterreflektierende Blick bzw. die gezielte Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen. Mädchen(politische) Arbeit ist in Brandenburg keine Selbstverständlichkeit und gilt als unterfinanzierter oder auch fehlbetragsfinanzierter Bereich, der häufig den freiwilligen sozialen Leistungen zugeschrieben wird. Folglich steht diese pädagogische Arbeit mit einer tollen und vielfältigen Zielgruppe unter hartem Erfolgs- und Legitimationsdruck. Seit 1991 behauptet sich das Mädchenprojekt in der Jugendförderlandschaft und hat 2017 durch einen Generationswechsel im pädagogischen Team Arbeitsschwerpunkte neu gesetzt und intensiviert, wodurch sich unter anderem die gegenwärtige Ziel- bzw. Nutzerinnengruppe zwischen 16 und 27 Jahren bewegt. Medienpädagogische Arbeit, Berufsorientierung, Lebensplanung und -begleitung und Selbstbefähigung im Kontext diverser Schlüsselkompetenzen verkörpern Kernanliegen der Arbeit und sind stetiger Inhalt der Beziehungsarbeit und der Angebotsrealisierung. Diese Arbeit ist immer in einem politischen, sozialen, wirtschaftlichen und finanziellen Kontext eingebunden, denn diese Schnittstellen sind Teil einer jeden Lebensrealität und des eigenen Alltags; unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialer Herkunft oder auch Nationalität. Folglich erscheint es nicht verwunderlich oder überraschend, dass auch unser Projekt und die Mädchenarbeit mit dem Thema Strukturwandel konfrontiert wird, allerdings ist dabei die Bearbeitung durchaus niedrigschwelliger und die gedankliche und emotionale Aufarbeitung liegen im Fokus.

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„Unsere Stadt sollte mehr sein als ein Fußballstandort oder eine Ansammlung von Unternehmen.“[1]

Bis in die 1990er Jahre hinein definierte sich die Lausitz als Wirtschaftsstandort für Braunkohle und sah in dieser dauerhaft eine wichtige regionale Besonderheit und durchaus auch ein Alleinstellungsmerkmal. Mit dem fortschreitenden demografischen Wandel, der Verabschiedung von der Braunkohle und dem gleichzeitigen Wunsch, Fachkräfte in der Region zu halten und ein attraktiver Lebensstandort zu bleiben, wurde klar, dass sich zum einen die Lausitz in ihrem Selbstverständnis wandeln musste und zum anderen die Regierung vor der Herausforderung stand, finanzielle Unterstützungen und perspektivische Wege aufzuzeigen. Viele Unternehmen, Dörfer, Familien und Einzelpersonen standen vor der Frage: Wie geht es weiter? Was wird und muss passieren, damit ich meine Heimat nicht verlassen muss und die Lausitz nicht an Attraktivität verliert? Aus diesen Zukunftsfragen und -ängsten heraus haben Ministerien, Regierungen und Kommunen selbst Vorhaben, Leitsätze und Investitionsgedanken formuliert, die den Osten für die nächsten Jahrzehnte stabilisieren und voranbringen sollen.

In den letzten Monaten konnten wir in regionalen Medien mitverfolgen, dass diese großen Ziele ihre Realisierung finden oder in Planung sind. Eine medizinische Fakultät soll den Status der Universitätsstadt Cottbus stärken, das Bahnwerk RAW wird neue Aufträge und Bauvorhaben umsetzen, Umweltfreundlichkeit und Digitalisierung stehen auf der Agenda und Unternehmen werden sich in der Region ansiedeln.

Im Kontext des Begriffs Strukturwandel wird somit schnell eines deutlich; nämlich, dass der Begriff eher wirtschaftlich, finanziell und ökonomisch gedacht wird. Blicken wir allerdings auf die Zielgruppe der jungen Frauen bzw. generell auf eine junge, nachwachsende Generation, wird klar, dass diese Betrachtung und Ausrichtung von Strukturwandel nicht ausreichend ist und dadurch eine unbewusste Ausgrenzung stattfindet. Junge Frauen befassen sich intensiv mit sozialen (Problem-) Lagen und mediale, digitale sowie kulturelle Bereiche sind Teil ihres Alltags. Diese Auseinandersetzung begründet sich zum einen berufsspezifisch und zum anderen aufgrund von noch vorherrschenden Rollenbildern, Anforderungen oder auch Herausforderungen an Mädchen und junge Frauen. Trotz geschlechterreflektierender Angebote im schulischen, privaten und beruflichen Kontext wie beispielsweise MINT-Programmen oder dem Girls Day und dem Versuch, binäre Denkstrukturen und vorherrschende Geschlechterstereotype aufzubrechen, fallen die Berufswünsche und -wege junger Frauen sehr stereotyp aus. „[…]Frauen wählen auch deswegen eher traditionelle Arbeitsfelder, weil dort mehr Frauen sind. So müssen sie mit weniger Widerständen ihrer Umgebung rechnen und können sich mehr Unterstützung erhoffen, als in „männlichen“ Arbeitsfeldern, Tätigkeiten oder Berufen. Ebenso lässt sich natürlich auch „Ärger vermeiden“, wenn bestimmte höhere Funktionen / Positionen gar nicht erst angestrebt werden.“[2] Viele junge Frauen suchen sich Ausbildungs- oder Studienbereiche, die im Dienstleistungssektor oder im sozialen, pflegenden Bereich verankert sind und streben hierbei auch nicht immer Führungspositionen oder leitende Tätigkeiten an.

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Handwerk, Technik, Wirtschaft, Finanzen sind noch immer männerdominierte Branchen und genau in diesen findet Strukturwandel gegenwärtig statt und wird diskutiert. Vorwurfsvoll lässt sich also formulieren, dass der Strukturwandel Lebenswelten von Frauen keine Berücksichtigung schenkt und gleichstellungspolitische Fragen und Gedanken nicht aktiv mitgedacht werden. Wenn der Strukturwandel darauf zielt, eine vielfältige Zielgruppe partizipatorisch mitwirken zu lassen, dann muss sich der Wandel folglich auf alle Strukturen beziehen, weitergedacht werden und soziale, ökologische und kulturelle Bereiche aktiv berücksichtigen. Eine Stadt oder Region gewinnt nicht nur an Attraktivität oder verbessert das eigene Image durch die Existenz von wirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen, sondern durch die Verbesserung von Rahmenbedingungen hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dem Vorhandensein zahlreicher Kultur- und Freizeitangebote und vor allem durch die Aufwertung, Wertschätzung und entsprechende Entlohnung von sozialer Arbeit. Gerade die Folgen von Corona haben gezeigt, wie wichtig die zwischenmenschliche Arbeit ist und welchen hohen Stellenwert Beziehungs- und Sozialstrukturen haben. (Junge) Frauen entwickeln ein Zugehörigkeits- und Identitätsgefühl aufgrund von Beziehungsstrukturen und positiven Erlebnissen; sprich sie setzen jegliche Entwicklungen und Gegebenheiten in Kontext zu ihrem Lebensalltag. Strukturwandel beinhaltet somit eine starke emotionale Komponente, die nicht zu unterschätzen ist und der sich alle Beteiligten stellen müssen.

„Keine Ahnung, was Strukturwandel genau meint – geht es da um Umwelt, Menschen, Gesellschaft? Ich glaub, das meint vor allem die Situation mit der Braunkohle.“[3]

Die Unsicherheit und das fehlende Wissen zum Strukturwandel, zeigen auf, dass dieser eine gesamtgesellschaftliche Kooperationsaufgabe darstellt und nur alle Zielgruppen bewegt und anspricht, wenn sich Wirtschaft, Finanzwelt, Politik, Bildung und soziale Arbeit ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst werden, sich in Netzwerken zusammenfinden und gemeinsame  (Entwicklungs-) Angebote schaffen. Wirtschaft und Politik müssen also sowohl für die Belange der jungen Menschen sensibilisiert werden, als auch für die vielfältigen Lebenslagen von Frauen. Alters-, zielgruppen- und geschlechtergerechte Ansprache und Planungsprozesse sind unverzichtbar. Bund- und länderübergreifendes Agieren, Begegnung auf Augenhöhe, Offenheit für Neues und das Einbeziehen der Menschen, sowie das Weiterdenken von Bildungsprozessen und Kompetenzen sind die Schlüsselwege, um junge Menschen zu begeistern. Der Strukturwandel muss weniger „abstrakt“ sein und für junge Menschen griffiger werden. Schule und Freizeiteinrichtungen können eine ergänzende Schnittstelle darstellen und der Politik und Wirtschaft lebensweltnahe Wege aufzeigen. Projekttage, Kooperationsevents, niedrigschwellige Bildungs- und Präventionsangebote und die Stärkung von jugendlichem Engagement innerhalb des (Schul-)Alltags gewährleisten eine aktuelle Auseinandersetzung mit dem regionalen und aktuellen Zeitgeschehen. Dabei ist nicht zu unterschätzen, welche wichtige Rolle weibliche Führungs- und Fachkräfte als Multiplikatorinnen spielen. Das Aufzeigen von starken weiblichen Erfolgsgeschichten innerhalb einer Region steht für eine gelungene Gleichstellungspolitik, Chancen, Perspektiven und Vielfalt.

Strukturwandel ist ein von Menschen geschaffener Prozess und kann nachhaltig nur dann für Alle wirken, wenn der Mensch in seiner Vielfalt ganzheitlich eingebunden wird.

[1] Zitat: Lea K., 19 Jahre

[2] Jacob, Kerstin: Frau Schneider macht die Beratung, Herr Müller schreibt das Konzept. – Geschlechterstrukturen im Beruf der Sozialen Arbeit. S. 60-69, in: Matthies, Aila-Leena / Mingerzahn, Frauke / Armbruster, Reinhard M. (Hrsg.): Weiblichkeit und Männlichkeit in der Sozialen Arbeit. Magdeburger Reihe Bd. 14. Hochschule Magdeburg-Stendal 2004. S. 66.

[3] Zitat: Kim M., 21 Jahre

Die Autorinnen…

… Marlen Berg (36, MA Erziehungswissenschaft/Literaturwissenschaft) und Franziska Reifenstein (30, BA Soziale Arbeit), gebürtig aus Cottbus, bilden seit 5 Jahren das pädagogische Team des Mädchenprojekts MiA – Mädchen in Aktion. Neben der mädchen- und frauenpolitischen Arbeit innerhalb des Frauenzentrum Cottbus e. V. arbeiten sie zudem innerhalb der Kinder- und Jugendlandschaft der Stadt Cottbus, sind aktiv in sozialen und kulturellen Vereinen tätig und sehen gemeinsam Interessensschwerpunkte in der medienpädagogischen Arbeit. Gemeinsam bedienen sie einen Livestream mit sexualpädagogischer Ausrichtung, stärken Jugendbeteiligungsprozesse und haben intensives Interesse an dem Auf- und Ausbau der regionalen Netzwerkkultur.

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Fotos: MiA – Mädchen in Aktion

 
 

WENN IHR STARKER ARM ES WILL

Ullrich Heinemann hat 46 im und für den Lausitzer Bergbau tätige Frauen an ihren Arbeitsplätzen fotografisch porträtiert. Die Wanderausstellung war von 2018 bis 2020 im Revier zu sehen. Heike Irion hat sich die Ausstellung angesehen und ausführlich mit Heinemann sprechen können. Eine persönliche Annäherung an ein kontroverses Thema.

Der respektvolle Blick

„Es geht nicht um mich“, sagt Ullrich Heinemann, als wir uns an einem sonnigen Oktobermorgen im Gemeindehaus von Neuhausen/Spree hinter unseren Mund-Nasen-Masken unterhalten. Hier stehen die Frauen im Mittelpunkt seiner großformatigen Fotografien, dafür war er bei manchen Bildern auch bereit, eigene Ansprüche an die Komposition zurückzustellen. Ebenso uneitel zeigten sich die Porträtierten. So, wie er sie antraf, in Verwaltungsgebäuden, neben riesigen Anlagen, im Tagebau, zum Teil verschwitzt und verstaubt. Mit großer Selbstverständlichkeit stehen sie da, vor „ihren“ Geräten und Anlagen, vor dem Bildschirm, der Halde. Mit Helm, mit Multimeter, auf der Kanzel, am Steuer. Auf vielen der Aufnahmen leuchtet das Orange der Firmenkleidung. Am eindrücklichsten aber sind die Gesichter.

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„Frauen im Lausitzer Revier“ heißt die Fotoausstellung, und ins Revier ist Ullrich Heinemann für seine Porträts gegangen. Er war selbst bis zur Pensionierung im Lausitzer Bergbau tätig, noch heute begleitet er Besucher*innengruppen durch den Tagebau Welzow-Süd, man kennt sich. „Ich habe wahnsinnige Hochachtung vor diesen Frauen, die in drei Schichten, Tag und Nacht, dafür sorgen, dass wir stabil Strom haben, und das oft noch zusätzlich zu Haushalt und Familie“, erklärt der Fotograf. Diese Haltung spricht sowohl aus seinem Auftreten als auch aus seinen Bildern.

Sein so respektvolles Frauenbild habe er von zu Hause mitbekommen, wo Vater und Mutter liebevoll vorlebten, dass Männer und Frauen gleichwertig sind und gleichberechtigt sein können. Mit dieser Einstellung ist er auf die Frauen im Tagebau zugegangen.

Gesicht zeigen

Viel Überzeugungsarbeit habe es nicht gebraucht, die Mehrzahl der Kolleginnen war schnell bereit, sich porträtieren zu lassen. Hilfreich war dabei sicherlich das aktive Mitwirken von Silke Butzlaff, Eimerketten-Baggerfahrerin im Tagebau Welzow-Süd. Gemeinsam mit Heinemann erarbeitete sie die Idee zum Projekt und verbreitete diese unter den Kolleginnen. Sie vermittelte Kontakte und begeisterte die Frauen. Wenn Heinemann auf Schicht nach einem verabredeten Fototermin noch eine weitere Kollegin für ein spontanes Shooting vor Ort ansprach, dann wusste auch diese bereits Bescheid über das Projekt.

Für Butzlaff war „Ende Gelände“ im Jahr 2016, die Besetzung und Blockade des Kraftwerks Schwarze Pumpe durch Umweltaktivst*innen Anlass, etwas tun zu wollen: Die Kumpel sollten mit ihrem Porträt für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze einstehen, der Braunkohle ein menschliches Antlitz geben. Diese Idee konnte nicht realisiert werden, aber es wurde aus ihr das Thema „Frauen im Lausitzer Revier“ geboren. Mit Würde und Anstand wolle er die Wertigkeit der Arbeit dieser Frauen zeigen, erzählt Heinemann, das sei sein Hauptanliegen gewesen.

Mit selbstbewusstem Blick zeigen sich die 46 Kolleginnen, jede an ihrem Arbeitsplatz, in Arbeitskleidung, so, wie sie sich vor Schichtbeginn selber geschminkt haben oder nicht, in den meisten Fällen nur mit natürlichem Licht fotografiert. Von der Verwaltungsassistentin bis zur Ingenieurin ist eine möglichst breite Palette der Berufe im Tagebau vertreten, auch das war Heinemann wichtig. Von zwei Auszubildenden Mechatronikerinnen bis zu noch in der DDR ausgebildeten Baggerfahrerinnen, die in absehbarer Zeit aus dem Berufsleben ausscheiden werden, sind alle Altersgruppen vertreten. Auffallend ist dabei, dass die Mehrzahl der abgebildeten Frauen in hochqualifizierten und hochspezialisierten Positionen tätig ist.

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Beim Betrachten fällt mir auf, dass viele dieser Arbeitsplätze eines gemeinsam haben: Viel Technik. Wenig Mensch. Dort kontrolliert eine Kollegin tonnenschweres Gerät, tausende Megawatt Strom auf Knopfdruck. Ihre Kompetenz und ihr Stolz sind diesen Frauen ins Gesicht geschrieben, diesen Frauen, die im Alltag für uns unsichtbar souverän sehr große Verantwortung tragen.

Die Bilder vermitteln den Eindruck, dass jede einzelne dieser Frauen ohne Zögern die Gelegenheit ergriff, sichtbar zu werden, sich und ihre Leistung zu zeigen. Nur vier von 50 fotografierten Frauen gaben am Ende kein Foto für die Ausstellung frei.

Energiegewinnung aus Braunkohle ist ein Auslaufmodell, aber: „Solange es politisch gewollt ist, machen sie diese wichtige Arbeit“, kommentiert Heinemann, „ich ziehe den Hut vor dieser Verantwortung, das sind alles starke Frauen.“ Die sich zufrieden zeigten, im Reinen mit sich und ihren Berufen, fröhlich, was das Leben ihnen auch an Schwierigkeiten bereite. Ich sehe in ihre Gesichter während wir uns unter der hellen Lampe im Verwaltungsflur unterhalten: die Feuerwehrfrau, die Industrieelektronikerin, die Gleisarbeiterinnen, und mir wird sehr bewusst, dass Strom von Menschen gemacht wird.

Ullrich Heinemann wird die Fotos bald einpacken und bei sich zu Hause einlagern, die Reise seiner Ausstellung ist vorerst beendet. Vernissage war im November 2018 im Kraftwerk Schwarze Pumpe (das traf sich terminlich fast auf den Tag mit dem 100-jährigen Jubiläum der Erringung des Frauenwahlrechts in Deutschland, bemerkt Heinemann schmunzelnd), im Juli 2019 zog die Ausstellung weiter nach Boxberg, ab September 2020 sollten die Fotos eigentlich im Kraftwerk Jänschwalde zu sehen sein, was die Corona-Pandemie verhinderte, sodass sie zuletzt verlängert in der Gemeindeverwaltung Neuhausen/Spree hingen.

Wenn es nach Heinemann ginge, könnte seine Ausstellung weiter wandern, auch über sein Revier hinaus: „Die Porträts müssten auch in anderen Orten gezeigt werden, z. B. in der Energiefabrik Knappenrode oder sogar im Deutschen Bergbaumuseum in Bochum.“ Beiden würden diese kraftvollen Bilder sicher gut stehen.

Vom Revier ins Studio

Ein bleibendes Zeugnis der „Frauen im Revier“ liegt neben mir, während ich diese Zeilen tippe. Ein Projekt, das aus dem ursprünglichen Fotoprojekt geboren wurde, nämlich ein Kalender 2020, in dem sich 12 der 46 Frauen nochmals vor Heinemanns Kamera begaben. Diesmal im zum Studio umfunktionierten Hobbyraum im Keller seines Hauses bzw. in dessen Garten.

Jede der Frauen hatte freie Hand bei der Auswahl ihrer Kleidung und beim Styling, das eine befreundete Stylistin übernahm, und alle 12 entschieden sich für großen Kontrast zu den ersten Bildern. In zum Teil betont weiblicher Kleidung, auffallender geschminkt, die Haare frisiert, geschmückt, zum Teil sehr privat. Im Brautkleid. Im Dirndl. Als Clown.

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Auch im Blick hat sich etwas verändert. Mir fallen meine Jahre in einem „Männerdomäne“-Beruf ein, und wie ich mir mit der Arbeitskleidung zugleich jedes Mal meine Arbeitspersönlichkeit überzog. Eine solche legen sich alle Berufstätigen zu, für Frauen in „Männerberufen“ ist es aber nochmal besonders. Ich sehe im Vergleich jetzt deutlich, dass sich die Frauen im Revier bei Schichtbeginn mit der Firmenkleidung auch ihr Schichtgesicht anziehen.

Unter den großen Studio-Porträts zeigt der Kalender im kleineren Format Heinemanns Fotos der Frauen am Arbeitsplatz, gerahmt von dramatischen Weitwinkel-Fotos dieser Arbeitsplätze in den Tagebaulandschaften. Zumindest im Kleinen bleiben also einige der Fotos noch eine Weile sichtbar.

Die heiße Kartoffel Kohle, oder: Strukturwandel?

Ich fahre zurück in die Stadt, die ihre Stromversorgung zum Großteil auf erneuerbare Energien umgestellt hat[1] – beeindruckt, berührt, im Kopf sich neu formende Fragen.

Es fällt mir leicht, diese Frauen und ihr Können, ihre Lebensleistung zu respektieren. Ich möchte mich verführen lassen von diesem Gedanken: Die machen da nur ihre Arbeit, die Entscheidung treffen ja andere. Zugleich erkenne ich, wie problematisch er ist.

Kaum ein Berufsfeld bringt – für ganze Regionen – so viel Identität und Identifizierung mit sich wie die Kohle. Ich bin nahe am Ruhrgebiet aufgewachsen, war mit Bergmannskindern befreundet, ich habe die Arbeitskämpfe in der Stahlindustrie und in den Gruben hautnah erlebt. Im Schacht musst du dich absolut aufeinander verlassen können, das schafft Gemeinschaft, das formt Menschen. Die Arbeit ist schwer und gefährlich, aber du machst sie, damit alle anderen im Land es warm haben. Das war viele Jahrhunderte lang wahr.

Auch im Braunkohle-Tagebau ist die Arbeit für viele Kolleginnen noch hart. Sie gehen da raus, bei jedem Wetter, es ist laut und staubig. Der Zusammenhalt, der Stolz dieser Kolleginnen ist über Jahrhunderte gewachsen, ihre Tätigkeit hat der Lausitz vielerorts ihr heutiges Gesicht gegeben. Natürlich wünsche ich den Kumpeln hier, dass ihre Leistung wertgeschätzt wird. Den Frauen der DDR-Generationen mit diesen ausdrucksstarken Gesichtern, in die so viel Leben gezeichnet ist, natürlich wünsche ich ihnen, dass sie ihre letzten Berufsjahre ohne großen Umbruch absolvieren dürfen.

„Wir haben hier ja schon einen Ausstieg mitgemacht“, sagt Heinemann, damals in den 1990ern, als achtzig Prozent der Kapazitäten runtergefahren wurden. Die Region hat bewiesen, wie in diesem Bruch neue Höchstleistung aufblühen konnte. Damals wurde aber auch viel gerettet. Ganze Orte, Ortsteile und Landschaften vor der bereits geplanten Abbaggerung.

Was für eine verpasste Chance, denke ich. Diese Kompetenzen und Technologien mussten damals nicht zwangsläufig zum Braunkohleabbau (weiter-)entwickelt werden, das war eine Entscheidung. Eine Entscheidung im Angesicht schon damals alarmierender CO2-Emissionen und düsterer Prognosen für Klima und Menschheit.

Sie ist politisch gewollt, diese Tagebau-Braunkohle, sonst würde die Energiewende nicht wieder und wieder verschoben werden. Vom Strukturwandel sei hier im Revier noch nichts zu spüren, attestiert Heinemann, keine sichtbaren Anstrengungen würden unternommen, um eine Umstellung auf erneuerbare Energien vorzubereiten.

Ich denke an diese Gesichter der Braunkohle und denke, dass das Wissen und Können der hier gezeigten Frauen und ihrer Kolleg*innen sicher auch in anderen Bereichen gut genutzt werden könnten, zum Beispiel um genau diesen Strukturwandel einzuleiten und umzusetzen. Ich denke: Wie oft wurden und werden notwendige Veränderungen von Frauen bewirkt – das ist ein Gespräch, das ich mit den Frauen selber führen möchte.

[1] Quelle: https://www.stadtwerke-goerlitz.de/fileadmin/docs/pdf/privatkunden/strom/Vero%CC%88ffentlichungen/Stromkennzeichnung_2018_20191206.pdf

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Ullrich Heinemann…

… Jahrgang 1947, hat im Kaliwerk Roßleben in Thüringen gelernt und war von 1974 bis 2001 im Lausitzer Revier in unterschiedlichen Funktionen tätig. In den Jahren 1978/79 absolvierte er über den Kulturbund der DDR die Ausbildung zum fotografischen Zirkelclubleiter und leitete bis zur Wende den Fotoclub „Glück auf“ im Kulturhaus der Bergarbeiter Cottbus, der zwei Mal die Goldmedaille bei den Arbeiterfestspielen gewann. Im Vorruhestand gründete und leitete er seit 2006 einen zweiten Fotoclub „Glück auf“, dessen sechs Mitglieder in zehn Jahren 25 Ausstellungen produzierten. Diese wurden u. a. in Stockholm, Potsdam und verschiedenen Städten der Lausitz gezeigt. Die hier besprochene Ausstellung ist seine erste Porträtausstellung.

Interessierte können ihn als Gästeführer im Tagebau Welzow-Süd antreffen.

Heike Irion…

… Jahrgang 1975, wuchs in der Nähe des Ruhrgebietes auf und kam über Berlin und England 2016 in die Lausitz. Sie hat eine Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin und einen englischen Bachelor als Event Designerin und Produzentin. Sie ist seit 15 Jahren freiberuflich kulturschaffend tätig, u. a. als Regieassistentin, Übersetzerin, Pyrotechnikerin und Autorin. Seit 2020 lebt sie mit Mann und Kind in Görlitz.

Fotografische Begleitung des Interviews…

… von Tine Jurtz

ATTRAKTIVE ARBEITGEBER IN DER LAUSITZ – WELCHE ROLLE SPIELEN DABEI MODERNE ARBEITSMODELLE?

Wie sehen zeitgemäße Arbeitsformen aus, die den agilen Anforderungen unserer VUCA-Welt (volatil, unsicher, komplex, mehrdeutig) und den Ansprüchen der Generation Y nach Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben entsprechen? Ein Text von Vivien Eichhorn, Wertewandel e. V.

Laut einer auf Statista veröffentlichten Umfrage legen 48% der Befragten bei der Wahl ihres zukünftigen Arbeitgebers sehr viel Wert auf gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Familienfreundlichkeit wird damit nach dem Betriebsklima zum zweitwichtigsten Faktor der Arbeitgeberattraktivität. Hier setzt das Programm „Triple A – Arbeitgeber-Attraktivität durch flexible Arbeitsmodelle” der gemeinnützigen Organisation “Wertewandel – soziale Innovationen und demokratische Entwicklung e.V.” an. Das Projekt fördert kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) in der Lausitz, die durch den Strukturwandel und die damit einhergehenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt vor großen Herausforderungen stehen. Für die Unternehmen stellen Personalrekrutierung und -bindung die wichtigsten Zukunftsinvestitionen dar, da ihr Erfolg immer stärker von den Mitarbeitenden, deren Qualifikationen, Kompetenzen und ihrer Innovationsfähigkeit abhängig sein wird.

“Auch wir als Projektträger in der Lausitz stellen uns die Frage: Wie attraktiv sind wir als Arbeitgeber?”, sagt Corry Kröner vom Wertewandel e. V.“ Als wir uns vor etwa vier Jahren über unsere Vorzüge als Arbeitgeber Gedanken machten, war schnell klar: zum einen sind es die innovativen Themenfelder, in denen wir arbeiten, zum anderen bieten wir unseren Mitarbeiter*innen die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen wir durch flexible Arbeitszeitmodelle und mobiles Arbeiten. Zudem beobachten wir, dass sich vorrangig hochqualifizierte Frauen auf unsere Stellenausschreibungen bewerben. Sie wollen an relevanten Zukunftsthemen mitarbeiten und das mit ihrem Privatleben vereinbaren können. Hinzu kommt, wir haben uns bewusst für Agilität und Selbststeuerung von Mitarbeiter*innen und Teams entschieden.

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Als Organisation reagieren wir damit einerseits auf die hochdynamische und volatile Arbeitswelt. Andererseits bedeutet es, das agile Mindset in unserer Organisation zu fördern und zu leben. Ziel ist es, autonomes und selbstbestimmtes Arbeiten als zentralen Wert ins Unternehmen zu tragen. Dies trifft den Zeitgeist und damit lässt sich erklären, warum wir trotz der schwierigen Rahmenbedingungen ein attraktiver Arbeitgeber für die Generation Y und für Frauen sind. Wir sind stolz, Unternehmen in der Lausitz weiterzuentwickeln und sie dabei zu unterstützen, sich zukunftsorientiert aufzustellen.” Im Rahmen des ESF Bundesprogramms „Fachkräfte sichern und Gleichstellung fördern“ begleitet Wertewandel e. V. schon seit mehreren Jahren KMU in der Lausitz, die sich zum Ziel gesetzt haben, ein gleichstellungsorientiertes Personalmanagement einzuführen, den Anteil von Frauen zu erhöhen und Voraussetzungen für bessere Aufstiegsmöglichkeiten von Frauen zu schaffen. “Durch Einführung einer auf die Lebensphasen der Beschäftigten abgestimmten Personalpolitik, die sowohl die Bedarfe der Unternehmen als auch der Beschäftigten berücksichtigt, werden Frauen und Männern während und nach der Familien- und Elternzeit persönliche und berufliche Entwicklungen ermöglicht”, erklärt Corry Kröner.  Im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter*innen müssen Unternehmen der Lausitz heute ihre Wettbewerbsvorteile kennen und die Attraktivitätsmerkmale transparent nach außen tragen.

Ein positives Beispiel für heute erforderliche Veränderungsprozesse ist die Little John Bikes GmbH aus Dresden, eines der teilnehmenden Unternehmen im “Triple A – Projekt“. Das Traditionsunternehmen ist im Bereich des Fahrradeinzelhandels tätig und beschäftigt heute 246 Mitarbeiter*innen in bundesweit über 30 Filialen, darunter mehrere Filialen in der Lausitz. Ivonne John ist Unternehmerfrau und arbeitet von Beginn an im Familienbetrieb mit. Begonnen hat sie in der Buchhaltung, später wechselte sie in den Einkauf.

Ivonne John & Steffen John – Little John Bikes GmbH

Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, brachte sie manchmal auch an ihre Grenzen. Anfangs arbeitete Sie in Vollzeit und absolvierte “nebenbei” noch eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. 2004 wurde sie zum ersten Mal Mutter und blieb ein Jahr zu Hause. Anschließend stieg sie in Teilzeit wieder in den Familienbetrieb ein. Die Firma expandierte weiter. 2011 kam dann ihr zweites Kind. Ursprünglich wollte Ivonne John vorübergehend ganz aus dem Unternehmen ausscheiden, aber in Zusammenarbeit mit dem Einkaufsleiter entwickelte sie ein für sich und das Unternehmen passendes Teilzeitmodell. Sie wechselte den Bereich, reduzierte bewusst ihre Stundenzahl auf 20 Stunden und arbeitet öfter mobil, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. Damit konnte sie ihre familiären mit den beruflichen Bedürfnissen verbinden und dem Unternehmen bleibt eine erfahrene Mitarbeiterin erhalten. “Prinzipiell ist unsere Branche männerdominiert”, berichtet Ivonne John. “In unserer Verwaltung ist das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Mitarbeitenden ausgeglichen. Im Bereich Verkauf und Werkstatt leider nicht. Da besteht noch sehr viel Potenzial. Wir als Unternehmen sind der Überzeugung, dass Frauen inhaltlich andere Ansätze und Denkweisen mitbringen und deshalb stets daran interessiert, diese auch zu fördern. Ein aktuelles Beispiel ist die Einstellung unserer ersten FilialleiterIn in Güstrow. Wir wollen Frauen die Möglichkeit bieten, wieder in die Erwerbstätigkeit zu treten.” Ein gutes Beispiel und ein wichtiges Handlungsfeld für eine Politik der Chancengleichheit im Unternehmen.

Little John Bikes GmbH

Wertewandel e. V. begleitet ein anderes Unternehmen derzeit im Rahmen des Projekts „Triple A“ den Aufbau und die Gründung eines unternehmensinternen Frauennetzwerkes. Es soll Frauen auf dem Weg zu Führungspositionen Mut machen und ihnen Erfahrungsaustausch und Unterstützung bieten, denn noch gibt es viele Aspekte, die es zu verbessern gilt. So beispielsweise das Aufbrechen von Stereotypen. Noch immer wird in Unternehmen häufig in traditionellen Geschlechterrollen gedacht. Stereotype sind oft noch tief im Berufsalltag eingegraben. Für eine Veränderung werden Rollenvorbilder benötigt. Das können Männer sein, die Elternzeit in Anspruch nehmen oder Frauen, die Führungspositionen in männerdominierten Branchen übernehmen. Die aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung „Wer gewinnt? Wer verliert?“ zeigt, dass gerade Mütter in Bezug auf Chancen und Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt das Nachsehen haben. Bei ihnen führen Kinder immer noch zu einer deutlichen Minderung des Lebenserwerbseinkommens, wogegen sich das bei Vätern nur gering auswirkt. Weder Frauen noch Männer sollen sich zwischen Beruf und Privatleben entscheiden müssen. Ziel der Arbeitgeber muss es sein, die Bedürfnisse von Mitarbeitenden in ihren Lebensphasen zu erkennen und entsprechende Angebote zu entwickeln. Jedes Unternehmen sollte sich daher mit lebensphasenorientierter Personalpolitik auseinandersetzen.

Workshop: Steigerung der Arbeitgeberattraktivität – Projekt „Triple A“

Als Projektinitiator und -träger von „Triple A“ ist Wertewandel e. V. stark daran interessiert, KMU aus der Lausitz in den Fokus zu stellen, Frauen aus diesen Unternehmen zu begleiten und sie in ihren Kompetenzen zu fördern. Ab Januar 2021 startet der zweite Durchgang in diesem Projekt, an dem auch Unternehmen teilnehmen werden, die bereits teilweise frauengeführt sind.

 Wir bedanken uns bei Ivonne John von Little John Bikes und bei Corry Kröner vom Wertewandel e. V. für das Gespräch.

Vivien Eichhorn…

… arbeitet seit 2016 als Projektmanagerin bei Wertewandel e. V., u .a. für das Bundesprogramm BIWAQ (Bildung, Wirtschaft und Arbeit im Quartier) im Handlungsfeld „Stärkung der lokalen Ökonomie“. In Zusammenarbeit mit der BTU Cottbus-Senftenberg aus dem Fachgebiet Stadtmanagement führte sie Primärforschung zum Kaufverhalten in Weißwasser durch, organisierte Prozessberatungen in KMU und Vernetzungsveranstaltungen.

Wertewandel – Soziale Innovation und demokratische Entwicklung e. V….

… realisiert Projekte in den Bereichen Stadt- und Regionalentwicklung, Fachkräftesicherung und Bildung/Qualifizierung, Innovationsförderung und Stärkung der Zivilgesellschaft.

Weitere Informationen zum Projektträger finden Sie unter: www.wertewandel-verein.de

 
 

DER AUFREGENDE DUFT DES NEUEN

Schon immer liebte ich es in eine weite Landschaft zu schauen. Die Entscheidung von Hessen in die Lausitz zu ziehen trafen mein Lebenspartner und ich im letzten Jahr. Wir wollten noch mal eine 180 Grad Drehung vollziehen. Ich bin nun 55 Jahre. Die weite Landschaft ist natürlich nicht der alleinige Grund. Ich habe vor 2 Jahren einen brachliegenden kleinen Dreiseitenhof in Buchwalde/Malschwitz von meinem Vater übernommen. Diesen hatte er vor vielen Jahren günstig erworben und wollte ihn verkaufen. Ich hatte spontan NEIN BLOß NICHT VERKAUFEN gerufen, diesen kleinen Rohdiamanten darfst Du nicht verkaufen! Er liegt wunderschön in einem kleinen idyllischen Örtchen an einem kleinen Flüsschen namens Ritschka. Ich hatte mich sofort verliebt in diesen Ort. Die Aura stimmte.

Bild Jutta

Ich bin viele Jahre freiberuflich als Innenarchitektin und Feng Shui Beraterin tätig gewesen und träumte lange schon von meinem eigenen Bauprojekt. Ich entwickelte sofort eine Projektidee für den Dreiseitenhof, der als Gärtnerei betrieben wurde. Es ist mir zunächst wichtig, die Menschen aus der Nachbarschaft und der Lausitz kennenzulernen und zu erfahren welche Bedürfnisse und Lebensideen vorhanden sind.

An diesem Ort könnte vieles wachsen und entstehen.

Wir haben in Görlitz in der Nikolaivorstadt eine Wohnung und ein Gewerbe angemietet. Ich habe einen Duftraum eröffnet, der Treffraum und Workshop werden soll. Hier möchte ich erstmal Fuß fassen und die Görlitzer einladen zu mir zu kommen, um über den Nutzen ätherischer Ölen für unsere Gesundheit zu lernen. Ich arbeite von hier aus und bin auch in ganz Deutschland unterwegs als Öle-Botschafterin.

Bild Landschaft

Vielleicht kann mein Dreiseitenhof irgendwann ein Ort der Begegnung, der Produktivität und Kreativität rund um das Thema Gesundheit MAKE YOUR BODY GREEN mit einem OFFLINE Seminar und Workshop- Angebot werden. Dazu benötige ich Geld 🙂 ….Ich bin Unternehmerin und arbeite für meine Vision. Ein Dach ist erneuert, eine Biokläranlage eingebaut und nun mähen und entrümpeln wir… lernen unsere Nachbarn kennen, manchmal kommen die Kühe vom Bauern Graf zur Unterstützung auf meine große Wiese zum Abgrasen.

Schaut in diese weite wunderschöne Landschaft!

Herzlichst

Jutta

Jutta’s Duftraum in Görlitz

… ist online unter http://www.jid-aromastar.de zu finden.

Jutta Intro Card vornDRUCK 300x151

„DER AUFBRUCHSGEDANKE IST IMMER NOCH DA!“

Als mir meine Freundin Marie vom Projekt F wie Kraft erzählt hat, musste ich sofort an Grit Lemke und ihren Film „Gundermann Revier“ denken: eine engagierte Frau, die aus der Lausitz stammt, in der Welt aktiv ist und sich filmisch mit ihrer Heimatregion auseinandersetzt. Ein paar Mails und Whatsapp-Nachrichten später treffen wir uns zum Zoom-Interview und sie erzählt mir von dem Film, ihren Gedanken zur Lausitz als ehemalige Utopie und die Möglichkeiten, die sie für die Region sieht.

Grit Lemke wurde in Spremberg geboren und wuchs in Hoyerswerda auf. Nachdem sie für das DOK Leipzig, das Sheffield Doc/Fest und das Filmfestival Cottbus gearbeitet hat, wandte sie sich der produktiven Seite der Filmarbeit zu. Ihr erster Langfilm „Gundermann Revier“ erschien 2019 und wurde für den Grimme-Preis 2020 nominiert. In Archivbildern, Ausschnitten aus DDR-Aufbau- und Dokumentarfilmen sowie Interviews mit den Mitgliedern der Brigade Feuerstein und den Musiker*innen sowie Wegbegleiter*innen um Gundermann erzählt er von der Zeit vor und nach der Wende. Lemke zeichnet ein Bild von Menschen in der Lausitz, die von der Person Gundi Gundermann und seiner Musik ebenso wie vom Leben mit der Braunkohle geprägt wurden.

Grit Lemke © Börres Weiffenbach

Die Lausitz ist Ihre Heimat. Was ist das Erste, das Ihnen einfällt, wenn Sie an die Lausitz denken?

Grit Lemke: Das sind Kindheitsbilder, aus Spremberg, aus dem Dorf. Ein kleiner Weg mit  einer Blumenwiese davor, ein paar Häuser. Also eine klassische idyllische Kindheitserinnerung. Viele Kinder, Bäume im Garten, draufklettern, rumrennen, sowas. Also, Geborgenheit eigentlich!

Mittlerweile arbeiten Sie für das Filmfestival Cottbus, sind Mitglied im Filmnetzwerk Łužycafilm und Regisseurin des Films „Gundermann Revier“. In was für einer Rolle sehen Sie sich denn in Bezug zur Lausitz?

Grit Lemke: Ich sehe mich in einer Vermittlerrolle. Es ist mir in den letzten Jahren bewusst geworden, dass es gar nicht so viele Leute gibt, die sich einerseits in der Lausitz verwurzelt fühlen und eine Art Heimatliebe mitbringen und die trotzdem – so wie ich – international verankert sind. Ich habe viele Jahre bei DOK Leipzig das Programm geleitet und war bei den großen Festivals der Welt zu Hause. Mein zweites Standbein ist ganz woanders, wodurch ich einen Blick von außen gewonnen habe. So habe ich vieles anders einordnen können als die Leute in der Lausitz. Mir fällt auf, dass sie dazu neigen, alles klein zu machen, was es dort gibt. Ich weiß, dass es nicht klein ist und finde alles super spannend. Ich sehe mich also in einer Vernetzungsrolle. Wenn es um Film in der Lausitz geht, was mich in den letzten Jahren am meisten beschäftigt hat, dann sehe ich meine Aufgabe darin, diesen zu professionalisieren. Ich sehe in der Lausitz ganz viel Potential und tolle Geschichten, aber es läuft überhaupt nicht professionell ab. Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder etwas mit den Leuten in der Lausitz gemacht, nicht nur den Film. Und ich merke, dass ich gewöhnt bin, ganz anders zu arbeiten. Einfach aus den Zusammenhängen heraus, in denen ich die letzten dreißig Jahre gearbeitet habe. In der Lausitz geht es dann doch eher langsam zu, man ist weniger vernetzt… das fängt jetzt gerade erst an. Und was ich mitbringen kann ist, dass ich ein Bein in der Lausitz habe und eins außerhalb.

Die Braunkohlereviere prägen die Lausitz (www.gundermannrevier.de)

Wie kamen Sie denn auf die Idee, den Film zu machen?

Grit Lemke: Das war gar nicht meine Idee, muss ich tatsächlich sagen. Das war die Idee der Produktionsfirma und ursprünglich sollte es eine andere Autorin machen, die dann doch nicht konnte. Ich bin wirklich so reingerutscht. Ursprünglich sollte ich nur beraten, aber es wurde immer klarer, dass es auch meine Geschichte ist und dass ich einen Insiderblick mitbringe. Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit der ganzen Thematik zu Gundermanns Leben und Werken in der Lausitz. Abgesehen davon, dass ich Gundermann kannte und mit der ganzen Brigade Feuerstein befreundet war und bin, habe ich für die Kulturfabrik in Hoyerswerda die Gundermann Schaltzentrale mit konzipiert und kannte daher viel Archivmaterial. Dazu habe ich mich in den letzten Jahren mit Hoyerswerda und der ganzen Utopie der Aufbaugeneration beschäftigt. Ich habe viele Interviews geführt und arbeite seit einigen Jahren an einem Buch dazu… ich war also schon sehr in der Geschichte drin und konnte das alles relativ schnell in den Film bringen. Wir hatten für den Film nur circa ein halbes Jahr Zeit. Und das hat auch funktioniert, weil ich mich generell mit dem Thema beschäftige.

Und welche Bedeutung hat der Film für die Lausitz?

Grit Lemke: Es ist der erste abendfüllende Kinofilm, der von jemandem aus der Lausitz über die Lausitz gemacht wurde. Das ist tatsächlich eine Art Meilenstein. Dass wir unsere eigenen Geschichten erzählen, das gab es bis jetzt nicht. Man muss sich ansehen, was es zum Beispiel für eine reichhaltige Filmszene in Bayern gibt, mit Filmstrukturen und Filmförderung. Wir sind fast die einzige Region, die so etwas nicht hat Und das, obwohl wir kulturell gesehen eine der reichsten Regionen in Deutschland sind, weil wir nicht nur eine, sondern zwei Kulturen haben. Wenn man also nach der Bedeutung des Films für die Lausitz fragt, könnte man sagen, es ist der Anfang von etwas. Der Film ist ja auch international wahrgenommen worden und dadurch ist es von jetzt an vielleicht leichter, solche Geschichten zu erzählen. Einer muss ja den Anfang machen. Ich arbeite mittlerweile auch an einem neuen Filmprojekt und muss dort nicht mehr erklären, wer ich bin und was ich mache. Die Aufmerksamkeit ist schon da. Insofern ist der Film nicht nur für mich ein Anfang, sondern für die Region.

Sie haben selbst gesagt, es gab eine Utopie, die damals gelebt wurde. Man sieht auch im Archivmaterial im Film, dass Hoyerswerda eine aufstrebende, kinderreiche Fortschrittstadt in der DDR war. Ist denn davon noch etwas übrig?

Grit Lemke: Davon ist ganz viel übrig! Die Stadt hat einen beispiellosen Aufstieg erlebt und genau so einen beispiellosen Abstieg. Wenn man in drei Jahrzehnten mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft verliert, ist das Wahnsinn. Trotzdem sind der Aufbruchsgedanke und dieser Geist in der Stadt immer noch da. Es ist natürlich nicht mehr so wie es mal war, so wie ich es als Kind erinnere. In den 70er Jahren hat es wirklich die ganze Stadt umfasst: der Gedanke, man baut hier etwas neues Tolles auf. Natürlich gab es in den 80er Jahren zunehmend eine Enttäuschung, weil es dann doch nicht so toll wurde. Und es ging immer weiter mit der Enttäuschung. Aber es gibt immer noch diese Leute und diesen Gedanken: Hier ist nichts, deshalb müssen wir uns selbst etwas schaffen! Es gibt die Kulturfabrik und den Bürgerchor. Dieser war mir extrem wichtig im Film, um zu zeigen, dass die Lieder von Gundermann da angekommen sind, wo er sie haben wollte. Das ist eine Selbstermächtigung, eine Art Empowerment! Es gibt immer wieder Initiativen und es entsteht immer wieder etwas Neues. Selbst wenn man weiß, dass es ein extrem hohes Durchschnittsalter gibt und die jungen Leute weggehen, gibt es so eine Art Pioniergeist oder eine Chance mit dem Strukturwandel. Man muss nur aufpassen, dass es uns nicht wieder von außen aufgedrückt wird, was gerade eine große Gefahr ist. Aber in Hoyerswerda gibt es sie, die Experten dafür „Etwas Neues zu schaffen“ und „Immer wieder von vorne anzufangen“. Eigentlich sind das die absoluten Experten von Transformation, weil die Stadt darauf gegründet ist. Und das merkt man immer noch, finde ich.

Der Gundermann-Chor in Hoyerswerda (www.gundermannrevier.de)

Was für Chancen Sehen Sie für die Zukunft der Lausitz und für engagierte Frauen in der Lausitz, wie Sie selbst?

Grit Lemke: Welche Chancen die Lausitz hat, wird sich in den nächsten Jahren entscheiden. Und ob die Akteure selbst einen Fuß in die Tür bekommen werden. Ich habe oft erlebt, dass uns in Runden, in denen es um die Zukunft der Lausitz ging, Leute aus dem Westen vor die Nase gesetzt worden sind. Die Leute aus Hoyerswerda haben ihnen zugehört, dabei sind sie die eigentlichen Experten. Da ist, glaube ich, viel falsch gemacht worden. Die Frage ist jetzt, ob wir die Sache selbst in die Hand nehmen können. Es hat damit zu tun, dass es den Lausitzern an Selbstbewusstsein, Vernetzung und Know-How, wie man sich in Strukturen bewegt, fehlt. Aber Sachkompetenz gibt es ganz viel in der Lausitz. Insofern kann ich nur hoffen, dass wir endlich selbst über unsere Zukunft entscheiden dürfen. Was die Frauen betrifft, ist die Lausitz manchmal finsterstes Mittelalter, sprachlich und in Bezug auf Frauenbilder, die dort vorherrschen. Da steht der Lausitz noch ein langer Lernprozess bevor. Dabei sind die Lausitzerinnen ja keine verhuschten Mädels, sondern emanzipierte Frauen. Das ist ein Landstrich voll von tollen Frauen! Aber schön wäre es, wenn es insgesamt noch mehr Bewusstsein für das Thema Gendergerechtigkeit gäbe. In den lokalen Medien werden oft Bilder von Entscheiderrunden gezeigt, die nur aus Männern bestehen. Das gibt es nur noch in der Lausitz! Und das muss sich wirklich ändern. Da bin ich auch gern noch ein bisschen die Spielverderberin. (lacht)

Grit Lemke

… kann man als Moderatorin am 19. August in der Kulturfabrik Hoyerswerda beim Wahlkampftalk zur OB-Wahl in Hoyerswerda live oder über einen Online- Stream sehen. Kontakt mit Grit Lemke können Sie über ihre Website (www.gritlemke.de) oder per Mail aufnehmen (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.).

Eva Maas

… wuchs in Bautzen auf, studierte in Leipzig Kommunikations- und Medienwissenschaften im Bachelor und im Master World Heritage Studies an der Technischen Universität Cottbus. Neben und nach dem Studium arbeitete sie für diverse Filmfestivals, z.B. das interfilm Berlin und die Berlinale. Der Leidenschaft zu filmbezogenen Themen, Kultur und Female Empowerment will sie weiterhin treu bleiben und diese in ihre Heimatregion zurücktragen.

Quellen:
Zoom-Interview zwischen Eva Maas und Grit Lemke, vom 09.06.2020
Fotos: www.gundermannrevier.de
www.gritlemke.de

GENDER MACHT PROBLEME, SEX AUCH!

Auf dem Genderportal meinTestgelände.de sagen Jugendliche, was sie zu Geschlechterthemen bewegt

Was wir sind: Schlampen. Billige Nutten. Huren. Sünderinnen. Eiskalte Verführerinnen.
oder:
Kinder. Prüde Nonnen. Unreife Früchte. Frustrierte Lesben. Hässlich.

Am Anfang war die Nacktheit,
dann hat Eva den verdammten Apfel gegessen.
Selber schuld.
Seitdem teilen wir uns in Huren oder Heilige,
unsere Körper gehören nicht uns.

Unsere Röcke sind zu kurz, Ladies.
Wir verdienen es nicht besser.
Unsere Jeans sind zu eng, meine Damen.
Wir wollen es nicht anders.
Unsere Ausschnitte sind zu tief, Mädels.
Wir lassen den Tätern keine Wahl.

Auszüge aus Fee: „von hier an nackt“ www.meintestgelaende.de/2015/07/von-hier-an-nackt/

meinTestgelände heißt nicht nur so, es ist ein Testgelände: Wir wollen wissen, was Jugendliche zu Geschlechterthemen zu sagen haben und bieten ihnen mit der Plattform meinTestgelaende.de seit 2013 eine Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern und zu positionieren. Ca. 800 Beiträge junger Menschen: non-binarys, inter*, queere, Mädchen und Jungen geben inzwischen einen umfassenden Überblick, was junge Menschen zu Geschlechterfragen zu sagen haben. Sie sind dabei frei, sich Themen und Formen selbst zu wählen. Alles, was auf eine Website passt und was niemanden verletzt, ist erlaubt. Das ist die Botschaft, mit der wir auf Jugendliche zugegangen sind und heute noch zugehen.

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MeinTestgelände ist ein Onlineportal, das Jugendlichen zur Verfügung steht, um

  • eigene Perspektiven auf Geschlechterfragen öffentlich zu machen
  • sich zu positionieren
  • aufzufordern zuzuhören, zu unterstützen, nicht wegzusehen und die Themen von Jugendlichen wahr- und ernst zu nehmen
  • Verständnis, Empathie, Solidarität und Unterstützung einzufordern.

Was also bewegt Jugendliche in Sachen Geschlechter? Es zeigt sich, dass die Themen höchst unterschiedlich sind in Bezug auf verschiedene Geschlechter und dass nicht nur Gender Probleme macht.

Vorweg: Geschlecht im Körper, in gesellschaftlichen Vorstellungen und in der sexuellen Orientierung und den Liebensweisen macht Jugendlichen aller Geschlechter eher Probleme als dass von Stolz und Freude berichtet wird. Allein das ist schon eine erschreckende Erkenntnis. Jugendliche berichten vom Druck, rollenkonform sein zu müssen und von Zuschreibungen, so oder so ein „richtiger“ Junge, ein „richtige“ Mädchen sein zu sollen oder aber als trans* oder inter* Jugendliche*r weder Vorbilder zu haben noch Anerkennung zu bekommen. Die meisten Jugendlichen berichten von Schwierigkeiten und Nöten, nur wenige von Freude und Lust:

  • Mädchen problematisieren Erfahrungen sowohl im Genderbereich als auch körperbezogen: das Bewerten von Mädchenkörpern durch andere Menschen aber auch und gerade durch social media und Influencer*innen macht Druck und Not und wirkt sich bei vielen Mädchen auch auf die Psyche aus: ich bin nicht richtig, man kann mich nicht mögen, ich sollte schöner sein, mein Körper ist hässlich … viele Mädchen hadern mit sich und ihrem Körper, fühlen sich unzulänglich und finden keine Frieden mit sich selbst und ihrem Körper, weil die von außen formulierten Bilder und Ansprüche zu einseitig und zu drastisch sind
  • Verbale und körperliche Übergriffe auf Mädchen sind nach wie vor ein großes Thema für Mädchen. Viele können aus dem Stehgreif Dutzende Situationen beschreiben, in denen sie ungebeten angefasst, taxiert, bewertet oder beschimpft wurden und das über viele Jahre. Öffentliche Räume erscheinen oftmals nicht sicher, bildlich gesprochen bewegen sich viele Mädchen mit eingezogenem Kopf um nicht aufzufallen, weil auffallen oftmals heißt, ungebeten mit negativen Zuschreibungen und Berührungen in Kontakt zu kommen.
  • Mädchen wissen, dass sie gleiche Rechte haben wie Jungen, sie wissen aber auch, dass dies oftmals leere Versprechungen sind: viele können sich nicht so bewegen, wie sie es gerne möchten, haben Angst am späten Abend draußen, werden stärker als Jungen kontrolliert, aber das gesellschaftliche Gleichberechtigungsversprechen macht es ihnen schwer, diese Erfahrungen als Benachteiligungen einzuordnen
  • Mädchen sind Künstlerinnen, sie schreiben Texte, Songs, Gedichte, sie beherrschen aber auch Social Media, sie kennen sich mit notwendigen Techniken aus um bspw. YouTubekanäle zu betreiben, Videos zu produzieren, sie bespielen das Internet und bewegen sich dort selbstverständlich – dass Jungen affiner wären oder erfahrener entspricht nicht unseren Erfahrungen

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  • Jungen beschreiben oft Probleme im Genderbereich, insbesondere zu enge oder als nicht passend empfundene Männlichkeitsanforderungen, unter denen sie leiden, weil sie anders sind oder anders leben wollen. Ganz besonders gilt das für Jungen, die als muslimisch/arabisch/türkisch gelesen werden und denen deshalb ein patriarchales Männerbild unterstellt wird. Auseinandersetzungen mit Männlichkeiten erzeugen bei vielen Jungen hohen (Leidens)Druck und oftmals wissen sie nicht, wie sie positiv mit Männlichkeit in Verbindung treten können
  • schwul sein ist immer noch das Gegenteil akzeptierter Männlichkeit, weshalb gerade homosexuelle Liebensweisen bei Jungen große Ängste und Schamgefühle auslösen; sie fühlen sich nicht akzeptiert, ausgegrenzt, abgelehnt und berichten über Gewalterfahrungen
  • wenig Auseinandersetzungen gibt es mit Körperthemen: Jungen beschreiben kaum ihr Verhältnis zum eigenen Körper und thematisieren auch nur selten, dass und wenn ja wie sie von außen auf ihre Körper angesprochen werden; auch das Gewaltthema – eine Erfahrung, die viele Jungen mit ihrem Körper machen, wird nicht thematisiert jenseits der Erfahrungen homosexuell liebender Jungen
  • trans* Jugendliche beschreiben auf meinTestgelände zwei große Themenlinien: die eine ist die innere und körperliche Anpassung, die oft wie das Erreichen eines großen Ziels positiv beschrieben wird. Die andere Linie ist die der Akzeptanz durch andere Menschen und die ist oftmals viel weniger positiv: zu den schwersten Hürden gehört die Verweigerung der Anerkennung ihres Geschlechts: „er war früher ein Mädchen, sie ist ja gar kein richtiges Mädchen, trans* Jungen können nicht in Angebote der Jungenarbeit gehen und auch nicht in die Mädchenarbeit“ sind Zuschreibungen, die verletzen und ausgrenzen und ihnen das Gefühl vermitteln, eigentlich keinen Platz nirgendwo zu haben, sich außerhalb der Geschlechtermatrix zu bewegen, obwohl gerade trans* Jugendliche sich intensiv mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit beschäftigen und sehr klar darin sind, zu welchem Geschlecht sie gehören
  • inter* oder non-binary Jugendliche, die also von der vermeintlichen Norm „weiblich oder männlich“ abweichen, sich nicht einem dieser beiden Geschlechter zuordnen wollen oder können, sich gar nicht geschlechtlich verstehen oder sich zwischen weiblich und männlich bewegen, beschreiben in erster Linie harte Ablehnungen von anderen Menschen und fehlende Alltagsstrukturen: was ist mein Pronomen? Wie werde ich angesprochen, wie wird über mich gesprochen, wenn ich kein Pronomen habe, weil es in der deutschen Sprache nur er, sie und es gibt und nichts davon für mich passt? Wo kann ich mich umziehen oder auf Toilette gehen, wenn es immer nur Frauen- und Männerräume gibt? Inter* Jugendliche berichten von Gewalt, von Versuchen, sie ins Geschlechtersystem zu zwingen und von Ängsten, nicht anerkannt zu werden oder nicht unversehrt durch die Jugend zu kommen. Innere Prozesse der Klärung, wer sie sind, beschreiben sie eher als positiv oder zu bewältigende Aufgabe, die Ausgrenzung und Abwertung durch Menschen hingegen wird als sehr belastend erlebt.

Im Kern geht es häufig um Abweichungen und Zuschreibungen, nur mit unterschiedlichen Themen, was die Geschlechter angeht. Deutlich wird aber in der Zusammenschau der vielen Beiträge Jugendlicher auf meinTestgelände, dass Geschlecht in der Jugendphase viele Probleme macht. Weil aber die Gleichberechtigung der Geschlechter proklamiert wird und dass heute Geschlecht keine Rolle mehr spielt, sind all diese Probleme, die Jugendliche beschreiben, schwierig ansprechbar, die Bewältigung wird dadurch individualisiert. Umso wichtiger sind solche Websites wie meinTestgelände, wo Jugendliche sagen können, welche Probleme Geschlechterthemen ihnen machen und wo Fachkräfte und Erwachsene, die mit Jugendlichen in Kontakt sind, lesen können, was Jugendliche bewegt, um sie besser zu verstehen.

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Wenn wir Ihr Interesse geweckt haben, dann schauen Sie doch mal hier vorbei:

www.meinTestgelaende.de

oder auf unseren Kanälen in den sozialen Netzwerken:

https://www.facebook.com/meintestgelaende

https://www.facebook.com/groups/geschlechterpaedagogik

https://www.instagram.com/meintestgelaende/

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Drin. Claudia Wallner…

… leitet gemeinsam mit Michael Drogand-Strud seit 2013 das Projekt meinTestgelände. Darüber hinaus arbeitet sie freiberuflich als Referentin, Autorin und Organisationsberaterin im Spektrum von Geschlechterfragen. Sie hat 1999 die BAG Mädchen*politik mit gegründet und bewegt seitdem die Mädchen*arbeit auf Bundesebene mit. Zudem engagiert sie sich seit 10 Jahren – ebenfalls ehrenamtlich – in der Frauenkommission der BAG Wohnungslosenhilfe. Mit der Mädchenarbeit und geschlechterbezogener Pädagogik in den östlichen Bundesländern ist sie seit 1990 eng verbunden. Privat lebt sie auf der Süd des BVB auf und bei Formel 1 Rennen.

 
 

EIN STRUKTURWANDEL OHNE FRAUEN – WAS SOLL DAS FÜR EIN STRUKTURWANDEL SEIN?

Die zukünftige Entwicklung der Lausitz wird vor allem von (älteren) Männern gestaltet. Wenn wir das nicht wollen oder nicht für zukunftsträchtig halten, dann müssen wir uns jetzt in die Diskussionen um die Entwicklung der Lausitz einbringen. In meinem Beitrag will ich den aktuellen Stand der Beteiligung aufzeigen und die bisherige (fehlende) Rolle der Frauen verdeutlichen.

Die Lausitz ist eine ländlich geprägte ehemalige Industrieregion, die traditionell Arbeit für Männer im Angebot hat(te). Frauen sortierten sich da seit jeher drumherum und hinein. Und sie waren dann auch mit die Ersten, die nach der Wende und als Folge der Deindustrialisierung weg waren. Auch eine Freundin von mir stammt aus Weißwasser. Sie nennt es immer liebevoll „das Drecksloch“ – wie ungefähr alle, die ich in Dresden kennengelernt habe und die in den 1990ern, Anfang der 2000er in der Lausitzer Kleinstadt groß geworden sind.

Der Strukturwandel in der Lausitz hat auf den ersten Blick ein ganz klares Ziel, aus dem heraus er ursprünglich eingeleitet wurde: Umbau der Energieerzeugungs- und -verteilungsstrukturen – weg von zentralisierter Kohleverstromung hin zu klimaschützender Strom- und Wärmeversorgung. Dazu berief die Bundesregierung im Jahr 2018 die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ ein, die im Januar 2019 ihren Abschlussbericht vorlegte.

Auf den zweiten Blick wird eine weitere, allerdings weitaus größere Herausforderung deutlich: Die Gesellschaft in der Lausitz lebt in einem krassen demografischen Ungleichgewicht. Die Überalterung der Gesellschaft ist deutschlandweit ein Phänomen, doch in den ländlich geprägten Regionen, und vor allem hier in Ostsachsen, schlägt sie noch krasser zu Buche: Schon jetzt ist die Hälfte der Bevölkerung in den Landkreisen Bautzen und Görlitz zu 50 Prozent über 50 Jahre alt. In der 16.000-Einwohnerstadt Weißwasser sind gerade einmal 700 Kinder im Kindergartenalter. Sollen die Region und ihre letzte Großindustrie – die Kohle – nicht einfach nur abgewickelt werden, braucht es Zukunftsperspektiven für junge, weggezogene und noch werdende Lausitzer*innen.

Strukturwandel in Männerhand

Will Mann also den Strukturwandel in der Lausitz angehen, geht es um zwei Seiten derselben Medaille: Einerseits den Umbau der Energiewirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen in zukunftsträchtigen, klimafreundlichen Industrien in neu anzusiedelnden Unternehmen bewerkstelligen und (!) andererseits eine für junge Menschen und vor allem Frauen attraktive Region zu gestalten. Statistisch gesehen gibt es hier in der sächsischen Lausitz, den Landkreisen Görlitz und Bautzen, zwar mehr Frauen als Männer (was einfach daran liegt, dass die Frauen älter werden als die Männer), doch was die Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung angeht, sieht es eher grau und männlich aus.

Eine einfache Liste der Namen der Entscheidungsträger*innen – angefangen bei der Bundeskanzlerin und den zuständigen Minister*innen, sowie den Mitgliedern der sogenannten Kohlekommission, über die Länderebene mit den Ministerpräsidenten, den Fachminister*innen und Lausitzbeaufragten, bis schließlich zur Kreis- und Kommunalebene organisiert in der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH und der Lausitzrunde – zeigt die stark unausgeglichene Geschlechterverteilung, wenn es darum geht, wer den Strukturwandel in der Lausitz gestaltet und wer eben nicht.

Grafik: Antonia Mertsching

Die Zukunft der Lausitz gestalten vor allem Männer, die wenigsten unter 50.

Doch wie soll die Region attraktiv für junge Frauen werden, wenn sie an der Gestaltung des Strukturwandels nicht oder kaum sichtbar beteiligt sind? Wer bringt dann ihre Perspektive ein? Von der jungen Generation ganz zu schweigen! Singuläre Veranstaltungen wie „Jugend macht Lausitz“ sind da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Selbst wenn wir auf die wissenschaftliche Expertise schauen, die forschungsseitig zum Strukturwandel eingebracht wird – von der Hochschule Zittau/Görlitz, dem Interdisziplinären Zentrum für ökologischen und revitalisierendem Stadtumbau (IZS) oder dem Institut für Ökologische Raumentwicklung (IÖR) – oder auf die Studienautoren der Prognos AG, die das erste Lausitzer Leitbild für das Strukturstärkungsgesetz zusammengestellt haben: Männer verhandeln mit älteren Männern die Zukunft und tauschen sich mit anderen Männern darüber aus.

Da scheint der Beteiligungsprozess, den die Zukunftswerkstatt Lausitz organisiert, zumindest als ein kleiner Lichtblick in der Diversität der Perspektiven. Ziel ist es, eine Entwicklungsstrategie Lausitz 2050 zu erstellen: Infostände, Fachveranstaltungen, Bürger*innen- und Online-Dialoge und am Ende nun eine Schreibwerkstatt werden zu einem zweiten Leitbild. Immerhin organisieren maßgeblich zwei sehr engagierte Frauen diesen Beteiligungsprozess; und auch Teilnehmer der verschiedenen Veranstaltungsformate waren in ausgeglichenerer Weise „*innen“.

Die Rolle dieses zweiten Leitbilds für die Lausitz ist allerdings noch nicht ganz geklärt. Laut der Antwort der sächsischen Regierung auf eine Kleine Anfrage der LINKEN kommt es bis jetzt zwar als inhaltliche Rahmenbedingung für einen Fördertopf infrage. Doch das ist weder verbindlich noch ausreichend konkret. Weiteres ist noch nicht bekannt.

Und hier kommen wir zum Kern des Problems:

Zwei „Dinge“ sind Mangelware in der Lausitz: Vertrauen und Optimismus.

Wer soll mitentscheiden?

Das Misstrauen in die Politik durch den Strukturbruch in den 1990ern, als nahezu die komplette Industrie der Lausitz (Glas, Textilien, Möbel, Chemie und andere) abgewickelt wurde, und die leeren Versprechungen der letzten dreißig Jahre sorgen hier nicht gerade für Euphorie. Und dann auch noch die Skepsis gegenüber vermeintlich Fremdem.

Wöllte Mann zum Beispiel Frauen in die Lausitz locken, müsste Mann ehemalige oder potentielle zukünftige Lausitzerinnen befragen, was sie denn ansprechen würde, um in die Lausitz (zurück) zu kommen. Oder junge Mädels, die aufbrechen zum Studieren. Oder folgendes Bild: Unser Landrat spricht mit meiner Freundin aus Weißwasser darüber, unter welchen Umständen sie denn in die Lausitz zurückkommen würde. (Spoiler: Es gibt keine.)

Also bestehen noch andere Möglichkeiten: Zum Beispiel den beiden Strukturwandelbeauftragten jeweils eine Strukturwandelbeauftragte an die Seite zu stellen. Oder alle geplanten, insbesondere die finanziell umfangreichen, Strukturwandelprojekte von einer Jury nach nachhaltigen Kriterien bewerten zu lassen. Dabei wird paritätisch besetzt und verschiedene Altersgruppen werden berücksichtigt – umgekehrt proportional zur aktuellen Altersstruktur. Eine Jury aus Schülerinnen und Schülern ist ebenso empfehlenswert, da sie andere Maßstäbe an die Zukunft anlegen und ihre Interessen selbst am besten kennen.

Weiterhin braucht es die Einbindung in lokale Entwicklungen: Was macht das Leben in meiner Gemeinde in der Lausitz lebenswert? Darüber muss mit allen diskutiert werden. Die gemeinsame Diskussion über die lokale Entwicklung schafft wiederum Identifikation mit dieser Entwicklung.

Wenn ich mich als Frau, aber nicht in der Entscheidungsfindung repräsentiert sehe, dann bleibt der Strukturwandel ein bloßer Verwaltungsprozess von alten weißen Männern und damit wenig hoffnungsvoll oder anziehend.

Eine attraktive Lausitz ist mit Wertschätzung verbunden: Wertschätzung für die Erfahrungen, Stimmen und Ideen aller Bürger*innen – egal welchen Alters und welcher Herkunft. Warum kommen Menschen nicht wieder? Welche Angebote sind anziehend, welche nicht?  Gemeinsam können wir auf diese Fragen nachhaltige Antworten erarbeiten und einbringen. Wir sollten unsere Positionen mit Nachdruck vertreten und Forderungen für eine Kultur diverser Beteiligung stellen.

Wenn wir es wollen, müssen wir es erstreiten.

 

Antonia Mertsching…

… ist Mitglied des Sächsischen Landtags in der Fraktion DIE LINKE. Zu ihren Themengebieten gehört neben Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik auch der Strukturwandel in der Lausitz. Die neuen Chancen für die Menschen in der Lausitz liegen ihr am Herzen. Sie wünscht sich vor allem, dass es Mut für vielfältige Beteiligungsprozesse oder für neue Ideen wie ein Modellprojekt Grundeinkommen gibt. Mehr Infos unter: www.antonia-mertsching.de

Wir danken Antonia Mertsching für den ermunternden Text und weisen an dieser Stelle ausdrücklich auf die politische Unabhängigkeit der Redaktion hin.

„Solange es Menschen gibt, die Sorbisch sprechen, lebt die Sprache“

Wie eine junge Sorbin sich für das Überleben ihrer Kultur einsetzt

Der Kohleabbau hat nicht nur dem Klima geschadet, sondern auch den Menschen in der Lausitz. Vor allem der Minderheit der Sorb*innen, denn über 100 sorbische Dörfer wurden für den Tagebau abgebaggert. Einige Menschen kämpfen jetzt um das kulturelle Erbe der Sorb*innen.

Den Ort, in dem Maja Schramms Oma aufgewachsen ist, gibt es nicht mehr. Denn da, wo früher das Dorf Klein Briesnig lag, gähnt jetzt der Tagebau Jänschwalde. Insgesamt wurden in der Lausitz für den Kohleabbau mehr als 130 Dörfer abgebaggert. Auch wenn viele Dörfer umgesiedelt wurden, ein Teil der Kultur und Tradition geht immer verloren. Besonders hart trifft das die Menschen, die sowieso schon um den Erhalt ihres kulturellen Erbes kämpfen müssen: In der Lausitz ist das in besonderem Maß die sorbische Minderheit. Die enge Verbundenheit dieser slawischen Volksgruppe mit der Region geht schon aus der sorbischen Hymne hervor.

Schöne Lausitz,

ehrliche, freundliche,

Land meiner sorbischen Väter,

Paradies meiner glücklichen Träume,

heilig sind mir deine Fluren!

Maja Schramm oder Maja Šramojc, wie ihr Name auf Niedersorbisch heißt, kämpft jetzt dafür, dass so viel wie möglich von der sorbischen Kultur erhalten bleibt. Die 19-jährige kommt aus Gulben, einem kleinen Dorf in der Nähe von Cottbus und studiert inzwischen im dritten Semester Sorabistik in Leipzig. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich viel mit Musik und produziert den Podcast Plattenkombüse mit. Außerdem arbeitet sie für die Jugendkoordination der Domowina, dem Dachverband der sorbischen Vereine in Cottbus. Das ist eine Arbeit, die sie sich für die Zukunft vorstellen kann: Die Landjugenden und Vereine in der Umgebung von Cottbus zu koordinieren und zu unterstützen und so dazu beizutragen, sorbische Kultur und Bräuche am Leben zu halten.

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Die sorbische Minderheit

Die sorbische Minderheit ist eine slawische Volksgruppe, die seit dem Frühmittelalter in der Lausitz lebt. Sie ist neben der dänischen Minderheit, der friesischen Volksgruppe und den deutschen Sinti und Roma eine der vier anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland. Damit steht den Sorb*innen, manchmal auch Wend*innen genannt, ein besonderes Recht auf Schutz und Förderung durch den Bund und die Länder zu. Die Sorb*innen haben ihre eigene Hymne und Flagge und sogar zwei Sprachen: Obersorbisch, das eher dem Tschechischen ähnelt und Niedersorbisch, das eher wie Polnisch klingt. In einigen Jahren könnte sorbisch nur ein netter Zusatz auf den zweisprachigen Straßenschildern sein. Nur rund 60.000 Sorb*innen leben heute noch in der Lausitz, gesprochen wird sorbisch wird im Alltag aber nur noch von knapp 20.000 Menschen. Damit sind die sorbischen Sprachen laut der UNESCO bedroht. Früher waren die meisten Sorb*innen evangelisch, aber während der DDR litten besonders die Niedersorb*innen unter einem raschen Identitätsverlust. Heute sind fast 90 Prozent der Sorb*innen Katholik*innen.

Auch Maja Schramm ist keine sorbische Muttersprachlerin. Während Obersorbisch in der Gegend um Bautzen und Hoyerswerda noch in einigen Dorfgemeinschaften gesprochen wird, ist Niedersorbisch schon jetzt beinahe ganz aus dem Alltag verschwunden. Die wenigen Menschen, die noch damit aufgewachsen sind, sind heute sehr alt und haben das Niedersorbische häufig nicht an ihre Kinder weitergegeben. So auch bei Schramms: In ihrer Familie sprach nur noch der Opa einige Brocken Sorbisch, ihre Mutter lernte es nie.

Trotzdem war es Majas Mutter wichtig, den Kindern diesen Teil der Kultur mitzugeben. Maja Schramm besuchte darum zuerst einen sorbischen Kindergarten, wo sie zuerst spielend mit dem Niedersorbischen in Berührung kam. Später besuchte sie auch eine sorbische Schule. In der Oberstufe wollte sie gerne Sorbisch im Leistungskurs belegen. Allerdings als Einzige aus ihrer Klasse und darum musste sie sich mit dem Grundkurs begnügen. „Aber das war nicht anspruchsvoll genug für mich“, beklagt sich Schramm heute noch. Selbst an den wenigen sorbischen Schulen ist aus Schramms Sicht das Interesse an der Sprache eher gering. „Beim Abi haben sich bestimmt 90 Prozent gefreut, dass sie nie wieder Sorbisch sprechen müssen“, sagt sie. Auch ihre Entscheidung, das Sorbische sogar zum Beruf zu machen und zu studieren, stieß bei vielen ihrer Mitschüler*innen und Bekannten eher auf Unverständnis.

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„Es gibt einfach keine Sprachräume“, nennt die Studentin eines der Probleme des Sorbischen. Im Alltag, in der Pause oder im Café werde letztendlich fast immer Deutsch gesprochen. Wie schwierig es ist, mit einer fast ausgestorbenen Sprache zu arbeiten, zeigt sich auch in Schramms zweitem Job. Für den rbb arbeitet sie nämlich noch beim sorbischen Jugendmagazin Bubak. Zweimal im Monat berichtet sie darin auf Niedersorbisch über Themen der Region. Nicht nur die sorbische Sprache hat hier ihren Platz, sondern in jeder Sendung muss auch mindestens ein sorbisches Lied gespielt werden. Diese Arbeit ist aber auch ernüchternd: Viele Hörer*innen kann das Format nicht haben, denn es sprechen nur noch wenige Menschen Niedersorbisch auf einem Niveau, das Ihnen erlaubt, Radiosendungen zu verstehen.

Woher Schramms große Begeisterung für das Sorbische kommt, kann sie gar nicht genau festmachen. „Ich hatte schon immer Interesse an Sprachen“, sagt sie. Außerdem gefällt ihr der Zusammenhalt in der niedersorbischen Community, jeder kenne jeden und man unterstütze sich gegenseitig. Feste wie Fastnacht seien immer ein Highlight für sie. Außerdem glaubt Schramm, dass die alten sorbischen Traditionen, den Zusammenhalt in der Region stärken. In diesem Jahr machte Corona vielen der sorbischen Traditionen einen Strich durch die Rechnung: Große Veranstaltungen mussten abgesagt werden, zu hoch ist die Infektionsgefahr. Aus Schramms Sicht ist das schade, aber auch problematisch, weil das die sorbische Kultur weiter schwächen könnte.

Der Strukturwandel und seine Auswirkungen auf die sorbische Minderheit

Gerade im vergangenen Jahrhundert musste die sorbische Community sowieso einige Rückschläge einstecken: Der Kohleabbau und das damit verbundene Abbaggern von sorbischen Dörfern traf die Minderheit hart. Rund 25.000 Menschen wurden umgesiedelt – viele davon Sorb*innen. Durch Umsiedlungen, Weg- und Zuzug aufgrund von Kohlenabbau wurden die traditionellen Dorfgemeinschaften durchgerüttelt, kulturelle Identität verschwand buchstäblich im Bodenlosen und auch die sorbische Sprache litt. Schramm erklärt das am Beispiel der Ortschaft Horno, die 2004 dem Tagebau Jänschwalde weichen musste: Das Dorf wurde zwar umgesiedelt, aber nur 70 Prozent der Einwohner*innen kamen mit.

Auch wenn die politische Vertretung der Sorb*innen sich regelmäßig gegen den Kohleabbau aussprach, stellt der Kohleausstieg die Minderheit jetzt wieder vor eine große Herausforderung: Viele Sorb*innen arbeiten heute im Kohleabbau und damit in Jobs, die in den nächsten 20 Jahren verschwinden werden. Er kann aber auch eine Chance sein: Durch das Strukturstärkungsgesetz werden kommunale Strukturen in der Region gefördert und auch sorbisches Kulturgut. Maja Schramm hofft, dass gerade durch Tourismus neue Impulse entstehen, sich mit dem sorbischen Kulturgut auseinanderzusetzen.

 

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Schramm versucht in ihrem Alltag immer wieder aktiv Sorbisch zu sprechen. Mit einem Freund unterhält sie sich hauptsächlich auf Sorbisch, in Leipzig geht sie regelmäßig zum sorbischen Stammtisch. Während ihres Studiums ist Schramm aber auch immer stärker bewusst geworden, dass sie als Niedersorbin eine Minderheit in der Minderheit ist. Die Obersorb*innen an der Uni belächeln sie eher, der größte Teil des studentischen Lebens und der Veranstaltungen konzentriere sich eher auf das Obersorbische.

Die Studentin hat einige Ideen, wie es mit dem sorbischen Kulturerbe besser laufen könnte: Sie wünscht sich mehr Anerkennung für die sorbischen Traditionen. Außerdem will sie, dass die Sorb*innen nicht nur als ein Bauernvolk angesehen werden. Bands und Hiphop-Gruppen tragen dazu bei. So zum Beispiel die Band „KulaBula“ auf Niedersorbisch oder „Skupina Astronawt“ auf Obersorbisch. Grundsätzlich sei es aber um die sorbische Kultur zu schützen, nicht nur wichtig, in Kultur zu investieren, sondern auch die Infrastruktur in der Lausitz zu stärken und so Menschen vom Wegzug abzuhalten. Der demografische Wandel und die Tatsache, dass viele Menschen fürs Studium weggehen und nie wieder zurückkehren, sind auf der einen Seite für die gesamte Lausitz, aber im Besonderen auch für die sorbische Minderheit große Herausforderungen.

Trotz ihres Engagements macht sich Schramm gerade fürs Niedersorbische keine allzu großen Hoffnungen. „Sorbisch ist eine aussterbende Sprache“, meint sie nüchtern. „Aber solange es noch Menschen gibt, die Sorbisch sprechen, lebt die Sprache“.

 Lisa Kuner…

…ist freie Journalistin, sie schreibt für die FAZ über Bildung, für Perspective Daily über den Osten und würde am liebsten aus Brasilien von sozialer Ungleichheit erzählen. Außerdem studiert sie Nachhaltige Entwicklung in Leipzig. Einen Überblick über ihre bisherigen Veröffentlichungen gibt es hier: https://www.torial.com/lisa.kuner

Fotos…

… Tine Jurtz, https://www.tinejurtz.de/

 

„WO NICHTS IST, DA WOLLEN WIR ETWAS SCHAFFEN.“ DIANA TÜNGERTHAL IM PORTRÄT

Kiefern, Sand, eine gerade Straße. Immer wieder die Sichtachse auf die Kühltürme des Boxberger Kraftwerks. Wer falsch abbiegt, landet an der Tagebaukante. Symbolträchtig liegen sie da: Riesige Wunden, von Abraumbaggern in die Landschaft gerissen, lassen ahnen, wie eng das Schicksal der Menschen hier mit dem Braunkohleabbau verwoben ist. Wenige hundert Meter Luftlinie entfernt wartet ein künstlich geschaffenes Parkidyll aus Findlingen, Hügeln, Steingärten, Wegen und Wasserläufen.

Hier im Findlingspark Nochten bin ich mit Diana Tüngerthal verabredet. Sie trifft sich mit Preisträgern des vom Landkreis ausgelobten Innovationspreises Tourismus. Bei Kaffee und Kuchen berichten diese von ihren Erfolgen und Ideen. Schließlich wird vor der Kulisse eines an Stonehenge erinnernden Steinhügels feierlich das „Innovationsbäumchen“ – eine pontische Eiche – angegossen.

Die Sonne strahlt über blühenden Heidesträuchern. Das passt zur Stimmung und zum Thema: Mich interessiert, was Diana zur Lebenswirklichkeit junger, qualifizierter Frauen im Landkreis – speziell zu ihrer eigenen – zu sagen hat.

„Ich lebe wirklich gern hier.“

Dieser Satz fällt nicht nur einmal. Diana wiederholt ihn mit Nachdruck, so als sei sie schon daran gewöhnt, dass man ihr das nicht glaubt. Was hat diese Region einer jungen Frau zu bieten, die voller Energie und Pläne steckt, in ihrem früheren Leben in der rastlosen Veranstaltungsbranche Berlins und als Frontfrau einer Band unterwegs war? Sie selbst fasst es so zusammen: „Das kommt darauf an, was man will und womit man sich zufrieden fühlt.“

Der Liebe wegen sei sie hergekommen, der Liebe wegen geblieben und inzwischen sei die Oberlausitz zu ihrer „Heimat des Herzens“ geworden. Wenn sie Besuch aus ihrer alten Heimat bekommt, werde sie oft darauf angesprochen, in was für einer tollen Gegend sie lebe. Das liege nicht nur an der schönen Landschaft, sondern vor allem an den Menschen, die morgens beim Bäcker noch auf einen Schwatz miteinander stehen blieben.

Diana lebt mit ihrer Familie in einem Dorf im Norden des Landkreises. Für sie sei es ideal, ihren Sohn in einem ländlichen Umfeld mit städtischer Anbindung aufwachsen zu sehen. Ihr war das hektische Leben in der Großstadt oft zu viel. Sich ständig zwischen all den Optionen auf Konzerte, Events und Ausstellungen zu entscheiden, sei anstrengend gewesen. Hier habe sie gelernt, „das Wenige, was da ist“ zu schätzen und auch ganz bewusst zu nutzen.

„Wir sind nicht nur alleine. Wir werden immer mehr.“

Was die Region bietet ist Raum, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Es lässt sich hier ebenso auf einem eigenen Grundstück leben, wie es möglich ist, mit Gleichgesinnten Neues zu schaffen. Diana versteht sich als Macherin. Sie sei, genau wie ihr Lebenspartner und ihr Umfeld „nicht so erpicht darauf, nur zu konsumieren“. Um alte Freunde wieder zu sehen, organisiert sie auch mal eben ein Konzert. Sie sagt, sie sei nicht die Einzige, der es so gehe. Immer mehr junge Menschen, vor allem Familien kämen in die Region (zurück), weil sie sich hier wohl fühlten.

„Es gibt hier noch jede Menge kreative Frauen, die einander suchen und entdeckt werden können.“

Diana gerät ins Schwärmen, wenn sie davon erzählt, welche Qualität von Gemeinschaft sie hier erlebe. Sie habe hier noch nie das Gefühl gehabt, allein da zu stehen. Familiär und beruflich gut eingebunden, trifft sich außerdem regelmäßig mit anderen jungen Frauen, die sie „unsere Landmädelstruppe“ nennt. Diese informellen Treffen deckten vom Weihnachtskranzbasteln bis zur Diskussion von KiTa-Konzepten alles Mögliche ab. Vor allem aber dienten sie dem Austausch und der Selbstvergewisserung. Auch Visionen werden gesponnen mit reichlich Potenzial für neue „kreative Nischen“ auf dem Land. Sie sei jedes Mal inspiriert davon, „wie viel Input dabei rum kommt“ und ist überzeugt: „Es gibt hier noch jede Menge kreative Frauen, die einander suchen und entdeckt werden können.“

„Lasst wieder Leben in eure Dorfgemeinschafthäuser einziehen.“

Förderprogramme unterschiedlichster Art hätten dazu geführt, dass vielerorts bereits eine gute Infrastruktur vorhanden sei. Neu ausgebaute Dorfgemeinschaftshäuser, die allesamt mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hätten, sollten ihrer Meinung nach geöffnet werden für ein neues Publikum und neue Ideen. Die Chance, junge Menschen wieder einzubinden, liege darin, sich von angestaubten Heimatforschungsvereinen zu Initiativen des dörflichen Gemeinschaftslebens zu entwickeln.

Zur persönlichen Lebensqualität zählt für Diana ganz klar der Job, den sie hier gefunden hat:

„Ich bin froh, nach Jahren da angekommen zu sein, was ich wirklich machen wollte.“

In der konzeptionellen und strategischen Tourismusarbeit zu landen, sei nach dem Studium (Tourismus und Management) ihr Masterplan gewesen, erzählt sie. Sie liebe ihren Job und schätze die Vielfalt der Aufgaben, die Kontakte mit Unternehmen, die gute Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen, die Wertschätzung durch Vorgesetzte.

Es ist augenscheinlich: In ihrem Beruf kommt vieles zusammen, was sie auch als Person ausmacht. Exzessives Netzwerken, Potenziale erkennen, wo andere nur Defizite sehen und eine große Portion Gestaltungswillen.

Auf meine Frage, was sie anderen Frauen rät, die neu in der Region sind, meint sie, es wäre jeder Frau zu wünschen, auf eine andere Frau zu treffen, die sie als Lotsin in die Region und in bestehende Netzwerke einführen könne. Sie selbst praktiziert das fleißig und versichert: „Ich stehe gern als Ansprechpartnerin zur Verfügung.“

Wer Fragen an Diana Tüngerthal hat, erreicht sie hier: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

 

LANDLEBENLIEBE – AGNES MOCHA IM PORTRÄT

Ich weiß nicht viel über Agnes. Dass sie einen Bio-Ziegenhof in Bertsdorf führt, Ziegenkäse macht und diesen mittwochs auf dem Markt in Zittau verkauft.  Ich möchte sie kennenlernen, aber nicht im Sinne klassischer Fragen: Beruf, Alter, Herkunft. Mich interessiert ihre Perspektive aufs Leben und auf ihr Leben. Agnes ist in der Oberlausitz schon ziemlich bekannt und das ist immer so eine Sache.

Meine Oma ist die Brücke zu Agnes Leben. Weil meine Oma Bäuerin war und weil ich, eigentlich in der Großstadt geboren, aber über Umstände, die hier nichts zu sagen hätten, bei ihr auf dem Lande groß geworden bin. Deshalb habe ich eine gewisse Nähe zu den Arbeiten, zum Leben auf einem Bauernhof, mit Tieren, mit Bauerngärten, Obstbäumen, Wald und was so dazu gehört. Alles pragmatisch, sinnbehaftet, traditionell und keineswegs nur idyllisch.

Die Begegnung mit Agnes hat mich berührt und nachdenklich gemacht. Im Folgenden möchte ich über das, was ich damit meine, schreiben.

Das Alpha und Omega für den Erfolg ist eine funktionierende Beziehung

In der Küche, in einer gemütlichen Atmosphäre, diskutieren Agnes, ihr Mann Carsten und ich über Frauen in der Landwirtschaft von „früher“ und über die von heute. Darüber, dass die Bedürfnisse und Ansprüche an eine Beziehung sich gewandelt haben. Was ist früher, was heute? Eine nicht synchrone Entwicklung: die schweren großen Maschinen, mit denen der Mann arbeitet, die Handarbeit, das Kochen, die Kinder, die an der Frau „kleben“. Früher gab es den Sonntag als Ruhetag, den gibt es heute so nicht mehr. Der Mann führt in den meisten Fällen den Hof und die Frau ist die „mitarbeitende Familienangehörige“.

Agnes und Carsten haben ein gemeinsames Projekt, ein gemeinsames Kind, einen gemeinsamen Hof. Jeder hat den eigenen Arbeitsbereich, was total wichtig ist, so dass Auseinandersetzungen zu nebensächlichen Details vermieden werden und jede/r sich auf das Wesentliche konzentrieren kann. Beide wissen, nur zusammen gibt es ein Ganzes.

Es ist zur Erkenntnis geworden im Laufe der Jahre, dass die Bedürfnisse eine unterschiedliche Entwicklung nehmen. Agnes spricht über ein Bedürfnis, das ich total nachvollziehen kann: „Mal nichts zu machen“. Es hat lange gedauert, bis sie das annehmen konnte, ohne dabei ein schlechtes Gefühl zu haben, wenn nebenan der Partner macht und schuftet. Und dann über die gelernten Lektionen aus der eigenen Beziehung sprechen zu können, dass es mal gekriselt hat, also sich nicht bedingungslos glücklich hinzustellen … sowas kommt mir sehr souverän vor. Respekt!

 „Als Ökobetrieb haben wir eine andere Gesinnung“

Als Bäuerin – „Ein sehr schöner Beruf!“ –  ist es heutzutage „manchmal traurig“, da es nur wenige Berufskolleginnen gibt, mit denen sie sich austauschen kann. Früher gab es viel mehr. Agnes fühlt sich „eher in dieser Ökobewegung, in der Antigentechnikbewegung, gegen Massentierhaltung, in der Slowfood Bewegung aufgehoben“, aber nicht in den klassischen Landfrauen Vereinen, die konventionell und zugleich widersprüchlich sind, weil sie das Idyllische hervorheben. Aber die Landwirtschaft, die sie betreiben, ist die, der Großbetriebe. Das Hauswirtschaftliche ist ein großes Thema.

„Wenn ich noch ein halbes Jahr zu leben hätte“…oder über den Sinn

Weit mehr als Broterwerb ist der Ziegenhof, mit all den dazugehörigen Tätigkeiten, sinnvolles TUN oder schlicht Sinn. Die Ruhezeiten, die Arbeitszeiten, alles ist verwoben, alles nicht zu quantifizieren, die Jahreszeiten bestimmen den Rhythmus. Die vielen unterschiedlichen Arbeiten am Tag halten einen in Schwung und manches davon ist gar keine Arbeit: Die Ziegen barfuß austreiben, „einfach in die Natur, das ist etwas für die Seele“. Und „wenn ich noch ein halbes Jahr zu leben hätte, dann würde ich dasselbe machen: Ziegen füttern, melken, Käse machen“… Über die besprochenen Themen hinaus – Bäuerinnen gestern und heute, der Alltagsablauf, das Melken, Saubermachen, das Lammen, das Käsen, die Weide umstecken, den Käse verkaufen, die Netzwerke, das funktionierende in allen Situationen, u.a. – wird das Thema Spiritualität wichtig: das Singen im Chor der Hillerschen Villa, das Singen bei den Taizé Nächten in Zittau… wie einst als Kind in der katholischen Kirche in Bayern.

Bindungskräfte in der Oberlausitz

Ich frage mich, warum sie so überzeugt und bewusst in der Oberlausitz lebt? Welche Bindungskräfte über den eigenen Betrieb hinaus, halten und tragen sie? Was ist das Schöne am Leben hier? Und wir amüsieren uns köstlich als Carsten ernsthaft und lachend die Frage beantwortet: Es sind die berühmten blauen Steine. Aber nein, die blauen Steine stehen sinnbildlich für die Direktheit und die Offenheit und die Nähe der Menschen von hier, der doch angenehme Dialekt, das tolle kulturelle Angebot. Schließlich hat Agnes fast die Hälfte ihres Lebens hier verbracht. „Das ist schon eine andere Mentalität (…) Ich finde es sogar ein Kompliment, weil manche nicht mitkriegen, dass ich aus dem Westen komme. Sie denken ich bin Ossi, finde ich total gut“, stellt sie lachend fest.

Sînziana Schönfelder stieß im Sommer 2017 zu dem Projekt „Geschlechtersensible Willkommenskultur im Landkreis Görlitz“ und unterstützte es durch ihr Netzwerk der Slow-Food-Bewegung. Sie entwickelte Formate zur Berücksichtigung von Frauen mit besonderem Blick auf Landwirtinnen im Landkreis Görlitz.  Hieraus entstand der Film Land leben. Land lieben, den sie gemeinsam mit René Beder produzierte. Mittlerweile erforscht sie für das TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau-Görlitz Religionssensible Integrationskulturen in Ostsachsen – und bleibt F wie Kraft als Autorin von Portraits erhalten.

F WIE FRAGEBOGEN*

F wie Franziska … Franziska Schubert ist als junge, grüne Landtagsabgeordnete eine der wenigen Frauen, die als politische Mandatsträgerin auf allen Ebenen – im Stadtrat von Ebersbach-Neugersdorf, im Kreistag des Landkreise Görlitz und im Landtag – Politik macht. Ihr Fachgebiet ist Finanz- und Haushaltspolitik.

Wie heißt du?
Franziska

Zweiter Vorname?
Meine Mutter war der Meinung, ich brauche keinen zweiten Vornamen.

Worüber hast du zuletzt herzlich gelacht/bitterlich geweint?
Herzlich gelacht habe ich das letzte Mal am Ende der Welt in einem Tropensturm; ich trug ein Kleid und Badelatschen und eine Dose Bier. Bitterlich geweint habe ich das letzte Mal am 5. Oktober 2017 darüber, dass es nicht in der Menschen Macht steht, die Zeit zurückzudrehen.

Was fällt dir leichter: Ankommen oder Aufbrechen?
Aufbrechen.

F wie Kraft, F wie …
Fluß.

Wovon lebst du?
Ich bin Politikerin – ich lebe davon, dass ich daran glaube, durch Engagement Dinge verändern zu können.

Was findet man in deiner Tasche?
Immer mindestens einen Stift, Tic-Tac, Taschentücher, diverse Münzen aus verschiedenen Ländern, Arbeit.

Wie lebst du in 10 Jahren?
Mit ganz wenig Kram und ganz viel Ruhe, Wärme, Liebe. In Deutschland möchte ich ein kleines Bistro haben ohne feste Öffnungszeiten und ein kleines Atelier. Im Winter kann ich nicht in Deutschland leben, sorry, das geht einfach nicht nochmal 35 Jahre.

Hast du einen Plan B?
Immer. Und auch einen Plan C. Ich kann mir vieles vorstellen – Guide im Nationalpark in Baracoa oder an der Berezina genauso wie zurück an die Uni; Schafe hüten in Island genauso wie jobben irgendwo in der Welt.

Welches Buch liegt neben deinem Bett?
Nie nur eins. Zur Zeit: Haruki Murakamis „Tanz mit dem Schafsmann“; Haskells „Das verborgene Leben des Waldes“ sowie Tucholskys „Gesammelte Werke“.

Wo fühlst du dich am Lebendigsten?
Auf Reisen auf Inseln mit ganz wenig. Bei der Sommerbauwoche an unserer Fabrik in Neugersdorf. Beim Kochen und Essen.

Wovon hast du als Letztes geträumt?
Von einer Party mit meinen Freunden in Neugersdorf, wo es ganz viel bunte Farbe gab.

Zum Schluss – wie bist du zu erreichen?

Einfach schreiben: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Einen Eindruck von ihren avantgardistischen Positionen gibt es auf ihrer Website: www.franziska-schubert.de und im kürzlich erschienenen SZ-Interview:  Link

 
 

HEUTE NONNE SEIN – SCHWESTER MARIAE LAETITIA IM PORTRÄT

„Wir sind weiterhin gerufen, positiv in die Welt zu gehen und zu wirken“

Schon immer haben mich Menschen interessiert, die ausgeglichen sind und doch noch suchen. Die in ihrer Einzigartigkeit Tiefe beherbergen. Die nicht dem Zeitgeist entsprechen. Die mit ihrer Klugheit nicht prahlen, sondern diese feinfühlig einsetzen. Sowie diejenigen, die, mit Friedrich Schleiermacher, Sinn und Geschmack für das Unendliche haben, beständig sind, aber nicht statisch. Was für ein Glück, diesen schönen Menschen zu begegnen.

Schwester Mariae Laetitia Klut ist 29, lebt als Nonne im Kloster Marienstern in Panschwitz Kuckau und ist so ein Mensch! Für den Gedankenaustausch mit ihr bin ich sehr dankbar.

Für Besucher und Besucherinnen ist sie meist im Klosterladen oder bei der Produktion von Likören zu finden. Regelmäßig kommen Touristen vorbei und fragen sie mitunter, ob sie echt sei. Für die meisten Leute sind Klöster etwas völlig Unbekanntes, in ihrer Vorstellung vielleicht noch ein Relikt aus dem Mittelalter. Manche bemitleiden die junge Schwester sogar, weil sie meinen, dass eine enttäuschte Liebe sie ins Kloster geführt hätte.

Ich frage mich, wie es wäre, wenn sie wüssten, dass vor ihnen eine studierte Theologin steht, die mit fünf Sprachen umgehen kann. So wie manche Mädchen sich wünschen, Prinzessin zu werden, so hat Schwester Mariae Laetitia sich früher mal vorgestellt, Nonne zu werden, obwohl sie als Kind nie in einem Kloster war. Während jedoch die Prinzessinnenträume meist realistischeren Lebensentwürfen weichen müssen, hat sie sich ihren Wunsch erfüllt.

Aber was ist eine Nonne, was macht sie überhaupt? „Eine Nonne ist eine Frau, die sich für ein intensiveres geistliches Leben als Christ entschieden hat“, erzählt mir Schwester Mariae Laetitia. Und führt aus: „Es gibt ja verschiedene christliche Lebensformen. Eine davon ist dieses Leben als Nonne: in Gemeinschaft, ehelos, besitzlos, lebenslang. Das bedeutet eine lebenslange Hingabe, aber auch einen Prozess des lebenslangen Lernens. Nonnen verpflichten sich besonders dem Gebet. Nicht nur für sich, für alle Menschen, auch stellvertretend für diejenigen, die nicht beten können oder wollen; Gott loben, danken, bitten“.

Die Gebetszeiten takten den Alltag im Kloster: 4:30 Uhr beginnt das erste Gebet, 6:00 Uhr das Morgengebet, im Anschluss die Heilige Messe, dann wird gefrühstückt. Danach arbeitet jede Schwester im eigenen Arbeitsbereich. Dann wieder das gemeinsame Gebet. Als Mittelpunkt des Alltags ist das Gebet die Möglichkeit, immer mit Gott in Kontakt zu bleiben. Schweigen und Stille sind ebenfalls wichtige Elemente im kontemplativen Klosterleben. Im Unterschied zur Entdeckung Gottes in der Aktion, in der Nächstenliebe, ist die Kontemplation „die Versenkung ins Göttliche hinein“. Still sein, um Gott hören zu können.

Gute Regeln können uns auch gut formen“

„Ja“, sagt Schwester Mariae Laetitia, „auch die Beziehung zu Gott ist gelegentlich mit Ängsten behaftet: Die Angst vor dem Verlust der Leidenschaft, die Angst, nicht genug für die Beziehung getan zu haben. So wie auch eine Ehe im Sand verlaufen kann, weil die Liebe nicht gepflegt wurde.“ Deswegen gibt es im Kloster Lebensregeln, die helfen sollen, im Alltag konkrete Schritte zu gehen, damit die Liebe wachsen kann. Die Zisterzienserinnen von St. Marienstern leben nach der Regel des heiligen Benedikt. Schwester Mariae Laetitia ist starren Regeln gegenüber skeptisch, aber „gute Regeln können uns auch gut formen. Der heilige Benedikt schreibt in seiner Lebensregel: Der Weg kann am Anfang nicht anders sein als eng, aber wo die Liebe wächst, da wird das Herz weit“. Dieses innere Wachstum ist wichtig, nicht die sture Befolgung der Regeln, auch nicht die Bewahrung äußerlicher Formen. Metaphorisch gesprochengeht es nicht darum, eine leere Schachtel aufzubewahren. Nicht die Asche zu hüten, sondern das Feuer lebendig zu halten. Das gilt im Kleinen für die Schwestern im Kloster, aber auch für die Kirche im Großen und Ganzen.

„Dort, wo Dinge wegfallen, haben wir die Chance, das Wesentliche zu verwirklichen“

Die Entchristianisierung der Gesellschaft, der Bedeutungsverlust der großen Kirchen, der Wegfall der Traditionen, all diese Problemfelder der Kirche als Institution bieten auch die Chance, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, meint Schwester Mariae Laetitia. „Wir müssen überlegen, worum es uns eigentlich geht. Wenn wir zum Beispiel den Priestermangel bedauern: Geht es uns dann wirklich darum, Menschen in Beziehung mit Christus zu bringen oder darum, gewohnte Strukturen zu erhalten? Dort, wo Dinge wegfallen, haben wir die Chance, das Wesentliche zu verwirklichen“.

Kritik solle als etwas Wertvolles angenommen werden. Schließlich seien „Christen nicht besser als andere und auch nicht näher dran an Gott“. Doch was ist dann der Mehrwert vom Christsein, warum lohnt es sich, als Christ zu leben?

Wer an Gott glaubt und die Botschaft Jesu annimmt, der hat einen neuen Blick auf die Welt. Sein Zugang zur Wirklichkeit ist ein ganz anderer, weil den Christen ein Weg gewiesen ist. Dieser Weg steht auf dem Boden der Tradition mit einer großen Auswahl an Formen, die sich bewährt haben. Auf diesen tragenden Grund können Christen sich stellen und ihr Leben gestalten, davon ist die Schwester überzeugt.

„Den Menschen hier fehlt Gott nicht“

„Wir sind weiterhin gerufen, positiv in die Welt zu gehen und zu wirken“, denn sowohl das Gute als auch das Böse zögen ihre Kreise. Der einzelne Mensch trage viel bei zum großen Ganzen. Deshalb bekennt Schwester Mariae Laetitia: “Wenn Gott mich glücklich macht, dann muss ich es auch zeigen“.

Die Provokation, sein Leben anders zu leben, im biblischen Sinne der Sauerteig der Gesellschaft zu sein, Gott ins Spiel zu bringen, ist mitunter schwierig: Auf ihre Entscheidung, im Kloster zu leben, reagierten manche ungefähr so: „Wenn Du damit glücklich bist, dann ist es okay.“ Was nach Toleranz klingt, nahm Schwester Mariae Laetitia als Gleichgültigkeit wahr: Es ist mir egal, woran du glaubst, es ist gleichgültig, ob du an etwas glaubst, irrelevant, woran du dein Leben ausrichtest. Genau das ist Schwester Mariae Laetitia aber nicht egal. Besonders, wenn sie auf das Zusammenleben in unserer Gesellschaft schaut. Und trotzdem „kann man jemandem nicht einreden, dass ihm was fehlt. Den Menschen hier fehlt Gott nicht! Natürlich wünsche ich allen eine gute Gottesbeziehung. Nicht zum Nutzen der Kirche, sondern ihnen selbst zum Heil. Denn ich erfahre, dass das glücklich macht“.

Sînziana Schönfelder stieß im Sommer 2017 zu dem Projekt „Geschlechtersensible Willkommenskultur im Landkreis Görlitz“ und unterstützte es durch ihr Netzwerk der Slow-Food-Bewegung. Sie entwickelte Formate zur Berücksichtigung von Frauen mit besonderem Blick auf Landwirtinnen im Landkreis Görlitz.  Hieraus entstand der Film Land leben. Land lieben, den sie gemeinsam mit René Beder produzierte. Mittlerweile erforscht sie für das TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau-Görlitz Religionssensible Integrationskulturen in Ostsachsen – und bleibt F wie Kraft als Autorin von Portraits erhalten.

F wie Fragebogen

Ina Körner – die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Bautzen und aktives Mitglied der Initiative Frauen.Wahl.LOKAL Oberlausitz

Wie heißt du?

Ina

Zweiter Vorname?

Der Erste ist schon so kurz,  einen Zweiten fand meine Mutter zu altmodisch.

Worüber hast du zuletzt herzlich gelacht/bitterlich geweint?

Ich lache oft – geweint habe ich sehr als sich der von mir gerettete Hund aus Italien mit Schneckenkorn vergiftet hatte und ich ihn nicht retten konnte.

Was fällt dir leichter: Ankommen oder Aufbrechen?

Ich breche schon gern auf, komme aber auch gern wieder (zu Hause) an.

Wovon lebst du?

Von Dingen, die mir Spaß machen.

F wie Kraft, F wie …?

Freude, Fordern, Finden, Feiern…

Was findet man in deiner Tasche?

Nichts, weil viel zu viel drin ist ;+))

Wie lebst du in 10 Jahren?

Hoffentlich gesund und munter auf dieser Welt.

Hast du einen Plan B?

Bier trinken und überlegen, wie es gehen kann.

Welches Buch liegt neben deinem Bett?

Im Moment: „Athiopische Märchen“

Wo fühlst du dich am Lebendigsten?

Wenn ich eine schwierige Aufgabe gemeistert habe, von der ich vorher dachte dass das nie gelingt.

Wovon hast du als Letztes geträumt?

Geheimnis

Warum engagierst du dich für das Frauen.Wahl.LOKAL Oberlausitz?

Weil es wichtig ist und weil es Spaß macht.

DER AUFREGENDE DUFT DES NEUEN

DER AUFREGENDE DUFT DES NEUEN

Schon immer liebte ich es in eine weite Landschaft zu schauen. Die Entscheidung von Hessen in die Lausitz zu ziehen trafen mein Lebenspartner und ich im letzten Jahr. Wir wollten noch mal eine 180 Grad Drehung vollziehen. Ich bin nun 55 Jahre. Die weite Landschaft ist natürlich nicht der alleinige Grund. Ich habe vor 2 Jahren einen brachliegenden kleinen Dreiseitenhof in Buchwalde/Malschwitz von meinem Vater übernommen. Diesen hatte er vor vielen Jahren günstig erworben und wollte ihn verkaufen. Ich hatte spontan NEIN BLOß NICHT VERKAUFEN gerufen, diesen kleinen Rohdiamanten darfst Du nicht verkaufen! Er liegt wunderschön in einem kleinen idyllischen Örtchen an einem kleinen Flüsschen namens Ritschka. Ich hatte mich sofort verliebt in diesen Ort. Die Aura stimmte.

Bild Jutta

Ich bin viele Jahre freiberuflich als Innenarchitektin und Feng Shui Beraterin tätig gewesen und träumte lange schon von meinem eigenen Bauprojekt. Ich entwickelte sofort eine Projektidee für den Dreiseitenhof, der als Gärtnerei betrieben wurde. Es ist mir zunächst wichtig, die Menschen aus der Nachbarschaft und der Lausitz kennenzulernen und zu erfahren welche Bedürfnisse und Lebensideen vorhanden sind.

An diesem Ort könnte vieles wachsen und entstehen.

Wir haben in Görlitz in der Nikolaivorstadt eine Wohnung und ein Gewerbe angemietet. Ich habe einen Duftraum eröffnet, der Treffraum und Workshop werden soll. Hier möchte ich erstmal Fuß fassen und die Görlitzer einladen zu mir zu kommen, um über den Nutzen ätherischer Ölen für unsere Gesundheit zu lernen. Ich arbeite von hier aus und bin auch in ganz Deutschland unterwegs als Öle-Botschafterin.

Bild Landschaft

Vielleicht kann mein Dreiseitenhof irgendwann ein Ort der Begegnung, der Produktivität und Kreativität rund um das Thema Gesundheit MAKE YOUR BODY GREEN mit einem OFFLINE Seminar und Workshop- Angebot werden. Dazu benötige ich Geld 🙂 ….Ich bin Unternehmerin und arbeite für meine Vision. Ein Dach ist erneuert, eine Biokläranlage eingebaut und nun mähen und entrümpeln wir… lernen unsere Nachbarn kennen, manchmal kommen die Kühe vom Bauern Graf zur Unterstützung auf meine große Wiese zum Abgrasen.

Schaut in diese weite wunderschöne Landschaft!

Herzlichst

Jutta

Jutta’s Duftraum in Görlitz

… ist online unter http://www.jid-aromastar.de zu finden.

Jutta Intro Card vornDRUCK 300x151

„DER AUFBRUCHSGEDANKE IST IMMER NOCH DA!“

„DER AUFBRUCHSGEDANKE IST IMMER NOCH DA!“

Als mir meine Freundin Marie vom Projekt F wie Kraft erzählt hat, musste ich sofort an Grit Lemke und ihren Film „Gundermann Revier“ denken: eine engagierte Frau, die aus der Lausitz stammt, in der Welt aktiv ist und sich filmisch mit ihrer Heimatregion auseinandersetzt. Ein paar Mails und Whatsapp-Nachrichten später treffen wir uns zum Zoom-Interview und sie erzählt mir von dem Film, ihren Gedanken zur Lausitz als ehemalige Utopie und die Möglichkeiten, die sie für die Region sieht.

Grit Lemke wurde in Spremberg geboren und wuchs in Hoyerswerda auf. Nachdem sie für das DOK Leipzig, das Sheffield Doc/Fest und das Filmfestival Cottbus gearbeitet hat, wandte sie sich der produktiven Seite der Filmarbeit zu. Ihr erster Langfilm „Gundermann Revier“ erschien 2019 und wurde für den Grimme-Preis 2020 nominiert. In Archivbildern, Ausschnitten aus DDR-Aufbau- und Dokumentarfilmen sowie Interviews mit den Mitgliedern der Brigade Feuerstein und den Musiker*innen sowie Wegbegleiter*innen um Gundermann erzählt er von der Zeit vor und nach der Wende. Lemke zeichnet ein Bild von Menschen in der Lausitz, die von der Person Gundi Gundermann und seiner Musik ebenso wie vom Leben mit der Braunkohle geprägt wurden.

Grit Lemke © Börres Weiffenbach

Die Lausitz ist Ihre Heimat. Was ist das Erste, das Ihnen einfällt, wenn Sie an die Lausitz denken?

Grit Lemke: Das sind Kindheitsbilder, aus Spremberg, aus dem Dorf. Ein kleiner Weg mit  einer Blumenwiese davor, ein paar Häuser. Also eine klassische idyllische Kindheitserinnerung. Viele Kinder, Bäume im Garten, draufklettern, rumrennen, sowas. Also, Geborgenheit eigentlich!

Mittlerweile arbeiten Sie für das Filmfestival Cottbus, sind Mitglied im Filmnetzwerk Łužycafilm und Regisseurin des Films „Gundermann Revier“. In was für einer Rolle sehen Sie sich denn in Bezug zur Lausitz?

Grit Lemke: Ich sehe mich in einer Vermittlerrolle. Es ist mir in den letzten Jahren bewusst geworden, dass es gar nicht so viele Leute gibt, die sich einerseits in der Lausitz verwurzelt fühlen und eine Art Heimatliebe mitbringen und die trotzdem – so wie ich – international verankert sind. Ich habe viele Jahre bei DOK Leipzig das Programm geleitet und war bei den großen Festivals der Welt zu Hause. Mein zweites Standbein ist ganz woanders, wodurch ich einen Blick von außen gewonnen habe. So habe ich vieles anders einordnen können als die Leute in der Lausitz. Mir fällt auf, dass sie dazu neigen, alles klein zu machen, was es dort gibt. Ich weiß, dass es nicht klein ist und finde alles super spannend. Ich sehe mich also in einer Vernetzungsrolle. Wenn es um Film in der Lausitz geht, was mich in den letzten Jahren am meisten beschäftigt hat, dann sehe ich meine Aufgabe darin, diesen zu professionalisieren. Ich sehe in der Lausitz ganz viel Potential und tolle Geschichten, aber es läuft überhaupt nicht professionell ab. Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder etwas mit den Leuten in der Lausitz gemacht, nicht nur den Film. Und ich merke, dass ich gewöhnt bin, ganz anders zu arbeiten. Einfach aus den Zusammenhängen heraus, in denen ich die letzten dreißig Jahre gearbeitet habe. In der Lausitz geht es dann doch eher langsam zu, man ist weniger vernetzt… das fängt jetzt gerade erst an. Und was ich mitbringen kann ist, dass ich ein Bein in der Lausitz habe und eins außerhalb.

Die Braunkohlereviere prägen die Lausitz (www.gundermannrevier.de)

Wie kamen Sie denn auf die Idee, den Film zu machen?

Grit Lemke: Das war gar nicht meine Idee, muss ich tatsächlich sagen. Das war die Idee der Produktionsfirma und ursprünglich sollte es eine andere Autorin machen, die dann doch nicht konnte. Ich bin wirklich so reingerutscht. Ursprünglich sollte ich nur beraten, aber es wurde immer klarer, dass es auch meine Geschichte ist und dass ich einen Insiderblick mitbringe. Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit der ganzen Thematik zu Gundermanns Leben und Werken in der Lausitz. Abgesehen davon, dass ich Gundermann kannte und mit der ganzen Brigade Feuerstein befreundet war und bin, habe ich für die Kulturfabrik in Hoyerswerda die Gundermann Schaltzentrale mit konzipiert und kannte daher viel Archivmaterial. Dazu habe ich mich in den letzten Jahren mit Hoyerswerda und der ganzen Utopie der Aufbaugeneration beschäftigt. Ich habe viele Interviews geführt und arbeite seit einigen Jahren an einem Buch dazu… ich war also schon sehr in der Geschichte drin und konnte das alles relativ schnell in den Film bringen. Wir hatten für den Film nur circa ein halbes Jahr Zeit. Und das hat auch funktioniert, weil ich mich generell mit dem Thema beschäftige.

Und welche Bedeutung hat der Film für die Lausitz?

Grit Lemke: Es ist der erste abendfüllende Kinofilm, der von jemandem aus der Lausitz über die Lausitz gemacht wurde. Das ist tatsächlich eine Art Meilenstein. Dass wir unsere eigenen Geschichten erzählen, das gab es bis jetzt nicht. Man muss sich ansehen, was es zum Beispiel für eine reichhaltige Filmszene in Bayern gibt, mit Filmstrukturen und Filmförderung. Wir sind fast die einzige Region, die so etwas nicht hat Und das, obwohl wir kulturell gesehen eine der reichsten Regionen in Deutschland sind, weil wir nicht nur eine, sondern zwei Kulturen haben. Wenn man also nach der Bedeutung des Films für die Lausitz fragt, könnte man sagen, es ist der Anfang von etwas. Der Film ist ja auch international wahrgenommen worden und dadurch ist es von jetzt an vielleicht leichter, solche Geschichten zu erzählen. Einer muss ja den Anfang machen. Ich arbeite mittlerweile auch an einem neuen Filmprojekt und muss dort nicht mehr erklären, wer ich bin und was ich mache. Die Aufmerksamkeit ist schon da. Insofern ist der Film nicht nur für mich ein Anfang, sondern für die Region.

Sie haben selbst gesagt, es gab eine Utopie, die damals gelebt wurde. Man sieht auch im Archivmaterial im Film, dass Hoyerswerda eine aufstrebende, kinderreiche Fortschrittstadt in der DDR war. Ist denn davon noch etwas übrig?

Grit Lemke: Davon ist ganz viel übrig! Die Stadt hat einen beispiellosen Aufstieg erlebt und genau so einen beispiellosen Abstieg. Wenn man in drei Jahrzehnten mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft verliert, ist das Wahnsinn. Trotzdem sind der Aufbruchsgedanke und dieser Geist in der Stadt immer noch da. Es ist natürlich nicht mehr so wie es mal war, so wie ich es als Kind erinnere. In den 70er Jahren hat es wirklich die ganze Stadt umfasst: der Gedanke, man baut hier etwas neues Tolles auf. Natürlich gab es in den 80er Jahren zunehmend eine Enttäuschung, weil es dann doch nicht so toll wurde. Und es ging immer weiter mit der Enttäuschung. Aber es gibt immer noch diese Leute und diesen Gedanken: Hier ist nichts, deshalb müssen wir uns selbst etwas schaffen! Es gibt die Kulturfabrik und den Bürgerchor. Dieser war mir extrem wichtig im Film, um zu zeigen, dass die Lieder von Gundermann da angekommen sind, wo er sie haben wollte. Das ist eine Selbstermächtigung, eine Art Empowerment! Es gibt immer wieder Initiativen und es entsteht immer wieder etwas Neues. Selbst wenn man weiß, dass es ein extrem hohes Durchschnittsalter gibt und die jungen Leute weggehen, gibt es so eine Art Pioniergeist oder eine Chance mit dem Strukturwandel. Man muss nur aufpassen, dass es uns nicht wieder von außen aufgedrückt wird, was gerade eine große Gefahr ist. Aber in Hoyerswerda gibt es sie, die Experten dafür „Etwas Neues zu schaffen“ und „Immer wieder von vorne anzufangen“. Eigentlich sind das die absoluten Experten von Transformation, weil die Stadt darauf gegründet ist. Und das merkt man immer noch, finde ich.

Der Gundermann-Chor in Hoyerswerda (www.gundermannrevier.de)

Was für Chancen Sehen Sie für die Zukunft der Lausitz und für engagierte Frauen in der Lausitz, wie Sie selbst?

Grit Lemke: Welche Chancen die Lausitz hat, wird sich in den nächsten Jahren entscheiden. Und ob die Akteure selbst einen Fuß in die Tür bekommen werden. Ich habe oft erlebt, dass uns in Runden, in denen es um die Zukunft der Lausitz ging, Leute aus dem Westen vor die Nase gesetzt worden sind. Die Leute aus Hoyerswerda haben ihnen zugehört, dabei sind sie die eigentlichen Experten. Da ist, glaube ich, viel falsch gemacht worden. Die Frage ist jetzt, ob wir die Sache selbst in die Hand nehmen können. Es hat damit zu tun, dass es den Lausitzern an Selbstbewusstsein, Vernetzung und Know-How, wie man sich in Strukturen bewegt, fehlt. Aber Sachkompetenz gibt es ganz viel in der Lausitz. Insofern kann ich nur hoffen, dass wir endlich selbst über unsere Zukunft entscheiden dürfen. Was die Frauen betrifft, ist die Lausitz manchmal finsterstes Mittelalter, sprachlich und in Bezug auf Frauenbilder, die dort vorherrschen. Da steht der Lausitz noch ein langer Lernprozess bevor. Dabei sind die Lausitzerinnen ja keine verhuschten Mädels, sondern emanzipierte Frauen. Das ist ein Landstrich voll von tollen Frauen! Aber schön wäre es, wenn es insgesamt noch mehr Bewusstsein für das Thema Gendergerechtigkeit gäbe. In den lokalen Medien werden oft Bilder von Entscheiderrunden gezeigt, die nur aus Männern bestehen. Das gibt es nur noch in der Lausitz! Und das muss sich wirklich ändern. Da bin ich auch gern noch ein bisschen die Spielverderberin. (lacht)

Grit Lemke

… kann man als Moderatorin am 19. August in der Kulturfabrik Hoyerswerda beim Wahlkampftalk zur OB-Wahl in Hoyerswerda live oder über einen Online- Stream sehen. Kontakt mit Grit Lemke können Sie über ihre Website (www.gritlemke.de) oder per Mail aufnehmen (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.).

Eva Maas

… wuchs in Bautzen auf, studierte in Leipzig Kommunikations- und Medienwissenschaften im Bachelor und im Master World Heritage Studies an der Technischen Universität Cottbus. Neben und nach dem Studium arbeitete sie für diverse Filmfestivals, z.B. das interfilm Berlin und die Berlinale. Der Leidenschaft zu filmbezogenen Themen, Kultur und Female Empowerment will sie weiterhin treu bleiben und diese in ihre Heimatregion zurücktragen.

Quellen:
Zoom-Interview zwischen Eva Maas und Grit Lemke, vom 09.06.2020
Fotos: www.gundermannrevier.de
www.gritlemke.de
GENDER MACHT PROBLEME, SEX AUCH!

GENDER MACHT PROBLEME, SEX AUCH!

Auf dem Genderportal meinTestgelände.de sagen Jugendliche, was sie zu Geschlechterthemen bewegt

Was wir sind: Schlampen. Billige Nutten. Huren. Sünderinnen. Eiskalte Verführerinnen.
oder:
Kinder. Prüde Nonnen. Unreife Früchte. Frustrierte Lesben. Hässlich.

Am Anfang war die Nacktheit,
dann hat Eva den verdammten Apfel gegessen.
Selber schuld.
Seitdem teilen wir uns in Huren oder Heilige,
unsere Körper gehören nicht uns.

Unsere Röcke sind zu kurz, Ladies.
Wir verdienen es nicht besser.
Unsere Jeans sind zu eng, meine Damen.
Wir wollen es nicht anders.
Unsere Ausschnitte sind zu tief, Mädels.
Wir lassen den Tätern keine Wahl.

Auszüge aus Fee: „von hier an nackt“ www.meintestgelaende.de/2015/07/von-hier-an-nackt/

meinTestgelände heißt nicht nur so, es ist ein Testgelände: Wir wollen wissen, was Jugendliche zu Geschlechterthemen zu sagen haben und bieten ihnen mit der Plattform meinTestgelaende.de seit 2013 eine Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern und zu positionieren. Ca. 800 Beiträge junger Menschen: non-binarys, inter*, queere, Mädchen und Jungen geben inzwischen einen umfassenden Überblick, was junge Menschen zu Geschlechterfragen zu sagen haben. Sie sind dabei frei, sich Themen und Formen selbst zu wählen. Alles, was auf eine Website passt und was niemanden verletzt, ist erlaubt. Das ist die Botschaft, mit der wir auf Jugendliche zugegangen sind und heute noch zugehen.

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MeinTestgelände ist ein Onlineportal, das Jugendlichen zur Verfügung steht, um

  • eigene Perspektiven auf Geschlechterfragen öffentlich zu machen
  • sich zu positionieren
  • aufzufordern zuzuhören, zu unterstützen, nicht wegzusehen und die Themen von Jugendlichen wahr- und ernst zu nehmen
  • Verständnis, Empathie, Solidarität und Unterstützung einzufordern.

Was also bewegt Jugendliche in Sachen Geschlechter? Es zeigt sich, dass die Themen höchst unterschiedlich sind in Bezug auf verschiedene Geschlechter und dass nicht nur Gender Probleme macht.

Vorweg: Geschlecht im Körper, in gesellschaftlichen Vorstellungen und in der sexuellen Orientierung und den Liebensweisen macht Jugendlichen aller Geschlechter eher Probleme als dass von Stolz und Freude berichtet wird. Allein das ist schon eine erschreckende Erkenntnis. Jugendliche berichten vom Druck, rollenkonform sein zu müssen und von Zuschreibungen, so oder so ein „richtiger“ Junge, ein „richtige“ Mädchen sein zu sollen oder aber als trans* oder inter* Jugendliche*r weder Vorbilder zu haben noch Anerkennung zu bekommen. Die meisten Jugendlichen berichten von Schwierigkeiten und Nöten, nur wenige von Freude und Lust:

  • Mädchen problematisieren Erfahrungen sowohl im Genderbereich als auch körperbezogen: das Bewerten von Mädchenkörpern durch andere Menschen aber auch und gerade durch social media und Influencer*innen macht Druck und Not und wirkt sich bei vielen Mädchen auch auf die Psyche aus: ich bin nicht richtig, man kann mich nicht mögen, ich sollte schöner sein, mein Körper ist hässlich … viele Mädchen hadern mit sich und ihrem Körper, fühlen sich unzulänglich und finden keine Frieden mit sich selbst und ihrem Körper, weil die von außen formulierten Bilder und Ansprüche zu einseitig und zu drastisch sind
  • Verbale und körperliche Übergriffe auf Mädchen sind nach wie vor ein großes Thema für Mädchen. Viele können aus dem Stehgreif Dutzende Situationen beschreiben, in denen sie ungebeten angefasst, taxiert, bewertet oder beschimpft wurden und das über viele Jahre. Öffentliche Räume erscheinen oftmals nicht sicher, bildlich gesprochen bewegen sich viele Mädchen mit eingezogenem Kopf um nicht aufzufallen, weil auffallen oftmals heißt, ungebeten mit negativen Zuschreibungen und Berührungen in Kontakt zu kommen.
  • Mädchen wissen, dass sie gleiche Rechte haben wie Jungen, sie wissen aber auch, dass dies oftmals leere Versprechungen sind: viele können sich nicht so bewegen, wie sie es gerne möchten, haben Angst am späten Abend draußen, werden stärker als Jungen kontrolliert, aber das gesellschaftliche Gleichberechtigungsversprechen macht es ihnen schwer, diese Erfahrungen als Benachteiligungen einzuordnen
  • Mädchen sind Künstlerinnen, sie schreiben Texte, Songs, Gedichte, sie beherrschen aber auch Social Media, sie kennen sich mit notwendigen Techniken aus um bspw. YouTubekanäle zu betreiben, Videos zu produzieren, sie bespielen das Internet und bewegen sich dort selbstverständlich – dass Jungen affiner wären oder erfahrener entspricht nicht unseren Erfahrungen

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  • Jungen beschreiben oft Probleme im Genderbereich, insbesondere zu enge oder als nicht passend empfundene Männlichkeitsanforderungen, unter denen sie leiden, weil sie anders sind oder anders leben wollen. Ganz besonders gilt das für Jungen, die als muslimisch/arabisch/türkisch gelesen werden und denen deshalb ein patriarchales Männerbild unterstellt wird. Auseinandersetzungen mit Männlichkeiten erzeugen bei vielen Jungen hohen (Leidens)Druck und oftmals wissen sie nicht, wie sie positiv mit Männlichkeit in Verbindung treten können
  • schwul sein ist immer noch das Gegenteil akzeptierter Männlichkeit, weshalb gerade homosexuelle Liebensweisen bei Jungen große Ängste und Schamgefühle auslösen; sie fühlen sich nicht akzeptiert, ausgegrenzt, abgelehnt und berichten über Gewalterfahrungen
  • wenig Auseinandersetzungen gibt es mit Körperthemen: Jungen beschreiben kaum ihr Verhältnis zum eigenen Körper und thematisieren auch nur selten, dass und wenn ja wie sie von außen auf ihre Körper angesprochen werden; auch das Gewaltthema – eine Erfahrung, die viele Jungen mit ihrem Körper machen, wird nicht thematisiert jenseits der Erfahrungen homosexuell liebender Jungen
  • trans* Jugendliche beschreiben auf meinTestgelände zwei große Themenlinien: die eine ist die innere und körperliche Anpassung, die oft wie das Erreichen eines großen Ziels positiv beschrieben wird. Die andere Linie ist die der Akzeptanz durch andere Menschen und die ist oftmals viel weniger positiv: zu den schwersten Hürden gehört die Verweigerung der Anerkennung ihres Geschlechts: „er war früher ein Mädchen, sie ist ja gar kein richtiges Mädchen, trans* Jungen können nicht in Angebote der Jungenarbeit gehen und auch nicht in die Mädchenarbeit“ sind Zuschreibungen, die verletzen und ausgrenzen und ihnen das Gefühl vermitteln, eigentlich keinen Platz nirgendwo zu haben, sich außerhalb der Geschlechtermatrix zu bewegen, obwohl gerade trans* Jugendliche sich intensiv mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit beschäftigen und sehr klar darin sind, zu welchem Geschlecht sie gehören
  • inter* oder non-binary Jugendliche, die also von der vermeintlichen Norm „weiblich oder männlich“ abweichen, sich nicht einem dieser beiden Geschlechter zuordnen wollen oder können, sich gar nicht geschlechtlich verstehen oder sich zwischen weiblich und männlich bewegen, beschreiben in erster Linie harte Ablehnungen von anderen Menschen und fehlende Alltagsstrukturen: was ist mein Pronomen? Wie werde ich angesprochen, wie wird über mich gesprochen, wenn ich kein Pronomen habe, weil es in der deutschen Sprache nur er, sie und es gibt und nichts davon für mich passt? Wo kann ich mich umziehen oder auf Toilette gehen, wenn es immer nur Frauen- und Männerräume gibt? Inter* Jugendliche berichten von Gewalt, von Versuchen, sie ins Geschlechtersystem zu zwingen und von Ängsten, nicht anerkannt zu werden oder nicht unversehrt durch die Jugend zu kommen. Innere Prozesse der Klärung, wer sie sind, beschreiben sie eher als positiv oder zu bewältigende Aufgabe, die Ausgrenzung und Abwertung durch Menschen hingegen wird als sehr belastend erlebt.

Im Kern geht es häufig um Abweichungen und Zuschreibungen, nur mit unterschiedlichen Themen, was die Geschlechter angeht. Deutlich wird aber in der Zusammenschau der vielen Beiträge Jugendlicher auf meinTestgelände, dass Geschlecht in der Jugendphase viele Probleme macht. Weil aber die Gleichberechtigung der Geschlechter proklamiert wird und dass heute Geschlecht keine Rolle mehr spielt, sind all diese Probleme, die Jugendliche beschreiben, schwierig ansprechbar, die Bewältigung wird dadurch individualisiert. Umso wichtiger sind solche Websites wie meinTestgelände, wo Jugendliche sagen können, welche Probleme Geschlechterthemen ihnen machen und wo Fachkräfte und Erwachsene, die mit Jugendlichen in Kontakt sind, lesen können, was Jugendliche bewegt, um sie besser zu verstehen.

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Wenn wir Ihr Interesse geweckt haben, dann schauen Sie doch mal hier vorbei:

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Drin. Claudia Wallner…

… leitet gemeinsam mit Michael Drogand-Strud seit 2013 das Projekt meinTestgelände. Darüber hinaus arbeitet sie freiberuflich als Referentin, Autorin und Organisationsberaterin im Spektrum von Geschlechterfragen. Sie hat 1999 die BAG Mädchen*politik mit gegründet und bewegt seitdem die Mädchen*arbeit auf Bundesebene mit. Zudem engagiert sie sich seit 10 Jahren – ebenfalls ehrenamtlich – in der Frauenkommission der BAG Wohnungslosenhilfe. Mit der Mädchenarbeit und geschlechterbezogener Pädagogik in den östlichen Bundesländern ist sie seit 1990 eng verbunden. Privat lebt sie auf der Süd des BVB auf und bei Formel 1 Rennen.

 
 
EIN STRUKTURWANDEL OHNE FRAUEN – WAS SOLL DAS FÜR EIN STRUKTURWANDEL SEIN?

EIN STRUKTURWANDEL OHNE FRAUEN – WAS SOLL DAS FÜR EIN STRUKTURWANDEL SEIN?

Die zukünftige Entwicklung der Lausitz wird vor allem von (älteren) Männern gestaltet. Wenn wir das nicht wollen oder nicht für zukunftsträchtig halten, dann müssen wir uns jetzt in die Diskussionen um die Entwicklung der Lausitz einbringen. In meinem Beitrag will ich den aktuellen Stand der Beteiligung aufzeigen und die bisherige (fehlende) Rolle der Frauen verdeutlichen.

Die Lausitz ist eine ländlich geprägte ehemalige Industrieregion, die traditionell Arbeit für Männer im Angebot hat(te). Frauen sortierten sich da seit jeher drumherum und hinein. Und sie waren dann auch mit die Ersten, die nach der Wende und als Folge der Deindustrialisierung weg waren. Auch eine Freundin von mir stammt aus Weißwasser. Sie nennt es immer liebevoll „das Drecksloch“ – wie ungefähr alle, die ich in Dresden kennengelernt habe und die in den 1990ern, Anfang der 2000er in der Lausitzer Kleinstadt groß geworden sind.

Der Strukturwandel in der Lausitz hat auf den ersten Blick ein ganz klares Ziel, aus dem heraus er ursprünglich eingeleitet wurde: Umbau der Energieerzeugungs- und -verteilungsstrukturen – weg von zentralisierter Kohleverstromung hin zu klimaschützender Strom- und Wärmeversorgung. Dazu berief die Bundesregierung im Jahr 2018 die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ ein, die im Januar 2019 ihren Abschlussbericht vorlegte.

Auf den zweiten Blick wird eine weitere, allerdings weitaus größere Herausforderung deutlich: Die Gesellschaft in der Lausitz lebt in einem krassen demografischen Ungleichgewicht. Die Überalterung der Gesellschaft ist deutschlandweit ein Phänomen, doch in den ländlich geprägten Regionen, und vor allem hier in Ostsachsen, schlägt sie noch krasser zu Buche: Schon jetzt ist die Hälfte der Bevölkerung in den Landkreisen Bautzen und Görlitz zu 50 Prozent über 50 Jahre alt. In der 16.000-Einwohnerstadt Weißwasser sind gerade einmal 700 Kinder im Kindergartenalter. Sollen die Region und ihre letzte Großindustrie – die Kohle – nicht einfach nur abgewickelt werden, braucht es Zukunftsperspektiven für junge, weggezogene und noch werdende Lausitzer*innen.

Strukturwandel in Männerhand

Will Mann also den Strukturwandel in der Lausitz angehen, geht es um zwei Seiten derselben Medaille: Einerseits den Umbau der Energiewirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen in zukunftsträchtigen, klimafreundlichen Industrien in neu anzusiedelnden Unternehmen bewerkstelligen und (!) andererseits eine für junge Menschen und vor allem Frauen attraktive Region zu gestalten. Statistisch gesehen gibt es hier in der sächsischen Lausitz, den Landkreisen Görlitz und Bautzen, zwar mehr Frauen als Männer (was einfach daran liegt, dass die Frauen älter werden als die Männer), doch was die Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung angeht, sieht es eher grau und männlich aus.

Eine einfache Liste der Namen der Entscheidungsträger*innen – angefangen bei der Bundeskanzlerin und den zuständigen Minister*innen, sowie den Mitgliedern der sogenannten Kohlekommission, über die Länderebene mit den Ministerpräsidenten, den Fachminister*innen und Lausitzbeaufragten, bis schließlich zur Kreis- und Kommunalebene organisiert in der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH und der Lausitzrunde – zeigt die stark unausgeglichene Geschlechterverteilung, wenn es darum geht, wer den Strukturwandel in der Lausitz gestaltet und wer eben nicht.

Grafik: Antonia Mertsching

Die Zukunft der Lausitz gestalten vor allem Männer, die wenigsten unter 50.

Doch wie soll die Region attraktiv für junge Frauen werden, wenn sie an der Gestaltung des Strukturwandels nicht oder kaum sichtbar beteiligt sind? Wer bringt dann ihre Perspektive ein? Von der jungen Generation ganz zu schweigen! Singuläre Veranstaltungen wie „Jugend macht Lausitz“ sind da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Selbst wenn wir auf die wissenschaftliche Expertise schauen, die forschungsseitig zum Strukturwandel eingebracht wird – von der Hochschule Zittau/Görlitz, dem Interdisziplinären Zentrum für ökologischen und revitalisierendem Stadtumbau (IZS) oder dem Institut für Ökologische Raumentwicklung (IÖR) – oder auf die Studienautoren der Prognos AG, die das erste Lausitzer Leitbild für das Strukturstärkungsgesetz zusammengestellt haben: Männer verhandeln mit älteren Männern die Zukunft und tauschen sich mit anderen Männern darüber aus.

Da scheint der Beteiligungsprozess, den die Zukunftswerkstatt Lausitz organisiert, zumindest als ein kleiner Lichtblick in der Diversität der Perspektiven. Ziel ist es, eine Entwicklungsstrategie Lausitz 2050 zu erstellen: Infostände, Fachveranstaltungen, Bürger*innen- und Online-Dialoge und am Ende nun eine Schreibwerkstatt werden zu einem zweiten Leitbild. Immerhin organisieren maßgeblich zwei sehr engagierte Frauen diesen Beteiligungsprozess; und auch Teilnehmer der verschiedenen Veranstaltungsformate waren in ausgeglichenerer Weise „*innen“.

Die Rolle dieses zweiten Leitbilds für die Lausitz ist allerdings noch nicht ganz geklärt. Laut der Antwort der sächsischen Regierung auf eine Kleine Anfrage der LINKEN kommt es bis jetzt zwar als inhaltliche Rahmenbedingung für einen Fördertopf infrage. Doch das ist weder verbindlich noch ausreichend konkret. Weiteres ist noch nicht bekannt.

Und hier kommen wir zum Kern des Problems:

Zwei „Dinge“ sind Mangelware in der Lausitz: Vertrauen und Optimismus.

Wer soll mitentscheiden?

Das Misstrauen in die Politik durch den Strukturbruch in den 1990ern, als nahezu die komplette Industrie der Lausitz (Glas, Textilien, Möbel, Chemie und andere) abgewickelt wurde, und die leeren Versprechungen der letzten dreißig Jahre sorgen hier nicht gerade für Euphorie. Und dann auch noch die Skepsis gegenüber vermeintlich Fremdem.

Wöllte Mann zum Beispiel Frauen in die Lausitz locken, müsste Mann ehemalige oder potentielle zukünftige Lausitzerinnen befragen, was sie denn ansprechen würde, um in die Lausitz (zurück) zu kommen. Oder junge Mädels, die aufbrechen zum Studieren. Oder folgendes Bild: Unser Landrat spricht mit meiner Freundin aus Weißwasser darüber, unter welchen Umständen sie denn in die Lausitz zurückkommen würde. (Spoiler: Es gibt keine.)

Also bestehen noch andere Möglichkeiten: Zum Beispiel den beiden Strukturwandelbeauftragten jeweils eine Strukturwandelbeauftragte an die Seite zu stellen. Oder alle geplanten, insbesondere die finanziell umfangreichen, Strukturwandelprojekte von einer Jury nach nachhaltigen Kriterien bewerten zu lassen. Dabei wird paritätisch besetzt und verschiedene Altersgruppen werden berücksichtigt – umgekehrt proportional zur aktuellen Altersstruktur. Eine Jury aus Schülerinnen und Schülern ist ebenso empfehlenswert, da sie andere Maßstäbe an die Zukunft anlegen und ihre Interessen selbst am besten kennen.

Weiterhin braucht es die Einbindung in lokale Entwicklungen: Was macht das Leben in meiner Gemeinde in der Lausitz lebenswert? Darüber muss mit allen diskutiert werden. Die gemeinsame Diskussion über die lokale Entwicklung schafft wiederum Identifikation mit dieser Entwicklung.

Wenn ich mich als Frau, aber nicht in der Entscheidungsfindung repräsentiert sehe, dann bleibt der Strukturwandel ein bloßer Verwaltungsprozess von alten weißen Männern und damit wenig hoffnungsvoll oder anziehend.

Eine attraktive Lausitz ist mit Wertschätzung verbunden: Wertschätzung für die Erfahrungen, Stimmen und Ideen aller Bürger*innen – egal welchen Alters und welcher Herkunft. Warum kommen Menschen nicht wieder? Welche Angebote sind anziehend, welche nicht?  Gemeinsam können wir auf diese Fragen nachhaltige Antworten erarbeiten und einbringen. Wir sollten unsere Positionen mit Nachdruck vertreten und Forderungen für eine Kultur diverser Beteiligung stellen.

Wenn wir es wollen, müssen wir es erstreiten.

 

Antonia Mertsching…

… ist Mitglied des Sächsischen Landtags in der Fraktion DIE LINKE. Zu ihren Themengebieten gehört neben Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik auch der Strukturwandel in der Lausitz. Die neuen Chancen für die Menschen in der Lausitz liegen ihr am Herzen. Sie wünscht sich vor allem, dass es Mut für vielfältige Beteiligungsprozesse oder für neue Ideen wie ein Modellprojekt Grundeinkommen gibt. Mehr Infos unter: www.antonia-mertsching.de

Wir danken Antonia Mertsching für den ermunternden Text und weisen an dieser Stelle ausdrücklich auf die politische Unabhängigkeit der Redaktion hin.
„Solange es Menschen gibt, die Sorbisch sprechen, lebt die Sprache“

„Solange es Menschen gibt, die Sorbisch sprechen, lebt die Sprache“

Wie eine junge Sorbin sich für das Überleben ihrer Kultur einsetzt

Der Kohleabbau hat nicht nur dem Klima geschadet, sondern auch den Menschen in der Lausitz. Vor allem der Minderheit der Sorb*innen, denn über 100 sorbische Dörfer wurden für den Tagebau abgebaggert. Einige Menschen kämpfen jetzt um das kulturelle Erbe der Sorb*innen.

Den Ort, in dem Maja Schramms Oma aufgewachsen ist, gibt es nicht mehr. Denn da, wo früher das Dorf Klein Briesnig lag, gähnt jetzt der Tagebau Jänschwalde. Insgesamt wurden in der Lausitz für den Kohleabbau mehr als 130 Dörfer abgebaggert. Auch wenn viele Dörfer umgesiedelt wurden, ein Teil der Kultur und Tradition geht immer verloren. Besonders hart trifft das die Menschen, die sowieso schon um den Erhalt ihres kulturellen Erbes kämpfen müssen: In der Lausitz ist das in besonderem Maß die sorbische Minderheit. Die enge Verbundenheit dieser slawischen Volksgruppe mit der Region geht schon aus der sorbischen Hymne hervor.

Schöne Lausitz,

ehrliche, freundliche,

Land meiner sorbischen Väter,

Paradies meiner glücklichen Träume,

heilig sind mir deine Fluren!

Maja Schramm oder Maja Šramojc, wie ihr Name auf Niedersorbisch heißt, kämpft jetzt dafür, dass so viel wie möglich von der sorbischen Kultur erhalten bleibt. Die 19-jährige kommt aus Gulben, einem kleinen Dorf in der Nähe von Cottbus und studiert inzwischen im dritten Semester Sorabistik in Leipzig. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich viel mit Musik und produziert den Podcast Plattenkombüse mit. Außerdem arbeitet sie für die Jugendkoordination der Domowina, dem Dachverband der sorbischen Vereine in Cottbus. Das ist eine Arbeit, die sie sich für die Zukunft vorstellen kann: Die Landjugenden und Vereine in der Umgebung von Cottbus zu koordinieren und zu unterstützen und so dazu beizutragen, sorbische Kultur und Bräuche am Leben zu halten.

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Die sorbische Minderheit

Die sorbische Minderheit ist eine slawische Volksgruppe, die seit dem Frühmittelalter in der Lausitz lebt. Sie ist neben der dänischen Minderheit, der friesischen Volksgruppe und den deutschen Sinti und Roma eine der vier anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland. Damit steht den Sorb*innen, manchmal auch Wend*innen genannt, ein besonderes Recht auf Schutz und Förderung durch den Bund und die Länder zu. Die Sorb*innen haben ihre eigene Hymne und Flagge und sogar zwei Sprachen: Obersorbisch, das eher dem Tschechischen ähnelt und Niedersorbisch, das eher wie Polnisch klingt. In einigen Jahren könnte sorbisch nur ein netter Zusatz auf den zweisprachigen Straßenschildern sein. Nur rund 60.000 Sorb*innen leben heute noch in der Lausitz, gesprochen wird sorbisch wird im Alltag aber nur noch von knapp 20.000 Menschen. Damit sind die sorbischen Sprachen laut der UNESCO bedroht. Früher waren die meisten Sorb*innen evangelisch, aber während der DDR litten besonders die Niedersorb*innen unter einem raschen Identitätsverlust. Heute sind fast 90 Prozent der Sorb*innen Katholik*innen.

Auch Maja Schramm ist keine sorbische Muttersprachlerin. Während Obersorbisch in der Gegend um Bautzen und Hoyerswerda noch in einigen Dorfgemeinschaften gesprochen wird, ist Niedersorbisch schon jetzt beinahe ganz aus dem Alltag verschwunden. Die wenigen Menschen, die noch damit aufgewachsen sind, sind heute sehr alt und haben das Niedersorbische häufig nicht an ihre Kinder weitergegeben. So auch bei Schramms: In ihrer Familie sprach nur noch der Opa einige Brocken Sorbisch, ihre Mutter lernte es nie.

Trotzdem war es Majas Mutter wichtig, den Kindern diesen Teil der Kultur mitzugeben. Maja Schramm besuchte darum zuerst einen sorbischen Kindergarten, wo sie zuerst spielend mit dem Niedersorbischen in Berührung kam. Später besuchte sie auch eine sorbische Schule. In der Oberstufe wollte sie gerne Sorbisch im Leistungskurs belegen. Allerdings als Einzige aus ihrer Klasse und darum musste sie sich mit dem Grundkurs begnügen. „Aber das war nicht anspruchsvoll genug für mich“, beklagt sich Schramm heute noch. Selbst an den wenigen sorbischen Schulen ist aus Schramms Sicht das Interesse an der Sprache eher gering. „Beim Abi haben sich bestimmt 90 Prozent gefreut, dass sie nie wieder Sorbisch sprechen müssen“, sagt sie. Auch ihre Entscheidung, das Sorbische sogar zum Beruf zu machen und zu studieren, stieß bei vielen ihrer Mitschüler*innen und Bekannten eher auf Unverständnis.

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„Es gibt einfach keine Sprachräume“, nennt die Studentin eines der Probleme des Sorbischen. Im Alltag, in der Pause oder im Café werde letztendlich fast immer Deutsch gesprochen. Wie schwierig es ist, mit einer fast ausgestorbenen Sprache zu arbeiten, zeigt sich auch in Schramms zweitem Job. Für den rbb arbeitet sie nämlich noch beim sorbischen Jugendmagazin Bubak. Zweimal im Monat berichtet sie darin auf Niedersorbisch über Themen der Region. Nicht nur die sorbische Sprache hat hier ihren Platz, sondern in jeder Sendung muss auch mindestens ein sorbisches Lied gespielt werden. Diese Arbeit ist aber auch ernüchternd: Viele Hörer*innen kann das Format nicht haben, denn es sprechen nur noch wenige Menschen Niedersorbisch auf einem Niveau, das Ihnen erlaubt, Radiosendungen zu verstehen.

Woher Schramms große Begeisterung für das Sorbische kommt, kann sie gar nicht genau festmachen. „Ich hatte schon immer Interesse an Sprachen“, sagt sie. Außerdem gefällt ihr der Zusammenhalt in der niedersorbischen Community, jeder kenne jeden und man unterstütze sich gegenseitig. Feste wie Fastnacht seien immer ein Highlight für sie. Außerdem glaubt Schramm, dass die alten sorbischen Traditionen, den Zusammenhalt in der Region stärken. In diesem Jahr machte Corona vielen der sorbischen Traditionen einen Strich durch die Rechnung: Große Veranstaltungen mussten abgesagt werden, zu hoch ist die Infektionsgefahr. Aus Schramms Sicht ist das schade, aber auch problematisch, weil das die sorbische Kultur weiter schwächen könnte.

Der Strukturwandel und seine Auswirkungen auf die sorbische Minderheit

Gerade im vergangenen Jahrhundert musste die sorbische Community sowieso einige Rückschläge einstecken: Der Kohleabbau und das damit verbundene Abbaggern von sorbischen Dörfern traf die Minderheit hart. Rund 25.000 Menschen wurden umgesiedelt – viele davon Sorb*innen. Durch Umsiedlungen, Weg- und Zuzug aufgrund von Kohlenabbau wurden die traditionellen Dorfgemeinschaften durchgerüttelt, kulturelle Identität verschwand buchstäblich im Bodenlosen und auch die sorbische Sprache litt. Schramm erklärt das am Beispiel der Ortschaft Horno, die 2004 dem Tagebau Jänschwalde weichen musste: Das Dorf wurde zwar umgesiedelt, aber nur 70 Prozent der Einwohner*innen kamen mit.

Auch wenn die politische Vertretung der Sorb*innen sich regelmäßig gegen den Kohleabbau aussprach, stellt der Kohleausstieg die Minderheit jetzt wieder vor eine große Herausforderung: Viele Sorb*innen arbeiten heute im Kohleabbau und damit in Jobs, die in den nächsten 20 Jahren verschwinden werden. Er kann aber auch eine Chance sein: Durch das Strukturstärkungsgesetz werden kommunale Strukturen in der Region gefördert und auch sorbisches Kulturgut. Maja Schramm hofft, dass gerade durch Tourismus neue Impulse entstehen, sich mit dem sorbischen Kulturgut auseinanderzusetzen.

 

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Schramm versucht in ihrem Alltag immer wieder aktiv Sorbisch zu sprechen. Mit einem Freund unterhält sie sich hauptsächlich auf Sorbisch, in Leipzig geht sie regelmäßig zum sorbischen Stammtisch. Während ihres Studiums ist Schramm aber auch immer stärker bewusst geworden, dass sie als Niedersorbin eine Minderheit in der Minderheit ist. Die Obersorb*innen an der Uni belächeln sie eher, der größte Teil des studentischen Lebens und der Veranstaltungen konzentriere sich eher auf das Obersorbische.

Die Studentin hat einige Ideen, wie es mit dem sorbischen Kulturerbe besser laufen könnte: Sie wünscht sich mehr Anerkennung für die sorbischen Traditionen. Außerdem will sie, dass die Sorb*innen nicht nur als ein Bauernvolk angesehen werden. Bands und Hiphop-Gruppen tragen dazu bei. So zum Beispiel die Band „KulaBula“ auf Niedersorbisch oder „Skupina Astronawt“ auf Obersorbisch. Grundsätzlich sei es aber um die sorbische Kultur zu schützen, nicht nur wichtig, in Kultur zu investieren, sondern auch die Infrastruktur in der Lausitz zu stärken und so Menschen vom Wegzug abzuhalten. Der demografische Wandel und die Tatsache, dass viele Menschen fürs Studium weggehen und nie wieder zurückkehren, sind auf der einen Seite für die gesamte Lausitz, aber im Besonderen auch für die sorbische Minderheit große Herausforderungen.

Trotz ihres Engagements macht sich Schramm gerade fürs Niedersorbische keine allzu großen Hoffnungen. „Sorbisch ist eine aussterbende Sprache“, meint sie nüchtern. „Aber solange es noch Menschen gibt, die Sorbisch sprechen, lebt die Sprache“.

 Lisa Kuner…

…ist freie Journalistin, sie schreibt für die FAZ über Bildung, für Perspective Daily über den Osten und würde am liebsten aus Brasilien von sozialer Ungleichheit erzählen. Außerdem studiert sie Nachhaltige Entwicklung in Leipzig. Einen Überblick über ihre bisherigen Veröffentlichungen gibt es hier: https://www.torial.com/lisa.kuner

Fotos…

… Tine Jurtz, https://www.tinejurtz.de/

 

„WO NICHTS IST, DA WOLLEN WIR ETWAS SCHAFFEN.“ DIANA TÜNGERTHAL IM PORTRÄT

„WO NICHTS IST, DA WOLLEN WIR ETWAS SCHAFFEN.“ DIANA TÜNGERTHAL IM PORTRÄT

Kiefern, Sand, eine gerade Straße. Immer wieder die Sichtachse auf die Kühltürme des Boxberger Kraftwerks. Wer falsch abbiegt, landet an der Tagebaukante. Symbolträchtig liegen sie da: Riesige Wunden, von Abraumbaggern in die Landschaft gerissen, lassen ahnen, wie eng das Schicksal der Menschen hier mit dem Braunkohleabbau verwoben ist. Wenige hundert Meter Luftlinie entfernt wartet ein künstlich geschaffenes Parkidyll aus Findlingen, Hügeln, Steingärten, Wegen und Wasserläufen.

Hier im Findlingspark Nochten bin ich mit Diana Tüngerthal verabredet. Sie trifft sich mit Preisträgern des vom Landkreis ausgelobten Innovationspreises Tourismus. Bei Kaffee und Kuchen berichten diese von ihren Erfolgen und Ideen. Schließlich wird vor der Kulisse eines an Stonehenge erinnernden Steinhügels feierlich das „Innovationsbäumchen“ – eine pontische Eiche – angegossen.

Die Sonne strahlt über blühenden Heidesträuchern. Das passt zur Stimmung und zum Thema: Mich interessiert, was Diana zur Lebenswirklichkeit junger, qualifizierter Frauen im Landkreis – speziell zu ihrer eigenen – zu sagen hat.

„Ich lebe wirklich gern hier.“

Dieser Satz fällt nicht nur einmal. Diana wiederholt ihn mit Nachdruck, so als sei sie schon daran gewöhnt, dass man ihr das nicht glaubt. Was hat diese Region einer jungen Frau zu bieten, die voller Energie und Pläne steckt, in ihrem früheren Leben in der rastlosen Veranstaltungsbranche Berlins und als Frontfrau einer Band unterwegs war? Sie selbst fasst es so zusammen: „Das kommt darauf an, was man will und womit man sich zufrieden fühlt.“

Der Liebe wegen sei sie hergekommen, der Liebe wegen geblieben und inzwischen sei die Oberlausitz zu ihrer „Heimat des Herzens“ geworden. Wenn sie Besuch aus ihrer alten Heimat bekommt, werde sie oft darauf angesprochen, in was für einer tollen Gegend sie lebe. Das liege nicht nur an der schönen Landschaft, sondern vor allem an den Menschen, die morgens beim Bäcker noch auf einen Schwatz miteinander stehen blieben.

Diana lebt mit ihrer Familie in einem Dorf im Norden des Landkreises. Für sie sei es ideal, ihren Sohn in einem ländlichen Umfeld mit städtischer Anbindung aufwachsen zu sehen. Ihr war das hektische Leben in der Großstadt oft zu viel. Sich ständig zwischen all den Optionen auf Konzerte, Events und Ausstellungen zu entscheiden, sei anstrengend gewesen. Hier habe sie gelernt, „das Wenige, was da ist“ zu schätzen und auch ganz bewusst zu nutzen.

„Wir sind nicht nur alleine. Wir werden immer mehr.“

Was die Region bietet ist Raum, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Es lässt sich hier ebenso auf einem eigenen Grundstück leben, wie es möglich ist, mit Gleichgesinnten Neues zu schaffen. Diana versteht sich als Macherin. Sie sei, genau wie ihr Lebenspartner und ihr Umfeld „nicht so erpicht darauf, nur zu konsumieren“. Um alte Freunde wieder zu sehen, organisiert sie auch mal eben ein Konzert. Sie sagt, sie sei nicht die Einzige, der es so gehe. Immer mehr junge Menschen, vor allem Familien kämen in die Region (zurück), weil sie sich hier wohl fühlten.

„Es gibt hier noch jede Menge kreative Frauen, die einander suchen und entdeckt werden können.“

Diana gerät ins Schwärmen, wenn sie davon erzählt, welche Qualität von Gemeinschaft sie hier erlebe. Sie habe hier noch nie das Gefühl gehabt, allein da zu stehen. Familiär und beruflich gut eingebunden, trifft sich außerdem regelmäßig mit anderen jungen Frauen, die sie „unsere Landmädelstruppe“ nennt. Diese informellen Treffen deckten vom Weihnachtskranzbasteln bis zur Diskussion von KiTa-Konzepten alles Mögliche ab. Vor allem aber dienten sie dem Austausch und der Selbstvergewisserung. Auch Visionen werden gesponnen mit reichlich Potenzial für neue „kreative Nischen“ auf dem Land. Sie sei jedes Mal inspiriert davon, „wie viel Input dabei rum kommt“ und ist überzeugt: „Es gibt hier noch jede Menge kreative Frauen, die einander suchen und entdeckt werden können.“

„Lasst wieder Leben in eure Dorfgemeinschafthäuser einziehen.“

Förderprogramme unterschiedlichster Art hätten dazu geführt, dass vielerorts bereits eine gute Infrastruktur vorhanden sei. Neu ausgebaute Dorfgemeinschaftshäuser, die allesamt mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hätten, sollten ihrer Meinung nach geöffnet werden für ein neues Publikum und neue Ideen. Die Chance, junge Menschen wieder einzubinden, liege darin, sich von angestaubten Heimatforschungsvereinen zu Initiativen des dörflichen Gemeinschaftslebens zu entwickeln.

Zur persönlichen Lebensqualität zählt für Diana ganz klar der Job, den sie hier gefunden hat:

„Ich bin froh, nach Jahren da angekommen zu sein, was ich wirklich machen wollte.“

In der konzeptionellen und strategischen Tourismusarbeit zu landen, sei nach dem Studium (Tourismus und Management) ihr Masterplan gewesen, erzählt sie. Sie liebe ihren Job und schätze die Vielfalt der Aufgaben, die Kontakte mit Unternehmen, die gute Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen, die Wertschätzung durch Vorgesetzte.

Es ist augenscheinlich: In ihrem Beruf kommt vieles zusammen, was sie auch als Person ausmacht. Exzessives Netzwerken, Potenziale erkennen, wo andere nur Defizite sehen und eine große Portion Gestaltungswillen.

Auf meine Frage, was sie anderen Frauen rät, die neu in der Region sind, meint sie, es wäre jeder Frau zu wünschen, auf eine andere Frau zu treffen, die sie als Lotsin in die Region und in bestehende Netzwerke einführen könne. Sie selbst praktiziert das fleißig und versichert: „Ich stehe gern als Ansprechpartnerin zur Verfügung.“

Wer Fragen an Diana Tüngerthal hat, erreicht sie hier: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

 

LANDLEBENLIEBE – AGNES MOCHA IM PORTRÄT

LANDLEBENLIEBE – AGNES MOCHA IM PORTRÄT

Ich weiß nicht viel über Agnes. Dass sie einen Bio-Ziegenhof in Bertsdorf führt, Ziegenkäse macht und diesen mittwochs auf dem Markt in Zittau verkauft.  Ich möchte sie kennenlernen, aber nicht im Sinne klassischer Fragen: Beruf, Alter, Herkunft. Mich interessiert ihre Perspektive aufs Leben und auf ihr Leben. Agnes ist in der Oberlausitz schon ziemlich bekannt und das ist immer so eine Sache.

Meine Oma ist die Brücke zu Agnes Leben. Weil meine Oma Bäuerin war und weil ich, eigentlich in der Großstadt geboren, aber über Umstände, die hier nichts zu sagen hätten, bei ihr auf dem Lande groß geworden bin. Deshalb habe ich eine gewisse Nähe zu den Arbeiten, zum Leben auf einem Bauernhof, mit Tieren, mit Bauerngärten, Obstbäumen, Wald und was so dazu gehört. Alles pragmatisch, sinnbehaftet, traditionell und keineswegs nur idyllisch.

Die Begegnung mit Agnes hat mich berührt und nachdenklich gemacht. Im Folgenden möchte ich über das, was ich damit meine, schreiben.

Das Alpha und Omega für den Erfolg ist eine funktionierende Beziehung

In der Küche, in einer gemütlichen Atmosphäre, diskutieren Agnes, ihr Mann Carsten und ich über Frauen in der Landwirtschaft von „früher“ und über die von heute. Darüber, dass die Bedürfnisse und Ansprüche an eine Beziehung sich gewandelt haben. Was ist früher, was heute? Eine nicht synchrone Entwicklung: die schweren großen Maschinen, mit denen der Mann arbeitet, die Handarbeit, das Kochen, die Kinder, die an der Frau „kleben“. Früher gab es den Sonntag als Ruhetag, den gibt es heute so nicht mehr. Der Mann führt in den meisten Fällen den Hof und die Frau ist die „mitarbeitende Familienangehörige“.

Agnes und Carsten haben ein gemeinsames Projekt, ein gemeinsames Kind, einen gemeinsamen Hof. Jeder hat den eigenen Arbeitsbereich, was total wichtig ist, so dass Auseinandersetzungen zu nebensächlichen Details vermieden werden und jede/r sich auf das Wesentliche konzentrieren kann. Beide wissen, nur zusammen gibt es ein Ganzes.

Es ist zur Erkenntnis geworden im Laufe der Jahre, dass die Bedürfnisse eine unterschiedliche Entwicklung nehmen. Agnes spricht über ein Bedürfnis, das ich total nachvollziehen kann: „Mal nichts zu machen“. Es hat lange gedauert, bis sie das annehmen konnte, ohne dabei ein schlechtes Gefühl zu haben, wenn nebenan der Partner macht und schuftet. Und dann über die gelernten Lektionen aus der eigenen Beziehung sprechen zu können, dass es mal gekriselt hat, also sich nicht bedingungslos glücklich hinzustellen … sowas kommt mir sehr souverän vor. Respekt!

 „Als Ökobetrieb haben wir eine andere Gesinnung“

Als Bäuerin – „Ein sehr schöner Beruf!“ –  ist es heutzutage „manchmal traurig“, da es nur wenige Berufskolleginnen gibt, mit denen sie sich austauschen kann. Früher gab es viel mehr. Agnes fühlt sich „eher in dieser Ökobewegung, in der Antigentechnikbewegung, gegen Massentierhaltung, in der Slowfood Bewegung aufgehoben“, aber nicht in den klassischen Landfrauen Vereinen, die konventionell und zugleich widersprüchlich sind, weil sie das Idyllische hervorheben. Aber die Landwirtschaft, die sie betreiben, ist die, der Großbetriebe. Das Hauswirtschaftliche ist ein großes Thema.

„Wenn ich noch ein halbes Jahr zu leben hätte“…oder über den Sinn

Weit mehr als Broterwerb ist der Ziegenhof, mit all den dazugehörigen Tätigkeiten, sinnvolles TUN oder schlicht Sinn. Die Ruhezeiten, die Arbeitszeiten, alles ist verwoben, alles nicht zu quantifizieren, die Jahreszeiten bestimmen den Rhythmus. Die vielen unterschiedlichen Arbeiten am Tag halten einen in Schwung und manches davon ist gar keine Arbeit: Die Ziegen barfuß austreiben, „einfach in die Natur, das ist etwas für die Seele“. Und „wenn ich noch ein halbes Jahr zu leben hätte, dann würde ich dasselbe machen: Ziegen füttern, melken, Käse machen“… Über die besprochenen Themen hinaus – Bäuerinnen gestern und heute, der Alltagsablauf, das Melken, Saubermachen, das Lammen, das Käsen, die Weide umstecken, den Käse verkaufen, die Netzwerke, das funktionierende in allen Situationen, u.a. – wird das Thema Spiritualität wichtig: das Singen im Chor der Hillerschen Villa, das Singen bei den Taizé Nächten in Zittau… wie einst als Kind in der katholischen Kirche in Bayern.

Bindungskräfte in der Oberlausitz

Ich frage mich, warum sie so überzeugt und bewusst in der Oberlausitz lebt? Welche Bindungskräfte über den eigenen Betrieb hinaus, halten und tragen sie? Was ist das Schöne am Leben hier? Und wir amüsieren uns köstlich als Carsten ernsthaft und lachend die Frage beantwortet: Es sind die berühmten blauen Steine. Aber nein, die blauen Steine stehen sinnbildlich für die Direktheit und die Offenheit und die Nähe der Menschen von hier, der doch angenehme Dialekt, das tolle kulturelle Angebot. Schließlich hat Agnes fast die Hälfte ihres Lebens hier verbracht. „Das ist schon eine andere Mentalität (…) Ich finde es sogar ein Kompliment, weil manche nicht mitkriegen, dass ich aus dem Westen komme. Sie denken ich bin Ossi, finde ich total gut“, stellt sie lachend fest.

Sînziana Schönfelder stieß im Sommer 2017 zu dem Projekt „Geschlechtersensible Willkommenskultur im Landkreis Görlitz“ und unterstützte es durch ihr Netzwerk der Slow-Food-Bewegung. Sie entwickelte Formate zur Berücksichtigung von Frauen mit besonderem Blick auf Landwirtinnen im Landkreis Görlitz.  Hieraus entstand der Film Land leben. Land lieben, den sie gemeinsam mit René Beder produzierte. Mittlerweile erforscht sie für das TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau-Görlitz Religionssensible Integrationskulturen in Ostsachsen – und bleibt F wie Kraft als Autorin von Portraits erhalten.

F WIE FRAGEBOGEN*

F WIE FRAGEBOGEN*

F wie Franziska … Franziska Schubert ist als junge, grüne Landtagsabgeordnete eine der wenigen Frauen, die als politische Mandatsträgerin auf allen Ebenen – im Stadtrat von Ebersbach-Neugersdorf, im Kreistag des Landkreise Görlitz und im Landtag – Politik macht. Ihr Fachgebiet ist Finanz- und Haushaltspolitik.

Wie heißt du?
Franziska

Zweiter Vorname?
Meine Mutter war der Meinung, ich brauche keinen zweiten Vornamen.

Worüber hast du zuletzt herzlich gelacht/bitterlich geweint?
Herzlich gelacht habe ich das letzte Mal am Ende der Welt in einem Tropensturm; ich trug ein Kleid und Badelatschen und eine Dose Bier. Bitterlich geweint habe ich das letzte Mal am 5. Oktober 2017 darüber, dass es nicht in der Menschen Macht steht, die Zeit zurückzudrehen.

Was fällt dir leichter: Ankommen oder Aufbrechen?
Aufbrechen.

F wie Kraft, F wie …
Fluß.

Wovon lebst du?
Ich bin Politikerin – ich lebe davon, dass ich daran glaube, durch Engagement Dinge verändern zu können.

Was findet man in deiner Tasche?
Immer mindestens einen Stift, Tic-Tac, Taschentücher, diverse Münzen aus verschiedenen Ländern, Arbeit.

Wie lebst du in 10 Jahren?
Mit ganz wenig Kram und ganz viel Ruhe, Wärme, Liebe. In Deutschland möchte ich ein kleines Bistro haben ohne feste Öffnungszeiten und ein kleines Atelier. Im Winter kann ich nicht in Deutschland leben, sorry, das geht einfach nicht nochmal 35 Jahre.

Hast du einen Plan B?
Immer. Und auch einen Plan C. Ich kann mir vieles vorstellen – Guide im Nationalpark in Baracoa oder an der Berezina genauso wie zurück an die Uni; Schafe hüten in Island genauso wie jobben irgendwo in der Welt.

Welches Buch liegt neben deinem Bett?
Nie nur eins. Zur Zeit: Haruki Murakamis „Tanz mit dem Schafsmann“; Haskells „Das verborgene Leben des Waldes“ sowie Tucholskys „Gesammelte Werke“.

Wo fühlst du dich am Lebendigsten?
Auf Reisen auf Inseln mit ganz wenig. Bei der Sommerbauwoche an unserer Fabrik in Neugersdorf. Beim Kochen und Essen.

Wovon hast du als Letztes geträumt?
Von einer Party mit meinen Freunden in Neugersdorf, wo es ganz viel bunte Farbe gab.

Zum Schluss – wie bist du zu erreichen?

Einfach schreiben: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Einen Eindruck von ihren avantgardistischen Positionen gibt es auf ihrer Website: www.franziska-schubert.de und im kürzlich erschienenen SZ-Interview:  Link

 
 
HEUTE NONNE SEIN – SCHWESTER MARIAE LAETITIA IM PORTRÄT

HEUTE NONNE SEIN – SCHWESTER MARIAE LAETITIA IM PORTRÄT

„Wir sind weiterhin gerufen, positiv in die Welt zu gehen und zu wirken“

Schon immer haben mich Menschen interessiert, die ausgeglichen sind und doch noch suchen. Die in ihrer Einzigartigkeit Tiefe beherbergen. Die nicht dem Zeitgeist entsprechen. Die mit ihrer Klugheit nicht prahlen, sondern diese feinfühlig einsetzen. Sowie diejenigen, die, mit Friedrich Schleiermacher, Sinn und Geschmack für das Unendliche haben, beständig sind, aber nicht statisch. Was für ein Glück, diesen schönen Menschen zu begegnen.

Schwester Mariae Laetitia Klut ist 29, lebt als Nonne im Kloster Marienstern in Panschwitz Kuckau und ist so ein Mensch! Für den Gedankenaustausch mit ihr bin ich sehr dankbar.

Für Besucher und Besucherinnen ist sie meist im Klosterladen oder bei der Produktion von Likören zu finden. Regelmäßig kommen Touristen vorbei und fragen sie mitunter, ob sie echt sei. Für die meisten Leute sind Klöster etwas völlig Unbekanntes, in ihrer Vorstellung vielleicht noch ein Relikt aus dem Mittelalter. Manche bemitleiden die junge Schwester sogar, weil sie meinen, dass eine enttäuschte Liebe sie ins Kloster geführt hätte.

Ich frage mich, wie es wäre, wenn sie wüssten, dass vor ihnen eine studierte Theologin steht, die mit fünf Sprachen umgehen kann. So wie manche Mädchen sich wünschen, Prinzessin zu werden, so hat Schwester Mariae Laetitia sich früher mal vorgestellt, Nonne zu werden, obwohl sie als Kind nie in einem Kloster war. Während jedoch die Prinzessinnenträume meist realistischeren Lebensentwürfen weichen müssen, hat sie sich ihren Wunsch erfüllt.

Aber was ist eine Nonne, was macht sie überhaupt? „Eine Nonne ist eine Frau, die sich für ein intensiveres geistliches Leben als Christ entschieden hat“, erzählt mir Schwester Mariae Laetitia. Und führt aus: „Es gibt ja verschiedene christliche Lebensformen. Eine davon ist dieses Leben als Nonne: in Gemeinschaft, ehelos, besitzlos, lebenslang. Das bedeutet eine lebenslange Hingabe, aber auch einen Prozess des lebenslangen Lernens. Nonnen verpflichten sich besonders dem Gebet. Nicht nur für sich, für alle Menschen, auch stellvertretend für diejenigen, die nicht beten können oder wollen; Gott loben, danken, bitten“.

Die Gebetszeiten takten den Alltag im Kloster: 4:30 Uhr beginnt das erste Gebet, 6:00 Uhr das Morgengebet, im Anschluss die Heilige Messe, dann wird gefrühstückt. Danach arbeitet jede Schwester im eigenen Arbeitsbereich. Dann wieder das gemeinsame Gebet. Als Mittelpunkt des Alltags ist das Gebet die Möglichkeit, immer mit Gott in Kontakt zu bleiben. Schweigen und Stille sind ebenfalls wichtige Elemente im kontemplativen Klosterleben. Im Unterschied zur Entdeckung Gottes in der Aktion, in der Nächstenliebe, ist die Kontemplation „die Versenkung ins Göttliche hinein“. Still sein, um Gott hören zu können.

Gute Regeln können uns auch gut formen“

„Ja“, sagt Schwester Mariae Laetitia, „auch die Beziehung zu Gott ist gelegentlich mit Ängsten behaftet: Die Angst vor dem Verlust der Leidenschaft, die Angst, nicht genug für die Beziehung getan zu haben. So wie auch eine Ehe im Sand verlaufen kann, weil die Liebe nicht gepflegt wurde.“ Deswegen gibt es im Kloster Lebensregeln, die helfen sollen, im Alltag konkrete Schritte zu gehen, damit die Liebe wachsen kann. Die Zisterzienserinnen von St. Marienstern leben nach der Regel des heiligen Benedikt. Schwester Mariae Laetitia ist starren Regeln gegenüber skeptisch, aber „gute Regeln können uns auch gut formen. Der heilige Benedikt schreibt in seiner Lebensregel: Der Weg kann am Anfang nicht anders sein als eng, aber wo die Liebe wächst, da wird das Herz weit“. Dieses innere Wachstum ist wichtig, nicht die sture Befolgung der Regeln, auch nicht die Bewahrung äußerlicher Formen. Metaphorisch gesprochengeht es nicht darum, eine leere Schachtel aufzubewahren. Nicht die Asche zu hüten, sondern das Feuer lebendig zu halten. Das gilt im Kleinen für die Schwestern im Kloster, aber auch für die Kirche im Großen und Ganzen.

„Dort, wo Dinge wegfallen, haben wir die Chance, das Wesentliche zu verwirklichen“

Die Entchristianisierung der Gesellschaft, der Bedeutungsverlust der großen Kirchen, der Wegfall der Traditionen, all diese Problemfelder der Kirche als Institution bieten auch die Chance, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, meint Schwester Mariae Laetitia. „Wir müssen überlegen, worum es uns eigentlich geht. Wenn wir zum Beispiel den Priestermangel bedauern: Geht es uns dann wirklich darum, Menschen in Beziehung mit Christus zu bringen oder darum, gewohnte Strukturen zu erhalten? Dort, wo Dinge wegfallen, haben wir die Chance, das Wesentliche zu verwirklichen“.

Kritik solle als etwas Wertvolles angenommen werden. Schließlich seien „Christen nicht besser als andere und auch nicht näher dran an Gott“. Doch was ist dann der Mehrwert vom Christsein, warum lohnt es sich, als Christ zu leben?

Wer an Gott glaubt und die Botschaft Jesu annimmt, der hat einen neuen Blick auf die Welt. Sein Zugang zur Wirklichkeit ist ein ganz anderer, weil den Christen ein Weg gewiesen ist. Dieser Weg steht auf dem Boden der Tradition mit einer großen Auswahl an Formen, die sich bewährt haben. Auf diesen tragenden Grund können Christen sich stellen und ihr Leben gestalten, davon ist die Schwester überzeugt.

„Den Menschen hier fehlt Gott nicht“

„Wir sind weiterhin gerufen, positiv in die Welt zu gehen und zu wirken“, denn sowohl das Gute als auch das Böse zögen ihre Kreise. Der einzelne Mensch trage viel bei zum großen Ganzen. Deshalb bekennt Schwester Mariae Laetitia: “Wenn Gott mich glücklich macht, dann muss ich es auch zeigen“.

Die Provokation, sein Leben anders zu leben, im biblischen Sinne der Sauerteig der Gesellschaft zu sein, Gott ins Spiel zu bringen, ist mitunter schwierig: Auf ihre Entscheidung, im Kloster zu leben, reagierten manche ungefähr so: „Wenn Du damit glücklich bist, dann ist es okay.“ Was nach Toleranz klingt, nahm Schwester Mariae Laetitia als Gleichgültigkeit wahr: Es ist mir egal, woran du glaubst, es ist gleichgültig, ob du an etwas glaubst, irrelevant, woran du dein Leben ausrichtest. Genau das ist Schwester Mariae Laetitia aber nicht egal. Besonders, wenn sie auf das Zusammenleben in unserer Gesellschaft schaut. Und trotzdem „kann man jemandem nicht einreden, dass ihm was fehlt. Den Menschen hier fehlt Gott nicht! Natürlich wünsche ich allen eine gute Gottesbeziehung. Nicht zum Nutzen der Kirche, sondern ihnen selbst zum Heil. Denn ich erfahre, dass das glücklich macht“.

Sînziana Schönfelder stieß im Sommer 2017 zu dem Projekt „Geschlechtersensible Willkommenskultur im Landkreis Görlitz“ und unterstützte es durch ihr Netzwerk der Slow-Food-Bewegung. Sie entwickelte Formate zur Berücksichtigung von Frauen mit besonderem Blick auf Landwirtinnen im Landkreis Görlitz.  Hieraus entstand der Film Land leben. Land lieben, den sie gemeinsam mit René Beder produzierte. Mittlerweile erforscht sie für das TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau-Görlitz Religionssensible Integrationskulturen in Ostsachsen – und bleibt F wie Kraft als Autorin von Portraits erhalten.

F wie Fragebogen

F wie Fragebogen

Ina Körner – die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Bautzen und aktives Mitglied der Initiative Frauen.Wahl.LOKAL Oberlausitz

Wie heißt du?

Ina

Zweiter Vorname?

Der Erste ist schon so kurz,  einen Zweiten fand meine Mutter zu altmodisch.

Worüber hast du zuletzt herzlich gelacht/bitterlich geweint?

Ich lache oft – geweint habe ich sehr als sich der von mir gerettete Hund aus Italien mit Schneckenkorn vergiftet hatte und ich ihn nicht retten konnte.

Was fällt dir leichter: Ankommen oder Aufbrechen?

Ich breche schon gern auf, komme aber auch gern wieder (zu Hause) an.

Wovon lebst du?

Von Dingen, die mir Spaß machen.

F wie Kraft, F wie …?

Freude, Fordern, Finden, Feiern…

Was findet man in deiner Tasche?

Nichts, weil viel zu viel drin ist ;+))

Wie lebst du in 10 Jahren?

Hoffentlich gesund und munter auf dieser Welt.

Hast du einen Plan B?

Bier trinken und überlegen, wie es gehen kann.

Welches Buch liegt neben deinem Bett?

Im Moment: „Athiopische Märchen“

Wo fühlst du dich am Lebendigsten?

Wenn ich eine schwierige Aufgabe gemeistert habe, von der ich vorher dachte dass das nie gelingt.

Wovon hast du als Letztes geträumt?

Geheimnis

Warum engagierst du dich für das Frauen.Wahl.LOKAL Oberlausitz?

Weil es wichtig ist und weil es Spaß macht.

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